Doge und Dogaresse

[445] Mit diesem Namen war in dem Katalog der Kunstwerke, die die Akademie der Künste zu Berlin im September 1816 ausstellte, ein Bild bezeichnet, daß der wackre, tüchtige C. Kolbe, Mitglied der Akademie, gemalt hatte und das[445] mit besonderm Zauber jeden anzog, so daß der Platz davor selten leer blieb. Ein Doge in reichen prächtigen Kleidern schreitet, die ebenso reich geschmückte Dogaresse an der Seite, auf einer Balustrade hervor, er ein Greis mit grauem Bart, sonderbar gemischte Züge, die bald auf Kraft, bald auf Schwäche, bald auf Stolz und Übermut, bald auf Gutmütigkeit deuten, im braunroten Gesicht; sie ein junges Weib, sehnsüchtige Trauer, träumerisches Verlangen im Blick, in der ganzen Haltung. Hinter ihnen eine ältliche Frau und ein Mann, der einen aufgespannten Sonnenschirm hält. Seitwärts an der Balustrade stößt ein junger Mensch in ein muschelförmig gewundenes Horn, und vor derselben im Meer liegt eine reich verzierte, mit der venetianischen Flagge geschmückte Gondel, auf der zwei Ruderer befindlich. Im Hintergrunde breitet sich das mit hundert und aber hundert Segeln bedeckte Meer aus, und man erblickt die Türme und Paläste des prächtigen Venedig, das aus den Fluten emporsteigt. Links unterscheidet man San Marco, rechts mehr im Vorgrunde San Giorgio Maggiore. In dem goldnen Rahmen des Bildes sind die Worte eingeschnitzt:


»Ah senza amare

Andare sul mare

Col sposo del mare

Non può consolare.«


»Ach! gebricht der Liebe Leben,

Kann auf hohem Meer zu schweben

Mit dem Gatten selbst des Meeres

Doch nicht Trost dem Herzen geben.«


Vor diesem Bilde entstand eines Tages ein unnützer Streit darüber, ob der Künstler durch das Bild nur ein Bild, das heißt, die durch die Verse hinlänglich angedeutete augenblickliche Situation eines alten abgelebten Mannes, der mit aller Pracht und Herrlichkeit nicht die Wünsche eines sehnsuchtsvollen Herzens zu befriedigen[446] vermag, oder eine wirkliche geschichtliche Begebenheit habe darstellen wollen. Des Geschwätzes müde, verließ einer nach dem andern den Platz, so daß zuletzt nur noch zwei der edlen Malerkunst gar holde Freunde übrigblieben. »Ich weiß nicht,« fing der eine an, »wie man sich selbst allen Genuß verderben mag mit dem ewigen Deuteln und Deuteln. Außerdem, daß ich ja genau zu ahnen glaube, was es mit diesem Dogen, mit dieser Dogaressa für eine Bewandtnis hat im Leben, so ergreift mich auch auf ganz besondere Weise der Schimmer des Reichtums und der Macht, der über das Ganze verbreitet ist. Sieh diese Flagge mit dem geflügelten Löwen, wie sie, der Welt gebietend, in den Lüften flattert – O herrliches Venedig!« Er fing an, Turandots Rätsel von dem adriatischen Löwen herzusagen: »Dimmi, qual sia quella terribil fera etc.« Kaum hatte er geendet, als eine wohltönende Männerstimme mit Kalafs Auflösung einfiel: »Tu quadrupede fera etc.« Von den Freunden unbemerkt, hatte sich hinter ihnen ein Mann hingestellt von hohem edlen Ansehen, den grauen Mantel malerisch über die Schulter geworfen, das Bild mit funkelnden Augen betrachtend. – Man geriet ins Gespräch und der Fremde sagte mit beinahe feierlichem Tone: »Es ist ein eignes Geheimnis, daß in dem Gemüt des Künstlers oft ein Bild aufgeht, dessen Gestalten, zuvor unkennbare körperlose, im leeren Luftraum treibende Nebel, eben in dem Gemüte des Künstlers erst sich zum Leben zu formen und ihre Heimat zu finden scheinen. Und plötzlich verknüpft sich das Bild mit der Vergangenheit oder auch wohl mit der Zukunft und stellt nur dar, was wirklich geschah oder geschehen wird. Kolbe mag vielleicht selbst noch nicht wissen, daß er auf dem Bilde dort niemanden anders darstellte, als den Dogen Marino Falieri und seine Gattin Annunziata.« – Der Fremde schwieg, aber beide Freunde drangen in ihn, dies Rätsel ihnen so zu lösen, wie das Rätsel vom adriatischen Löwen. Da sprach er: »Habt ihr Geduld, ihr neugierigen Herrn, so[447] will ich euch auf der Stelle mit Falieris Geschichte die Erklärung des Bildes geben. Aber habt ihr auch Geduld? – Ich werde sehr umständlich sein, denn anders mag ich nicht von Dingen reden, die mir so lebendig vor Augen stehen, als habe ich sie selbst erschaut. – Das kann auch wohl der Fall sein, denn jeder Historiker, wie ich nun einmal einer bin, ist ja eine Art redendes Gespenst aus der Vorzeit.«

Die Freunde traten mit dem Fremden in ein entferntes Zimmer, wo er ohne weitere Vorrede in folgender Art begann:

Vor gar langer Zeit und, irr' ich nicht, so war's im Monat August des Jahres Eintausenddreihundertundvierundfünfzig, als der tapfere genuesische Feldherr, Paganino Doria geheißen, die Venezianer aufs Haupt geschlagen und ihre Stadt Parenzo erstürmt hatte. Im Golf, dicht vor Venedig, kreuzten nun seine wohlbemannten Galeeren hin und her wie hungrige Raubtiere, die in unruhiger Gier auf und nieder rennen, spähend, wo die Beute am sichersten zu haschen; und Todesschrecken erfaßte Volk und Signorie. Alle Mannschaft, jeder, der nur vermochte die Arme zu rühren, griff zur Waffe oder zum Ruder. In dem Hafen von San Nicolo sammelte man die Haufen. Schiffe, Bäume wurden versenkt, Kett' an Kette geschlossen, um dem Feinde den Eingang zu sperren. Während hier in wildem Getümmel die Waffen klirrten, die Lasten in das schäumende Meer niederdonnerten, sah man auf dem Rialto die Agenten der Signorie, wie sie, den kalten Schweiß sich von der bleichen Stirn wegtrocknend, mit verstörtem Gesichte, mit heiserer Stimme Prozente über Prozente boten für bares Geld, denn auch daran mangelte es der bedrohten Republik. In dem unerforschlichen Ratschlusse der ewigen Macht lag es aber, daß gerade in dieser Zeit der höchsten Kümmernis und Not der bedrängten Herde der treue Hirte entrissen werden sollte. Ganz erdrückt von der Last des Ungemachs, starb der Doge Andrea Dandulo,[448] den das Volk sein liebes Gräfchen (il caro contino) nannte, weil er immer fromm und freundlich war und niemals über den Markusplatz schritt, ohne für jeden des Geldes oder des guten Rats Bedürftigen, für diesen Trost im Munde, für jenen Zechinen in der Tasche zu führen. Wie es denn nun geschieht, daß den vom Unglück Entmuteten jeder Schlag, sonst kaum gefühlt, doppelt schmerzlich trifft, so war denn auch das Volk, als die Glocken von San Marco in dumpfen schauerlichen Klängen den Tod des Herzogs verkündeten, ganz außer sich vor Jammer und Betrübnis. Nun sei ihre Stütze, ihre Hoffnung dahin, nun müßten sie die Nacken beugen dem genuesischen Joch, so schrien sie laut, unerachtet, was die eben nötigen kriegerischen Operationen betraf, der Verlust des Dandulo eben nicht so verderblich schien. Das gute Gräfchen lebte gerne in Ruhe und Frieden, es verfolgte lieber den wunderbaren Gang der Gestirne als die rätselhaften Verschlingungen der Staatsklugheit, es verstand sich besser darauf, am heiligen Osterfeste die Prozession zu ordnen als ein Kriegsheer zu führen. Nun kam es darauf an, einen Doge zu wählen, der, gleich begabt mit mutigem Feldherrnsinn und tüchtiger Staatsklugheit, das in seinen Grundfesten erschütterte Venedig rette von der bedrohlichen Gewalt des immer kühneren Feindes. Die Senatoren versammelten sich, aber da sah man nichts als trübe Gesichter, starre Blicke, zu Boden gesenkte, in die Hand gestützte Häupter. Wo einen Mann finden, der jetzt mit kräftiger Hand das lose Steuer zu ergreifen und richtig zu lenken vermag? Der älteste Rat, Marino Bodoeri geheißen, erhob endlich seine Stimme. »Hier um uns, unter uns,« so sprach er, »hier werdet ihr ihn nicht finden, aber richtet eure Blicke nach Avignon, auf Marino Falieri, den wir hinschickten, um dem Papste Innozenz Glück zu wünschen zu seiner Erhebung, der kann jetzt was Besseres tun, der vermag es, wählen wir ihn zum Doge, allem Ungemach zu steuern. Ihr werdet einwenden, daß dieser Marino Falieri schon an[449] die achtzig Jahre alt ist, daß Haupthaar und Bart reines Silber geworden, daß sein muntres Ansehen, sein brennendes Auge, das Glührot auf Nase und Wangen, wie Verleumder wollen, mehr dem guten Cyperwein als innerer Kraft zuzuschreiben ist, aber achtet das nicht. Erinnert euch, welche glänzende Tapferkeit dieser Marino Falieri als Proveditor der Flotte auf dem Schwarzen Meere zeigte, bedenkt, welche Verdienste es sein mußten, die die Prokuratoren von San Marco bewegen konnten, diesen Falieri mit der reichen Grafschaft Valdemarino zu belehnen?« – So strich Bodoeri Falieris Verdienste wacker heraus und wußte jedem Einwand im voraus zu begegnen, bis endlich alle Stimmen sich zu Falieris Wahl einten. Mancher sprach zwar noch viel von Falieris aufbrausendem Zorn, von seiner Herrschsucht, seinem Eigenwillen, aber da hieß es: »Ebendeshalb, weil das alles von dem Greise gewichen, wählen wir den Greis und nicht den Jüngling Falieri.« Derlei tadelnde Stimmen verhallten nun auch vollends, als das Volk die Wahl des neuen Doge erfuhr und ausbrach in ungemessenen ausgelassenen Jubel. Weiß man nicht, daß in solch gefahrvoller Zeit, in solcher Unruhe und Spannung jeder Entschluß, ist es nur wirklich einer, wie eine Eingebung des Himmels erscheint? – So geschah es, daß das gute Gräfchen mit all seiner Frömmigkeit und Milde rein vergessen war, und daß jeder rief: »Beim heiligen Markus, dieser Marino hätte längst unser Doge sein sollen, und der übermütige Doria säße uns nicht in den Rippen!« – Und verkrüppelte Soldaten streckten mühsam die lahmen Arme hoch aus in die Lüfte und schrien: »Das ist der Falieri, der den Morbassan schlug – der tapfere Heerführer, dessen siegreiche Flaggen im Schwarzen Meere wehten.« Und wo das Volk zusammenstand, erzählte einer von des alten Falieri Heldentaten und, als sei Doria schon geschlagen, erhallten die Lüfte von wildem Jubelgeschrei. Hiezu kam, daß Nicolo Pisani, der, mag der Himmel wissen warum, statt dem Doria zu begegnen, mit der Flotte[450] ruhig nach Sardinien gesegelt war, endlich zurückkehrte. Doria verließ den Golf, und was die Annäherung der Flotte des Pisani verursachte, wurde dem furchtbaren Namen: Marino Falieri zugeschrieben. Da ergriff Volk und Signorie eine Art fanatischer Verzückung über die glückliche Wahl, und man beschloß, damit das Außerordentliche geschehe, den neuerwählten Dogen wie den Himmelsboten, der Ehre, Sieg, die Fülle des Reichtums bringt, zu empfangen. Zwölf Edle, jeder von zahlreicher glänzender Dienerschaft umgeben, hatte die Signorie bis nach Verona geschickt, wo die Gesandten der Republik dem Falieri, sowie er angekommen, nochmals seine Erhebung zum Oberhaupt des Staats feierlich ankündeten. Fünfzehn reich verzierte Staatsbarken, vom Podesta von Chioggia unter den Befehlen seines eignen Sohnes Taddeo Giustiniani ausgerüstet, nahmen darauf in Chiozza den Dogen mit seinem Gefolge auf, der nun wie im Triumphzuge des mächtigsten siegreichsten Monarchen nach St. Clemens ging, wo ihn der Bucentoro erwartete.

Gerade in diesem Augenblick, als nämlich Marino Falieri den Bucentoro zu besteigen im Begriff stand, und das war am dritten Oktober abends, da schon die Sonne zu sinken begann, lag vor den Säulen der Dogana, auf dem harten Marmorpflaster ausgestreckt, ein armer unglücklicher Mensch. Einige Lumpen gestreifter Leinwand, deren Farbe nicht mehr kenntlich und die sonst einem Schifferkleide, wie das gemeinste Volk der Lastträger und Ruderknechte es trägt, angehört zu haben schienen, hingen um den abgemagerten Körper. Von Hemde war nichts mehr zu sehen als die eigne Haut des Armen, die überall durchblickte, aber so weiß und zart war, daß sie der Edelsten einer ohne Scheu und Scham hätte tragen können. So zeigte auch die Magerkeit nur desto besser das reinste Ebenmaß der wohlgebauten Glieder, und betrachtete man nun vollends die hellkastanienbraune Locken, die zerzaust und verworren die schönste Stirn umschatteten, die blauen, nur[451] von trostlosem Elend verdüsterten Augen, die Adlernase, den feingeformten Mund des Unglücklichen, der höchstens zwanzig Jahre zu zählen schien, so war es gewiß, daß irgendein feindseliges Schicksal den Fremdling von guter Geburt in die unterste Klasse des Volks geschleudert haben mußte.

