[1] Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze.

Eine Schrift, der ein derartiger Titel vorgedruckt ist, setzt damit ihren Inhalt sofort zwei Deutungen aus.

Entweder, sagt man sich, sieht der Verfasser das Problem, das seiner Arbeit als Object dient, bereits für gelöst an und beschränkt sich nun darauf, diese bereits vorhandene und ihm von Andern überlieferte Lösung zu einem vorderhand noch nicht ersichtlichen Zweck, und zwar wahrscheinlich möglichst anschaulich, zu reproduciren, oder aber er leugnet den Erfolg aller bisher unternommenen einschlägigen Versuche und bemüht sich nun, die betreffende Frage von Neuem[1] zu beantworten und zwar selbstständig, aus eigener Kraft, und im Widerspruch mit all seinen Vorgängern.

Im ersten Falle darf man darauf gefasst sein, einer wenn auch selten überflüssigen, so doch niemals bedeutenden, weil den vorhandenen Erkenntnissschatz nicht bereichernden Arbeit zu begegnen, im zweiten einer doch jedenfalls, zum Mindesten, nicht grade uninteressanten.

Dass diese zweite Arbeit, falls sie die Aufgabe, die sie sich gestellt hat, wirklich löst, d.h. falls sie auf die Frage, die ihrer Existenz zu Grunde liegt, eine in der That befriedigendere Antwort zu geben vermag, als die bisherigen, oder um mich vielleicht noch deutlicher auszudrücken, endlich die Antwort zu geben vermag, die herauswächst mit elementarer Folgerichtigkeit aus den Wurzeln der gerade zeitweilig triumphirenden Weltanschauung, mit der jene früheren Lösungsversuche sich nun einmal nicht mehr decken wollen, dass dann diese zweite Arbeit nicht etwa blos die unverhältnissmässig gewichtigere sein würde, sondern geradezu dazu berufen,[2] eine Wohlthat für die gesammte Entwicklung zu werden, eine Brückenbauerin und Wegweiserin, ohne die es sonst »langsamer« gehn würde, braucht dem Einsichtigen, als selbstverständlich, wohl nicht erst bewiesen zu werden?

Um nun niemand, der diese Schrift etwa einer Lectüre unterziehen möchte, in Zweifel zu lassen, bemerke ich, dass auf die vorliegende Arbeit die zweite Deutung zutrifft: ihr Verfasser leugnet, dass das ihr als Object dienende Problem bereits gelöst ist.

Ob seine eigne Lösung die endgültige ist, »endgültig« selbstverständlich nur innerhalb der enggesteckten vier Grenzpfähle unserer heutigen Weltauffassung, ob sie die Brücken bauen und die Wege weisen wird, auf dass es »schneller« gehe, wird die Zukunft zeigen.

Jedenfalls ist sie so auffallend wenig complicirt, so rührend einfach, so ohne allen »Brimborium«, und überdies allem Bisherigen auf diesem Gebiete so lehrreich diametral entgegengesetzt, dass ich es durchaus nur für selbstverständlich halten werde, wenn unsre[3] ernsthaften Leute, die ja ihr Brod und ihre Bildung einstweilen noch von der alten her beziehen, sie die erste Zeit für einen Aprilscherz ausschreien.

Es existirt niemand, der ihnen dieses kindliche Vergnügen wird verwehren können.[4]


»Eine neue Auffassung kann nur verstanden werden durch ihre geschichtliche Entstehung.«

Das ist ein alter Satz, und ich glaube, ich thue gut daran, ihn zu beherzigen. Ich werde also meine neue »Theorie« mit Verlaub zu sagen, – man verzeihe mir dieses harte Wort, ich weiss, es ist für gewisse Menschen heute, »freie Geister« nennen sie sich in ihren Büchern, was ein rother Lappen für gewisse Thiere ist, nämlich ein Ding, gegen das man unter allen Umständen mit seinen Hörnern rennt – ich werde also meine neue Theorie, meine ich, den Lesern dieser Blätter am besten dadurch näher zu bringen versuchen, indem ich ihnen einfach erzähle, wie sie nach und[5] nach in mir geworden. Sie jetzt hier plötzlich unvermittelt und nur so aus dem Aermel geschüttelt, gewissermassen als eine Art Dictat aus dem Jenseits hinzuspielen, das mir, dem Begnadeten, zu Theil geworden, wäre allerdings vielleicht etwas bequemer und wohl auch für viele, wie ich die Leute kenne, sozusagen etwas angenehm verblüffender, aber ich bin nun einmal ein ehrlicher Mann und kann mir nicht anders helfen: von aller Art Mystik ist mir grade die jedweilig modernste immer die widerwärtigste gewesen.

