Erster Akt


[461] Arbeitszimmer des Herrn Fiebig. Großer, behaglich ausgestatteter Raum. An den Wänden eine Lithographie Virchows und verschiedene Öldruckbilder: eine badende Nymphe, Schweizer Landschaften und ähnliches. Rings Glasschränke und Regale mit Büchern. Auf den Stühlen sogenannte Prachtwerke. Ein riesiger Globus und eine Büste von Schiller aus ganz gelb gewordener Elfenbeinmasse. Dicke, nicht zu teure Teppiche. Großes, buntes Paneelsofa, auf dessen Etagere allerhand Nippes: die Torwaldsenschen drei Grazien aus Biskuit, ein imitierter Talerkrug, ein Straußenei, Dürers Geburtshaus aus Pappe, ein Apfel auf einem Glasschälchen, mehrere zum Teil irisierende Spitzgläser und ein chinesisches Kaffeetäßchen.[461] In der Mitte des Zimmers ein großer viereckiger, schön geschnitzter Eichentisch, der etwas von dem kleinbürgerlichen Stil des übrigen absticht. Zwei Türen, von denen eine im Hintergrund. Herr Fiebig ganz vorn rechts in seinem Lutherstuhl vor dem Schreibtisch, der in der üblichen degenerierten Renaissance gehalten ist. Nicht weit von ihm, auf dem Sofa, Herr Hahn. Überzieher, kleiner steifer Hut auf den Knien.


FIEBIG. Ja, wissen Se, det stimmt. Se ham an de richtje Quelle jekloppt. Beziehungn zu de Presse hab'k ne janze Menge. Fümwunzwanzich Jahre sitz ick hier nu schon in Sattl. Det erste, verstehn Se, wah mein jroßet Epos »Frankreichs Maul un Deutschlands Faust«. Sind bloß de erstn zwee Jesänge rausjekommn. Verschiednes draus is je populär gewordn. Wissn Se, aus de Belagrung vor Paris. Se feiern je jrad det Jubeläum jetz. Plötzlich total veränderter Tonfall. Wie ein altes, verstimmtes Spinett. Abgehackt.


Die Soldatn schwelchn

in den Sanftfotelchn.


Kaiser Friedrich hat mer dreißich Daler jeschickt. Bismarck jab nischt. Bloß, Ha Hahn – Nimmt das Manuskript, das vor ihm auf dem Schreibtische liegt, und wirft es wieder auf die Platte zurück. – offn jestandn, ick würde Ihn janich ratn, det schon jetz druckn zu lassn. Ihn kennt ja noch keener. Jleich son Band Jedichte von son unbekanntn Menschn, wer kooft dn det? Sehn Se Doktor Jehrkn an. Se kenn doch Doktor Jehrkn?

HAHN. Ach, Herr Fiebig, das ist der, der da immer in den Volksversammlungen und in der freireligiösen Gemeinde ...?

FIEBIG. Nu, sehn Se, den kennt jeder. No, un wie is den jejangn? Det kann'k Ihn sagn: Ihre Sachn sind ja janz jut. Wissn Se, »Lieder eines Schmetterlings«, dets n Titl. Schmetterling is ne poetische Fijur, un »Lieder eenes Schmetterlings«, dets ohrjenell. Könn Se sagn, wat Se[462] wolln. Bloß: »Lieder eenes Ibermenschn« ...? De janze Welt redt jetz von Ibermenschn! Nitschkn ham Se doch jelesn?

HAHN schweigende Zustimmung.

FIEBIG. Nu ja, sehn Se. Un jekooft is Jehrke ooch nich! Mein Freund Werner hat n jedruckt. De janze Uflage hatter noch ufn Halse. Abber ick wer Ihn wat sagn. Wer macht dn heit alles. De Zeitungn! Der »Lokalanzeijer«! Versuchn Se doch mal. Schickn Se doch in. Se könn sich ja uf mir berufn. Scherln hab'k mal bei Aschingern jesehn. Jehrke hats ooch so jemacht. Der hat iberall drin jestandn. In »Vorwärts«, int »Quellwasser fors deutsche Haus«, in »Pahn«, wat weeß ick. Abber den hat det natierlich nischt jeholfn. Der Mann hat zu ville Jejner, verstehn Se. Ick wer doch nich von mein Jejner n Buch koofn? Jehn Se doch mal ran zum »Pahn«. Wer in »Pahn« drin steht und in »Lokalanzeijer«, hat allns. Der hat det Volk un der hat die obern Zehndausnd.

HAHN. Ja, fortgeschickt hab ich schon viel, Herr Fiebig. Auch ans Deutsche Dichterheim. Da muß man abonniert sein, wenn man aufgenommen wird. Aber die wolltens erst im nächsten Quartal bringen.

FIEBIG. So ... Na, wat ham Se dn injeschickt?

HAHN aufgestanden und halb über das Manuskript gebeugt, in dem er nachblättert. Hier, das letzte, Herr Fiebig. »Schmetterlings Tod«.

FIEBIG. »Schmetterlings Tod«. Det hat mir jefalln. Wissen Se: wie Se so iber det Wasser fliejn und so in ihrn eijnen Spiejelbild die wiederjefundne Jeliebte zu sehn jlaubn und denn so mit die nassn Fliejl int Wellnjrab sinkn ... det sollt Ihn mal erst eener nachmachn! Wissn Se, dets Trajik. So is det Leben! Nu ... na ... unne ... ham set dn nu jedruckt?