Wie gesagt, vor den Säulen der Dogana lag der Jüngling und starrte, den Kopf auf den rechten Arm gestützt, mit stierem gedankenlosen Blick ohne Regung und Bewegung hinein in das Meer. Man hätte denken sollen, das Leben sei von ihm gewichen, der Todeskampf habe ihn zur Bildsäule versteinert, hätte er nicht dann und wann tief, wie im unsäglichsten Schmerz aufgeseufzt. Das war denn nun wohl der Schmerz des linken Arms, den er ausgestreckt hatte auf dem Pflaster und der mit blutigen Lumpen umwickelt, schwer verwundet zu sein schien. –

Alle Arbeit ruhte, das Getöse des Gewerbes schwieg, ganz Venedig schwamm in tausend Barken und Gondeln dem hochgepriesenen Falieri entgegen. So kam es, daß auch der unglückliche junge Mensch in trostloser Hilflosigkeit seinen Schmerz verseufzte. Doch eben als sein mattes Haupt herabsank auf das Pflaster und er der Ohnmacht nahe schien, rief eine heisere Stimme recht kläglich mehrmals hintereinander: »Antonio – mein lieber Antonio!« – Antonio erhob sich endlich mühsam mit halbem Leibe, und indem er den Kopf nach den Säulen der Dogana, hinter denen die Stimme hervorzukommen schien, hin richtete, sprach er ganz matt und kaum vernehmbar: »Wer ist's, der mich ruft? – Wer kommt, meinen Leichnam ins Meer zu werfen, denn bald werde ich hier umgekommen sein!« – Da keuchte und hüstelte sich ein kleines steinaltes Mütterchen am Stabe heran zu dem wunden Jüngling, und indem sie neben ihm hinkauerte, brach sie aus in ein widriges Kichern und Lachen. »Töricht Kind,« so lispelte dann die Alte, »töricht Kind, willst hier umkommen – willst hier sterben, weil das goldne Glück dir[452] aufgeht? – Schau' nur hin, schau' nur hin dort im Abend die lodernden Flammen, das sind Zechinen für dich. – Aber du mußt essen, lieber Antonio, essen und trinken, denn der Hunger nur ist es, der dich zu Boden geworfen hat hier auf dem kalten Pflaster! – Der Arm ist schon heil, schon wieder heil!« – Antonio erkannte in dem alten Mütterchen das seltsame Bettelweib, das auf den Stufen der Franziskanerkirche die Andächtigen, immer kichernd und lachend, um Almosen anzusprechen pflegte, und der er manchmal, von innerm unerklärlichem Hange getrieben, einen sauer verdienten Quattrino, den er selbst nicht übrig, hingeworfen. »Laß mich in Ruhe,« sprach er, »laß mich in Ruhe, altes wahnsinniges Weib, wohl ist es der Hunger mehr als die Wunde, der mich kraftlos und elend macht, seit drei Tagen hab' ich keinen Quattrino verdient. Hinüber wollt' ich nach dem Kloster und sehen ein paar Löffel Krankensuppe zu erhaschen, aber alle Kameraden sind fort – keiner, der mich aus Barmherzigkeit aufnimmt in die Barke, und da bin ich hier umgesunken und werde wohl niemals wieder aufstehen.« »Hi hi hi hi,« kicherte die Alte, »warum gleich verzweifeln? warum gleich verzagen? du bist durstig, du bist hungrig, dafür hab' ich Rat. Hier sind schöne gedörrte Fischlein, erst heute auf der Zecca eingekauft, hier ist Limoniensaft, hier ein artig weißes Brötlein, iß und trinke, mein Söhnlein, dann wollen wir nach dem wunden Arm schauen.« Die Alte hatte in der Tat aus dem Sack, der ihr wie eine Kapuze auf dem Rücken hing und hoch hinüberragte über das gebückte Haupt, Fische, Brot und Limoniensaft hervorgeholt. Sowie Antonio nur die brennenden verschrumpften Lippen genetzt hatte mit dem kühlen Getränke, erwachte der Hunger mit doppelter Gewalt, und er verschlang gierig Fische und Brot. Die Alte war indessen drüber her, ihm die Lumpen von dem wunden Arm abzuwickeln, und da fand es sich denn, daß der Arm zwar hart zerschlagen, die Wunde aber schon in voller Heilung war. Indem nun die Alte[453] eine Salbe, die in einem kleinen Büchschen befindlich und die sie mit dem Hauch des Mundes erwärmt, darauf strich, frug sie: »Aber wer hat dich denn so arg geschlagen, mein armes Söhnlein?« Antonio, ganz erquickt, von neuem Lebensfeuer durchglüht, hatte sich ganz aufgerichtet; mit blitzenden Augen die geballte Rechte erhoben, rief er: »Ha! – Nicolo, der Spitzbube, der wollte mich lahm schlagen, weil er mich um jeden elenden Quattrino beneidet, den mir eine wohltätige Hand zuwirft! Du weißt, Alte, daß ich mühsam mein Leben dadurch erhielt, daß ich die Lasten aus den Schiffen und Barken in das Kaufhaus der Deutschen, in den sogenannten Fontego (du kennst es ja wohl, das Gebäude), schleppen half.« – Sowie Antonio das Wort »Fontego« aussprach, kicherte und lachte die Alte recht abscheulich auf und plapperte immerfort: »Fontego – Fontego – Fontego«. – »Laß dein tolles Lachen, Alte, wenn ich erzählen soll,« rief Antonio erzürnt; da wurde die Alte gleich still, und Antonio fuhr fort: »Nun hatte ich einige Quattrinos verdient, mir ein neues Wams gekauft, sah ganz stattlich aus und kam in die Zahl der Gondolieres. Weil ich immer frohen Mutes war, wacker arbeitete und manch schönes Lied wußte, verdiente ich manchen Quattrino mehr als die andern. Aber da erwachte der Neid unter den Kameraden. Sie verschwärzten mich bei meinem Herrn, der mich fortjagte, überall, wo ich ging und stand, riefen sie mir nach: ›Deutscher Hund! verfluchter Ketzer!‹ und vor drei Tagen, als ich bei San Sebastian eine Barke ans Land rollen half, überfielen sie mich mit Steinwürfen und Prügeln. Wacker wehrte ich mich meiner Haut, aber da traf mich der tückische Nicolo mit einem Ruderschlage, der, mein Haupt streifend und den Arm schwer verletzend, mich zu Boden warf. – Nun, du hast mich satt gemacht, Alte, und in der Tat fühle ich, daß deine Salbe meinem wunden Arm auf wunderbare Weise wohltut. Sieh nur, wie ich den Arm schon zu schwingen vermag – nun will ich wieder tapfer rudern!« Antonio[454] war vom Boden aufgestanden und schwang den wunden Arm kräftig hin und her, aber die Alte kicherte und lachte wieder laut auf und rief, indem sie ganz wunderlich, wie in kurzen Sprüngen tänzelnd, hin und her trippelte: »Söhnlein, Söhnlein, mein Söhnlein, rudere tapfer – tapfer – er kommt – er kommt, das Gold glüht in lichten Flammen, rudere tapfer, tapfer! – aber nur noch einmal, nur noch einmal! – dann nicht wieder!«

Antonio achtete nicht auf der Alten Beginnen, denn vor ihm hatte sich das allerherrlichste Schauspiel aufgetan. Von San Clemens her schwamm der Bucentoro, den adriatischen Löwen in der flatternden Flagge, mit tönendem Ruderschlage daher wie ein kräftigbeschwingter goldner Schwan. Umringt von tausend Barken und Gondeln, schien er, sein fürstlich kühnes Haupt erhoben, zu gebieten über ein jubelndes Heer, das mit glänzenden Häuptern aufgetaucht war aus dem tiefen Meeresgrunde. Die Abendsonne warf ihre glühenden Strahlen über das Meer, über Venedig hin, so, daß alles in lodernden Flammen stand; aber wie Antonio in Vergessenheit alles Kummers ganz entzückt hinschaute, wurde der Schein immer blutiger und blutiger. Ein dumpfes Sausen ging durch die Lüfte, und wie ein furchtbares Echo hallte es wider aus der Tiefe des Meers. Der Sturm kam dahergefahren auf schwarzen Wolken und hüllte alles in dicke Finsternis ein, während aus dem brausenden Meere höher und höher die Wellen wie zischende schäumende Ungeheuer emporstiegen und alles zu verschlingen drohten. Gleich zerstäubtem Gefieder sah man Gondeln und Barken hier und dort auf dem Meere treiben. Der Bucentoro, mit seinem flachen Boden unfähig, dem Sturme zu widerstehen, schwankte hin und her. Statt des fröhlichen Jubels der Zinken und Trompeten hörte man durch den Sturm das Angstgeschrei der Bedrängten.

Erstarrt schaute Antonio hin, dicht vor ihm rasselte es wie mit Ketten, er schaute hinab, ein kleiner Kahn, der[455] an die Mauer angekettet, wurde von den Wellen geschaukelt, da fiel es wie ein Blitzstrahl in seine Seele. Er sprang in den Kahn, machte ihn frei, ergriff das Ruder, das er darinnen fand und stach kühn und mutvoll hinaus in die See, geradezu auf den Bucentoro. Je näher er kam, desto deutlicher vernahm er das Hilfsgeschrei auf dem Bucentoro: »Hinan! – hinan! – rettet den Doge! rettet den Doge!« – Es ist bekannt, daß kleine Fischerkähne im Golf, wenn er stürmt, gerade sicherer sind und besser zu handhaben als größere Barken, und so kam es denn, daß dergleichen von allen Seiten herbeieilten, um das teure Haupt des würdigen Marino Falieri zu retten. Aber im Leben geschieht es ja immer, daß die ewige Macht nur einem das tüchtige Gelingen einer kühnen Tat als sein Eigen zugeteilt hat, so daß alle andere sich ganz vergebens darum bemühen. So war es diesmal der arme Antonio, dem die Rettung des neuerwählten Doge zugedacht war, und deshalb gelang es ihm ganz allein, sich mit seinem kleinen geringen Fischerkahn glücklich hinanzuarbeiten an den Bucentoro. Der alte Marino Falieri, mit solcher Gefahr vertraut, stieg, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, rüstig heraus aus dem prächtigen, aber verräterischen Bucentoro und hinein in den kleinen Kahn des armen Antonio, der ihn, über die brausenden Wellen leicht weggleitend wie ein Delphin, in wenigen Minuten hinüberruderte nach dem Platze des heiligen Markus. Mit durchnäßten Kleidern, große Meerestropfen im grauen Bart, führte man den Alten in die Kirche, wo der Adel mit verbleichten Gesichtern die Zeremonien des Einzuges beendete. Das Volk, ebenso wie die Signorie bestürzt über die Unfälle des Einzuges, zu denen es auch rechnete, daß der Doge in der Eil' und Verwirrung durch die zwei Säulen geführt worden, wo gewöhnliche Missetäter hingerichtet zu werden pflegen, verstummte mitten im Jubel, und so endete der festlich begonnene Tag traurig und düster.

An den Retter des Doge schien niemand zu denken, und[456] Antonio selbst dachte nicht daran, sondern lag todmüde, halb ohnmächtig von Schmerz, den ihm die neuaufgereizte Wunde verursachte, in dem Säulengange des herzoglichen Palastes. Desto verwunderlicher war es ihm, als, da beinahe die Nacht eingebrochen, ein herzoglicher Trabant ihn bei den Schultern packte und mit den Worten: »Komm guter Freund«, in den Palast und in die Zimmer des Doge hineinstieß. Der Alte kam ihm freundlich entgegen und sprach, indem er auf ein paar Beutel wies, die auf dem Tische lagen: »Du hast dich wacker gehalten, mein guter Sohn, hier! – nimm diese dreitausend Zechinen, willst du mehr, so fordere, aber erzeige mir den Gefallen und lasse dich nie mehr vor meinem Angesicht sehen.« Bei den letzten Worten blitzten Funken aus den Augen des Alten, und die Nasenspitze rötete sich höher. Antonio wußte nicht, was der Alte wollte, ließ sich das auch gar nicht zu Herzen gehn, sondern lastete mit Mühe die Beutel auf, die er mit Fug und Recht verdient zu haben glaubte.

Leuchtend im Glanz der neuerlangten Herrschaft, sah andern Morgens der alte Falieri aus den hohen Bogenfenstern des Palastes herab auf das Volk, das sich unter ihm in allerlei Waffenübungen lustig tummelte. Da trat Bodoeri, seit den Jünglingsjahren in unwandelbarer Freundschaft mit dem Dogen fest verkettet, ins Gemach, und als nun dieser, ganz versunken in sich und seine Würde, ihn gar nicht zu bemerken schien, schlug er die Hände zusammen und rief laut lachend aus: »Ei Falieri, welche erhabene Gedanken mögen brüten und gedeihen in deinem Kopfe seit dem Augenblicke, daß die krumme Mütze darauf sitzt?« – Falieri, wie aus einem Traum erwachend, kam dem Alten mit erzwungener Freundlichkeit entgegen. Er fühlte, daß es doch eigentlich Bodoeri war, dem er die Mütze zu verdanken, und jene Rede schien ihn daran zu mahnen. Da nun aber jede Verpflichtung sein stolzes herrschsüchtiges Gemüt wie eine Last drückte und er den ältesten Rat, den bewährten Freund nicht abfertigen konnte[457] wie den armen Antonio, so zwang er sich einige Worte des Dankes ab und fing dann gleich an, von den Maßregeln zu sprechen, die jetzt den überall sich regenden Feinden entgegengestellt werden müßten. »Das,« fiel ihm Bodoeri mit schlauem Lächeln in die Rede, »das und alles übrige, was sonst noch der Staat von dir fordert, wollen wir nach ein paar Stunden im versammelten großen Rat reiflich erwägen und überlegen. Nicht darum bin ich so früh gekommen, um mit dir die Mittel aufzufinden, wie man den kecken Doria schlägt oder wie man den ungarischen Ludwig, dem es wieder nach unsern dalmatischen Seestädten gelüstet, zur Vernunft bringt. Nein, Marino, nur an dich selbst hab' ich gedacht und zwar, was du vielleicht nicht raten würdest, an deine Vermählung.« »Wie konntest du,« erwiderte der Doge, indem er ganz verdrießlich aufstand und, dem Bodoeri den Rücken gewendet, hinausschaute durch das Fenster, – »wie konntest du nur daran denken? Noch lange ist's hin bis zum Himmelfahrtstage. Dann, hoff' ich, soll der Feind geschlagen, Sieg, Ehre, neuer Reichtum, glänzendere Macht dem meergebornen adriatischen Löwen erworben sein. Die keusche Braut soll den Bräutigam ihrer würdig finden.« »Ach,« fiel ihm Bodoeri ungeduldig in die Rede, »ach, du sprichst von der seltsamen Feierlichkeit am Himmelfahrtstage, wenn du, den goldnen Ring vom Bucentoro hinabschleudernd in die Wellen, dich zu vermählen gedenkst mit dem Adriatischen Meer. Du, Marino, du, dem Meer Verwandter, kennst du denn keine andere Braut als das kalte, feuchte verräterische Element, dem du zu gebieten wähnst, und das erst gestern gar bedrohlich sich gegen dich auflehnte? – Ei, wie magst du liegen wollen in den Armen einer solchen Braut, die, ein eigensinnig tolles Ding, gleich, als du, auf dem Bucentoro dahergleitend, ihr nur die bläulich gefrornen Wangen streicheltest, zankte und tobte. Reicht denn ein ganzer Vesuv voll Glut dazu hin, den eisigen Busen eines falschen Weibes zu erwärmen, die, in steter[458] Treulosigkeit immer und immer sich neu vermählend, die Ringe nicht empfängt als teures Liebespfand, sondern hinabreißt den Tribut der Sklaven? Nein, Marino, ich gedachte, daß du dich vermählen solltest mit dem schönsten Erdenkinde, das nur zu finden.« »Du faselst,« murmelte Falieri, ohne sich vom Fenster wegzuwenden, »du faselst Alter. Ich, ein achtzigjähriger Greis, belastet mit Mühe und Arbeit, niemals verheiratet gewesen, kaum mehr fähig zu lieben.« – »Halt ein,« rief Bodoeri, »lästere dich nicht selbst. – Streckt nicht der Winter, so rauh und kalt, als er auch sein mag, doch nicht zuletzt voll Sehnsucht die Arme aus nach der holden Göttin, die ihm entgegenzieht, von lauen Westwinden getragen? – Und wenn er sie dann an den erstarrten Busen drückt, wenn sanfte Glut seine Adern durchrinnt, wo bleibt da Eis und Schnee! Du sagst, du seist an die achtzig Jahre alt, das ist wahr, aber berechnest du das Greistum denn bloß nach den Jahren? – Trägst du dein Haupt nicht so aufrecht, gehst du nicht mit solchem festen Schritt einher wie vor vierzig Sommern? Oder fühlst du vielleicht doch, daß deine Kraft abgenommen, daß du ein geringeres Schwert tragen mußt, daß du im raschen Gange ermattest, daß du die Treppen des herzoglichen Palastes heraufkeuchst?« – »Nein, beim Himmel!« unterbrach Falieri den Freund, indem er mit rascher heftiger Bewegung vom Fenster weg und auf ihn zutrat, »nein, beim Himmel! von dem allem spüre ich nichts.« – »Nun dann«, fuhr Bodoeri fort, »so genieße als Greis mit allen Zügen alles Erdenglück, was dir noch zugedacht. Erhebe das Weib, das ich für dich wählte, zur Dogaressa, und die Frauen von Venedig werden, was Schönheit und Tugend betrifft, so gut in ihr die erste anerkennen müssen, als die Venezianer in dir ihr Oberhaupt an Tapferkeit, Geist und Kraft.« Bodoeri fing nun an, das Bild eines Weibes zu entwerfen und wußte die Farben so geschickt zu mischen und so lebendig aufzutragen, daß des alten Falieri Augen blitzten, daß er im ganzen Gesicht röter und röter wurde,[459] daß die Lippen sich spitzten und schmatzten, als genösse er ein Gläslein feurigen Syrakuser nach dem andern. »Ei,« sprach er endlich schmunzelnd, »ei, was ist denn das für ein Ausbund von Liebreiz, von dem du sprichst?« – »Kein anderes Weib«, erwiderte Bodoeri, »kein anderes Weib meine ich, als mein liebes Nichtchen.« »Was,« fiel ihm Falieri in die Rede, »deine Nichte? Die wurde ja, als ich Podesta von Treviso war, an Bertuccio Nenolo verheiratet?« »Ei,« sprach Bodoeri weiter, »du denkst an meine Nichte Franzeska, und deren Töchterlein ist es, die ich dir zugedacht. Du weißt, daß den wilden barschen Nenolo der Krieg ins Meer verlockte. Franzeska, voller Gram und Schmerz, begrub sich in ein römisches Kloster, so ließ ich die kleine Annunziata erziehen in tiefer Einsamkeit auf meiner Villa in Treviso.« – »Was,« unterbrach Falieri den Alten voller Ungeduld aufs neue, »was, die Tochter deiner Nichte soll ich zu meiner Gemahlin erheben? – Wie lange ist's, daß Nenolo sich vermählte? – Annunziata muß ein Kind sein von höchstens zehn Jahren. Als ich Podesta von Treviso wurde, war an Nenolos Vermählung noch nicht zu denken, und das sind« – »25 Jahre her,« fiel Bodoeri ihm lachend in die Rede, »ei! wie magst du dich so verrechnen in der Zeit, die dir schnell vergangen. Annunziata ist ein Mädchen von 19 Jahren, schön wie die Sonne, sittsam, demütig, in der Liebe unerfahren, denn sie sah kaum einen Mann. Sie wird dir anhängen mit kindlicher Liebe und anspruchloser Ergebenheit.« »Ich will sie sehen, ich will sie sehen«, rief der Doge, dem das Bild, das Bodoeri von der schönen Annunziata entworfen, wieder vor Augen kam. Sein Wunsch wurde selbigen Tages erfüllt, denn kaum als er aus dem großen Rat in seine Gemächer zurückgekehrt war, führte ihm der schlaue Bodoeri, der mancherlei Ursachen haben mochte, seine Nichte als Dogaressa an Falieris Seite zu sehen, die holde Annunziata ganz heimlich zu. Als nun der alte Falieri das Engelskind erblickte, war er ganz bestürzt über das Wunder von Schönheit[460] und vermochte kaum, unverständliche Worte stammelnd, um sie zu werben. Annunziata, wohl von Bodoeri schon unterrichtet, sank, hohe Röte auf den Wangen, nieder vor dem fürstlichen Greise. Sie ergriff seine Hand, die sie an die Lippen drückte, und lispelte leise: »O Herr, wollt Ihr mich denn würdigen, Euch zur Seite den fürstlichen Thron zu besteigen? – Nun, so will ich Euch aus dem Grunde meiner Seele verehren und Eure treue Magd sein bis zum letzten Atemzuge.« Der alte Falieri war außer sich vor Wonne und Entzücken. Als Annunziata seine Hand ergriff, fühlt' er es durch alle Glieder zucken, und dann begann er dermaßen mit dem Kopfe, mit dem ganzen Leibe zu wackeln und zu zittern, daß er nur ganz geschwinde sich in den großen Lehnstuhl setzen mußte. Es schien, als solle Bodoeris gute Meinung von dem kräftigen Alter der achtziger Jahre widerlegt werden. Der konnte freilich ein seltsames Lächeln, das um seine Lippen zuckte, nicht unterdrücken, die unschuldige unbefangene Annunziata bemerkte nichts, und sonst war zum Glück niemand zugegen. – Mocht' es sein, daß der alte Falieri, dacht' er daran, sich dem Volke als Bräutigam eines neunzehnjährigen Mädchens zu zeigen, das Unbequeme dieser Lage fühlte, daß sogar eine Ahnung in ihm sich regte, daß man die zum Spott geneigten Venezianer dazu eben nicht aufreizen dürfe und daß es besser sei, den kritischen Zeitpunkt des Bräutigamsstandes ganz zu verschweigen, genug, mit Bodoeris Übereinstimmung wurde beschlossen, daß die Trauung in der größten Heimlichkeit vollzogen und dann einige Tage darauf die Dogaressa als mit Falieri längst vermählt und als sei sie eben aus Treviso angekommen, wo sie sich während Falieris Sendung nach Avignon aufgehalten, der Signorie und dem Volk vorgestellt werden sollte.

