Zweiter Akt


Wohnzimmer beim Direktor.

der übliche Schmückedeinheimstil mit Niemeyerschen Accenten. Im Hintergrund, sowie links und rechts eine Tür.


OLGA die dem Buffet rechts soeben eine Tischdecke, Messer, Gabeln, Löffel und eine Suppenkelle entnommen, zu Pöhlmann, der sie hart bedrängt, mit halber Stimme. Nicht doch! Die Frau Direktor! Au! Ich muß ja Tisch decken! Lassen Sie doch! Immerzu! Meine Schürze geht ja auf! Nicht n Augenblick hat man Ruhe! Seid Ihr aber ne Bande!

PÖHLMANN mit zusammengebissenen Zähnen. Ja, oder nein?

OLGA. Sie sind zu grob! Herr Klausing ist viel netter.

PÖHLMANN noch immer mit ihr ringend. Klausing?

KLAUSING wie der Geist Bankos in der hinteren Tür gedämpft. Pöööhlmann! Hat die Tür lautlos hinter sich zugedrückt.

PÖHLMANN Olga loslassend, laut. Ach, Du ... Riesenroß! Ab durch die Tür rechts.[43]

KLAUSING auf Spitzzehen, mit winkendem Finger; flüsternd. Ollichen?

OLGA die mit ihrem Tischgerät bereits links ab will; strahlend; ihr Ohr hin. Na, Du elendes Kannibalchen?

KLAUSING wie in der Angst, daß der olle blinde Gipshomer über dem bunten Bücherrepositor etwas davon anfangen könnte. Heute Abend! Um Sieben!

OLGA ebenso. Wo denn?

KLAUSING mit verdoppeltem Respekt auch vor der über dem Klavier leidenden Laokoongruppe. Aufm Obstboden!

OLGA ihm als stumme Zusage einen Zehntelsekundenkuß zuhauchend.

KLAUSING sich scheu dabei umsehend. Vorher haben wir noch Kneipe. In der Mehlkiste! Beim Bäcker Schladebach! Stiftungsfest!!

OLGA noch immer gedämpft. Bis Ihr mal beklappt werdt!

KLAUSING entsetzt; Finger vorm Mund. Pssst!

OLGA noch einen Kuß, dann links ab.

KLAUSING auf Katerpfoten durch die Tür hinten wieder verschwindend.[44]

JADWIGA in kokettem Winterkostüm durch die Tür rechts. Sie wirft ihre Sachen auf den Tisch. Olga! Vor dem Spiegel ihr Haar ordnend. Olga!

OLGA durch die Tür links. Gnädige Frau?

JADWIGA. Sie haben mich doch klingeln hören. Warum kommen Sie nicht?

OLGA räumt die Sachen vom Tisch. Der Schlächtermeister Huber hat wieder geschickt.

JADWIGA. Sind Sie mit dem Tisch fertig?

OLGA. Nur das Obst und die Servietten fehlen noch. Auch Fräulein Wetterhahn war da! Wegen der Sommerrechnung.

JADWIGA. Langweilen Sie mich nicht ... Die Leute tun ja, als ob sie noch nie bezahlt wären. Daß Sie Niemand vorlassen, wenn der Herr Direktor da ist!

FRITZ durch die Tür im Hintergrund; Cigarette. Mahlzeit! Zu Olga. Na, kleene Maus?

OLGA durch die Tür links mit den Sachen ab.[45]

FRITZ. Donnerwetter, hab ich n chices Mamachen!

JADWIGA. Ich habe Dich doch schon wiederholt gebeten. Diese ewigen Corpskneipenallüren zu den Dienstboten! Das Mädchen ist doch schließlich keine Kellnerin! Du befindest Dich im Hause Deines Katers!

FRITZ erstaunt. Bist Du eifersüchtig?

JADWIGA. Bitte, habe mal Respekt vor mir l

FRITZ sich in einen Sessel regelnd. Zum Auswachsen! Gott sei Dank, daß diese vier Wochen Ferien bald rum sind! Dies stupide Philisternest, dies Jünglingskloster hier, dieser väterliche Abt mit den homerischen Tee-Abenden ... Karrikierend. Gestatten Sie: Frau Oberlehrer Piepenbrink, Herr Oberlehrer Knollenbock, Frau Oberlehrer Schlammelschlag, Herr Oberlehrer Möbelweich ... wir dulden schon Beide was! Können uns wirklich die Hand reichen.

JADWIGA. Ja, hast Du Dir das hier anders vorgestellt?

FRITZ. Da wars ja in Lauban noch gradezu Gold dagegen! ... Aber das kommt davon, wenn man zum Erzeuger son ...[46]

JADWIGA. Drück Dich anständig aus!

FRITZ. Hurrgott, nu soll man nich mal mehr deutsch reden!

JADWIGA. Du hast Deinen Vater nicht zu kritisieren!

FRITZ. Na nu? Seid wann denn nich? Das wär ja noch schöner! Ich hätte die Jungens unter meiner Fuchtel haben sollen! Mir hätten se nich so auf der Nase rumgetanzt! Andre Väter kommen vorwärts im Leben, unsrer fällt de Treppe nach rückwärts! ... Uebrigens wenn er mal hinter Deine Unterbilanz hier kommt, möcht ich ooch nich meine Schwiegermutter sein!