HAHN. Nein. Sie hatten immer son Raummangel. Aber ich glaube, das war bloß Ausrede.[463]

FIEBIG. Die Brieder! Na, un det Abbonnemang ham Se doch nu ufjesteckt?

HAHN. Nein. Ich dachte, vielleicht bringen sie denn mal was andres.

FIEBIG. Nu ja, sehn Se, denn sind Se je schon ufn rechtn Weje. Jloobn Se, Firrchohn is mit een Dage jroß jewordn? Den hattn se ooch zuerst nach Schlesjen geschickt. Da hatter n Hungertypus entdeckt! Wie alt sind Se dn nu eijntlich?

HAHN verschämt. Einundzwanzig.

FIEBIG. Eenunzwanzich? Wissen Se, wie ich so alt wah, da stand ick noch an Setzerkastn. Na un heite? Kieken sich mal um! Rechen sich man bloß mal die Biecher zusammn. Allns von Kampmeiern. So ville hat meine Frau ooch nich jehappt. Det hab ick allns meine Dichterei ze verdankn. Sie arbeetn je nu so mehr fier de Unsterblichkeit, verstehn Se! Wat ick hier habe, det is ja man bloß sone poetische »Blechschmiede«. Ick mach in poetschen Duft und in drastschen Humor. Abber't brinkt wat in, wissn Se. Ick hab de feinste Kundschaft in Bellin, der Hof bestellt bei mir. Wenn Se jestern um die Zeit jekomm währn, uf den Platz da, wo Se jetz sitzn, hat de Frau Kommerzjenrat Oppenheim jesessn. Se kenn doch Oppenheim? Hier jleich n paa Heiser weiter in de Potzdamer. Ick kann Ihn sagn: schönnste Frau von Bellin! Jetz mach'k vor Lohse n Blumenmärchen. No ... Bückt sich und holt unterm Schreibtisch eine Gilkaflasche vor. Trinkt und reicht Herrn Hahn, ihn starr ansehend, die Flasche. Na, nehmen Se doch. Brauchn sich nich zu scheniehrn. Die hab'k hier immer zu stehn. Reicht die janze Woche.

HAHN. Danke, oh, danke schön, Herr Fiebig. Trinkt und verschlückert sich.

FIEBIG lachend. Sehn Se? Det will ooch jelernt sind, det aus die Pulle trinkn. Det hab'k allns noch aus de Setzerzeit. Jloobn Se, ick trinke Bier ausn Jlas?

HAHN. Ist denn das aber nicht unbequem?[464]

FIEBIG. I, wer sacht Ihn dn det? Ist halb aufgestanden und kramt auf dem Schreibtisch. Wissn Se, ick mecht Ihn noch jern n Ziehjahn anbietn. Se roochn doch?

HAHN geschmeichelt. O, danke schön, Herr Fiebig.

FIEBIG. Sonst, Se wissn ja, dets hier mein Jeheimtresor. Ick jeb Ihn jern. Ufn Ziehjahn kann mir det doch nich ankommn? Bloß ick seh hier, Spredowskn is dajewesn! Ick bin total ausjemist. Hat sich wieder gesetzt. Abber wissn Se, um uf die Sache zurückzukommn ... wieviel wah't dn?

HAHN. Viertausend Mark, Herr Fiebig.

FIEBIG. Fierdausend Mark, dets n janzer Klumpatsch. Soh ..., no ... un hat Ihn denn der Vormund det Jeld schon ufn Disch jeleecht?

HAHN. Ja ... nuhe ... Herr Weiß hat mir Papiere gegeben. Sucht in der Tasche.

FIEBIG erstaunt. Ja, jehn Se dn immer mit die Dinger spaziern?

HAHN. Entschuldigen Sie, Herr Fiebig. Ich ... komme eben von Herrn Weiß.

FIEBIG. So, nu ... no! Denn is det wat anders. Na, denn zeijn Se mal her dn Krempl. Nimmt seine Stahlbrille vom Tisch, hält sie verkehrt vor und streckt die Papiere weit von sich. Anerkennend. Det sin ja Konsols. Keene Arjentienjer. Sicher sind se ja. Und det is schon immer wat wert bei die Zeitn. Aber se bringen nischt. Von de Zinsn, Ha Hahn, könn Se nich leben. Legt die Brille vorsichtig zur Seite, breitet die Papiere vor sich hin und schlägt zurückgelehnt mit der flachen Hand auf sie. Nu, horchn Se mal! Kleine Pause. Wie alt is die alte Dame in de Lienjenstraße? Hoch in de Sipptzjer. De Influenza kommt alle Jahr her. Lange macht se't nicht mehr. Wat is son Haus in die Jejend wert ohne Schuldn? Achtzichdausnd jibt alleene de Feierkasse. Ihre Zukunft ham Se in de Tasche. Nu, wissn Se, nu nehm Se mal die fierdausnd Mark un lassen Se mal Ihre Jedichte fors erste noch nich druckn. Allns, verstehn Se, in Leben kommt uf den richtjn Moment[465] an. Un jetz, Ha Hahn, is det der Moment, det Se sich eene Existenz jrindn mit de fierdausnd Mark, auch ohne Ihre Zukunftsmusik. Jetzt zeijn Se die Leute, wat Se forn Kerl sind. Sehn se, aus Ihre Jedichte hier – Schlägt auf das Manuskript. – jeht doch vor, det Se sich wat zutraun. Traun sich doch wat zu! Machn Se ne Zeitung uf! Ne Wochenschrift! Beste Kaptalanlage heut. Wat meen Se, so alleene der Bahnhofsverkauf. Doktor Jehrken kenn Se, Wilhelm Werner is n oller Duzbruder von mir, na, un wat an mir liecht, uf mir könn Se ooch zehln. Wat sagen Se nu?