Richten wir unsern Blick auf jenen sauber gekleideten bildschönen Jüngling, der, den Beutel mit Zechinen in der Hand, den Rialto auf- und abgeht, mit Juden, Türken,[461] Armeniern, Griechen spricht, die verdüsterte Stirn wieder abwendet, weiter schreitet, stehen bleibt, wieder umkehrt und endlich sich nach dem Markusplatz gondeln läßt, wo er mit ungewissem zaudernden Schritt, die Arme übereinandergeschlagen, den Blick zur Erde gesenkt, auf- und abwandelt und nicht bemerkt, nicht ahnt, daß manches Flüstern, manches Räuspern aus diesem, jenem Fenster, von diesem, jenem reich behängten Balkon herab, Liebeszeichen sind, die ihm gelten. Wer würde in diesem Jünglinge so leicht den Antonio erkennen, der noch vor wenigen Tagen zerlumpt, arm und elend auf dem Marmorpflaster vor der Dogana lag! »Söhnlein, mein goldnes Söhnlein Antonio, guten Tag! – guten Tag!« So rief ihm das alte Bettelweib entgegen, die auf den Stufen der Markuskirche saß und bei der er vorüberschreiten wollte, ohne sie zu sehen. Sowie er, sich rasch umwendend, die Alte erblickte, griff er in den Beutel und holte eine Handvoll Zechinen heraus, die er ihr zuwerfen wollte. »O laß doch dein Gold stecken,« kicherte und lachte die Alte, »was soll ich denn mit deinem Golde anfangen, bin ich denn nicht reich genug? – Aber wenn du mir Gutes tun willst, so laß mir eine neue Kapuze machen, denn die, die ich trage, will nicht mehr halten gegen Wind und Wetter! – Ja, das tue, mein Söhnlein, mein goldnes Söhnlein – aber bleib weg vom Fontego – vom Fontego« – Antonio starrte der Alten ins bleichgelbe Antlitz, in dem die tiefen Furchen auf seltsame grauliche Weise zuckten, und als sie nun die dürren Knochenhände klappernd zusammenschlug und mit heulender Stimme und widrigem Kichern fortplapperte: »Bleib weg vom Fontego!« da rief Antonio: »Kannst du denn niemals dein tolles wahnsinniges Treiben lassen, du – Hexenweib!« Sowie Antonio dies Wort aussprach, kugelte die Alte, wie vom Blitz getroffen, die hohen Marmorstufen herab. Antonio sprang hinzu, faßte die Alte mit beiden Händen und verhinderte den schweren Fall. »O mein Söhnlein,« sprach jetzt die Alte mit leiser kläglicher[462] Stimme, »o mein Söhnlein, was für ein entsetzliches Wort sprachst du aus! O töte mich lieber, als daß du dieses Wort noch einmal wiederholst. – Ach, du weißt nicht, wie schwer du mich verletzt hast, mich, die dich ja so getreulich im Herzen trägt – ach, du weißt nicht.« – Die Alte brach plötzlich ab, verhüllte ihr Haupt mit dem dunkelbraunen Tuchlappen, der ihr wie ein kurzes Mäntelchen um die Schultern hing und seufzte und wimmerte wie in tausend Schmerzen. Antonio fühlte sich im Innersten auf seltsame Weise bewegt, er faßte die Alte und trug sie hinauf bis in das Portal der Markuskirche, wo er sie auf eine Marmorbank, die dort befindlich, hinsetzte. »Du hast mir Gutes getan, Alte,« fing er dann an, nachdem er des Weibes Haupt befreit hatte von dem häßlichen Tuchlappen, »du hast mir Gutes getan, dir hab' ich eigentlich meinen ganzen Wohlstand zu verdanken, denn standest du mir nicht bei in der Todesnot, so läge ich längst im Meeresgrunde, ich rettete nicht den alten Dogen, ich erhielt nicht die wackern Zechinen. Aber selbst, hättest du das auch nicht getan, so fühle ich, daß ich doch mit ganz besonderer Neigung dir anhängen müßte mein Lebenlang, unerachtet du mir wieder mit deinem wahnsinnigen Treiben, wenn du so widerlich kicherst und lachst, oft inneres Grauen genug erregst. In der Tat, Alte, als ich noch mit Lasttragen und Rudern mühsam mein Leben fristete, da war mir es ja immer, als müsse ich schärfer arbeiten, nur um dir ein paar Quattrinos abgeben zu können.« »O mein Herzenssöhnlein, mein goldner Tonino,« rief die Alte, indem sie die verschrumpften Arme hoch empor hob, so daß ihr Stab klappernd auf den Marmor niederfiel und weit fortrollte, »o mein Tonino! ich weiß es ja, ich weiß es ja, daß du mir, stellst du dich auch an, wie du nur magst, mit ganzer Seele anhängen mußt, denn – doch still – still – still.« – Die Alte bückte sich mühsam herab nach ihrem Stabe; Antonio hob ihn auf und reichte ihn ihr hin. Das spitze Kinn auf den Stab gestützt, den starren Blick auf[463] den Boden gerichtet, sprach die Alte nun mit zurückgehaltener dumpfer Stimme: »Sage mir, mein Kind! magst du dich denn gar nicht der früheren Zeit erinnern, wie es ging, wie es war mit dir, ehe du hier, ein armer elender Mensch, kaum dein Leben fristen konntest?« Antonio seufzte tief auf, er nahm Platz neben der Alten und fing dann an: »Ach, Mutter, nur zu gut weiß ich, daß ich von Eltern geboren wurde, die in dem blühendsten Wohlstande lebten, aber, wer sie waren, wie ich von ihnen kam, nicht die leiseste Ahnung davon blieb und konnte davon in meiner Seele bleiben. Ich erinnere mich sehr gut eines großen schönen Mannes, der mich oft auf den Arm nahm, mich abherzte und mir Zuckerwerk in den Mund steckte. Ebenso gedenke ich einer freundlichen hübschen Frau, die mich aus- und anzog, mich jeden Abend in ein weiches Bettchen legte und mir überhaupt Gutes tat auf jede Weise. Beide sprachen mit mir in einer fremden volltönenden Sprache, und ich selbst lallte manches Wort in dieser Sprache ihnen nach. Als ich noch ruderte, pflegten meine feindlichen Kameraden immer zu sagen, ich müsse meiner Haare, meiner Augen, meines ganzen Körperbaues halber deutscher Abkunft sein. Das glaub' ich auch, jene Sprache meiner Pfleger (der Mann war gewiß mein Vater) war deutsch. Die lebhafteste Erinnerung jener Zeit ist das Schreckbild einer Nacht, in der ich durch ein entsetzliches Jammergeschrei aus tiefem Schlaf geweckt wurde. Man rannte im Hause umher, Türen wurden auf- und zugeschlagen, mir wurde unbeschreiblich bange, laut fing ich an zu weinen. Da stürzte die Frau, die mich pflegte, hinein, riß mich aus dem Bette, verstopfte mit den Mund, wickelte mich ein in Tücher und rannte mit mir von dannen. Seit diesem Augenblicke schweigt meine Erinnerung. Ich finde mich wieder in einem prächtigen Hause, das in der anmutigsten Gegend lag. Das Bild eines Mannes tritt hervor, den ich ›Vater‹ nannte, und der ein stattlicher Herr war von edlem und dabei gutmütigem Ansehen. Er sowie alle[464] im Hause sprachen italienisch. Mehrere Wochen hatte ich den Vater nicht gesehen, da kamen eines Tages fremde Leute von häßlichem Ansehen, die machten vielen Lärm im Hause und stöberten alles durch. Als sie mich erblickten, fragten sie, wer ich denn sei und was ich hier im Hause mache. – ›Ich bin ja Antonio, der Sohn vom Hause!‹ Als ich das erwiderte, lachten sie mir ins Gesicht, rissen mir die guten Kleider vom Leibe und stießen mich zum Hause hin aus, mit der Drohung, daß ich, wage ich es mich wieder zu zeigen, fortgeprügelt werden solle. Laut jammernd lief ich von dannen. Kaum hundert Schritte vom Hause trat mir ein alter Mann entgegen, in dem ich einen Diener meines Pflegevaters erkannte. ›Komm Antonio‹, rief er, indem er mich bei der Hand faßte; ›komm Antonio, armer Junge! für uns beide ist das Haus dort auf immer verschlossen. Wir müssen nun beide zusehen, wo wir ein Stück Brot finden.‹ Der Alte nahm mich mit hierher. Er war nicht so arm, als er seiner schlechten Kleidung nach zu sein schien. Kaum angekommen, sah ich, wie er die Zechinen aus dem zertrennten Wams hervorholte und, den ganzen Tag sich auf dem Rialto umhertreibend, bald den Unterhändler, bald den Handelsmann selbst machte. Ich mußte immer hinter ihm her sein, und er pflegte, hatte er den Handel gemacht, noch immer um eine Kleinigkeit für den figliuolo zu bitten. Jeder, dem ich recht dreist in die Augen sah, rückte noch gern einige Quattrinos heraus, die er mit vieler Behaglichkeit einsteckte, indem er, mir die Wangen streichelnd, versicherte, er sammle das alles für mich zum neuen Wams. Ich befand mich wohl bei dem Alten, den die Leute, ich weiß nicht warum, Väterchen Blaunas nannten. Doch das dauerte nicht lange. Du erinnerst dich, Alte, jener Schreckenszeit, als eines Tages die Erde zu beben begann, als, in den Grundfesten erschüttert, Türme und Paläste wankten, als, wie von unsichtbaren Riesenarmen gezogen, die Glocken läuteten. Es sind ja kaum sieben Jahre darüber vergangen. – Glücklich rettete[465] ich mich mit dem Alten aus dem Hause, das hinter uns zusammenstürzte. Alles Geschäft ruhte, auf dem Rialto lag alles in toter Betäubung. Aber mit diesem entsetzlichen Ereignis kündigte sich nur das herannahende Ungeheuer an, das bald seinen giftigen Atem aushauchte über Stadt und Land. Man wußte, daß die Pest, aus der Levante zuerst nach Sizilien gedrungen, schon in Toskana wütete. Noch war Venedig davon befreit. Da handelte eines Tages mein Väterchen Blaunas auf dem Rialto mit einem Armenier. Sie wurden handelseinig und schüttelten sich wacker die Hände. Mein Väterchen hatte einige gute Waren dem Armenier abgelassen um geringen Preis und forderte nun wie gewöhnlich die Kleinigkeit per il figliuolo. Der Armenier, ein großer starker Mann mit dickem krausem Bart (noch steht er vor mir) schaute mich an mit freundlichem Blick, dann küßte er mich und drückte mir ein paar Zechinen in die Hand, die ich hastig einsteckte. Wir gondelten nach San Marco. Unterweges forderte Väterchen mir die Zechinen ab, und ich weiß selbst nicht, wie ich darauf kam zu behaupten, daß ich sie mir selbst verwahren müsse, da der Armenier es so gewollt. Der Alte wurde verdrießlich, aber indem er mit mir zankte, bemerkte ich, daß sein Gesicht sich mit einer widerlichen erdgelben Farbe überzog, und daß er allerlei tolles unzusammenhängendes Zeug in seine Reden mischte. Auf dem Platz angekommen, taumelte er hin und her wie ein Betrunkener, bis er dicht vor dem herzoglichen Palast tot niederstürzte. Mit lautem Jammergeschrei warf ich mich auf den Leichnam. Das Volk rannte zusammen, aber sowie der fürchterliche Ruf: ›Die Pest – die Pest‹ erscholl, stäubte alles voll Entsetzen auseinander. In dem Augenblick ergriff mich eine dumpfe Betäubung, mir schwanden die Sinne. Als ich erwachte, fand ich mich in einem geräumigen Zimmer auf einer geringen Matratze, mit einem wollenen Tuche bedeckt. Um mich herum lagen auf ähnlichen Matratzen wohl zwanzig bis dreißig elende bleiche Gestalten. So wie ich später erfuhr,[466] hatten mich mitleidige Mönche, die gerade aus San Marco kamen, da sie Leben in mir verspürten, in eine Gondel bringen und nach der Giudekka in das Kloster San Giorgio Maggiore, wo die Benediktiner ein Hospital angelegt hatten, schaffen lassen. – Wie vermag ich dir denn, Alte, diesen Augenblick des Erwachens zu beschreiben! Die Wut der Krankheit hatte mir alle Erinnerung des Vergangenen gänzlich geraubt. Gleich als wäre in die todstarre Bildsäule plötzlich der Lebensfunken gefahren, gab es für mich nur augenblickliches Dasein, das sich an nichts knüpfte. Du kannst es dir denken, Alte, welchen Jammer, welche Trostlosigkeit dies Leben, nur ein im leeren Raum ohne Halt schwimmendes Bewußtsein zu nennen, über mich bringen mußte! – Die Mönche konnten mir nur sagen, daß man mich bei Väterchen Blaunas gefunden, für dessen Sohn ich allgemein gegolten. Nach und nach sammelten sich zwar meine Gedanken, und ich besann mich auf mein früheres Leben, aber was ich dir erzählte, Alte, das ist alles, was ich davon weiß, und das sind doch nur einzelne Bilder ohne Zusammenhang. Ach! dieses trostlose Alleinstehen in der Welt, das läßt mich zu keiner Fröhlichkeit kommen, so gut es mir nun auch gehen mag.« – »Tonino, mein lieber Tonino,« sprach die Alte, »begnüge dich mit dem, was dir die helle Gegenwart schenkt.« – »Schweig, Alte,« unterbrach sie Antonio, »schweig, noch etwas ist es, was mir mein Leben verkümmert, mich rastlos verfolgt, was mich über kurz oder lang rettungslos verderben wird. Ein unaussprechliches Verlangen, eine mein Innerstes verzehrende Sehnsucht nach einem Etwas, das ich nicht zu nennen, nicht zu denken vermag, hat, seitdem ich im Spital zum Leben erwachte, mein ganzes Wesen erfaßt. Wenn ich als ein Armer, Elender, ermüdet, zerschlagen von der mühseligen Arbeit, nachts auf dem harten Lager ruhte, dann kam der Traum und goß, mir in lindem Säuseln die heiße Stirn fächelnd, alle Seligkeit irgendeines glücklichen Moments,[467] in dem mir die ewige Macht die Wonne des Himmels ahnen ließ und dessen Bewußtsein tief in meiner Seele ruht, in mein Inneres. Jetzt ruhe ich auf weichen Kissen, und keine Arbeit verzehrt meine Kraft, aber erwache ich aus dem Traum oder kommt mir wachend das Bewußtsein jenes Moments in den Sinn, so fühle ich, daß mein armes verlassenes Dasein mir ja ebenso wie damals eine drückende Bürde ist, die abzuwerfen ich trachten möchte. Alles Sinnen, alles Forschen ist vergebens, ich kann es nicht ergründen, was mir früher im Leben so Hochherrliches geschah, dessen dunkler, ach mir unverständlicher Nachklang mich mit solcher Seligkeit erfüllt, aber wird diese Seligkeit nicht zum brennendsten Schmerz, der mich zu Tode foltert, wenn ich erkennen muß, daß alle Hoffnung verloren ist, jenes unbekannte Eden wiederzufinden, ja es nur zu suchen? Gibt es denn Spuren des spurlos Verschwundenen?« Antonio hielt inne, indem er aus tiefer Brust schwer aufseufzte. Die Alte hatte sich während seiner Erzählung gebärdet wie einer, der, ganz hingerissen von dem Leid des andern, alles selbst fühlt und jede Bewegung, die diesem der Schmerz abnötigt, wie ein Spiegel zurückgibt. »Tonino,« fing sie jetzt mit weinerlicher Stimme an, »mein lieber Tonino, darum willst du verzagen, weil dir im Leben etwas Hochherrliches begegnet ist, dessen Erinnerung dir erloschen? – Törichtes Kind, törichtes Kind – merk' auf – hi hi hi.« – Die Alte begann nach ihrer gewöhnlichen Weise widerlich zu kichern und zu lachen und auf dem Marmorboden herumzuhüpfen. – Leute kamen, die Alte kauerte nieder, man warf ihr Almosen zu. – »Antonio – Antonio, bring' mich fort – fort ans Meer!« So kreischte sie auf, Antonio wußte nicht, wie ihm geschah, beinahe willkürlos faßte er die Alte und führte sie über den Markusplatz langsam fort. Während sie gingen, murmelte die Alte leise und feierlich: »Antonio – siehst du wohl die dunklen Blutflecken hier auf dem Boden? – ja Blut – viel Blut, überall viel Blut! –[468] aber hi – hi – hi! – aus dem Blut entsprießen Rosen, schöne rote Rosen zum Kranze für dich – für dein Liebchen. – O du Herr des Lebens, welcher holde Engel des Lichts ist es denn – der dort so anmutig, so sternenklar lächelnd auf dich zuschreitet? – Die lilienweißen Arme breiten sich aus, um dich zu umarmen. O Antonio, hochbeglücktes Kind – halte dich wacker – halte dich wacker! – Und Myrten kannst du pflücken im süßen Abendrot, Myrten für die Braut, für die jungfräuliche Witwe – hi – hi – hi – Myrten, im Abendrot gepflückt, aber sie blühen erst um Mitternacht – hörst du wohl das Geflüster des Nachtwindes – das sehnsüchtig klagende Sausen des Meeres? – Rudere wacker zu, mein kühner Schiffer, rudere wacker zu.« – Antonio fühlte sich von tiefem Grauen erfaßt bei den wunderlichen Reden der Alten, die sie mit ganz seltsamer fremder Stimme unter beständigem Kichern hermurmelte. Sie waren an die Säule gekommen, die den adriatischen Löwen trägt. Die Alte wollte, immer weiter fortmurmelnd, vorüberschreiten, Antonio, von der Alten Betragen gepeinigt, von den Vorübergehenden ob seiner Dame verwunderlich angegafft, blieb aber stehen und sprach mit barschem Ton: »Hier – auf diese Stufen setz' dich hin, Alte, und halt ein mit deinen Reden, die mich toll machen könnten. Es ist wahr, du hast meine Zechinen in den Flammengebilden der Wolken gesehen, aber ebendeshalb – was schwatzest du von Engeln des Lichts – von Braut – jungfräulicher Witwe – von Rosen und Myrten? – willst du mich betören, entsetzliches Weib, daß irgendein wahnsinniges Streben mich in den Abgrund schleudert? Eine neue Kapuze sollst du haben, Brot – Zechinen – alles, was du willst, aber laß ab von mir.« – Antonio wollte rasch fort, allein die Alte ergriff ihn beim Mantel und rief mit schneidender Stimme: »Tonino – mein Tonino, sieh mich doch nur noch einmal recht an, sonst muß ich ja hin bis an den äußersten Rand des Platzes dort und mich trostlos hinabstürzen in das Meer.« – Antonio, um nicht noch[469] mehr Blicke auf sich zu ziehen, als sich auf ihn zu richten begannen, blieb wirklich stehen. »Tonino,« fuhr die Alte fort, »setze dich her zu mir, es drückt mir das Herz ab, ich muß dir es sagen – o setze dich her zu mir.« Antonio ließ sich auf die Stufen so nieder, daß er der Alten den Rücken zuwandte und zog sein Rechnungsbuch hervor, dessen weiße Blätter von dem Eifer zeugten, mit dem er seine Handelsgeschäfte auf dem Rialto betrieb. »Tonino,« lispelte nun die Alte ganz leise, »Tonino, wenn du so in mein verschrumpftes Antlitz schaust, dämmert denn gar keine leise Ahnung in deinem Innern auf, daß du mich wohl in früher, früher Zeit gekannt haben könntest!« »Ich sagte dir schon,« erwiderte Antonio ebenso leise und ohne sich umzuwenden, »ich sagte dir schon, Alte, daß ich auf eine mir unerklärliche Weise mich zu dir hingeneigt fühle, aber daran ist dein häßliches, verschrumpftes Gesicht nicht schuld. Schaue ich vielmehr deine seltsamen schwarzen, blitzenden Augen, deine spitze Nase, deine blauen Lippen, dein langes Kinn, dein struppiges eisgraues Haar an, hör' ich dein widriges Kichern und Lachen – deine verworrenen Reden – ei, so möcht' ich mit Abscheu mich von dir abwenden und gar glauben, irgend verruchte Mittel stünden dir zu Gebote, mich an dich zu locken.« »O Herr des Himmels,« heulte die Alte, von unsäglichem Schmerz erfaßt, »o Herr des Himmels, welcher böse höllische Geist gab dir solche entsetzliche Gedanken ein! O Tonino, mein süßer Tonino, das Weib, das dich als Kind so zärtlich hegte und pflegte, das dich in jener Schreckensnacht rettete aus dringender Todesgefahr, das Weib war ich.« Im plötzlichen Schreck der Überraschung drehte sich Antonio rasch um, aber wie er nun der Alten in das abscheuliche Gesicht starrte, rief er zornig: »So gedenkst du mich zu betören, altes verruchtes, wahnsinniges Weib? – Die wenigen Bilder, die aus meiner Kindheit mir geblieben, sind lebendig und frisch. Jene holde freundliche Frau, die mich pflegte, o ich sehe sie lebhaft vor Augen! – Sie hatte[470] ein volles, frisch gefärbtes Gesicht – mild blickende Augen – schönes dunkelbraunes Haupthaar – zierliche Hände – sie mochte kaum dreißig Jahre alt sein – und du? – ein neunzigjähriges Mütterchen« – »O all ihr Heiligen,« fiel die Alte ihm schluchzend in die Rede, »o all ihr Heiligen, wie beginn' ich es denn, daß mein Tonino an mich, an seine treue Margareta glaubt.« – »Margareta?« – murmelte Antonio, »Margareta? – Der Name fällt wie vor langer Zeit gehörte, längst vergessene Musik mir in die Ohren. – Aber es ist nicht möglich – es ist nicht möglich!« – »Wohl war,« fuhr die Alte ruhiger fort, indem sie gesenkten Blicks mit dem Stabe auf dem Boden hin- und herkritzelte, »wohl war der große schöne Mann, der dich auf den Arm nahm, dich abherzte und dir Zuckerwerk in den Mund steckte, wohl war das dein Vater, Tonino! wohl war es das herrliche volltönende Deutsch, was wir miteinander sprachen. Dein Vater war ein angesehener reicher Kaufmann in Augsburg. Sein schönes junges Weib starb ihm, als sie dich gebar. Da zog er, weil er sich selbst nicht dulden konnte an dem Ort, wo sein Liebstes begraben lag, hierher nach Venedig und nahm mich mit, mich, deine Amme, deine Pflegerin. In jener Nacht erlag dein Vater einem grausenden Schicksal, das auch dich bedrohte. Es gelang mir dich zu retten. Ein edler Venezianer nahm dich auf. Aller Hilfsmittel beraubt, mußt' ich in Venedig bleiben. Von Kindheit auf machte mich mein Vater, ein Wundarzt, dem man nachsagte, er treibe nebenher verbotene Wissenschaften, bekannt mit den geheimen Heilkräften der Natur. Von ihm lernte ich, durch Wald und Flur streifend, die Abzeichen manches heilbringenden Krauts, manches unscheinbaren Mooses, die Stunde, wenn es gepflückt, gelesen werden mußte, die verschiedene Mischung der Säfte kennen. Aber dieser Wissenschaft gesellte sich eine besondere Gabe bei, die der Himmel mir verlieh in unerforschlicher Absicht. – Wie in einem fernen dunklen Spiegel erschaue ich oft künftige Ereignisse,[471] und beinahe ohne eignen Willen, in mir oft selbst unverständlichen Redensarten das, was ich erschaut, auszusprechen, zwingt mich dann die unbekannte Macht, der ich nicht zu widerstehen vermag. – Als ich nun einsam, von aller Welt verlassen, zurückbleiben mußte in Venedig, gedachte ich durch meine erprobte Kunst mein Leben zu fristen. Ich heilte die bedenklichsten Übel in kurzer Zeit. Kam nun noch hinzu, daß meine Erscheinung auf die Kranken wohltuend wirkte, daß oft das sanfte Bestreichen mit meiner Hand in wenigen Augenblicken die Krisis löste, so könnt' es nicht fehlen, daß mein Ruf bald die Stadt durchdrang und mir die Fülle des Geldes zufloß. Da erwachte der Neid der Ärzte, der Ciarlatani, die auf dem Markusplatz, auf dem Rialto, auf der Zecca ihre Pillen, ihre Essenzen verkauften und die Kranken vergifteten, statt sie zu heilen. Ich stehe mit dem leidigen Satan im Bündnis, das sprengten sie aus und fanden Glauben bei dem abergläubischen Volk. Bald wurde ich verhaftet und vor das geistliche Gericht gestellt. O mein Tonino, mit welchen gräßlichen Martern suchte man mir das Geständnis des abscheulichsten Bündnisses zu erpressen. Ich blieb standhaft. Meine Haare verbleichten, mein Körper schrumpfte ein zur Mumie – Füße und Hände erlahmten. – Die entsetzlichste Folter, die sinnreichste Erfindung des höllischen Geistes, war noch übrig, die entlockte mir ein Geständnis, vor dem ich noch jetzt zusammenschaudre. Ich sollte verbrannt werden, als aber das Erdbeben die Grundmauern der Paläste, des großen Gefängnisses erschütterte, sprangen die Türen des unterirdischen Kerkers, in dem ich gefangen saß, von selbst auf, ich wankte wie aus tiefem Grabe durch Schutt und Trümmer hervor. Ach Tonino, du nanntest mich ein neunzigjähriges Mütterchen, da ich kaum über fünfzig Jahre alt. Dieser knochendürre Leib, dieses abscheulich verzogene Gesicht, dieses eisige Haar – diese erlahmten Füße – nein, nicht Jahre, nur unsägliche Martern konnten das kräftige Weib in[472] wenigen Monden umwandeln in ein Scheusal. – Und dieses widrige Kichern und Lachen – die letzte Folter, vor der sich noch meine Haare sträuben und mein ganzes Selbst entbrennt, wie im glühenden Panzer eingeschlossen, hat mir das ausgepreßt, und seit der Zeit überfällt mich es wie ein steter unbezwingbarer Krampf. Entsetze dich nun nicht mehr vor mir, mein Tonino! – Ach, dein Herz hat es dir ja doch gesagt, daß du, ein kleiner Knabe, an meinem Busen lagst.« – »Weib,« sprach Antonio dumpf und in sich gekehrt, »Weib, es ist mir so, als wenn ich dir glauben müßte. Aber wer war mein Vater? wie hieß er? welchem grausigen Schicksal mußte er erliegen in jener Schreckensnacht? – Wer war es, der mich aufnahm? und – was geschah in meinem Leben, das noch jetzt wie ein mächtiger Zauber aus fremder unbekannter Welt mein ganzes Selbst unwiderstehlich beherrscht, so daß alle meine Gedanken sich verlaufen wie in ein düstres nächtiges Meer? – Das alles sollst du mir sagen, du rätselhaftes Weib, dann werde ich dir glauben!« – »Tonino,« erwiderte die Alte seufzend, »dir zum Heil muß ich schweigen, aber bald, bald wird es an der Zeit sein. – Der Fontego, der Fontego – bleib weg vom Fontego!« – »O«, rief Antonio erzürnt, »deiner dunklen Worte bedarf es nicht mehr, mich mit verruchter Kunst zu verlocken. – Mein Inneres ist zerrissen du mußt sprechen oder« – »Halt ein,« unterbrach ihn die Alte, »keine Drohungen, – bin ich nicht deine treue Amme, deine Pflegerin!« – Ohne abzuwarten, was die Alte weiter sprechen wollte, raffte sich Antonio auf und rannte schnell von dannen. Aus der Ferne rief er dem Weibe zu: »Die neue Kapuze sollst du doch haben und Zechinen obendrein, so viel du willst.« – –

