Scena I.

[17] Degenwerth. Friedlieb. Reinart. Wolrath. Warner. Leuthülff. Christman. Gottlieb.


DEGENWERTH.

Herr Doctor lieber sagt mir doch,

Solt auch ein Fürst itzt leben noch

Im heiligen Römischen Reich,

Der an weißheit vnserm sey gleich?

FRIEDLIEB.

Lieben Junckern, auff ewer frag

Mit warheit ich also viel sag:

Das wir einen Landsherren habn

Geziert von Gott mit hohen gabn.

Dem solln wir dancken früh vnd spat

Der aus Gnaden jhn geben hat.

Dann freilich ists ein wolthat groß,

Nicht außzusprechn mit worten blos,

Wann Gott Regenten from vnd klug

Einm Lande gibt, wie wir mit fug

Rühmen können: doch will hiemit

Ander' Fürstn ich verachten nicht.

DEGENWERTH.

Wollen wir vnsern stand recht führn,

So will sich auch das nicht gebührn.

REINART.

Man soll billich hohe Personn

Mit böser nachred gar verschonn.

Dann ein verleumbder ist nicht werth

Das an die seit er gürt' ein schwerdt,

Viel weiniger führ Schilt vnd Helm.

DEGENWERTH.

Verleumbder sindt Godtlose Schelm:

Man solt sie an die Beum forth henckn

Oder im Sack ins wasser senckn.

FRIEDLIEB.

Vnd die sie gern hörn, vnd forth gleubn,

Den solt man beid' ohren auffkleubn.

DEGENWERTH.

Ey recht, recht: da kompt der Cantzler,

Deßgleichcn der Hoffprediger,

Auch Fürstlicher Gnaden Medicus[17]

Dazu der Secretarius.

Dieselben muß ich auch drumb fragn,

Sie werdn vns wol ihr' meinung sagn.

WOLRATH.

Was ist der Junckern ist begehr?

DEGENWERTH.

Ihr Herren sagt doch ohn beschwer:

Lebt auch ein Fürst im Römschen Reich

Der vnserm Hertzogen sey gleich

An frömmigkeit,

Oder weißheit?

WOLRATH.

Warlich wir habn einn frommen Herrn,

Der sein' Vnterthan nicht thut beschwern:

Der mit weißheit vnd hohm verstand

Löblich regieret Leut vnd Land.

WARNER.

Wir habn einn Fürsten from vnd weiß.

LEUTHÜLFF.

Ja billich gibt man jhm den preiß.

CHRISTMAN.

Wer verkleinert jhr' Fürstlich Gnad,

Derselb wenig witz vnd ehr hat.

LEUTHÜLFF.

Gott erhalt sie lang zeit gesund.

WARNER.

Darumb zu bitten alle stund,

Wir schüldich sind im gantzen Land.

REINART.

Thet man das nicht, das wehr groß' schand.

WARNER.

War das nicht ein' Gottseelig red,

Die er itzt vber Tische thet,

Zu Ludovico Galliae

Delphino? welchem thut sehr weh,

Das er seins Vaters zorn cedirn

Vnd in der frembd muß exulirn,

Darüber hertzlich seufftzet, klagt,

Vnd sich mit sorgen offtmahln plagt.

Wie fein wüst er aus Gottes wort,

Wie Christlich jhn zu trösten forth?

Wie herlich Spruch er allegirt?

Wie artig er sie applicirt?

FRIEDLIEB.

Ja das ist war, Ehrwürdigr Pater[18]

WARNER.

Vntr andern sagt der from Lands Vater:

Wir sind hie alle Exules,

Viatores vnd Hospites,

Humana vita est somnium.

All Herligkeit, Macht, Pracht, Reichtum,

Im huy vnd augenblick verschwind,

Wie der Rauch getrieben vom Wind.

WOLLRATH.

Hett das Thales Milesius

Geredet, oder Pittacus:

Von Corinthen Periander,

Odr aus Griechenland ein ander:

Hett es gesaget Cicero,

Odr der großmütig Scipio,

Man hielts für ein oraculum

Vnd Göttliches Eloquium.

GOTTLIEB supervenit, à Principe missus.

Mit euch, Herr Doctor, Fürstlich' Gnad

Daroben was zu reden hat.

FRIEDLIEB.

Ich kom alsbalt.


Abit.


GOTTLIEB ad reliquos.

Weils itzt nicht kalt,

Will der Fürst sich zu recreirn

Ein weinig in die Stadt spaciern.

Des Königs Sohn aus Franckenreich

Ludwig, wird mitgehen zugleich.

Darumb verthut euch nicht zu weit,

Auff das jhr alle seid bereit,

Fürstliche Gnad zubeleiten,

Es kom zu gehn oder reiten.

Er Warner, jhr seidt schwach vnd alt,

Mit euch hats viel ein ander gstalt:

Der löblich Fürst, mein gnedigr Herr,

Thuts nicht zu leid seinm Beichtvater,

Das et zu fuß solt einher trabn,

Dazu hat er Lackein vnd Knabn:

Geht jhr zu bett in Gottes nahmn.

WARNER.

Der füeg vns gsund wider zusamn.


Quelle:
Ludwig Hollonius: Somnium Vitae Humanae. Berlin 1970, S. 17-19.
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