HAHN selig. Ach, Herr Fiebig!

FIEBIG. Nu ja: fuschen Se doch mal de siebnte Jroßmacht int Handwerk!

HAHN. Ja, ich weiß nicht, Herr Fiebig, ich ...

FIEBIG. Ja, nu, wenn Se nich wolln?

HAHN. Oh, ich möchte ja gerne, Herr Fiebig, aber ...

FIEBIG. Abber, Ha Hahn, ick bitt Ihn! Det is ja allns janz natierlich un selbstverständlich. Alleene machn Se't nich. Det weeß ick. Ick würde Ihn ja det ooch janich ratn ohne mir. Für de erste Nummer ham Se jleich wat. Verstehn Se: mein »Weltunterjank«! Ick ham noch nich fertich. Se wissn ja, bei mir is det immer so: wat bestellt witt, witt gemacht! Bestelln Se n doch bei mir! Bezahlt will'k janich hamn. Brauchn Se jar nich zu jloobn. Ick will man bloß mal wieder vort jroße Publikum treten.

HAHN. Aber, Herr Fiebig, das würde doch niemand verlangen können; das ginge doch gar nicht.

FIEBIG. Verlangt je ooch keener. Wissn Se, stelln sich de letzte Szene vor. Wat det vor ne Wirkung macht! Letzter Jesang: Det uf diese Erde hab ick satt jekricht. Ick sitze ufn Sonnenstrahl un reite nach der Wenus. Wissn Se, janz realistisch. Wie ick so hier bin. Verstehn Se, un wie ick obn ankomme ... bums, kriej ick n Kuß. Könn sich det vorstelln?

HAHN verlegen. Oh, gewiß, Herr Fiebig![466]

FIEBIG lehnt sich zurück und sieht Herrn Hahn groß an. Schwermütig. Und wissn Se ooch, Ha Hahn, wat det denn forn Kuß wah? Pause. Hahn vor sich hin; Fiebig langsam, jedes Wort betonend. Det wah der Kuß der Erkenntnis. Nimmt ein außerordentlich großes, rotgewürfeltes Schnupftuch, das neben ihm, sauber zusammengefaltet, oben im Papierkorb gelegen hat, und legt es halb auseinandergefaltet auf den Schreibtisch. Machn Se det mal!

HAHN dem der Hut runtergefallen. Ihn wieder aufhebend. Oh!

FIEBIG. Ja, Ihrn Hut brauchn Se dabei nich zu verliern! Hat aus seiner Schlafrocktasche eine silberne Schnupftabaksdose gezogen. Nehm Se doch, Ha Hahn.

HAHN. Oh, danke, danke sehr, Herr Fiebig – Nimmt. – aber bloß n ganz kleines bißchen.

FIEBIG nimmt selber. Wissn Se? Nach die Priese hab'k zehn Jahre jesucht. Det is Kownoer mit Meijlöckchn.

HAHN niest mehrmals fürchterlich.

FIEBIG lacht. Na, Ha Hahn, Ihn merkt man ooch an, det Se keen Schnupfer sind. Ick niese überhaupt nich mehr. Ick kann ne janze Fuhre voll rinnstoppn. Wissn Se, und denn hab'k ja ooch Beziehungn zu Richard Schmidt Cabannißn? Sehn Se, da obn in de erste Reihe: »Veilchen und Meerrettig«. Scheener Titl! Hatter von mir. Wat jloobn Se, ick habe ooch meine Infälle.

HAHN. Ja, ich wollte Ihnen das schon sagen, Herr Fiebig: das mit dem Geld von der Tante. Ich glaube ... Sie is ja immer so komisch, sie glaubt, ich bin so leichtsinnig, sie sagt – Immer kleinlauter. – sie vermachts dem Hundeasyl.

FIEBIG. Na, da heert doch verschiednes uf! Un det lassn sich bietn? Ick würd nischt sagn: wennt wenichstns fer de Urahnja wär. Dets wat Wissenschaftlichet. Da 's 't Embrio von Huhn zu sehn. Man wenn ick ne olle Dame bin, enterb[467] ick doch nich mein Neffn? Ne! Nu zeijn Se't jrade. Mit ne Zeitung is schon mancher Milljonär jewordn. Strußberch ooch. Jloobn Se, der hat sein Jeld alleene mitn Viehhof jemacht? So lange, verstehn Se, wah't man Spaß. Tippt mit dem Finger auf den Schreibtisch. Nu is't Ehrensache!

HAHN. Ja, Herr Fiebig, wenn das gemacht werden soll ... dafür bin ich ja ... dann muß doch auch n Redakteur sein für die Zeitung. Ich kann doch so was noch nich machen.

FIEBIG. Ooch ... det lassn Se man meine Sorje sind. Natierlich ist det jetzt alles noch in embriojenischen Zustand. Abber, wissn Se, Se sind n Jlicksvogl. Doktor Jehrke un mein Freund Werner kommen heute zufällich alle beede her. Ick habe Ihn det noch nich sagn wolln, det wah mir peinlich, abber heut is meine Frau ihr Jeburtstach.

HAHN. Oh, Herr Fiebig, wenn ich das jewußt hätte!

FIEBIG. Nu, versteht sich, gewiß doch. Sone Frau freut sich ja immer iber wat. Is't, wat is. Braucht ja bloß n Veilchenbukett zu sin. Jetz in Winter?

HAHN. Ach, wenn ich da doch bloß dran gedacht hätte, Herr Fiebig, das tut mir furchtbar leid.