Es war in der Tat ein wunderlich Schauspiel, den alten Dogen Marino Falieri zu sehen mit seiner blutjungen Gattin. Er, zwar stark und robust genug, aber mit greisem Bart, tausend Runzeln im braunroten Gesicht, mit mühsam zurückgebogenem Nacken, pathetisch daherschreitend;[473] sie, die Anmut selbst, fromme Engelsmilde im himmlisch schönen Antlitz, unwiderstehlichen Zauber im sehnsüchtigen Blick, Hoheit und Würde auf der offnen lilienweißen, von dunklen Locken umschatteten Stirne, süßes Lächeln auf Wang' und Lippen, – das Köpfchen geneigt in holder Demut, den schlanken Leib leicht tragend – daherschwebend – ein herrliches Frauenbild, heimatlich in anderer höherer Welt. – Nun, ihr kennt wohl solche Engelsgestalten, wie sie die alten Maler zu erfassen und darzustellen wußten. – So war Annunziata. Konnt' es denn fehlen, daß jeder, der sie sah, in Erstaunen und Entzücken geriet, daß jeder feurige Jüngling von der Signorie aufloderte in hellen Flammen und, den Alten mit spöttischen Blicken messend, im Herzen schwur, der Mars dieses Vulkans zu werden, koste es, was es wolle? Annunziata sah sich bald von Anbetern umringt, deren schmeichlerische verführerische Reden sie still und freundlich aufnahm, ohne sich was Besonderes dabei zu denken. Ihr engelreines Gemüt hatte das Verhältnis zu dem alten fürstlichen Gemahl nicht anders begriffen, als daß sie ihn wie ihren hohen Herrn verehren und ihm anhängen müsse mit der unbedingten Treue einer unterwürfigen Magd! Er war freundlich, ja zärtlich gegen sie, er drückte sie an seine eiskalte Brust, er nannte sie sein Liebchen, er beschenkte sie mit allen Kostbarkeiten, die es nur gab; was hatte sie sonst noch für Wünsche, für Rechte an ihn? Auf diese Weise konnte der Gedanke, daß es möglich sei, dem Alten untreu zu werden, sich in keiner Art in ihr gestalten, alles, was außer dem engen Kreise jenes beschränkten Verhältnisses lag, war ein fremdes Gebiet, dessen verbotene Grenze im dunklen Nebel lag – ungesehen – ungeahnet von dem frommen Kinde. So kam es, daß alle Bewerbungen fruchtlos blieben. Keiner von allen war aber so heftig in wildem Liebesfeuer entbrannt für die schöne Dogaressa als Michaele Steno. Seiner Jugend unerachtet, bekleidete er die wichtige, einflußreiche Stelle eines Rats der Vierzig.[474]