JADWIGA. Du wirst frech!

FRITZ. Ach Gott, ja. Nu mach doch Theater!

JADWIGA. Wenn ich mich Deinetwegen in Schulden gestürzt habe ...

FRITZ. Deinetwegen is jut. Kannst Du nur hundert Mark pumpen?

JADWIGA. Aber Fritz! Ich habe Dir doch erst Dienstag dreißig[47] gegeben! Ist das schon wieder alle? Ich kann das nicht schaffen.

FRITZ. Ach was! Dafür biste de Hausmutter.

JADWIGA. Und vor vierzehn Tagen ... jener Wechsel? An den denkst Du wohl garnicht mehr?

FRITZ. Offen gestanden, teuerste Klytämnestra – nicht im Geringsten! Du warst ja so liebenswürdig, ihn einzulösen und dann so vorsichtig, ihn in jenem Ofen verbrennen. Sanft ruhe seine Asche!

JADWIGA. Du hast also wieder gejeut.

FRITZ. Gejeut oder nich gejeut – ich brauch den Lappen. Und zwar bis morgen früh. Also?

JADWIGA. Wenn Du doch auch für Dein Referendarexamen so viel Energie entwickeltest!

FRITZ. Bitte hier keine Privatangelegenheiten! Ich kümmre mich nicht um Deine, kümmre Du Dich ...

JADWIGA scharf. Was soll das heißen?[48]

FRITZ. Das soll heißen, daß ich ein mißratener Sohn wäre, wenn mir die Blindheit meines Alten nicht denn doch bereits einiges ... Gruseln erregte.

JADWIGA. Ich verstehe Dich nicht.

FRITZ. Um so besser. Scheinbar leicht hin. Ich kann mich ja auch geirrt haben. Die Dame hatte vielleicht blos son Hut auf ... Jedenfalls wenigstens in dem Punkt soll sich mein Vater nicht in mir geirrt haben! Da is nu schon mal Verlaß auf mich.

JADWIGA. Heut ist Sonntag. Hätte es nicht wenigstens bis morgen Mittag Zeit? An der Tür im Hintergrunde klopfts; geht hin und öffnet. Herr von Zedlitz?

ZEDLITZ. Verzeihn, gnädige Frau. Könnte ich vielleicht Herrn Fritz sprechen?

FRITZ pathetisch. Wenns keine unsittlichen Dinge betrifft ...?

JADWIGA. Fritz! Zu Zedlitz. Die Herren sind hier ganz ungestört.

ZEDLITZ. Danke sehr, gnädige Frau.[49]

FRITZ zu Jadwiga. Also die Sache hat natürlich Zeit bis morgen Mittag.

JADWIGA. Es giebt heut Ihr Lieblingsgericht, Herr von Zedlitz: Schlesisches Himmelreich.

ZEDLITZ. Sie verwöhnen uns.

JADWIGA. Und Sie verdienens garnicht!

FRITZ. Oho! Als Hauptkrieger unsres Festspiels? Al glorreicher Partner der schönen Lydia?

JADWIGA kokett. Da werde ich aber als Dichtersgattin stolz sein! Mit huldvollstem Lächeln zu Zedlitz ab durch die Tür links.

FRITZ. Nun, Sie alter Sünder? Was haben Se wieder ausgefressen?

ZEDLITZ hastig. Ich habe Sie schon den ganzen Vormittag gesucht.

FRITZ. Wären Se nachm grünen Frosch gekommen. Zur dicken Paula. Höchst einfach!

ZEDLITZ gequält. Ich bin ja in der furchtbarste Klemme![50]

FRITZ einen Schritt zurück. Liebster Zedlitz – pumpen tu ich prinzipiell nischt.

ZEDLITZ. Ach! Is ja viel schlimmer!

FRITZ. Mann!

ZEDLITZ. Ich hab ne unglaubliche Dummheit gemacht! Ich bin mit Fräulein Lydia gestern Abend nach dem Theater im goldnen Pfau gewesen!

FRITZ. Weiter nischt?

ZEDLITZ. Wir haben Champagner getrunken.

FRITZ. Verrrrrworfener!

ZEDLITZ. Kriegsgerichtsrat Becker hat uns gesehn.

FRITZ. Menschenskind! ... Also nicht in einem der kleinen Hinterstübchen heimlich, sondern gegen freies Entree vor geladnem Publikum? Wie kann man blos! In diesem Spießereldorado! Das muß ja dem Alten gesteckt werden! Da hilft Ihnen jarnischt! Da sausen Se rin! ... Wann sind Sie nach Haus gekommen?[51]

ZEDLITZ. Heute morgen.

FRITZ zurückgeprallt. Alle Achtung! Sie sind nicht talentlos .... Na, haben Sie sich wenigstens amüsiert? War se nett?

ZEDLITZ schweigt.

FRITZ. Also moralischen! Beruhigen sich. Bei ihrer zarten Jugend Normalzustand ... Und als Sie nun so heimwärts knickten, Eindringlich. Kurtchen? Kurt?? Da hat Sie Kriegsgerichtsrat Becker doch hoffentlich nicht auch wieder gesehn?