FIEBIG. Ha Hahn! Ick wer Ihn wat sagn. Nehmn Sie mir det nich übl. Se wissen ja, wie so de Fraunsleute sind. Langt unterm Schlafrock in die Hosentasche. Hier is ne Mark. Tun Se mer n Jefalln un holn Se son kleenet Bukettkn. Wissn Se, jleich hier an de Ecke. Se machn mer ne Freude.

HAHN. Aber, Herr Fiebig. Steht auf. Selbstverständlich. Sehr gern. Geht zur Tür, ohne die Mark zu nehmen. Nicht wahr, gleich hier an der Ecke, wo das Gitter is?

FIEBIG. Abber, Ha Hahn! Sie wern mir doch hier nich die Mark liejn lassn? Det is ja man bloß son Mumpitz. Ick will ja man bloß von wejen meine Frau, wissn Se. Vertraulich. Ick mach mir doch nischt draus!

HAHN. Nein, nein, Herr Fiebig, wirklich, das geht nicht. Ich bin gleich wieder zurück.[468]

FIEBIG winkt ihm vom Stuhl zu sich. Wissn Se, hier is noch ne Mark. Bringn Se ooch jleich drüben von Martinzn n paa Ziejahn mit. So, un nu nehm Se schon den janzn Kitt, und denn jehn Se. Wissn Se, unter uns Männern.

HAHN nimmt das Geld und steht noch. Na ja, Herr Fiebig, ich weiß nicht, aber, wenn Sie durchaus wollen, ich ...

FIEBIG. Ach wat, machn Se doch keene Jeschichtn. Atchee!

HAHN. Adjö, Herr Fiebig. Gibt ihm die Hand. Also fünf Minuten. Zur Tür.

FIEBIG ihm nachrufend. Sieben n halb det Stick!

HAHN. Jaja, gleich. Ich wer nicht vergessn.


Ab.

Fiebig allein, im Stuhl. Breitet voll das Taschentuch aus und schnaubt sich umständlich.


FRAU FIEBIG aus der Tür im Hintergrund; hinter ihr Anna. Wer wah dn det?

FIEBIG legt das Taschentuch sauber zusammengefaltet wieder oben auf den Papierkorb. Ach Jott, wer sollt jroß jewesn sind? Wieder son junger Mensch mit Jedichte.

ANNA. Ach Papa, das wah wohl Herr Hahn?

FIEBIG. Ach Quack! Hahn wär doch jrattuliern jekommn.

FRAU FIEBIG. Ick sag ja: Dir loofn se alle ibern Hals. Du bist ja man immer der Dumme. Wenn du dir bloß for andre Leute opfern kannst. Anjepumpt hatter dir natierlich ooch wieder?

FIEBIG. Kümmer du dir doch lieber um deine Kochteppe, ja? Ick pump iberhaupt keen wat.

FRAU FIEBIG. So. Na, un Spredowskn?

FIEBIG. Wat is hier mit Spredowskn?

FRAU FIEBIG. Dets doch keen jebillter Mann? Wenn ick n jebillter Mann bin, bin ick keen Schneiderjeselle.

FIEBIG. Haste nu bald jenuch jeredt?

FRAU FIEBIG. Ick red ieberhaupt nich. Ick möcht wissn, wat des bei dir nitzen soll? Alle Dage hat det nu hier mit seine Pockennarben uft Soffa jesessn. Sowat is for dir ja keen Umjank. Spuckt uft Pahkett und trampelt een n[469] janzen Teppich voll. Det hab'k Annan schon jesaacht: Den witt nich widder uffjemacht!

FIEBIG. Jawoll doch, und wenn nachher de soziale Revolutzjohn kommt, denn solln se dir wohl det Haus ibern Kopp ansteckn? Lehr du mich, wat Politik is!

ANNA die die Konsols entdeckt hat. Was is dn das, Papa?

FRAU FIEBIG. Wo dn?

FIEBIG die Konsols zwischen das Manuskript schiebend. Och, det is wieder so wat Lausjes von die olle Vermejenssteier. Bis in Magen sehn se een!

FRAU FIEBIG die sich unterdessen aufs Sofa gesetzt hat. Die Hände gefaltet. Heut is an bestn, eener hat ja nischt. Hat eener wat, denn nehm se't een, un hat eener nischt, denn könn se't een wenichstns nich nehmm. Wat jetz alleene widder son Jeburtstach kost? Bolln hab'k ooch noch nicht bezahlt.


Es klingelt.


FRAU FIEBIG. Jeh mal ufmachn, Anna. Un seh dn ooch jleich nachn Kaffe.


Anna ab, durch die Tür, durch die Herr Hahn gegangen ist.


FIEBIG. Hast ja heute son scheenet Kleed an. Hab'k ja noch ja nich jesehn.

FRAU FIEBIG. Jott nu, den olln Lappn trag'k doch immer.

FIEBIG. Steht dir sehr jut. Haste diesmal ooch orntlich Äppl in de Jans un nich zu wenich Meiran?

FRAU FIEBIG. Stille doch! Horch doch mal.


Vom Korridor Geräusch: »Gun Tag, gun Tag, Fräulein.« – »Bitte, legen Se ab.« – »Ach du lieber Kott, nu sehen Se bloß, Freilein, das Mallehr. Nee so was!«


FRAU FIEBIG die vom Sofa her nach der Tür gehorcht hat. Det sin Jehrkns. Die komm widder for naß.

FIEBIG Handbewegung. Die heeren ja alles!