Darauf sowie auf seine äußere Schönheit bauend, war er seines Sieges gewiß. Er fürchtete den alten Marino Falieri nicht, und in der Tat, dieser schien, sowie er verheiratet, ganz abzulassen von seinem jähen aufbrausenden Zorn, von seiner rohen unbezähmbaren Wildheit. An der Seite der schönen Annunziata saß er in den reichsten buntesten Kleidern aufgeschniegelt und geputzt da, schmunzelnd und lächelnd und mit süßem Blick aus den grauen Augen, denen manchmal ein Tränchen enttriefte, die andern herausfordernd, ob sich solcher Gemahlin einer rühmen könne. Statt des herrischen rauhen Tons, in dem er sonst zu sprechen pflegte, lispelte er, die Lippen kaum bewegend, nannte jeden seinen Allerliebsten und bewilligte die widersinnigsten Gesuche. Wer hätte in diesem weichlichen verliebten Alten den Falieri erkennen sollen, der in Treviso in toller Hitze am Fronleichnamsfeste dem Bischof ins Gesicht schlug, der den tapfern Morbassan besiegte. Diese zunehmende Schwäche feuerte den Michaele Steno an zu den rasendsten Unternehmungen. Annunziata verstand nicht, was Michaele, sie unaufhörlich mit Blicken und Worten verfolgend, von ihr eigentlich wollte, sie blieb in steter milder Ruhe und Freundlichkeit und das eben, das Trostlose, was in diesem unbefangenen, stets gleichen Wesen lag, brachte ihn zur Verzweiflung. Er sann auf verruchte Mittel. Es gelang ihm einen Liebeshandel mit Annunziatas vertrautestem Kammermädchen anzuspinnen, die ihm endlich nächtliche Besuche verstattete. So glaubte er den Weg gebahnt zu Annunziatas unentweihtem Gemach, aber die ewige Macht des Himmels wollte, daß solche trügerische Tücke zurückfallen mußte auf das Haupt des boshaften Urhebers. – Es begab sich, daß eines Nachts der Doge, der eben die böse Nachricht von der Schlacht, die Nicolo Pisani bei Portelongo gegen den Doria verloren, erhalten, schlaflos in tiefer Kümmernis und Sorge die Gänge des herzoglichen Palastes durchstrich. Da gewahrte er einen Schatten, der, wie aus Annunziatas Gemächern[475] schlüpfend, nach den Treppen schlich. Schnell eilte er darauf los, es war Michaele Steno, der von seinem Liebchen kam. Ein entsetzlicher Gedanke durchfuhr den Falieri; mit dem Schrei: »Annunziata!« rannte er ein auf den Steno mit gezogenem Stilett. Aber Steno, kräftiger und gewandter als der Alte, unterlief ihn, warf ihn mit einem tüchtigen Faustschlage zu Boden und stürzte, laut auflachend: »Annunziata, Annunziata!« die Treppe herab. Der Alte raffte sich auf und schlich, brennende Qualen der Hölle im Herzen, nach Annunziatas Gemächern. Alles ruhig – still wie im Grabe. – Er klopfte an, ein fremdes Kammermädchen, nicht die, welche sonst gewohnt, neben Annunziatas Gemach zu schlafen, öffnete ihm die Türe. »Was befiehlt mein fürstlicher Gemahl um diese späte ungewohnte Zeit?« – so sprach Annunziata, die unterdessen ein leichtes Nachtgewand umgeworfen und herausgetreten, mit ruhigem engelsmildem Ton. Der Alte starrte sie an, dann hob er beide Hände hoch in die Höhe und rief: »Nein, es ist nicht möglich, es ist nicht möglich!« »Was ist nicht möglich, mein fürstlicher Herr?« fragte die über den feierlichen dumpfen Ton des Alten ganz bestürzte Annunziata. Aber Falieri, ohne zu antworten, wandte sich an das Kammermädchen: »Warum schläfst du, warum schläft Luigia nicht hier wie gewöhnlich?« »Ach,« erwiderte die Kleine, »Luigia wollte durchaus mit mir tauschen diese Nacht, die schläft im Vordergemach dicht neben der Treppe.« »Dicht neben der Treppe?« rief Falieri voller Freude und eilte mit raschen Schritten nach dem Vordergemach. Luigia öffnete auf starkes Klopfen, und als sie nun das zornrote Antlitz, die funkensprühenden Augen des fürstlichen Herrn erblickte, fiel sie nieder auf die nackten Knie und bekannte ihre Schmach, über die auch ein Paar zierliche Männerhandschuhe, die auf dem Polsterstuhle lagen und deren Ambrageruch den stutzerhaften Eigentümer verriet, gar keinen Zweifel ließen. Ganz ergrimmt über Stenos unerhörte Frechheit, schrieb der Doge ihm andern Morgens,[476] bei Strafe der Verbannung aus der Stadt habe er den herzoglichen Palast, jede Nähe des Dogen und der Dogaressa zu vermeiden. Michaele Steno war toll vor Wut über das Mißlingen des wohlangelegten Plans, über die Schmach der Verbannung aus der Nähe seines Abgotts. Als er nun aus der Ferne sehen mußte, wie die Dogaressa mild und freundlich, ihr Wesen war nun einmal so, mit andern Jünglingen von der Signorie sprach, so gab ihm der Neid, die Wut der Leidenschaft den bösen Gedanken ein, daß die Dogaressa wohl nur deshalb ihn verschmäht haben möge, weil andere ihm mit besserem Glück zuvorgekommen, und er unterstand sich, davon laut und öffentlich zu sprechen. Sei es nun, daß der alte Falieri Kunde erhielt von solchen unverschämten Reden, oder daß das Bild jener Nacht ihm erschien wie ein warnender Wink des Schicksals, oder daß ihm selbst bei aller Ruhe und Behaglichkeit, bei vollem Vertrauen auf die Frömmigkeit seines Weibes doch die Gefahr des unnatürlichen Mißverhältnisses mit der Gattin hell vor Augen kam, kurz, er wurde grämlich und mürrisch, alle tausend Eifersuchtsteufel zwickten ihn wund, er sperrte Annunziata ein in die innern Gemächer des herzoglichen Palastes, und kein Mensch bekam sie mehr zu sehen. Bodoeri nahm sich seiner Großnichte an und schalt den alten Falieri wacker aus, der aber von der Änderung seines Betragens gar nichts wissen wollte. Dies geschah alles kurz vor dem Giovedi grasso. Es ist Sitte, daß bei den Volksfesten, die an diesem Tage auf dem Markusplatz stattfinden, die Dogaressa unter dem Thronhimmel, der auf einer dem kleinen Platz gegenüberstehenden Galerie angebracht ist, neben dem Dogen Platz nimmt. Bodoeri erinnerte ihn daran und meinte, daß es sehr abgeschmackt sein und er ganz gewiß von Volk und Signorie ob seiner verkehrten Eifersucht weidlich ausgelacht werden würde, wenn er aller Sitte und Gewohnheit entgegen Annunziata von dieser Ehre ausschlösse. »Glaubst du,« erwiderte der alte Falieri, dessen Ehrgeiz auf einmal[477] angeregt wurde, »glaubst du, daß ich, ein alter blödsinniger Tor, mich denn scheue mein kostbarstes Kleinod zu zeigen aus Furcht vor diebischen Händen, denen ich nicht den Raub wehren könnte mit meinem guten Schwerte? – Nein Alter, du irrst, morgenden Tages wandle ich mit Annunziata in feierlich glänzendem Zuge über den Markusplatz, damit das Volk seine Dogaressa sehe, und am Giovedi grasso empfängt sie den Blumenstrauß von dem kühnen Segler, der sich aus den Lüften zu ihr herabschwingt.« Der Doge dachte, indem er diese Worte sprach, an eine uralte Gewohnheit. Am Giovedi grasso fährt nämlich irgendein kühner Mensch aus dem Volke an Seilen, die aus dem Meere steigen und an der Spitze des Markusturms befestigt sind, in einer Maschine, die einem kleinen Schiffchen gleicht, herauf und schießt dann von der Spitze des Turms pfeilschnell herab bis zu dem Platze, wo Doge und Dogaressa sitzen, der er den Blumenstrauß, den sonst der Doge, ist er allein, erhält, überreicht. – Andern Tages tat der Doge, wie er verheißen. Annunziata mußte die prächtigsten Kleider anlegen, und von der Signorie umringt, von Edelknaben und Trabanten begleitet, wandelte Falieri über den vom Volk überströmten Markusplatz. Man stieß und drängte sich halb tot, um die schöne Dogaressa zu sehen, und wem es gelang, sie zu erblicken, der glaubte, er habe ins Paradies geschaut und das schönste Engelsbild sei ihm strahlend und herrlich aufgegangen. – Wie die Venezianer nun sind, mitten unter den tollsten Ausbrüchen wahnsinniger Verzückung, hörte man hie und da allerlei spöttische Redensarten und Reime, die derb genug auf den alten Falieri mit der jungen Frau losfuhren. Falieri schien aber davon nichts zu bemerken, sondern schritt, von aller Eifersucht dasmal verlassen, obgleich er überall Blicke des brennendsten Verlangens auf die schöne Gattin gerichtet sah, schmunzelnd und lächelnd mit dem ganzen Gesicht, so pathetisch als möglich an Annunziatas Seite daher. Vor dem Hauptportal des Palastes hatten die[478] Trabanten das Volk mit Mühe auseinandergetrieben, so daß, als der Doge mit seiner Gemahlin hineinschritt, nur hin und wieder einzelne kleine Haufen besser gekleideter Bürger standen, denen man selbst den Eintritt in den innern Hof des Palastes nicht wohl verwehren konnte. Da geschah es, daß in dem Augenblicke, als die Dogaressa in den Hof trat, ein junger Mensch, der nebst wenigen andern Leuten am Säulengange stand, mit dem lauten Schrei: »O du Gott des Himmels!« entseelt auf das harte Marmorpflaster niederschlug. Alles lief herbei und umringte den Toten, so daß die Dogaressa ihn nicht erblicken konnte, aber sowie der Jüngling niederstürzte, durchfuhr plötzlich ein glühender Dolchstich ihre Brust, sie erbleichte, sie wankte, nur die Riechfläschchen der herbeieilenden Frauen retteten sie von tiefer Ohnmacht. Der alte Falieri, voller Schreck und Bestürzung über den Unfall, wünschte den jungen Menschen mitsamt seinem Schlagfluß zu allen Teufeln und trug, so sauer es ihm auch wurde, seine Annunziata, die das Köpfchen mit geschlossenen Augen über die Brust hing, wie eine kranke Taube, die Treppe hinauf in die inneren Gemächer. –

Unterdessen hatte sich dem Volke, das immer mehr im innern Hofe des Palastes zusammengelaufen, ein wunderlich seltsames Schauspiel eröffnet. Man wollte den jungen Menschen, den man unbedingt für tot hielt, aufheben und forttragen, da hinkte mit lautem Jammergeschrei ein altes häßliches zerlumptes Bettelweib heran, machte sich, die spitzen Ellenbogen in Seiten und Rücken bohrend, im dicksten Haufen Platz und rief, als sie endlich bei dem entseelten Jünglinge stand: »Laßt ihn liegen – Narren! – tolles Volk! – er ist ja nicht tot.« Nun kauerte sie nieder, nahm den Kopf des Jünglings auf den Schoß und nannte, seine Stirn sanft streichend und reibend, ihn bei den süßesten Namen. Betrachtete man nun das abscheuliche Fratzengesicht der Alten, wie es herabhing über des Jünglings bildschönem Antlitz, dessen milde Züge im bleichen Tode[479] erstarrt lagen, während auf dem Gesicht der Alten ein widriges Muskelspiel herumhüpfte, – betrachtete man, wie die schmutzigen Lumpen hin und her flatterten über die reichen Kleider, die der Jüngling trug – wie die dürren braungelben Arme – die Knochenhände auf der Stirne, auf der offenen Brust des Jünglings zitterten – in der Tat, man mochte sich innern Grauens nicht erwehren. War es denn nicht anzusehen, als sei es des Todes grinsende Gestalt selbst, in deren Armen der Jüngling lag? So kam es denn auch, daß die umstehenden Leute, einer nach dem andern, still fortschlichen und nur wenige übrigblieben, die den Jüngling, als er mit einem tiefen Seufzer die Augen aufschlug, faßten und auf der Alten Geheiß nach dem großen Kanal trugen, wo eine Gondel beide, die Alte und den Jüngling, aufnahm und fortschaffte bis nach dem Hause, das die Alte als die Wohnung des Jünglings bezeichnet hatte. Bedarf es denn noch gesagt zu werden, daß der Jüngling Antonio, die Alte aber das Bettelweib von der Franziskanertreppe war, das durchaus seine Amme sein wollte?