ZEDLITZ mit gesenktem Kopf. Blos Schimke weiß es.

FRITZ. Schimke verrät nischt.

ZEDLITZ. Er hat dem Herrn Direktor schon gesagt, ich hätte mich gleich nach dem Theater mit den andern bei ihm gemeldet.

FRITZ. Nu also! Was wollen Sie denn noch? Sei Se doch vergnügt. Lassen Se die Sache an sich rankommen![52]

ZEDLITZ. Ich möchte Ihrem Herrn Vater.. doch lieber die Wahrheit sagen.

FRITZ empört. ... Sind Se überjeschnappt? Und mit solchem Blödsinn kommen Se zu mir? Wollen Sie auf der Stelle gejchasst werden?

ZEDLITZ. Wenn ich es verdient habe?

FRITZ. Blech! beabsichtigen Sie, Ihrem Vater als rausgeschmissener Pennäler zurückzukommen? Und Ihre ... Frau Mutter? Wegen soner Lausesache?

ZEDLITZ. Das würde ich nie tun. Das könnte ich nicht. Eher ...

FRITZ. Uebrigens ... Einen Schritt zurück und Zedlitz von unten nach oben musternd. sind Sie des Deibels? Sich mit der Faust vor die Stirn tippend. Ich Ochse! Das ist ja die Hauptsache! – Sie dürfen diese einfach garnicht auswärts gewesen sein! Muß Ihnen das wirklich noch erst auseinanderklamüsern? Daß mein Alter rettungslos hopps geht, wenn das rauskommt? Weil seine unerhörte Taprigkeit Sie ja gradezu zusammengekuppelt hat? Weil er Ihr ... Gelegenheitsmacher war?

ZEDLITZ dem diese Perspektive jetzt ebenfalls aufgeht. Daran ... Hatte[53] ich ... wirklich garnicht gedacht ... Wenn das... Das könnte ich ja durch garnichts mehr wieder gut machen! Nach einer solchen Schurkerei ...

FRITZ. Also nu nehmen Se mal Vernunft an. Mit Melodramatik reparieren Se nischt. Mein Vater is n guter Kerl. Zwar sträflicher Optimist und fahrlässiger Familienversorger, aber schließlich, wir haben ooch unsre Fehler. Außen Würdebär, inwendig beißt er nich. Die Schose mit dem Pfau jestehn Se ihm. Glatt Weg! Die erfährt er. Um die kommen wir nich rum. Da is jarnich dran zu tippen. Aber ich massakriere Sie, ich morde Sie pfundweis, wenn Sie sich von dem übrigen Kitt auch nur das Allergeringste rausquetschen lassen. Verstehn Sie? Auch nicht das Geringste! Sonst sind wir geliefert. Alle, wie wir gebacken sind. Und mit dem Fuchs bei den Rhenanen isses denn nischt! Laufen Sie Ihr Lebtag ohne Band rum!

ZEDLITZ. Wär ich doch blos gleich nach Hause gegangen!

FRITZ. Der Alte kann jeden Augenblick kommen. Möglich, sogar sehr Wahrscheinlich, daß man ihm schon was zugeflüstert hat. Diese sonntäglichen Frühschoppen ... Geste. Schimke instruiere ich. Wenn er sich den dann vornimmt: der wird sich schon rauswurschteln! Der schlägt de Wimmerharfe. Mein alter Herr kann kein Blut sehn. Und Einjeweide erst recht nich. Es klingelt[54] dreimal rasch; Zedlitz zusammengefahren. Zittern Se los! Er darf nich Lunte riechen.

ZEDLITZ ihm die Hand reichend. Ich danke Ihnen.

FRITZ. Dafür fechten Se später bei uns ordentlich! Zedlitz ab. Fritz der seine Cigarette weggeworfen hat, nach der Tür rechts, diese öffnend. Na, Papachen?

NIEMEYER eintretend. Tag!

JADWIGA durch die Tür links, nachdem Niemeyer einmal erregt auf und ab gegangen ist die Liebenswürdigkeit selbst. Gut, daß Du da bist, Gotthold. Wir können sofort essen.

NIEMEYER stehn geblieben zu Fritz, kurz. Hol Zedlitz!

FRITZ. Könnten wir nicht erst ... zu Tisch, Papa?

NIEMEYER streng. Ich habe Dir gesagt. Du sollst Zedlitz holen. Hast Du mich nicht verstanden?

FRITZ. Verzeih, Papa.

NIEMEYER sofort etwas weicher. Also, bitte, hol ihn. Fritz, der mit Jadwiga einen Blick gewechselt hat, durch die Tür im Hintergrund[55] ab. Es kann heute mit dem Mittag etwas spät werden.

JADWIGA. Immer diese Jungens! Nicht einen Augenblick hast Du für Dich!

NIEMEYER. Ich kann Dir diesen kleinen Zwischenfall leider nicht ersparen. Du weißt, daß ich in die Peinlichkeit Deiner Hausordnung nur dann eingreife, wenn es dringend nötig ist.

JADWIGA. Aber nun plag Dich doch nicht noch damit! Das tut ja nichts. Ich werde der Köchin sofort Anordnung geben. Du nimmst alles viel zu tragisch.