[470] Frau Gehrke und Dr. Gehrke treten ein. Frau Gehrke mit langen Handschuhen, die sie beim Eintritt aufknöpft. Später steckt sie sie in ihren Pompadour und legt diesen neben sich auf das Sofa. Herr Fiebig bleibt sitzen. Seine Frau ebenfalls.


MEISCHEN. Achkottnee, meine liebe Frau Fiebchen, mir is noch ganz bliemerant vor de Oochen, so is mer der Schreck in de Beene gefahrn ... Denken Se sich, ähm is mer mei Benno hinden von de Färdebahn rundergefallen midden in n Schneemadsch nein ... so ä großer schdarker Mann ... Wie e gleenes Kind biste awer ooch.

FIEBIG. Um Jotts willn, Dokter, lassen Se doch mal sehn. Is doch nischt Schlimmet? Kommn Se doch mal her.

FRAU FIEBIG. Hat sich doch nischt kaputt jerißn?

GEHRKE sich das Knie säubernd. Überlegen. Oh, keineswegs, lieber Herr Fiebig. Kleiner, unbedeutender Unfall. Gebt auf ihn zu und gibt ihm die Hand.

MEISCHEN. Gucke, du Schwein, wie de widder aussiehst! 's Salz wird der noch de ghanze Hose entzwee fressn. Zu Frau Fiebig. Eene hat'r bloß!

FIEBIG. Ach wat, Frau Doktor. Maria Stuart hat ooch keene Hose jehappt, und ne jroße Könjin wah't doch!

FRAU FIEBIG. Nu quaddl doch man, ja?

GEHRKE lacht. Ist unterdessen zu Frau Fiebig getreten. Meine herzlichsten Glückwünsche, Frau Fiebig. Sie entschuldigen, daß ich sie erst so verspätet bringe.

MEISCHEN. Da soll eins auch noch wissen, wo eim der Ghopf schdeht. Bei so was is reine ghar nischt los mit mei Benno! Na, bis ibersch Jahr, meine ghute Frau Fiebchen, denn simmer widder hier! Hat sich neben sie gesetzt, nimmt das Strickzeug aus dem Pompadour und beginnt zu stricken.

FIEBIG. No, un mir jebn Se woll nich de Hand, Frau Dokter!

MEISCHEN. Ach, lassen Se mich in Ruhe, ich bin dicksch.

FIEBIG. Ja, von mein Thron bemieh'k mer nich! Ick eß un drink hier vor mein Schreibtisch.[471]

FRAU FIEBIG. Der steht bloß noch zun Schlafen uf.

GEHRKE. Ja, Frau Fiebig, ich beabsichtigte ja eigentlich, Ihnen ein kleines Blümchen mitzubringen. Aber Se sehen ja: höhere Gewalten.

FRAU FIEBIG. Jott, Herr Dokter, ick habe ja ooch uf nischt jerechent.


Glättet ihre Schürze.

Es klingelt.


FIEBIG. Elepfantenwilhelm!

FRAU FIEBIG. Ja, den kennt man schon immer ant Klingeln. Zu Meischen. Scheene Wolle. Zehfer?

MEISCHEN. Ach ja, in een weg muß mersche n anschtricken: ä frißt sei Zeig reene uf. Die Strimpe hat'r nu erscht vor ä Verteljahr gekricht!


Von draußen hört man weibliches Quietschen.


FIEBIG. Wilhelm kenn'k doch?

GEHRKE der sich unterdessen an einem Bücherregal zu schaffen gemacht, hat eine Broschüre herausgelangt in knallrotem Umschlag und liest jetzt, auf Fiebig sehend, den Titel. »Der Einbrecher.« Das ist ja in London gedruckt. Das ist wohl eine anarchistische Broschüre? Wo haben Sie denn das her?

FIEBIG. Nu, von Spredowskn. Verbotn!

GEHRKE. Das Schriftchen scheint nicht uninteressant zu sein.


Es klopft.


FIEBIG. Immer rin, Wilhelm!

WERNER eintretend. Sich zuerst noch halb umsehend. Bewegung mit den Achseln. Hände auswärts. In der einen ein eingewickeltes kleines Buch. Ick weeß nich, nach mir sind de Meechns immer janz verrickt. Jratulier ooch! Auf Fiebig zu. Moin ollt Federvieh. Schüttelt ihm derb die Hand. Orntlich Eisbeene hab ick. Scheen wahm hier. Zu Frau Fiebig. Na, ick will man nich so sind. Da nehm Se schon. Det is ja wat for sone Dichtersjattin. Gibt Meischen[472] die Hand und sieht auf den Strumpf. Von die Sorte könnt'k ooch mal n halbet Dutzend brauchn.

MEISCHEN. I, heiraten Se doch!

WERNER grinsend. Ick wer ma hietn. Unterdessen zu Gehrke, dem er die Hand wuchtig und vertraut drückt. Gehrke lächelt freundlich-verlegen.

FIEBIG zu seiner Frau. Dets doch wieder wat von Wertheim?

FRAU FIEBIG die unterdessen das Paket aufgewickelt hat. Enttäuscht. Jott, wat soll'k dn damit? Immer die olln Biecher. »Lieder eines Ibermenschn«! Det is doch nischt for mir? Dets doch man bloß wieder, det sich der Dreck druf sammelt.

FIEBIG. Nanu? Du wirst dir doch hier nich blamiern wolln? Det is doch von unsern Dokter?

FRAU FIEBIG hat das Buch verächtlich in die Sofaecke geworfen. Och, Jott!

