Zweiter Auftritt.

[173] Ehrenthal. Gustav.


GUSTAV ohne seinen Vater zu bemerken, ruft Dörthe nach. Ungeschickte, plumpe Person!

EHRENTHAL. Ich dachte, Du solltest mich begrüßen, aber Du zankst lieber mit dem armen Mädchen.

GUSTAV eilt auf ihn zu. Ach, mein theurer, guter Vater! Endlich einmal! Ei, wie lange haben Sie sich nicht sehen lassen! Sollte man doch glauben, Ihr Landgut läge in einem fremden Lande!

EHRENTHAL. Meinst Du, daß es so nahe ist?

GUSTAV lächelnd. Ich denke, in ein paar Stunden ist man dort.

EHRENTHAL. Das weißt Du? und kamst doch nicht, Deinen Vater zu sehen? Nun, die Zeit muß Dir nicht lang geworden sein. – Es ist ein Jahr her, daß wir uns nicht sprachen.

GUSTAV. Lieber Vater, meine Frau ist nicht dazu zu bringen, daß sie Berlin verließe.

EHRENTHAL. Und Du bist ein zu zärtlicher Ehemann, um Dich auch nur auf ein paar Tage von ihr zu trennen? Sei deshalb nicht verlegen. Hefte die Augen nicht an den Boden. Darüber brauchst Du Dich nicht zu schämen, es bringt Dir Ehre. Nach fünf, sechs Jahren einer ehelichen Verbindung pflegen diese zarten Empfindungen[173] sonst wohl zu verfliegen, besonders in der Residenz. Desto schöner, daß Ihr eine Ausnahme macht.

GUSTAV ihn umarmend. Vater, Sie verhöhnen mich!

EHRENTHAL. Du bist nicht glücklich! – Vermeidest Du deshalb meine Nähe, mein Gespräch? Ich könnte Dich tadeln über solchen Mangel an Vertrauen; aber ich lobe Dich. Es ist nicht edel, wenn der Mann, über seine Frau zu klagen, wie ein Kind zu den Eltern läuft und jammert. Ich lobe Dich über Dein Schweigen. Doch ein Mensch in Deinen Jahren hat mit dem Schweigen noch nicht genug gethan, er muß auch handeln.

GUSTAV. Die Hände sind mir gebunden. Amélie erhält unser kostspieliges Hauswesen; sie hat aus eignen Mitteln meine früheren Schulden bezahlt; ich bin abhängig von ihr. Was sollt' ich thun? was unternehmen?

EHRENTHAL. Ich weiß, ich weiß. Einem Amte bist Du nicht gewachsen, wenn man Dir wirklich eines geben würde. Das kommt von der plötzlichen Wendung Deiner Lebens-Laufbahn, die ich von Anbeginn unüberlegt fand. Für's Dorf warst Du erzogen, für das Landleben gebildet, Du hattest gelernt, was ein tüchtiger Landwirth wissen muß; Du warst heimisch in diesem Kreise, bestimmt, die Freude, die Stütze meines Alters zu werden. Da führt Dich ein unseliges Geschick in die Nähe jener Frau: Gattin eines alten, kranken, überreichen Mannes. Deine Jugend, Deine Gestalt, Dein natürlich feines Wesen fesseln sie an an Dich. Du kommst, ganz Feuer und Flamme, ganz verwandelt zu mir zurück. Unser enges Thun und Treiben, Dein Beschränkter Wirkungskreis genügen Dir[174] nicht mehr. Du hast nichts im Sinne, als Stadtleben, Glanz, Vergnügungen, Liebe – Deine Dame wird Wittwe, Erbin – sie reicht Dir die Hand; und diese Hand, die so freigebig sich öffnete, ehe sie die Deine war, die so warm und innig Dich drückte – diese Hand hält Dich nun fest, – sie drückt noch, aber in einem andern Sinne.

GUSTAV. Bester –

EHRENTHAL. Lasse mich ausreden. Ich spreche selten, habe fünf Jahre geschwiegen, gönne mir fünf Minuten. Deine Frau will ich nicht anklagen in ihrem Verhältnisse gegen Dich. Aber zu den Verwandten ihres Mannes steht sie nicht edel da. Er hat einen Bruder zurückgelassen –