Lassen wir also alle sogenannte »Intuition« und »Inspiration« und wie dergleichen grossbrockiges Zeug sich sonst noch betiteln mag – natürlich immer dem lieben pp. Spiegel vis-à-vis notabene – bei Seite und den Poseuren und Zirkusreitern und halten wir uns lieber »hausbacken« an die Thatsachen; dieselben, die verrathen, wie viel Schweisstropfen täglich vergossen werden, ehe auch nur das kleinste Wahrheitchen gefunden wird. Kein Steinchen wird deswegen aus unsrer etwaigen Krone fallen, kein Stäubchen von unserm eventuellen Werth abfliegen.[6]

Freilich wird dabei nicht zu vermeiden sein, dass ich dem Leser ab und zu auch mit allerhand Intimitäten aufwarte; dass ich ihn öfter und tiefer in meine Werkstatt sehn lasse, als dies sonst bei uns Schriftstellern wohl üblich ist.

Wir sind eben der Mehrzahl nach leider eine ziemlich kleinkrämrige Gesellschaft, sehr besorgt für uns und heillos eitel, und lieben es nicht, wenn man uns im Negligee ertappt. Alles, nur sich nicht hinter die Coulissen kucken lassen! Das ist so recht das A und O unsrer Weisheit. Und ich glaube, ich fürchte, ich argwöhne, die Schuld daran trägt jener Esel, der zum ersten Mal auf den Einfall kam, sich das Wörtchen »Genie« zu construiren!

Man kennt ja die Geschichte: Wo das Genie auftritt, hat das Naturgesetz plötzlich ein Loch – bumm! »Das Genie«, orakelt schon der alte Carlyle, »ist ein Bote aus der Welt des Uebersinnlichen.« Des Uebersinnlichen! Wie das reizt, wie das schmeichelt! Was also natürlicher, als dass man als Interessent, als Künstler, einen möglichst grossen Nebel um sich zu breiten versucht, der alle[7] handfesteren Beziehungen zwischen uns und der trivialen Aussenwelt discret umschleiert, der uns losgelöst erscheinen lässt von dem Boden, aus welchem wir gewachsen, ein unverständliches Ding, nicht mehr erklärbar aus seinem Milieu heraus und nur ein Beweihräucherungsobject für die anbetungsbedürftige Menge?

Nun, ich für meinen Theil finde eine derartige Art und Weise, sich heute, im Zeitalter des Eiffelthurms und vielleicht noch verschiedener andrer schöner Dinge, am Ende gar selber etwas vormachen zu wollen, wie gesagt, herzlich abgeschmackt. Ich glaube an »Genies« – d.h. wohl verstanden an die Carlyle'schen! – ebenso wenig, wie an Krokodile, die tanzen können, oder Pyramiden, die Kopf stehn. Und da ich also schon aus diesem Grunde wirklich nicht wüsste, was mir leichter fallen könnte, als auf den Traum, oder wenn man lieber will, auf den Wunsch, von gefälligen Händen gelegentlich auch einmal in ihre imaginäre Kategorie gestopft zu werden, schon jetzt und für immer lächelnd zu verzichten, so habe ich, wie man sieht,[8] also wirklich auch nicht das geringste Interesse daran, mich hier zu »drapiren« und brauche mir sogar kein Gewissen daraus zu machen, mich meinen Lesern, wenn's noth thut, in Schlafrock und mit langer Pfeife zu präsentiren.

Wenn sie das nicht genirt, mich genirt das nicht.

Ich will es zufrieden sein, und wenn ich damit vielleicht auch nur Eins erreiche. Nämlich, dass man dieses Buch, trotzdem doch sein Thema an Abstractheit gewiss nichts zu wünschen übrig lässt, lesen kann mit der Cigarre auf dem Sopha, meinetwegen auch mit einer Tasse Kaffee daneben, ohne danach »Kopfschmerzen« zu bekommen. Denn ich bin nun einmal der Ansicht, dass der Werth auch eines wissenschaftlichen Werkes nicht darin besteht, dass es in einem möglichst schwerfälligen Kauderwelsch geschrieben ist. Im Gegentheil! Ich glaube, auch in diesem Pünktchen hätten grade wir Deutschen, wir Nur-Gott-Fürchter-und-sonst-niemand-in-der-Welt, wieder einmal allen Grund, von den ja mit Recht so verachteten[9] Ausländern zu lernen. Und, natürlich, in erster Linie, wieder von den verfluchten Franzosen!

Ich habe mir alle Mühe gegeben, es zu thun.

Quelle:
Arno Holz: Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze. Berlin 1891, S. 1-10.
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