GEHRKE. Oh, ich lege jetzt keinen Wert mehr auf die kleinen Sachen. Stammen noch aus meiner früheren Periode. Haben eigentlich nur noch literarhistorische Bedeutung.


Werner hat sich unterdessen großpratschig auf einen Stuhl gesetzt, die Hosenbeine in die Höhe gezogen und dreht die Daumen.


MEISCHEN. Das is je mei Jammer! Mei Benno is ähm zu bescheiden! Daß'r der Eerschte is, ham se damals alle geschriem. Im »Klein Schournal« hats auch geschdanden.

WERNER. Jo, de Dichter habn dn Ruhm un de Drucker habn de Kostn.


Gehrke zieht ein saures Gesicht, bringt aber nur kurz ein gequetschtes »Nja« hervor.


FIEBIG. Davon verstehste nischt, Wilhelm. Dets bei uns Unsterblichkeit uf Vorschuß. Zu seiner Frau. Laß det doch da nich so in de Ecke rumtrödeln! Jib doch her. Een Exemplar hab'k schon. Tausch'k mer mal jelejntlich bei Kampmeiern mit um.[473]

ANNA halb durch die Tür. Mama?

WERNER von seinem Stuhl her. Kiehks!

FRAU FIEBIG. Wat is dn schon wieder?

ANNA. Soll ich bloß von den Zuntzkaffe nehmn, oder auch noch von den andern?

FRAU FIEBIG aufstehend. Hinter alles muß man ooch her sein.

MEISCHEN. Nu warten Se doch! Nähm Se mich doch mit! Was soll ich n dahier under die Mannsleite? Beide ab.

FIEBIG sich die Hände reibend. Na, da ham mer ja wieder unser Konfiefjum.

GEHRKE hat sich, die Broschüre in der Hand, aufs Sofa gesetzt. Eine merkwürdige Anschauung.

WERNER seinen Stuhl ranrückend. Du, saa mal, Oska, wie is dn det? Mir roochert. Hast n jakeen Ziehjahn?

FIEBIG. Laß doch man. Ha Hahn kommt ja jleich! Weeßte, watter machn will? Ne Wochenschrift! Du sollst se druckn.

WERNER. Nanu? Is dn die Olle schon dot?

GEHRKE der sofort die Broschüre zur Seite gelegt hat. Interessiert. Ah, der junge Mann mit der reichen Tante?

FIEBIG. Nöh! Soweit isser noch nich. Dets man erst son Vorkosthäppkn. Vierdausend Emm! Hat die Papiere genommen und schlägt drauf.

WERNER faßt sie mit Daumen und Zeigefinger. Wie sich det anfäßt!

GEHRKE nachdenklich. Damit ließe sich schon etwas beginnen.

FIEBIG. Sie solln der Redaktöhr sind, Dokter!

GEHRKE. Ja, wenn ich ungehemmt meiner Individualität leben kann?

WERNER. Det jloob'k! Ick schlage denn ooch uf mit die Prozente. Dhun dhun wir je alle beede nich jern wat.

FIEBIG. Ick weeß nich, Wilhelm, watte immer jejn Hahn hast? Steckt wat in ihn. Den jeht't wie mir. Er kannt bloß nich immer so von sich jebn.[474]

WERNER. Nu ja, e frißt keene Stieblwickse! Talent zum Schwiejersohn.

FIEBIG drüber weghörend. E redt bloß nich ville. Ma muß allns aus n rausziehn, wie mit n Proppnzieher. Dets det eenzje. Mir sieht ooch keener an, wat'k bin.


Es klingelt.


FIEBIG. Nu ja nischt sagn!

ANNA hinter der Szene »Ach, Ha Hahn, son schöner Strauß!«

FIEBIG absichtlich andrer Tonfall. Ja, det mitte Ferdebahn! Det hab'k schon immer jesaacht! Det mißte man bloß zehn Fennje kostn von Jesundbrunn bis nach n Kreizberch! Passn Se uf, Dokter! Kommt ooch noch so.

WERNER. Ooch schlecht.

ANNA macht Herrn Hahn die Tür auf. Bitte, gehn Sie nur rein, Herr Hahn, ich rufe gleich Mama.

HAHN ohne Hut und Paletot, mit einem großen prächtigen Rosenstrauß. Ache ... danke sehr, danke!


Anna schließt hinter ihm die Tür.


FIEBIG. Ach, Ha Hahn! ... Verehrer von Ihn, Dokter.

GEHRKE steht auf und gibt Hahn die Hand. Es freut mich, Herr Hahn, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich glaube Ihren Namen kürzlich in einer Zeitschrift gefunden zu haben.

HAHN entzückt. Oh, Herr Doktor! ... Gun Tag, Herr Fiebig.

FIEBIG zu Gehrke. Ach, Se meen, wat ick Ihn da in de »Freie Biehne« anjestrichn habe? Ne, det wah n andrer Hahn. Zu Hahn. Wissen Se, der Mann hat dn Doktor mit Sokratesn, Confutzjusn un Tolstoin verjlichn. Da: Sehn sich mal an!

HAHN beschämt, gibt Werner die Hand. Gun Tag, Herr Werner.

WERNER wie Fiebig sitzen geblieben. Tach, Ha Hahn.[475]

GEHRKE. Eine gewisse Übereinstimmung in unsern Hauptideen ist allerdings merkwürdig. Ich leugne das nicht. Indessen berücksichtigt der Verfasser wohl kaum genügend die Verschiedenheit unsrer Methoden.

