Dritter Akt


[502] Gute Stube des Amtsvorstehers von Friedrichshagen. Ganz kleinbürgerlich eingerichtet. Sehr gemütlich. Jagdbilder und Geweihe, Gewehrschrank, Pianino, Fenster mit Blumenstöcken. Im Hintergrund Tür.


AMTSVORSTEHER lange Pfeife. Im Lehnstuhl vor dem runden Kaffeetisch. Langsam paffend. Ja, Herr Doktor, das muß ich ja sagen – paff – das ist ja das erste Mal in meinem Leben – paff – daß ich Gefangenenwärter gespielt habe. Paff, paff. Wir sind ja auch hier eigentlich gar nicht auf so was eingerichtet. Paff. Im Winter können wir doch keinen ins Spritzenhaus sperren. Ich habe ja immer schon berichtet. No – Handbewegun. – aber wenn's Ihnen nicht langweilig gewesen is – Behaglich einen Schluck Kaffee. – mir ist es sehr angenehm gewesen. Wann kann sich unsereins mal mit 'nem gebildeten Mann aussprechen. Paff. Na, un das müssen Se doch nu auch sagen, so schlimm sind wir nicht, wie Se uns machen.

GEHRKE der auf dem Sofa sitzt. Streicht die Zigarre ab. Ja, Herr Amtsvorsteher, ich kämpfe ja auch durchaus nicht gegen Personen. Sie mißverstehn mich. Mein Wirken gilt lediglich den gesellschaftlichen Einrichtungen als solchen.

AMTSVORSTEHER. Ja, ich bin ja n alter Mann – paff – das geb ich ja zu, müßte manches anders sein. Paff. Was ich schon mit den Herren Geistlichen durchgemacht habe – paff, paff, paff – darin haben Sie ja nicht so unrecht. Zeigt auf eine Zeitung, die auf dem Tisch liegt. No – paff – das habn Se doch gelesen, was de »Post« wieder über Sie bringt?

GEHRKE. Nun ja, daß meine Sache in der Öffentlichkeit einiges Aufsehen erregen würde, Herr Amtsvorsteher, war ja wohl nur vorauszusehen. Ich fürchte, der Herr Landrat hat gegen seinen Willen die beste Propaganda für meine Ideen gemacht.

AMTSVORSTEHER ablenkend. Hm ... No, warum haben Sie[502] denn eigentlich noch nicht die Lampe angesteckt? Paff. Mehr Licht, sagen die Gelehrten.

GEHRKE. Oh, Herr Amtsvorsteher, ich wollte Ihnen Ihr trautes Dämmerstündchen nicht zerreißen. Aber, wenn Sie gestatten, es ist allerdings heute bereits merkwürdig früh dunkel. Steckt die Lampe an. Lampenschirm mit transparenten Schweizerhäuschen.

AMTSVORSTEHER. Nun ja, wir haben ja auch bald den kürzesten Tag im Jahr. Beginnt die Pfeife sehr langsam auszuklopfen. Stochert mit einem Draht im Pfeifenkopf. No ... das Feifchen wär ja denn auch leer. Aber das müssen Sie meiner Alten doch lassen, der Hase war doch ein Prachtkerl heute mittag.

GEHRKE. In der Tat, Herr Amtsvorsteher, um mich so auszudrücken, dieses edle Tier war kein übles Surrogat für Wasser und Brot.

AMTSVORSTEHER. Und, nich wahr, Herr Doktor, die schöne Sauce, die sie immer macht ... Gehrke beifällig lächelnd. Ach ja! Mit der Pfeife ziemlich fertig. Pustet durch. Das bißchen Weidwerk hält mich frisch und jung. Sie sind wohl kein Jäger?

GEHRKE räuspern. Bei meiner anstrengenden Geistesarbeit, Herr Amtsvorsteher, fühle ich leider die Verpflichtung, mir derartige starknervige Vergnügungen zu versagen.

AMTSVORSTEHER. Ach, da sind Sie recht zu bedauern, Herr Doktor. Sowie heute der Mond da ist, stehe ich wieder auf dem Anstand. Stellt die Pfeife auf ein Regal.

GEHRKE. Ja, Herr Amtsvorsteher, ich hatte eigentlich gehofft – Sie waren so entgegenkommend, mich diesen letzten Abend einige Freunde laden zu lassen –, und da hatte ich eigentlich angenommen, Sie würden es nicht verschmähen, bei der kleinen Feier, wenn ich mich so ausdrücken darf, uns ein lieber Gast zu sein.

AMTSVORSTEHER sich die Joppe zuknöpfend. Das würde mir ja eine große Freude sein, Herr Doktor, wenn ich den gelehrten Herren zuhören dürfte. Aber Sie wissen ja, wie[503] ich hier stehe. Dann schreibt der Herr Pastor morgen gleich einen langen Bericht an den Herrn Landrat. Man muß sich ja zu sehr in acht nehmen.

GEHRKE. Meine Freunde würden sich gewiß sehr gefreut haben. Verbeugung. Sie schätzen auch bereits meinen freundlichen Kerkermeister.

AMTSVORSTEHER. Na, Herr Doktor, dann wird mir ja wohl nichts anderes übrigbleiben. Auf ein Augenblickchen werde ich denn schon reinkommen müssen.


Es klopft.


AMTSVORSTEHER macht die Tür auf. Draußen Schwabe. No, was bringen Se denn, Schwabe?

