Das Vergißmeinnicht

[39] Sinniges Blümchen,

Blaues Vergißmeinnicht,

Entpflückt dem leise

Murmelnden Bach

Von Mädchenhand,

Tränenbetaut

Unterm Abschiedskuß

Dem scheidenden

Liebsten gegeben, –

Hast eine Seele du?

Riß die Holde

Grausam

Dich aus bachumrieseltem

Blumenleben?

Fühltest du schmerzlich

Die pflückende Hand?

Starbest du

Von nährender Wurzel

Geknickt?

Himmelblau,

Wie zuvor,

Noch schimmert dein Aug'! – – –
[39]

In ein Wasserglas

Stellt dich der Knabe,

Kaum daß er das Ränzel

An den Nagel gehängt:


Und frisch bleibst du,

Blühend

Als wenn noch

Wurzelnd du ständest im Bach.


Oft zur Sehnsuchtsstunde

Der Dämmerung

Nimmt er dich aus dem Glase,

Betrachtet dich innig,

Liebesbote du,

Von ihrer Hand

Mit Tränen benetzt,

Gewandert in seine. – – – –


Die Linke im braunen Gelock,

Ans Fenster sich lehnend,

So sieht er mit sehnendem Blick

Hinaus in die Gegend,

Wo weit dahinten

Sein Liebchen weilt.

Seine Gedanken gehen

Weit die Giebel hinüber,

Die Türme und Mauern der Stadt

Weit, weit hinweg,

Bis wo in stiller Kammer

Ein Mägdlein steht am Fenster,

Und Tränen der Wehmut

Im Auge

Ins blassende Abendrot sieht ...

Jetzt, Vergißmeinnicht,

Streift dich sein Auge,[40]

Er küßt anstatt der lieben

Geberin dich.

Fühltest du seinen Kuß,

Blume der Treue,

Zürnst du der Maid,

Daß dein Leben sie kürzte,

Das nun bald welkende?

Oder lispelst

Ihre Mahnung

Dem Jüngling zu,

Ihr Tränenwort:

»Vergiß nicht mein!«


Quelle:
Peter Hille: Gesammelte Werke. Berlin 1916, S. 39-41.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Angelus Silesius

Cherubinischer Wandersmann

Cherubinischer Wandersmann

Nach dem Vorbild von Abraham von Franckenberg und Daniel Czepko schreibt Angelus Silesius seine berühmten Epigramme, die er unter dem Titel »Cherubinischer Wandersmann« zusammenfasst und 1657 veröffentlicht. Das Unsagbare, den mystischen Weg zu Gott, in Worte zu fassen, ist das Anliegen seiner antithetisch pointierten Alexandriner Dichtung. »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.«

242 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon