Zweiter Theil

Lange noch lag Sara ohne Bewußtseyn in den Armen ihres jungen Freundes; denn Roger besorgte, daß ihre ausbrechende Verzweiflung bei ihrem Erwachen die entfliehende Seele des unglüklichen Vaters aufhalten möchte. Eine grauenvolle Stille folgte auf das unruhige Geräusch der Hülfsleistungen um den Sterbenden. Zwei Weiber aus dem Hause, die ihn aufrecht gehalten hatten, drükten ihm nun kalt und methodisch den Mund zu. Sie flüsterten gegen einander: er ist ohne den Segen der Kirche gestorben. – Heilige Jungfrau! rief die eine, und warf ein Tuch hin, mit welchem sie eben den lächelnden Todten bedeken wollte; heilige Jungfrau, erbarme dich! wir wollen beten – Die beiden Weiber sanken neben dem Bett auf die Knie; Roger schauderte, da er diese[1] neue Veranlassung zur Pein für Saras zerstörtes Herz entstehen sah. Er faßte sie auf, und trug sie aus dem Zimmer. Diese Vorsicht war sehr nothwendig, denn ihr Erwachen war so fürchterlich, daß ihr Geheimniß und die Geschichte der lezten Augenblike ihres Vaters durch ihre Reden bekannt geworden wären. Rogers Gegenwart schien ihr Abscheu einzuflößen: sie rechnete ihm ihres Vaters Tod zu, weil er ihm zu dem Plan einer unnatürlichen Verbindung die Hand geboten hatte. Bei aller dieser Verwirrung ihres Geistes war keine Heftigkeit, sondern eine kalte, feste, finstere Verzweiflung, die taub gegen Güte und Vernunft, nur für die Eingebungen ihrer zerrütteten Fantasie Gehör hatte. Roger litt unendlich, aber es gelang ihm durch sein einfach männliches Wesen, ihr zu widerstehen. Er behandelte sie wie ein Kind, ließ sie nicht aus dem Zimmer, besorgte alle Anstalten zu Seldorfs Begräbniß, und schrieb seinem Grosvater den traurigen Vorfall,[2] der seinen alten Freund so schnell hinweggeraft hatte. Er bat ihn zugleich um Rath wegen Sara's; »denn ich gestehe dir, Vater – so drükte er sich aus – daß ich keine Gewalt mehr über mein Herz habe, seitdem ich sie durch L***'s Verrath frei, und bei allem was sie umgiebt, ohne unsre Stüze, unendlich verlassen weiß. Selbst das Beste zu wählen, bin ich in diesem Augenblik nicht fähig; eile, Vater, mir jetzt beizustehen, da ich noch keinen Entschluß in mir aufkommen ließ.« –

Der alte Berthier hatte kaum Zeit gehabt, diesen Brief zu lesen, als er sich ohngeachtet der rauhen Winternacht auf den Weg machte, und mit Tages Anbruch bei dem Pachterhof anlangte. Er befreite Rogern von der peinlichsten Lage. Sara hatte gegen Morgen mit grosser Heftigkeit verlangt, zu ihrem todten Vater gelassen zu werden, und auf Rogers sanftes Verweigern, das sich vorzüglich auf die Besorgniß gründete,[3] die Umstehenden möchten aus den Ausdrüken ihres Schmerzes mehr errathen, als zu ihrer Sicherheit dienlich wäre, sezte sie ihm die Herrschaft der Verzweiflung entgegen. Er gewann es zwar über sich, als Mann mit ihr zu sprechen; er beschwor sie bei ihrer Pflicht als Tochter, und bald als Mutter, ihm zu gehorchen; aber unfähig, sie länger mit Gründen zu bestreiten, war er gezwungen gewesen, sie in ihrem Zimmer einzuschliessen, und er erwartete nun neben dem Leichnam des Entschlafnen die Antwort seines Grosvaters. Wie froh ward er überrascht, als er den edeln Greis selbst ankommen sah! Dieser stand einige Augenblike mit gefalteten Händen bei der Leiche, und was aus seinem gen Himmel gerichteten Blik leuchtete, war Gewißheit des Daseyns jenseits, in welchem Seldorf jezt den Endzwek seiner Leiden erkannte. Er legte seine Rechte auf die kalte Stirne des Todten – so sanft schliefst du nie! sagte er, indem eine Thräne seinen Blik[4] verdunkelte. Roger erzählte ihm nun alles; der Alte hörte sehr ernst zu, und saß noch lange darauf in tiefem Nachdenken: bald blikte er auf Rogers von Wachen und Unruhe glühendes Gesicht, bald schien er mit sich selbst zu sprechen. – Roger, sagte er endlich, meine Tochter soll Sara von diesem Augenblike seyn; ob sie dein Weib wird, hängt von ihr ab; aber ich verspreche dir meinen Segen dazu. Du mußtest Rath fordern, ich aber gäbe dir ein schlechtes Beispiel, wenn ich dir Vorurtheil und Menschenfurcht neben den Tugenden des Patrioten anpriese. Führe mich jezt zu ihr! – Sie fanden Sara sehr eifrig schreibend; wie sie Berthier sah, fuhr sie vor Schreken zusammen, und sah Roger forschend und mit stolzem Unwillen an. Dieser kam ihren Gedanken zuvor: ja Sara, der Vater kennt alle Ihre Ansprüche auf unsre Liebe, auf unsre Schonung, er weiß, daß Ihr Vater mir ein Glük zudachte, das ich nie ertrozen will, das aber ewig das Ziel meiner[5] Hofnungen bleibt. – Sara gerieth bei diesen Worten in die heftigste Bewegung. Wissen Sie auch, rief sie mit dem Ausdruk der Verzweiflung, daß er daran Schuld ist, daß mein Vater mir fluchend aus der Welt schied; und jezt gebraucht er Gewalt, um mich von seinem Leichnam zu trennen. – Berthier ergriff ihre Hand, und führte sie stillschweigend in das Zimmer des Todten. Sara! sagte er ernst und feierlich, indem er das Tuch von dem Lager hinwegzog; dieses lächelnde Gesicht fluchte seinem Kinde nicht im Tod! Die Hofnung Ihres Glüks begleitete ihn vor Gott; hier an seinem Sterbebett geloben Sie mir Gehorsam und Sanftheit, die ihn ehren. – Das arme Mädchen war bei diesem Anblik, wie von einem Lichtstrahl getroffen, zu Boden gesunken. Sie blieb einige Minuten unbeweglich, dann stand sie auf, legte ihre kalten Hände in Berthiers Hand, und fragte mit hohler erloschner Stimme: Versichern Sie mir das? er fluchte nicht?[6] Und Sie – indem sie sich zu Roger wandte – Sie hatten ja wohl kaltes Blut um zu hören! Er fluchte nicht? – Nein Sara, er starb mit einem heitern Gedanken. – Sie hob Hände und Augen gen Himmel, küßte des Vaters Stirne und Hände, seufzte, als bräche ihr Herz: Gute Nacht, Vater, gute Nacht – o gute Nacht! rief sie noch einmal, indem sie die gefalteten Hände an ihr Herz drükte, und gieng in ihr Zimmer, wohin ihr die beiden Berthiers folgten. Sie sezte sich noch einen Augenblik zum Schreiben nieder; aber der alte Berthier erinnerte sie, ihr Gepäk zu besorgen, weil er sie sogleich nach ihres Vaters Begräbniß mit sich fort in sein Haus nehmen würde, wo sie sich ganz als sein Kind, als Mitherrschaft ansehen sollte. Ich weiß, daß dies Ihres Vaters Wunsch war, und daß nur die lezten Vorfälle seines Lebens ihn verleiteten, falsche Wege dazu zu suchen; Sie können meine Tochter seyn, ohne sein Weib zu werden – indem er auf seinen[7] Enkel deutete – obschon Sie es auf keine ehrendere Art für Sie, auf keine beglükendere für mich seyn könnten. Sie sah finster und unentschlossen auf Roger; sie nahm das Papier, an welchem sie so eben geschrieben hatte, vom Tisch, und sagte: Gehorsam, Liebe, Ehrfurcht bin ich Ihnen schuldig, und giebt es ein Mittel, mir das Leben zu erleichtern, bis mein Schuzgeist erscheint, so ist es, daß dieser junge Mensch es mir möglich mache, ihn wieder zu lieben, wie ich seit der ersten Bildung meines Herzens ihn liebte. In diesem Blatte habe ich ihn darum gebeten, ich habe ihm den Weg dazu gezeigt. – Da Roger! Sie gewähren mir dieses, oder reissen sich auf ewig aus meinem Herzen. – Sie gieng nun mit scheinbarer Ruhe an das Einpaken ihres Geräthes, und trieb das verschloßne Wesen ihres Schmerzens so weit, daß sie neben des Vaters Leiche aufräumte; nur bemerkte man eine zitternde Thätigkeit in ihren Bewegungen, und wenn sie sich einen Augenblik[8] vergaß, flossen einzelne grosse Tropfen aus ihren starren todten Augen. Sie kam ein paarmal in ihr Zimmer zurük, wo sie den alten Berthier, wegen der Anstalten zur Beerdigung, und andrer Angelegenheiten, die mit dem plözlichen Todesfall zusammenhiengen, mit verschiednen Leuten im Gespräch begriffen fand; Rogern sah sie aber nicht, bis sie an einem Fenster vorbeikam, wo sie ihn unter den Bäumen erblikte; er gieng in der heftigsten Bewegung auf und nieder; sie stand im Begrif, weich zu werden, aber sie entfernte sich, und hob einen Augenblik die Deke von des Vaters Gesicht, worüber ihr starrer Muth zurükkehrte.

Es war jezt Mittag, und sie kam mit den beiden Berthiers wieder zusammen. Sie schien bei Rogers Anblik zu leiden; der Alte bemerkte es, und nahm das Wort: Sara, mein Sohn hat mir Ihre Bitte mitgetheilt. Er soll durch einen feierlichen Schwur Ihrer Hand entsagen, damit Sie[9] seine Großmuth, seine Aufopferungen ohne Verdacht annehmen, damit Sie die Veranlassung zu Ihres Vaters Tod verschmerzen. So lange sie L***'s sind, wird er keine Ansprüche auf Sie machen; werden Sie frei, so haben Sie das Recht, ihn auszuschlagen, aber nicht seinem Willen Einhalt zu thun. Roger schwört nicht. – Nein Sara, rief der junge Mann innig, indem er ihre Hand faßte, nein! ich schwöre nicht, aber ich schweige wie das Grab. – Sara ließ ihren Blik ungerührt auf ihm ruhen: Auch so! Trage, was darauf folgt, ich wollte es gut machen. – Mehr sagte sie nicht, sondern fieng bald darauf an, von Geschäften zu sprechen. Gegen den Abend ward der Leichnam nach dem nächsten Kirchhof gebracht, Roger folgte ihm, und Berthier stieg sogleich mit Sara in seinen Wagen, um nach *** zu fahren. Es war nöthig, Sara zu entfernen; denn in dem Augenblik, wo der Sarg aus dem Hause gebracht wurde, schien ihr Leben[10] in Gefahr zu seyn. Wer ein Wesen, das ihm theuer war, sterben sah, wird über diese menschliche Täuschung nicht lächeln. Das lezte Röcheln des Hinscheidenden ist schreklich, aber mit der ersten Schaufel Erde, die auf den Sarg rollt, fällt erst die furchtbare Scheidewand zwischen uns und der Geisterwelt ganz nieder. So lange er da lag, lächelnd und sanft im ewigen Schlummer, sagte sich Sara leise im innersten Herzen: er war versöhnt! Wie aber der schwarze Sarg ihn verhüllte und dahin fuhr, verschwand das Bild des Lächelns vor ihrem Blik; sie sah ihn in finstrer Erde wie einige Minuten vor seinem Tod, da die stummen Thränen aus den erstarrten Augen flossen – wehe, wenn man auf das Geisterleben warten muß, um versöhnt zu seyn mit dem in Verzweiflung gestorbenen.


Tage und Wochen vergiengen, ehe Sara's Fassung zurükkam. Wie viel Roger damals von L*** wußte, ist unbekannt. Er[11] konnte während seiner langen Abwesenheit von ihm gehört haben, indessen war es nicht in seinem Wesen, Erkundigungen einzuziehen, und er berührte den Gegenstand nie. Ueberhaupt mag der Leser von hier an einige Lüken finden; denn Menschen, die in der Einfalt ihres Thuns von der Gewalt allgemeinerer Schiksale fortgerissen werden, beobachten die kleineren verborgnen Fäden ihrer Geschichte gar wenig, und können dem Frager selten andre Erklärungen über eine Begebenheit geben, als deren Folgen. Für ein theilnehmendes erfahrnes Herz aber wird diese Geschichte immer Zusammenhang genug haben, um die Gefühle der Menschen, die darinn handeln, zu begreifen. – Sara verfolgte Rogers Aeusserungen mit mistrauischer Aufmerksamkeit; und so oft sie abzunehmen glaubte, daß er ihre Verbindung mit L*** für unverlezt hielt, so oft näherte sie sich in ihrem Betragen wieder ihrer alten Innigkeit und Unbefangenheit.[12]

Ihre Schwangerschaft war nicht länger zu verbergen; auch befahl ihr der alte Berthier, sich mit bescheidner Sittsamkeit jeder Bemühung der Art zu enthalten: in meinem Hause, sagte er, sind Sie geehrt, und so viel die Meinung der Welt sie noch angeht, sind Sie ihr schuldig, sie durch Erfüllung der Mutterpflichten zu versöhnen, nachdem Sie als Mädchen sie beleidigt haben. – In der Gegend herrschte so viel Mistrauen, Unruhe, Gährung, daß es kein blos gesellschaftliches Urtheil mehr gab; jeder noch so kleine Vorfall ward in die politischen Meinungen verflochten, und diese wurden mit aller hämischen Kleinlichkeit, Verläumdungs- und Verkezerungssucht behandelt, welche Priester und ihre Kreaturen einer Sache geben können, sobald sie wichtigeren Planen damit dienen. Unter dieser Partei, welche die stärkere war, wurde Berthiers Grosmuth gegen Sara so feindselig ausgelegt, als möglich: Roger sollte das Mädchen verführt haben, aus Kummer[13] war der Vater gestorben, und jezt hielt sie Berthier als seines Enkels Buhldirne in seinem Haus. Die Meinung der entgegengesezten Partei war durch die unvorsichtige oder boshafte Geschwäzigkeit des Pachters, bei welchem Seldorf nach der Zerstörung seines Guts gewohnt hatte, entstanden, und sie enthielt mehr Wahrheit. In dieser argwöhnte man Sara's geheime Verbindung mit L***, und dazu gehörte ohnehin wenig Scharfsinn, da Sara bei ihrer natürlichen edeln Unbefangenheit, bei dem Bewußtseyn ihrer innerer Würde nie zu verhehlen gelernt hatte, bis ihre würkliche Schuld den Bliken neugieriger Landleute schon in ihren verweinten Augen deutlich werden mußte. Man machte Berthier ein Verbrechen gegen das Vaterland daraus, die Geliebte, Vermählte, oder – Misbrauchte eines L*** zu beherbergen, und die Unzufriedenheit gieng so weit, daß er von verschiednen seiner Brüder darüber zur Rede gestellt wurde. Er antwortete mit[14] aller Festigkeit der Tugend, und verschafte sich, vor unmittelbaren Anklagen Ruhe, indem er in einer Versammlung fragte, ob einer von ihnen das Kind des offenbarsten Feindes vom Vaterland hülflos von sich stossen würde wenn es ihn um Schuz anflehte? Und diese sagte er, ist das Kind meines unglüklichen Freundes; sie wird Mutter eines Geschöpfes das ich dem Gemeinwesen erhalte; sie hat keinen Fleken auf sich, als dem Wort eines Menschen, den sie für redlich hielt, getraut zu haben. Sollen sie und ihr Kind deswegen der Schande und der Sünde blosgestellt werden? soll ich deswegen meinen Freund im Grabe verrathen? Ihr hättet eure Pflichten schlecht erlernt, wenn Menschenliebe davon ausgeschlossen wäre, und Ihr hättet mich schlecht gekannt, wenn Ihr Menschenfurcht mit zu meinen Schwächen gerechnet hättet. Seldorfs Waise bleibt mein Kind, solange sie von ihrem Verführer getrennt bleibt; fordert er sie als sein Weib zurük, so scheide ich von[15] der Gattin unsers Feindes. Bis dahin troze ich der Verläumdung – Die rohen Menschen schwiegen gerührt, und die Bosheit ergrimmte, diese Würde nicht zu ihrer Maske nüzen zu können.

Der Frühling hatte jezt die Natur neu belebt, und Sara schlich am späten Abend oft in den Trümmern von ihres Vaters ehemaligem Wohnort umher. Garten und Feld waren durch Berthiers Sorgfalt so weit hergestellt, daß ihr Ertrag Sara immer vor dem dringendsten Mangel schüzen konnte; aber die sonst so wohl erhaltenen Gänge, die schattigen Lauben lagen noch danieder. Wie trüb und bang stieg die Vergangenheit in Sara's Seele auf, da ihr Irrgang sie zum erstenmal wieder bis an die eingestürzte Brunnensäule brachte! dort hatte sie Ihn zum erstenmal gesehen – und alles war zerstört, wie die Stätte dieses heiligen Andenkens! Jene Sara mit leichtem schwebendem Gang, frisch und hold wie die Blumen, die sie trug,[16] rein und hell ihr Blik wie der Krystall des Wassers, vor welchem sie stand, sanft und ruhig ihr Herz wie die Frühlingsluft, die in den Zweigen umherspielte – und nun! Matt und mühsam schlich die immer noch holde Gestalt durch das wildverwachsene Gesträuch, umwölkt und zutrauenslos suchte ihr Blik die verwüsteten Spuren der Vergangenheit. Sie saß erschöpft auf dem eingefallnen Brunnenbeken nieder, und – betete für L***. Sie hätte um ihn beten mögen, denn seit Monaten hofte sie umsonst auf Nachricht von ihm, forderte ihn umsonst auf, seinem Weibe, seinem Kinde beizustehen. Nur einmal nach dem Tod ihres Vaters hatte sie einen kurzen Brief von ihm erhalten, in welchem er ihren Aufenthalt bei Berthiers billigte, und sie mit dem ganzen Gewicht seiner Allmacht beschwor, sich still zu verhalten, jezt nicht von ihm zu fordern, daß er sich öffentlich ihrer annähme, und ihren Glauben an eine Liebe nicht wanken zu lassen, die nicht von Vorurtheilen[17] und gewöhnlichen Grundsäzen, nicht von dem früheren oder späteren Anfang ihres Glükes abhienge. Er schikte ihr zugleich eine ansehnliche Summe, die sie mit einem sehr gemischten Gefühl von unaussprechlichem Kummer über sein hartnäkiges Zögern, und von Freude, noch sein Eigenthum, noch in seiner Abhängigkeit zu seyn, empfieng. Seitdem war aber eine lange Zeit verflossen, sie sah nunmehr den entscheidenden Augenblik heranrüken, der jedes Weib so wunderbar dem Tode nähert, und zugleich mit so unzerstörbaren Banden an das Leben bindet. Einsam mußte sie dem Schreken dieser Stunde entgegengehen, einsam das verwaißte Geschöpf empfangen, das seines Vaters Lächeln nicht in diesem Daseyn begrüßte. Und wenn diese Stunde ihr Leben endigte – sie weinte sanfter bei dieser Vorstellung, dachte sich Ruhe im stillen Grabe, und ihr Kind in Rogers treuer Hand – wiederum aber bei dem Bilde des Grabes that sich ihres Vaters Sarg vor ihrem Blike auf,[18] sie sah seine stummen Thränen, sein sterbendes starres Gesicht – Schaudernd rief sie: dann verzeihst du mir dort! Und der Tod blieb ihr der liebste Gedanke, und sie wandelte ruhiger dahin, gleich als hätte sie einen Weg durch das Labyrinth des Lebens gefunden.

In diese schwermüthigen Träumereien wiegte sie sich bis gegen die Mitte des Junius; sie war glüklicher dabei, und empfänglicher für Rogers edle Sorgfalt, für Berthiers väterliche Güte. Eine neue Erscheinung in L***'s Liebe störte diese Stille und Rogers Hofnungen, so bescheiden er sie in die treueste Bruderliebe hüllte. Es langte eine Kiste von Saumür an, in welcher Sara ein vollständiges Kinderzeug, einfach und anspruchlos, aber mit der sorgfältigsten Sauberkeit verfertigt fand. Jedes Stük war mit den beiden Anfangsbuchstaben von L***'s Namen bezeichnet, ein Zettel lag dabei, der nur diese Worte enthielt:

»Wann wird die Zeit kommen, wo ich heiligere[19] Pflichten erfüllen, und süssere Freuden geniessen soll, als ein Befehl an eine Näherin mir verschaft? Gesegnet sey die holde Mutter mit ihrem Kinde!«

Dahin war Sara's ruhiger Schmerz und ihre stille Ergebung; neue Hofnung, Freude, und Zuversicht traten an die Stelle, und wechselten mit Sehnsucht und Unruhe von neuem ab. Roger hatte mit väterlicher Sorgfalt der Geburt ihres Kindes entgegengesehen, er hatte sich darauf gefreut, es mit seiner Liebe zu empfangen, er hatte den Grosvater beredet, Sara manches Kindergeräth zu schenken, das mit altväterischer Haushältigkeit sauber in Schränken verwahrt stand, und von Berthiers jüngstem Enkel her, der vor vielen Jahren gestorben war, für Rogers künftige Wirthschaft aufgehoben wurde. Mit wahrer männlicher Züchtigkeit hatte er gesucht, Sara die Schaam zu ersparen, die diese Sorgfalt, wenn sie von ihm herzurühren schiene, bei ihr erregen könnte; aber er genoß eine[20] wehmüthige Freude, sie durch alle diese kleinen Mittel an sich zu fesseln, und in seine Familie zu verflechten: Berthier nannte sie seine Tochter, ihr Kind sollte die feinen Kragen haben, die seine Mutter genäht hatte, und den silbereingefaßten Wolfszahn umgehangen bekommen, an welchem schöne silberne Denkmünzen von Ludwigs des Vierzehnten Siegen gereiht waren, der von Vater auf Sohn schon über ein Jahrhundert in der Familie fortgeerbt hatte. – Roger, der glühende Patriot, der wilde Jüngling, war einfach genug geblieben, um diesen Dingen noch einen ehrwürdigen Werth beizumessen. Das war aber vorbei, seitdem jene unglükliche Kiste anlangte. Verworfen waren die gestikten Hemdchen, die altväterischen Spizen, und das ganze Geräthe; mit liebenswürdiger Weiblichkeit ordnete Sara die kleine Wirthschaft ihres künftigen Kindes, die sie des Vaters Zärtlichkeit zu verdanken hatte. Es war eine Kleinigkeit, aber sie zerstörte die Täuschung des guten jungen Mannes.[21] Er gieng Sara schwermüthig aus dem Wege, um nicht Zeuge ihrer Zufriedenheit zu seyn, sie suchte sie zu verschliessen, weil sie fühlte, daß er litt; aber mit einem einzigen Gedanken beschäftigt, gelang ihre Bemühung nur schlecht.

Die entscheidende Stunde kam endlich, und ließ Sara das ganze Unglük ihrer Lage empfinden. Unter allen Schmerzen, welche das strenge Gesez der Natur einer Mutter auflegt, bei der Angst, die selbst unter den rohesten Völkern alle Begriffe von Qual zu erschöpfen scheint, vermißte sie den Mann, für welchen, durch welchen sie litt. Bei dem Bewußtseyn ihrer innern Reinheit, wurden die Thränen, die der körperliche Schmerz ihr auspreßte, doch zu bittern Zeugen ihres Kummers und ihrer Schaam, als die Frau, welche ihr beistand, von ihren Leiden gerührt, ausrief: es ist nicht recht gethan, daß der Vater nicht wenigstens dabei ist, sie zu trösten! – Diese einfache, ungeschikte Bemerkung machte das Gefühl,[22] das die arme Leidende unterdrüken wollte, in laute Worte ausbrechen; sie rang ihre matten Hände, und rief durchdringend um Kraft, diese Stunde zu überstehen. Wäre es möglich, das Gefühl eines Menschen ganz und unverändert in die Seele eines andern übergehen zu lassen, wäre es möglich, dem leichtsinnigen oder boshaften Verführer, dem durch romanhafte Schwärmerei oder unstatthafte Vernünftelei selbst zuerst Verleiteten, den Zustand von unaussprechlichem Verlassenseyn, in welchem eine unglükliche Geliebte in dieser Stunde leidet, zu schildern; es würde vielleicht keines Mannes Herz dem Schreken widerstehen, Schöpfer dieser Qual zu seyn.

Roger war abwesend, wie Sara von den Schmerzen überfallen ward, und er kam erst spät nach Haus. Seit vielen Monaten hatte er sich auf diesen Augenblik gefaßt gemacht; als er aber nun herbeigekommen war, als er denken mußte: Leben oder Tod würde jezt über sie entscheiden, da konnte er sich kaum[23] enthalten, den Gesezen des Anstandes, des Stolzes, der Stimme seiner Vernunft zu trozen, und zu ihr zu eilen. Er wachte neben ihrem Zimmer, fragte bang einen jeden, der heraustrat, und wie der Schmerz ihr den ersten Schrei auspreßte, stürzte er erblaßt in seines Grosvaters Schlafgemach, und rief: sie stirbt, Vater, sie stirbt! Der gute Alte war auf: Nein, nein, sagte er, indem er nicht ohne Zittern nach Sara's Zimmer eilte, es ist keine Gefahr; ich bin unterrichtet, aber ich will sie sehen. – Der alte Mann erschien dem leidenden Geschöpf wie ein wohlthätiger Engel, er fragte mit inniger Theilnahme nach ihrem Zustand, bat sie väterlich, nicht aus falscher Schaam seinen Trost von sich zu stossen, und lehnte ihren Kopf an seine Brust. Ein holdes Mädchen war der Lohn von Sara's Schmerzen, aber die Mutter war anfangs zu schwach zur Freude; Berthier blikte das Kind gerührt an, und gieng zu seinem Sohn heraus, der in der heftigsten Unruhe seiner wartete: [24] Sara hat uns eine Tochter gegeben, sagte er ihm freundlich, sie ist außer Gefahr, sie wird uns erhalten. Roger war entzükt, er bat, er flehte sie sehen zu dürfen. Endlich brachte man ihm das Kind. Er schauderte bei dessen Anblik: das Kind eines glüklichen, eines unwürdigen Nebenbuhlers – aber Sara's Kind, ein verlassenes, von seiner Geburt bestohlnes Geschöpf, ein Geschöpf, das einst ein heiliges Band zwischen ihm und Sara knüpfen konnte! Er nahm es auf seine Arme, und gieng tiefsinnig in das Zimmer der Mutter, die nun zu sehen war. Sie war noch so matt, daß sie im halben Schlummer dalag, und die Gegenstände kaum unterschied. Roger kniete, das Kind im Arm, neben ihrem Bette, und sah, zitternd von Liebe, Schaam und Unruhe, auf das blasse Gesicht, das noch Spuren des wütenden Schmerzens hatte. Sie öfnete endlich die Augen, blikte ihn lange halbverwundert an, bis ihr Herz nach und nach erwachte, und sie ihre Arme matt nach dem Kinde[25] ausstrekte. Er reichte es ihr hin, und sie fühlte seine Thränen auf ihrer Hand; sie hatte die Kräfte nicht das Kind zu halten, es sank auf ihren Schooß, und sie machte eine Bewegung, es in Rogers Arme zurükzugeben, indem sie die eine Hand des jungen Mannes mühsam zu ihrem Munde führte, und mit einem dankbaren Blik küßte. War es Bedürfniß ihres armen Herzens, sich von Liebe umgeben zu sehen, welches sich jezt, da ihr Geist in diesem Zustand von Erschöpfung gewissermassen schlummerte, nur deutlicher äusserte, oder war sie gerührt von der unerschütterlichen Liebe des jungen Mannes, oder fühlte sie nunmehr als Mutter ihre Rechte auf L*** so gegründet, daß sie von ihrer Strenge nachlassen dürfte – genug, Rogers Gegenwart schien ihr wohlzuthun, und wenn sie nach einem halben Stündchen leichten Schlafs erwachte, legte sie mit einem wehmüthigen Lächeln ihre Hand auf seinen Arm, als wollte sie ihn an dieser Stelle festhalten.[26]

Nach drei Tagen hatten Jugend und Pflege die holde Mutter so weit hergestellt, daß sie ihrem Kind die Brust reichte. Bescheiden entfernte sich Roger in diesen Augenbliken, aber eines Tages überraschte er sie, und war durch einen Zufall verhindert, das Zimmer sogleich zu verlassen. Bis jezt hatte Sara als Mutter zu laut zu seinem Herzen, zu seiner Theilnahme geredet, als daß eigennüzigere Gefühle in ihm hätten aufkommen können; und einfach und redlich, wie er war, hatte seine Fantasie seine Sinne selten verführt. Aber der Anblik dieses geliebten reizenden Weibes, die mit dem Ausdruk der reinsten Unschuld, mit stiller heiterer Mutterliebe, ihr Kind an den schönsten, bis jezt seinen Augen immer verhüllt gebliebenen Busen drükte, deren zurükgebliebne Mattigkeit, deren unbefangnes Vertieftseyn in ihre Beschäftigung ihrer Stellung einen wollüstigeren Reiz gab, wie die studierteste Kunst es je vermocht hätte – dieser Anblik erregte in Rogers Blut einen Aufruhr, den er nicht[27] bemeistern konnte. Nachdem er eine Minute lang seine flammenden Blike auf sie geheftet hatte, stürzte er zu ihren Füssen, umfaßte Mutter und Kind, drükte sein glühendes Gesicht an dieses Heiligthum, das sein Auge noch nie erreicht hatte, riß sich endlich mit convulsivischer Heftigkeit los, und eilte athemlos fort. Sara blieb erstaunt, erschroken zurük. Ihre Achtung, ihr langer schwesterlicher Umgang mit ihm wollte sie überreden, er wäre vielleicht krank, oder er müßte vielleicht fort, und dies wäre sein Abschied gewesen; aber die Gluth seiner Wangen und ihr innerer Schreken widersprachen der Täuschung, es war ihr, als hätte sie ihn verloren, und sie zitterte ihn wiederzusehen, nach ihm zu fragen. Sie warf sich vor, gefehlt zu haben, sie bat L*** mit Thränen ihr Vergehen ab, und weinte um Rogers Schuld, die ihre Ruhe vernichtete. Der unglükliche Jüngling hatte von dem Augenblik an Höllenqual gelitten. Er konnte an Sara nicht mehr denken, als mit wallendem Blut,[28] mit unbändigen Wünschen. Seine Grundsäze, seine Entschlüsse blieben fest, aber seine Einbildungskraft hatte ihm das Weib, das er seit fünf Jahren mit übernatürlicher Entsagung liebte, in die Arme geliefert, sie verschlang ihre Reize mit rasendem Feuer, und er fühlte sich ohnmächtig in dem Kampf gegen seine verirrten Sinne. Ihr Name, der Anblik ihres Halstuchs, das am Gartenzaun troknete, der Befehl, den sein Vater ihm am Abend dieses Tages gab, Sara's Nachtlicht anzuzünden – alles führte eine Reihe der ausschweifendsten Bilder in seinem Gehirn vorbei, durch welche sein moralisches Gefühl vielleicht vergiftet, und er zu herabwürdigenden Verirrungen getrieben worden wäre, wenn ein Zufall ihn nicht aus diesem Zustand gerissen hätte.

Vor Sara's Gegenwart zitternd, und doch mit unwiderstehlicher Gewalt zu ihr gezogen, empfand er eine Marter, die endlich eine Ahnung von Haß gegen den Gegenstand seiner Liebe selbst hervorbrachte. Er war treu[29] und schuldlos, und doch zerstörte sie sein Daseyn. Er hätte sie nur einen Augenblik besizen, halten – dann ermorden mögen, denn seine Vernunft war betäubt. Sonst durfte er seinen Vater um Rath, um Hülfe bitten, jezt erröthete er zum erstenmal vor sich selbst. Roger war dieser Demüthigung nicht gewohnt, er mußte sie enden: er nahm den folgenden Tag von seinem Vater Abschied, um nach Saumür zu gehen, und dort sich zu zerstreuen. Er konnte sich nicht entschliessen, Sara zu betrüben, und abzureisen, ohne sie zu sehen. Sie war verlegen bei seinem Eintritt; als er ihr aber stotternd sagte: Sara, ich muß fort, muß mich wiederfinden, muß wieder fähig werden in Ihrer Nähe zu seyn; jezt ist's unmöglich! – da sah sie ihn wehmüthig an, Thränen erstikten bald ihre Stimme; er glühte, und wollte fort, als fürchtete er, sie möchte so wie sonst ihm die Hand zum Abschied reichen, oder ihren Kopf an seine Schulter lehnen. Aber sie kniete nieder, benezte[30] seine Hand mit Thränen, und sprach leise: Ja es ist besser, Segen geleite Deine Schritte, kehre ruhig wieder. – Er hörte nichts mehr, er riß sich los, eilte nach der Thüre, warf noch einen Blik auf die Kniende, und verschwand. Als er in Saumür ankam, erfuhr er, daß das Departement eben versammelt wäre, um aus der Nationalgarde die Deputirten zu dem Bundesfest des vierzehnten Julius in Paris zu erwählen. Dies schien ihm ein Wink des Schiksals, er eilte sich unter die Bewerber zu stellen, und da man eifrig bedacht war, nur die wärmsten Patrioten zu dieser Sendung zu gebrauchen, so ward er mit Freuden angenommen. So fand er sich denn auf eine unbestimmte Zeit erlößt von der Gefahr, die ihm zu Hause drohte; der neue Gang, den seine Gedanken nahmen, die Anstalten zur Reise würkten wohlthätig auf seine Fantasie; seine Vernunft erhielt wieder ihre Oberherrschaft, aber es blieb mit dem Gedanken an Sara eine Schwermuth in ihm zurük,[31] die keine Zeit zu heilen versprach. Sie hatte seit Jahren sein Glük in ihrer Hand, sie war die Gottheit seines einfachen Herzens gewesen, das kindlich einen grossen Theil seiner angebornen Tugenden ihr zuschrieb – und jezt hatte sie ihn fast dem Laster in die Arme gestürzt, er hatte gefühlt, daß er, um die Gährung seines Bluts zu tilgen, zu niedrigen Ausschweifungen hätte schreiten können, und rettete ihn auch jezt die Festigkeit seines Verstandes, so schauderte er desto mehr vor dem Gedanken, herzlosen Taumel der Sinne als Entschädigung für die reinste Liebe zu ergreifen. Er gieng noch auf einige Tage nach *** zurük, um von seinem Grosvater zu dieser langen Abwesenheit Abschied zu nehmen. Natürlich mußte er Sara wiedersehen, seine Schwermuth vermehrte sich bei diesem Anblik; das Gefühl, ungeliebt zu lieben, war in seiner Seele haftend geworden, und die Hofnung, den Abgott seines Herzens glüklich zu sehen, diese einzige Entschädigung für seine[32] unerwiederte Liebe, schwand immer mehr dahin, je verblendeter Sara für L*** schien, und je unerklärlicher dieses Mannes Betragen wurde. Der Streit seiner Empfindungen brachte eine Verschlossenheit in ihm hervor, die sich durch finstre Kälte äusserte, und Sara mit banger Ungewißheit erfüllte. Sie konnte sich nicht verbergen, daß seine Abwesenheit, durch solche vortheilhafte Umstände veranlaßt, in diesem Augenblik sie beruhigte; aber äußerst peinlich war es ihr, so von ihm zu scheiden, den Schmerz der Trennung nicht durch sanftes Vertrauen lindern, das Gefühl ihrer Dankbarkeit und ihres Unrechts gegen ihn nicht vor seinen Augen ergiessen zu dürfen. Er sah sie wenig, und wenn er bei ihr war, und Fassung genug erkämpfen konnte, um über ihre Lage zu sprechen, geschah es mit einem kalten ernsten Wesen, das sein Herz zusammenpreßte. Ihr Stolz hielt sie aufrecht; sie hielt in solchen Augenbliken ihre thränenschweren Augen auf ihre Arbeit geheftet, und suchte Gleichgültigkeit[33] in ihre zitternde Stimme zu legen. Roger glaubte, daß seine unglükliche Verirrung ihr bei längerem Nachdenken beleidigend geschienen hätte, und diese vermeinte Unbilligkeit mischte noch etwas Bitterkeit in den Zwang seines Wesens. So erhielt sich das Misverständniß, und stieg immer höher, bis an den Tag, der zur Abreise bestimmt war. Roger saß finster und tiefsinnig neben Sara und seinem alten Vater, dessen Stolz auf die Sendung, die sein edler Enkel erhalten hatte, durch den Anblik seiner vernichteten Heiterkeit sehr getrübt ward. Man fragte Roger, ob sein Pferd nun gesattelt werden sollte; Sara fuhr erschroken zusammen, und bükte sich tiefer auf ihr Nähzeug; Roger athmete hoch auf, und ließ sich zweimal wiederholen, was man von ihm wollte, ohne die Antwort zu vernehmen. Dann stand er auf, und gieng mit ängstlicher Heftigkeit durch das Zimmer umher; der alte Berthier gab endlich mit erzwungner Gleichgültigkeit den Befehl, das[34] Pferd zu satteln, sein trüber Blik folgte den unstäten, nach Fassung kämpfenden Schritten seines Lieblings. Rogers Stimmung war sehr gewaltsam, alle Gefühle seines Herzens, seine feurigsten Wünsche und seine redlichsten Entschlüsse stritten noch einmal gegen einander in diesem bangen Augenblik; er rechnete darauf, seinen Verdacht gegen L*** in Paris aufzuklären oder zu bestätigen, dann aber – würde er dann an Sara's zunehmendem Widerwillen einen schlimmeren Feind als L***'s Anspruch zu bekämpfen haben? Und wenn er L*** Unrecht thäte, wenn er nur darum mehr erführe, um sich zu überzeugen, daß seine Leidenschaft gegen Geseze und Möglichkeit strebte? – er ward in diesem unruhigen Kampf durch das Erwachen von Sara's Kind unterbrochen, das nach seiner Mutter weinte. Sara verstand sein Verlangen, unwillkührlich rief es ihr jenen traurigen Ausbruch von Rogers Heftigkeit zurük, und sie beugte sich verlegen über die Wiege, um durch[35] ihre Stimme die Kleine zu besänftigen. Diese ließ sich betrügen, und schlummerte lächelnd wieder ein. Mechanisch war Roger der Mutter bis zum Kinde nachgefolgt, und stand nun fast gedankenlos bei dem kleinen holden Geschöpf. Vielleicht war es der Ausdruk von Ruhe auf dem sanften Gesicht des Kindes, vielleicht würkte die bange Stille, die in dem Zimmer herrschte, auf sein gespanntes Gehirn, vielleicht nahmen ihm selbst unbewußt seine Gedanken einen sanfteren Gang: kaum hatte er einige Sekunden auf das Kind geblikt, so wurden seine Augen naß, und wie jezt der Knecht unter dem Fenster rief, daß alles bereit wäre, stürzte er lautweinend neben dem Bettchen auf die Knie, drükte das Kind an sich, und rief in der Bitterkeit seines Schmerzens: er wird sie nie so innig lieben – nie so unaussprechlich wie ich! Sara konnte sich nicht mehr halten, sie eilte zu ihm, sie wollte ihm mit der süssen Beredsamkeit der gekränkten Liebe, des unwillkührlich schuldigen Gewissens[36] beweisen, daß sie ihn nie zärtlicher lieben könnte, wie sie ihn als Schwester liebte, daß er nie sie mehr beglüken könnte, wie er sie als Bruder beglükte. Dieser Zauber konnte Rogers Herz noch treffen, aber sein Verstand war nicht mehr zu verblenden; er sah jezt die Unmöglichkeit eines Bundes, wie der, welchen er mit Sara geknüpft hatte. Dennoch nahm ihre in diesem Augenblik ausbrechende Herzlichkeit diesem Abschied den quälenden Zwang, den die bisherige Verstimmung zwischen ihnen hervorgebracht hatte. Er antwortete ihr sanft und fest, daß nur eine späte unbestimmte Zukunft ihm die Wahrheit dessen, was sie jezt so kühn versicherte, darthun könnte, daß alles, was er bis dahin seinem Gram entgegenzusezen hätte, die Liebe für das Vaterland wäre, das ihn riefe – und alles, Sara, was Sie für mich thun können, ist für meine Tugend zu beten, die Ihr Bild nicht mehr aufrecht hält! – Der alte Berthier hatte Sara's schwärmerische Aeusserungen unwillig angehört, und[37] sein redendes Gesicht war bei Rogers männlichem Ernst heitrer und stolzer geworden, bis diese lezten Worte ihm wieder bewiesen, daß mehr Verzweiflung als Entschlossenheit aus Rogers Munde sprach. Nicht so, rief er streng, beten muß sie, daß deinem Herzen der Friede wiederkehre; deine Tugend gehört nicht ihr, und nicht dein eigen. Sie gehört wie dein Leben dem Vaterland, das dich zu seinem Streiter weihte: wehe, wenn ein so eigennüziges Gefühl, wie das, welches jezt in deinem Busen kämpft, seine edelsten Söhne entnervte, wenn unsre Weiber sie von ihren heiligsten Pflichten abwendeten, anstatt sich ihrer Macht für diesen einzig grossen Zwek zu bedienen! – Roger unterbrach ihn ehrerbietig und ruhig: Nein Vater, so entlaß deinen Sohn nicht! so laß mich nicht eine Bahn betreten, die mich erst spät wieder in deine Arme führt! Theilte ich dein Zutrauen auf meine Tugend nicht, so hätte ich den Augenblik nicht überlebt, wo ich das Jahre lang gehegte[38] Traumbild meiner brüderlichen Liebe zerstört sah. Gönne mir aber jezt den Genuß meines Schmerzens, das Vaterland soll nicht dabei verlieren, und einen andern Ersaz für mein ewig verlornes Glük, einen andern als diesen Genuß – Vater, dring mir ihn nicht auf, jezt in dieser bittern Stunde nicht!

Er gieng, und sein Abschied hinterließ einen traurigen Eindruk bei den Zurükgebliebnen. Sara's weiches schwärmerisches Herz konnte dem Gedanken, der sie so lange unabläßig beschäftigt hatte, L***'s Glük und Rogers Frieden zu verbinden, nicht entsagen. Roger hatte ihr moralisches Daseyn verdoppelt, indem er fast von der ersten Bildung ihres Gefühles an, ihr Geschöpf, ihr Eigenthum, und sie die Meisterin seines Schiksals gewesen war. Seit sie zuerst wußte, was Liebe sey, wußte sie sich von ihm geliebt; er hatte nie gewankt, sie hatte sich nie geändert, sie hatte ihm stets jede Empfindung im vollsten Maaße gewährt, ausser der einzigen, welche die Natur[39] ihr für ihn versagt hatte. Ohne seine Liebe und ihren wehmütigen Dank hatte sie niemals eine Zukunft sich als möglich gedacht – und jezt zerriß Roger diesen mühsam unter stetem Kampf erhaltenen Bund, warf ihren Einfluß, ihre Macht von sich, wollte kein Glük mehr von ihr empfangen. Ach sie wußte, daß sie ihn nie ganz beglükt hätte, wußte, daß ihn doch keine andre je beglüken würde! Der bittre Gedanke, ihn Jahre lang um den Genuß seines Daseyns betrogen zu haben, stritt mit der Kränkung, daß er seine Fesseln zu zerbrechen vermochte; und weibliche Schwärmerei mahlte ihr seinen männlichen Entschluß als Undankbarkeit vor. Des alten Berthiers Misfallen an der Würkung einer Verbindung, zu welcher er in seinem einfachen Sinne selbst die Hand geboten hatte, war nicht dazu behülflich, den verschloßnen Gram der armen Schwärmerin zur ruhigen Anerkennung des Vernünftigsten und Besten zurükzubringen. Er war edel und wahr, und hatte sich in Rogers[40] Stelle versezt; so um Sara zu leben, sie so zu beschüzen, unter solchen Bedingungen die Zukunft abzuwarten, das mußte Roger wünschen, und das gewährte er ihm. Aber er hatte sich mit seinem abgekühlten Blut, mit seinem Bewußtseyn, die Rechnung über seines Herzens Glük nun schon längst mit dem Schiksal abgeschlossen zu haben, in Rogers Stelle versezt, und auf diese Weise die unausbleibliche Gefahr, der sich der junge Mann aussezte, übersehen. Rogers Wille blieb immer gleich grosmüthig und uneigennüzig, aber es mußte ein Augenblik kommen, wo Natur und Liebe diesem Willen eine andre Richtung gaben, als die sein wohlmeinender Grosvater sich gedacht hatte. Es war also ungerecht von dem redlichen Alten, Sara des übeln Ausschlags zu beschuldigen, und über sie, die Rogern niemals ihre Liebe verheissen hatte, zu zürnen, daß es ihn nun unglüklich machte, ihre Liebe zu entbehren.
[41]

Auch der Gang der öffentlichen Angelegenheiten, der sich immer mehr verwikelte, trug dazu bei, den alten Berthier von der unschuldig irrenden Sara zu entfernen. Die Parteien wurden immer heftiger; und alles, was zu L***'s Anhang gehörte, wendete allen Einfluß, alle List und Dreistigkeit an, um die Begriffe des Volks zu verwirren, und jeder wahren Nachricht oder richtigen Vorstellung den Eingang zu versperren. Man befleissigte sich, die rohesten, wildesten und bestechlichsten Menschen aus Berthiers Bunde zu den schlimmsten Bubenstüken zu verleiten oder aufzuhezen, um diese nachher, als eine Folge ihrer Grundsäze, dem Volke vor die Augen zu stellen. Berthier, welcher von allen geheimen Kunstgriffen dieser Art unterrichtet war, oder ihren Zusammenhang mit dem grossen System der Revolutionsfeinde wenigstens errieth, konnte sich bei aller seiner weisen Billigkeit nicht enthalten, die arme Sara einigermassen mit in die Verdammniß[42] der L***schen Rotte zu ziehen; unter seiner nie zu trübenden Güte drang doch oft die heimliche Misbilligung ihrer Gefühle, und der Würkung, die sie auf seines Enkels Glük hatten, hervor. Endlich ereignete sich ein an sich kleiner Vorfall, der Sara's Schiksal schneller entwikelte. Ein kleiner Theil vom Volke hatte den vierzehnten Julius mit brüderlichem Entzüken gefeiert, für manche war er ein Tag wüster Fröhlichkeit, aber bei weitem die meisten Einwohner jenes Landstrichs sahen ihn mit blindem Mistrauen an, als einen neuen Schritt zur Empörung und Gottlosigkeit. Die Priester thaten alles mögliche, um diese Meinung zu rechtfertigen, und sie mischten unter die hier und da angestellten Feste nur zu gut zum Unheil abgerichtete Aufhezer, die alles anwandten, um die freudige Begeisterung in Unordnung und Ausschweifung zu verwandeln. Das Land war voll von unbeeidigten Priestern; in einem Gränzort des Distrikts von ** gerieth einer von diesen, der in die[43] Schenke einkehrte, unter verschiedne dort versammelte, patriotisch gesinnte Bauern. Sie liessen sich anfangs nur mit einigen Stichelreden gegen ihn aus; wie er diese aber mit schäumender Priesterwuth aufnahm, überhäuften sie ihn mit bittern Vorwürfen wegen seines verweigerten Eides. Der hochmüthige Pfaffe war unfähig, sich in Zeit und Umstände zu fügen, sondern donnerte einen Bannstrahl über den andern gegen die Frevler heraus. Er kam gerade von ***, einer zu L***'s Gütern gehörigen Einsiedlerkapelle, die mit einem wunderthätigen Heiligenbilde prangte. Der folgende Tag war zur Feier dieses Heiligen, welche durch ausserordentliche Ablaßspenden begangen wurde, bestimmt; und Stolz und Unverstand gaben dem Priester ein, die betrunknen Bauern um ihn her zu bedrohen, daß ihnen, statt der Fürsprache des heiligen Fulgentius, dessen Fluch werden würde. Die bis dahin unerhörte Frechheit, dem Zorn eines Priesters zu trozen, erhizte die Trinker[44] in ihrem Fortschritt so weit, daß sie sich vermassen, der Heilige sollte ihnen nicht allein morgen die Absolution nicht versagen, sondern sie ihnen sogar noch heute, vor des hochwürdigen Herrn Augen, hier an Ort und Stelle geben. Sogleich theilte sich der tolle Haufen; eine Hälfte bewachte den wütenden Pfaffen, die andre eilte durch die hinter dem Hause gelegnen Weinberge und Baumstüke in den nächsten Wald, wo eine halbe Stunde entfernt der Heilige seine Kapelle hatte. Der Einsiedler war beschäftigt, mit einigen hiezu von einem benachbarten Kloster gekommenen Mönchen, die geweihte Stätte mit Blumen und Wachskerzen für die nahe Feier zu schmüken, als die wilde Rotte hereinstürmte, und mit tobendem Geschrei die erschroknen Klausner auseinander trieb. Der Einsiedler mochte schon Unglaubige aller Art gesehen haben; er ließ sich von diesen nicht irre machen, sondern eilte, die Kerzen am Altar auszulöschen, und stellte sich in die immer zunehmende trübe[45] Dämmerung vor seinen Heiligen, in dessen Namen er den Verruchten mit lauten Flüchen die augenblikliche Rache des Himmels verhieß. Die Scene war grauenvoll genug, um geübteren Freveln einigen Schreken einzujagen: eine alte gothische Kapelle, deren düstres Gemäuer von dem rothen Lichtstrahl der ewigen Lampe nur bei ihrem Aufflakern überschossen wurde; die Lampe selbst hieng neben einem halb eingefallnen Bogen von Laubwerk und Blumen, die sie malerisch mit blutigem Schimmer umgoß, indem sie zugleich zwei grosse weisse Heiligenbilder, die den von Flittergold blizenden Altar unterstüzten, etwas erleuchtete; unter dem Laubbogen stand der Einsiedler, eine lange, fast entkörperte Figur, mit kahlem Schedel und dichtem weissen Bart, die mit Grabesstimme die Qualen der Verdammten, die Blize der rächenden Gottheit auf die Entweiher des Heiligthums herabrief, und dumpf schallte jeder Fluch aus dem nahen Gruftgewölbe zurük. Die berauschten Bilderstürmer[46] waren schon durch die Finsterniß des Orts, in welchen sie aus der blendenden Abendsonne traten, überrascht; seine feuchte Kühle mochte auch auf ihr brausendes Gehirn würken – sie hielten einen Augenblik in ihren Stürmen inne, und nun waren sie verloren; denn die schrekenden Bilder, die ihnen der Wächter des Heiligen vorgehalten hatte, frischten leicht ähnliche und bekannte in ihrem Gedächtniß auf, und gleich den Sclaven, welche der Anblik der Geisel zum Gehorsam zurükbrachte, verwischten bei ihnen die Moderkühle, der Weihrauchsdampf und die Mönchskutte den jungen Freiheitstaumel; sie sanken zähneklappernd vor dem fluchenden Priester nieder, und murmelten ihr Bußgebet. Aber ihrer Zerknirschung war noch ein weiterer Spielraum aufbewahrt, denn ehe noch die erflehte Absolution aus des Einsiedlers doppeltzüngigem Munde tönte, kam ein Haufe bewafneter Bauern, um die Verbrecher zu fangen. Der Wirth der Schenke, in welcher sich der ganze[47] Unfug entspann, hatte gerichtlichen Beistand aufgefordert, und einige Bauern waren dem gefangenen, von ihnen in Freiheit gesezten Priester, der den Heiligen so unvorsichtig compromittirt hatte, nach dem Schauplaz des kezerischen Komplotts gefolgt. Die umgestürzten Betstühle und das herabgerißne Altartuch verkündigten die Unthat der Frevler so deutlich wie ihr Zittern und Zagen; sie wurden gefangen genommen, und nach ** gebracht. Der älteste und wütendste unter ihnen, der jezt furchtsamer als die übrigen schien, machte ein Paar Versuche zu entspringen, und wie ihm diese mislangen, suchte er dem Priester einige Worte insgeheim zu sagen. Nach einer kurzen Unterredung mit dem Bilderstürmer fieng der, man weiß nicht wie, versöhnte Diener der Kirche von weitem an, darauf einzuleiten, daß der Mensch im Grunde einige Nachsicht verdiente, er sey fremd in dem Dorfe, und sey nur von ohngefähr unter die Zechbrüder gerathen; aber den ehrlichen Bauern,[48] welche sich zu Rittern des heiligen Fulgentius aufgeworfen hatten, lag der Heilige mehr am Herzen als der Pfaffe, und die übrigen Gefangnen brachen in laute Schimpfreden gegen ihren Mitschuldigen aus, versicherten, er sey ihr Anstifter und Verführer gewesen, ja einer, der niedergeschlagner war als alle andere, sagte endlich, nun er ihn zum zweitenmal verführt hätte, sollte er auch seinen Theil an der Strafe haben; auf das Zureden dieses nämlichen Menschen wäre er schon im lezten Sommer mitgezogen, wie sie des braven ehrlichen Gutsherrn Schloß zerstört hätten. Seitdem, sezte der Bauer bleich und zitternd hinzu, bin ich aus Angst zum Söffer geworden, denn alle Heiligen haben mich verlassen, und mir keine Ruhe gegönnt, ob uns gleich der selige Herr durch die Aeltesten sagen ließ, er habe uns vergeben; und wie uns der heilige Klausner verfluchte, war mir's, als stöhnte der arme selige Herr: Amen aus dem Gruftgewölbe heraus. Diese Entdekung diente dem[49] Verbrecher nicht zur Empfehlung; und wie am folgenden Morgen bei dem Verhör herauskam, dieser Mensch sey der Sohn des Verwalters in C**, L***'s Schloß, und ein Vertrauter des dortigen Kapellans, verbreitete sich bei dem hellsehenden und braven Theil der Commune ein allgemeines Kopfschütteln. Es trafen so viele bedenkliche Zeugnisse gegen den Menschen zusammen, daß seine Sache sehr weitläuftige Aussichten gab, als ganz unerwartet, es sey von Ohngefähr oder auf Veranlassung, L*** selbst in C** ankam. Seine Erscheinung flößte dem zahlreicheren Theil der Partei, welche bei des Bilderstürmers Proceß interessirt war, Troz, dem andern aber die Art von Bitterkeit ein, welche die Erwartung einer Ungerechtigkeit, die zu hintertreiben man zu schwach ist, so leicht geben kann. Kaum aber hatte sich L*** die Sache, die ihm ganz fremd schien, berichten lassen, und mit den Richtern gesprochen, so erhielt der Beklagte sein Todesurtheil als Mordbrenner und[50] Aufrührer, und wurde in der möglich kürzesten Frist hingerichtet. Der Elende schien wütend, er wollte zu dem anwesenden Volke reden, allein sein zitternder Mund brachte nur die wiederholten Worte vor: Ihr seyd betrogen, ich bin geopfert – Der Geistliche, der ihn begleitete, schwang das Crucifix und betete lauter, bis die Todesmarter des Sterbenden Bemühung zu sprechen zum Gewinsel machte.

Sara erhielt die erste Nachricht von L***'s Ankunft in der Gegend durch den alten Berthier. In der Art, wie er sie ihr mittheilte, hätte sie seine ganze Gutherzigkeit lesen können, wenn sie nicht schon ein gewisses Mistrauen gegen ihn in ihrer Seele hätte Wurzel fassen lassen. Das höchst zweideutige Licht, in welchem L*** von neuem erschien, brachte den rechtschaffnen Alten auf, und erfüllte ihn mit bittern Sorgen über den Gang der Zukunft; aber in dem nämlichen Grad, wie er L*** misbilligte, beklagte er Sara's[51] Schiksal. Er hatte sie so lange geliebt, und nicht, weil sie seine Liebe weniger verdiente, war er jezt unzufrieden mit ihr, sondern weil sie nicht für seinen Roger so liebenswürdig war. Er sagte ihr fast störrig, um nicht betrübt zu scheinen, L*** sey angekommen, und eben zur rechten Zeit, um einem Eindruk vorzubeugen, der seinem Hause nicht zur Ehre gereiche; er erzählte ihr sodann, was sich am Abend des Bundesfestes ereignet hatte, und wie man erstaunt gewesen war, in dem Anführer der Unruhstifter einen Menschen zu finden, der, wie die ganze Gegend um C** wußte, zu L***'s Hauswesen gehörte. Bedenklich sezte er hinzu: Sara, der Vater Ihres Kindes soll unter meinem Dache geehrt werden, den Mann, von welchem Sie Ihr Glük erwarten, hoffe ich rechtschaffen und gut zu finden; aber aus Schonung für Ihren alten Pflegvater, gehen Sie vorsichtig zu Werke! Bis ich nicht überführen kann, habe ich keinen Verdacht; aber sehen Sie um sich, wie[52] seine Genossen unsern armen Brüdern Zutrauen und Gewissensruhe rauben – diesen müssen Sie es verzeihen, wenn sie nicht so nachsichtig sind.

Man seze sich an Sara's Stelle, um von ihren Empfindungen bei diesen Worten zu urtheilen. Sie, die dennoch Entehrte, so rein ihr Herz sich fühlte, so zärtlich ihre Freunde sie schonten, sie, die Einsame, Verwaißte, durch Mistrauen Vereinzelte, sie sah nun auf einmal den lang ersehnten Augenblik vor sich; ihres Schiksals Gebieter, ihr Gatte, ihres Kindes Vater war da; jeder Augenblik konnte ihn in ihre Arme führen – sie hörte halb erstarrt Berthiers Rede an, hörte anfangs nur die Nachricht von L***'s Ankunft, dann fühlte sie einen Augenblik blos den Schmerz des Tadels, der wieder auf ihn fiel; dann erinnerte sie sich, wie es damals war, da ihr Haus verbrannt wurde, wie ihr Vater damals auch auf L*** gezürnt, und sich hernach doch seiner Führung überlassen hatte.[53] Alles stritt und wälzte sich in ihrem Kopfe: Unwille über den redlichen alten Berthier, Liebe, Angst, Ungeduld, und endlich weibliche, mütterliche Zärtlichkeit, die über alles siegte. Lächelnd und mit perlenden Thränen eilte sie zu ihrem Kinde, weinte laut, schwazte der Kleinen vom Vater, kleidete sie, war von ihrem Liebreiz überzeugt, und schmükte sie von neuem, und schmükte sich selbst, und neue Thränen und Schaamröthe überflossen ihr Gesicht, wie sie ihr Halstuch um den mütterlichen Busen schlang. Wollust, und inniger Schmerz, und züchtige Furcht, ob das Weib ihm so reizend scheinen möchte wie das Mädchen, kämpften in ihrer Seele. Endlich fiel ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Greis, der unruhig aus- und eingieng, und sie zuweilen tiefsinnig ansah. Sie ergriff seine Hände: jezt kein Mistrauen! Vater, nach so langem Leiden, lassen Sie mir einen Augenblik Kinderglük – o ich werde allein die Weise gewesen seyn, denn ich glaubte der Liebe! sezte[54] sie begeistert hinzu, und hob die nassen schönen Augen zum Himmel, mit der Zuversicht einer Märtirerin, welcher die göttliche Glorie entgegenstrahlt. Der Alte hörte ihr ernst zu: Gott gebe es, meine Tochter! und indem er ihr sanft die triumphirende Stirne küßte, fuhr er leise, wie zu sich selbst sprechend, fort: Könnte ich allein fallen, für dich und ihn! – Er schwieg erschüttert, und eilte von ihr. Aber die Stunden vergiengen, der Abend brach ein, und L*** kam nicht. Mehrmals erwachte die Kleine, und weinte, und Sara ängstigte sich, er möchte nun gerade jezt kommen, da sie weinte; schnell reichte sie ihr die reizende Brust, und glühte bei dem Gedanken, daß er jezt hereintreten, und das Kind an ihrem Busen finden könnte. Endlich wandelte sich die zarte Gluth der Liebe auf ihren Wangen in ein tieferes Roth, indem ihr Herz von peinlicher Erwartung hoch aufklopfte; bei jedem neuen Schlag der Dorfuhr, nachdem sie schon bang die Sonne hinter die Hügel sinken[55] gesehen hatte, zog es sich krampfhaft zusammen; jedes ferne Geräusch machte sie stuzen, sie lauschte, und zürnte innerlich, so oft einer der Hausgenossen in das Zimmer trat, und doch sang sie selbst sich mit unsichrer Stimme etwas vor, um die bleierne Zeit zu betrügen. Aber auch ihre Stimme verstummte in der immer zunehmendenden Stille; die Dunkelheit ließ sie auf den Weg hin, und den Hügel hinauf nichts mehr erbliken, mit trüben Augen und eiskalten Händen faßte sie ihren Stuhl an, und rükte ihn weit weg vom Fenster an das Bett ihres Kindes. Sie fürchtete sich vor dem Augenblik, da der alte Berthier zu ihr zu kommen pflegte, denn sie mußte dann ruhig scheinen, und sprechen – doch plözlich hörte sie einen Knecht im Hofe reden, und auf die Treppe zugehen – bald war es ihr, als ob ein ruhiger leiser Schritt sich ihrer Thüre nahte – sie zitterte – die Thüre gieng auf, und – L*** stand im Zimmer. Nach einem flüchtigen Blik auf die Gegenstände umher, die spärlich[56] erleuchtet waren, weil die herzliche Mutter einen Lichtschirm gegen die Wiege gekehrt hatte, flog er auf sie zu; von Entzüken überwältigt, vermochte sie es kaum, ihm ein Paar Schritte entgegenzuwandern, und er empfieng sie in seine Arme. – O sie hätte diese Stunde noch ungetrübt geniessen können! noch war ihr Gewissen rein von Unrecht, noch hatte keine wilde Leidenschaft ihr Inneres verwüstet! Hätte dieser Mann die Stimme der Menschheit und Natur noch hören können, so wäre diese Stunde die erste von Sara's Glük gewesen. Reizender als je, rein, treu, und ehrwürdig neben dem Zeugen ihrer Schwäche, lag jezt das holde Weib in seinen Armen; sie erwartete alle ihre Seligkeit von seiner Hand, er hatte alle Verantwortung ihres Glükes auf sich genommen, da er sie zu seinem Eigenthum machte – warum erwiederte sein Blik, sein Kuß, selbst sein Entzüken nicht das kindliche Zutrauen der wonnetrunknen Sara? Die Natur siegte zwar einen Augenblik, wie[57] die von Freude zitternde Mutter ihm das schlafende Kind hinreichte, wie es ruhig athmend das Köpfchen an seine Brust sinken ließ, und im Vaterarm fortschlummerte, wie Sara aufrief: O es zeigt mir, daß diese Brust mir noch treu ist! Klopfte sie nicht für mich, es würde erschroken aufwachen. – Sie schmiegte sich nun an ihn, ihr Auge blizte unter Thränen, ihr kindliches Gemüth liebkoßte ihn lange spielend, und in ihre eigne Freude vertieft, ohne den Ausdruk seines Gesichts auszulegen. Endlich mußte sie seinen unruhigen Blik, seine ungleiche Stimme, sein öfteres Verstummen wahrnehmen; sie mußte fühlen, daß er über diesen seligen Augenblik hinaus dachte. Sie fragte, und ihr süsser Ton, der Reiz ihres ganzen Wesens riß ihn wieder zur Heiterkeit hin; er wollte antworten, und dann verwirrte er sich wieder in seinen eignen dunkeln Gedanken. Sie erfuhr endlich so viel, daß er von unangenehmen Geschäften verfolgt, alles abgebrochen habe, um sich über ihre Lage[58] zu beruhigen, ehe ein neuer Strom von Begebenheiten ihn auf noch längere Zeit von ihr fortrisse. – Diese lezten Worte durchschauderten das zärtliche Weib; sie hielt ihn mit beiden Händen fest, als wollte sie ihn der ganzen Welt streitig machen, und betheuerte, keine Wendung der Umstände, keine Bürgerpflicht sollte sie mehr von ihm entfernen. Die Furcht vor einer neuen Trennung überwand ihre zärtlich stolze Schaam, mit dem feierlichsten Ernst forderte sie L*** auf, sie nun in den Besiz des Rechtes, an seiner Seite zu leben, einzusezen. Deine Treue, sezte sie mit dem Ausdruk der innigsten Liebe hinzu, will ich nicht binden, die sichert mir dieses Herz zu, das jezt an deinem schlägt; aber jener schlummernde Engel fordert einen Vater, der ihn vor der Welt anerkenne! Er wird seine Mutter nach ihrem Gatten fragen. – Ein Strom von heissen Thränen überfloß ihre Wangen, die von Schaamröthe glühten; L*** drükte sie an seine Brust, und der wechselnde Ausdruk seines[59] Gesichts bewies, daß er nach Fassung kämpfte. Er konnte ihr endlich zureden, Leidenschaft und Ueberredung ergossen sich von seinen Lippen, aber sein zweideutiger Blik lud zu keinem Glauben ein, und in seinem ganzen Wesen war mehr Spannung als theilnehmender Schmerz. Er stellte ihr vor, wie unmöglich bei seinem jezigen Unternehmen die öffentliche Verkündigung der heiligen Verpflichtung wäre, die seine Liebe und ihr Werth, auch ohne ihr Kind, ohne dieses theure Pfand seines Glükes und ihres Vertrauens, ihm auflegten; wie pflichtwidrig er als Staatsbürger handeln würde, wenn er, um ihre zärtlichen Besorgnisse zu heben, sich zu dem Dienst seines Vaterlands unfähig machte, indem er durch die Wahl seiner Gattin seiner Partei Mistrauen einflößte. Er verwirrte nun Sara's banges Gemüth durch ein scheußliches Gemälde, das er ihr von den Absichten der Bundesbrüder ihres alten Freundes entwarf, und er wußte künstlich seiner Sache den schönen[60] Schmuk der Freiheit und der Vaterlandsliebe anzulegen. Berthier sprach er von allen bösen Absichten frei, er nannte ihn einen edeln Schwärmer, der um einige Menschenalter zu spät lebte. Seine reine Römertugend, sagte er, wird von den Bösewichtern, die ihn umgeben, gemisbraucht, und er wird endlich ihr Opfer seyn; denn ihnen ist Redlichkeit ein Gräuel, sie rechnen ihm den Schuz, den er dir und meinem Kinde gewährt, zum Verbrechen an, und wenn ich es nicht über dich vermag, daß du mir ohne Bedingung folgst, so kannst du über den alten Mann die blutige Rache seiner eignen Rotte ziehen. – Die Arme war nun in ein Meer von Zweifeln gestürzt, die zu lösen ihre Erfahrung nicht hinreichte; und in dieser bangen Stimmung mußte L*** sie für diesen Abend verlassen. Es ward ihm schwer: oft wollte er gehen, und seine Unruhe und ihr Schmerz führten ihn zurük; er kniete lange vor ihr, während daß ihre Thränen auf ihr lächelndes Kind herabfielen,[61] das auf ihrem Schooße spielte; Liebe und finstre Unentschlossenheit wechselten in ihm, und umsonst rief ihn Sara's holde Stimme zum unbefangnen Genuß dieses Augenblikes auf, der ihn zwar fesselte, aber nicht erheiterte. Nach seinem Abschied suchte sich Sara zu sammeln, er hatte ihr versprochen den folgenden Abend wieder zu kommen, und sie wünschte, seine Plane dann mit frohem Herzen annehmen, oder widerlegen zu können. Sie mußte ihm folgen, ohne in den Augen der Welt sein Weib zu seyn, oder sie mußte bleiben, und ihren ehrwürdigen Pflegvater in Gefahr sezen; denn jezt reihte sie L***'s Wink, und des alten Mannes lezte Worte zusammen, und zitterte für des Greises Sicherheit. Diesen Abend that Berthier keine Frage an sie; er blikte ihr gütig forschend, aber schweigend in's Auge, das sie bei diesem Blik, in welchem der ganze Friede der menschenfreundlichsten Tugend glänzte, wehmüthig niederschlug. Den andern Tag bat er sie, ihrem alten Freund[62] ihre Freude mitzutheilen, wenn sie froh wäre, und ihren Schmerz nicht zu verhehlen, wenn der Besuch ihres Gatten sie betrübt hätte. Dieser Ton, dieser Ausdruk erwekte das Zutrauen der unentschloßnen Sara, sie entdekte ihm ihre Zweifel und ihre Besorgnisse, verschwieg aber aus Schonung oder Vorsicht, und weil die Sache ihr in diesem umfassenderen Gesichtspunkt nicht am Herzen lag, das abschrekende Gemälde, das ihr L*** von Berthiers Partei gemacht hatte. Wie sie mit ihrer Erzählung zu Ende war, schwor der Alte mit bittrer Heftigkeit, daß er sie nie anders, als wie L***'s anerkannte Gattin aus seinem Hause lassen würde – ja, mein Leben, rief er, mag ihr Opfer werden, denn er mag der Helfershelfer mehr haben, die meine eignen Brüder, die diese ehrlichen Landleute, welche mich zehn Jahre lang liebten und achteten, gegen mich aufhezen; aber so lange diese Augen sind, soll meines Rogers Liebe nicht seine Beute seyn. Nein Sara, er hat die[63] Rechte deines Gatten, oder gar keine; und dann mache ich die meinen geltend. Ich will ihn heute selbst sprechen. – Diese Erklärung konnte die verscheuchte Sara nicht beruhigen, sie sah dem Gespräch der beiden Männer mit Angst entgegen, und hatte keine Klarheit in ihre Seele bringen können. Die bittre Herabwürdigung, mit welcher Berthier von dem Abgott ihres Herzens sprach, flößte ihr von neuem eine geheime Entfernung gegen den Greis ein; sie bereute es, ihm nicht alles verschwiegen zu haben, sie warf sich das Vertrauen, das sie ihm gezeigt hatte, als einen Verrath an L*** vor, und eilte bei seiner Ankunft seine Verzeihung zu erhalten. Er war heute froher, und dem Glük des Wiedersehens offner. Anfangs schien er über Berthiers Absicht, mit ihm zu sprechen, verlegen; bald aber schalt er Sara lachend über die Ehrensache, die sie ihm angestiftet hätte, und versicherte ihr, wenn ihr Herz ihm genug traute, um als treue Gattin ihm zu folgen,[64] eh eine müssige Cäremonie es ihr zur Pflicht machte, so stünde er dafür, auch des alten Mannes Einwilligung zu erhalten. Sara seufzte, blikte auf den verführerischen Mann, aus welchem heute Leben und frohe Zuversicht sprach, und wähnte in seinem unstäten Auge nichts als Liebe zu lesen.