SCHWABE. Is n Herr draußen. Möcht jern Herrn Dokter sprechen. Hat die Tür geschlossen und bleibt vorschriftsmäßig an ihr stehn, nachdem er eine Visitenkarte abgegeben hat.

AMTSVORSTEHER geht mit der Karte zur Lampe und versucht zu lesen. Wenn se doch bloß nich immer son Augenpulver drucken wollten. Das müssen Sie schon emal lesen, Herr Doktor.

GEHRKE. Doktor Moritz Naphtali. Mitarbeiter am »Berliner Lokal-Anzeiger«.

AMTSVORSTEHER. Ja, lieber Schwabe, hat denn der Herr nicht gesagt, was er will?

SCHWABE. E saacht, e will über ihn was schreibn.

AMTSVORSTEHER. Na, sehn Se, Herr Doktor! Was son alter Knasterbart auf seine alten Tage noch fürn berühmten Mann in sein Haus gekriegt hat. Zu Schwabe. No, ich habe nichts gegen. Lassen Se den Herrn nur reintreten. Das Kaffeegeschirr können Se gleich mitnehmen. Zu Gehrke. Ich will nicht stören, Herr Doktor.

GEHRKE. Meinen herzlichsten Dank, Herr Amtsvorsteher! Also nicht wahr, Sie machen uns denn die Freude?


Schwabe hat unterdessen abgeräumt. Ab.


AMTSVORSTEHER im Hinausgehen. Na, weils denn schon der[504] letzte Abend ist ... Vor neun kommt der Mond ja doch nicht.

GEHRKE. Meine Freunde werden ja auch selbstverständlich nicht länger bleiben.

AMTSVORSTEHER. Ach ja! Und so viel Ehre schon in so jungen Jahren. Wenn man das so sieht. Ja, ja, Bildung macht frei.


Ab.

Gehrke allein. Spuckt sich in die Hände, reibt die Ärmel ab, knöpft das Jackett nochmal nach, tritt vor den Spiegel, zieht die Hosen runter, stellt den

Rohrstuhl schräg vor die Mitte des Tisches, rückt den Lehnstuhl zurecht, setzt sich auf ihn, langt ein Buch, das er aufschlägt, und tut, als ob er eifrig läse. Blei in der Hand. Hustet.


NAPHTALI Chapeau claque zugeklappt, tiefer Bückling. Doktor Naphtali.

GEHRKE ist wie überrascht aufgestanden, geht ihm entgegen. Wollen Sie gefälligst Platz nehmen, Herr Doktor?

NAPHTALI setzt sich auf den Rohrstuhl, Gehrke Lehnstuhl. Wenn Se jestatten, Herr Doktor, also gleich in medias res. Aus meiner Karte werden Sie bereits mit Recht vermutet haben, daß ich Sie um ein Interview bitten möchte. Nicht allein die Blätter am Platz, sondern auch die größeren auswärtigen Journale – ich nenne nur die »Frankfurter Zeitung« – haben sich bereits Ihrer Angelegenheit bemächtigt. In einer so sensationellen Sache darf ich unmöglich mein Blatt unbedient lassen.

GEHRKE. Ja, Herr Doktor, eigentlich bin ich ja gegen Interviews.

NAPHTALI schreibt. Ausgezeichnet! Bringen wir. Und, verzeihn Se, Herr Doktor, in diesem behaglichen Raum hier interniert Friedrichshagen seine Herren Verbrecher?

GEHRKE. Ja, wie Sie sehn. In unserm idyllischen Örtchen geht es noch einigermaßen patriarchalisch her. Der Raum, in welchem Sie weilen, ist ein geweihter. Sie befinden sich in der guten Stube des Herrn Amtsvorstehers.[505]

NAPHTALI. Oh, ausgezaichnet! Selbstverständlich! Bringen wir!

GEHRKE. Ja, um aber auf den Zweck Ihrer Anwesenheit zurückzukommen. Ich muß gestehn, ich stehe ja nicht auf dem Boden Ihrer Zeitung.

NAPHTALI. Oh!

GEHRKE. Ich stehe, wie Sie wissen, überhaupt nicht auf dem Boden irgendeines Parteigezänks. Aber ich gebe gern zu, daß die Aufklärung, die Sie in die Massen streuen, mir sehr sympathisch ist. Wirklich, aufrichtig sympathisch. Sie können das Ihren Lesern ruhig mitteilen.

NAPHTALI. Vorzüglich. Ja, die Macht der Presse. Ausgezeichnet! Bringen wir.

GEHRKE. Den Hauptwert, Herr Doktor, werden Sie vermutlich auf die Darstellung meiner Ideen legen. Mein individuelles Schicksal, so typisch es für das des modernen Freiheitskämpfers auch ist, kann doch kaum das allgemeine Interesse so beanspruchen. Sie wissen von der brutalen Vergewaltigung, die ich bereits früher wegen meiner freireligiösen Tätigkeit vom Ministerium zu erdulden hatte.

NAPHTALI. Gewiß, Herr Doktor. Das Blatt hat ja alle Ihre Einsendungen damals sorgfältig gebracht.