FIEBIG. Ja, wissn Se, det hab'k mer ooch jesaacht. Dets immer verschiedn. Dets nie jleich bei de Künstler. Rossini leechte sich ins Bett und besoff sich. Jluck stand uf freiem Felde. Ick kann hier ohne mein Schlafrock nischt machn.

FRAU FIEBIG tritt ein, hinter ihr Meischen, eine Küchenschürze um, in der offnen Tür. Dahinter Anna mit langem Hals. Frau Fiebig, sich die Hände an den Hüften abwischend. Jun Tach, Ha Hahn.

HAHN schüchtern auf sie zu. Entschuldigen Sie, Frau Fiebig. Ich gratuliere schön. Reicht ihr das Bouquet.

WERNER zu Gehrke, der neben ihm steht, stichelnd. Scheenet Sträuskn, Dokter.

FRAU FIEBIG. Is der abber dheier. Det sin ja Rosen. Dafor hättet ja schon wat Nützlichet jejebn?

FIEBIG. No, Ha Hahn kann dir doch keene Nachtjacke schenkn?

FRAU FIEBIG. Nu, worum dn nich?

FIEBIG. Nischt verstehste! Det ick mir bei jede Jelejenheit uf den jeborn Humoristn rausspiele, könntste doch nachjrade schon jemerkt ham. So wat schenkt doch nicht das Portmaneh, so wat schenkt det Herz.

FRAU FIEBIG. Der hat jut seine vier, fünf Mark gekost!

FIEBIG. Ja, so eener wah Unsinn.

HAHN. Ach, Herr Fiebig.


Fiebig kramt ärgerlich zwischen seinen Papieren.


FRAU FIEBIG. Wat macht man dn nu mit ihn?

ANNA. Steck n doch in meine Schusterkugel, Mama!

FRAU FIEBIG. Ja, dets eijentlich wah.


Werner hat sich unterdessen an den Ofen gestellt. Wärmt sich.[476]


MEISCHEN während Frau Fiebig vorübergeht, an dem Strauß riechend. Awer die sehn scheene! Ei, das riech 'ch gerne!

FRAU FIEBIG schon im andern Zimmer. Ich koch Ihn ooch n scheen Kaffe für, Ha Hahn.


Ab mit Anna.

Hahn Verlegenheitsdiener.


GEHRKE. Gestatten Sie, Herr Hahn, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle. Meine Frau, Herr Hahn.


Hat, bevor er zu ihnen getreten ist, die rote Broschüre auf den großen Sofatisch geworfen, wo sie auffällig liegengeblieben.

Hahn stumme Verbeugung.


MEISCHEN noch immer in der offnen Tür, reicht ihm die Hand. Leutselig. Besuchen Se uns doch emal. Se fahrn mit der Stadtbahn. Mir wohn in Friedrichshachen.

HAHN. Oh, wenn Sie gestatten ...

MEISCHEN. Mei Benno freit sich immer, wenn einer uns besucht. Bei mei Benno gomm se alle. Mei Bild auf der Ghunstausschdellung ham Se doch auch schon gesehn? Midden under die Ferschtlichkeiten ham se mer gehängt. Härre, wie ich bloß aussehe?! Mer muß sich je schämen! Mer muß sich je schämen! Auf Wiedersehen, Herr Hahn!


Ab.

Hahn dienert ihr nach.


FIEBIG. Komm Se, Ha Hahn. Setzn sich.

HAHN setzt sich auf den Stuhl, auf dem Werner gesessen. Ach, sehr freundlich, Herr Fiebig. Schnellt auf; verwirrt. Entschuldigen Sie, Herr Werner, das war wohl Ihr Platz?

WERNER. Ach, bleibn Se ruhch sitzn. Hier is ooch scheen wahm.


Hahn reicht Fiebig stumm die Zigarrentüte.


FIEBIG präsentierend. Wolln Se eene, Dokter?

GEHRKE. Danke sehr, Herr Fiebig. Sie wissen, daß ich die Narkotika nicht als reine Mittel werte.[477]

FIEBIG. Sehn Se, Ha Hahn? Heern Se jleich wat. Ick mach ooch nich vorn Kaffee.

WERNER näher gekommen. Mir scheniert det nich. Nimmt eine Zigarre, beißt die Spitze ab und spuckt sie vor sich auf den Teppich. Hahn greift schnell in die Tasche, streicht ein Zündholz an und reicht es ihm. Merßi.

HAHN. Oh, bitte schön.


Werner große Züge paffend, nach dem Ofen zurück.


GEHRKE ausholend. Kleiner Husten. Wie ich höre, lieber Herr Hahn, beabsichtigen Sie eine Wochenschrift zu gründen. Haben Sie sich bereits auch ein Programm gesetzt?

HAHN. Nein ... ja ... e ... ich dachte, wir bringen denn auch ab und zu son kleines Gedicht.

FIEBIG. Sonst ... e ... det is der richtje Oogenblick jetz f'ene Zeitung. Dets doch jrade so scheen mulmrich in de Welt. Nu jeht doch de jroße Deilung von Afrika los? Wißmann hat schon n Aluminjumboot.

GEHRKE. Ja, nun, das wäre wohl mehr auswärtige Politik. Indessen, ich dächte doch, das Hauptgewicht legen wir besser auf die philosophische Seite der Ereignisse.

WERNER vom Ofen her. Ironisch. Dets ibrijens n janz juter Fünffennichziehjahn forn Seckser.

FIEBIG. Nu laß doch, Wilhelm. Stör doch hier nich det Kleeblatt.