GUSTAV. Einen schleichenden, scheinheiligen, gemeinen –

EHRENTHAL. Gleichviel! Einen Bruder. Einen Bruder obenein, der schon früher bei der Theilung zu kurz kam, vom Vater zurückgesetzt worden war, mit Unrecht. Kann sich nicht eben aus jener ungerechten Zurücksetzung sein jetziges Wesen entwickelt haben? Diesem Bruder hatte der erste Mann Deiner Frau, bei steter Krankheit und stündlich erwartetem Tode eine großem Erbschaft versprochen. Er heirathete Amélie –, sie erschlich ein neues Testament – ihr Schwager ging ganz leer aus. Das ist ein Fleck, ein garstiger Fleck. Und Du lebst nun von ihrer Gnade, von dem Vermögen, welches sie durch Lug und Trug erworben, – denn daß sie den seligen Lämmlein nicht lieben konnte, wird sie selbst gestehen müssen. So verlorst Du die Freiheit, die Würde des Mannes mit Deiner Unabhängigkeit,[175] so mußtest Du ihre Achtung verlieren, nachdem Du die eigne vor Dir selbst nicht mehr behaupten konntest.

GUSTAV. Ich habe nichts Unwürdiges gethan, noch erduldet, und eher wollte ich mein Leben verlieren, als meine Ehre.

EHRENTHAL. Das sind schöne Worte mit dunklem Sinne, wenn sie gar noch einen Sinn haben. Ich glaube wohl, daß Du im Stande wärest, Dich zu trennen, ehe Du öffentlich den Pantoffel küßtest. Aber Amélie ist viel zu klug, dies öffentlich zu verlangen. Was zwischen Euch geschieht, das geschieht so heimlich, daß Du selbst vielleicht bisweilen im Irrthum bleibst. Ja, daß ich zum Schlusse meiner Predigt das Härteste sage: sie hätte Dir schon längst den Laufpaß geschrieben, wenn Euch das Kind nicht bände. Und deshalb weiß ich nicht: soll ich es ein Glück, soll ich's ein Unglück nennen, daß Gott Euch dies Kind gegeben?

GUSTAV. O, welch' ein Glück! An diesem Kinde hängt mein Leben, meine Hoffnung, mein ganzes Sein. Dies Kind ist meine Freude und mein Trost. Nein, Vater, ich bin nicht unglücklich, Amélie ist es nicht, wir Beide finden uns immer wieder: in unserm Sohne.

EHRENTHAL. Und wenn der, der ihn Euch gab, ihn nähme?

GUSTAV. Schrecklich! Fürchterlich!

EHRENTHAL. Wie dann? Höre, Freund, es ist gut, daß man seine Kinder liebe, es ist billig, menschlich, ja vielleicht um so menschlicher, weil immer ein bischen Selbstliebe[176] mit im Spiel ist. Aber sein ganzes Herz an ein Kind zu hängen, sich selbst daran zu hängen und sein Leben, das ist frevelhaft! Du bist mein Einziger auch, und ob ich Dich liebe –

GUSTAV an seinem Halse. Vater!

EHRENTHAL. Aber wenn Dich der Tod morgen fortrafft, darf ich nicht sagen, er habe mich fortgerafft. Ich behalte, so lang' ich noch kräftig bin und thätig sein kann, meine Stelle im Leben, meinen Platz im Staate, meinen Beruf, sei er noch so beschränkt. Ich bin ich selbst; mein Sohn ist ein Theil von mir, aber er ist nur ein Theil. Du, Gustav, weil Du nichts in der Welt bist, treibst, förderst, Du fühlst eine Leere, ein Sehnen – diese Lücken füllt das Kind aus. Du bist nur Vater, und deshalb würdest Du nichts sein, wenn man Dir das Kind nähme.

GUSTAV. Wollen Sie mich vernichten? mir auch diesen Trost noch rauben?

AMÉLIE erscheint in der Seitenthüre.

EHRENTHAL. Ich will Dich aufrütteln! Noch ist es Zeit! Noch bist Du ein rüstiger Mann. Nun, so ermanne Dich! Amélie muß Dich hören, Dir recht geben. Stell' ihr Alles vor; sag' ihr, daß Du fühlst, wie Du ihr zur Last werden müßtest, da Du Dir es selbst schon bist. Ford're Geld von ihr; kauf' ein ländliches Besitzthum; je weiter von der Stadt, je vernachlässigter, desto besser! Wirf Dich mit aller Kraft hinein; baue, reiße nieder, pflanze und arbeite. Die Erinnerungen Deiner Kindheit werden wieder erwachen, Du wirst Dich in Eurem Sohne wieder finden![177] Ihm werden Deine Anlagen Früchte verheißen; für ihn etwas zu thun, wird Dich beglücken – und Amélie muß es Dir danken.


Quelle:
Karl von Holtei: Theater. Ausgabe letzter Hand in sechs Bänden, Band 1, Breslau 1867, S. 173-178.
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