GEHRKE. Ja, ganz recht. Ich entsinne mich. Um aber, wie gesagt, auf das Eigentliche zu kommen. Ich gehöre nicht zu den verworrenen Jüngern eines Nietzsche. Leutchen, die ihre zufällige Individualität in Gänsefüßchen mit einer gewissen Naivität heute in den Vordergrund zu stellen belieben. Mein Ideal ist nicht, wie das jener Pseudogröße einer überwundenen Epoche, der bloße sogenannte Übermensch, sondern wohlgemerkt, die Übermenschheit! Ein Ideal, dessen erstmalige Schöpfung mein geistiges Eigentum ist. Die gegenwärtige Gesellschaft bietet nicht das nötige Material für diesen Zweck. Es sind neue Menschen, welche die Zukunft braucht. Diese aber können nur durch die Erziehung geliefert werden. Daher[506] die ausschlaggebende Stellung der Pädagogik in meinem System.

NAPHTALI. Sehr wohl, Herr Doktor. Ein Augenblick. Effektuierung des neuen Menschen ... durch die Zukunft. Ausgezaichnet!

GEHRKE der solange innegehalten hat. Ich bin mir bewußt, daß ich, wie jeder Reformator, zunächst auf den Fluch der Lächerlichkeit gefaßt sein muß. Dieser wird natürlich auch meine grundlegende Differenzierung der Pädagogik treffen. Ich teile dieselbe, wie Sie wissen, ein in die Pädagogik vor der Zeugung und nach der Zeugung. Das Hauptgewicht lege ich selbstverständlich auf die erste.


Es klopft.


GEHRKE. Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Doktor. Herein!

SCHWABE tritt ein mit Briefen. Hier, Herr Dokter. Der Briefträger is dajewesen.

GEHRKE. Danke Ihnen, Herr Schwabe.

SCHWABE. Det Bier wärm wir wohl erst n bißkn an?

GEHRKE. Nun, das darf ich Ihnen wohl ganz überlassen, lieber Schwabe. Sie werden ja darin die beste Praxis haben.

SCHWABE. No ja, ick denk ooch. Wollen't schon machn, Herr Dokter.


Ab.

Naphtali erstaunt.


GEHRKE. Sie gestatten, Herr Doktor. Sieht die Postsachen durch. Es ist wohl nichts Dringliches. Hat einen Brief geöffnet.

NAPHTALI. O bitte, bitte. Ich komplettiere unterdessen meine Notizen.

GEHRKE. Ja, sehn Sie, Herr Doktor. Um meine Ideen hat sich niemand gekümmert. Jetzt aber, wo es sich nur um meine, Fernstehenden doch immerhin relativ gleichgültige Persönlichkeit handelt, drängt sich alles an mich. Da, hier die Wiener »Neue Freie Presse«. Gleichgültig was. Einzige[507] Bedingung: umgehend! Fünfundsiebzig Mark pro Spalte. Sie werden zugeben, Herr Doktor, daß ein solcher Umschlag eines gewissen schmerzlichen Humors für mich kaum entbehren kann.

NAPHTALI. O gewiß, Herr Doktor! Als ich noch in der Branche war, hab ich auch nicht gedacht, daß ich mal in der Literatur Karriere machen würde.

GEHRKE der drüber weggehört hat. Ja und dann, Herr Doktor, möchte ich Sie noch bitten, doch zum Schluß die Analyse des Wortes nicht zu vergessen, welches meine Freunde und ich als Symbol unserer in gewissem Sinne doch vorbildlichen Tätigkeit gewählt haben. Wir fühlen uns als Sozialaristokraten. Sie finden die letzte Definition in unserer zweiten Nummer hier. Gibt sie ihm. »Der Instinkt des Einzelnen als Wille zur Elite«.


Es bummert gegen die Tür. Naphtali springt auf. Es bummert nochmal.


GEHRKE ist zur Tür gegangen und reißt diese groß auf. Ich verstehe nicht? Ah, Herr Fiebig.

FIEBIG im Arm eine Flasche. In der Hand schwenkt er seinen Stock, auf den er seinen Zylinder gestülpt hat. Ungeheuer vergnügt. Hinter ihm Herr Hahn mit einem Paket. Könn ruhch rinkommn. Ha Hahn! Der Enthauptete lebt noch. Beide treten ein. Hoch lebe die alljemeine internationale Sozialaristokratie! Nanu? Ick dacht, dets hier allns mit Jirlandn? Un keene Lampinjongs seh'k ooch nich. Entdeckt plötzlich Naphtali. Entzückt. Herr Löbndhal! Wo komm Sie dn hierher?

NAPHTALI. Verzaihn Sie! Doktor Naphtali.

FIEBIG. Nanu? Se wern mir doch nich vormachn, det Sie uf eenmal Ihr eijner Milchbruder geworn sind?

NAPHTALI Augenbrauen hoch, Achselzucken, etwa wie: Bedaure, ham wer nich auf Lager.

FIEBIG. Na, wohn Se denn nich in de Jollnostraße?[508]

NAPHTALI. Verzaihn Se, Holzmarktstraße Zwaiundzwanzig.

FIEBIG. Na, oder dann ham Se mal in de Jollnostraße jewohnt!

NAPHTALI. Bedaure unendlich.

FIEBIG. Nee, nee! Verlassn sich druff. Se sehn so aus, als ob Se in de Jollnostraße jewohnt ham.

GEHRKE. Herr Fiebig, Sie befinden sich augenscheinlich in einem Irrtum. Die Herren gestatten. Herr Schriftsteller Fiebig, Chefredakteur des »Herzblättchens«, Herr Doktor Naphtali, Mitarbeiter am »Lokal-Anzeiger«, Herr Hahn.