Als Antonio ganz aus seiner Betäubung erwacht war und die Alte an seinem Lager erblickte, die ihm soeben einige stärkende Tropfen eingeflößt hatte, so sprach er, lange den düstern schwermütigen Blick starr auf sie gerichtet, mit dumpfem, mühsam gehaltenen Ton: »Du bist bei mir, Margareta! – das ist gut! wo hätt' ich denn sonst eine treuere Pflegerin als dich! – Ach, verzeih' mir nur, Mutter, daß ich blödsinniger ohnmächtiger Knabe nur einen Augenblick daran zweifeln konnte, was du mir entdecktest. Ja, du bist die Margareta, die mich nährte, die mich hegte und pflegte, ich wußte es ja schon immer, aber der böse Geist verwirrte mir die Gedanken. – Ich habe sie gesehen – sie ist es – sie ist es. – Hab' ich dir nicht gesagt, daß irgendein dunkler Zauber in mir ruhe, der mein Selbst unwiderstehlich beherrsche? Aus der Dunkelheit blitzstrahlend ist er hervorgetreten, um mich in namenlosem Entzücken zu verderben! – Ich weiß jetzt[480] alles – alles! – War nicht Bertuccio Nenolo mein Pflegevater, der mich erzog auf einem Landhause bei Treviso?« – »Ach ja,« erwiderte die Alte, »wohl war es Bertuccio Nenolo, der große Seeheld, den das Meer verschlang, als er mit dem Lorbeerkranz sein Haupt zu schmücken gedachte.« – »Unterbrich mich nicht,« sprach Antonio weiter, »höre mich geduldig an. – Es ging mir gut bei dem Bertuccio Nenolo. Ich trug hübsche Kleider – immer war der Tisch gedeckt, wenn mich hungerte, ich durfte, hatte ich meine drei Gebete ordentlich hergesagt, herumschwärmen nach Gefallen in Wald und Flur. Dicht beim Landhause befand sich ein dunkles kühles Pinienwäldchen voll Duft und Gesang. Da streckte ich, müde vom Springen und Laufen, an einem Abend, als schon die Sonne zu sinken begann, mich hin unter einen großen Baum und starrte hinauf in den blauen Himmel. Mag es sein, daß der würzige Geruch der blühenden Kräuter, in denen ich lag, mich betäubte, genug, meine Augen schlossen sich unwillkürlich, und ich versank in träumerisches Hinbrüten, aus dem mich ein Rauschen, gleich als fiele ein Schlag dicht neben mir in das Gras, erweckte. Ich fuhr auf in die Höhe; ein Engelskind mit himmlischem Antlitz stand neben mir, schaute in holder Anmut lächelnd auf mich herab und sprach mit süßer Stimme: ›Ei, mein lieber Knabe, wie schliefst du so schön, so ruhig, und doch war dir der Tod so nahe, der böse Tod.‹ Dicht neben meiner Brust erblickte ich eine kleine schwarze Schlange mit geborstenem Haupt, das Kind hatte das giftige Tier mit dem Zweige eines Nußbaums erschlagen in dem Augenblick, als es zu meinem Verderben sich heranringeln wollte. Da erbebte ich in süßem Schauer – ich wußte ja, daß oftmals Engel herabsteigen aus dem hohen Himmel, um sichtbarlich den Menschen zu retten vor dem bedrohlichen Angriff irgendeines bösen Feindes – ich sank nieder auf die Knie, ich erhob die gefalteten Hände. ›Ach, du bist ja ein Engel des Lichts, den der Herr sandte, mich zu retten vom Tode.‹[481] So rief ich, das holde Wesen streckte aber beide Arme nach mir aus und lispelte, indem höheres Rot auf seinen Wangen leuchtete: ›Ach du lieber Knabe, ich bin ja kein Engel, ein Mädchen, ein Kind wie du!‹ Da vergingen die Schauer in namenloses Entzücken, das mich mit sanfter Glut durchströmte – ich stand auf – wir schlossen uns in die Arme – wir drückten Lipp' auf Lippe – sprachlos – weinend – schluchzend vor süßem unnennbaren Weh! Nun rief eine silberhelle Stimme durch den Wald: ›Annunziata – Annunziata!‹ – ›Ich muß nun fort, du herzlieber Knabe, die Mutter ruft‹, so lispelte das Mädchen, ein unsäglicher Schmerz durchfuhr meine Brust. – ›Ach, ich liebe dich so sehr‹, schluchzte ich, heiße Tränen, die das Mädchen vergoß, fielen brennend auf meine Wangen. ›Ich bin dir so herzensgut, du lieber Knabe‹, rief das Mädchen, indem sie den letzten Kuß mir auf meine Lippen drückte. – ›Annunziata!‹ rief es aufs neue, und das Mädchen verschwand im Gebüsch! – Sieh, Margareta, das war der Augenblick, in dem der mächtige Liebesfunke in meine Seele fiel, der, ewig stets neue Flammen entzündend, in mir fortglühen wird! – Wenige Tage nachher wurde ich hinausgestoßen aus dem Hause. Vater Blaunas sagte mir, als ich es nicht lassen konnte, von dem Engelskinde zu reden, das mir erschienen und dessen süße Stimme ich zu vernehmen glaubte in dem Rauschen der Bäume, in dem Gelispel der Quellen, in dem ahnungsvollen Sausen des Meers – ja, da sagte mir Vater Blaunas, das Mädchen könne niemand anders gewesen sein, als Nenolos Tochter Annunziata, die mit ihrer Mutter Franzeska nach dem Landhause gekommen, andern Tages aber wieder abgereiset sei. – O Mutter – Margareta. – Hilf Himmel! – Diese Annunziata – es ist die Dogaressa!« – Damit hüllte sich, vor unsäglichem Schmerz weinend und schluchzend, Antonio in die Kissen ein. »Mein lieber Tonino!« sprach die Alte, »ermanne dich, widerstehe doch nur tapfer dem törichten Schmerz. Ei, wer mag denn gleich verzweifeln[482] in Liebesnot, ei, wem anders blüht denn das goldene Blümchen Hoffnung als dem Verliebten! Am Abend weiß man nicht, was der Morgen bringt, was man im Traum geschaut, kommt lebendig dahergegangen. Das Schloß, das in den Wolken schwamm, steht mit einemmal blank und herrlich auf der Erde. – Sieh, Tonino, du gibst nichts auf meine Reden, aber mein kleiner Finger sagt es mir und wohl noch jemand anders, daß auf dem Meer dir die leuchtende Liebesflagge mit frohem Schwingen entgegenweht – Geduld, mein Söhnlein Tonino – Geduld!« – So versuchte es die Alte den armen Antonio zu trösten, denn in der Tat ihre Worte klangen wie liebliche Musik. Er ließ sie gar nicht mehr von sich. Das Bettelweib auf der Franziskanertreppe war verschwunden, und statt ihrer sah man die Haushälterin des Herrn Antonio in anständigen Matronenkleidern auf San Marco herumhinken und die Bedürfnisse der Tafel einkaufen.

Der Giovedi grasso war gekommen. Glänzendere Feste als jemals sollten ihn feiern. Mitten auf dem kleinen Platz von San Marco wurde ein hohes Gerüst errichtet für ein besonderes nie gesehenes Kunstfeuer, das ein Grieche, der sich auf solch Geheimnis verstand, abbrennen wollte. Am Abend bestieg der alte Falieri mit seiner schönen Gemahlin, sich spiegelnd in dem Glanze seiner Herrlichkeit, seines Glücks und mit verklärten Blicken alles um sich her auffordernd zum Staunen, zur Bewunderung, die Galerie. Im Begriff, sich auf dem Thron niederzulassen, wurde er aber den Michaele Steno gewahr, der auf derselben Galerie und zwar so Platz genommen hatte, daß er die Dogaressa beständig im Auge behielt und von ihr notwendig bemerkt werden mußte. Ganz entbrannt von wildem Zorn, von toller Eifersucht, schrie Falieri mit starker, gebieterischer Stimme, man solle augenblicklich den Steno von der Galerie entfernen. Michaele Steno erhob den Arm gegen den Falieri, in dem Augenblick traten die Trabanten hinzu und nötigten ihn, der vor Wut mit den Zähnen[483] knirschte und in den abscheulichsten Verwünschungen Rache drohte, die Galerie zu verlassen. –

Unterdessen hatte sich Antonio, den der Anblick seiner geliebten Annunziata ganz außer sich selbst gebracht, durch das Volk fortgedrängt und schritt, tausend Qualen im zerrissenen Herzen, einsam in dunkler Nacht am Gestade des Meers hin und her. Er gedachte, ob es nicht besser sei, in den eiskalten Wellen die brennende Glut zu löschen, als langsam totgefoltert zu werden von trostlosem Schmerz. Viel hätte nicht gefehlt, er wäre hineingesprungen in das Meer, schon stand er auf der letzten Stufe, die hinabführt, als eine Stimme aus einer kleinen Barke hinaufrief: »Ei, schönen guten Abend, Herr Antonio!« Im Widerschein der Erleuchtung des Platzes erkannte Antonio den lustigen Pietro, einen seiner vormaligen Kameraden, welcher in der Barke stand, Federn, Rauschgold auf der blanken Mütze, die neue gestreifte Jacke bunt bebändert, einen großen schönen Strauß duftiger Blumen in der Hand. »Guten Abend, Pietro,« rief Antonio zurück, »welch' hohe Herrschaft willst du denn heute noch fahren, daß du dich so schön geputzt hast?« »Ei,« erwiderte Pietro, indem er hoch auf sprang, daß die Barke schwankte, »ei, Herr Antonio, heute verdiene ich meine drei Zechinen, ich mache ja die Fahrt hinauf nach dem Markusturm und dann hinab und überreiche diesen Strauß der schönen Dogaressa.« »Ist denn,« fragte Antonio, »ist denn das nicht ein halsbrechendes Wagestück, Kamerad Pietro?« »Nun,« erwiderte dieser, »den Hals kann man wohl ein wenig brechen, und dann zumal heute geht's mitten durch, durch das Kunstfeuer. Der Grieche sagt zwar, es sei alles so eingerichtet, daß kein Haar einem angehen solle vom Feuer, aber« – Pietro schüttelte sich. Antonio war zu ihm hinabgestiegen in die Barke und wurde nun erst gewahr, daß Pietro dicht vor der Maschine an dem Seil stand, das aus dem Meere stieg. Andere Seile, mittelst deren die Maschine angezogen wurde, verloren[484] sich in die Nacht. »Höre, Pietro,« fing Antonio nach einigem Stillschweigen an, »höre, Kamerad Pietro, wenn du heute zehn Zechinen verdienen könntest, ohne dein Leben in Gefahr zu setzen, würde dir das nicht lieber sein?« »Ei freilich«, lachte Pietro aus vollem Halse. »Nun,« fuhr Antonio fort, »so nimm diese zehn Zechinen, wechsle mit mir die Kleider und überlasse mir deine Stelle. Statt deiner will ich hinauffahren. Tu es, mein guter Kamerad Pietro!« Pietro schüttelte bedächtig den Kopf und sprach, das Gold in der Hand wiegend: »Ihr seid sehr gütig, Herr Antonio, mich armen Teufel noch immer Euern Kameraden zu nennen – und freigebig dazu! – Ums Geld ist's mir freilich zu tun, aber der schönen Dogaressa den Strauß selbst in die Hand zu geben, ihr süßes Stimmchen zu hören – ei, das ist's doch eigentlich, warum man sein Leben aufs Spiel setzt. – Nun – weil Ihr's seid, Herr Antonio, mag's darum sein.« Beide warfen schnell die Kleider ab, kaum war Antonio mit dem Ankleiden fertig, als Pietro rief: »Schnell hinein in die Maschine, das Zeichen ist schon gegeben.« In dem Augenblick leuchtete das Meer auf im flammenden Widerschein von tausend lodernden Blitzen, und die Luft, das Gestade erdröhnte von brausenden wirbelnden Donnern. Mitten durch die knisternden zischenden Flammen des Kunstfeuers fuhr mit des Sturmwindes Schnelle Antonio auf in die Lüfte – unversehrt sank er nieder zur Galerie, schwebte er vor der Dogaressa. – Sie war aufgestanden und vorgetreten, er fühlte ihren Atem an seinen Wangen spielen – er reichte ihr den Strauß; aber in der unsäglichsten Himmelswonne des Augenblicks faßte ihn wie mit glühenden Armen der brennende Schmerz hoffnungsloser Liebe. – Sinnlos – rasend vor Verlangen – Entzücken – Qual, ergriff er die Hand der Dogaressa – drückte er glühende Küsse darauf – rief er mit dem schneidenden Ton des trostlosen Jammers: »Annunziata!« – Da riß ihn die Maschine, wie das blinde Organ des Schicksals selbst, fort von der Geliebten hinab ins Meer, wo er ganz[485] betäubt, ganz erschöpft in Pietros Arme sank, der seiner in der Barke wartete.

Unterdessen war auf der Galerie des Doge alles in Aufruhr und Verwirrung geraten. An den Sitz des Doge hatte man ein kleines Zettelchen angeheftet gefunden, auf welchem in gemeiner venezianischer Mundart die Worte standen:


»Il Dose Falier della bella muier,

I altri la gode é lui la mantien.«


»Zwar ist der Doge Falier

Der schönen Dame Eheherr,

Doch hält er nur und hat sie nie,

Und andre, die gewinnen sie.«


Der alte Falieri fuhr auf in glühendem Zorn und schwur, daß den, der den boshaften Frevel begangen, die härteste Strafe treffen solle. Indem er seine Blicke umherwarf, fiel ihm auf dem Platze unter der Galerie Michaele Steno ins Auge, der in vollem Kerzenschimmer dastand, und sogleich befahl er den Trabanten, ihn festzunehmen als den Urheber jenes Frevels. Alles schrie auf über den Befehl des Doge, der, indem er sich ganz seinem überwallenden Zorn überließ, beide, Signorie und Volk, beleidigte, die Rechte der ersteren kränkend, dem letztern die Freude des Festes verderbend. Die Signorie verließ ihre Plätze, und nur den alten Marino Bodoeri sah man, wie er sich unter das Volk mischte, voller Eifer von der schweren Beleidigung sprach, die dem Haupte des Staats widerfahren, und allen Haß auf den Michaele Steno zu leiten suchte. Falieri hatte sich nicht geirrt, denn in der Tat war Michaele Steno, als er fortgewiesen wurde von der Galerie des Herzogs, nach Hause gelaufen, hatte jene hämische Worte geschrieben, in dem Augenblicke, als aller Augen auf das Kunstfeuer gerichtet waren, das Zettelchen an den Stuhl des Doge angeheftet und dann sich unbemerkt wieder entfernt. Recht tückisch gedachte er den empfindlichen[486] Streich zu führen, der beide, Doge und Dogaressa, recht tief, recht ans Leben dringend verwunden sollte. Michaele Steno gestand ganz freimütig die Tat und schob alle Schuld auf den Doge, der ihn zuerst empfindlich gekränkt habe. Die Signorie war längst unzufrieden mit einem Haupt, das, statt die gerechten Erwartungen des Staats zu erfüllen, täglich bewies, wie der kriegerische zornige Mut in dem erkalteten Herzen des abgelebten Greises nur dem Kunstfeuer gleicht, das aus der Rakete ganz gewaltig emporknistert, aber sogleich in schwarzen toten Flocken wirkungslos dahinschwindet. Hiezu kam, daß das Bündnis mit der jungen schönen Frau (längst wußte man, daß er es vor kurzer Zeit als Doge geschlossen), seine Eifersucht den alten Falieri nicht mehr als Kriegsheld, sondern als vechio Pantalone erscheinen ließ, und so mußte es geschehen, daß die Signorie, gärendes Gift im Innern nährend, mehr geneigt war, dem Michaele Steno recht zu geben, als dem bitter gekränkten Oberhaupt. Von dem Rate der Zehen wurde die Sache verwiesen an die Quarantie, von der Michaele sonst einer der Häupter war. Michaele Steno habe schon genug gelitten, und eine monatliche Verbannung sei genugsame Rüge des Vergehens, so fiel der Rechtsspruch aus, der den alten Falieri aufs neue und stärker erbitterte gegen eine Signorie, die, statt das Haupt zu schützen, ihm widerfahrne Kränkungen nur als Vergehen der leichtesten Art zu bestrafen sich unterstand. –