NIEMEYER. Du verkehrst mit Fräulein Link. Durch Dich habe ich sie kennen gelernt. Ist Dir nie etwas an ihr aufgefallen? Spricht man über sie?

JADWIGA wie auf das Höchste überrascht. Mir ist nichts zu Ohren gekommen. Sie ist mir, als sie zum Herbst herkam, von bester Seite empfohlen worden, ich habe mich ihr daraufhin gesellschaftlich nicht ganz entziehen können, gegen ihre Umgangsformen fand ich nichts einzuwenden, weiter weiß ich nichts.

NIEMEYER. Fräulein Link ist doch verlobt?[56]

JADWIGA. Ich habe Dir doch selbst die Karte gezeigt.

NIEMEYER erregt. Grade. Weil sie sich wegen ihrer Achtbarkeit so zurückgesetzt fühlte, habe ich mich ja zu diesem Versuch hergegeben, ihr bei ihrem Bestreben, sich hier künstlerisch eine Position zu schaffen, behülflich zu sein! Auf Deine wiederholte Bitte!

JADWIGA. Ja, aber ich weiß ja garnichts! Was ist denn nur?

NIEMEYER. Du hast mir doch versichert, Du hast jede Erkundigung eingezogen!.. Ich hätte ja sonst nie gewagt, sie mit einer solchen Aufgabe zu betrauen! Wie zu sich. Nein, nein! Das kann garnicht sein! Das ist ja ganz ausgeschlossen!

JADWIGA verstehend; schnell. Zedlitz?

NIEMEYER. Auch schon aus diesem Grunde nicht! Es ist einfach nicht möglich! Alle! Meinetwegen alle! Nur Kurt nicht!

JADWIGA. Jedenfalls wieder ein so albernes Gerede. Du wirst das doch nicht gleich ernst nehmen?

NIEMEYER heftig. Ich wäre ein Narr, wenn ich die Beschuldigung,[57] um die es sich hier handelt, auf die leichte Achsel nähme!

JADWIGA. Wenn Du so erregt bist ... vielleicht wäre es doch besser ...

NIEMEYER. Nein! Sofort! Auf der Stelle! Ich darf nich zulassen, daß diese Verleumdung ihn auch nur eine Augenblick noch beschmutzt! Sich zwingend. Ich bin vollständig ruhig. Es klopft. Zu Jadwiga, Handbewegung. Bitte.

JADWIGA. Dies elende Klatschnest! Links ab.

NIEMEYER. Herein!

ZEDLITZ stumm durch die Tür im Hintergrund. Pause.

NIEMEYER. Wo waren Sie gestern nach dem Theater?

ZEDLITZ nach kurzem Kampf. Herr Direktor ... ich bitte Sie herzlich um Verzeihung.

NIEMEYER nachdem er sich wieder gefaßt hat. Also doch! ... Zedlitz! Sie wissen garnicht, was Sie mir damit angetan haben.[58]

ZEDLITZ. Herr Direktor ...

NIEMEYER. Sie sind mir mein liebster Schüler gewesen!

ZEDLITZ sich die Tränen verbeißend.

NIEMEYER. Ich habe Sie von der Tertia an unter meinen Augen gehabt. Ihr Herr Vater war der Einzige, der vollstes Vertrauen zu mir behielt. Der mir seinen Sohn hierher folgen ließ. Der ihn mir gelassen hat, obwohl man hier gegen mich weiß Gott genug gewühlt und gehetzt hat. Ich war stolz auf Sie! Ich hoffte, Sie Ostern nach ehrenreinem Sexennium zur Universität zu entlassen. Und jetzt ... haben Sie mir durch diesen einen leichtsinnigen Streich ... alles verdorben! Alles!

ZEDLITZ dem die Augen voll Tränen stehn. Ich habe nicht gedacht ...

NIEMEYER. Was haben Sie nicht gedacht?

ZEDLITZ. Daß ich Ihnen damit so viel Kummer bereiten würde.

NIEMEYER. Sie haben mein Gebot übertreten! Sie wissen, daß den Schülern strengstens untersagt ist, ein öffentliches Lokal zu besuchen. Nur Donnerstag haben die Angehörigen[59] der Obersekunda und beiden Primen die Erlaubnis, abends von Sechs bis Sieben in den vorderen Räumen des Gasthofs »Zum deutschen Kaiser ein Glas Bier zu trinken. Ich habe diese Anordnung nicht getroffen, um Sie in Ihrer Freiheit zu beschränken ... o nein, die Jugend soll Freiheit haben ... sondern um Sie vor Gefahren zu behüten, von deren Vorhandensein Sie noch gar keine Ahnung haben! Erregt auf und ab; dann wieder vor Zedlitz stehn bleibend. Wußten Sie, was der Goldne Pfau ist? Daß in ihm zumeist nur Leute verkehren, deren sittliche Anschauungen sich mit den Grundsätzen nicht decken, an deren Einprägung in Ihre jungen, empfänglichen Seelen wir Lehrer tagein, tagaus unablässig und mit unermüdlichem Pflichtbewußtsein bemüht sind?