FIEBIG. Nu, denn ham Se n Doppjänger. Mir hat mal eener in de Stadtbahn anjesprochn. Na, und nach her wah ick't ooch nich.

NAPHTALI verbeugt sich. Schlau. Na vielleicht, Herr Doktor, wenn Se sich würdn besonnen habn?

FIEBIG. Nee, nee! So wat ähnlichet hat ja schon mal in Ihre Beilage jestandn. Der Mann mitte eiserne Maske. Wah Ludwich der Firrzehnte!

NAPHTALI. Ah so! Vermutlich mein Kollege, Herr Doktor Adolf Kohut?

FIEBIG. Ja, det kann schon stimmn. Von Kohutn lißt man ja öfter wat.


Gehrke hat unterdessen Fiebig Hut, Stock und Flasche abgenommen; Herr Hahn gleichzeitig seinen Paletot hingelegt und seinen Zylinder in Sicherheit gebracht, beim Ausziehen hilft er Fiebig.


GEHRKE während er die Flasche nimmt. Ah, Allasch, Herr Fiebig. Ihr Lieblingsgetränk. Nun, dann sind wir ja geborgen. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Hahn?

HAHN. O danke sehr, Herr Doktor.


Gehrke räumt während des Folgenden den Tisch ab: Bücher, Bleistifte, Zeitungen und so weiter.


NAPHTALI zu Gehrke. Herr Doktor, Sie jestatten, daß ich mich empfehle.[509]

FIEBIG zu Naphtali. Nee, nee, bleibn Se doch noch n biskn. Kriegt ihn am Rockknopf. Wissn Se, Se sind doch bein »Lokal-Anzeijer«? Son Allasch hab'k mal ne jute Idee zu verdankn. Könn Se wat draus machn. Die Ochsen von de Jewerbeausstellung haben't mir ja zurückjeschickt. Verstehn Se: stelln sich n Jlobus vor. So jroß wie der Eiffelturm! Innen looft ne Wendeltreppe. Na, un auswendich steht uf jedet Land n Pawiljong. Un in jedn sitzt n scheenet Meechn in Natzjonalkostüm un verkooft n andern Schnaps. In Pariser Pawiljong Benediktiner, in Peterburjer Wuttki, in Schweizer Alpenkräuter, in Belliner Jilka, na, un det so, verstehn Se, so um n janzn Erdball rum. Sein Natzjonalschnaps hat jedet Volk. Obn ufn Nordpol steht ne Sternwarte. De Welt will heute Wissenschaft. Un in de Mitte is de Hölle. Da komm se alle widder zusammn. An de Wände steht Meyers Konversatsjonslexikon, neuste Uflage, un de Kellners sind alle als rote Deibels verkleidt. Na un an Ausjank, wenn se denn alle so scheen dhune sind, denn jippts mein »Weltunterjank« jratis.

NAPHTALI voll herausplatzend. Ausgeßaichnet!

GEHRKE. Sie sehn, Herr Doktor, über welch prächtigen Humor unser lieber Freund verfügt.

FIEBIG. Nee, nee, Dokter! So wat meen ick ja nich humoristisch. Jloobn Se, der Eiffelturm wah humoristisch? Zu Naphtali. Nu, wolln Se't nu, oder nich? Dadruff is noch keener jekommn! Schnupft.

NAPHTALI. Ja, ich waiß nicht, Herr Doktor. Ich müßte man erst mal mit Herrn Scherl sprechen.

FIEBIG. Könn Se dhun. Mit Scherln bin ick mal ne Zeitlang alle Dage zusammnjewesn. Hält ihm die Dose hin. Wolln Se eene?

NAPHTALI ihn ignorierend, tut als ob er seine Uhr sucht. Zu Gehrke. Herr Doktor verßaihn, ich möchte Sie bitten, was wir haben ferre Zeit?

GEHRKE. Ach, Herr Hahn, wolln Sie so liebenswürdig sein?[510]

HAHN. O sehr gern. Sieht nach der Uhr. In sieben Minuten drei Viertel sechs.

NAPHTALI. Mein herzlichsten Dank! De Herren werden verßaihn? Um sechse geht der Zuch. Verbeugt sich, klappt dabei den Cbapeau claque auf, zur Tür. Gehrke hat sich gleichfalls verbeugt und gibt ihm die Hand. Hahn ist aufgeschnellt, findet aber keine Gelegenheit zur Verbeugung. Morgen früh, Herr Doktor, wem Se's zun Kaffe lesen.

GEHRKE. Meinen verbindlichsten Dank, Herr Doktor.


Naphtali ab.


FIEBIG der sein Taschentuch gezogen hat, mißbilligend nach der Tür. Wat wah dn det forn Kerl? Wat wollt n der? Det wah doch keen Spitzl? Ick muß sagn, der Mann hat mir janich jefalln. Der »Lokal-Anzeijer« is ja n janz jutet Blatt. Bloß det wundert mir doch, detter keene andern Leite hat? Den klebn doch ooch de fünf Finger von Nitschkn noch deutlich in de Jehirnschale?

GEHRKE geht an den Tisch, setzt noch einen Stuhl an ihn. Oh, ich meine, wir können dem Herrn im Interesse unserer Sache nur dankbar sein. Er hat mich für sein Blatt interviewt.

HAHN. Oh, Herr Doktor, interviewt?