Wie es denn zu gehen pflegt, daß der Liebende, den ein einziger Strahl des Liebesglücks getroffen, tage –, wochen –, monatelang von goldenem Schimmer umflossen, Träume des Himmels träumt, so konnte sich Antonio auch gar nicht erholen von der Betäubung des wonnereichsten Augenblicks, kaum aufatmen vor süßem Weh. – Die Alte hatte ihn tüchtig ausgescholten wegen des Wagestücks und murmelte und brummte unaufhörlich von ganz unnötigem Beginnen. Eines Tages kam sie aber so seltsam am Stabe[487] hineingetänzelt und gehüpft, wie sie es in ihrer Art hatte, wenn sie von fremdem Zauber berührt schien. Sie kicherte und lachte, ohne auf Antonios Reden und Fragen zu achten, schürte sie im Kamin ein kleines Feuer an, setzte ein Pfännchen darauf, kochte, aus allerlei bunten Gläsern Ingredienzien hineinwerfend, eine Salbe, tat sie in eine kleine Büchse und hinkte damit, laut kichernd und lachend, von dannen. Erst am späten Abend kam sie zurück, setzte sich keuchend und hüstelnd in den Lehnstuhl und fing, wie von großer Erschöpfung zu sich selbst gekommen, endlich an: »Tonino, mein Söhnlein, Tonino, von wem komme ich her? – sieh zu, ob du raten kannst? – von wem komme ich her, von wem komme ich her?« – Antonio starrte sie an, von seltsamer Ahnung ergriffen. »Nun,« kicherte die Alte, »von ihr selbst komme ich her, von dem lieben Täubchen, von der holden Annunziata!« – »Mache mich nicht wahnsinnig, Alte«, schrie Antonio. – »Ei was,« fuhr die Alte fort, »ich denke immer an dich, mein Tonino! – Heute morgen, als ich unter den Säulengängen des Palastes feilschte um schönes Obst, murmelt das Volk von dem Unglück, das die schöne Dogaressa betroffen. Ich frage und frage, da spricht ein großer, ungeschlachter roter Kerl, der, gähnend an eine Säule gelehnt, Limonien kaut: ›Ei nun, an der linken Hand der kleine Finger, an dem hat ein Skorpionchen die jungen Zähnchen probiert, und das ist ein bißchen ins Blut gegangen – nun, mein Herr, der Signor Dottore Giovanni Basseggio, ist eben oben, der wird nun wohl schon das Händchen mitsamt dem Finger weggeschnitten haben.‹ Und in dem Augenblick, daß der Kerl das spricht, entsteht ein großes Geschrei auf der breiten Treppe, und ein kleines, ganz kleines Männlein kugelt, von Fußstößen der Trabanten wie ein Kegel getrieben, die Stufen herab uns vor die Füße, schreiend und lamentierend. Das Volk sammelt sich um ihn herum, laut lachend, der Kleine zerarbeitet sich und strampelt mit den Beinen, ohne in die[488] Höhe kommen zu können, da springt aber der rote Kerl herbei, rafft sein Doktorchen auf, nimmt ihn in die Arme und rennt mit ihm, der immerfort aus vollem Halse schreit und heult, was die Beine laufen können, fort nach dem Kanal, wo er mit ihm in die Gondel hineinsteigt und davonrudert. – Ich dachte es wohl, daß, sowie der Signor Basseggio das Messer ansetzen wollte an das schöne Händchen, der Doge ihn die Treppe hinabstoßen ließ. Ich dacht' aber noch weiter! – Geschwind – ganz geschwind nach Hause – das Sälbchen kochen – hinauf damit in den herzoglichen Palast! – Da stand ich auf der großen Treppe, mein blankes Fläschlein in der Hand. Der alte Falieri kam gerade herab, der blitzte und prustete mich an: ›Was will das alte Weib hier?‹ – Aber da machte ich einen Knix tief – tief bis an die Erde, so gut es nur gehen konnte, und sprach, daß ich wohl ein Mittelchen hätte, daß die schöne Dogaressa geheilt sein solle gar bald. Sowie der Alte das hörte, blickte er mich starr an mit recht entsetzlichen Augen und strich sich den grauen Bart zurecht, dann packte er mich bei beiden Schultern und schob mich herauf und hinein in das Gemach, daß ich beinahe der Länge nach hingestürzt wäre. Ach, Tonino, da lag das holde Kind hingestreckt auf die Polster, leichenblaß, seufzend und stöhnend vor Schmerz und leise klagend: ›Ach, nun bin ich wohl schon durch und durch vergiftet.‹ Aber ich machte mich gleich darüber her und nahm das dumme Pflaster des einfältigen Doktors herab. O Herr des Himmels! die niedliche kleine Hand – blutrot – geschwollen. – Nun, nun – meine Salbe kühlte – linderte. – ›Das tut ja wohl, sehr wohl‹, lispelte die kranke Taube. Da rief der Marino ganz entzückt: ›Tausend Zechinen sind dein, Alte, wenn du mir die Dogaressa rettest‹, und verließ das Zimmer. Drei Stunden hatt' ich nun dagesessen, die kleine Hand in meiner haltend und sie streichelnd und pflegend. Da erwachte das liebe Weibchen aus leichtem Schlummer, in den sie gesunken, und fühlte keinen Schmerz mehr.[489] Nachdem ich den neuen Verband gemacht, blickte sie mich an mit vor Freude leuchtenden Augen. Da sprach ich: ›Ei gnädige Frau Dogaressa, Ihr habt ja auch schon einmal einen Knaben gerettet, da Ihr die kleine Schlange tötetet, die ihn stechen wollte zum Tode, als er schlief.‹ – Tonino! da hättest du sehen sollen wie, als leuchte ein Strahl des Abendrots hinein, das blasse Antlitz sich schnell färbte – wie die Augen funkelndes Feuer blitzten. ›Ach ja, Alte,‹ sprach sie, ›ach ja – ich war noch ein Kind – auf meines Vaters Landhause. – Ach, es war ein holder lieber Knabe – o, wie gedenk' ich noch seiner – es ist mir, als sei seit der Zeit mir gar nichts Glückliches mehr begegnet.‹ – Nun sprach ich von dir, daß du in Venedig wärst, daß du noch alle Liebe, alle Wonne jenes Augenblicks im Herzen trügest – daß du, nur um noch einmal in die Himmelsaugen des rettenden Engels zu schauen, die gefährliche Luftfahrt gewagt, daß du ihr den Blumenstrauß gegeben hättest am Giovedi grasso! – Tonino – Tonino! da rief sie wie in Begeisterung: ›Ich hab' es gefühlt – ich hab' es gefühlt – als er meine Hand an seine Lippen drückte, als er meinen Namen nannte – ach, ich wußt' es ja nur nicht, was so seltsam mein Innerstes durchdrang, es war wohl Lust, aber auch zugleich Schmerz! – Bring' ihn her – her zu mir – den holden Knaben.‹« – Antonio warf sich, als die Alte dies sprach, auf die Knie nieder und rief wie wahnsinnig: »Herr des Himmels! nur jetzt, nur jetzt laß mich nicht untergehen in irgendeinem ungeheuren Schicksal – nur nicht, bis ich sie geschaut, bis ich sie an meine Brust gedrückt.« Er wollte, daß die Alte ihn gleich andern Tages hinführen sollte, was sie ihm aber rund abschlug, da der alte Falieri beinahe zu jeder Stunde die kranke Gemahlin zu besuchen pflegte.

Mehrere Tage waren vergangen, die Dogaressa war von der Alten ganz geheilt, aber noch immer blieb es unmöglich, den Antonio hinzuführen. So gut sie es nur vermochte,[490] tröstete die Alte den Ungeduldigen, immer wiederholend, wie sie mit der holden Annunziata von dem Antonio spreche, den sie gerettet und der sie so inbrünstig liebe. Antonio, von tausend Qualen der Sehnsucht, des Verlangens gefoltert, gondelte, lief auf den Plätzen umher. Unwillkürlich lenkten ihn seine Schritte immer und immer wieder nach dem herzoglichen Palast. An der Brücke neben der hintern Seite des Palastes, den Gefängnissen gegenüber, stand Pietro, auf ein buntes Ruder gelehnt, im Kanal wogte, an Säulen befestigt, eine Gondel, die zwar klein, aber mit zierlichem Verdeck, buntem Schnitzwerk, ja mit der venezianischen Flagge geschmückt war und beinahe dem Bucentoro glich. Sowie Pietro den ehemaligen Kameraden gewahrte, rief er ihm laut zu: »Ei Signor Antonio, seid mir tausendmal gegrüßt! – mit Euern Zechinen ist mir das Glück gekommen!« Antonio fragte ganz zerstreut, was er für ein Glück meine, erfuhr aber nichts Geringeres, als daß Pietro beinahe täglich in den Abendstunden den Dogen mit der Dogaressa hinübergondeln mußte nach der Giudekka, wo unfern von San Giorgio Maggiore der Doge ein artiges Haus besaß. Antonio blickte den Pietro starr an, und fuhr dann schnell heraus: »Kamerad, du kannst wieder zehn Zechinen verdienen und mehr, wenn du willst. Laß mich deine Stelle vertreten – ich will den Dogen hinüberrudern.« Pietro meinte, daß das gar nicht anginge, da der Doge ihn kenne und eben nur ihm sich anvertrauen wolle; endlich, als Antonio mit dem wilden Zorn, wie er aus dem von tausend Liebesqualen aufgeregten Gemüt hervorsprudelte, in ihn drang, wie er ganz unsinnig schwur, daß er der Gondel nachspringen und ihn herabreißen werde ins Meer, da rief Pietro lachend: »Ei, Signor Antonio! Signor Antonio! wie habt Ihr Euch verguckt in die schönen Augen der Dogaressa!« und willigte ein, daß Antonio mitkommen solle als sein Gehilfe beim Rudern, er wolle die Schwere des Fahrzeugs sowie kränkliche Schwäche vorschützen bei dem alten Falieri, dem so[491] bei solcher Fahrt das Gondeln immer zu langsam ginge. Antonio rannte fort, und kaum war er wieder an der Brücke in schlechten Schifferkleidern, mit gefärbtem Gesicht, einen langen Zwickelbart über die Lippen gehängt, als der Doge herabstieg mit der Dogaressa, beide in herrlichen bunten, glänzenden Kleidern. »Wer ist der fremde Mensch dort?« fuhr der Doge den Pietro zornig an, und nur die heiligsten Versicherungen Pietros, daß er heute eines Gehilfen bedürfe, konnten den Alten endlich bewegen zu erlauben, daß Antonio mit gondle.

Es pflegt wohl zu geschehen, daß gerade im Übermaß alles Entzückens, aller Seligkeit das Gemüt, wie gestärkt durch die Macht des Augenblicks, sich selbst bezwingt und den Flammen gebietet, die aus dem Innern hervorlodern wollen. So vermochte Antonio, dicht neben der holden Annunziata, berührt von dem Saume ihres Kleides, seine Liebesglut zu verbergen, indem er mit kräftiger Faust das Ruder regierte und, größeres Wagstück scheuend, kaum die Geliebte dann und wann flüchtig anblickte. Der alte Falieri schmunzelte und lächelte, küßte und streichelte die kleinen weißen Händchen der holden Annunziata, legte den Arm um ihren schlanken Leib. Mitten auf dem Meere, als der Markusplatz, das prächtige Venedig mit all seinen stolzen Türmen und Palästen sich vor den Schiffenden ausbreitete, da erhob der alte Falieri das Haupt und sprach, indem er mit stolzen Blicken umherschaute: »Ei, mein Liebchen, ist es nicht schön zu schiffen auf dem Meer mit dem Herrn, mit dem Gemahl des Meers? – Ja, mein Liebchen, sei nicht eifersüchtig auf die Gattin, die demütig uns auf ihrem Nacken trägt. Hör' nur das süße Plätschern der Wellen, sind das nicht Liebesworte, die sie dem Gemahl zuflüstert, der sie beherrscht? – Ja, ja, Liebchen, du trägst meinen Ring am Finger, aber die da unten bewahrt in ihrem tiefsten Busen den Trauring, den ich ihr zuwarf.« »Ach mein fürstlicher Herr,« fing Annunziata an, »ach, wie sollte denn die kalte böse Flut deine Gemahlin sein,[492] es wird mir gar schauerlich zumute dabei, daß du dich dem stolzen herrischen Element vermähltest.« Der alte Falieri lachte, daß Kinn und Bart wackelten. »Ängstige dich nicht, Täubchen,« sprach er dann, »besser ruht sich's ja wohl in deinen weichen warmen Armen als in dem eiskalten Schoß der Gattin da unten, aber schön ist's zu schiffen auf dem Meer mit dem Herrn des Meers.« In dem Augenblick, als der Doge dies sprach, fing eine ferne Musik zu säuseln an. Über die Meereswellen gleitend, kamen näher die Töne einer sanften Männerstimme, es wurden die Worte gesungen:


»Ah! senza amare

Andare sul mare

Col sposo del' mare

Non può consolare.«


Andere Stimmen fielen ein, und in stetem Wechselgesange wurden jene Worte immer und immer wiederholt, bis der Gesang wie im Hauch des Windes starb. Der alte Falieri schien auf den Gesang gar nicht zu achten, er erzählte der Dogaressa vielmehr sehr weitläuftig, was es mit der Feierlichkeit am Himmelfahrtstage, wenn der Doge, von dem Bucentoro den Ring hinabwerfend, sich dem Meer vermähle, für eine Bewandtnis habe.

Er sprach von den Siegen der Republik, wie ehemals Istrien und Dalmatien erobert worden unter der Regentschaft Peter Urseolus des Zweiten, und wie in dieser Eroberung jener Feierlichkeit erster Ursprung liege. Achtete nun der alte Falieri aber nicht auf jenen Gesang, so ging dafür seine Erzählung ganz verloren der Dogaressa. Die saß da, den Sinn ganz zugewendet den süßen Tönen, die über das Meer schwammen; sie starrte, als der Gesang geendet, mit seltsamem Blick vor sich hin, wie jemand, der, aus tiefem Traum erwacht, die Bilder noch zu schauen, zu deuten strebt, die ihn umgaukelten. – »Senza amare – senza amare – nen può consolare« lispelte sie leise, und[493] Tränen glänzten wie helle Perlen in den Himmelsaugen, und Seufzer entflohen der Brust, die auf- und niederwallte vor innerer Beklemmung. – Noch immer in vollem Schmunzeln und Lächeln fort erzählend, trat der Alte, die Dogaressa an der Seite, heraus auf die Balustrade vor seinem Hause bei San Giorgio Maggiore und gewahrte nicht, wie, von seltsamen dunklen Gefühlen im Innern aufgeregt, Annunziata sprachlos, den tränenschweren Blick in ein fernes Land gerichtet, wie im Traume neben ihm stand. – Ein junger Mensch in Schifferkleidung stieß in ein muschelartig gewundenes Horn, daß die Töne weit über das Meer hin hallten. Auf dies Zeichen näherte sich eine andere Gondel. Unterdessen war ein Mann, der einen Sonnenschirm trug, und eine Frau herangetreten, und so begleitet schritt der Doge mit der Dogaressa nach dem Palast. Jene Gondel landete, Marino Bodoeri mit vielen Personen, unter denen sich Kaufleute, Künstler, ja Leute aus der niedrigsten Volksklasse befanden, stieg aus und folgte dem Doge.