ZEDLITZ. Ich war gestern zum ersten Mal dort.

NIEMEYER. Ja, wie kamen Sie nur in dieses ... Nachtlokal?

ZEDLITZ schweigt.

NIEMEYER. Wo trafen Sie Fräulein Link?

ZEDLITZ. Vor dem Theater.

NIEMEYER. War sie allein?[60]

ZEDLITZ. Nein. Es war noch Herr Regisseur Paulsen bei ihr, Fräulein Hiller ...

NIEMEYER. Die jugendliche Liebhaberin?

ZEDLITZ. Ja. Und der Herr Leutnant von Bibra.

NIEMEYER. In Uniform?

ZEDLITZ. Nein. In Civil. Herr von Bibra machte den Vorschlag, wir sollten alle Drei mitkommen. Klausing wollte nicht, Pöhlmann war zu müde, und ... da bin ich denn allein mitgegangen.

NIEMEYER. Sie haben dann Sekt getrunken.

ZEDLITZ. Zuerst tranken wir Pilsner. Dann ging erst Herr Paulsen weg und vielleicht eine Viertelstunde später Herr von Bibra und Fräulein Hiller.

NIEMEYER. Und Sie blieben allein zurück?

ZEDLITZ. Ja. Wir hatten von unsrer Aufführung gesprochen und Fräulein Link wollte durchaus, daß ich mit ihr auf einen großen Erfolg anstoßen sollte.[61]

NIEMEYER. Und dazu brauchten Sie Moët Chandon? Wer hat die Rechnung beglichen?

ZEDLITZ. Ich hatte noch grade.. mein Weihnachtsgeld.

NIEMEYER. Ihr ... Weihnachtsgeld! ... Fräulein Link wohl ... begleitet.

ZEDLITZ. Ja. Im Kampf mit der kommenden Lüge. Bis an ihre Haustür.

NIEMEYER wie befreit. Und dann sind Sie nach Hause gegangen.

ZEDLITZ schwer. Ja!

NIEMEYER eindringlich. Kurt! Sagen Sie mir auch die Wahrheit? Die volle Wahrheit? Sie dürfen sie mir sagen.

ZEDLITZ nach letztem Kampf. Ich habe Ihnen alles ... was ich zu sagen habe ... gesagt!

NIEMEYER. Ich glaube Ihnen. Bewegt. Aber Kurt ... also die Sache auch nicht so schlimm gewesen ist, wie ich in meinem ersten Schmerz fast befürchtet hatte –[62] haben Sie sich denn in Ihrem unverantwortlichen Leichtsinn garnicht überlegt, welche Deutung diese an sich ja gottseidank nicht allzu schwere Ausschreitung erfahren konnte? Ja, sie hat sie sogar schon erfahren! Sie wissen garnicht, wie sich mir das Herz zusammenkrampfte, als mir vor noch nicht einer halben Stunde in Gegenwart angesehener Bürger die nichtswürdigste Verleumdung über Sie entgegengeschleudert wurde. Lieber Kurt! Was ich Ihnen allen schon so manchmal in der Klasse gesagt habe: Wir müssen unsre Handlungen so einrichten, daß sie nicht nur vor uns selbst bestehn können, sondern auch, daß ihre Andersdeutung durch die Welt überhaupt garnicht möglich ist! Ich will Sie nicht verletzen. Aber wenn Sie nun einer ... Dirne in die Hände gefallen wären? Einem verworfenen Geschöpf, das Ihre blühende Jugend in den Kot gezerrt hätte! Sittliche Reinheit ist noch immer das Fundament einer gesunden Entwicklung. Für den Einzelnen, wie für die Gesamtheit. Sie wissen garnicht, vor welchem Abgrund Sie gestanden haben!

ZEDLITZ mühsam. Ich will an diesen Augenblick ... mein ganzes Leben denken.

NIEMEYER. Sie werden wohl selbst fühlen, daß Sie eine Strafe verdient haben. Ich werde den Fall dem Lehrerkollegium unterbreiten und dieses mag entscheiden. Ob Sie mit einer bloßen Karzerftrafe davonkommen. Sie sind mein Pensionär und ich will daher nicht[63] Ihr Richter sein. Bis auf weiteres haben Sie Zimmerarrest. Sie werden auch nicht an unserm gemeinschaftlichen Tisch teil nehmen. Ich werde sehn, daß wir Ihrem Herrn Vater eine besondere Mitteilung ersparen.

OLGA durch die Tür rechts.

NIEMEYER scharf. Klopfen Sie vorher an!

OLGA. Ich bitte um Entschuldigung. Herr Schimke ist draußen.

NIEMEYER. Er soll reinkommen. Olga ab. Zu Zedlitz. Gehn Sie jetzt auf Ihre Stube.

ZEDLITZ im Kampf mit sich, trotz allem die Wahrheit zu sagen. Herr Direktor ... ich ... ich ...

NIEMEYER. Gehn Sie! Zedlitz durch die Tür im Hintergrund ab.

SCHIMKE. Fräulein Link is zu Haufe jewesen. Sie wird jleich kommen.