Der alte Berthier ließ L*** bitten, auf sein Zimmer zu kommen; so kurz ihre Unterredung war, so empfand Sara dennoch die peinlichste Unruhe, bis sie beide zusammen hereintreten sah. Sie richtete ihre Augen fragend auf L***, der mit erhiztem, aber freudigem Gesicht ihre Hand ergriff; ehe er noch sprechen konnte, kam Berthier ihm zuvor, Unwille und tiefe Traurigkeit lag in seinen Zügen. – Sara, sagte er, dieser Mann hat mich überzeugt, daß meine Ansprüche den seinigen nachstehen müssen; er hat mich überzeugt, daß nur das würkliche Eintreffen dessen, was ich fürchte, mich berechtigen könnte, Sie von dem Vater Ihres Kindes zu trennen.[65] Also nichts mehr davon! Ich kann seine Rechte nicht schmälern, wenn Ihr Wille sie heiligt; ziehen Sie mit ihm – er richtete seine trüben Augen gen Himmel: Verzeih mir, unglüklicher Vater, daß ich hier meine Verpflichtung aufhören lasse! Aber noch einmal wende ich mein väterliches Ansehen an, hören Sie mich, Sara – Ihnen, mein Herr, fuhr er fort, indem er sich gegen L*** wandte, kann, was ich sagen werde, gleichgültig seyn, sobald Sie rechtschaffen sind; wo nicht, so wäre es unrecht, es blos hinter Ihrem Rüken zu sagen. Der Mann, Sara, dessen unzusammenhängenden Gründen, gegen Sitte und Gesez zu handeln, Sie nachgeben, ist der Feind seines Vaterlands und der Verräther seines Volks; wer die Sache der Freiheit verräth, wird sich nicht scheuen, die hülflose Unschuld aufzuopfern! Suchen Sie sich vor Verzweiflung zu schüzen, wenn der Erfolg meinen Argwohn rechtfertigt. So kunstvoll er ist, kann er Sie nie erniedrigen, solange Sie nur von ihm betrogen,[66] und nie seine Mitschuldige sind. Gott erhalte Ihr Gewissen rein! Herr von L***, ob Sie mich Ihrer Politik oder Ihrer Rache opfern, gilt mir gleich; ungewarnt sollte sie nicht aus meiner Pflege – Mit diesen Worten, indem er noch einen festen ruhigen Blik auf L*** heftete, entfernte sich der Greis. Sara blieb, ein Bild des Entsezens, wie angezaubert stehen; des grausamen Alten Beschuldigungen umwölkten die reine Glorie nicht, in welcher L*** ihrem liebenden Herzen erschien; aber fürchterlich ergriff es sie, den Mann, den sie über alles ehrte, so hartnäkig verfolgt und angefeindet zu sehen. L*** führte schnell den gefährlichen Schwindel ihrer Gedanken vorbei, der doch endlich in Zweifel an ihm hätte übergehen können; er nahm sein Kind in seine Arme, und fragte sie ernst und eindringend: mein Weib, sagt dir nicht Pflicht und Natur, daß du mir mehr vertrauen mußt, als dem traurigen Parteigeist dieses kühnen Alten? Ich betrog dich noch nie, und werde[67] dich nie betrügen; misverstand deine ehrwürdige Unerfahrenheit auch zuweilen meine Worte, so war dir meine Liebe doch immer deutlich, und von dieser erwartest du ja dein Glük, nicht von dem Einfluß meiner äusseren Lage, nicht von den politischen Verhältnissen, die Berthier so hinterlistig auszulegen sucht. – Sara mußte in diesem Augenblik dem Glük ihres Lebens, dem Glauben an seine Redlichkeit entsagen, oder mehr wie je hingegeben, in ihm alle ihre Erwartungen von Frieden und Seligkeit vereinigen – konnte sie da wohl anstehen? In dem lezten Zeitpunkt von ihres Vaters Leben, und seit seinem Tode hatte Einsamkeit, Liebe, Kummer, sie gegen alle Unterschiede der Parteien und gegen ihre Absichten sehr gleichgültig gemacht. Die Sache der Freiheit und der Gleichheit konnte zwar nicht anders als ihr theuer bleiben, allein war L*** denn ein Bundsgenosse der Gegner dieser Sache? Bei dieser Frage war es ihr jezt unmöglich zu verweilen, sie wollte nichts als[68] sich aus der hülflosen Ungewißheit retten, in welcher ihre Trennung von dem Geliebten sie hielt, sie wollte dem Manne gehören, für welchen sie Rogers Liebe, Berthiers Vertrauen verloren hatte – ach und einen noch theuerern Kaufpreis durfte sie sich um ihrer Ruhe willen nicht nennen, aber der Gedanke an die Todesstunde ihres Vaters rief ihr diesen doch unzähligemal zu – Diesem Mann, der ihr nun alles war, wollte sie gehören, und Vertrauen auf ihn konnte sie allein beglüken. L*** wußte diesen fantastischen, gleich weichen und starren Sinn zu behandeln: durch ein Spiel der Empfindung beruhigte er ihren Verstand, und durch Ermahnungen an ihren Verstand fesselte er wiederum ihr weiblich schüchternes Herz. Kaum war einiger Zusammenhang in ihre Unterredung gekommen, so sprach er ernst und fast gebieterisch über die Pflicht, welche jezt mehr wie jemals den Weibern obläge, sich vor leidenschaftlichen Meinungen über öffentliche Vorfälle zu hüten. Er[69] äusserte den entschiedensten Widerwillen gegen allen politischen Geist an Weibern; er bat sie, niemals, was auch geschehen möchte, den zärtlichen Gatten mit dem Geschäftsmann zu verwechseln; er stellte ihr mit den reizendsten Farben der Liebe und Schmeichelei das Glük vor, sich bei ihr auszuruhen, zu erholen, an ihrer Seite Mensch zu seyn, wenn er allenthalben nur das Gespenst der Politik vor Augen gehabt hätte. Sara fühlte nicht das Einseitige seines Raisonnements, sie fühlte nur die Wonne der häuslichen Scenen, die L*** ihr schilderte, sie ergab sich mit glühendem Herzen in den Willen ihres Gebieters, und hatte nie eine Ausübung der Herrschaft gekannt, die so süß gewesen wäre als die Anerkennung dieses Gesezes.

Zwischen Berthier und Sara war in der darauf folgenden Zeit von L*** nicht mehr die Rede; doch nahm in den wenigen Tagen, die dieser noch in der Gegend zubrachte, während deren der Proceß des Kirchenschänders[70] geendigt wurde, des Alten Unmuth sichtbar zu. Sara hatte von L*** alle nöthigen Mittel und Anweisungen bekommen, um sich unterdessen zu ihrer Abreise zu bereiten. Ihr Herz war bei diesen Veranstaltungen zwischen Unruhe, Sehnsucht und Kummer getheilt. Sie getraute sich nicht mehr, in der Gegend umherzugehen; bei jedem Denkmal ihrer früheren Jugend beklemmte ahnungsvoller Schmerz ihren Busen. Oft stieg sie bis auf den Hügel, der zwischen Berthiers Haus und dem Gut ihres Vaters lag, und blikte auf die Trümmer ihrer ehemaligen Wohnung; dann sah sie rechter Hand über die Wiese hin, wo Roger sie von dem wütenden Stier rettete, dann irrte ihr Auge in die Ferne, und überall traf es auf Spuren ihres verschwundnen Glükes. Wenn sie nun träumte, welche Zukunft ihr Vater für sie gewünscht, erwartet hatte, und dem Pfad hinabfolgte, auf welchem sie nun wandelte, so schienen ihr alle Fäden zwischen der Vergangenheit[71] und der Zukunft abgeschnitten, sie schien sich ein ganz verschiednes Geschöpf von der Sara, die in den Schatten jener Ulmen aufblühte, und es war ihr, als erblikte sie ihr zitterndes wandelndes Bild in den spielenden Wellen eines Stroms: jezt wirft die Welle einen Theil der Gestalt zurük, ein andrer fließt dahin, das Auge will den Umriß verfolgen, und verliert sich in den schwimmenden Zügen, immer ist die Gestalt dieselbe, nie ist sie es ganz. – Trüb und mit schwerem Herzen kehrte sie dann zurük, und gieng sie durch den Garten, so erkannte sie überall Rogers liebende Sorgfalt, hier eine Rosenheke, die er für sie angelegt hatte, dort einen Mandelbaum, von dem er ihr Früchte brach. – So irrte sie einst bis in einen kleinen Schoppen, wo er eine ganze Schreinerwerkstatt hatte. Als Kinder hatten sie oft hier gesessen; die Brüder, wie Theodor und Roger damals hiessen, zimmerten dort Laubengeländer, Nelkenstäbchen, und allerlei Spielereien; sie[72] brachte ihnen in der Schürze ihr Vesperbrod, Obst und Semmeln, und Theodor suchte ungestümm ihren Vorrath durch, indeß Roger ihr geschäftig seine Arbeit zeigte. Späterhin erhielt sie von Roger manches Geschenk seiner Geschiklichkeit, Nähkästchen, Fußschemel, Blumenkisten. – In diese Erinnerungen vertieft, sezte sie sich auf der Hobelbank nieder, und ihr Blik fiel auf den oberen Theil eines kleinen Rollwagens, der unter den Spänen verborgen stekte; sie sah zugleich auf einem Tisch vor sich ein Brett, auf welchem ein Wagenrad abgezeichnet war, und Rogers Taschenbuch liegen, aus dem er seinen Bleistift genommen hatte, der noch auf dem Brete lag. Roger hatte einen ihrer flüchtigen Wünsche, einen kleinen Wagen für ihr Kind zu haben, aufgefaßt, er war fast damit fertig geworden – heisse Thränen stürzten aus ihren Augen, bei diesem neuen Beweis seiner stillen innigen Sehnsucht, ihr Freude zu machen. Sie hörte seine verzweifelnde[73] Stimme, als er in der Abschiedsstunde rief: nie, nie wird er sie lieben wie ich! – sie erschrak, nahm das Taschenbuch zu sich, und eilte von diesem Ort hinweg, wo vorwurfsvolle Geister sie zu umschweben schienen. Aus den zulezt geschriebnen Aufzeichnungen im Taschenbuch sah sie, daß dieser Wagen ihn noch an dem unseligen Tage beschäftigt hatte, welcher seinen Entschluß sich zu entfernen veranlaßte.

Wenige Tage nach L***'s Abreise kam eine ehrbare Frau, seine ehemalige Amme, die seitdem in der Familie gedient hatte, und holte am frühen Morgen Sara mit ihrem Kinde ab. Sie war davon benachrichtigt gewesen, und hatte den Abend vorher von Berthier Abschied nehmen wollen; aber der Greis sagte zitternd: Schone mein Alter! Vor vier und zwanzig Jahren nahm mir der Tod mein leztes Kind, ich dachte, nur er würde dich mir nehmen. – Er schloß sich in sein Zimmer ein, wo Sara die ganze Nacht[74] Licht sah. Sie stieg von Schmerz betäubt in den Wagen; wie der Knecht die Hofpforte hinter ihr zuschloß, schien ihr die eherne Pforte der unwiederbringlichen Vergangenheit in ihren Angeln zu klirren, sie schlug die gefalteten Hände über ihre Augen zusammen, und schluchzte halb von Sinnen: Auch dieses um deinetwillen! – –


Sie sah die Gipfel ihrer vaterländischen Hügel vor ihren Bliken verschwinden, und es war ihr, wie einem armen Verwiesenen, dem jenseits des Weltmeers eine Existenz angewiesen wird. Das Mutterland ist verödet für ihn, er war dort auf der Menschen Geheiß bürgerlich todt, eh die Natur seine Laufbahn abgeschnitten hatte; die weite See stellt sich zwischen ihn und den Schauplaz seines ehemaligen Daseyns, aber weder seine stürmenden Wogen noch seine plätschernden Wellen waschen das Bild der zerstörten Vergangenheit aus, sein Geist umirrt ewig die verbotne Stätte,[75] wo er lebte, litt, und genoß. Je fremder für Sara die Gegenstände um sie her wurden, desto unmöglicher wurde es ihr, ihr Kind aus ihren Armen zu geben; ihre Begleiterin stellte ihr umsonst vor, wie sehr sie sich ermüdete, sie beobachtete das Weib mit scheuer Aufmerksamkeit, und wünschte allein weinen zu können. Marton hatte nichts Widriges, und sie behandelte ihre neue Herrschaft mit aller Ehrerbietung; aber sie war die erste fremde Person, bei welcher Sara die Verlegenheit empfand, sie von ihrer ganzen Lage unterrichtet zu glauben, und der gleichgültige Gehorsam gegen ihres Herrn Befehl war die Triebfeder ihres Betragens, keine Theilnahme an Sara, an ihrem Kinde. Beim Eintritt in Paris nahm Sara's Beklemmung zu: hier war also ihre Bestimmung, hier ihrer Liebe Lohn und Glük ihr aufbewahrt; in diesem geräuschvollen Labirinth sollte sie L*** finden, ihn beglüken, unter Tausenden verloren nur ihm leben; hier, um sie, neben ihr vielleicht[76] mußte Roger seyn, aber sie konnte nicht erwarten ihn zu sehen; hieher konnte auch Theodor zurükkommen, und keines von ihnen beiden würde wissen, wie nahe sie einander wären!

An der Barriere wurden sie von einem bescheiden gekleideten Bedienten empfangen, der sie in die Gegend der Honoré-Strasse begleitete, wo Sara in einem ungeheuer grossen Hause eine zwar einfach, aber sehr zierlich eingerichtete Wohnung fand. Der Bediente überreichte ihr bei ihrem Eintritt einen Zettel von L***, der das zärtlichste Willkommen enthielt, und ihr seinen Besuch für den Abend versprach. Sara's Gedanken verwirrten sich in der Neuheit ihrer Lage. Sie hatte noch nie in einer Stadt übernachtet, sie hatte nur einmal in Saumür einer Nonneneinkleidung beigewohnt, und war aus dem Klostersaale wieder in den Wagen gestiegen; sie war gewohnt, mit allen Menschen, die sie umgaben, wie mit ihrer Familie zu leben, in aller herzlichen Einfalt, Theilnahme und Gastfreiheit[77] patriarchalischer Sitten; Liebe oder Hülfsbedürftigkeit war das Band zwischen ihr und allen Wesen ausser ihr gewesen, von allen hatte sie empfangen, oder ihnen gegeben. Als Kind hatte ihr der Nachbar über den Steg geholfen, als aufblühendes Mädchen hatte sie den Hochzeitstrauß für eine Tochter gepflükt, bei deren erstem Kinde Theodor, kurz ehe er aus dem väterlichen Hause entwich, Taufzeuge geworden war. Jede Hütte im Dorfe hatte sie neu erbauen, veralten, oder ausbessern sehen; bei manchem Baum, von welchem sie ihrem Vater Früchte brach, erinnerte sie sich, Antoinetten abgewehrt zu haben, daß sie ihn nicht mit ihren schwachen Händchen schüttelte – Wo war sie jezt? Dieser ganze weite Häuserhaufen, dieses zahllose Volk umher, dieses Gewühl auf den Strassen, das in der einbrechenden Dämmerung dahin wogte, alle diese fremden Gestalten, die ihr ungeübtes Auge doch immer mit ehemals gekannten zu vergleichen versucht war – Bald glaubte[78] sie Roger an dem festen schnellen Gang eines jungen Nationalgarden zu erkennen, dann bemerkte sie eine zierliche leichte Figur, die auf einem raschen Pferde daher eilte: so ritt Theodor, so schien die Schnelligkeit seines Rosses der über alle seine Bewegungen verbreiteten Ungeduld noch nicht Genüge zu thun. Die Nacht verhüllte ihr nun die Gegenstände, ihr Kind schlief, Marton, die mit L***'s verstorbner Mutter mehrmals in der Hauptstadt gewesen war, hatte, nachdem sie ausgepakt, tausend Fragen an den Bedienten zu thun, und plauderte mit ihm im Vorzimmer. Sara fieng an, sich ängstlich einsam zu fühlen: sie war, mitten unter Menschen, wie auf einer wüsten Insel, und bei ihrer Unkunde des Bodens, bei ihrer furchtsamen Fremdheit, in ihrem Zimmer sichrer eingesperrt als in einem Gefängniß. So oft sie jemanden an dem Haus klopfen hörte, erschrak sie; denn L*** konnte es noch nicht seyn, und jedes neue fremde Geschöpf unter Einem Dache mit ihr,[79] ängstigte und störte sie. Sie hörte indeß, wie sie über das Vorzimmer gieng, eine weibliche Stimme zu einem Kinde sprechen, das ihr auch in einem herzlichen Ton antwortete, und dies war der erste beruhigende Laut, den ihr Ohr vernahm: sie wußte doch ein weibliches Geschöpf in der Nähe, das auch Mutter war, das also wenigstens Ein übereinstimmendes Verhältniß mit ihr hatte. Noch vor dem erwarteten Augenblik riß sie L***'s Ankunft aus der bangen Einsamkeit; er umfaßte sie mit Entzüken und Dank, er fragte mit der zärtlichsten Besorgniß nach allen Umständen ihrer Reise, nach seinem Kinde, detaillirte ihr die Einrichtung ihres Hauswesens, das Einkommen, welches er ihr bestimmte, gieng mit einer bürgerlichen Einfachheit in alle Kleinigkeiten ihrer Lage, in die Bedürfnisse ihres Kindes ein, und schien blos zärtlicher Gatte und Vater. Er schloß die Schränke auf, die Sara noch nicht berührt hatte, ließ lachend in einem derselben einiges Silbergeräth, das er[80] mitgebracht hatte, aufheben, und übergab ihr ein Verzeichniß des Leinenzeugs, das sie finden würde – Sara, sagte er, ich hätte dich aus deiner ehrwürdigen Sitteneinfalt reissen können, ich hätte dir, ohne den Namen meiner Gattin, den mit diesem Namen verbundnen Glanz und Luxus geben können; aber so würde ich dich wie eine Maitresse behandelt, und mein ganzes Glük zerstört haben. In dieser Lage fand ich dich, betete ich dich an, in dieser Lage vertrautest du mir, lehrtest mich die Freuden der Menschheit kennen; in dieser Lage bist du mein bürgerliches Weib, und von Geschäften, von Sorgen ermüdet, fliehe ich zu dir – Er schien tiefsinnig zu werden, und drükte sein Gesicht in ihre Hände. Könnte ich wahrhaft, ungetheilt hier mein Leben genießen! sezte er halb in sich gekehrt, halb zerstreut hinzu. Sara war von diesen lezten Worten gerührt und – sich selbst vielleicht unbewußt – aufgeschrekt. Wahrhaft, ungetheilt? wiederholte sie mit[81] einer Art von Aengstlichkeit. Seine Liebkosungen zerstreuten ihre Unruhe, und die wenigen Worte, mit denen er sich über seine sonstige Lage ausließ, legten ihr wie gewöhnlich Stillschweigen auf, indem sie von neuem ihre Besorgnisse wegen endlichen Ausgangs so geheimnißvoller Geschäfte bei ihr erregten. L*** bat sie, mit niemanden im Hause Umgang zu haben, er forderte mit zärtlicher Zuversicht und männlichem Ernst von ihr, sich niemanden anzuvertrauen, weil die traurige Ungewißheit ihrer äußeren Lage, sie sonst aussezen würde, da hingegen bei einer völligen Eingezogenheit es selbst der frechsten Neugierde der Nachbarn nicht einfallen würde, in einer so eingeschränkten Lebensart etwas anders als eine Offiziersfrau, oder die Gattin irgend eines Deputirten zu vermuthen. Marton unterbrach ihr Gespräch mit der Nachricht, daß das Abendessen bereit sei, und fragte Sara zugleich nach dem Gedek; freudig erröthend wies ihr diese L***'s Geschenk an, worauf[82] er sie in ein kleines Zimmer führte, dessen Fenster auf einen langen Hof gieng, welcher mit bewohnten Gebäuden rings umgeben war. Heute, meine Liebe, hat Marton unsern Geschmak zu errathen gesucht, sagte L*** mit heiterer Vertraulichkeit, indem er sich mit ihr zu der einfachen Mahlzeit niedersezte; aber fortan übernimmst du deine Wirthschaft, und wenn deine Mittage einsam sind, so denkst du, daß dein bürgerlicher Freund alle Abende wenigstens um acht Uhr nach Hause eilt. – Ihr Abendessen war ein wahres Hochzeitmahl, durch Zärtlichkeit, Neuheit des Verhältnißes, und Ahnung einer seligen Zukunft in Sara's entzüktem Herzen; und doch glich es, durch Einfachheit und beschränkten Genuß, dem stillen Beisammenseyn eines lang vertrauten häuslichen Paares. Gegen zehn Uhr erwachte die Kleine; ehe Sara aufstehen konnte, eilte L*** hin, brachte sie der Mutter herüber, und wie diese sich mit ihr entfernen wollte, rief er mit feurigen Augen, und einer von[83] Liebe und Sehnsucht gedämpften Stimme: o meine Sara, laß mir, der ich so viel entbehre, jeden möglichen Genuß, jede süsse Täuschung! Ich sah mein Kind noch nie an der Brust meines Weibs – Er hatte sie an ihren Siz zurükgeführt, er zog mit Bliken, die eben so viel Ehrfurcht als Liebe ausdrükten, einige Nadeln aus ihrem Halstuch, und begnügte sich dann, ihre Hand an seine zitternden Lippen zu drüken, indeß sie das kleine Geschöpf umschlang, das seinem Vater bald gierig den schönen Busen entzog. Sara vermochte keine Worte zu finden, bei allen den neuentzükenden Empfindungen, in welche sie der Zauber, den L*** um sich her zu verbreiten wußte, versenkt hatte; stumm beugte sie ihr holdes Gesicht zu dem Geliebten herunter, und ihr nasses Auge blikte dankend gen Himmel, und schien ihres Vaters Geist zum Zeugen einer so reinen Glükseligkeit aufzurufen. L*** verließ sie nach zehn Uhr in Sehnsucht, Dankbarkeit und freudiger Hofnung[84] auf den morgenden Tag; er verließ sie in einer Stimmung, deren stiller, inniger, und doch an Wehmuth gränzender Friede das weiche, schwärmerische Herz des guten Weibs völlig von allen ehemaligen Banden losriß, und sie ihm unbedingt übergab.

So verlebte sie eine Reihe von Tagen, deren Genuß sie verdiente, und die nur reinen Seelen, wie die ihrige damals war, aufbewahrt seyn sollten. Ihr Kind, ihr kleines Hauswesen beschäftigte sie den Morgen, den übrigen Tag brachte sie mit ihrer Handarbeit, oder mit Büchern zu, an denen ihr Geliebter es ihr nicht fehlen ließ; und sobald die Abendlüfte es gestatteten, fuhr sie mit Marton bis in's Freie, wo sie dann zu Fuß umherirrte, bis zu dem immer ersehnten Augenblik, da sie nach Haus eilte, um den Abgott ihres Herzens zu empfangen. Die trüben Wolken, die sie oft auf seiner Stirne sah, zerstreute ihre unerschöpfliche Liebe, und sie wußte ihm Dank für den geheimen[85] Schauder, der ihn meistens befiel, wenn sie in hingegebner Innigkeit von dem Zeitpunkt sprach, wo kein trauriges politisches Verhältniß ihm mehr eine doppelte Art von Existenz, in dem öffentlichen Leben und in seinem häuslichen, aufzwingen würde – denn so wenig Stunden er nur bei ihr zubringen konnte, so nannte er ihre Wohnung doch immer seine Heimath – wenn sein Auge bei diesen Aeußerungen von ihr abglitt, und umherirrte, als suchte es einen festen Blik, verbarg sie zärtlich ihr Gesicht an seiner Brust, und bat ihn, die unersättliche Begierde nach Glük ihr zu verzeihen: denn mehr Seligkeit, sagte sie, zu genießen, als du mir jezt schenkst, mein Geliebter, ist kaum möglich; es kann deren mehr geben, dennoch aber würde ich bei jedem Wechsel erzittern. Wenn ich dich umfasse; wenn du mir zusprichst, wenn du unser Kind liebkosest, so möchte ich in jedem solchen Augenblik mein ganzes Leben zusammendrängen; es könnte nicht schöner verfliessen – L*** schien[86] sich bei diesen Worten zu erheitern: Möchtest du immer so denken, mein Weib! möchte nie das Streben nach einem andern Glüke uns vernichten! –

Sie hatte ihn gleich bei ihrer Ankunft nach Theodor gefragt, und erfahren, daß er seit seiner Heirath im Ausland wäre; von Roger hatte L*** zuerst mit ihr gesprochen, er hatte das Opfer von ihr verlangt, ihn nicht zu sehen – Unter andern Umständen müßte er unser Bruder seyn, sagte er mit edler Wärme, aber als Berthiers Glaubensgenossen würde ich ihn jezt vermeiden, wenn auch die Art seines hiesigen Aufenthalts, unter einem Schwarm junger Leute, welche der öffentlichen Ruhe im Weg stehen, seinen Besuch bei meinem Weibe nicht ohnehin unstatthaft machte. – Sara fühlte das Gewicht dieser Gründe, und freute sich, daß Paris so groß wäre, einer solchen Entfremdung das Unnatürliche zu benehmen. Eines Abends in den ersten Tagen des Augusts 1792. wurde sie[87] durch muntere und in zahlreichem Chor gesungene patriotische Lieder aufmerksam gemacht, welche aus einem oberen Stock ihres Hauses herüber schallten. Es waren ihr bekannte Weisen, die Roger oft gesungen hatte, und der harmonische Zusammenklang einer Menge jugendlicher Stimmen vermehrte den lebhaften, halb wehmüthigen Eindruk, den einfache Musik immer auf sie machte. L*** traf sie über diesem Genuß, den sie ihm zu theilen geben wollte. Aber nachdem er einige Augenblike aufgehorcht hatte, rief er mit Heftigkeit dem Bedienten, und befahl ihm in Erfahrung zu ziehen, wer diese Leute wären. Der Bescheid lautete, daß es der Bürger sei, der den oberen Theil des Hauses bewohne, welcher heute einige Landsleute aus seiner Provinz bewirthe, die sich unter den Föderirten befinden – Ich habe nicht gewußt, sezte der Mensch mit sichtbarer Verlegenheit hinzu, daß die Leute oben aus Saumür sind, noch daß sie dergleichen Gesellschaften halten. L*** befahl[88] ihm mit einer Härte, die für Sara sehr unverständlich war, den folgenden Morgen zu ihm zu kommen, weil er ihm Aufträge zu geben habe. Da die gute Sara fürchtete, dieser Mensch, welcher viel Anhänglichkeit für sie zeigte, möchte bei der Gelegenheit Verdruß haben, so suchte sie L*** scherzend von der Geringfügigkeit dieses Zufalls zu überzeugen; sie sähe wohl ein, daß es unziemlich für sie seyn möchte, in einem Hause zu wohnen, wo junge Leute tränken, dies wäre ja aber nur ein Familienfest – Und vielleicht ist Roger dabei, sezte sie gerührt hinzu; da wird alles ehrbar zugehen. Mir war's würklich, als hörte ich seine Stimme bei dem hübschen Liedchen – Sie war hier liebkosend um L*** beschäftigt, streichelte seine Stirne, und küßte seine Augen, um sich von ein Paar hellen Thränen zu zerstreuen, die sie bei Rogers Erwähnung in den ihrigen merkte, und die troz ihrer Bemühung auf L**'s Gesicht fielen. – Meine arglose Sara, meine unschuldige[89] Taube, rief L*** bewegt; du weißt nichts, du ahnest nichts! Meine Arme sind deine Welt, und du ahnest nicht, wie ich sorge, dich sicher in diesen liebenden Armen zu erhalten. Die Stadt ist in einer Lage! die Gemüther sind in einer Stimmung! – Mein Weib, ich habe dieses Haus unter Tausenden ausgesucht, damit nichts, keine Gefahr, keine Anregung dieses bedenklichen Augenbliks dir zu nahe käme; und jezt sehe ich mich betrogen – Erschrik nicht, meine Theure; vertraue mir! Ich werde alle Gefahr von dir wenden. – So gleichgültig wie ihr der Vorgang an sich schien, so machte er doch einen tiefen Eindruk auf Sara's Gemüth, und sie fragte L*** dringend, wie lange diese Sorgen noch dauern möchten? wenn er endlich die Menschen als Freunde, nicht als lauter Verschworne betrachten würde? Aber er liebte diesen Gegenstand nicht, und er suchte Sara durch allgemeine Beruhigungen davon abzuziehen.[90]

Das späte Auseinandergehen der Gäste, und eine kleine Unpäßlichkeit ihres Kindes, hielten Sara diesen Abend noch lange, nachdem L*** sich entfernt hatte, in ihrem Eßzimmer auf, dem einzigen, das auf den Hof gieng. Wie es still zu werden anfieng, bemerkte sie eine weibliche Stimme, die mit dem Ausdruk der tiefsten Schwermuth die Lieder wiederholte, welche die muntre Gesellschaft vorher so lustig gesungen hatte. Der Kontrast zwischen einer gedämpften, unendlich sanften Stimme, welche manchmal von Thränen zu stoken schien, und dem kühnen Geist ihrer Lieder, hatte etwas so auffallendes als rührendes. Sara sah hinaus, und erblikte zur Seite im Erdgeschoß, durch die Fenster, aus welchen die Stimme kam, eine weibliche Gestalt, die eben von einem niedrigen Stuhl aufstand, und eine kleine Lampe in die Hand nahm, mit welcher sie emsig in alle Winkel des Zimmers zu leuchten schien. Wie sie noch damit beschäftigt war, trat eine andere weibliche Person[91] in das Zimmer, und sprach ihr freundlich zu: Nanny, was machst du wieder? Suche nicht, arme Nanny; komm zu Bett, es ist spät. – Ach er ist nirgends, nirgends! rief die erste mit einem durchdringenden Schmerzenston, und ließ sich geduldig aus dem Zimmer führen. In der stillen Sommernacht, welche jeden Ton hörbar machte, konnte Sara den Auftritt genau beobachten, und sie ward sehr begierig zu wissen, wer die beiden Weiber wären. Marton konnte ihr indessen keinen andern Bescheid geben, als daß sie erst seit etlichen Tagen da wohnten, Schwestern zu seyn schienen, und vermuthlich sei die eine davon verrükt; wenigstens habe man sie in den wenigen Tagen meistens weinen und auf den Knien liegen sehen. Sara gab noch ein Paar Abende auf diese Nachbarinnen Acht, und bemerkte dasselbe, sah die wahrscheinlich vorrükte Kleine, hörte sie singen, worauf sie dann mit der Lampe allenthalben umhersuchte, bis die Schwester sie fortführte.[92]

Von dem Eindruk dieser sonderbaren Erscheinung zerstreute sie L***'s Stimmung in diesen Tagen. Er war sehr tiefsinnig, und schien mit seinen Gedanken oft ganz abwesend zu seyn. Zuweilen umarmte er Sara mit einer schmerzvollen Heftigkeit, die ihr Innerstes bewegte. Sie fühlte die Veränderung um so lebhafter, als in den wenigen Wochen, die sie in Paris zugebracht hatte, ihre stille Eintracht noch durch nichts gestört worden war; jeder kleine Umstand hatte ihre Liebe erhöht, und L*** hatte in der Entfaltung von Sara's Geist, welchen jezt kein Zwang mehr drükte, in der unerschöpflichen Zärtlichkeit dieses kindlichen Geschöpfs, den höchsten Genuß zu finden geschienen. Am Morgen des neunten Augusts kam er, zum erstenmal in dieser Tageszeit, zu Sara, die über die unvermuthete Erscheinung innig erfreut und dennoch erschrekt, ihn um die Ursache des ungewöhnlichen Besuches fragte. Er sagte ihr, seine Pflicht würde ihn den Abend und die ganze Nacht abrufen,[93] er hätte indessen nicht so völlig entbehren wollen, und da er seine stille Abendstunde einbüssen würde, bäte er sie wenigstens um ein Frühstük. Er schien gespannt munter, und ließ nur vorübergehend fallen, man fürchtete einige Unruhe in der Stadt, die Wachen im Schloß wären verdoppelt, und er würde die ganze Nacht dort seyn. – Fahr heute Abend nicht aus, Liebe; sezte er hinzu, und halte morgen früh deine Zimmer verschlossen, bis du von mir hörst. – Sara war äusserst ängstlich, er lachte aber ihre Besorgnisse hinweg, und sprach voll Zuversicht von einer nahen Veränderung zum Besten in den öffentlichen Angelegenheiten, die auch auf ihr Schiksal würde Einfluß haben können. Sara entgieng es nicht, daß seine Munterkeit von manchen widersprechenden Empfindungen durchkreuzt wurde, und sie suchte mühsam ihre Angst zu zerstreuen. Sie hielt ihn unter tausend Vorwänden auf, er gab ihrer Bemühung zärtlich nach, beschäftigte sich lange mit seinem[94] Kinde, und nahm endlich den herzlichsten Abschied, indem er zugleich sein Möglichstes zu thun versprach, um den folgenden Morgen wiederzukommen.

Sara brachte nun den Tag in der bangen Erwartung gewaltsamer Auftritte hin. Sie sah mehrere Haufen von bewafneten Föderirten über die Straße ziehen, hörte auch von fern das Rasseln von schwerem Geschüz über dem Pflaster; aber noch schien alles friedlich, und sogar eher festlich zu seyn. Wie gegen die einbrechende Nacht alles um sie her in die tiefste Stille versunken war, wobei der wilde Gesang einzelner Bewafneter desto schauderhafter abstach gegen die bürgerliche Ruhe in den Häusern, sezte sie sich neben das Bett ihres Kindes, und horchte auf jeden Ton, der von der Seite des Schlosses herrschallte. Gegen eilf Uhr ward die Straße lebhafter; stillschweigend, aber mit schnellen Schritten fiengen zahlreiche Gruppen an, gegen den Ludwigsplaz zuzueilen, und Sara suchte sich damit, daß alle[95] hinströmten, niemand aber von dort zurükkäme, zu beruhigen. Sie sah zahlreiche Abtheilungen von der Nationalgarde diesen Weg nehmen, und glaubte nun den Pallast vor jeder Gefahr gesichert, da brave Bürger ihn beschüzen würden. Plözlich riß sie der Ton der ersten Sturmgloke aus dieser Zuversicht; ihr Herz stockte, ihr Athem selbst hielt inne, sie strengte sich an, diesem furchtbaren ihr noch unbekannten Klang einen Sinn zu geben, als ein leiser Nachtwind von dem Innern der unermeßlichen Stadt herwehte, und einen ähnlichen Ton nach dem andern mit sich führte. Bald lebte die Luft von dem verworrenen und schnellen durcheinander Läuten der vielen Gloken, durch die Krenzwege schmetterte die Lärmtrommel, alle Fenster wurden erleuchtet, und furchtsam sah man die friedliebenden Bewohner der Häuser herausbliken, indeß die junge Männer und die ärmeren Miethsleute der Bodenkammern, die in diesem Aufruhr auf ein unentgeldliches Schauspiel rechneten, dem Ludwigsplaze[96] zueilten. Sara rief nach Marton und Thomas, sie bat den leztern zitternd, sich nach der Ursache dieses Auflaufs zu erkundigen, zu seinem Herrn zu eilen. Der junge Mensch war blaß und traurig, er antwortete, sein Herr hätte ihm verboten sie zu verlassen, bis Nachrichten von ihm eingegangen wären. Der Lärm nahm überhand, fern über der Stadt hin färbte ein blasses Roth den grauenden Himmel, und eine schaurige Luft vermehrte den Fieberfrost von Angst, welche Sara immer heftiger ergriff. Sie hörte jezt das laut wiederholte Losungsgeschrei der Menge: Es lebe die Nation! Nieder mit dem König. – Der König! rief Sara, und stürzte nach der Thüre; dein Herr vertheidigt den König, rette ihn, eile zu ihm. – Thomas schüttelte schweigend den Kopf; außer sich schrie sie: Zeige mir den Weg! – und riß ihn mit sich fort. Er bat sie flehend, ruhig zu bleiben: ich muß, sagte er, Gewalt brauchen, um Sie von allem heftigen Thun abzuhalten; und[97] Gott weiß, wie mich das schmerzt, wenn ich bedenke, was in diesem Augenblike alles geschehen kann. – Du wüßtest was geschehen könnte, und erwartest du denn deinen Herrn nicht? Sara stieß ihn von der Thüre, sie erschöpfte sich, um ihren Zwek zu erreichen; Thomas kniete endlich vor der Thüre hin, und rief wehmüthig: gnädige Frau, dort wird Blut vergossen, dort können Sie nicht helfen. – In dem nämlichen Augenblik tönte zufällig ein schallendes Geschrei die Straße herauf. Deßwegen muß ich hin! rief Sara, indem sie mit einer lezten Anstrengung ihrer Kräfte die Thüre aufriß. Thomas fiel von der gewaltsamen Bewegung die sie machte, nieder; aber indem sie über ihn weg eilen wollte, rief er noch einmal flehend: Und Ihr Kind, gnädige Frau? – Sara stand betroffen still, und kehrte mit gerungenen Händen in das Zimmer zurük. Sie sezte sich wieder neben die Wiege, und hob ihre troknen, von Angst und Wachen geschwollenen Augen zum Himmel auf, den[98] sie um Fassung und Muth anzuflehen schien. Sie sah, daß der junge Mensch sein Gesicht mit seinem Schnupftuch bedekte: Thomas, sagte sie, was soll diese schrekliche Nacht? warum mußte dein Herr sich dieser Gefahr aussezen? Gnädige Frau, antwortete er mit niedergeschlagnem Wesen, ich weiß zu wenig, um Ihnen Auskunft zu geben. Die Menschen, die mich beredet haben, bei meinem Herrn Dienste zu suchen, mögen es auf ihrer Seele haben, wenn nicht alles, was sie thun recht ist; aber allwissend schienen sie zu seyn, und selbst jezt, indem ich mit Ihnen spreche, bereiten sie mir vielleicht die Strafe meines Verraths. Ich sollte ihnen alles hinterbringen, was mein Herr vornähme; mein gutgemeinter Eifer, uns alle frei und gleich zu sehen, hatte sie wohl hoffen gemacht, daß mir jedes Mittel dazu gut wäre. Ich dachte auch, ich könnte ihnen ja wohl sagen, was mein Herr so vor meinen Augen thäte; sie verlangten, daß ich ihm nachforschen, nachgehen[99] sollte, wenn er sich dessen nicht versähe, da ward mir bang, den Handel eingegangen zu seyn, und ich war froh wie ich zu der gnädigen Frau kam. Nun mögen sie mich aber als einen Abtrünnigen ansehen, und Gott weiß, was mir bevorsteht, wenn sie heute die Oberhand behalten. – Bis dahin hatte Sara in der dumpfen fast gedankenlosen Stille zugehört, die oft auf einen heftigen Ausbruch von Leidenschaft folgt; bei den lezten Worten fuhr sie auf: Wer soll die Oberhand haben? Wer kann unterliegen? – Aber starres Entsezen ergriff sie, da ein tausendstimmiges Geschrei auf der Straße erschallte: Sie morden sie alle! – Thomas riß die Fenster auf; das Volk rannte gegen einander: alle Schweizer! alle nieder – nieder! rief es mit heulendem Ungestüm. – Heiliger Gott, wie sich die armen Menschen wehren! seufzte Thomas mit zusammengeschlagnen Händen. Sara hatte in dem ersten Schreken über dieses neue Geschrei ihr schlafendes Kind[100] aus der Wiege gerissen, und hielt es jezt fest an ihr Herz gedrükt; ein fürchterliches Getümmel gerade unter ihren Fenstern rief sie dahin. Sie sah zwei Schweizer, die sich durch das Volk drängten, und ihre Uniformen herabrissen, eine Anzahl Menschen umringte sie, in der Absicht, sie zu retten, indeß andere in einem größeren Kreis um sie wütheten, und schrien; plözlich riß ein Bürger seinen grauen Ueberrok ab, und warf ihn einem von den Unglüklichen über, der nun gegen die Thüre von Sara's Haus floh. – Hilf, guter Thomas, hilf ihm! rief Sara mit innigem Mitleid. Thomas flog herab, riß die Thüre auf, und der verkleidete Schweizer stürzte athemlos herein, und durch das Vorhaus in den Hof, die mitleidigen Bürger hatten seinem armen Kameraden den nämlichen Dienst leisten wollen: aber von dem Mordgeschrei seiner Verfolger, die den um ihn geschloßnen Kreis durchbrechen wollten, betäubt, stieß er den ihm angebotnen Kittel eines Taglöhners[101] von sich, und drängte sich in der Uniformsweste selbst seinen Feinden entgegen, um seinem entflohenen Waffenbruder nachzueilen. Die aufgebrachte Menge brach mit ihm zugleich in das Haus, er eilte die Treppe hinauf, stürzte in Sara's Zimmer, zu ihren Füßen – Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! rief er in seiner Mundart, und umfaßte Sara's Knie. Aber einige von seinen Verfolgern hatten ihn schon ergriffen, und hauten ihn vor Sara's Augen nieder. Im nämlichen Augenblik zitterte die Luft von dem Abbrennen der ersten Kanonen in den Tuilerien. Man mordet das Volk! rief der Haufen in der Straße. Lautes Geheul mischte sich in den Lärm, alles drängte sich nach dem Ludwigsplaz, die Mörder des unglüklichen Schweizers horchten am Fenster auf die wiederholten Schüsse, und eilten die Treppe herab. In stummer Betäubung stand Sara, ihr Kind im Arm, der Blutende zu ihren Füssen. Des armen Fremden leztes Röcheln rief sie jezt zu sich, sie trat entsezt zurük,[102] der Sterbende strekte die Hand krampfhaft nach ihr aus, und verschied. Die Straße war jezt einen Augenblik leer, man hörte nur ein fernes Summen von Menschenstimmen, und nach jedem neuen Schuß ein dumpfes Geschrei. Mord vor ihren Augen, Tod und Verderben um sie her, und alles was sie liebte im Mittelpunkt dieses Verderbens – ihr Gehirn brannte, sie dachte sich L*** unter den Händen dieser Unmenschen, die den wehrlosen Schweizer zu ihren Füssen niedergemezelt hatten. Sie wikelte ihr Kind in ihren Morgenmantel, und rief Marton, die sie noch im Nebenzimmer glaubte, ihr zu folgen. Sie rief umsonst, Marton war fort, auch Thomas fand sich nirgends, das Haus war leer, todtenstill – sie konnte es in der fürchterlichen Stille nicht aushalten, sie gieng, eilte die Straße hinauf; L*** war ihr einziger Gedanke!

So schritt sie fast ohne Besinnung fort, jedes lebendige Geschöpf, das sie sah, floh vor[103] ihr her, kein freundliches Wesen kam ihr entgegen sie zurükzuführen. Auf dem Ludwigsplaz begegneten ihr einzelne Gruppen von Menschen, die Verwundete trugen, und mit bitterm Lachen ihnen den Trost zuriefen, der Schauplaz ihres Todes sollte bald ein Steinhaufen seyn. Wie von bösen Geistern getrieben, suchte Sara den Eingang des Schlosses, wo man ihr einmal bei einer Spazierfahrt eine Reihe Fenster gezeigt hatte, die man ihr die Gallerie des Königs nannte. Dort mußte sie hin, denn dort mußte L*** seyn! Sie drängte sich in den ersten Hof, mit einer Hand wehrte sie alle Umstehenden von ihrem Kinde ab, das sie fest an sich drükte; man machte ihr Plaz, aber je näher sie dem Hauptgebäude kam, desto gedrängter standen die Haufen. Endlich trieb ein Trupp sie vor sich her in einen kleinen Hof, man schrie wüthend um sie: »die Ritter vom Dolch sind dort im Hinterhalt!« Sie konnte nicht zurük, ob sie gleich Schuß auf Schuß um sich her, wahrscheinlich[104] aus den Fenstern, fallen hörte. Endlich erblikt sie einen Eingang in das Schloß, und will nun voran; aber wie ward ihr, als L***, in einen großen blauen Ueberrok gehüllt, zwei gespannte Pistolen in der Hand, ihr entgegen stürzte! Funfzehn bis zwanzig Männer, mit Dolchen oder Pistolen bewafnet, folgten ihm, und L*** schrie wild: Feuer! Stoßt nieder! – »Es ist ein Weib dabei!« rief einer von den Männern, und warf sich vor den andrängenden Haufen. L***! schrie Sara; halt ein, halt ein! – Die Unglükliche stürzte auf ihn zu, das bewafnete Volk ihr nach, und umringte sie; L***, nur auf Vertheidigung der Seinen bedacht, verblendet, vielleicht gar wähnend, daß Sara's wilde Bewegung ein Angriff auf ihn wäre, schoß sein Gewehr los, und zerschmetterte die Schulter seines unglüklichen Kindes, das Sara mit ihren Armen umschlungen hielt. Mit einem lauten Schrei sank sie nieder, die Kämpfenden würden sie unter ihren Füssen[105] zertreten haben, wenn nicht ein Paar Männer, in diesem wütenden Getümmel noch menschlich, sie aufgerafft, und von dieser Stelle, die nun mit Blut und Leichen bedekt wurde, hinweggeschleppt hätten. Sie war ohne Besinnung, aber nicht ohnmächtig; krampfhaft hielt sie ihr blutendes Kind im Arm; und wie die Männer sie auf der Terraße der Feuillans in das Gras legten, behielt sie es noch immer an sich gedrükt. Neben ihr lag ein Knabe von sieben Jahren, dem das Gehirn zerschmettert war, und ein noch viel jüngeres Mädchen, das ohne sichtbare Beschädigung, in der Brust verlezt, schon sterbend sich strekte; die Mutter dieser beiden Kinder kniete vor ihnen; beide Hände über ihrem Schooß gefaltet, blaß, unbeweglich, ohne Thränen, ohne einen Seufzer; nur wenn der Todeskrampf dem Mädchen noch einen röchelnden Athemzug auspreßte, hob sich die Brust der Mutter gewaltsam empor, dann wandte sie die Augen auf den Knaben, der gestaltlos da[106] lag, ihr Blik schauderte vor dem fürchterlichen Anblik zurük, und ruhte wieder in todter Stille auf der Tochter. Um die jammervolle Gruppe her trieb sich der zahllose Haufen; Verwundete, Todte wurden vorbei geführt, Fliehende verfolgt, neue Bewafnete drängten sich vorwärts; von fern donnerte das Geschüz, und wirbelnd stieg schon aus dem Schloße Feuer und Rauch empor. Bei den Weibern standen Leute, die für sie auf Hülfe zu warten schienen, endlich langte auch würklich eine Tragbahre an, auf welche man die beiden todten Kinder legte; und in diesem Augenblik nahte sich ein junger Mensch, der mit zerstörtem Gesicht schon einigemal vorbeigelaufen war. Es war Thomas, welcher unter den eindringenden Männern, die bis in Sara's Zimmer den Schweizer verfolgt hatten, einige seiner alten Bekannten erkannt, und einen Augenblik seinem Schreken nachgebend, sich aus dem Hause geflüchtet hatte; als er zurükkehrte, war Sara schon entflohen, und von[107] Furcht und Reue, um seiner Sicherheit willen sie in diesem Augenblik verlassen zu haben, getrieben, hatte er jezt schon lange in der Gegend des Schlosses nach ihr umhergespäht. Wie er die Kinder aufheben sah, eilte er herbei; und erkannte Sara, die sich aufgerichtet hatte, und mit starrem, halb gleichgültigem halb fragendem Blike um sich herum blikte, wie ein Todtgeglaubter, der im Grabgewölbe erwachte. Meine Herrschaft, meine arme Herrschaft! rief er und stürzte zu ihren Füßen; rettet sie! bringt sie fort! Sie ist verwundet – Sie war es nicht, aber ihres Kindes Blut hatte ihren Hals und ihre Kleidung gefärbt. Sie stand matt vom Boden auf, sah die Umstehenden mit einem Blike an, der das Gefühl des tiefsten, unerwartetsten und eben darum unwiderstehlichsten Schmerzens ausdrükte. – »Er hat es selbst getödtet!« sagte sie leise und doch durchdringend, indem sie ihnen ihr winselndes Kind hinreichte. Man verstand den Sinn dieser Worte[108] nicht, aber bei ihrem Anblik schien Mitleid die Stelle des Schrekens bei den Zuschauern einzunehmen, und ihnen auf die großen Abscheulichkeiten, von denen sie Zeugen gewesen waren, wohlzuthun. In einen weissen Mantel gehüllt, den halb offnen Busen von dem Blut ihres Kindes gefärbt, ohne Haube, ihre Schultern von ihren schönen Haaren bedekt, stand sie da, und obgleich keine Klage aus ihrem Munde, keine Thräne aus ihren Augen floß, forderte doch ihr hülfloser Schmerz die Menschlichkeit zum Beistand, oder selbst zur Rache auf. Thomas wollte ihr Kind nehmen, sie stieß ihn heftig zurük; er nahm ehrerbietig ihren Arm, sie ließ sich still wegführen. Ein Bürger gieng auf der andern Seite. Thomas sagte ihm ihre Wohnung, er sah die Bahre mit den beiden Kindern, und die unglükliche Mutter den nämlichen Weg nehmen. Der Zug schritt langsam fort, und wurde durch den Zulauf des Volkes oft unterbrochen; die beiden kinderlosen Mütter schienen[109] ohne besondere Anstrengung, aber auch ohne Besinnung dahin zu wandeln. Endlich langte man vor dem Hause an, Thomas erstaunte, die Frau mit den beiden Kindern ebenfalls hineinführen zu sehen, und er erkannte jezt in ihr die Gattin des Bürgers, bei welchem sich vor wenigen Tagen die Föderirten versammelt hatten, und die Kinder waren die nämlichen, deren Geschwäz mit ihrer Mutter auf die arme Sara am Abend ihrer Ankunft einen tröstenden Eindruk gemacht hatte. Thomas überließ seine Herrschaft einen Augenblik der Obhut seines unbekannten Begleiters, und eilte die Treppe hinauf, um die Zimmer zu öfnen. Der erste Gegenstand, der ihm hier in die Augen fiel, war der Leichnam des Schweizers, der noch auf der Stelle, wo er ermordet worden war, in seinem Blute lag. Er schauderte zurük, besann sich, wohin er die gebeugte Mutter wohl bringen könnte, um ihr diesen Anblik zu ersparen – er war schon unten, da erblikte er die Schwester des armen[110] Geschöpfs, dessen rührendem Gesang er in der Nacht oft aufmerksam zugehört hatte; sie öfnete eben vorsichtig ihre Thüre; er bat sie, Sara einsweilen zu beherbergen. Sie schien es anfangs verweigern zu wollen; wie sie aber Sara stumm und fühllos an einem Pfeiler gelehnt stehen sah, trat sie mit dem einfachsten Ausdruk von Theilnahme zu ihr, und fragte ihre Begleiter, ob sie verwundet wäre. Thomas erzählte ihr mit wenigen Worten, wie er seine Herrschaft auf der Terraße gefunden hätte, und wie ihr Kind mit den Kindern der Bürgerin im obern Stok ein gleiches Schiksal gehabt haben müßte. Hier schien die erste Wärme von Gefühl bei Sara wiederzukehren, eine schwache Röthe färbte ihr Gesicht, ihre Züge arbeiteten sich gewaltsam aus der starren Ausdrukslosigkeit hervor, und sie brach unter lautem Schluchzen in die Worte aus: O nein, nein! der Vater hat sie nicht selbst ermordet. – Diese Thränen schienen die Krisis ihres bisherigen Zustandes zu machen, jezt[111] erst zeigte sie, daß sie sich bewußt wäre, ihr Kind in ihren Armen zu halten, willig folgte sie der Nachbarin, die sie in ihre Wohnung führte, jedoch unter dem Beding, daß Thomas nicht mit gienge, sondern in den Zimmern seiner Herrschaft bliebe. Auch litt Sara, daß sie die Kleine entkleidete, indeß sie selbst, zitternd und zukend bei jeder Bewegung, welche die Frau mit dem Kinde vornahm, ihre fragenden Blike auf sie heftete. – Es lebt, es lebt! rief die Frau wiederholt; es ist vom Bluten erschöpft, jezt will ich es nur erleichtern, nur thun, was für's erste nöthig seyn mag! dann hole ich den Wundarzt. – Wie sie die zerschmetterte Schulter entblößte, schauderte sie, und dekte sie schnell zu; denn die arme Sara hatte durch die Art wie sie das Kind gehalten und gedrükt hatte, die Wunde in einen schreklichen Zustand gesezt, und sie wollte der Mutter diesen Anblik ersparen. Sie wies sie nun an, ihr aus diesem oder jenen Winkel des Zimmers[112] allerlei was das Kind brauchte herbeizuschaffen, weil sie es gern in seiner jezigen Lage erhalten wollte, um ihm nicht von neuem wehzuthun, aber Sara war unfähig sie zu hören, sie zu verstehen; ihr Gesicht verrieth Anstrengung, aber ihre Bemühung zu denken wekte nun ihr erstarrtes Gedächtniß, und führte das Gefühl ihres Unglüks nach und nach vor ihre Seele. Sie ward immer unruhiger, gieng finster und mit schweren Seufzern im Zimmer umher; die gute Frau, die so bald sie ihren Zustand wahrgenommen hatte, behutsam aufgestanden war, um das Kind auf das Bett zu legen, und selbst nach den Dingen, die sie verlangt hatte, zu gehen, rief ihr freundlich dringend zu: wenigstens rühren Sie es nicht an! – da kniete sie nieder, ohne zu antworten, küßte leise die Zipfel des Küssens, worauf das Kind lag, seufzte tief, und fieng von neuem an, wie in einem schreklichen Traum umherzugehen. Die Frau brachte das Kind wieder so weit in's Leben, daß es ein[113] Paar Löffel voll Milch schlukte; bei diesem Anblik überfloßen heiße Thränen Sara's Gesicht, ein zukendes Lächeln schwebte um ihren blaßen Mund, sie küßte die Hände, die Kleider der Nachbarin, ihre eigne Hand, und legte sie sachte auf die Deke des Kindes, das sie zu beunruhigen fürchtete.

Jezt entfernte sich Frau Thirion – so hieß die Nachbarin – auf einige Augenblike, kam aber bald mit ihrer Schwester zurük, der sie zuzureden schien, indem sie noch im Hereintreten zu ihr sagte: Sie ist krank, liebe Nanette, du must recht vorsichtig seyn, und ja das Kind nicht anrühren. – Wie Nanettens Blike auf das Kind gefallen waren, schien sie ängstlich zu werden; sie hielt die Schwester beim Arm zurük, und mit scheuer verwirrter Mine sagte sie: das Kind ist blutig – träumt die Frau auch? – Nein, meine Liebe, nein! Ich habe dir ja gesagt, daß die arme Mutter in's Gefecht gerathen war; du hast ja den ganzen Morgen schießen gehört – denke[114] doch nur an das was du jezt siehst; bleib bei der Frau so lange ich aus bin, und wenn der Bruder und der Schwager kommen sollten, so sage ihnen, daß die Frau unsre Hülfe braucht. – Sie gieng nun, den Wundarzt zu holen. Sara blieb mit Nanni allein, sie schien aber nicht auf sie zu merken, sondern versank in immer tiefere Finsterniß des Schmerzens. Anfangs sah ihr Nanni von weitem zu, bald trat sie theilnehmend neben sie, und sagte ein Paarmal mit wehmüthig tröstendem Tone: Arme Liebe! O diese Träume sind fürchterlich. – Da Sara sie nicht hörte, wandte sich ihre Aufmerksamkeit auf das Kind, an dessen Bett sie sich sezte. Sie erblikte die Schaale mit Milch, gab der Kleinen einige Löffel voll, machte sich behutsam allerlei um sie her zu schaffen, wobei sie leise sang, und wie das halb entseelte Geschöpfchen wieder ohne Bewegung da lag, erhob sie ihre Stimme lauter, weil sie es im Einschlafen glaubte, und Sara's Ohr ward plözlich von[115] den rührenden Worten des bekannten Wiegenlieds getroffen:


Deux victimes infortunées

Se doivent de tendres secours;

Je veillerai sur tes jeunes années,

Tu auras soin de mes vieux jours!


Sie heftete jezt den ersten Blik auf Nanni: eine lange magre Gestalt, mit großen Augen, deren verwirrter umherirrender Blik sich nur fixirte, wenn er ein Paar fließende schwere Thränen zurükhalten zu wollen schien; ein Mund, der ehemals gewiß schön war, jezt aber immer aussah, als verhielte er den Schrei des Schmerzens, und den bei den ungleichsten Veranlassungen ein zukendes Lächeln bewegte, womit der übrige Ausdruk des Gesichts nie übereinstimmte; schöne schwarze Haare fielen auf ihre Stirne, ihr Anzug war ärmlich, reinlich, bürgerlich, aber vernachläßigt; nichts wie die Stimme schien an ihr noch unzertrümmert, denn Gang und Bewegung drükten[116] träumende Verwirrung aus. Sie sang, ein Strikzeug in der Hand haltend, mit starrem thränenvollem Auge, als wenn sie bei einem sehr ernsten Geschäft begriffen wäre. Sara's armes Gemüth war durch die ihr bekannten Worte tief zerrissen, denn sie hatte dieses Lied oft an der Wiege ihres Kindes gesungen, und so überzeugt wie sie von L***'s Treue war, sich dennoch selten der Thränen dabei enthalten können. Jezt hörte sie eine ferne Ahnung ihres Unglüks in einem fremden Munde, es kam ihr vor wie die Stimme des Schiksals; und indem sie ihre eine Hand auf Nanni's Schulter, die andre auf ihr eignes Herz legte, rief sie ängstlich: nein, er konnte er konnte es nicht seyn, nein, es ist nicht möglich! – Nanni besann sich eine Weile, und sagte dann: nein, Liebe, er war es auch nicht; aber das machte es nicht beßer, denn seine schöne Stirne trägt doch nun das entehrende Zeichen – o da kömmt er! still, still! Er darf mich nie davon sprechen hören. – Sie[117] lief an die Thüre, und zwei Männer traten herein, ein ältlicher, rechtlicher, mit einer ernsten Phisiognomie, in Nationalgardenkleidung, und ein jüngerer, der den Ausdruk der finstersten Ueberspannung auf seinem mit schwarzen Haaren umfangnen Gesicht trug. Nanni! rief dieser, unsre Rache beginnt. – Er erblikte Sara und stutzte. Der andre fragte, wer die junge Fremde wäre? Nanni führte ihn zum Kinde, und sagte mit ihrem verwirrten Lächeln und wilden Blik: Sieh, es ist gerade wie Henriot; aber die Schwester sagt, es werde nicht so lange schlafen. – Der Auftritt wäre vielleicht noch unverständlicher für alle Theile geworden, wenn Frau Thirion nicht jezt mit dem Wundarzt zurükgekommen wäre. Wie sie die Männer erblikte, fiel sie dem älteren lebhaft um den Hals: Gott sei Dank, daß du wieder da bist! darauf reichte sie dem andern die Hand, und sagte noch einmal: Ihr seid mir erhalten! Ich habe es aber verdient, denn ich hätte Muth gehabt,[118] wenn man euch auch blutend wiedergebracht hätte. – Braves Weib! war alles was ihr Gatte (denn das war der ältere) ihr antwortete. Sie unterrichtete ihn nun mit wenigen Worten von der Veranlassung zu Sara's Anwesenheit, und stand alsdann dem Wundarzt in der Verpflegung des Kindes bei, dessen Zustand dieser für nicht ganz hofnungslos ansah. Sara hieng an seinem Munde, und schien wieder aufzuleben. Sie fragte jezt nach ihrer Wohnung, nach Thomas, nach Marton. Ihre gutherzige Wirthin berichtete ihr, daß jene nach den traurigen Begebenheiten des Morgens erst in Ordnung gebracht würde, und daß ihre Leute damit beschäftigt wären. Mit jedem Augenblik wurde Sara wieder fähiger, die Gegenwart an die Vergangenheit zu reichen, sie bat daß man Thomas rufen möchte, und Frau Thirion erfüllte jezt ihren Wunsch, nachdem sie ihres Mannes Einwilligung erhalten hatte. Thomas kam, und zeigte bei dem[119] Anblik seiner Herrschaft die lebhafteste Rührung; Sara trat beiseite mit ihm, kämpfte gegen ihren Schmerz, bis sie die Frage herausbrachte: er schikte nicht? – Nein, war die traurige Antwort. Sara zitterte, besann sich, zeigte ihm das Kind, und sagte: geh zu ihm, sag ihm das. – Sie konnte nichts mehr sagen; der arme Bursche machte eine bejahende Verbeugung, und wollte gehn. Sara hielt ihn beim Arm zurük, suchte lange nach Worten, endlich fragte sie: sind sie alle ermordet? – Lebhaft erwiederte Thomas: die ganze Familie unversehrt! Alle unter dem Schuz der Nation, keines ja berührt! – Sara schien einen Augenblik heitrer: eile, eile! rief sie; und Thomas gieng.

Es war gegen Abend, die Hausfrau trieb ihre Geschäfte, und bereitete den Männern, welche den ganzen Tag unter den Waffen gewesen waren, ein kleines Mahl. Diese saßen indeß am Heerd, und während daß Frau Thirion im Hin- und Hergehen ihrem Mann[120] die Vorgänge des Tages abfragte, blikte Joseph, ihr Bruder, finster in das Feuer. Sara blieb neben ihrem Kinde, ängstlich auf Thomas Rükkehr harrend; Nanni saß in ihrer stillen Zerstreuung, und arbeitete. Wenn Joseph von Zeit zu Zeit in die Stube kam, richteten sich ihre Augen mit einem seelenvolleren Blike auf ihn, und ihr Lächeln ward bedrükender; er hingegen schien dann finster hinauszugehen. Einmal sezte er sich hin, einige Papiere in einem Tischkasten zu suchen; Nanni legte ihre Arbeit aus der Hand, stellte sich neben ihn, und winkte Sara gleichsam verstohlen, indem sie die Haare von seiner Stirne strich, und sie lebhaft küßte. Der junge Mann fuhr bei dieser Liebkosung auf, rief heftig ein Paar unverständliche Worte, und stürzte, seine Papiere zusammenraffend, mit verbißnen Zähnen hinaus. Nanni seufzte, schüttelte den Kopf, und nahm ihre Arbeit wieder. Sara war nicht fähig, diese kleinen Bewegungen zu deuten, ob sie gleich mechanisch[121] darauf merkte: ihr Körper fieng an, einer Erschütterung, die gegen vier und zwanzig Stunden anhielt, zu unterliegen, ihre Nerven wurden von einem brennenden Fieber gespannt. Die Veränderungen in ihrem Aussehen entgieng der Frau Thirion nicht, sie fühlte ihre glühenden Hände und Wangen, sie bat sie freundlich, sich auf dem Bett niederzulegen. Wie Sara sich heftig weigerte, fragte sie mit bescheidner Theilnehmung: kann ich denn niemand zu Ihnen rufen? kennen Sie keinen Menschen? – Nein, nein! rief Sara in der schreklichsten Bewegung, und bedekte ihr Gesicht mit den Händen. Die Frau beruhigte sie, sagte ihr, sie wollte zusehen, ob ihre Zimmer fertig wären, und sie dann mit dem Bedienten hinaufbringen; Sara hörte kaum etwas mehr, jeder Augenblik vermehrte ihr Uebel. Auch war Marton nirgends zu finden, und Thomas kehrte nicht wieder. Wie die Nacht vollends einbrach, brachten sie die guten Menschen selbst auf ihr[122] Zimmer; die Männer mußten wieder unter die Waffen, und Frau Thirion machte Anstalt mit Nanni bei Sara und ihrem Kinde zu wachen. Die Angst und die Stärke des Fiebers überwanden Sara's bisherigen Entschluß, sich niemanden anzuvertrauen. Sie fragte tausendmal nach Thomas, und bat endlich Frau Thirion flehend, ihn aufsuchen zu lassen. – Und wo das? – Sara nannte ihr L***'s Wohnung. Es war fast zehn Uhr, der Weg war lang, aber die gute Frau schien ihre Angst zu theilen, sie übernahm selbst Sara's Auftrag, und gieng, nachdem sie ihrer Schwester auf das dringendste eingeschärft hatte, sie nicht zu beunruhigen, und sie sorgsam zu pflegen. Nanni that Anfangs auch pünktlich darnach; aber Sara, deren Gehirn in der bangen Stille, welche diese Nacht hindurch in Paris herrschte, noch mehr erhizt wurde, fieng selbst an, mit ihr zu sprechen, bat sie zu singen, und fragte sie nachher, ob Joseph ihr Gatte oder ihr Bruder[123] wäre? – Gatte? wiederholte Nanni lächelnd, und schwieg. Sara glaubte, sie hätte sich nicht deutlich genug ausgedrükt, und sie fragte wieder, ob der dessen Stirne sie geküßt hätte, ihr Mann wäre? Nanni schien unruhig zu werden, und sagte, wie halb im Vertrauen: Nein, nein! Ich weiß nicht wo er ist, Joseph will ihn ja ermorden. – Wen? rief Sara erschroken und theilnehmend. Die Unglükliche gab noch viele unverständliche Antworten, aus denen nur deutlich war, daß ihr armer verwirrter Kopf Sara für ganz unterrichtet von ihrem Schiksal hielt. Sara fand eine ihrer bangen Stimmung angemessene Zerstreuung in dieser Unterhaltung, und sie machte, indem sie theilnehmend darinn fortfuhr, die arme Nanni immer zutraulicher. Auf die Frage, ob sie schon lange in der Hauptstadt wäre? antwortete sie traurig: Fast seitdem ich nicht aufwachen kann! – Weil dieser Begrif von Schlafen und Träumen es hauptsächlich war, der alle[124] ihre Gedanken zu verwirren schien, so fragte Sara sie freundlich um die Ursache dieses langen Schlafs. – Sie wissen es also gar nicht mehr, wie ich aus Hunger einschlief in der kleinen Hütte im Wald? Und mein Henriot wekte mich immer, weil er auch hungerte, und schrie; und endlich träumte ich, Henriot müßte ja doch sterben, weil ich kein Brod hatte, und Joseph gar nicht wiederkam; und da schnitt ich meinen armen Henriot in seinen kleinen Hals, bis er auch schlief; und wie ich denn da neben ihm saß, und mich am Feuer wärmte, kam Joseph wieder, und rief: da bringe ich zu essen, meine Nanni! und hatte ein ganzes Reh, und das blutete wie mein Henriot; aber wie er den sah, war er sehr böse – und hernach mußten wir alle im Keller wohnen, und der arme Joseph stieß sich vor die Stirn, wie er meinen Henriot wieder aus der Erde graben wollte; davon hat er noch das Mal, das ich heute küßte; aber im Traum halte ich's immer[125] für ein Brandmal, das ihm der grausame Graf hätte aufdrüken lassen, weil er das Reh schoß – und er wollte doch sein Kind damit vom Hungertodt retten! – Nanni hatte höchst abgebrochen geredet, als suchte sie blos fürchterliche Erscheinungen, die an ihrem Blik vorübergiengen, zu beschreiben und zu nennen; jezt schien sie vor Angst dem Erstiken nahe, und ihr Zustand rührte Sara so innig, daß sie einen Augenblik ihre eigne Lage weniger empfand, und auf Nanni's kalte Hände weinte. Nanni fühlte ihre Thränen, besah ihre Hand, und sagte schluchzend: Seitdem kann ich nicht weinen! Martha sagt oft, wenn Henriot endlich aufwachte, würde ich vor Freude weinen. Es währt aber so lange! sezte sie sehnsuchtsvoll hinzu, könnte ich nur sein Bett finden! wie ich ihn zulezt schlafen legte, stand es dort – da! – Sie stand auf, nahm das Licht, suchte im ganzen Zimmer umher; endlich kam sie wieder zu Sara, und rief hofnungslos: O es ist nirgends – nirgends zu finden!

[126] Sara hatte jezt eine Art von Aufschluß über das traurige Geschäft, bei welchem sie das arme Geschöpf einige Zeit vorher schon belauscht hatte; aber folgendes ist die zusammenhängende Geschichte ihres Unglüks, die sie nur zerstükelt erfuhr. Armand, der Vater der drei Geschwister, war Pachter auf einem grossen Theil der Güter des Grafen von **, die in dem jezigen Departement der Charente lagen. Er hatte Gelegenheit gehabt, in früheren Jahren einige Bildung zu erhalten, er hatte ein wohlhabendes Mädchen geheirathet, stand also besser als die meisten Landbauern seiner Gegend, und gab seinen Kindern eine sorgsame Erziehung. Martha, die älteste, heirathete einen Seemann, mit welchem sie nach la Rochelle zog; Joseph folgte dem Gewerb seines Vaters, und die zärtlichste Bruderliebe verband ihn mit Nanni, der jüngsten, einem damals blendend schönen Mädchen, deren schwärmerisches Gefühl keinen andern Gegenstand hatte, als ihren Bruder. Den Grafen[127] von ** nöthigten seine Verschwendungen, sich für eine gewiße Zeit auf seine Güter zurükzuziehn; hier warf er ein gnädiges Auge auf Nanni, bei der er sich in diesen Umständen einen ganz angenehmen Zeitvertreib versprach. Bei den ehrwürdigen Grundsätzen von Tugend und Pflicht, die sie von ihrem Vater überkommen hatte, konnte er sie weder von diesem kaufen, noch sie selbst, ohne ihr Herz in das Spiel zu ziehen, verführen. Aber Nanni war für ihren Stand zu gebildet, und der Elende war in diesen Künsten ein Meister; ihr Herz empfieng also die ersten Eindrüke der Liebe mit unbefangenem Zutrauen. Schwüre und Versprechen von seiner Seite, Unerfahrenheit und glühende Jugend von der ihrigen, bereiteten ihren Fall. Der alte Armand schöpfte Verdacht, und forderte seinen Abschied, um, wie er noch hofte, sein Kind einer Beschimpfung zu entziehen, für welche kein Gesez ihn rächte. Eh sein Gesuch bewilligt war, nahm ihn ein Schlagfluß hinweg;[128] in der Betäubung des ersten Schmerzens entdekte Nanni ihrem Bruder ihren Zustand; dieser reizte durch stolzen Ungestümm die Rache des vornehmen Verführers; der Graf machte Chikanen über die Pachtrechnungen des Vaters, die er doch selbst aus Unordnung, seit vielen Jahren zu berichtigen sich geweigert hatte; und die Kinder wurden fast des ganzen väterlichen Nachlasses beraubt, und aus dem Pachthof gestoßen. Martha war mit ihrem Manne, wegen einer kleinen Handelsspekulation, nach England gereist; die Familie ihrer vor vielen Jahren verstorbnen Mutter war ihnen fremd geworden – kurz, manche unglükliche Zufälle trafen so zusammen, daß ihnen in der harten Jahrszeit keine Zuflucht übrig blieb, als die Hütte eines alten Jägers, welche in der Gegend von Saint Hyppolite mitten im Walde lag. Joseph fühlte die Schmach die dem Andenken seines Vaters, das Unrecht, das seiner Schwester angethan war, in einem so hohen Grade, daß[129] er auf die abentheuerlichsten Anschläge verfiel, um sich an dem Grafen persönlich zu rächen. Einsamkeit und halbe Ausbildung hatten seinen Kopf zu überspannten Begriffen gestimmt; er wollte in Seedienste gehen, und hofte sich durch die schnellen Fortschritte seiner Geschiklichkeit so weit zu bringen, daß ihm der Mörder seiner Ehre im Zweykampf würde Rechenschaft geben müßen. Nanni's Verzweiflung, und ihre völlig hülflose Lage vermochten ihn, die Ausführung seines Plans bis auf das Frühjahr zu verschieben. Sie gebahr einen Knaben, bei dessen ersterm Weinen Joseph einen feierlichen Schwur, sich und ihn zu rächen, ablegte; und seine Bitterkeit hatte bei der grausen Abgeschiedenheit seiner Wohnung, bei dem beständigen Kampf gegen herannahendes höchstes Elend, nur zu viel Nahrung. Indessen theilte der alte Jäger sein tägliches Brod redlich mit ihnen, und Joseph half es ihm auf der Jagd verdienen; aber auch diese Stütze wurde ihnen bald entrissen, der Alte[130] kam in einer rauhen Winternacht, wahrscheinlich, weil er nicht nüchtern aus Saint Hyppolite zurükkehrte, im Schnee um. Von Gram und Mangel an Hülfe ermattet, lag Nanni seit ihrer Niederkunft krank; Joseph gieng umsonst in die benachbarten Dörfer, um Arbeit zu finden; wegen der eben sehr harten Witterung brauchte man keine Taglöhner, und als Knecht sich zu verdingen, erlaubte ihm der Zustand seiner Schwester nicht. Ihr Jammer stieg auf's höchste, Nanni's Kopf fieng an zu leiden, sie gab sich alles Unglük Schuld, und wünschte sich und ihrem kleinen Henriot den Tod. Der Hunger, den sie öfters litt, würkte noch mehr auf ihr Gehirn, und an einem unseligen Tage, dem dritten daß Joseph gefastet hatte, und wo Nanni das lezte trokne Brod aß, ohne daß ihr schmachtendes Kind Nahrung an ihrem Busen fand, gieng Joseph mit der Flinte in den Wald, um, was auch daraus werden möchte, Speise zu finden; das Ohngefähr[131] brachte ihn in ein Gehege, das zu den Gütern des Grafen von ** gehörte, er erlegte dort ein Reh, sah sich entdekt; da ihm aber die Schlupfwinkel von der Jagdgränze an bekannt waren, gelangte er glüklich bis zur Hütte. Bitter triumphirend wirft er die Beute vor Nanni's Füße, die er an dem Heerd vor einem großen Feuer sizend findet. Sie winkt ihm verwirrt, still zu seyn – die Vernunft der Armen war unterlegen; was ihre eigentliche Absicht gewesen war, konnte man nicht errathen, ihr blutendes Kind zeugte blos von ihrer That. Sie hatte ihm die Kehle abgeschnitten, und glaubte nun, daß es schliefe. Der unglükliche Bruder schaudert – ein natürlicher Sicherheitstrieb giebt ihm ein, den kleinen Leichnam vor der Hütte zu vergraben, indeß Nanni in ruhiger Abwesenheit des Geistes sich schlafen legt. Kaum war er mit dem traurigen Geschäft zu Ende, so sah er die Hütte von Menschen umringt; man war dem Wilddieb auf die Spur gefolgt, und er[132] wurde nun auf dasselbe Gut, wo sein Vater ehrenvoll gelebt hatte, in's Gefängniß geschleppt. Nanni wäre vor Hunger und Raserei gestorben, hätte sich ihrer nicht einer von den Häschern erbarmt, dem sie in guten Tagen, in ihres Vaters Haus, manches Glas Wein gereicht hatte. Dieser nahm sie zu sich, bis er bald darauf Gelegenheit fand, sie nach la Rochelle zu ihrer Schwester zu schiken, die eben nach einem vortheilhaft beendigten Handel aus England zurükgekommen war. So oft Nanni auch von ihrem schlafenden Kinde sprach, so ließ doch ihre unverkennbare Verstandesverwirrung, und die Stumpfsinnigkeit, vielleicht sogar die Gutherzigkeit derer, die sie umgaben, keinen Argwohn aufkommen; und ihre Schwester benuzte diese Fantasie, deren Grund ihr freilich bald klar werden mußte, um sie in der Unwissenheit oder Vergessenheit der noch fürchterlicheren Wahrheit zu erhalten. Man ließ sie dabei, ihr Kind schliefe, und sein Tod[133] habe ihr geträumt; alles, was nachher sie schmerzhaft berührte, oder die Erinnerung des Geschehenen wieder in ihr weken konnte, reihte sie an diese Idee, und gab es sich für Traum aus. Ihren armen, durch sein Schiksal ergrimmten Bruder hatten Gram und Elend in den wenigen Monaten so entstellt, daß er bei seinem Eintritt in's Gefängniß, auf sein Verlangen vor den Grafen gelassen wurde, ohne daß man ihn für den Sohn des lezten Pachters erkannt hatte. So wie er vor ihm stand, warf er ihm mit wütender Bitterkeit vor, der Mörder seines eignen Kindes zu seyn, und drohte ihm, daß früh oder spät keine Macht auf Erden ihn vor der gerechten Strafe schüzen sollte. Der kleinmüthige Wollüstling schauderte, als er von dem blutigen Auftritt hörte, aber er schäumte über die Kühnheit des jungen Menschen, und er bewies ihm hönisch, wie er sich durch das Geständniß von Nanni's Verbrechen in seine Gewalt gegeben hätte; die Reihe zu drohen wäre an ihm, sagte[134] er, und er rühmte sich seiner Milde, wenn er ihn und seine Schwester nicht einer weit schreklicheren Ahndung überlieferte, als seine Wilddieberei nach sich ziehen würde. Bei diesem niederträchtigen Misbrauch der Macht vergaß der Unglükliche seiner wehrlosen Lage, unsinnig fiel er den Grafen an, der vielleicht ein Opfer seiner Wuth geworden wäre, wenn man ihm auf sein Geschrei nicht zur Hülfe geeilt wäre. Seine Sache war nun sehr verschlimmert, der Gang des Rechtshandels blieb indessen unbekannt, wie so manches Werk der Finsterniß in jenen Zeiten; allein der Richterspruch verurtheilte ihn, auf der Stirne gebrandmarkt zu werden, und zu vierjähriger Galeerenstrafe. Thirion, Marthens Gemahl, sah sich nun in seiner Frau, durch die schändende Strafe die ihr Bruder erlitt, selbst entehrt; aber zu redlich und edel, um es den unglüklichen Schwestern entgelten zu lassen, verließ er la Rochelle, und trat in der Hauptstadt einen Spezereihandel an. Der[135] Kummer seiner Frau, Nanni's Wahnsinn, der zwar sanft blieb, aber für unheilbar erkannt wurde, das fürchterliche Schiksal seines Schwagers, den er sehr geliebt hatte, ein von seinem früh getriebnen Seeleben sich herschreibender Hang zur Freiheit – alles traf zusammen, um ihn an der großen Revolution, welche ein Jahr nach dem Unglük, das seine Familie betroffen hatte, ausbrach, einen schwärmerischen Antheil nehmen zu lassen. Er hatte sich ein Bild von Freiheit und Gleichheit gemacht, das seinen Begriffen angemessen war; diese Vortheile seinem Vaterland zu verschaffen, war sein Ziel, und er verfolgte es mit einer Starrheit, die bei jedem Schritte, über die Mittel es zu erreichen, gleichgültiger werden mußte. Anfangs schien ihm jedes Opfer zur Sühne für Nanni's zerrüttete Vernunft, für des redlichen Josephs gebrandmarkte Stirne zu fallen; bald wog er jedes gegen die Tausende ab, die der ränkevolle Widerstand der Feinde der Freiheit vernichtete;[136] endlich lieferte er selbst die Unglüklichen unter das Beil, weil er bei jedem hofte, dieser würde die Zahl der Ruhestörer schliessen! – Im Frühjahr 1791 hatte Joseph seine schändliche Strafe auf der Galeere abgebüßt. Mit einem durch und durch vergifteten Herzen, mit einem Gehirn, das die Langeweile, und die heiße Sonne des mittelländischen Meeres ausgetroknet hatte, das unter seinen Mitgefangnen die verzerrtesten Züge der alten Sklaverei, der durch den Misbrauch der Geseze erniedrigten Menschenwürde, der abscheulichsten Unsittlichkeit aufgefaßt hatte, durchbettelte er Frankreich. Menschen hatten ihn, den Unschuldigen, gebrandmarkt, und jezt scheuchte dieses Zeichen die Menschen von ihm, als hätte Gottes Finger es seiner Stirne aufgedrükt. Mit glühendem Freiheitssinn, und dürstend nach Recht betrat er den Boden, der nun der Freiheit und Gleichheit geweiht seyn sollte, und dennoch flohen seine Brüder die Gemeinschaft mit ihm. In einem andern[137] Zeitpunkt wäre er ein gemeiner Mörder geworden, um sich an dem Menschengeschlecht zu rächen; jezt gerieth er bald unter Menschen, von denen er die tröstende Nachricht erhielt, daß die Revolution noch nicht vollendet wäre; er gelobte in ihrer Mitte, erst bei dem Blut des lezten aus der verfluchten Caste, die sein Leben vergiftet hatte, seinen Dolch abzutroknen, und sie ließen ihn seine empörte Leidenschaft in die große Maße niederlegen, aus welcher die Wunder und die Gräuel des ausgehenden Jahrhunderts hervorgähren sollten. Seitdem war er bloßes Werkzeug des Todes, er hatte keinen Gedanken mehr als Rache; aber von dem Augenblik an, da sich das Gefühl der ersten Blutschuld in seinem Herzen niederließ, hatte er fest beschlossen, die lezte, die er als die endliche Gründung der Freiheit erkennen würde, mit seinem eignen Tode zu versiegeln. Zufällig erfuhr er seines Schwagers Aufenthalt in Paris, und suchte ihn sogleich auf. Welch ein Wiedersehen für Nanni,[138] und die gute einfache Marthe! Ihm war der jüngsten fortwährende Verstandeszerrüttung unbekannt, und die Heftigkeit, mit welcher er von seinem vierjährigen Elend sprach, die wiederholten Schwüre, daß Nanni's Verführer seiner Rache nicht entgehen würde, die Verzweiflung, in welcher er mit der Stirne gegen die Wand stieß, als Nanni, um sie freundlich zu küßen, die Haare daran heraufstrich, und zum erstenmal die eingebrannten Lilien erblikte – das alles trug dazu bei, Nanni's Zustand seitdem um vieles schlimmer zu machen. Und so hatte sie, bis zu diesem Augenblik, der Sara's und dieser unglüklichen Familie Schiksale auf eine Weile in einander verwikelte, ihr trübes Daseyn fortgeschleppt.

Marthe kam mit der Nachricht zurük, daß Thomas, eine halbe Stunde eh sie nach ihm gefragt hätte, in Verhaft genommen, und nach den Gefängnissen der Abtei gebracht worden wäre: ich habe, sezte sie[139] hinzu, aus Besorgniß für den guten Menschen mich nach seinem Herrn erkundigt, aber diesen hat seit gestern niemand gesehen, das ganze Haus ist in der äußersten Angst, und die Gräfin hat Wache vor ihrer Thüre – – Sara erstarrte, und fragte Athemlos: wer? wer hat Wache? – die Gräfin L***, antwortete Marthe, und sezte mit ahnender Schonung hinzu: seine Mutter oder Schwester. – O nein, nein! rief Sara, und wollte aus dem Bett stürzen – aber diesem neuen Schreken, der entsezlichen Ungewißheit, die nun bei ihr begann, erlagen ihre Kräfte, und sie sank steif und leblos in Marthens Arme. Ihr zwischen Todesschwäche und Fieberfantasie abwechselnder Zustand war mehrere Tage verzweifelt, und die gute Marthe mußte alle ihre Thätigkeit anwenden, um sich unter ihrer und ihres Kindes Pflege, und der Sorge für ihren eignen Haushalt zu theilen. Erst nach vierzehn Tagen kehrte ihr Bewußtseyn zurük; als sie aus[140] dem langen Schlummer erwachte, in welchem ihr Geist gelegen hatte, erkannte sie wohl, daß das Kind ihrer Liebe, dieser Zeuge ihres nunmehr vernichteten Glükes, dem Grabe entgegen schmachtete. Die arme Kleine hätte vielleicht die Gefahr ihrer Wunde überstanden, wenn nicht die Veränderung ihrer Nahrung, da Angst und Krankheit Sara's mütterliche Brust schnell ausgetroknet hatten, und selbst die Milch, die sie noch in der schreklichen Nacht des zehnten Augusts die Unvorsichtigkeit gehabt hatte, ihr zu reichen, ihre Säfte verderbt hätten. Der Zustand ihres Kindes, und das fürchterliche Räthsel ihrer eignen Lage gaben Sara's Nerven bald eine solche Spannung, daß ihre Kräfte wie durch ein Wunder aufzuleben schienen. Sobald sie sich stark genug fühlte, schlich sie sich, Marthens sorgende Wachsamkeit betrügend, aus dem Hause, und fand Mittel, sich bis nach L***'s Wohnung hinzufragen. Sie wollte selbst unverzögert den lezten Zug aus dem[141] Kelch des Unglüks thun. Sie fragte nach dem Herrn des Hauses, und mit zweideutig verlegnem Wesen sagte man ihr, er sei abwesend. Sie forderte nun, die Gräfin zu sprechen: sie fühlte ihren Mund troken, wie sie eine Person ihres Geschlechts bei L***'s Namen nannte. Sie mußte lange im Vorzimmer warten, alles um sie her verkündigte Luxus und großen Ton; ein jeder, der vorübergieng, blikte auf sie, wie auf eine Bittende, Untergeordnete – und sie war in L***'s Haus! Ihr Zustand war unbeschreiblich. Sie wußte nicht, was ihr bevorstand, nicht was sie thun würde, nicht ob sie es würklich ausdachte, daß sie im nächsten Augenblik vor L***'s Gemahlin stehen würde. So oft die Thüre der inneren Zimmer aufgieng, fühlte sie ihr Herz zusammengezogen, und so oft sie in ihrer Erwartung getäuscht war, hob sich ihre gepreßte Brust freier, um gleich nachher desto schmerzlicher wieder zu stoken. Endlich wurde sie von einem[142] zierlich gekleideten Kammermädchen abgerufen, und durch ein glänzendes Zimmer in ein Kabinet geführt, wo die Gräfin sie erwartete. Nicht zitternd, aber von Spannung fast erstarrt, trat sie herein, warf einen Blik auf die Gräfin, und mit einem lauten Schrei, ihr Gesicht mit beiden Händen bedekend, sank sie auf den Boden – ein junges Weib hatte vor ihr gestanden, schön, stolz, kalt und neugierig auf die Unbekannte blikend, nachlässig einen Spizenmantel zusammenziehend, der ihre nahe Hofnung, Mutter zu werden, darum nur reizender entdekte. – –

Sara ward aufgehoben, man sezte sie in einen Sessel, reichte ihr Salz, Riechfläschchen; die Gräfin selbst trat näher zu ihr, und ermahnte sie herablassend, sich nicht zu fürchten, sondern frei zu ihr zu sprechen. Sara war nicht ohnmächtig; was in ihrer Seele vorgieng, war unaussprechlich – eine plözliche Umschaffung ihres moralischen Wesens! der Geist der Liebe entschwebte ihrem betäubten[143] Gehirn, und der Dämon des Verderbens zog in dieses Herz ein, wo bis heute nur sanfte und wohlwollende Gefühle gewohnt hatten. Die Schöpfung eines feindseligen Schiksals war in ihr vollendet, seufzend entfloh ihr guter Engel, und irrte einsam umher, bis die geläuterte Seele wieder zu ihm kehrte. Sie wies mit völligem Bewußtseyn die Hülfsleistungen von sich, und trat nun vor die Gräfin mit einer Hoheit, einer Kälte, die jeden, welcher dieses holde Gesicht ehemals kannte, mit Schauder erfüllt hätte. Mit kalter fester Hand ergrif sie beide Hände der erschroknen Frau, und fragte mit ehern hohler Stimme: Sind Sie L***'s Gemahlin? – Ohne den Eindruk, den die Sonderbarkeit des Augenbliks auf die Gräfin machte, würde sie auf eine so befremdende Art schwerlich eine eigentliche Antwort ertheilt haben; und auch jezt drükte sich der Stolz des Weibes und der Frau von Stande bei ihr aus – ernsthaft zurüktretend erwiederte sie: mich dünkt, mein Anblik[144] und alles was Sie umgiebt, macht die Frage unnöthig. – Sara's Augenbraunen zogen sich finster zusammen: »Als seine Wittwe sehen Sie mich wieder!« sagte sie, in dem vorigen Tone und gieng langsam aus dem Zimmer.

Bei ihrer Rückkehr fand sie Nanni vor ihrer Schwester kniend, um den Kopf des Kindes zu halten, das in heftigen Zukungen auf Marthens Schooß lag. Mit freundlicher Angst suchte diese den schreklichen Anblik vor Sara zu verbergen, und bat sie, sich zu schonen, da der unvorsichtige Ausgang ihr vielleicht schon geschadet haben könnte. – Er that gut! sagte Sara mit ihrer Grabesstimme, und stellte sich vor das Kind, das sie mit starren Augen betrachtete. Sollte es wohl sterben? fragte sie nun. Hoffentlich; antwortete Marthe, mit einer Stimme, die von Thränen erstikt wurde. Nun, dann ist's auch so recht! sprach Sara, und blieb stehen. Martha erstaunte: das Kind lag neun Stunden in diesem Zustand, Nanni sang Todtenmetten[145] und flocht Rosmarinkränze, Sara gieng in starrer Fühllosigkeit im Zimmer umher, sah zuweilen finster auf das Kind, und gieng wieder umher. Die Kleine hauchte ihren lezten Athem aus; Sara wartete eine Weile, stand betäubt, hielt ihr Herz mit beiden Händen fest, und rief schaudervoll: nun er! Und dann – dann! – Wild klopfte sie in die Hände, und schlug ihre blizenden Augen aufwärts.

Dieses Betragen fiel Marthens weichem und gesundem Gefühl so auf, daß Sara's Zustand ihr sehr bang zu machen anfieng. Sie bat sie, diesen Abend zu ihnen herunter zu kommen. Sara willigte hastig ein. Die verschloßne Thätigkeit, mit welcher sie alle ihre Geschäfte verrichtete, der harte schneidende Ton ihrer Antworten auf alle Fragen die man an sie that – jede ihrer Bewegungen zeugte von der schreklichen Veränderung, die in ihr vorgieng. Gegen das Nachtessen kam Thirion mit einem Mann, den sie[146] nicht kannte, nach Hause. Er fragte hastig nach seinem Schwager, mit welchem er, sogleich nach dessen Eintritt, eine kurze, aber wie es schien leidenschaftliche Unterredung hatte. Bald trat er zu den Weibern, und indem er sich mit seinem finstern Wesen an Sara wandte, Bürgerin! sagte er; wenn Sie das scheuen, was Rache und Recht hier zu sprechen haben mögen, so erlauben Sie meiner Frau, Sie auf Ihr Zimmer zu führen. Ich kenne Ihre Meinungen nicht, und schone Ihr Geschlecht. – Sara hatte die Männer mit einem wilden, forschenden Blik betrachtet: Rache und Recht kennt und braucht auch das Weib, antwortete sie kalt; Rache und Recht geben mir allein noch Denkkraft – ich bleibe bei euch! – Eine hohe überfliegende Röthe vertilgte die angeborne Zartheit von ihren Zügen; kühn blikte ihr Auge; von ihrer Stirne fielen die dunkeln Loken zurük, indem sie ihr Haupt erhob, und den Arm drohend strekte, als faßte er einen Dolch. Die Männer standen[147] betroffen. Thirion runzelte finstrer die Stirn: ein neues Opfer der Verräther! rief er aus. Was willst du aber unter uns? sezte er hinzu, indem er sich wieder zu ihr wandte; du bist Mutter. – Sara schauderte: Ich war Mutter! Und am Tag der Rache schoß der Vater meines Kindes die Kugel ab, die des zarten Geschöpfes Leben zerstörte. Ich hielt mich für seine Gattin, und nun habe ich das Weib gesehen, die seinen Namen führt, vor welcher er mich verbarg, wie eine Verbrecherin. – Sie schwieg, als stiege eine blutige Erscheinung vor ihr auf. Sie sah im Geiste ihres Vaters Schloß brennen, sie sah ihren Vater vor sich stehen, wie er in jener fürchterlichen Nacht L*** den Helfershelfer seiner Feinde nannte, sie sah ihn, wie bei eben diesem Namen der Tod ihn ergriff; sie sah den alten Berthier, wie er weissagend ausrief: wer sein Vaterland verräth, wird auch die Unschuld verrathen! O hätte nur hier ihr treuloses Gedächtniß nicht geschwiegen! hätte[148] es ihr auch zurükgerufen, wie er damals sagte: so lange du nur sein Opfer, nicht seine Mitschuldige bist, wirst du nicht erliegen! Aber das Schiksal riß sie gewaltsam fort; zerstört hatte das erlittne Unrecht jedes weiche Gefühl ihrer Seele, und aus der Vergessenheit traten nur die Bilder wieder vor ihren Geist, die ihren Geist, die ihre Rache erhizen, ihr Herz vergiften konnten. Morgen, fieng sie von neuem an, und schüttelte ihr finsteres Haupt, als wollte sie es aus den schwarzen Bildern erheben; morgen empfängt die Erde mein Kind, und L*** ist dann nichts mehr als mein Verderber. – L***? rief der Mann, der mit Thirion hereingekommen war, und faßte sie noch schärfer in's Auge; wären Sie Sara Seldorf? – Seldorf? Ja, Seldorf, sagte sie, hieß der Mann, in dessen friedliche Hütte der Verderber sich einschlich, dessen friedliche Hütte seine grausame Rotte verbrannte; der Märtirer, den sein Kind aus Liebe für den Verführer in das[149] Grab stürzte. Unmenschlich betrogen, unmenschlich im Innern meines Herzens vergiftet, ruft mich das Schiksal zur Rache! Sara Seldorf ist nicht mehr; abgerissen von den Menschen durch Treulosigkeit und Verrath, will sie in Rache das zehrende Feuer löschen, das in ihr brennt. – Joseph hatte ihr staunend zugehört; wie sie jezt, von ihrer Heftigkeit erschöpft, inne hielt, strekte er seine Arme nach Nanni aus, die furchtsam zur Seite stand, und Sara anstarrte: Arme Wahnsinnige, rief er, einen Tropfen dieses Rachgefühls in dein kindlich Herz, und du wärest dem Bewußtseyn wiedergegeben! – Nanni warf sich ihm schluchzend um den Hals: sie war so gut und so schön, sagte sie leise, wie ihr Kind noch weinte; jezt schläft es so sanft, und sie macht mich furchtsam mit ihrer Stimme! Ließe sie es doch schlafen, bis es überall hell wird! – der Fremde nahm jezt das Wort: Sara, Sie haben einen Freund, der vorgestern nach der Gränze aufbrach. [150] Roger Berthier glaubte Sie in dem Haus seines Vaters wohl aufbewahrt; warum entwichen Sie aus dieser Freistatt? – Die Entdekung, daß dieser Mann Rogern kannte, ihren Namen kannte, die Art seiner Anrede hatte sie etwas erschüttert; aber bei dem Vorwurf, der in seinen lezten Worten lag, erwiederte sie stolz: das Weib glaubte dem Gatten zu folgen! – Und Sara wußte Berthiers Enkel in ihrer Nähe, und ließ ihn im Irrthum, sie sei unter den Augen seines Vaters? Er wachte für Sie, und nur höhere Pflichten hielten ihn ab, selbst zu Ihnen zu eilen, und Ihnen L***'s Verbrechen zu offenbaren. Er schrieb, und ängstigte sich bei Ihrem, bei seines Vaters Stillschweigen. Er eilte endlich mit seinen Waffenbrüdern gegen den Feind, und seine lezten Worte trugen mir auf, jede Gelegenheit nach seinem Departement zu benuzen, L***'s Schritte zu beobachten – sie ist frei, sagte er, und ich komme ihrer würdiger zurük! Und Sie[151] waren es, die der Verräther hier in diesem Hause, unter meinen Augen, verborgen hielt? – Sara hörte finster zu: In diesem Hause unter Ihren Augen? So waren es wohl Ihre Kinder, die an jenem Tag mit dem meinen bluteten? – Und mein unglükliches Weib stirbt in diesem Augenblik vor Gram! – Sara stand in düsterm Nachdenken; deine jauchzende Stimme rief Rache auf unsre Feinde, du bist gegangen sie zu erfüllen; dein Loos ist schön – ich gehe hier dem meinigen nach! Rogers Freund! sprach sie weiter, indem Schwermuth einen Augenblik die Wildheit ihres Ausdruks milderte, nehmen Sie mich zur Gefährtin Ihrer Rache. Er zog hin, für das Vaterland zu streiten; mein Arm soll hier Unschuld und Menschheit rächen. – Rächen durch Blut und Tod! rief Joseph, und bot ihr die Rechte. – Du streitest für Jene? fragte Sara, auf die zitternde Nanni deutend. – Für jene Wahnsinnige, für den Geist des gemordeten Knaben, der mich nächtlich[152] aufruft, für die Tausende, die litten wie sie, die verschmachteten wie er, für ein ehrenvolles Grab, in welchem diese geschändete Stirn einst ruhe! – Er schlug hier wütend mit der andern Hand gegen sein Haupt, und Sara legte die ihrige in die ihr dargebotne Rechte. Nanni verbarg schreiend ihr Gesicht, die Männer blikten finster in den unnatürlichen, blutigen Bund – da trat Martha weinend in die Thüre, und rief: Nachbar Raimond, euer Weib will euch ihren lezten Segen geben. Sie erfuhr euern Beschluß, abzureisen; und der Jammer brach ihr krankes Herz. Eilt, wenn Ihr sie noch sehen wollt. – Raimond seufzte schwer, und folgte der guten Martha. Kommt, rief diese noch im Fortgehen; sie stirbt wie eine Heilige. Nehmt ihren Segen, Ihr könnt dessen noch bedürfen. – Jedes Bild des Todes war jezt Sara willkommen; sie gieng mit den übrigen in das obere Stokwerk, wo die Frau, von einer Nachbarin unterstüzt, auf einem Lehnstuhl[153] saß. Der Ausdruk ihres Gesichts war Begeisterung, eine schwache Röthe wechselte mit der Bläße des Todes ab, sie winkte ihren Mann zu sich, der sie herzlich an seine Brust drükte. – Der Gott, der meine Kinder zu sich nahm, sprach sie, hat dich von jedem Bande befreien wollen, das dich an Menschen knüpfte, er wußte was du littest, von mir zu gehen, und er ruft mich, daß ich dich dort erwarten möge. Geh hin im Dienst des Vaterlands, als dessen stumme hülflose Opfer deine Kinder fielen; verzeih mir, daß die Bande meines Lebens nicht so stark waren wie meine Liebe und mein Muth. Strafe das Verbrechen, rette die Freiheit – dort winkt sie mir – dort erwarte ich meinen siegreichen Gatten! – Sie hatte mit Anstrengung, mit sichtbarer Spannung gesprochen, ihr verklärtes Auge war gen Himmel gerichtet; sie drükte mit einer Hand das Haupt ihres halbknienden Gatten an ihre Brust, mit der andern zeigte sie in die Höhe – jezt sank sie zurük, ihr[154] Gesicht entstellte sich. – Da rief die fromme Marthe, auf Joseph und ihren Mann deutend; auch diese segne, muthige Märterin! Segne sie, daß sie recht thun in ihrer Rache, und dich wiederfinden mögen vor Gottes Thron! – Unwillkührlich sanken die Umstehenden auf die Knie; die Scheidende strekte beide Arme mühsam aus, und ließ sie erstarrt sinken. Alles schwieg, und der Augenblik wo dieses Opfer der Mutterliebe in das Land des Friedens eingieng, besiegelte die blutigen Entschlüsse in den Herzen der Ueberlebenden.

Sara war von nun an in einen Strom gerathen, der sie unaufhaltsam mit sich fortriß. Raimond wäre noch das einzige menschliche Geschöpf gewesen, von dem ihr in diesem Augenblik Rettung hätte kommen können, aber es war zu spät, und ihn selbst hatte der nämliche Strom schon gefaßt. So waren alle Zufälle gegen sie verschworen gewesen. Roger hatte, in der Meinung daß Sara noch bei seinem Großvater seyn müßte, alle Entdekungen,[155] die er in Rüksicht auf L*** gemacht hatte, nach seiner Heimath berichtet; und da der Briefwechsel zwischen den Patrioten jenes Departements und der Hauptstadt damals aufgehalten wurde, so erhielt er keine Nachricht von seinem Grosvater, und Sara's Abreise aus dem Hause des alten Berthier blieb ihm unbekannt. Von einem neuen Ankömmling aus Saumür hatte er erst die Vorfälle bei der Bundesfeier des vierzehnten Julius, und L***'s Anwesenheit in der dortigen Gegend erfahren; mit jeder Falschheit unbekannt, und zu allem geheimen Nachforschen zu unbiegsam, war es ihm bis jezt nicht in den Sinn gekommen, L*** nachzuspüren: zufrieden, die Nachricht seiner Heirath eingezogen zu haben, mit welcher er Sara zu retten hofte, hatte er ihn voll Verachtung ganz aus den Augen gelassen. Roger konnte der Tirannei und dem Tode trozen, er konnte für seine gerechte Sache eine Welt zum Kampfe herausfordern, er konnte[156] den Verbrecher mit eigner Hand schlachten; aber ihm nachgehen, ihn lange ausforschen konnte der einfache Jüngling nicht – nicht um des Vaterlandes willen, wie viel weniger also um seiner selbst willen! So konnte Sara wohl vor ihm verborgen bleiben, ob er es gleich würklich gewesen war, deßen Stimme sie bei dem Fest, das Raimond seinen Landsleuten gab, in ihrer Nähe gehört hatte. Seitdem er indessen wußte, daß L*** sie bei seinem lezten Aufenthalt in der Gegend von Saumür gesehen haben müßte, war er unruhiger geworden, und fürchtete mit brennender Eifersucht, was würklich geschehen war. Er bewachte nun L***, und fand ihn täglich überall, und blikte ihm überall mit der offenen Verachtung in's Auge, die seine Redlichkeit dem Verrath zugeschworen hatte. Suchte er ihn auf, so war es seine Absicht, ihn auszuforschen; hatte er ihn gefunden, so schien es ihm, als könnte der Verräther ihm doch nicht entgehen, und das Ausforschen war bald rein vergessen.[157] Auch hielt es bei L***'s Behutsamkeit, selbst für ein geübteres Auge, schwer ihn zu errathen; und überdem trat nun der entscheidende zehnte August ein, durch welchen L*** außer Stand gesezt seyn mußte, Sara weiter zu verfolgen, und Roger genöthigt war, Paris zu verlassen. Noch immer ohne Nachrichten von seiner Heimath, wagte er es aber vor seiner Abreise, sich seinem Landsmann Raimond zu entdeken, einem feurigen Kopf und warmen Freund der Volksklasse, die er als Arzt in einem Stadthospital von Jugend auf beobachtet hatte. Er bat ihn, auf welche Art es immer gehen möchte, seinem Vater Nachrichten von ihm zukommen, und Sara von dem was L*** beträfe, unterrichten zu lassen. Wie Raimond diese zuerst sah, hatte er den Vorsaz, sie von dem schreklichen Pfade, auf welchem er sie traf, zurükzureissen; er wollte sie seinem Weibe zuführen, deren Tod er nicht so nah glaubte. Allein in eben der Stunde, wo er diesen Plan[158] entworfen hatte, starb sie; und ihr Tod schien seinem gespannten Gehirn ein Zuruf, Sara ihrem Schiksal folgen zu lassen. Sein Weib, seine unschuldigen Kinder waren durch einen traurigen Zufall unter den Opfern des zehnten Augusts gewesen; die lezten Worte dieses sterbenden Weibes, die ihn zehn Jahre mit seltner Innigkeit geliebt, ihm in mancher drükenden Lage das schönste häusliche Glük gewährt hatte, schienen ihm ein Spruch der Weihe, der seine Laufbahn bestimmte – und Sara war verlassen wie er, sie war zehnfach elender wie er: warum konnte sie das Schiksal nicht zur Rächerin ihres Geschlechts ersehen haben? Er folgte der unerklärlichen Gewalt, welche die ungeheure Menschenmaße von Paris damals in unsichtbaren Banden gefesselt hielt, und einen Theil zu Anstiftern der entsezlichsten Gräuel, einen andern zu Werkzeugen des Mords, und die ganze zahllose Menge zu stummen und geduldigen Zeugen der schaudervollen Grausamkeit machte. Wenn[159] der Gesichtspunkt einmal verrükt ist, aus welchem man die Menschen gewöhnlich betrachtet, wenn die Moralität der Handlungen durch außerordentliche Umstände einmal unsicher geworden ist, können Grundsäze der friedlichen Ruhe nicht mehr über die Frevler richten. Gesez und Recht mögen sie ergreifen; aber die Menschen müßen mit heiligem Schauder auf sie bliken, als stünde das Zeichen Kains auf ihrer Stirne, oder wie die mildere Vorwelt jene Unglüklichen betrachtete, die von den Unrechtstrafenden Göttern in die Gewalt der Erinnyen gegeben waren.

Auf diese Weise war der lezte warnende Zuruf durch Rogers Namen, wie ihn Raimond vor ihr aussprach, in Sara's betäubten Ohren verhallt, und er hatte nur neuen Durst nach Rache erwekt. In den wenigen Stunden, die sie nach diesen gewaltsamen Auftritten allein zubrachte, schritt sie, wie von bösen Geistern getrieben, umher, und durchdachte ihr durch L*** zerrüttetes[160] Schiksal; und je schärfer sie sann, desto klarer erkannte sie seinen tief angelegten Plan, sie zu hintergehen, verstand die berechnete Zweideutigkeit seiner Aeußerungen, die ihn sogar vor dem Vorwurf schüzen sollten, daß er sie hätte betrügen wollen. In ihr unbegränztes Zutrauen eingewiegt, durch ihre Unkunde des Bösen sicher gemacht, durch den Werth der Opfer von der Gröse, der Allmacht ihres Gözen immer mehr durchdrungen, hatte sie ihren Vater betrogen, ihre jungfräuliche Würde verloren, Rogers Treue von sich gestoßen, Berthiers Fürsorge verschmäht und endlich den einzigen Lohn ihrer Leiden, ihr geliebtes Kind, dem Tod in die Arme geworfen. Von diesen Betrachtungen, die ihr Gehirn versengten, rief sie Joseph zu den Versammlungen seiner Gefährten ab, wo sie allgemeine Schmach, allgemeines Elend um Rache schreien hörte; und so löste sich ihr ganzes Wesen in Haß und Wuth.

In diesen höllischen Zusammenkünften wurde[161] ein Theil der Gräuel verabredet, welche die ersten Tage des Septembers 1792. auf ewig zu den schwärzesten machen, die jemal die Jahrbücher der Freiheit geschändet haben. Sara ward bald in den Schrekensgeheimnissen eingeweiht, insoweit wenigstens Rache und blinder Fanatismus dabei mitwürkten; denn die noch verhaßteren, geheimen Triebfedern der Politik, der Herrschsucht, des Eigennuzes entgiengen ihrem leidenschaftlichen Blik. Wenn indessen noch etwas ihr einen geheimen Schauder vor dem Pfad einflößte, auf welchem sie wandelte, so war es die Gemeinschaft mit einigen Weibern, die sie bei jenen Berathschlagungen antraf. Diese entarteten Geschöpfe hatten Mord und Aufruhr zu ihrem Gewerbe gemacht, weil sie nur darinn erlangten, was der Mensch von der Wiege an bis zum Grabe sucht: einen Plaz im gesellschaftlichen Daseyn. Wenn sie aber Sara als ihres gleichen ansahen, und diese sie im stolzen Grimm von sich schleuderte, so[162] sehnte sie sich um so schreklicher nach den Opfern der reinen Rache, zu welcher die Herabwürdigung ihres Geschlechts, selbst in diesen Furien, sie aufzufordern schien. Seitdem ihr Wille und ihre Kräfte zurükgekehrt waren, hatte sie vorzüglich gestrebt, L***'s Aufenthalt zu erforschen, und so blutig ihre Absicht war, so fühlte sie sich doch noch so menschlich, ihm der ihren Glauben an Tugend, Liebe und Treue vernichtet hatte, nur das Leben rauben zu wollen. Sie verschloß anfangs ihren Plan in ihrem innersten Herzen, aber noch war dieses Herz an Wuth und Rache nicht gewöhnt; die feindseligen wilden Gefühle preßten es quälend zusammen, und schrekten ihren Geist mit den entsezlichsten Bildern, bis die Menschen, mit welchen der Zufall sie in Verbindung gebracht hatte, sie aus diesem unbestimmten Zustand emporrissen. Joseph erbot sich zum Gehülfen ihrer Rache, und sie trug ihm auf, L***'s Schlupfwinkel ausfindig zu machen. Treu[163] und eifrig befolgte er ihre Befehle, denn ein dunkles Gefühl fesselte ihn an das unglükliche Weib. Liebe war dieses Gefühl nicht: bei dem völlig zermalmten Streben nach andrer Achtung, unter welchem dieses Schlachtopfer gemißbrauchter Geseze seit Jahren schon ächzte, war Liebe unmöglich. Aber er hatte immer zärtlich an Schwester Nanni gehangen, er war um Nanni's willen vernichtet, und nun schien ihm Sara wie ein höheres Wesen in seine Rache einzuwürken; sein Wille ward dem ihrigen dienstbar, und ob er gleich nicht lieben konnte, so fesselte ihn doch auch die Macht der Schönheit an sie – denn schön stand Sara noch im schreklichen Abgrund, unter den Verworfnen groß und furchtbar, wie Medea, wenn sie von den Unterirdischen umringt, Befehle ertheilte, die ihre eigne Gottheit entheiligten, und ihr menschliches Herz mit Jammer erfüllten.

Am Morgen des zweiten Septembers erschien Joseph vor ihr, und rief ihr frohlokend[164] zu, der Verräther sei gefunden, und für sie und das Volk falle er noch heute zum gerechten Opfer; er sei im Karmeliterkloster unter einer Menge andrer Gefangnen, und, wie sie alle, der schreklichen Volksrache preis gegeben. Jezt erst vernahm Sara bestimmt und zusammenhängend den Plan dieses Tages. Sie schauderte vor der fürchterlichen That, die sie nicht mehr abscheulich nannte; aber der Gedanke daß er, den sein Verbrechen ihr zugeeignet hatte, fallen sollte ohne die Hand, die ihn träfe, zu kennen, ohne es um diese Hand verdient zu haben, füllte sie mit Eifersucht und Unmuth. Lange wälzten sich die wildesten Fantasien in ihrem Gehirn – dort wo er war, konnte sie ihn nicht befreien, retten wollte sie ihn nicht, und selbst daß er zum Tode bestimmt war, milderte ihr unbewußt das entsezliche des Mords, den ihre Seele dachte. Sie sah ihn vor sich in seinem ganzen Zauber, sie hörte die Stimme, die sie in den Abgrund des Elends gezogen hatte,[165] und liebte ihn noch einmal, um ihn zu ihrem eignen Opfer zu ersehen. Nein, rief sie glühend und zitternd vor dem schreklichen Entschluß, nein, so sollst du nicht fallen, größter, unmenschlicher Verräther! das Herz, für das ich meine Seligkeit verkaufte – das Herz ist mein, und meine Hand muß es durchbohren. O, ich weiß ja was Mord ist! ich sah jenen Unglüklichen bluten, und vergieng nicht; und damals glaubte ich mich geliebt – damals war ich Weib, Mutter. – – Sie verstummte, von dem unnatürlichen Streit zwischen dieser Erinnerung und ihrem Vorsaz überwältigt. Sie nahm nun mit ihrem finstern Unglüksgesellen Abrede; er mußte um das Gefängniß herumschleichen, seine höllischen Gehülfen hatten bei jedem Posten Aufpaßer; und gegen Mittag wußte er genau das Gemach, worin L*** festsaß, die Zahl seiner Mitgefangnen, seine Kleidung selbst. Er beschrieb der gierig horchenden Sara jeden Umstand; und wie der abscheuliche Zeitpunkt erschien, war sie[166] an der Spize einer Rotte, die in jene Wohnung des Schrekens eindrang. Um sie her jauchzte der blutdürstige Haufen, jauchzte convulsivisch aus ihm selbst die sich sträubende Menschheit, und wollte das Aechzen der Erschlagenen, durch die er seinen Weg bahnte, überjauchzen. Mit jedem Schritt in der entweihten Freistatt des Gesezes ersann die Verzweiflung des Verbrechens neue Gräuel, um sich gegen die eben begangenen zu betäuben. Flüche, wildes Geschrei, schallendes Gelächter tobten um Sara, die schweigend mit gezüktem Dolch, im Ausdruk des bittersten Grimms vor ihnen hergieng – und immer starrer ward ihr Grimm durch die Abscheulichkeiten, die ihre Sinne bestürmten und abstumpften, und hielt ihre schaudernde Seele zusammen. Vor ihr stürzten die Unglüklichen, Erbarmen flehend, nieder; hoch stand sie mit erhabnem Angesicht unter dem wälzenden wogenden Gewühl der Mordenden und der Sterbenden, ließ ihr Auge kalt über die[167] Erschlagnen hingleiten, und spähte nur nach ihrem Opfer. Jezt drängten sich die Henker gegen seine Thüre, deren Eingang die arme Schlachtopfer zu erschweren gesucht hatten; die schwachen Bollwerke stürzen ein, sie fliegt auf, die Gefangnen innerhalb treten in einem halben Zirkel zusammen, entschlossen ihr Leben theuer zu verkaufen – in ihrer Mitte steht L***. Sara, mit fliegendem Haar, das weiße Gewand vom Blut der Erschlagnen, über welche sie schritt, beflekt, hebt den Arm, hebt das Eisen, das sie für diesen Augenblik rein bewahrt harte. – Du bist mein, ruft sie, nur ich darf dich richten! – und stürzt auf ihn zu. Sara, Sara! erschallt plözlich eine bekannte Stimme aus dem Mordgewühl um sie her – es ist Theodors Stimme! Nur diese, nur die Stimme der Natur vermochte noch in dem durch Rache verwilderten Herzen wiederzutönen; bei der leisen unerwarteten Anregung brach die Kraft ihrer gespannten Nerven: und Sara sank sinnlos unter den Geschlachteten nieder.

[168] Joseph hatte sich nicht von seiner Heldin entfernt; wohin er sich auch in seinem blutigen Geschäft wandte, hatte er sich immer wieder gegen die Seite hingedrängt, wo sie fürchterlich und bewegungslos stand; jezt hörte er ihre dumpfe, erschütternde Stimme ihres Verderbers Todesurtheil rufen, und in eben dem Nu sah er sie stürzen. Er eilte zu ihr, riß sie auf vom blutigen Boden, und dem Unmenschen fluchend, den sie, wie er glaubte, nicht früh genug ereilt hatte, trug er sie von dem abscheulichen Schauplaz hinweg. Erst spät kam Sara in einem Hof des Gefängnisses wieder zu sich. Ihr erster Laut rief ihren Bruder. Sie fragte ungestümm, mit irrendem Blik, ob ihr Bruder gerettet sei? Erstaunt und verwirrt fordert Joseph Erklärung, sie weiß ihm keine zu geben, rafft sich auf, fliegt durch die schaudernden Zuschauer, durch die brüllenden Mörder, dringt wieder in das Gefängniß, findet Blut, Leichen, Gewinsel – aber ihr Opfer und ihr Retter von[169] der Blutschuld waren nicht unter den Todten, nicht unter den Sterbenden. War es eine Täuschung gewesen? War es des Bruders Geist gewesen, der sich zwischen sie und noch größere Gräuel stellte? war sein zerrißner Leichnam so entstellt, daß sie ihn nicht unterscheiden konnte? oder hatte er sie gerettet? – Zitternd, L*** zu erkennen, und ihren Bruder umsonst zu suchen, blikt sie unter den Todten umher. Nur Theodors Stimme im Ohr, ruft sie sich selbst zu: Sara, Sara! als würde der Ruf jenes Echo erwecken – umsonst, die Todten bleiben stumm!

Um der Menschheit willen, deren Genius damals sein weinend Angesicht verhüllte, um unsers Mitgefühls willen bei den früheren Leiden der noch schuldlosen Sara, laßt mich schweigen, wo ich keine Worte habe, für die Finsterniß ihrer Seele, für den Wechsel von Wuth und Schmerz, in welchem sie ein unnatürliches Daseyn hinschleppte. In ihren[170] wilden, düstern Stunden gab Martha schonend auf sie Acht, und tröstete Nanni, die vor Weinen vergieng, über den Traum der Unglüklichen, der ihren Geist mit so blutigen Bildern gefangen hielt. War sie ruhiger, so nahte sie sich ihr mit freundlicher Furchtsamkeit, sang ihr vor, und schmeichelte ihr bittend, bis sie einen Augenblik Ruhe oder Nahrung genoß. Raimond und Thirion waren nun nach der Gränze gewandert, und Joseph blieb allein bei den Weibern zurük. Aber er lebte ganz in seinem fanatischen Taumel, und nur Sara's Interesse mochte ihn auf Augenblike herausreissen. Seit jenem entsezlichen Tage war es ihr einziges Bestreben gewesen, Nachricht zu erhalten, ob L*** gefallen sei, und ob Theodor noch lebe. Es gelang endlich Joseph durch seine unermüdeten Nachforschungen, ihr ein Mittel anzuzeigen, wie sie dies erfahren könnte; und sie wußte sich bei einem von den Männern, welche die ächten Septemberlisten besaßen,[171] Eingang zu verschaffen. Ihre Stimmung, ihre Sprache, ihr ganzes Wesen fiel auf; man erkannte in ihr einen Stoff, den man einst für gewisse Plane würde benutzen können; ihre Bitte wurde gewährt, und es ergab sich aus den geheimen Registern, daß Theodor würklich mit L*** auf der Liste der zum Tod bestimmten Gefangenen gestanden hatte, daß aber jener allein unter den würklich Ermordeten gewesen seyn mußte. – L*** war, wie durch unsichtbare Geister, gerettet worden, und es fand sich bald, daß seine Existenz jenen revolutionnairen Staatsmännern nicht viel weniger zu schaffen machte, als der unglüklichen Sara. Sie hörte dort, daß ihr Verderber eben so treulos an seinem Vaterland gehandelt hatte, wie an seiner Geliebten – in dem neuen Kreis von Begriffen und Verbindungen, in welchen sie bei dieser Veranlaßung gerieth, schraubte sich ihr Geist, der angefangen hatte, in eine vielleicht heilsame Dumpfheit zu versinken, zu[172] einem neuen Fieber auf, das sie immer weiter von ihrer Bestimmung entfernte.

Nun schwindelte sie eine Weile auf den Höhen des Berges fort; und wahrlich, sie war unter den Handlungen des Mords am zweiten September der Menschheit näher gewesen, als unter diesen politischen Rechenkünstlern, die in dieser Zeit besonders anfiengen, ihr Zerstörungssystem zu gründen. Schon damals hörte sie über die blutigen Zwangsmittel, über das Reich des Schrekens, über die Proskriptionen, über alle die Plagen, welche späterhin vom Berge herab auf das unglükliche Frankreich gehäuft wurden, beratschlagen. Auch sie ward, mit so vielen andern, verführt, die heilige Freiheit für ihre zum Theil zufälligen Symbole und Formeln aufzuopfern; auch sie trug das ihrige bei, sie in die Hände ihrer abgesagtesten Feinde zu liefern, die unter der Larve von Beschüzern, mehr mit Nebenbuhlern als mit Gegnern um den Preis der Unterdrükung und der Tirannei[173] kämpften. Sie traf auf dieser Laufbahn wiederum mit Wesen ihres Geschlechts zusammen; nur waren es hier meistens feine, zierliche, verkehrte Geschöpfe, die in die kalte Raserei dieses oder jenes Demagogen einstimmten, weil sie überhaupt eines Gözen bedurften, der sie aus Dankbarkeit an dem Weihrauch des blinden Haufens theilnehmen ließe. Wenn aber ein solches Weib die Deklamationen, die Sophismen, die Phrasen, auf welchen ihr Freund seine Herrschaft über das getäuschte Volk, über Gut und Leben jedes Bürgers gründete, im sinn- und herzlosen Eifer nachplapperte – wie verschieden war davon Sara's leidenschaftliche, aber immer wahre und innige Stimmung, ihr in den traurigsten Verirrungen immer nach sittlichen Beziehungen, nach sittlichem Zusammenhang strebender Geist, die edle und reine Glut, mit welcher sie für die Wahrheiten entbrannte, die von der unseligen List der Heuchelei mit dem verderblichsten Irrthum vermischt wurden![174] So zeichnete ihr angeborner Werth sie auch unter den Abarten ihres Geschlechts aus, mit denen ihr feindseliges Schiksal sie in die unwürdige Gemeinschaft gebracht hatte; aber die nothwendige Rache der beleidigten Weiblichkeit blieb darum bei ihr nicht aus. Wie jeder Tag ihren Kopf mit neuen politischen Tollheiten füllte, so starb jeden Tag eine Faser ihres Herzens ab; selbst die Erinnerung, Tochter, Geliebte, Weib, Mutter gewesen zu seyn, äußerte sich endlich nur in heftigeren Ausbrüchen des Parteigeists auf den Tribünen der Volksgesellschaften, in den Sälen der Sektionsversammlungen – denn dorthin drängte sich jezt jene Sara, deren Stimme ehemals aus mädchenhafter Schaam lieblich zitterte, wenn sie einem fremden Knecht einen Auftrag ihres Vaters ausrichtete, dort stand sie jezt, und stürmte ihrer Partei wilden Beifall zu, oder höhnte kek die schwächeren Gegner.

Der große Streit über das Schiksal Ludwigs beschäftigte jezt die Stellvertreter des[175] Volks; und Sara, die am zehnten August seinetwegen gezittert hatte, weil L*** für ihn stritt, sah nun dem Augenblik seines Todes ungeduldig entgegen, weil L*** auch um seinetwillen sie verrathen hatte, weil Theodor um seinetwillen seinem Vater entsagt, und vor den Augen seiner unglüklichen Schwester das Loos der Volksverräther getheilt hatte, weil seine falschen treulosen Vertheidiger die Wiege ihrer Kindheit zerstört, das Alter ihres Vaters unter Armuth und Gram gebeugt hatten. Höchst erbitternd vermischte sich bei ihr das Gefühl ihres Schiksals mit jener Angelegenheit, deren Wichtigkeit selbst ihr wundes Herz beleidigte, und sie mit unmuthigen Zweifeln an Vorsehung und Würde der Menschheit erfüllte. Tiefer konnte ihr moralisches Wesen nicht sinken, trauriger konnte der Abglanz der Gottheit auf ihrem schönen Gesicht nicht verlöschen, als in dieser Zeit, wo ihre Züge entweder von todter Abspannung, oder zwekloser Unruhe, Haß und Hohn[176] entstellt wurden. Ihrer zerrütteten Seele fehlte nur noch ein Stoß, um den gespannten Faden ihrer Vernunft zu zerreißen, und diesen Stoß führte das Schiksal herbei.

Das Todesurtheil über den König war gesprochen: kalte, menschenfeindliche Neugierde trieb sie an, sich als Nationalgarde verkleidet zu dem Dienst im Tempel zu drängen, um seine lezten Stunden zu beobachten. Die heldenmüthige Fassung, die einfache Güte, welche das ferne Europa an diesem Schlachtopfer der Politik bewundert hat, schrumpften vor ihrem bittern Haß zur elenden Alltäglichkeit zusammen. Am Tage seiner Hinrichtung stand sie unter den weiblichen Zeugen dieses schreklichen Schauspiels, und lachte bitter auf, daß, um diesen Menschen zu tödten, eine ganze Stadt im Auflauf, ein Heer unter den Waffen war – und vor ihren Augen war Theodor gemordet worden, ohne daß die Ruhestätte seines Leichnams zu finden gewesen war! Sie befand sich nahe genug am Richtplaz, um die[177] Heiligsprechung des unglüklichen Königs durch den Priester, der ihn begleitete, zu vernehmen. – Heilig! murmelte sie knirschend – was ist der Gottheit heilig? was ist es den Menschen? – Sie tauchte ihr Schnupftuch in das herabrinnende Blut: Im Blut eines noch Heiligeren will ich dich wieder rein waschen! rief sie, an L*** denkend. Ihr Kopf fieng an, so vieler Wuth zu erliegen; ermüdet drängte sie sich aus dem Gewühl heraus, und eilte ohne bestimmten Endzwek durch einige entfernte Straßen, wo eine bange, feierliche Stille herrschte. Sie sank endlich erschöpft auf einer steinernen Bank, an der Thüre eines bürgerlichen Hauses nieder. Gedankenlos saß sie in anscheinender Ruhe, als der ungewohnte Ton von Kinderstimmen in ihr Ohr drang. Sie blikte auf, und sah einen Knaben und ein Mädchen von sieben bis neun Jahr vor dem Hause spielen. Der Knabe hatte sich eine Nationalfahne gemacht, die er hoch emporschwang, und ein Kriegslied dazu sang; das Mädchen[178] baute mit Steinen am Boden. Wie der Knabe ein Paarmal das Refrain seines Liedes gesungen hatte, welches Triumph über den Tod des Tirannen ausdrükte, sah das Mädchen, das ältere von den beiden Kindern, auf, und sagte mit einem sanft traurigen Wesen: Henri, es ist nicht recht, daß du so jauchzest, da die Mutter weint, und der Vater so ernst von uns gieng. – Ach, sprach der Bube leichthin, ich singe das Siegeslied über den Fall des Tirannen, das die Bürger gestern beim Trinken sangen. – Lieber Henri, weißt du nicht, wie der Vater neulich sagte: bei einem todten Feind jauchzt nur der Feige? Er ist ja nun todt! Laß auch dein häßliches Jauchzen. – Der Knabe war näher zu seiner Schwester getreten, und sah sie nun fragend an: wer ist todt? – der Tirann, von welchem du singst – der arme König! wie die Trommel so fern tönte, ward er ja geköpft – der arme König! spottete Henri nach; man sieht wohl, daß du eine Aristokratin[179] bist. – Henri! sagte das Mädchen, erröthend vor Zorn, und warf ihre Steinchen zusammen; das ist nicht recht von dir, daß du mich schimpfest. Daß der König todt ist, geht mich nichts an; aber die Mutter sagt, wenn er denn auch ein Verräther gewesen wäre, seine Kinder wären doch arme Waisen, und wir sollten Gott bitten, daß ihr Unglük das Heil des Volks gründen möchte – und Henri, sprach sie in Thränen ausbrechend, die Mutter sagt, mit Haß im Herzen könnte man Gott um nichts bitten. – Henri nahm ängstlich ihre Hände, bat, versicherte, er wollte ja dem kleinen Kapet nichts thun, er wolle ja Gott für ihn bitten; die Kleine ließ sich lange nicht versöhnen. Endlich ward aber doch aus ihrem Streit ein kindliches Geschwäz, indem die Schwester ihrem Henri von dem Jammer einer Familie erzählte, wo der Vater vor kurzem hingerichtet worden wäre. Sie sagte, nun müßte der kleine Kapet auch so weinen, wie die Kinder dieses armen[180] Mannes, und – sezte sie schluchzend hinzu – wenn nun unser Vater auch so fortgerissen und gerichtet würde? – der Knabe richtete sich schnell auf; sein offenes Auge blizte unter Thränen: O nie, nie! er ist ein Patriot – er kann im Kriege fallen; aber dann weinen wir nicht, dann starb er für die Freiheit. – Die Kleine schüttelte den Kopf, und weinte still fort. Der Uebergang, den dieses kindische Gemisch von natürlichem Gefühl und nachbetendem Heroismus in Sara's Wesen hervorbrachte, war nur bei der dumpfen Abspannung möglich, zu welcher ihre Nerven gesunken waren. Sie war aufgestanden, und hatte sich dem Mädchen genähert, ihr selbst unbewußt füllten Thränen der Theilnahme an ihrem Kummer ihre Augen, sie streichelte des Kindes Wangen – das weiche Geschöpf weinte, durch fremdes Mitleid gerührt, noch heftiger; und von einem Anblik, dessen sie so entwöhnt war, hingerissen, saß jezt Sara neben ihr, tröstete sie, rief den Bruder herbei,[181] und versöhnte ihn mit der Schwester, die ihn wiederum um Vergebung bat, als wäre ihre Heftigkeit weit schlimmer gewesen, wie das Wort, durch welches er sie erregt hatte. Während dieses Gesprächs trat ein noch ziemlich junges Weib, mit einem Säugling im Arm aus dem Hause. Es war die Mutter dieser Kinder; wie sie eine Fremde mit ihren Kindern beschäftigt sah, gieng sie näher hinzu – ohne alle Erklärung entstand nun ganz natürlich zwischen diesen Menschen ein scheinbarer Einklang von Empfindungen. Sara's Thränen waren eine wohlthätige Erschlaffung ihres gepeinigten Gehirns, die guten Kinder, die sie zuerst veranlaßt hatten, weinten jezt aus blinder Theilnahme mit, und bei ihrer Mutter brauchte es keiner großen Anregung, um ihre Traurigkeit zu erneuern – sie drükte den Schmerz aus, den so manches stille Herz in dieser unermeßlichen Stadt heute so tief empfand; eben den Schmerz glaubte sie auch in Sara's Thränen zu lesen, und[182] fühlte sich dadurch zu der schönen Fremden hingezogen. Der Säugling schmiegte sich unterdessen schmeichelnd an die Mutter, und wie diese sich nicht mit ihm abgab, bog er sich zu der Fremden, spielte mit einem Bande an ihrer Kleidung, blikte mit heitern Kinderaugen an ihr hinauf, und legte seine kleinen Hände lächelnd an ihr Gesicht, als wollte er ihr beweisen, was er thue sei Zutrauen und Liebe.

Hier zersprang die harte Rinde, die sich um Sara's Herz gebildet hatte. Im Gewühl der Menschen war sie des Anbliks der Menschheit entwöhnt worden: hier lachte sie ihr zum erstenmal wieder in ihrem reinsten, sanftesten Abdruk entgegen – das war ihres Kindes rührender Blik, so berührte seine schwache schmeichelnde Hand ihre Wangen! Ihr Herz brach fast unter dem gewaltsamen Zuströmen so fremdgewordner Empfindungen. Schluchzend, tief athmend riß sie das Kind an sich, drükte es gegen ihre Brust, vergaß sich und[183] die Vergangenheit in dem dunkeln Bewußtseyn, wieder einmal Weib zu seyn. Die Mutter sah ihr befremdet, aber gerührt zu, als der Knabe aufsprang, und fröhlich rief: der Vater! der Vater kömmt! indem er einem Nationalgarden entgegen lief, der im Hintergrunde der Straße sich von seinem Haufen trennte, und auf sie zukam. Das Weib ließ den Säugling in Sara's Armen, und gieng zu ihrem Mann, der seinen Kindern liebkosend an der Thüre stehen blieb. – Du mußtest ihn morden sehen! sagte sie schmerzlich, indem sie sich an ihn lehnte. Er richtete sie auf, reichte ihr sein Gewehr, seine Patrontasche, und sagte ernst und gütig: Liebes Weib, du folgtest sonst meinem Rath, du hieltest mich für den Weiseren; willst du dich in dem wichtigsten Zeitpunkt unsers Lebens von andern stimmen lassen? – Sie weinte ungestümmer bei dieser Zurechtweisung, und nachdem er ihr eine Weile vergebens zugesprochen hatte, schien er noch ein leztes Mittel[184] versuchen zu wollen, indem er herzlich nach dem jüngsten Kinde fragte, und heiter und sanft ihren Arm nahm, um mit ihr hineinzugehen und es zu sehen. Nun zeigte sie es ihm in Sara's Armen: Sieh, da ist es bei einer guten fremden Frau; die kost ihm schon lange, und weint – die magst du nur auch trösten! – der Mann betrachtete jezt Sara, und wie diese sich aufrichtete, stuzte er, sein Gesicht drükte sogar Schreken aus; er blieb stehen, und fragte leise: wie kömmt dieses Weib zu euch? – die Kinder erzählten nun schwazhaft, wie sie sich zu ihnen gesezt, wie sie so herzlich mit der Kleinen geweint hätte, und am Schluß ihrer lebhaften, verwirrten Erzählung näherten sie sich Sara, und wollten sie zum Vater führen. Aber dieser hatte unterdessen seine Frau beiseite gezogen, und kaum hatte sie ausgehört, was er ihr mit einem ziemlich heftigen und leidenschaftlichen Ausdruk zu sagen schien, so stürzte sie pfeilschnell auf Sara zu, riß ihr den Säugling[185] vom Arm – Furie, rief sie erbost, wolltest du auch des Kindes Blut trinken? Geh, und vergifte meine armen Kinder, mein Haus nicht mit deiner Gegenwart. – Sara wankte; die beiden älteren Kinder prallten erschroken zurük; der Säugling hieng schreiend an der Mutter, die ihn heftig an sich drükte – da trat der Mann hinzu, nahm den Knaben und das Mädchen bei der Hand, und sagte mißbilligend zu seinem Weibe: ist sie nicht elend genug durch unsern Abschen vor ihr? Geht hinein, laßt sie – armes Weib, was machte dich so unmenschlich? rief er noch, indem er einen traurigen Blik auf sie warf, und in das Haus eilte. Die Thüre ward verschlossen, Sara blieb allein! – man floh sie also, als wäre ihr Anblik vergiftend; der Mann hatte also ihre Thaten genannt, und durch diese erschien sie diesen schmeichelnden Kindern, diesem weichen Weibe, wie ein Ungeheuer! – Sara betrog sich nicht; der Mann hatte bei der Hinrichtung seinen Posten[186] in ihrer Nähe gehabt, er hatte sie unter ihren abscheulichen Gefährtinnen erblikt, und sie nach ihrer Handlung wohl mit denselben verwechseln können – nun fand er schaudernd seinen Säugling an dem Busen des Weibes, die ihr blutiges Schnupftuch an eben diesem Busen verbarg!

Von diesem Augenblik an war Sara vernichtet; sie fühlte sich gebrandmarkt, ausgestoßen von den Menschen, unfähig ihr Antliz aufzuheben vor ihnen; aber diese, die sie von sich gestoßen hatten, konnte sie nicht hassen – hassen konnte ihr einmal erweichtes Herz nicht mehr! Sie warf sich in unaussprechlicher, dumpfer Verzweiflung auf die Bank. Die Nacht brach ein, und vermehrte noch mit ihrem Dunkel das Grauen ihrer Seele. Sie irrte, an diese Gegend wie gebannt, umher – schaudernd vor der Rükkehr nach Haus, wo Joseph und seine Gesellen versammelt waren, schaudernd vor der Stille ihrer Zimmer, wo sie die Bilder der Vergangenheit mit kalter Bitterkeit abzuwehren, nicht mehr die Kraft in sich fühlte,[187] und mehr noch schaudernd vor den gewöhnlichen Tummelplätzen der wütenden Parteien. Unter dem Gewühl von quälenden Vorstellungen, mahlte sich dann und wann des Säuglings Lächeln, mit ihres Kindes Bilde verschmolzen, vor ihren Augen; sie fühlte seinen sanften Athem an ihrem Hals, sie sah seinen hellen Blik, das fremde Kind und L***'s Tochter wurden Eins in ihrer Fantasie – und sie weinte endlich laut nach ihrem Kinde, das Grab ihres Kindes schien ihr endlich der einzige Flek in der ungeheuern Stadt, der sie gastfrei aufnehmen würde. Sie eilte durch die Straßen, und suchte den Kirchhof, wo sie so oft die Bitterkeit ihres Herzens auf dem Erdhügel, der das unschuldige Schlachtopfer dekte, genährt hatte; und von Finsterniß umfloßen, sank sie endlich sinnlos, und von Jammer erstarrt, dort nieder.

Es mochte schon tief in der Nacht seyn, als ein neuer Zufluß von Leben die Würkung der Winterkälte, des feuchten Bodens und[188] ihrer tödtlichen Erschöpfung überwand, und sie aus diesem schreklichen Zustand erwekte. Der Himmel war mit finsterm Gewölke bedekt, dessen zerrissene Massen nur selten eine trügerische Dämmerung auf die Gegenstände umher fallen ließen. Anfangs sezte sich Sara, ganz unbewußt wo sie war, auf das Fußgestell eines alten Grabmals, und starrte das schwarze Gebäude vor sich an, das sie erst nach einigem Nachsinnen für eine Kirche erkannte. Jezt flimmerten ein Paar Sterne über dem gothischen Dach, und in dem dunkeln Gewirr von Gestalt und Chaos, das vor ihren Augen schwamm, unterschied sie einige morsche Denkmäler des Todes. O mein Kind! seufzte sie mit sterbender Stimme, und warf sich, den Schauplaz nunmehr ganz erkennend, mit ausgebreiteten Armen über den kleinen, versunknen Hügel. Sie drükte ihren zerfleischten Busen jezt schweigend an die kalte Erde, und suchte ihre irrenden Begriffe wieder zur Verzweiflung zu sammeln. Plözlich aber vernahm sie hinter[189] sich ein leises Gemurmel von Stimmen, erst achtete sie dessen nicht; doch bald mit den zischenden Lüften in den Mauerzaken der Kirche, bald mit dem Grächzen der Nachtvögel vermengt, erregten die Menschenstimmen Entsezen in ihrer Seele. Auf ihre Knie gestüzt, beugte sie sich, um einen aufgerichteten Grabstein, nach der Gegend hin, wo die Töne herkamen. Eine flüchtige Helle erleuchtete den Theil des Kirchhofs, wo ihr Auge umherspähte – ein großes weisses Kreuz erhob sich dort am Eingang eines Gruftgewölbes; an dessen Fuß knieten zwei Gestalten, aus eben dem Steine gebildet, die von trübem Lichte umfloßen, bald von dem Schatten eines sich bewegenden Menschen bedekt wurden, bald durch das Vorübergleiten des Schattens wiederum ganz hell erschienen. Sara unterschied endlich zwei Männer, deren einer an dem Eingang der Gruft gelehnt, der andre frei neben ihm stand; sie schienen sich leise zu unterhalten – eine neue Wolke entzog sie Sara's[190] Blik, doch waren sie nur wenige Schritte von ihr entfernt, und gespannter horchte sie nun auf. Der eine fieng an, lauter zu murmeln, die Stimme des andern schien von Seufzern erstikt; doch jezt schwieg jener, und Sara hörte den andern im Ton des unaufhaltbaren Schmerzens rufen: O meine verlorne Schwester! – Ihres Bruders Namen stürzte über ihre Lippen, aber er ward zu einem unverständlichem Schrei; sie raffte sich auf, eilte über die Grabhügel der Erscheinung zu – es fiel ein Schuß, und von Ueberraschung und Schwäche niedergeworfen, sank sie wieder zwischen den Gräbern hin.

Eine von den zahlreichen Wachen des Viertels war auf den Schuß herbeigeeilt; man sprengte die Thüre des Kirchhofs, die während Sara's Ohnmacht am Abend geschlossen worden war, man durchsuchte alle Winkel, und fand nur Sara, ohne alles Bewußtseyn bei den Gräbern liegend; die Kugel war neben ihr in einen Stein gefahren, aber es[191] ließ sich keine Spur dessen, der sie abgeschossen hatte, entdeken. Nach vielen Bemühungen brachte man Sara in das Leben zurük, aber ihr Verstand kehrte nicht wieder. Sie war in eine trübe, stumpfsinnige Raserei gefallen, während deren sie kein Zeichen von Erinnerung gab, außer einem zerreißend wehmütigen Lächeln bei dem Anblik kleiner Kinder, und einem ängstlichen Zittern bei dem Ton der Trommel, welches wahrscheinlich der Würkung beizumessen war, das dieses schmetternde Instrument am 21. Januar auf ihre Nerven gehabt hatte. Hörte sie einen Schuß, so rief sie oft: Theodor, Theodor! und fuhr über ihre eigne Stimme zusammen; schien sich besinnen zu wollen, und versank wieder in ihre Dumpfheit. – Da in dieser Gegend der Stadt niemand sie gekannt hatte, und sie selbst nicht im Stande gewesen war, die geringste Nachweisung zu geben, hatte sie die ersten Tage unter der Aufsicht und Pflege der dortigen Sektionspolizei zugebracht; allein[192] die treue Martha hatte sie nicht lange in fremden Händen gelassen. Vom ersten Morgen nach der unseligen Nacht, wo sie umsonst auf Sara's Rükkehr gewartet hatte, war sie in ihren Nachforschungen mit dem ängstlichsten Eifer fortgegangen, bis das Gerücht jenes abentheuerlichen Zufalls ihr die Sektion ausfindig machen half, in welcher Sara aufgehoben war. Mit den gehörigen Beweisen versehen reklamirte sie die Unglükliche, als ihre Pflegbefohlne und ihre Freundin; man übergab ihr das verlaßne Geschöpf, und sie führte sie in Nanni's Arme, der das Schiksal Vernunft genug gelassen hatte, um über die Rasende zu weinen.
[193]

Der erste Ton, den Sara bei rükkehrendem Bewußtseyn unterschied, war ein Schrei der Freude, der in ihr dumpfes Ohr schallte, sie wußte nicht woher, sie wußte nicht aus wessen Munde. Ihr Auge öfnete sich, oder es führte zum erstenmal wieder das aufgefaßte Bild ihrem lange gelähmten Geiste zu, und sie sah sich in einem ihr unbekannten, kleinen Zimmer, das von einem halben Lichte, wie der Strahl der Abendsonne, erleuchtet wurde. In dessen feurigstem Schimmer standen, Arm in Arm vest verschlungen, ein junges weibliches Geschöpf, das sie nicht kannte, und ein junger Mann in Soldatenkleidung. Ihr Kopf schwindelte, wie in einem Traum, und sie hielt ihre Augen eine Weile wieder geschlossen. Du lebst, du lebst! hörte sie nun ein Paarmal, bald lauter, bald erstikter rufen. Sie schlug die matten Augen von neuem auf, und sah jezt das junge Weib neben dem Mann auf den Knien, mit aufgehobnen und gefalteten Händen, mit einem von Freudenthränen[194] bedekten Gesicht; sie schien stumm, und doch mit sich bewegenden Lippen, zu beten. Der rührende Anblik riß gewaltsam an Sara's schwachem Gehirn; nicht Theilnahme – denn noch war ihre Seele ein bloßer Spiegel, in welchem diese Gestalten sich abbildeten, ohne einen Begrif hervorzubringen – sondern blos die äußere Anregung ehemaliger Eindrüke, mochte Thränen in ihr Auge ziehen wollen; aber zu ausgetroknet, um Thränen zu liefern brannte ihr feuchtes Auge, und tiefe Seufzer drängten sich in ihrer Brust. Jezt sah sie eine alte Bäuerin, die wahrscheinlich neben ihrem Bett gestanden hatte, vor sie treten, und erstaunt sich gegen das zärtliche Paar wenden. – Babet, sie lebt! rief sie. Sie rief umsonst; Babet kniete, stand auf, umarmte wieder den jungen Mann, betete wieder, weinte und lachte wechselsweise. Die Alte beugte sich über Sara, die unfähig zu sprechen, ihr die Hand auf den Arm zu legen suchte; wahrscheinlich war es eine fragende[195] Bewegung, aber ihre Kräften reichten dazu nicht hin, und ihre Hand sank nieder – Babet, sie blikt sanft und lebt! rief noch einmal die Alte, und holte das Mädchen beim Arm herbei. Babet schien sich jezt zu sammeln, blikte anfangs noch zerstreut auf Sara, dann trat sie, ohne den jungen Mann loszulassen, näher. – Wäre es möglich? Arme Sara – ja gewiß, sie lebt! Mathieu, du bringst allen Leben mit. – Bei diesen abgebrochenen frohen Worten nahm sie leise Sara's Hand, und schien ihr Leben fühlen, ja sogar behorchen zu wollen; denn sie legte ihr Ohr an Sara's Mund. Diese machte einen neuen Versuch zu sprechen, und sagte kaum hörbar: wo ist Martha? – Martha, antwortete Babet traurig, und weinend umfaßte sie wieder den Fremden: O die arme Martha! Mathieu, unsre arme Baase, unser armer Vater! – die Alte hatte Arznei geholt, die sie jezt Sara brachte, indem sie zugleich verdrüßlich zu Babet sagte: Junge Frau, eure[196] Freude ist gut und erlaubt, aber Ihr wißt doch, daß der Arzt auf Leben und Tod befohlen hat, sie ruhig zu erhalten, wenn sie wieder zu sich käme. – Babet hörte sie an, sah zärtlich auf Mathieu, dann auf Sara, deren schwachen Kopf die Unruhe grausam anstrengte. – Geht in den Garten mit dem Liebsten, fuhr die Alte fort, und laßt mich mit ihr allein, bis Ihr über die erste Freude weg seid. Babet schien unentschlossen, und beugte sich zu Sara, die noch einmal, und ängstlicher, nach Marthen fragte. Marthe grüßt Sie, sagte nun Babet verwirrt; sie hat mir vieles an Sie aufgetragen; Sie sind in guten Händen. – Der junge Mann sprach halb leise mit ihr, und zog sie ungeduldig fort; das alte Mütterchen blieb bald mit Sara allein, deren Zustand in diesem Augenblik unbeschreiblich war. Sie fühlte sich wie aus einem tiefen Schlafe erwacht, konnte aber durchaus nicht urtheilen, wie lange sie geschlafen hatte. Das erste Bild, das aus[197] der Vergangenheit wieder vor ihr aufstieg, war die Nacht vom 21. Januar, aber es war nur Bild, nicht Gefühl, nicht Gedanke, und da sie, indem es vor ihr stand, nahe an ihrem Bett grüne Ranken erblikte, die in das Fenster sich bogen, und Sommerluft fühlte, so stellte sich dieses Lokale neben dem Lokalen jener Winternacht, und machte sie unsicher, welches von beiden Traum wäre. Sie wollte die Alte fragen, aber das erstemal sagte ihr diese mit feierlichem Wesen: im Namen des gütigen Gottes, der euch das Leben so wunderbar wiedergiebt, schweiget! Euch wird besser werden. – Und so oft sie wieder versuchen wollte, mit ihr zu sprechen, legte das Mütterchen ihr freundlich den Finger auf den Mund, und schüttelte mit dem Kopf. Sie reichte ihr aber sorgsam in sehr kleinen Zwischenräumen ein Arzneimittel, und schien sie jedesmal mit größerem Wohlgefallen anzubliken. Sara schwieg endlich, und suchte zu denken. Außer dem lezten Augenblik vor ihrer[198] Verstandesverwirrung, war ihr alles wie ein wogendes Meer – bald Bilder der Kindheit, bald des Vaters, Rogers, L***'s Bild; aber alle schwanden so leise, so im Nebel vorüber, daß sie manches festzuhalten suchte, um sich zu besinnen, ob es schreklich wäre. Nach und nach reihten sich die abgerißnen Vorstellungen zusammen; sie war sich der grausamsten Augenblike bewußt, aber wie nun überstandner Leiden; sie dachte die Todten, ihren Vater, ihr Kind, Theodorn – hier zog sich ihre Brust bänger zusammen, aber wie ein Kind, das die Erinnerung an ein Gespenstermährchen entfernt, um sich nicht im Finstern zu fürchten, wich sie diesem schreklichen Andenken aus, und spann neue Fäden aus ihrer Vergangenheit zusammen. So lag sie eine ganze Weile, bis es dunkel ward. Der Mond schien in das Zimmer, die Alte brummte ein Paarmal vor sich hin, über die jungen Leute, die so lange ausblieben, getraute sich aber nicht, von der Bettseite[199] wegzugehen. Endlich hielt ein Pferd vor dem Haus, ein Mann trat in's Zimmer – ach der Bürger Doktor! gieng ihm die Alte entgegen; Wunder, Wunder! sie lebt; und so mir Gott helfe, sie ist vernünftig! – Nun gut, liebe Frau; daran zweifelte ich ja nie, fiel der Doktor mit einer freundlichen Stimme ein, aber denkt ein andermal besser an das, was ich euch sagte, und holt mir jezt Licht, damit ich meine Kranke sehe – die Alte schaffte Licht, der Arzt nahte sich Sara, betrachtete sie aufmerksam, fühlte ihren Puls, und fand ihn heftig bewegt. Sara hatte in dem gutmüthigsten Zuruf der Alten eine schrekliche Aufklärung über ihren Zustand erhalten; sie wußte jezt was ihr Schlaf gewesen war, konnte jezt den kalten Reif auf ihres Kindes Grabe, und die sanfte Sommerluft, die hier durch das Fenster hauchte, zusammen reimen. – Ich hatte den Verstand verloren? sagte sie zu dem Arzt. Der Mann sprach sehr leutselig mit ihr, und suchte anfangs nur dahinter zu kommen,[200] wie weit sie wieder bei sich wäre; je mehr er sich aber von der Rükkehr ihrer Vernunft überzeugte, desto männlicher aufrichtend behandelte er sie. Er sagte ihr endlich selbst, daß sie fürchterliche Unglüksfälle zu beweinen hätte; aber, sezte er hinzu, Ihr wunderbar wiedergekehrter Verstand, Ihr neugeschenktes Leben fordern Sie auf, die Vergangenheit zu überwinden, und das können Sie nur durch Ruhe, und durch Mässigung Ihres Gefühls, bis Ihr Körper wieder Kräfte gesammelt hat – So freundlich und tröstend sprach er ihr noch einige Augenblike zu, und wandte sich dann gegen die Alte, die er nach Babet fragte. Sogleich fieng sie an, mit lebhafter Treuherzigkeit ihm zu erzählen, wie nichts auf der Welt, wenn es nicht der Zustand gewesen wäre, in welchem das arme Weib – auf Sara deutend – gelegen hätte, sie hätte abhalten können, um die jungen Leute zu seyn, denn denkt nur, Bürger, Mathieu ist zurük! Er ist mit der lezten Abtheilung der[201] Mainzer Garnison angekommen, und ist frisch und gesund, und wird nun nach der Vendee marschiren. – Indem trat Babet selbst mit ihrem Manne herein; diese vier Menschen bildeten nun eine einfach häusliche Gruppe, Babet hatte ihre herzliche Freude über die Achtung, mit welcher der Doktor ihren Helden behandelte, der ihm seine Fragen über den Feldzug mit vielem Anstand beantwortete. Sie blieb neben Sara, und schien halb verlegen halb furchtsam, sie unterhalten zu wollen, und war doch nur mit ihrem Mathieu beschäftigt. So hielt sie denn Sara's Hände, und erzählte mit neuen Freudenthränen: er war vier Monate eingesperrt; sieben Monate habe ich nicht gewußt, ob er noch lebte, oder schon längst unter freiem Himmel schlummerte – ach es fielen so viele arme Bürger! es weinen so viel unglükliche Weiber! – und heller floßen der guten Babet Thränen, bei dem Gedanken, daß auch sie dieses Loos hätte treffen können.[202] Plözlich erinnerte sich Sara, daß Roger auch in der Gefahr wäre, aus welcher Mathieu nur eben zurükkehrte – lebt Roger? fragte sie, ohne zu überlegen, ob auch hier jemand Rogern kennte. – Roger? wiederholte Babet befremdet, und blikte fragend auf ihren Mann; Mathieu hat ihn vielleicht gekannt – wer ist Roger, liebe Sara? – Hier erwachte neues Bewußtseyn in der Unglüklichen, und neues Gefühl ihrer Lage. Sie erkannte sich nun unter Fremden, und diese Entdekung, denn das war es für ihren Geist, erschrekte sie, wie ein Kind, das sich plözlich allein sähe. – Wo ist Marthe? Nanni? – wo sind sie? wo ist Joseph? fragte sie verwirrt, und machte eine angestrengte Bewegung, sich aufzurichten. Sie hatte so laut gefragt, daß der Arzt sich erschroken gegen das Bett wandte, und ihr von neuem zusprach, sich nicht durch Angst und Unruhe zu schaden. Aber sie fuhr fort, mit Ungestüm nach ihren alten Bekannten zu fragen, und wo sie wäre,[203] und wer Babet wäre? – der Arzt besann sich einen Augenblik; dann sezte er sich zu ihrem Bett, und hob freundlich an: Liebes Kind, Babet ist Marthens Nichte durch ihren Mann; Martha liebte Sie zärtlich – und wie sie starb – – denn es soll Ihnen nicht länger verhehlt seyn, Martha ist ihrem guten Mann, der als braver Soldat fiel, nachgefolgt! Und bei ihrem Tode übertrug sie ihrer Nichte und dieser redlichen alten Frau die Sorge für Sie! Nanni und Joseph waren ihr schon vorausgegangen; ihnen allen folgte Ihre brave Freundin willig nach, denn sie wußte, daß Sara in guten Händen blieb. – – Sara hatte ihn still angehört – also todt? alle todt? – Ja mein gutes Kind, antwortete der menschenfreundliche Arzt, bang auf den Eindruk lauschend, welchen diese traurigen Nachrichten auf die erschöpfte Maschine machen würden. Sie blieb ruhig, ja sie war nun viel ruhiger als vorher; außer daß sie ein Paarmal[204] die Lippen bewegte, wie eine Person, die mit sich selbst beschäftigt ihre Gedanken in einzelnen Worten ausbrechen läßt, schwieg sie den übrigen Abend ganz still, und blieb es auch die folgenden Tage, während deren ihre Kräfte so zunahmen, daß sie bald von ihrem Lager aufstehen und anfangen konnte, sich in der warmen Sonne zu erquiken. Nach vier bis sechs Wochen war ihre Gesundheit fester, als sie jemals gewesen war, und ihr Geist hatte sich so erholt, daß man ihr nach und nach alles, was sich in jenem schreklichen Zeitpunkt zugetragen hatte, beibringen konnte.

Bald nachdem Martha ihre unglükliche Freundin wieder unter ihre Pflege bekommen hatte, war Thirion's Schwestersohn, der junge Mathieu, auf seinem Durchmarsch mit einer Abtheilung neuer Kriegsvölker von den westlichen Seeufern, zu ihr gekommen. Die herzliche Aufnahme, die er hier fand, und seine eigne Unruhe, bewogen ihn, der guten Frau anzuvertrauen, daß ein Mädchen,[205] als Kriegskamerad verkleidet, ihn begleitete, und daß die Gefahren, denen die Ehre und das Leben dieses geliebten Mädchens, jeden Augenblik ausgesezt wären, ihn Tag und Nacht verfolgten und quälten. Seine Babet war eine arme Waise, die Mathieus Mutter, ihre weitläuftige Verwandte, erzogen hatte; sie liebten sich von früher Jugend, aber der Eigensinn seiner Eltern hatte sich einer Verbindung zwischen dem wohlhabenden Mathieu und der armen Babet entgegengesezt. Von jugendlichem Eifer für das Vaterland zu streiten, begeistert, wäre er schon als Freiwilliger an die Gränzen geflogen, wenn ihn Babets verlaßner Zustand nicht zurükgehalten hätte; als aber jezt der Befehl des Konvents ihn rief, hatte Babet, die muthige zärtliche Babet, weder zurükbleiben, noch durch eine schleunige Heirath, in welche die Eltern unter diesen Umständen vielleicht gewilligt hätten, um ihren einzigen Sohn bei sich zu behalten, ihren Geliebten[206] entehren wollen. Sie entschloß sich, an seiner Seite zu fechten, seine Lorbeern zu theilen, oder neben ihm zu fallen. Mathieu liebte zu zärtlich, Patriotismus und Bewunderung von Babets Muth spannten seine Einbildungskraft zu hoch, als daß er sogleich alles Bedenkliche dieses Vorhabens übersehen hätte: er ließ sie voll Entzüken den Marsch an seiner Seite antreten. Noch aber hatten sie Paris nicht erreicht, so fühlte er, was durch die Nähe des Mädchens und durch ihre Verkleidung, seinem Muth und seiner Liebe drohte. Der redliche junge Mann zitterte, so oft bei den Waffenübungen die Kameraden über die schwachen Glieder des kleinen André lachten; er fühlte seine Brustschmerzen, wenn sie im Eifer zu lernen, das schwere Gewehr gegen ihren zarten Busen stieß; schlaflos lag er neben ihr auf der Streu, gepeinigt, daß er neben ihr lag, und noch mehr, daß zehn bis zwölf andere junge Bursche sie umgaben; tranken sie unter einander, so gab jeder Tropfen,[207] den sie schlürfen mußte, jeder ausgelaßne Scherz der wilden Kameraden, jede ihrer Spöttereien über den jüngferlichen André, ihm einen Stich in's Herz. Wie er zu seiner Baase Martha kam, hatte er Gelegenheit, ihre sanfte häusliche Sorgfalt für Nanni, deren von Jammer vergiftetes Leben in einer langsamen Auszehrung erlosch, ihren rührenden Kummer über Josephs immer mehr verwildernde Fantasie zu beobachten – und noch entgieng ihm ein Theil ihres Verdienstes, denn sie verbarg Sara vor seinen Bliken, weil diese in der damaligen Zeit zu heftig erschüttert war, um unter Menschen zu erscheinen. Was er aber sah, flößte ihm den Wunsch ein, seine muthige, treue Geliebte in den Händen dieser vortreflichen Frau zu lassen. Er führte Babet zu ihr; seine Bitten, seine Schwüre, und vorzüglich die Angst, die das arme Mädchen schon jezt unter dem lärmenden Haufen seiner Kameraden ausgestanden hatte, erschütterten ihren Entschluß. – [208] Marthens Vorschlag, nur als Mathieu's rechtmässiges Weib zurükzubleiben, besiegte vollends ihre Schwärmerei; das Band ihrer Ehe ward von dem Gesez geknüpft, und Mathieu zog allein mit seinen Waffenbrüdern an den Rhein. Babet theilte nun die menschenfreundlichen Geschäfte ihrer Baase, und besonders ihre Sorge für Sara, deren trauriger Zustand sie um so lebhafter interessirte als die Gattung ihres Unglüks und der wilde Heroismus ihrer Rache mit der kühnen Begeisterung ihrer eignen Liebe in einiger Berührung standen. Sie ward in kurzem der treuen Martha, über deren Haupt jedes häusliche Unglük zusammenschlug, eine unentbehrliche Gehülfin. Seit zwei Monaten hatte die gute Frau nicht die mindeste Nachricht von ihrem Gatten; doch wußte sie ihn am Rhein, und sein lezter Brief war aus einer kleinen Festung in der dortigen Gegend gewesen. Die anfangs sehr übertriebnen Gerüchte von dem Unfall, der die republikanischen Truppen[209] am 2. December in Frankfurt betroffen hatte, und von dem mannichfaltigen Verrath, der sie dort der Wuth des Feindes preisgegeben haben sollte, hatten sie zwar erschrekt; indessen hatte sie nach allen Erkundigungen, die sie einzog, geschlossen, daß die Garnison jener kleinen Festung bis dahin nicht gewechselt hätte. Die grosse Unordnung, die in allen Kriegsgebieten herrschte, schnitt alle bestimmten und regelmäßigen Nachrichten aus der Gegend ab, und Marthens sanftes Herz überredete sich in frommer Ergebung, daß ihr Mann in Mainz eingeschlossen seyn möchte. Gegen Ende des Winters trat eines Abends ein verstümmelter Kriegskamerad, der vom Rheine kam, in Marthens traurige Wohnung. Er fand sie mit Babet bei dem Krankenlager ihrer Schwester Nanni, die dem Tod sanft entgegen lächelte; denn in dem Verhältniß wie ihre Lebenskraft verlosch, kehrte die Helle ihres Geistes zurük, die Würklichkeit schied sich von ihren schauderhaften Träumen,[210] und ihre Sehnsucht nach dem Grabe mehrte sich mit jedem deutlich gewordnen Bilde der fürchterlichen Vergangenheit. Der Soldat kündigte ihnen seinen Namen an, und schien vorauszusezen, daß sie diesen kannten: es war mir nicht genug, sagte er zu Marthen, blos geschrieben zu haben; ich bin vom Hospital zu Landau hieher geeilt, um auch bei meiner Rükkehr in mein Vaterland, meines braven Kameraden lezten Auftrag selbst auszurichten, – Martha erblaßte: heiliger Gott, was macht mein Thirion? – Der Soldat ward betreten; sein Brief war nicht angekommen. Gute Frau, sagte er bewegt, hätte ich das gewußt, ich wäre vorsichtiger gewesen. Thirion fiel in Frankfurt, unter den Säbelhieben der wütenden Hessen. Ich hatte ihn wenig gekannt; wenn wir uns aber Abends auf der Wache manchmal trafen, sah ich ihn immer traurig sizen, während daß unsre frohen Landsleute schwärmten; und gerade so wars mir auch um's Herz,[211] denn wie er an euch dachte, so war ich bei meinem Weibe und vier lieben Kindern. Das machte uns bekannter; und wie an dem abscheulichen Morgen unsre braven Krieger von ihren elenden Anführern verrathen, umherirrten, begegnete ich ihm auf der Straße, focht mit ihm – aber ohne Gewehr, mit dem bloßen Säbel bewafnet, ohne Anführung und Befehle, von den feindseeligen Einwohnern umgeben, fielen meine Landsleute – euer guter Mann stürzte verstümmelt an meiner Seite, – mein armes Weib! rief er, und wie er den lezten Hieb auf dem Kopf empfieng, ächzte er mir noch zu: Grüßt meine Martha – – Nanni blikte mit glänzendem Auge zum Himmel, als erkennte sie dort des Bruders Geist; Babet lag schluchzend neben dem Bett auf den Knien, und betete angstvoll, daß Mathieu noch leben möchte; Martha saß mit gefalteten Händen, ein Bild des Kummers und der Ergebung: still rannen ihre Thränen an den kalten[212] Wangen herab, nur bei dem lezten Gruß des blutenden Gatten seufzte sie krampfhaft auf; der Krieger selbst hielt die Hand über den Augen, – nur die elende Sara saß dumpf nachsinnend in einem Winkel des Zimmers, und hörte nichts von dem schmerzvollen Bericht. – Ich entkam, fuhr Thirions Kriegsgefährte fort; kurz darauf schlugen wir uns im Felde gegen die Deutschen, da nahm eine Kanonenkugel meinen Fuß mit weg, – ich wurde geheilt; sobald ich meine Krüke führen konnte, eilte ich hieher. Nun habe ich seinen lezten Willen erfüllt. Gott tröste euch! Wäre euer Mann im Felde gefallen, ich sagte euch: sein Tod war schön; aber so – auf der Schlachtbank! – Gott tröste euch, und gebe uns treue Anführer! Geduldig werden noch Tausende fallen wie er, Tausende verstümmelt zu ihren Weibern heimkehren wie ich, um unsre Freiheit zu sichern, – aber so geopfert, so verrathen zu werden. – – Er warf noch einen Blik auf die traurige[213] Gruppe, und indem er gieng, sagte er für sich: Gutes Weib, wenn du dieses sähest, du würdest nicht über mein abgeschoßenes Bein jammern. – – Noch schwerere Prüfungen standen der guten Seele bevor. Die fürchterlichen Scenen, in denen ihr Bruder verwikelt gewesen war, hatte sein ohnehin so schwarzes Blut in einem so unnatürlichen Grad erhizt, daß er in einen Zustand von Raserei verfiel, der alle Umstehenden mit Entsezen erfüllte. Die Schreknisse der Septembertage verfolgten ihn wie Furien, und peitschten sein belastetes Gewissen. Erstarrt und schweigend sahen die Nachbarn und Freunde den Ausbrüchen seiner Wuth zu, und flüsterten dann unter einander von der Rache des erzürnten Himmels, welche mehrere von den verführten Werkzeugen jene Abscheulichkeiten auf eine ähnliche Weise ergriffen hatte, – und wenn sie die satanischen Verführer noch im hohen Gepränge geheuchelter Tugend und Vaterlandsliebe daherfahren sahen, so ahndete[214] ihr gestärkter Glaube an Vorsehung auch für diese eine richtende Zukunft, oder schauderte vor der Hölle, die troz der eisernen Stirne schon jezt in dem finstern Abgrund ihres Herzens lauern möchte. Bang erwekte das Angstgeschrei des unglüklichen Bruders die arme Nanni aus dem matten Schlummer, der sie in dieser lezten Zeit umhüllt hatte, bis Joseph endlich unter den rächenden Dolchen der Erschlagnen, die sein brennendes Gehirn ihm vormahlte, sich windend, den gemarteten Geist aufgab. Nanni folgte ihm bald nach, sanft hinüberschlummernd, und in ihrem innern Bewußtseyn nun hell überzeugt, daß sie bald mit ihrem Henriot von allen schreklichen Träumen erwachen würde. Unter der Witwe Trauer und des jungen Weibes ängstlicher Furcht vor gleichem Unglük, unter der Pflege ihrer armen Freundin, die nun der einzige Gegenstand von Marthens und Babets Sorgfalt war, und den Handarbeiten mit welchen sie sich bei ihren eingeschränkten[215] Umständen forthalfen, gieng der Winter dahin. In dieser ganzen Zeit schien Sara nur selten auf einen flüchtigen Augenblik ihre Freunde zu kennen; sie saß meistens stumm und fast bewegungslos, und man würde sie für ein steinernes Bild angesehen haben, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein leichter Schauder über ihre Glieder geschlichen wäre. In lichteren Zwischenräumen arbeitete sie maschinenmäßig und gedankenlos neben den beiden Weibern; Nanni's Abwesenheit bemerkte sie gar nicht; wenn sie die Weiber viel weinen sah, schien sie sich besinnen zu wollen, fuhr mit der Hand über ihre troknen Augen, und besah sie dann mit geistloser Verwunderung. Nach der politischen Revolution, die im Mai und Junius des Jahres 1793. ein nach Freiheit dürstendes, heldenmüthig um Freiheit kämpfendes, und nur durch die Zauberformeln der Freiheir zu unterjochendes Volk, der eisernen blutigen Herrschaft des finstersten, frechsten, unbegreiflichsten aller Tirannen zuführte[216] – nach dieser Revolution gerieth Martha an einem Morgen wo einige ausgezeichnete Patrioten von der gestürzten Partei hingerichtet wurde, durch ein Geschäft in die Gegend des blutigen Schauplazes. Die Sache für welche ihr Gatte gefallen war, für welche der Gemahl ihrer geliebten Babet stritt, war ihr zu theuer geblieben, als daß ihr der Gang der öffentlichen Angelegenheiten, so weit ihr stiller einfacher Sinn ihn zu verfolgen wußte, hätte gleichgültig seyn können; und der Fall der milderen Partei hatte sie tief bekümmert. Durch ein trauriges Ohngefähr verspätete sie sich, und fand sich unversehens in den wilden Haufen verwikelt, der zum Richtplaz strömte; blaß und zitternd eilte sie, sich durchzudrängen und ihren Rükweg zu suchen, aber ihre Verwirrung diente ihr schlecht, sie stieß auf den Zug, der die Verurtheilten begleitete, und ausser sich von Schreken und Angst, ward sie wieder nach dem Richtplaz fortgerissen. Ihr Abscheu verrathendes Wesen[217] zog die Aufmerksamkeit einiger elenden Spionen der blutgierigen Anstifter dieses Schauspiels an; ihre rechtliche Kleidung, ihr Anstand ließ nicht vermuthen, daß sie den empörenden Anblik aufgesucht hätte; mit boshaftem Muthwillen umringte man sie, versperrte ihr den Ausgang, und die weiche, gute Martha mußte halb entseelt der Todesscene beiwohnen. Wie diese muthigen Opfer des Schiksals sich ihrem lezten Augenblik nahten, und indem sie mit lauter Stimme den Gesang der Freiheit anstimmten, ihre Unschuld besiegelten, und durch den lezten Gedanken ihrer fliehenden Seele tausend neue Jünger der Freiheit aufriefen, da konnte Martha nicht mehr widerstehen; sie fiel bei der heiligen Hymne ohne Bewußtseyn den Umstehenden in die Arme. Man brachte sie fort, einige von den schadenfrohen verworfenen Buben folgten ihr nach, um jede ihrer Bewegungen zu bewachen. Ihre ersten Worte als sie wieder zu sich kam, die bittern Thränen, die sie[218] jenen Märtirern weinte, deren Blut eben geflossen war – denn als Märtirer, als triumphirende Märtirer waren sie ihr erschienen – gaben Stof genug, den grausamen Muthwillen zu üben. Man warf ihr hönisch ihren Schmerz vor, man schwazte von Verrath, von Aristokratismus, und wie sie mit dem Stolz der Unschuld antwortete, führte man sie vor den nächsten revolutionairen Sektionsausschuß. Dort ward sie vom Unwillen und von der Erbitterung über die abscheuliche Behandlung endlich zu der unüberlegt trozigen Behauptung hingerissen, daß sie nicht einmal zu tadeln seyn würde, wenn sie alle die elenden Beschuldigungen verdiente, denn vor dem zehnten August hätte man keine Opfer mit dem Gesang der Freiheit auf den sterbenden Lippen fallen gesehen. Schweigen decke Marthens Grab, und das Grab der vielen Unschuldigen, aus deren Blut Frankreichs Glük entspriessen möge! Die Freiheit, die Tugend des kommenden Geschlechts sei der Lohn ihres[219] Todes – Martha sah ihre traurige Wohnung, ihre verlaßnen Freundinnen nicht wieder; das richtende Eisen leitete sie zu ihrem Gatten, zu ihrer erlößten Nanni, und einst zu Josephs geläuterten Geist. – – Nun war Babet allein, schreklich allein, denn seit den lezten Niederlagen am Rhein hörte sie nichts von Mathieu, und nebst Sara's fast lebloser Gestalt waren nur die Geister ihrer Verwandten ihre tägliche Gesellschaft. Auch mußte sie sich immer mehr einschränken, denn gewissenhaft sparte sie für Sara die kleine Summe, die Martha theils bei ihr vorgefunden, theils aus dem Verkauf ihres Silbers, ihres Geräthes, und einiger Kostbarkeiten die sie besaß, gelößt hatte. So lange Martha gelebt hatte, war nie die Rede davon gewesen, Sara nach ihrer Provinz zurükzuschiken; jezt wußte Babet kaum Berthiers Namen, und es war ihr bekannt, daß die Rebellen in dem Lande hausten, wo dieser lezte Freund der verlassnen Sara[220] wohnen müßte; übrigens hatte sie, so gut wie Martha, Sara's frühere Geschichte immer nur sehr unvollkommen gewußt, aus Raimonds Reden, und aus ihren Handlungen, denn erzählt hatte sie nie etwas – willig trug sie also die durch namenloses Elend geheiligte Unglükliche. Der Zufall erleichterte ihr indessen diese Last: eine wohlhabende Landmannsfrau aus einem benachbarten Dorfe, deren Sohn ehemals in Thirions Würzladen gedient hatte, wollte bei ihrer Anwesenheit in der Stadt Marthen besuchen; von der Lage des jungen Weibes, von Marthens Tod gerührt, nahm die gutherzige Alte jene nebst Sara zu sich auf das Land, räumte ihnen ein Stübchen ein, und schafte Babet Arbeit. Sara, die seit ihrer Krankheit in einem kleinen engen Quartier in einem Winkel von Paris eingesperrt gewesen war, schien in der Landluft aufzuleben, aber dieses neue Erwachen ihrer Geister war ihrem zerrütteten Gehirn gefährlicher als die todte[221] Dumpfheit, in welcher sie bisher gelegen hatte. Eine heftige Unruhe fieng an, sie umherzutreiben; so wie sie vorher zu halben Tagen sinnlos hinstarrte, so irrte sie nun mehrere Stunden nach einander durch den Garten, durch das Feld, rastlos wie von einem unsichtbaren Feind getrieben, ohne Klage, von innerem Feuer still glühend. Babet sprach ihr umsonst zu, sie schien niemanden zu verstehen; schloß man sie aber ein, so erstikte sie fast vor Angst, und glich einem Vogel, der in ein Zimmer verlaufen, jedes helle Flekchen für freie Luft ansieht, und sich das arme Köpfchen gegen die Glasscheiben zerschlägt. Sie rannte dann unablässig im Zimmer umher, maß die Fenster mit ihren Augen, suchte den Ausgang an jeder Leiste des Getäfels. So wie man sie herausließ, ward sie ruhiger, wandte ihren troknen Mund gegen die Gegend wo die Luft herwehte, und schien sie mit ihren aufgeborstenen Lippen zu trinken. Einmal begegnete sie einem Bataillon Freiwillige,[222] die nach der Hauptstadt zogen; sie sezte ihren Weg bei der hohen Mittagsonne fast neben ihnen fort, und schien sie nicht zu bemerken; wie sie aber bei ihrem Einzug in das Dorf ihre Trommeln zu rühren anfiengen, that die arme Sara einen fürchterlichen Schrei, und stürzte durch die Strassen, Theodors und ihres Kindes Namen wechselten in ihrem Munde ab, sie rief nach dem Grabe ihres Kindes, glaubte allenthalben es zu finden, und in diesem Zustand von wilder Heftigkeit ward sie nach Haus gebracht. Der Anfall ließ ein Fieber zurük, dessen Krisis der Todesschlaf war, aus welchem sie bei Mathieu's Ankunft erwachte, und worauf ihre Vernunft so wunderbar wiederhergestellt ward.