FIEBIG aufgeregt, beide Arme mit auf gespreizten Fingern hoch vor sich in die Luft. Dokter! Dets ja jroßahtich! Sehn Se, Ha Hahn? Hab ick't Ihn nich immer jesaacht? An den Mann wern Se noch mal zum deutschn Edison! Nu sind Se ja schon der deutsche Edison! Hände über die Brust. Ick weeß nich, wenn mir det doch mal passierte!

GEHRKE. Oh, meine Herren, wer wie ich im öffentlichen Leben steht ...

FIEBIG noch immer in Ekstase. Wissn Se, Dokter? Mit son Lorbeerkranz ufn Kopp könn Se jetz allns machn! Ahlwart is'n Amerika! Den lassn se nich mehr zurück. Jehn Se ufn neien Ahlwart los. 't Zeuch zu ham Se![511]

GEHRKE überlegen lächelnd. Oh ...

MEISCHEN mit Schwabe, welcher ihr einen großen Waschkorb mit Geschirr und Eßwaren tragen hilft. Dä, Herr Schwabe, wenn Se so ghud sein wollen. Setzen den Korb auf einen Stuhl.

SCHWABE. Nu, dabei wern wer je nich verhungern.


Hahn hilfsbereit aufgesprungen.


MEISCHEN. Danke scheen ... so ... das war emal ä Schdicke Arweit bis hierher! Zu Hahn. Nechah! Mir Fraun ham de Last und Ihr Männer habts Vergniejn.

HAHN. Diener, Frau Doktor.

SCHWABE nimmt das Tuch vom Korb, faltet es sehr sorgfältig zusammen und hängt es über die Stuhllehne. Ja, det stimmt. Sechstet Buch Mosis.

GEHRKE. Guten Abend, mein Kind. Nun, du sorgsames Hausfrauchen?

MEISCHEN. Mei Benno! Na morjen biste widder bei dei Meischen. Gibt ihm auf Spitzzehen einen Kuß. Er hält sie während des Folgenden um die Taille.

FIEBIG noch immer in größter Aufregung. Nee, wissn Se, det muß jefeiert wern! Ha Hahn, wo ham Se de Lichter?

MEISCHEN. Lichter?


Hahn versucht das Paket aufzumachen.


GEHRKE. Nun, Herr Fiebig, Sie gedenken wohl den Abend mir zu einem ganz besonders festlichen zu gestalten?

FIEBIG. Ach wat, n Dhaler kann doch bei mir keene Rollen spieln? Sie! Herr Wachtmeester! Dhun Se mir n eenzjen Jefalln und bringen Se mir n paa Ärme voll leere Bierpulln!

SCHWABE. Voll leere?

FIEBIG. Voll leere, ausjetrunkne Bierpulln! Vor jede Minute, die Se schneller kommn, jippts n Jroschn.

SCHWABE Finger hoch. Aha! Zu die Lichter. Ab.[512] .

FIEBIG rezitierend. Zu Gehrke und Meischen, die sich noch immer umschlungen halten.

Selbst die stolze Putzmamsell Therese

Tritt zu Bimmel-Bollens Fritzen ran;

Erst besieht se sich den alten Käse,

Dann besieht se sich den jungen Mann!

MEISCHEN. I, Sie ham woll ä gleenen Grach? Nu gommen Se schon widder mit Ihre alde Goldne Hundertzehn! Zu Gehrke, sich losmachend. Du nimm doch emal ä bißchen deine Schreiberei wech. Mache! Gannst auch emal was dhun.

GEHRKE packt die Bücher und so weiter vom Tisch auf eine Etagere. Gern, mein Kind.


Meischen reicht ihm während des Folgenden aus dem Korb die Sachen rüber, die er auf den Tisch stellt.


FIEBIG zu Hahn, der vergeblich versucht hat, das Paket aufzuknüpfen. Sein Messer ziehend. Zeijn Se mal her, Ha Hahn! Den Bindfaden durch schneidend. An die Strippe soll sich keener mehr dran ufhängn!

SCHWABE mit den leeren Flaschen. Na, det witt wol langn?

FIEBIG. Stelln Se man hier jleich uft Soffa. Ihre fünf Jroschn ham sich verdient. So, un nu machn Se noch scheen de Fensterladn zu. Kost, wat kost!

SCHWABE. Ick mach allns. Ab. Später werden von außen die Fensterläden zugemacht.

FIEBIG.Un jetz, Kinder, wolln ma mal det fidele Zellenjefänknis n bißkn illuminieren. Musik hammer! Nu noch Blumn. Zu Gehrke. Jott, vielleicht schickt Ihn eener welche? Mir is janz so.


Steckt während dieses und des Folgenden mit Hahn die Lichter auf die Flaschen. Gehrke und Meischen leeren noch den Korb.[513]


GEHRKE. Das wird ja in der Tat heute hier eine Festlichkeit, Herr Fiebig, wie ich sie selbst in meinen kühnsten Träumen nie erhofft hätte.

FIEBIG. Ach wat, Dokter. Sie sin man immer ville zu bescheiden. Wenn't nach Ihn jinge, denn käm jetz unser Wachmeester mit ne Kiepe voll Handschelln rin. Se wissn iberhaupt noch janich, wat Se jetzt forn Mann sind. Mit jedn von die drei Dage sind Se unsterblicher jeworn. Wenn det so weiter jeht, stehn Se in acht Dage ufn Dönhoffsplatz. Da jehn noch ne janze Masse ruff.