NIEMEYER. Schimke! Warum haben Sie mir eine falsche Meldung gemacht? Wissen Sie, daß ich Sie sofort entlassen sollte?[64]

SCHIMKE. Och, Herr Direktor.

NIEMEYER. Sie sind ein ganz unzuverlässiger Beamter.

SCHIMKE kläglich. Ich bin doch nu schon zwanzig Jahre hier ...

NIEMEYER. Um so trauriger, daß Sie dann auf Ihre alten Tage noch Ihren Direktor belügen! ... Wann ist Zedlitz gestern nach Hause gekommen?

SCHIMKE. Nu, is wird wohl schon so fast nach Zwölwe gewesen sein.

NIEMEYER. Ich kann Ihnen ja von jetzt ab kein Wort mehr glauben!

SCHIMKE. Och, Herr Direktor ...

NIEMEYER. Wenn ich nicht sofort die schwersten Konsequenzen ziehe, so danken Sie dies lediglich der Rücksicht auf Ihre unschuldige Familie.

SCHIMKE. Der junge Herr hat mir so leid getan.

NIEMEYER. Sie haben in erster Linie Ihre Pflicht zu erfüllen![65]

SCHIMKE. Ich wers ja auch nie mehr wiedertun. Aber wenn Se den armen Menschen jesehn hätten ... er hat so furchtbar jebettelt.

NIEMEYER. Alter Kriegsveteran hat sein Herz zusammenzurucken! Wenn wir alle so handeln wollten – wo bliebe die Disziplin? ... Schimke! Dessen Augen immer nur den Boden gesucht halten. Sehn Sie mich mal an! ... In diesem Hause befindet sich eine Strickleiter.

SCHIMKE. Och, Herr Direktor.

NIEMEYER. Warum haben Sie mir das nie gemeldet?

SCHIMKE. Dann müßt ich ihr doch schon jesehn haben.

NIEMEYER. Sie hätten sie eben sehn müssen!

SCHIMKE. Wenn doch keene da is!

NIEMEYER. Es ist eine da!.. Sie versehn Ihr Amt nicht! Die Schüler betrügen Sie! Männer, auf die kein Verlaß ist, kann der Staat nicht brauchen. Haben Sie mich verstanden? ... Also bessern Sie sich! Es klopft rechts. Herein?[66]

OLGA. Fräulein Link.

NIEMEYER. Ich lasse bitten. Die Tür ist aufgeblieben, die Angemeldete ist eingetreten, Olga ab.

LYDIA. Liebster Herr Direktor?

NIEMEYER reserviert stumme Verbeugung. Zu Schimke. Sie können abtreten, Schimke.

SCHIMKE. Ich dank ooch schön, Herr Direktor. Ab.

LYDIA. Darf ich gratulieren? Hat unser Festspiel vor den schönen Augen unsres gestrengen Herrn Landrats Gnade gefunden? Ihm eine wundervolle Rose überreichend. Die dankbare Darstellerin dem gefeierten Dichter.

NIEMEYER die Rose auf den Tisch legend. Fräulein Link ich ... habe Sie in einer etwas peinlichen Angelegenheit bitten lassen.

LYDIA. Mein Gott, Sie wollen mir doch nicht meine Rolle nehmen?

NIEMEYER. Von dem Stück ist jetzt nicht die Rede.[67]

LYDIA. Sie erschrecken mich.

NIEMEYER. Sie sind gestern Abend in vorgerückter Stunde mit einem meiner Zöglinge in ... einem nicht ganz einwandfreien Lokal gesehn worden.

LYDIA. Nun begreife ich Sie aber wirklich nicht, teuerster Herr Direktor. Davon weiß ich ja garnichts! Ich war mit einer kleinen Gesellschaft, der sich allerdings auf unsre Einladung auch Herr von Zedlitz angeschlossen hatte, in einem sehr freundlich ausgestatteten Restaurant gewesen, wo es mir äußerst gefallen hat, und wo, wie ich gesehn habe, nur das allerbeste Publikum verkehrt. Es waren mehrere Offiziere da ...

NIEMEYER. Doch wohl nur in Zivil.

LYDIA. Nun ja, du mein Gott, was ist denn da dabei? Das ist doch kein Verbrechen? Die Herren sind doch auch mal gern fröhlich!

NIEMEYER. In keinem Fall gehörte ein Schüler von mir in dies Lokal.

LYDIA. Aber verehrtester Herr Direktor! Sie werden doch Herrn von Zedlitz keinen Vorwurf daraus gemacht[68] haben? Ein so liebenswürdiger junger Mann! Das würde ich mir aber nie verzeihen können!

NIEMEYER. Die Einladung war also von Ihnen ausgegangen?

LYDIA. Ich mache gar kein Hehl daraus! Ich wüßte garnicht, wie ich dazu kommen sollte! Er ist mein Partner seit vierzehn Tagen in unsern Festspielproben und es war mir ein herzliches Vergnügen, mal ein Stündchen mit ihm verplaudern zu können. Ich muß sagen, wirklich ein ganz charmanter junger Mann, der seinem Erzieher nur alle Ehre macht!

NIEMEYER. Der junge Mensch hat jedenfalls durch den unerlaubten Besuch dieses Lokals aufs Schwerste gegen die Disziplin gefehlt und ist dadurch in eine Lage geraten, die für ihn vielleicht nicht ohne recht bedenkliche Folgen bleiben kann.