GEHRKE. Ja, Herr Hahn, Sie spielten vorhin, wenn ich Sie recht verstanden habe, auf meine Gedichte an. Wie ich indessen schon bemerkte, sind dieselben aber durch meine spätere Entwicklung für mich ... ich weiß ja allerdings nicht, ob auch für andre ... längst überholt. Ich stand damals noch mit einem Fuße innerhalb der falschen, humanitären Bestrebungen der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie proklamiert das Faustrecht. Ich proklamiere das Kopfrecht. Unser Freund Werner ist ja inzwischen gleichfalls geistig über sie hinausgewachsen.[478]

WERNER geschmeichelt. Biedere Handbewegung. Dets allns eene reaktsjonäre Masse.

GEHRKE. Für die sozialdemokratische Bewegung ist das Bestimmende der Herdeninstinkt der Menge, welche kritiklos den Führern folgt.

WERNER. Ja. Die wohn in de Bellwühstraße, Ufjank nur für Herrschaftn. Un unsereens muß froh sind, wenn se n nich aus Rixdorf schmeißn!

FIEBIG. No ... ick weeß nich? Die Leute wolln doch ooch lebn?

WERNER. Ja, von unsre Arbeeterjroschns!

GEHRKE. Nun, das ist bei den betreffenden Herren aus ihrem sozialen Milieu zu erklären. Es zeigt sich eben auch hier einmal wieder der korrumpierende Einfluß des Parlamentarismus. Mein Ziel ist der freie Vernunftmensch.

WERNER. Nee, ohne Spaß, Oska, der Ziehjahn is wirklich janz jut.

FIEBIG. Nu sehste. Setzt befriedigt die Dose auf den Tisch.

GEHRKE. Sie haben durchaus recht, Herr Fiebig. Grade jetzt ist der Zeitpunkt, wo sich die Masse von dem suggerierenden Einfluß der Politiker zu befreien beginnt. Das letzte Ziel für uns bliebe also gewissermaßen, nicht wie bisher eine politische Politik, sondern um mich so auszudrücken, eine unpolitische Politik. Aus sich selbst kann das Volk nichts. Wer erzieht es? Wir Individualitäten.

WERNER. Dets n Wort!

FIEBIG. Nich wah, Ha Hahn? Dets ooch unser Standpunkt! Bei die olle Sozialdemokratie is det man bloß immer son Jeschimpfe uf die paa Kreetn, die eener noch hat! Sie ham je ooch wat, Ha Hahn! Un denn weeß'k nich, wat se heit immer von de Judn habn wolln? De Hälfte von meine Kundschaft sin Judn. Anständjer wie de Kristn!

WERNER ist unterdessen faul am Tisch vorbeigegangen und hat in die Broschüre gesehn. Steht jetzt mitten auf der Bühne. Liest. Der wahre Sozialaristokrat ist der Einbrecher![479]

FIEBIG. Nu, Wilhelm, det paßt uf dir. Plötzlich. Wie aus einer Eingebung. Kinder! da ham mer ja ooch jleich unsern Titl: »Der Sozialaristokrat«!


Die Tür geht auf, Meischen kommt mit Tischtuch und Kaffeeservietten herein. Anna mit dem Strauß in der Schusterkugel hinter ihr.


MEISCHEN. Da sin Se wohl widder scheene iber uns Frauen hergezoochen? Mir missen fer alles herhaltn! Blatz fern Sechser! Schiebt Werner mit seiner Broschüre weg und legt das Tischtuch über. Nu woll mer emal vergniecht sein!


Hahn ist aufgesprungen und zupft das Tischtuch mit zurecht. Meischen legt die Servietten auf.


WERNER. Ach, Frau Doktor, wenn der Mensch nischt ze dun brauch, isser immer verjniecht!

ANNA stellt die Kugel auf den Tisch. Zu Herrn Hahn. Nich wah? Den stelln wir wohl am bestn in de Mitte.

HAHN. Das Glas wird doch nicht umfallen? Beide bemühen sich, Anna kichert.

FIEBIG. Na, wie is't, Ha Hahn? Jehn Se mal mit Annan in Winterjartn. Zu de Barrisons!

ANNA klatscht in die Hände. Ach ja, Papa!

FIEBIG der unterdessen vor sich Platz für die Tasse gemacht hat. Biljetts kann'k kriejn. Det is ja wat fer sone jungn Leute. Mir deckn Sie man jleich hier. Sieht Meischen, die ihm eine besonders große, goldgeränderte Tasse vorsetzt, verliebt an, indem er dabei die Hand aufs Herz legt. Nä?

MEISCHEN haut ihn leicht mit der Serviette. Sie alder Bärlatsch! Se sin woll ä bißchen hä?

FIEBIG die Hand schützend über die Tasse. Ja, keen Polterahmd! Die hab'k mal von Annan zu ihre Konfirmatzjohn jekricht!

WERNER. Ach, for mir ham Se da ooch son Lappn hingeleecht?[480] Dets ja nich nötich. Wat soll'k denn mit det olle Jeplempre? Nö, mir stelln Se man ne Flasche Bier hin.

ANNA. Helles oder dunkles, Herr Werner?

WERNER. Och, mit die Zuckerkulöhr! Ick drink bloß hellet.


Unterdessen hat man Geräusch an der Tür gehört. Anna springt zu und macht auf.


FRAU FIEBIG pustend, mit einem großen Tablett voll Kaffee und Kuchen. Noch von der Tür eingerahmt. Jott sei Dank!

WERNER in die Hände schlagend. No, nu kann't losjehn!

Quelle:
Naturalismus_– Dramen. Lyrik. Prosa. Band 2: 1892–1899, Berlin und Weimar 1970, S. 461-481.
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