MEISCHEN. Nu, gammersch wissn, weeß mersch denn?

GEHRKE. Mein bester Herr Fiebig! Ihre lebhafte Phantasie, im Verein mit Ihrem guten Herzen, dürfte hier denn doch wohl ein wenig zu meinen Gunsten übertreiben.

FIEBIG. Nee nee, Dokter, det kann'k Ihn sagen: Se wern sich janz jut machn in de Mitte. Jloobn Se, ick würde mir ekeln, wenn Se mir bei die Jelejenheit jleich ooch mit aushautn?


Unterdessen ist aus dem Korb eine kalte Gans zum Vorschein gekommen.


GEHRKE. Oh, mein liebes Kind! Das hast du ja mal wieder sehr schön gemacht.

FIEBIG. Wat? Ne kalte Jans ham Se ooch? Anjenehmer Leuchnahm! Wissn Se, bei son Selijen bin'k nich for de Verbrennung.

MEISCHEN. Ja, awer de Äppel kricht mei Benno!

FIEBIG gegen sein Gewissen. Ach, aus die olln Äppel mach ick mir ooch janischt! Ick halte mir lieber an die korpulente Schattenseite von den Vogl. Na, wat machn Sie denn forn dummet Jesichte, Ha Hahn?

HAHN vom Klavier her. Ich?

FIEBIG. Nu, ick doch nich! An wart Se widder gedacht ham, weeß ick. An Annan! Brauchn Se janich rot zu werden. Nu sagn Se't man die olle Dame! Det mit Löbndhaln müssn Se ausnutzn. Hochzeitskladdradatsch mach'k Ihn[514] jratis. Jott, n Schwiejersohn kann'k jeden Dach kriejn. An jeden Finger eenen. Abber der eene sauft, der andre is hinter de Meechns her, wie det so is. Bei Ihn bin'k ja sicher. So wah'k ooch mal ... Se habn doch noch keene Dummheitn jemacht? Hahn erschrocken. Sonst, det verplempert sich bald! Uf det Klavier könn Se ruhch zwee rufsetzn. Klappn Se man ooch jleich dn Deckel uf. Spieln Se nachher wat Vierhändjet. So wat hör ick am liebstn.

MEISCHEN zu Gehrke. Mähre doch nich so. Wie de widder bist. Jeden Auchenblick missen se gommen. Awer so isser allemal, mei Benno. Frieh gann er auch immer nich rausfinden. Siehste, wärschte vorgestern aufgeschtanden, wie ich geweckt habe, dann ghämste morchen schon um achte heeme, und so lassen se dich erseht um elfe widder naus! Awer de heerscht je nich.

GEHRKE. Aber liebes Kind, das muß sich doch wohl nach meinen Bedürfnissen richten.

FIEBIG ablenkend. Na ... Bellermann kommt erst mit dn nächstn Zuch. Wissn Se, ick habe den Kerl orntlich liebjewonn. Der Mann hat doch wenichstns n bißkn wat. De »Annarchistn« sin schon ins Französche ibersetzt. In de Bibliothek hier, hab'k jeheert, wem se nich ausjeliehn. Da stehn se in Jiftschrank! Aus den Kasimir, offn jestandn, kann'k mir nich ville machn. Mir hatter ooch anjeschnorrt ...

GEHRKE. Immerhin, lieber Herr Fiebig, Sie vergessen vollständig die doch unleugbar geniale Persönlichkeit unseres Freundes.

FIEBIG. Ach wat, schenjale Persönlichkeit! Ick bin ooch schenjale Persönlichkeit. Ick möcht wissn, wat jeht dn den meine Privatschatulle an? Pinke muß eener ham! Sehn Se Hahn an. Hahn hat beedet!

HAHN der gerade eine Flasche mit einem Licht in der Hand hat, läßt diese fallen; das Licht rollt heraus. Hebt es verlegen wieder auf. Oh![515]

FIEBIG. Sehn Se, der is ooch man zu bescheiden. Abber der pellt sich doch wenichstns so sachte aus't Ei. Schnuppn dhut e schon, wie n Oller.

HAHN schnaubt sich still die Nase und stellt weiter auf.

FIEBIG. Jaja, Ha Hahn! In Ihn irr ick mir nich. Aus Ihn witt noch mal wat. Ick wer Ihn sagen: machn Se n Stick aus Annan! Amor an Scheideweje. Der Naturalismus hat doch jetz abjewirtschaft. Erst de Stimper, denn wir Olimper! Machn Se Wildenbruchen dot. Jilke hat sich mit sein Schnaps n Namen jemacht!

MEISCHEN. Und daß der Herr Werner ooch noch nich da is! Der gennte ein doch wenigstens ä bißchen was helfn.

FIEBIG. Och, da kenn Se Wilhelmn schlecht. Der kommt erst, wenn se alle schon umn Disch sitzn. Der hat't ja man am neechstn!

MEISCHEN nachdem jetzt auf dem Tisch alles aufgebaut ist. Gucken Se mal, Hummermajonäse! Chaa!


Alle gruppieren sich um den Tisch.