Antonio konnte kaum den andern Abend erwarten, weil er auf frohe Botschaft hoffte von seiner geliebten Annunziata. Endlich, endlich hinkte die Alte herein, setzte sich keuchend in den Lehnsessel, schlug die dürren Knochenhände ein Mal über das andere zusammen und rief: »Tonino – ach, Tonino, was ist denn geschehen mit unserm armen Täubchen! – Sowie ich heute hineintrete, liegt sie da auf dem Polster mit halbgeschlossenen Augen, das Köpfchen auf den Arm gestützt, nicht schlummernd, nicht wachend, nicht krank, nicht gesund. – Ich nahe mich ihr, ›ei, gnädige Frau Dogaressa‹, spreche ich ›was ist Euch denn Schlimmes begegnet? – schmerzt Euch wohl noch die kaum geheilte Wunde?‹ – Aber da blickt sie mich an mit Augen – Tonino! – mit Augen, wie ich sie noch gar nicht gesehen, und kaum hab' ich hineingeschaut in die feuchten Mondesstrahlen, so bergen sie sich hinter die seidnen Wimpern, wie hinter dunkles Gewölk. Und dann[494] seufzt sie aus tiefster Brust und kehrt das holde blasse Antlitz der Wand zu und lispelt leise, ganz leise, aber so wehmütig, daß es mir gerade ins Herz sticht: ›Amare – amare – ah senza amare!‹ – Ich hole mir einen kleinen Stuhl, ich setze mich hin zu ihr, ich fange an von dir zu erzählen. – Sie hüllt sich ein in die Polster – die schnelleren und schnelleren Atemzüge werden zu Seufzern. – Ich sag's ihr unverhohlen, daß du verkleidet bei ihr warst in der Gondel, daß ich dich, der vor Liebe und Sehnsucht verschmachtet, nun ungesäumt zu ihr bringen würde. Da fährt sie plötzlich auf von den Polstern, und indem ein Strom heißer Tränen aus ihren Augen stürzt, ruft sie heftig: ›Um Christus, um aller Heiligen willen – nein – nein, ich kann ihn nicht sehen – Alte! – ich beschwöre dich, sag' ihm, er solle niemals, niemals mehr sich mir nahen – niemals, das sag' ihm, er solle Venedig verlassen, schnell verlassen.‹ – ›Nun‹, fall' ich ihr ins Wort, ›nun, so muß denn mein armer Tonino sterben.‹ Da sinkt sie, wie von den unsäglichsten Schmerzen gefaßt, in die Polster und schluchzt mit von Tränen erstickter Stimme: ›Muß ich denn nicht auch sterben des bittersten Todes?‹ Da trat der alte Herr Falieri ins Gemach, und ich mußte mich auf seinen Wink entfernen.« »Sie hat mich verworfen – fort – fort aufs Meer«, schrie Antonio auf in heller Verzweiflung. Die Alte kicherte und lachte nach ihrer gewöhnlichen Art und rief: »Du einfältig Kind, du einfältig Kind! – wirst du denn nicht geliebt von der holden Annunziata mit aller Inbrunst, mit aller Liebesqual, die jemals ein weiblich Herz ergriff? – Einfältig Knäblein, morgen am tiefen Abend schleiche dich in den herzoglichen Palast. In der zweiten Galerie rechts der großen Treppe wirst du mich finden – und dann wollen wir sehen, was sich weiter begibt.« –

Als Antonio, bebend vor Sehnsucht, am andern Abend die große Treppe hinaufschlich, war es ihm plötzlich, als wolle er einen ungeheuern Frevel beginnen. Ganz betäubt,[495] vermochte er kaum zitternd und schwankend die Stufen zu ersteigen. Er mußte sich dicht vor der ihm bezeichneten Galerie an eine Säule lehnen. Plötzlich umfloß ihn heller Fackelschein, und noch ehe er seinen Platz verlassen konnte, stand der alte Bodoeri dicht vor ihm, von einigen Dienern begleitet, die Fackeln trugen. Bodoeri sah dem Jünglinge starr ins Angesicht und sprach dann: »Ha! du bist Antonio, man hat dich herbestellt, ich weiß es, folge mir nur!« – Antonio, überzeugt, daß die Zusammenkunft mit der Dogaressa verraten, folgte nicht ohne Zagen. Wie erstaunte er, als, in ein entferntes Gemach getreten, Bodoeri ihn umarmte und von dem wichtigen Posten sprach, der ihm anvertraut worden und den er noch in dieser Nacht mit Mut und Entschlossenheit behaupten solle. Sein Erstaunen ging aber in Angst über und Entsetzen, da er erfuhr, daß schon seit langer Zeit eine Verschwörung wider die Signorie gereift, an deren Spitze der Doge selbst stehe, daß, wie es in Falieris Hause auf der Giudekka beschlossen, noch in dieser Nacht die Signorie fallen und der alte Marino Falieri als souveräner Herzog von Venedig ausgerufen werden solle. Antonio starrte den Bodoeri sprachlos an, dieser hielt des Jünglings Schweigen für eine Weigerung, teilzunehmen an der Ausführung der entsetzlichen Tat, und rief entrüstet: »Feigherziger Tor! aus dem Palast kommst du nun nicht mehr, entweder du stirbst oder ergreifst mit uns die Waffen, aber sprich erst mit diesem!« Aus dem dunklen Hintergrunde des Zimmers trat eine hohe edle Gestalt hervor. Sowie Antonio das Antlitz des Mannes, den er nur erst im Schein der Kerzen bemerken und erkennen konnte, erblickte, stürzte er nieder auf die Knie und rief, ganz außer sich selbst gebracht durch die nicht geahnte Erscheinung: »O heiliger Herr des Himmels! mein Vater Bertuccio Nenolo, mein teurer Pfleger!« – Nenolo hob den Jüngling auf, schloß ihn in seine Arme und sprach dann mit sanfter Stimme: »Wohl bin ich Bertuccio Nenolo, den du vielleicht auch in dem Meeresgrunde[496] begraben glaubtest und der erst seit kurzer Zeit der schmählichen Gefangenschaft des wilden Morbassan entgangen; Bertuccio Nenolo, der dich aufnahm und der nicht ahnen konnte, daß die unvernünftigen Diener, die Bodoeri abschickte, als er das ihm verkaufte Landhaus in Besitz nehmen wollte, dich hinausstoßen würden aus dem Hause. – Verblendeter Jüngling! du stehst an, die Waffen zu ergreifen gegen eine despotische Kaste, deren Grausamkeit dir den Vater raubte? – Ja, gehe hin in den Hof des Fontego, es ist deines Vaters Blut, dessen Spuren du noch schauen kannst auf den Steinen des Bodens. Als die Signorie den deutschen Kaufleuten das Kaufhaus, welches du unter dem Namen des Fontego kennst, übermachte, wurde jedem, dem man Gemächer einräumte, verboten, die Schlüssel bei der Abreise an sich zu behalten, er mußte sie bei dem Fontegaro lassen. Diesem Gesetz hatte dein Vater entgegengehandelt und war schon deshalb schwerer Strafe verfallen. Als nun aber bei der Rückkunft des Vaters die Gemächer geöffnet wurden, fand sich unter seinen Waren eine Kiste venezianischer falsch ausgeprägter Münzen. Vergebens beteuerte er seine Unschuld, es war nur zu gewiß, daß irgendein hämischer Teufel, vielleicht der Fontegaro selbst, die Kiste hineingebracht hatte, um deinen Vater zu verderben. – Die unerbittlichen Richter, mit dem Beweise, daß die Kiste in deines Vaters Gemächern gefunden, zufrieden, verurteilten ihn zum Tode! – Auf dem Hofe des Fontego wurde er hingerichtet. – Auch du wärst nicht mehr, wenn die treue Margarete dich nicht rettete. – Ich, deines Vaters treuster Freund, nahm dich auf; damit du dich der Signorie nicht selbst verraten möchtest, verschwieg man dir deines Vaters Namen. – Aber nun, nun, Anton Dalbirger, nun ist es Zeit, nun ergreife die Waffen und räche an den Häuptern der Signorie den schmählichen Tod deines Vaters.« Antonio, vom Geist der Rache beseelt, gelobte den Verschwornen Treue und unbezwingbaren Mut. – Es ist bekannt, daß der Schimpf,[497] den Bertuccio Nenolo von dem über die Seerüstungen gesetzten Dandulo, der ihm bei einem Streit ins Gesicht schlug, erfahren, ihn bewog, mit dem ehrgeizigen Schwiegersohn sich wider die Signorie zu verschwören. Beide, Nenolo und Bodoeri, wünschten dem alten Falieri den Fürstenmantel, um selbst mit ihm zu steigen. – Man wollte (so war der Plan der Verschwornen) die Nachricht ausbreiten, die genuesische Flotte liege vor den Lagunen. In der Nacht sollte dann die große Glocke auf dem Markusturm gezogen und die Stadt zu erdichteten Verteidigungen gerufen werden. Auf dieses Zeichen sollten die Verschwornen, deren Anzahl beträchtlich und durch ganz Venedig verbreitet war, den Markusplatz besetzen, sich der Hauptplätze der Stadt bemächtigen, die Häupter der Signorie ermorden und den Dogen als souveränen Herzog von Venedig ausrufen. Der Himmel wollte aber nicht, daß dieser Mordanschlag gelingen und die Grundverfassung des bedrängten Staats durch den alten, von Stolz und Übermut entflammten Falieri in den Staub getreten werden sollte. Die Versammlungen auf der Giudekka in Falieris Hause waren der Wachsamkeit des Rats der Zehen nicht entgangen, aber unmöglich blieb es, etwas Gewisses zu erfahren. Da rührte einen der Verschwornen, einen Pelzhändler aus Pisa, Bentian geheißen, das Gewissen, er wollte seinen Freund und Gevatter, den Nicolao Leoni, der im Rate der Zehen saß, vom Untergange retten. In der Abenddämmerung begab er sich zu ihm und beschwor ihn, in der Nacht nicht das Haus zu verlassen, es möge auch geschehen, was da wolle. Leoni, von Argwohn ergriffen, hielt den Pelzhändler fest und erfuhr, als er in ihn drang, den ganzen Anschlag. In Gemeinschaft mit Giovanni Gradenigo und Marco Cornaro berief er nun den Rat der Zehen nach St. Salvator, und von hier aus wurden in weniger als drei Stunden Maßregeln ergriffen, die alle Unternehmungen der Verschwornen im ersten Aufglimmen ersticken mußten.[498]

Dem Antonio war es aufgetragen, mit einem Trupp nach dem Markusturm zu gehen und die Glocken anziehen zu lassen. Sowie er hinkam, fand er den Turm stark besetzt von Arsenaltruppen, die, als er sich nahen wollte, mit Hellebarden auf ihn eindrangen. Von plötzlichem Todesschreck ergriffen, stäubte sein Haufen auseinander, er selbst entwischte in der Dunkelheit der Nacht. Dicht hinter sich hörte er Tritte eines Menschen, der ihm nachsetzte, er fühlte sich er griffen, schon wollte er den Verfolger niederstoßen, als er bei einem plötzlich aufschimmernden Licht den Pietro erkannte. »Rette dich,« rief dieser, »rette dich, Antonio! in meine Gondel, es ist alles verraten – Bodoeri – Nenolo – sind in der Gewalt der Signorie – die Tore des herzoglichen Palastes geschlossen – der Doge eingesperrt in sein Gemach – wie ein Verbrecher bewacht von seinen eignen treulosen Trabanten – fort, fort.« – Halb sinnlos ließ sich Antonio hineinschleppen in die Gondel. – Dumpfe Stimmen – Klirren der Waffen – einzelne Angstrufe – dann trat mit der tiefsten Finsternis der Nacht lautlose schauerliche Stille ein. Am andern Morgen erblickte der von Todesschrecken zermalmte Pöbel das entsetzliche Schauspiel, das jedes Blut in den Adern gerinnen machte. Der Rat der Zehen hatte noch in derselben Nacht das Todesurteil über die Häupter der Verschwornen, die ergriffen worden, gefällt. Erdrosselt wurden sie auf dem kleinen Platze zur Seite des Palastes von der Galerie herabgelassen, wo der Doge sonst den Feierlichkeiten zuzuschauen pflegte – ach! wo Antonio vor der holden Annunziata schwebte, wo sie von ihm den Blumenstrauß empfing. – Unter den Leichnamen befanden sich Marino Bodoeri und Bertuccio Nenolo. Zwei Tage nachher wurde der alte Marino Falieri von dem Rate der Zehen verurteilt und auf der sogenannten Riesentreppe des Palastes hingerichtet. –

Wie bewußtlos war Antonio umhergeschlichen, niemand griff ihn an, denn niemand kannte ihn als einen der Verschwornen.[499] Als er des alten Falieri graues Haupt fallen sah, da fuhr er auf, wie aus schwerem Todestraum. – Mit dem Schrei des wildesten Entsetzens – mit dem Ausruf: »Annunziata!« stürzte er in den Palast, durch die Galerien. – Niemand hielt ihn auf, die Trabanten starrten ihn an, wie betäubt von dem Fürchterlichen, das sich soeben zugetragen. Die Alte hinkte ihm entgegen, laut jammernd und klagend, sie ergriff seine Hand, noch einige Schritte, und er trat mit ihr in Annunziatas Gemach. Da lag die Arme entseelt auf den Polstern. Antonio stürzte hin zu ihr, er bedeckte ihre Hände mit glühenden Küssen, er rief die Geliebte mit den süßesten, zärtlichsten Namen. Da schlug sie die holden Himmelsaugen langsam auf, sie sah Antonio – erst war es, als müsse sie sich auf ihn besinnen, doch plötzlich raffte sie sich auf, umschlang ihn mit beiden Armen, drückte ihn an ihre Brust – benetzte ihn mit heißen Tränen – küßte seine Wangen – seine Lippen. »Antonio – mein Antonio – ich liebe dich unaussprechlich – ja es gibt noch einen Himmel auf Erden! – Was ist des Vaters – des Oheims – des Gatten Tod gegen die Seligkeit deiner Liebe – o laß uns fliehen – von dieser blutigen Mordstätte!« – So rief Annunziata, zerrissen von dem bittersten Schmerz und der glühendsten Liebe. Unter tausend Küssen, unter tausend Tränen schwuren sich die Liebenden ewige Treue, sie vergaßen die furchtbaren Ereignisse der schrecklichsten Tage, den Blick von der Erde abgewandt, schauten sie auf in den Himmel, den ihnen der Geist der Liebe erschlossen. Die Alte riet, nach Chiozza zu fliehen, Antonio wollte dann zu Lande in umgekehrter Richtung weiter herauf nach seinem Vaterlande. Freund Pietro verschaffte ihm eine kleine Barke, die an der Brücke bei der hintern Seite des Palastes angelegt wurde. Eingehüllt in tiefe Schleier, schlich Annunziata, als es Nacht worden, mit dem Geliebten, von der alten Margareta, die in der Kapuze reiche Juwelenkästchen trug, begleitet, über die Treppen hinab. Unbemerkt[500] kamen sie an die Brücke, stiegen sie hinein in die Barke. Antonio ergriff das Ruder, und fort ging es in schneller rüstiger Fahrt. Wie ein fröhlicher Liebesbote tanzte der helle Mondesschimmer auf den Wellen vor ihnen her. Sie waren auf hoher See. Da begann es seltsam zu pfeifen und zu sausen in hoher Luft – finstere Schatten kamen gezogen und hingen sich wie dunkle Schleier über das leuchtende Antlitz des Mondes. Der tanzende Schimmer, der fröhliche Liebesbote, sank herab in die schwarze Tiefe voll dumpfer Donner. Der Sturm erhob sich und jagte die düstern, zusammengeballten Wolken mit zornigem Toben vor sich her. Hoch auf und nieder flog die Barke. »O hilf, o Herr des Himmels!« schrie die Alte. Antonio, des Ruders nicht mehr mächtig, umschlang die holde Annunziata, die, von seinen glühenden Küssen erweckt, ihn mit der Inbrunst der seligsten Liebe an ihren Busen drückte. »O mein Antonio! – o meine Annunziata!« So riefen sie, des Sturms nicht achtend, der immer entsetzlicher tobte und brauste. Da streckte das Meer, die eifersüchtige Witwe des enthaupteten Falieri, die schäumenden Wellen wie Riesenarme empor, erfaßte die Liebenden und riß sie samt der Alten hinab in den bodenlosen Abgrund! –


Als der Mann im Mantel auf diese Weise seine Erzählung geendet hatte, sprang er schnell auf und verließ mit starken raschen Schritten das Zimmer. Die Freunde sahen ihm stillschweigend und ganz verwundert nach, dann traten sie aufs neue vor das Gemälde. Der alte Doge schmunzelte sie wieder an in törichtem Prunk und faselnder Eitelkeit, aber als sie nun der Dogaressa recht ins Antlitz schauten, da gewahrten sie wohl, wie die Schatten eines unbekannten, nur geahnten Schmerzes auf der Lilienstirn lagen, wie sehnsüchtige Liebesträume unter den dunklen Wimpern hervorleuchteten und um die süßen Lippen schwebten. Aus dem fernen Meer, aus den duftigen Wolken, die San Marco einhüllten, schien die feindliche Macht Tod und[501] Verderben zu drohen. Die tiefere Bedeutung des anmutigen Bildes ging ihnen klar auf, aber auch alle Wehmut der Liebesgeschichte Antonios und Annunziatas kehrte, sooft sie das Bild auch noch anblicken mochten, wieder und erfüllte ihr innerstes Gemüt mit süßen Schauern.[502]

Quelle:
E.T.A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 3, Berlin 1963, S. 445-503.
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