LYDIA. O, das wäre ja aber schändlich! Das dürfen Sie ganz unmöglich zulassen, Herr Direktor! Wir haben in harmlosester Fröhlichkeit den Erfolg Ihrer entzückenden Festdichtung im Voraus gefeiert, es mag n bischen spät geworden sein und da war Herr von Zedlitz selbstverständlich so ritterlich, mich die paar Schritte bis nach Hause zu begleiten. Oder hätte er so ungalant sein sollen, dieses auch nicht zu tun? Um mich am Ende gar den zudringlichen Rohheiten nächtlicher Passanten auszusetzen?[69]

NIEMEYER. Es wäre mir im Interesse meines Schülers aufrichtig lieber gewesen, Sie hätten sich bereits vor dem Lokal verabschiedet.

LYDIA. Herr Direktor, nun muß ich aber lachen! Soll ich Ihnen jetzt auch noch das Fürchterlichste verraten? Ihr kleiner Knabe Wunderhold hat mir sogar das Schladebachsche Haustor aufgeschlossen! Ist das nicht schrecklich? Aber mein Hausschlüssel dreht sich manchmal wirklich zu schwer um.

NIEMEYER. Liebes Fräulein, Ihre Heiterkeit ist mir der beste Beweis, daß ich mich über Sie nicht getäuscht habe. Aber sagen Sie selbst. wenn das nun Jemand gesehn hätte? Sie glauben ja garnicht: es ist wirklich manchmal, als ob die Menschen nicht mehr fähig wären, auch etwas harmlos zu deuten. Mindestens den einen Vorwurf der Unvorsichtigkeit darf ich Ihnen also nicht ersparen.

LYDIA. Gott ja, son ganz kleines Rüffelchen mag ich ja vielleicht verdient haben. Aber Sie werden doch nicht einen erwachsenen jungen Menschen wie einen kleinen Quartaner abstrafen? Kann ich ihm denn garnicht helfen?

NIEMEYER. Nun, wenn es Sie beruhigt, liebes Fräulein: so weit Sie unserm jungen Freunde überhaupt helfen [70] können, haben Sie ihm bereits geholfen. Und zwar dadurch, daß Sie mir sein Geständnis, ohne es zu wissen, bestätigt haben.

LYDIA. Mein Gott, das klingt ja wie eine Untersuchung!

NIEMEYER der die Rose vom Tisch genommen hat und nun an ihr riecht. Mein Fräulein – es war auch eine.

LYDIA lachend. Gottseidank daß sie vorüber ist! Sie verstehn ja ordentlich, einem gruslich zu machen ...

JADWIGA durch die Tür links. Störe ich?

LYDIA. Gnädigste Frau Direktor?

JADWIGA zu Lydia. Sie entschuldigen. Zu Niemeyer. Kurt möchte Dich nochmal sprechen. Lydia gespannt aufmerksam. Er ist ganz sonderbar. So aufgeregt! Zu Lydia. Ich muß für unsre Herren Jungens immer betteln, Mit einem Blick. wenn sie etwas Mit besonderer Betonung. auszubaden haben. Mein Mann ist wirklich mitunter zu streng.

LYDIA. Bei einer solchen Fürsprecherin, gnädige Frau ...[71]

JADWIGA. Auch bei einer solchen Fürsprecherin manchmal. Zu Niemeyer. Darf ich ihn Dir also runterholen?

NIEMEYER. Zedlitz hat Zimmerarrest. Aber wenn Du meinst ... ich will nicht zu hart sein.

JADWIGA. Liebes Fräulein?

LYDIA. Gnädigste Frau?

JADWIGA ab durch die Tür links.

NIEMEYER zu Lydia, sie verabschieden wollend. Es war sehr liebenswürdig, daß Sie gekommen sind. Ich danke Ihnen.

LYDIA nach einigem Zögern. Sollte ich Herrn von Zedlitz nicht am Ende doch noch einen Dienst erweisen können?

NIEMEYER. Ich wollte Sie eigentlich nicht länger aufhalten. Aber vielleicht beruhigt es ihn in der Tat völlig, wenn er auch noch von Ihnen erfährt, daß er seinen Fehltritt, wie es scheint, schwerer nimmt, als schließlich unbedingt nötig ist.

LYDIA. Wie kann die dumme Geschichte ihn blos so quälen![72]

NIEMEYER. Das spricht nur für ihn. Er ist eben eine sehr feinfühlige Natur. Kleine Pause. Was hat eigentlich der Landrat gegen Sie?

LYDIA. Herr von Kannewurf? Nichts, das ich wüßte.

NIEMEYER. Hm. Er hat sich über Sie ... Bemerkungen erlaubt, die mich geradezu empört haben.

LYDIA. Herr Direktor!

NIEMEYER. Aber ich bitte Sie! Regen Sie sich doch nicht auf l

LYDIA. Sie schulden mir auf der Stelle zu sagen, was Herr von Kannewurf sich über mich erlaubt hat!

NIEMEYER. Aber liebstes Fräulein!

LYDIA. Was hat Herr von Kannewurf über mich gesagt?