FIEBIG. Nee Kinder, wie een dabei zumut wird? Und det allns for die lausjn dreißich Mark? Ne kalte Jans, Pumpernickl, Hummermajonäse, Lachs, Rockfor, Uffschnitt von de feinstn Sortn, n halbet Viertl Kavjar, Mixpickl, Selleriesalat un Appelsinen! Det sag'k ooch: so wat kann der ärmste Mensch essn. Zu Gehrke. Sehn Se wohl? Wah det nich ne jute Idee von mir? Det ham Se nu allns zusammjehungert mit Ihr Martirjum. Uf den Standpunkt steh ick ooch: Essen is't scheenste Verjniejen! So, Ha Hahn, un nu steckn Se de Lichter an!


Hahn steckt an, Fiebig beaufsichtigt das Ganze und schnuppert ab und zu nach dem Speisen- und Lichtergeruch.


SCHWABE der während der Rede von Fiebig das Bier gebracht hat. No, un hier det Reellste. Wieder ab.

MEISCHEN. Ja, das saacht mei Benno auch immer. An Essen[516] und Drinkn darf mersch n nich abgehn lassen. So ä großer, schdarker Ghärper verlangt auch was.

GEHRKE. Lassen Sie sich nichts weismachen, Herr Fiebig. Meine Frau weiß sehr gut, daß ich im Grunde genommen für eine mehr vegetarische Lebensweise sein würde.

FIEBIG während Hahn die letzten Kerzen ansteckt. Nee, Kinder, nu sehn Se doch bloß, Ha Hahn: der reene Kristallpalast! Da, hier ham Se ooch noch eens verjessn. Wenn ick nich bin! Hat sich, die Hände vorm Bauch, vor den Lebnstuhl gestellt. Humoristisch-elegisch. Jetz wißt ick hier so een, der uns noch fehlte. Wieviel Dhaler isser mir doch noch schuldich? Nickt mit dem Kopf. Der stille Mann von Friedrichsruh ... Die olle Raketenkiste in Sachsenwald. Na, un uft Soffa Firrchohn. Da wirdn wir wat erlebn!


Es hat eine Zeitlang geklopft, ohne daß jemand darauf geachtet hätte. Dienstmann tritt ein mit einem Riesenbukett auf einer Stange, die er auf den Fußboden stellt. Das Bukett besteht aus: Weintrauben, Rosinen, Mohrrüben, Meerrettich, Sellerie, roten Rüben und so weiter. Zwischen diesen

eine Menge Blumen, darunter Rosen und andere farbig hervorstechende. In der Mitte, oben aufgespießt, ein mächtiger roter Hummer. Außerdem ist eine Büchse Stangenspargel, eine Tüte Bonbons, Äpfel und Tomaten zu unterscheiden. Das Ganze zunächst noch umhüllt von einem weißen Seidenpapier, das unten mit ein paar Stecknadeln zusammengesteckt ist. Alle stehen um den Dienstmann. Fiebig abseits, aber gleichfalls lebhaft teilnehmend.


DIENSTMANN. Nahmd die Herrschaftn! Ick hab hier schon ne janze Weile jekloppt. Bin ick hier recht bei Dokter Gehrkn?

GEHRKE zögernd, verwundert. Ja ... was wünschen Sie von mir?

DIENSTMANN. Ick bring hier n kleenet Bukettkn.[517]

MEISCHEN. Wo denn, von wem denn?

DIENSTMANN aufklopfend. Nu, hier!

FIEBIG. Um Jotts willn, Mann! Kloppn Se nich noch mal mit uf! Det witt doch nicht explodiern?

DIENSTMANN. Nöh! Dets janz wat Friedlichet. Damit bin'ck schon bis aus Bellin jefahrn.

GEHRKE. Da scheint sich jemand einen merkwürdigen Scherz erlaubt zu haben.

FIEBIG beleidigt. Jott, nu wickeln Se't doch erst mal uf! Wissn ja noch janich, wat drin is!

MEISCHEN zieht die Stecknadeln raus und wickelt das Papier ab. Nee, was das bloß widder sein wird? ... Nee, Benno, gucke doch, is das awer mal hibsch!

HAHN. Ach!

GEHRKE. Ja aber, wer hat Sie denn damit hergeschickt?


Dienstmann immer noch den Strauß haltend, schnaubt sich die Nase, indem er das Taschentuch halb in der Tasche behält und sich danach bückt, wodurch er der Antwort überhoben ist.


MEISCHEN. Gucke, mei Benno, gucke, enne Bixe Schbargel is ooch derbei!

FIEBIG. No, Ha Hahn, leuchtn Se doch mal n bißkn zu die Bescheerung!

MEISCHEN. Un Riebn un Weindraum un Domadn, un der scheene, große Hummer obn druff, un die vielen, scheenen Blumen!

GEHRKE. Ja, aber, das ist alles ganz schön. Bloß wer hat Sie denn eigentlich geschickt?

FIEBIG. Nu, sehn Se doch mal nach! Vielleicht steckt n kleenet Biljeduh drinne? Meischen hat die Karte sofort entdeckt, gefaßt, und das Kuvert abgerissen. Da schdeckt was derhinder. So was hat mer doch gleich geahnt?

GEHRKE. Aber, liebes Kind, ich bitte dich. Schließlich ist doch wohl die Karte an mich.[518]

MEISCHEN. Ja, eich Mannsleite soll eener dhraun!

GEHRKE. Ich wünsche, daß du mir die Karte gibst! Diese lächerliche Eifersucht immer! Ich begreife dich nicht!

MEISCHEN. Dann soll se wenigstens der Herr Hahn vorläsen!


Hahn hält die Karte unschlüssig in der Hand.


