7.
Wie es kam

[66] Sie sassen in Walhall und tranken,

Die Kukukuhr schlug Eins,

Patagonier, Inder und Franken,

Confuzius, Kant und Prinz Heinz.


Sie sassen und tranken und Plato

–Der Windhund sass neben Silen! –

Silentium, rief er, bis Dato

Geht nichts mir über Athen!


Athen mit seiner Athene

Und Phidias, dem griechischen Kiss,

Athen und notabene

Seine Akropolis!


Virgil zerschlug seinen Humpen

Und brüllte: Rom, Hund, Rom!

Auch sein Nebenmann liess sich nicht lumpen:

O Stadt am Gangastrom![66]


Teut Michel pries keusch Buxtehude

Und machte dazu: Hem Hem!

Und Salomo, der Jude,

Plädirte: Jerusalem!


Napoli vedi e mori!

Ein Kerl im Frack hat's geschnalzt,

Bis meuchlings ein frecher Mahori

Ihm gründlich die Suppe versalzt.


Da erhub sich vom goldenen Stuhle,

Das Trinkhorn in der Hand,

Der alte König von Thule

Und küsste sein Burschenband.


Es blitzte sein Schläger im Weine,

Es klang so voll, so weich:

Alt Heidelberg, du Feine,

Du Stadt an Ehren reich!


Alt Heidelberg, du Feine –

Wie das ins Herz ihm schnitt!

Er sang es nicht mehr alleine,

Zehntausend sangen es mit!


Es sang es der ganze Chorus,

Childe Harold brummte: All right!

Und selbst der König Porus

Rief: Wetter, das Ding hat Schneid![67]


Derweilen, draussen vorm Thore,

Stand lauschend ein deutscher Scholar,

Der eben seiner Lore

Lachend entlaufen war.


Der hatte kein Wörtlein verloren,

Der fing einen Sonnenstrahl

Und gab ihm verträumt die Sporen

Und ritt ins Neckarthal.


Und heute, im Abendscheine,

Jeder Vogel singt es vom Blatt:

Alt Heidelberg, du Feine,

Alt Heidelberg, du Stadt![68]


Quelle:
Arno Holz: Buch der Zeit. Berlin 21892, S. 66-69.
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