NIEMEYER. Fräulein Link!

LYDIA. Ich verklage den Herrn und verlange Sie als Zeugen. Dann müssen Sie's sagen![73]

NIEMEYER. Um Gottes Willen! Nur nicht noch Gerichtssachen!

LYDIA. Ich will es wissen! Ich muß es wissen!

NIEMEYER. Versprechen Sie mir auch, daß Sie sich über diese Beleidigung hinwegsetzen?

LYDIA. Ich verspreche es Ihnen.

NIEMEYER. Er hat es gewagt ... Ihren guten Ruf anzutasten.

LYDIA. Und Sowas soll ich auf mir sitzen lassen? Wo ich verlobt bin? Wo es sich um mein Lebensglück handelt? Das will ich nicht! Das kann ich nicht! Da verlangen Sie denn doch zu viel von mir, Herr Direktor!

NIEMEYER. Beherrschen Sie sich doch! Der junge Mensch muß gleich eintreten!

LYDIA. Lassen Sie ihn eintreten! Er soll eintreten. Ich verlange, daß er eintritt! Er muß mir sofort bestätigen, daß wir nichts miteinander gehabt haben! Aber auch nicht das geringste![74]

NIEMEYER. Wer behauptet denn das? Das hat ja niemand gesagt!

LYDIA. Doch! Doch! Sie behaupten es! Sie haben es gesagt! Das dulde ich nicht! Das lasse ich mir nicht gefallen! Stürzt auf die Thür links zu.

NIEMEYER Wo wollen Sie denn hin? Es klopft an der Tür im Hintergrund. Herein.

LYDIA auf Zedlitz zu, der eintritt. Herr von Zedlitz, Sie werden mir bezeugen, daß wir nichts, garnichts mit einander haben! Herr von Kannewurf ist ein elender Verleumder! Warum nehmen Sie mich nicht in Schutz? Warum helfen Sie mir nicht? Man läßt doch nicht eine Dame beleidigen? So reden Sie doch!

ZEDLITZ vollständig ratlos.

LYDIA. Ich habe Sie getroffen, wir sind in anständigster Gesellschaft gewesen, Sie haben mich bis vor mein Haus begleitet und dort haben Sie mir Adieu gesagt! Nicht wahr? So wars? So wars doch?

ZEDLITZ. Ja ..... Die Lüge runter würgend. So wars.

LYDIA ihm krampfhaft die Hand drückend. Ich wußt es ja: Sie[75] sind ein lieber Kerl! Es tut mir so unendlich leid, daß Sie jetzt durch mich ...

NIEMEYER. Ich bitte Sie. Die Sache ist ja erledigt. Sein Sie unbesorgt: es geschieht ihm schon nichts. Natürlich, ohne jede Sühne kann ich seine Schuld nicht lassen.

LYDIA. Können Sie nicht ganz Gnade für Recht ergehn lassen?

NIEMEYER. Nein.

LYDIA. Auch wenn ich Sie sehr, sehr schön bitte?

NIEMEYER. Auch dann nicht.

LYDIA. Na, aber bis zur Ausführung wird unser Verbrecher doch seinen Kerker hoffentlich schon verbüßt haben?

NIEMEYER. Die Aufführung wird nicht stattfinden.

LYDIA wie aus allen Himmeln. ... Ja, warum denn nicht?

NIEMEYER. Nach dem Vorgefallenen ist das wohl selbstverständlich.[76]

LYDIA. Schade ... Das tut mir aber schrecklich leid. Zu Zedlitz, der sie, erstaunt, groß angesehn hat. Wir sind wirklich beide ... die reinen Kinder gewesen! Wieder zu Niemeyer. Ich werde also Herrn von Kannewurf die Bestrafung erlassen. Es genügt mir, daß ich ihn verachte! Sich verabschiedend. Lieber Herr Direktor? Herr von Zedlitz?

NIEMEYER der sie bis zur Tür begleitet hat. Ich bedaure, Ihnen eine so aufgeregte Auseinandersetzung bereitet zu haben. Lydia ab. Kleine Pause. Nun, mein lieber Zedlitz? Was drückt sie noch?

ZEDLITZ. Ich ... hätte nicht nochmal kommen sollen. Ich.. weiß garnicht, was ich machen soll ... Ich bin ein schlechter Mensch! Nach einem letzten Zögern. Ich wollte ... Sie nur nochmals ... um Verzeihung bitten.

NIEMEYER. Aber liebster Kurt! Jetzt komme ich mir ja beinah vor, wie der Sünder. War ich zu hart vorhin? Habe ich Sie verletzt?

ZEDLITZ. O nein, nein! Ich möchte Sie sogar um eine recht strenge Strafe bitten!

NIEMEYER. Sie machen es mir wirklich schwer, Sie überhaupt noch zu bestrafen.[77]

ZEDLITZ kaum noch Herr seiner selbst. Ich verdiene Ihre Güte nicht!

NIEMEYER ihm die Hand auf die Schulter legend; ihn beruhigend; gütig. Zedlitz!


Vorhang.


Quelle:
Arno Holz und Oskar Jerschke: Traumulus. Dresden 1909, S. 39-78.
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