FIEBIG. Ach wat, schmeißn Se dn schon lieber det olle Dings in dn Papierkorb! Son Sums!

GEHRKE. Meinetwegen, schön, Herr Hahn. Lesen Sie, was auf dem Wisch steht.

HAHN mit schüchterner Stimme. Liest. Von – Pause. – von zarter Hand.

MEISCHEN. Meine Ahnung! So ä verfluchtes Weibssticke! Ich saache ja, mei Benno ...!

GEHRKE. Es ist doch aber unerhört, solche Scherze!

FIEBIG. Jott no, Frau Dokter! Vielleicht is det ooch blooß n juter Freund jewesn! Mir schickn se ooch immer so wat. Da rej ick mir doch nicht weiter bei uf?

MEISCHEN. Die ghuden Freinde! Die ghuden Freinde ... die genn mer – Schnell. – die mit die lange Zeppe!

FIEBIG langsam näher gekommen. Ja, nu, wenn Se't dn durchaus wissn wolln, ick habe gedacht, ick mach Ihn hier ne kleene Iberraschung, un nu verderbn Se mir't janze Verjniejn.

GEHRKE. Nun, siehst du, mein Kind. Eine Aufmerksamkeit von unserm lieben Freunde! Zu Fiebig. Ihm die Hand schüttelnd. Meinen herzlichsten Dank, Herr Fiebig.

FIEBIG. Jott nu, det hat mir doch selber Spaß jemacht!

DIENSTMANN. Ja, dadruff kann'k n Meineid schwörn. Der Herr is't jewesen. Ick bin der dickste Dienstmann. Ick stehe an de Wilhelm- und Kochstraßen-Ecke. Ick hatte man bloß nich de Traute, mir mank de Ölichkeiten zu mischn. Ick bin ja ooch Familjenvater.

FIEBIG. Da ham wer't. Der Mann ooch. Wissn Se, denn ham Se schwer zu leiden. Familjenvater sin mer alle. Jebn Se[519] mir de Hand! Det is die jroße Krankheit des Jahrhunderts. Dienstmann drückt ihm die Hand.

MEISCHEN. Nee, Herr Fiebch, was Sie auch egal fer Gaksch machen! Denn war das awer wirklich sehr scheen von Sie. Da ham Se uns auch eene recht große Freide gemacht.

FIEBIG. No, hab'k 't nich jleich jesaacht? Nu so fünvunzwanzich Jahre jinger! Det kann'k Ihn sagn: Ihrn Dokter jink't jetz schlecht. Wissn Se, wir beede? Mir unterschätze n se man alle!

MEISCHEN. Nu, mei Benno, de bist mer doch nich mehr beese?

GEHRKE. Behüte mein Kind. Der neuen Seelenkunde ist das antithetische Fühlen des Weibes längst bekannt, und ich müßte ja ein Tor sein, wenn ich gegen ein Naturgesetz revoltieren wollte. Zumal heute! Wo mir das Herz ... so voll ist.

MEISCHEN an seiner Brust. Mei Benno! Haste mich lieb, mei Schätzchen, biste glicklich?

FIEBIG. Sehn Se, so is recht! Da nehm sich n Beispiel, Ha Hahn! Un jetz will'k Ihn ooch sagn, wat det Dingrings hier iberhaupt zu bedeutn hat. De janze Welt, wissn Se, ist mir ne eenzje Blumensprache. Det is det jroße Banner der Sozialaristokratie! Ha Hahn, nehm Se Ihre Neese wech! E beißt Ihn!


Herr Hahn, der sich nahe an den Strauß gebückt hat, schreckt zurück; schnelles, hastiges Anklopfen, die Tür geht sofort auf.


FIEBIG. Nanu?

BELLERMANN der die Tür aufgerissen hat und jetzt diese noch, weit offen, am Drücker hält. E ... entschuldigen Sie, meine Herrschaften! E ... eine kleine w ... wohlverdiente Ovation!

STYCZINSKI der jetzt ebenfalls in der Tür aufgetaucht ist und sich zur andern Seite plaziert. Bitte, Herr Werner!

WERNER mit einem großen, roten Kranz auf einer Stange, die[520] er schwer vor den Bauch gestemmt trägt. Inmitten des Kranzes, auf weißem Karton, deutlich die Inschrift. Werner sie rezitierend. Pathetisch. »Dem Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht! Die vereinichtn Schuhmacherjeselln von Friedrichshagen und Umjejendl« Nu bin ick ooch Sozialaristokrat!

FIEBIG. Sehste, Wilhelm? Det haste sauber jemacht. Sozialaristokraten sind mehr alle. Der Kaiser is ooch Sozialaristokrat. Völker des Ostens wahrt Eire heilichsten Jieter! Los, Ha Hahn! Ran!

HAHN setzt sich und spielt.

FIEBIG der schnell eine Bierflasche vom Tisch genommen, öffnet den Patentverschluß und schwingt sie. Singend. Hoch ... soll ... er ... le ... ben!

ALLE singend. Hoch ... soll ... er ... le ... ben! Dreimal mit Musik.


Amtsvorsteher während des zweiten Hochs in der Tür aufgetaucht. Mit verzweifelter Gebärde, die Hände im Bogen durch die Luft gerungen und vor den Bauch zurück.


Quelle:
Naturalismus_– Dramen. Lyrik. Prosa. Band 2: 1892–1899, Berlin und Weimar 1970, S. 502-521.
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