Sara's Geist war nun geheilt, aber ihr Herz war gebrochen, ihr gesellschaftliches Daseyn zerstört – kein Band fesselte sie mehr an die Menschen; Babet selbst war für sie fast eine Fremde, und seitdem sie alles, was während[223] ihrer Krankheit vorgefallen war, erfahren hatte, war sie in verschloßner Verzweiflung unaufhörlich bloß damit beschäftigt, das traurige Schiksal von Thirions Familie mit an die schwarzen Fäden des ihrigen zu spinnen. Aber mit dieser düstern Unthätigkeit war ihr Verhängniß noch nicht erfüllt, und die Umstände stürzten sie bald in einen neuen Strom von Begebenheiten.

Mathieu hatte sein junges Weib von neuem verlassen müssen; ihre Liebe war so feurig wie ehemals, während einer ängstlichen Trennung hatte sie sich zu kühneren Schritten für die Zukunft vorbereitet, der Schuz, dessen sie damals genoß, war ihr noch dazu durch das Schiksal entrissen, und das treue Weib zitterte nicht mehr vor den Gefahren, welche das entflohne Mädchen bedroht hatten – fest beschloß also Babet, ihrem Gatten in den neuen Kriegen zu folgen. Die Geister waren damals zu einer solchen Höhe gespannt, daß alle Begriffe von Gesez und Pflicht von dem[224] Gesichtspunkt jedes einzelnen abhiengen, und nie kämpften wohl so verschiedne Gefühle in den Herzen braver Streiter, als bei dem schreklichen Bürgerkrieg, zu welchem Mathieu mit seinen vom Rhein zurükkehrenden Waffenbrüdern berufen war. Tief trauernd ergriffen so manche gute, für Freiheit glühende Bürger das Schwert, um ihre Brüder selbst der Freiheit zu opfern; aber mit innerem unaussprechlichem Grimm betrachteten sie oft das Blut der theuern Opfer, das an ihren Schwertern klebte, wie sie wahrnehmen mußten, daß man sie zu Werkzeugen der Grausamkeit, des Verraths, der satanischen Selbstsucht, der tiefsten Greuel gebrauchte. Doch stritten sie muthig fort, unwandelbar auf das Ziel blikend, und kaum der zehnte Theil der tapfern Schaar kehrte späterhin von dem Grabe ihrer Landsleute, von den rauchenden Brandstätten zurük, um unmuthig für den traurigen Ruhm, verirrte Unglükliche geschlachtet zu haben, das dumpfe, zweideutige Zujauchzen der unterdrükten[225] Nation zu empfangen! – Als sie dahin zogen, waren sie indessen weit entfernt, die wahre Beschaffenheit der Dinge in jenem Fabellande zu kennen, und bei einer Unternehmung, wo es, wie mancher sich gern überredete, blos darauf ankommen würde, durch den Muth und durch alle übrigen Tugenden der Freiheit, einen von tükischen Priestern und stolzen Grossen erregten Hauszwist beizulegen, fand Mathieu ungleich weniger Bedenklichkeiten, seine Babet mitzunehmen, als auf einen Feldzug gegen fremde Feinde. Er hätte sich daher gleich bei seinem Abmarsch von ihr begleiten lassen, wenn ihr gutes Herz und seine Menschlichkeit es ihnen damals erlaubt hätten, die noch sehr schwache Sara allein zurükzulassen. Auch bis sie nicht vollkommen genesen war, konnte es Babet nicht über sich gewinnen, sie mit ihrem Entschluß bekannt zu machen, den sie ohnehin der guten Alten, von welcher sie so gastfrei aufgenommen worden war, verschweigen mußte. Nunmehr[226] aber, wie sie ihr endlich ihr Vorhaben entdekte, forschte sie schonend, was ihre eignen Plane wären. Sara hatte seit der Rükkehr ihrer Vernunft schon oft in die Zukunft geblikt; aber diese stand finster, wesenlos, wie ein weiter öder Raum vor ihrem trüben Auge; keine Gestalt der Vergangenheit schwebte neben ihr dahin, keine winkte ihr dort, sie alle dekte das Grab – sie alle, denn jene Stimme, die auf dem Kirchhof ihren Verstand zerstört hatte, hielt sie jezt für eine Erscheinung – sie alle, denn an Roger zu denken, war die einzige lebendige, schmerzhafte Seite ihres Herzens, die einzige die kaum hörbar nach Hofnung tönte, und vor der Hofnung schauderte die vom Schiksal zertretene zurük! Endlich aber stieg Berthiers ehrwürdige Gestalt in der leeren Ferne auf – erst kaum sichtbar in dem Entsezen vor der Erinnerung an glükliche Tage zerfliessend, doch bald hatte sie sich klarer ausgebildet, und jezt – jezt hörte Sara jene Worte des tugendhaften[227] Greises wieder: So lange du nicht seine Mitschuldige bist, wirst du nicht ganz erliegen! – Schuldig, zehnfach schuldig war sie durch unbändige Leidenschaft, durch den höchsten Grad des menschlichen Unglüks, durch die Zerstörung aller weiblichen Verhältnisse; aber Seine Mitschuldige war sie nie geworden, nie treulos an ihm, nie Verrätherin am Vaterland – und wiewohl sie mit tiefem Gram sich todt fühlte für diesen grossen Namen, todt für jedes hohe Gefühl, so sehnte sie sich doch aus der öden Verlassenheit nach einem angewiesenen Pfad durch ein unglükliches Daseyn, das sie nicht enden durfte, nachdem es die Natur so sorgsam erhalten hatte. Sich in Berthiers Arme zu retten, ward erst zum Gedanken bei ihr, dann zum Entschluß, und endlich zum wehmüthigen Bedürfniß. Babet war sehr damit einverstanden, bis sie sich erschroken besann, daß die Rebellen hauptsächlich in jener Gegend ihre Fortschritte gemacht hätten. Allein sie rieth ihr[228] umsonst an, zu warten bis die Ihrigen es dort wieder sicher gemacht haben würden; Sara bestand auf ihren Entschluß, wie ein matter Pilger eigensinnig lieber auf hartem Fels unter dem Schuz der Gesträuche ruht, als sich der Gefahr aussezt, während des kurzen Wegs zur nächsten Herberge zu verschmachten. Wenn er lebt, sagte sie, so nimmt er die müde Unglükliche auf, und ich diene ihm wo er auch leben mag – und ist er dahin, so kann ich ja dort dem Tod mich entgegen sehnen wie hier, so habe ich meine Pflicht gethan, und noch einmal versucht, mein Elend zu lindern. – – Sie kamen überein, die Reise zusammen anzutreten; wenige Tage vor der dazu bestimmten Zeit erhielt Babet einen Brief von ihrem Mann, worinn er ihr meldete, daß sein Haufen gegen Saumür rükte, und sie bat, ihren Weg ebenfalls dahin zu nehmen. Diese Nachricht war den beiden Freundinnen sehr willkommen, Babet versprach nun, bis *** mit Sara zu gehen, und dort, bei dem[229] alten Berthier, ihre Verwandlung in einen Streiter des Vaterlands vorzunehmen. Die gute Alte erfuhr von dem Zwek der Reise nur was Sara betraf, und das billigte sie von ganzem Herzen; auch konnte sie es nicht tadeln, daß Babet sie begleiten und bei ihr bleiben wollte, um ihrem Mathieu näher zu seyn.

Mit unaussprechlich wehmüthigem Gefühl betrat nun Sara denselben Weg zurük, den sie im vorigen Jahre nach Paris gekommen war. Oft erkannte sie deutlich, daß ihr Gehirn schon durch Wahnsinn gegangen seyn mußte, um nicht von allen Erinnerungen, die diese Reise aufregte, zerrüttet zu werden. Sie wandelte wie ein Geist neben ihrer treuen Gefährtin; schweigend, ohne Thränen, sanft und ernst ließ sie ihren Blik auf manchem Gegenstand haften, der ihr kleine Scenen aus jenem Zeitpunkt zurükrief – hier hatte sie mit ihrem Kinde übernachtet, dort bei jenem heiter gelegnen Pachthaus hatte sie sich frische[230] Milch für die Kleine geben lassen; dort hatte eine freundliche Wirthin es an ihrer Brust schlafen sehen, und das schöne Kind und die zärtliche junge Mutter gesegnet. Aber bald kamen sie an Stäten, wo der gegenwärtige Jammer die Bilder entflohner Seligkeit verdrängte – sie eilten grausend über Schlachtfelder, und umsonst fragte sie in den zerstörten Dörfern nach einem Bissen Brod, umsonst in den mit Blut durchströmten Straßen verödeter Städte nach einer Herberge. Bleiche Gesichter, Töne der Verzweiflung, finstre Blike schrekten sie von Ort zu Ort. Ueberall wo sie rasteten, von Bildern des Elends, von fürchterlichen Erzählungen empfangen, eilten sie nach Saumür, wie verscheuchte Vögel, die verspätet dem drohenden Nordwind entfliehen wollen, und von Schneefloken verfolgt, über öde Felder und entlaubte Haine flattern.

Menschenalter werden verfliessen, eh sich die schaudervollen Spuren jener Verwüstung[231] verlieren, und das gegenwärtige Geschlecht wird aussterben, ohne daß Glaube an Freiheit, Treue und Frieden in den durch alle Schreknisse gefolterten Seelen der elenden Einwohner sich niederlasse. Der Strich, wo Sara's ehemalige Heimath lag, war seit dem Anfang des Vendeekriegs gerade am unausgeseztesten und grausamsten mitgenommen worden. Saumür selbst war wechselsweise der Royalisten und der Patrioten Grab gewesen; jezt bei der Ankunft der beiden Freundinnen besezten es die Patrioten, obgleich nur mit sehr wenigen Truppen. Hier wollte Sara mit ihrer Gefährtin ausruhen, um neue Kräfte zu ihrer traurigen Wanderschaft zu sammeln, und aus der Gegend, nach welcher sie hinwollten, Erkundigungen einzuziehen. Hier, in einem kleinen abgelegenen Haus – denn das allgemeine Mistrauen, der gegenseitige Verfolgungsgeist machte ihnen die behutsamste Entfernung von allem was sie mit Menschen zusammenbringen konnte, zur Nothwendigkeit[232] – hier hörte Sara zum erstenmale wieder, gleich einer dunkeln Geistersage, L***'s Namen. Vertieft in finstre Betrachtungen über ihr eignes Schiksal, das so fürchterlich mit der Verwüstung um sie her einstimmte, war sie lange nur mit halbem Ohr gegenwärtig, wie die armen Leute, bei denen sie eingekehrt war, von den Leiden, von den Abscheulichkeiten erzählten, die seit mehreren Monaten sie der Reihe nach belagerten. Sie sah zu einem Fenster hinaus, über die Stadtmauer weg, auf die Hügel, die im vorigen Jahr ihr die lezte Aussicht auf ihre Heimath entzogen, und erblikte von fern schon Schutthaufen, wo damals freundliche Dörfer, unter Eichen und Kastanienbäumen verstekt, ihr auf jedem Schritt die Wiege ihrer Kindheit vormahlten. Endlich ward sie aber durch Babets unruhige Blike aufmerksam gemacht, und noch mehr durch die Hofnungen, welche ihre Wirthsleute, eine heimlich royalistische Familie, durch ihr eignes Geschwäz erhizt, immer weniger[233] verstekt äusserten, bis sie endlich mit der lebhaftesten Schwärmerei von einem der Anführer ihrer Partei wie von einem Halbgott sprachen, der zum Erlöser der unterdrükten Gläubigen gesandt wäre. Noch war sein Name nicht ausgesprochen; Babet war nur betroffen, unter diese Partei gerathen zu seyn, und Sara beobachtete mit schmerzlichem Mitleiden den finstern Fanatismus, die unterdrükte Wuth, die nagende Furcht vor Elend, in den Worten dieser Unglüklichen. Je mehr Theilnehmung sie bei Sara zu bemerken glaubten, desto näher rükten sie zu ihr, und erzählten ihr, oder zischelten, wo sie sich geheimnißvoller dünkten, jedoch immer noch hörbar, unter sich, von den Wundern der Heiligen zum Besten ihrer Sache, von ihrer festen Zuversicht, daß der grosse Held sie endlich retten würde, und mit dunkeln Winken gaben sie zu verstehen, daß sie alle für die Sache der Kirche Erschlagenen lebendig wieder in ihre Heimath einziehen zu sehen erwarteten. – Hat man[234] euch schon gesagt, fragte jezt der Sohn vom Haus, ein achtzehnjähriger Jüngling, dessen plumpe starre Züge durch rohe Begeisterung ein zukendes Leben erhielten – hat man euch gesagt, wie in den Trümmern von C** jeden Abend eine feurige Kugel auf dem Gewölbe niedersinkt, wo man seine Gattin und sein Kind ermordet hat, und wie in der stillen Mitternacht eine Gestalt, die einem frommen Einsiedler gleicht, auf dem Stein, wo sie fielen, eine Messe liest? Oft wollten die Ruchlosen ihn stören, aber nie konnten sie durch den unsichtbaren Kreis dringen, den die Heiligen um die geweihte Stätte ziehen. – Der fromme Schwärmer schwieg schon lange, schon lange lauschten die andern mit Ehrfurcht noch auf den Nachhall der schon hundertmal gehörten Erzählung: Sara saß zwischen Erstaunen, Unwillen, und dem leisen Aufbrausen erstikter Rachgier getheilt, wie sie in dem Helden, dem Erlöser des Volks, dem Halbgott, ihren Verderber erkannte. Denn war noch daran[235] zu zweifeln? Er hatte ein ganzes Volk zu seinen Füßen – wer wußte besser als er, Herzen zu gewinnen? Und in C** war es ja gewesen, wo die wilden Krieger Sara's Schmach an seinem Weibe, an seinem Kinde gerächt hatten. – Nun fieng ein andrer aus der kleinen Gemeinde an: wo des holden Knäbleins Blut floß, da sprang ein klarer Wasserquell hervor, aber zu der Stunde wo der Geist die heilige Messe sagt, strömt jedesmal helles Blut daraus in den Forellenbach am Fuße des Felsen. Als er ihren Tod erfuhr, gelobte er, ihnen dort eine Kapelle zu bauen; und der heilige Vater will sie in den Kalender sezen, denn wie lezthin die Katholischen sagten, die sich über den Fluß stahlen, so soll ein Tropfen von dem fliessenden Blut aus der Quelle, Wunden und schwere Krankheiten heilen. – – Krampfhaft zog es Sara's mütterlichen Busen zusammen, da sie L** und sein Kind, und ein andres als das Kind ihrer Liebe nennen hörte, da sie vernahm, wie der vielseitige[236] schwarze Betrüger die Wunder der Religion zur Verherrlichung dieses Kindes aufgeboten hatte, wie er das Blut dieses Sohnes rächen wollte, er, der Mörder ihres Kindes! Sie hätte sich beinahe verrathen, indem sie heftig fragte: und wo ist dieser Held? warum vertheidigte er nicht sein Kind, seinen Heerd? – Etwas befremdet antwortete man ihr, daß er damals gegen die Seeseite mit seinen Haufen gestanden, und durch die frommen Priester wohl gewußt hätte, wie sein Weib und sein Sohn zum Besten des Volks fallen müßten.

In einer unaussprechlichen Verwirrung von Gefühlen, begab sich Sara mit ihrer Freundin auf ihre Kammer, und nun fachte die ungebildete, feurige Babet ihre Leidenschaft durch ihre ungestümme Theilnahme noch an. Ihr kriegerischer Geliebter hatte sie Priesterlist und Aberglauben als die schändlichsten Fesseln, welche ihre Nation gedrükt hätten, betrachten gelehrt; und alles was eben von[237] L*** erzählt worden war, beschuldigte ihn, sich mit der frechsten Heuchelei dieser Kunstgriffe zu bedienen. Heftig rief sie: er opfert ein ganzes Volk, wie er das Weib, das ihn anbetete, geopfert hat! – Sara blieb schweigend und in sich gekehrt; das Licht in welchem L*** ihr jezt erschienen war, erfüllte ihre Seele mit so viel Abscheu, daß ihr ganzes Schiksal ihr um so schreklicher vorkam, je tiefer der Göze sank, zu dessen Opfer sie geworden war. Sie fühlte sich immer mehr vom Menschengeschlecht geschieden, sie fühlte sich immer mehr ein Spiel des grausamsten Zufalls; unsicher, welche neue unerwartete Wunden ihr der nächste Augenblik schlagen würde, sah sie ihm unthätig entgegen, und sezte Babet durch ihre finstre Ruhe in Erstaunen. So viel sie durch ihre behutsame Erkundigungen herausgebracht hatte, war der Strich Landes, welcher bis *** vor ihnen lag, und von da bis **, ein Raub der grausamsten Verheerung. Seit einigen Wochen vollzogen höllische Ungeheuer[238] den unseligen Beschluß, die Schlupfwinkel der Rebellen zu zerstören, an jedem menschlichen Wohnplaz, wo ihr Durst nach Unheil sich lezen konnte, und so hielten sie die fürchterliche Nachlese von Greueln und Unthaten, wo die Rebellen schon ihre blinde Wuth gestillt hatten. Sara schmeichelte sich, daß Berthiers bekannte Freiheitsliebe sein Haus vor den Strafgerichten dieser Partei geschüzt haben würde – ja, sie die an der Vorsehung verzweifelte, glaubte sogar, noch instinktmäsig, so weit an Menschlichkeit, daß sie hofte, sein ehrwürdiges graues Haupt würde selbst den Fanatismus der Rebellen entwafnet haben. Auf jeden Fall folgte sie dem Trieb, der sie dahin rief, und wich jeder Möglichkeit, sich auch hier getäuscht zu finden, furchtsam aus. Ungeduldig, sich von Menschen zu entfernen, deren Religion Verrath an ihren Gegnern zur Pflicht machte, verliessen sie Saumür schon am folgenden Tag, und nahten bald der Gegend, wo Sara, wie ehmals ein von den[239] Göttern Verfolgter im delphischen Tempel, aus Berthiers Mund die Weisung für ihr künftiges Leben erwartete. Kaum bezeichneten ihr noch Hügel und Felsen den wohl bekannten Weg, denn alles was Menschenhand zerstören kann, lag zertrümmert am Boden. Verbrannt strekten die Bäume des Walds ihre Zweige empor, oder lagen in Asche zerfallen über dem Weg, oder bedekten mit ihren zerschlagnen Aesten halb verscharrte Leichname. Rauchende Brandstätten sagten ihnen, wo ehemals Dörfer gestanden hatten, und stiessen sie irgendwo noch auf eine bewohnte Hütte, so scheuchte der Anblik von Menschen die elenden Bewohner heraus. Die Felder lagen zerstampft von den wilden Roßen, zerzaust das Getraide von den Wagenrädern, die Weinberge von Kugeln aufgewühlt. Schwerer und schwerer wurde Sara's Herz. Endlich nahm man sie wenige Stunden von *** in einem Städtchen auf, von welchem Sara sich erinnerte, daß Berthiers Geschäfte ihn sonst[240] öfters hinriefen. Sie merkte bald, daß ihre Wirthsleute und der ganze Ort dem Betrug der Priester entgangen waren, und bei allem Jammer über das gränzenlose Elend, es dennoch der Knechtschaft vorzogen, mit welcher ihnen der Sieg der Katholiken gedroht haben würde. Hier konnte also Sara nach dem Schiksal von *** fragen. Sie hatte unterwegs genug gesehen, um in der schaudervollen Beschreibung, die man ihr von dem Schiksal dieser Commüne machte, keinen neuen Zug zu finden; aber sie ward dadurch zur Verfinsterung des lezten Strahls, der ihrem Pfad leuchtete, vorbereitet – sie erwartete nun Berthiers Tod, denn wie konnte der achtzigjährige Greis diese Greuel wohl überlebt haben? Mit unglaublicher Schnelligkeit wog sie gegen einander ab, was sie jezt noch seyn könnte, und was mit ihr werden möchte, wenn die Hofnung verschwände, die sie hieher geführt hatte. Zum erstenmal, seitdem sie den Entschluß gefaßt hatte, sich in Berthiers[241] Arme zu werfen, erklärte sie sich selbst, daß ein dunkles Verlangen in ihr auf Ruhe, weibliche Bestimmung – auf ein Wesen, das sie mit Liebe umfaßte, hindeutete. Lebte Berthier, so war sie noch einmal Weib, Tochter – Arme, arme Sara! – Im tiefsten Winkel ihrer zerrißnen Brust sprach eine öde, furchtsame – ach eine nach menschlichem Daseyn sich sehnende Stimme Rogers Namen – schaudernd vor der Ahnung von Glük wandte sie sich wieder zu den guten Leuten, die indeß ihr Gespräch mit Babet fortgesezt hatten; und wie der gemarterte Kranke, sein Uebel dem Messer darbietet, und vom nächsten Augenblik Genesung oder Tod erwartet, fragte sie: überlebte der ehrwürdige Berthier das Unglük seiner Landsleute? – Berthier? Ihr kanntet ihn? Er fiel ein frühes Opfer der Rasenden die von C** herstürmten; bei seinen weissen Haaren haben sie ihn in die Kirche geschleift, und dort ermordet, weil er einige Tage vorher eben da zwei wütende Priester[242] ergriffen hatte, die sich am Altar vor dem tausendfach von ihnen beleidigten Gesez retten wollten. Er war der Vater des Volks! Er warnte uns oft vor den Ränken, mit denen man uns umstrikte, er lebte nur für uns, seitdem sein Sohn in das Feld gezogen war, seitdem eine Pflegtochter, die er zärtlich liebte, ihn verlassen hatte – Ja, fiel der Wirth, ein Alter mit redlichem Gesicht, dem Sprechenden in's Wort; wie ich bei der lezten Ernte dort war, fragte ich nach dem guten alten Herrn, der sonst sein Nachbar gewesen war, und da erzählten mir die Leute vieles von seiner Tochter, die der Bürger Berthier so gut wie an Kindesstatt angenommen hatte, und wie ich mit ihm sprach, sagte er: Gott hat mir sie genommen, daß ich gar keine Freude mehr auf Erden hätte als unsre Freiheit! – nun, dort wird er sie haben, denn jeder, der nach ihm gemordet wurde, und jeder, der für die Freiheit starb, wird es ihm dort sagen, wir thun und leiden alles, um sie unsern[243] Kindern zuzusichern – – Der Alte hatte in einfacher Begeisterung gesprochen, und ein matter Strahl von Hofnung goß Leben auf die bleichen, von Schreken entstellten Gesichter um ihn her; aber Sara hörte nichts; wie er die Frage ausgesprochen hatte: kanntet Ihr ihn? hatte sie sich matt auf einen Stuhl niedergesezt – Der lezte Lichtstrahl war geschwunden, und sie fand sich in besinnungslosem Dunkel.

Die treue Babet sah die ganze Hülflosigkeit ihrer Freundin; doch glaubte sie, daß Sara in Berthiers Sohn, dessen man eben erwähnt hatte, noch einen Schuz haben könnte, und sie forschte begierig nach ihm. Schon nach dem Föderationsfest, hieß es, sey der brave Roger nach den Gränzen gegangen – die lezten Nachrichten von ihm hatte man aus Mainz gehabt. Bei dem Namen Roger spann Babet in ihrem Kopf einen luftigen Plan für ihre verlaßne Sara, denn eben diesen Namen erinnerte[244] sie sich von der armen, nur erst aus dem Todesschlummer Erwachten gehört zu haben, und seitdem hatte Sara manche Frage wegen des Schiksals der Föderirten bei der Armee gethan. Roger war in Mainz gewesen, ihr jugendlich hoffendes Herz zweifelte nicht, daß er die Belagerung überlebt hätte, und mit seinen Waffenbrüdern in der Vendee seyn müßte – schon überredete sie sich, er könne gar Mathieu's Zeltkamerad seyn, denn Berthiers Sohn war edel und brav, und mit allen solchen Männern war ihr Mathieu bekannt. Sara war verwaist, ohne Schuz, ohne Zuflucht auf Erden, ohne Zukunft – was wurde aus ihr in dem verheerten Lande, wenn ihre Freundin, ihrem Entschluß treu, zu dem Haufen ihres Mannes stieß? Und der Entschluß war bei jeder eingeäscherten Hütte, bei jedem trauernden Gesichte ihr als heilige Pflicht erschienen – aber Sara sollte ihn theilen, sollte, ausgeschlossen von jeder Bestimmung, diese ergreifen.[245] Mit lebhafter Freude über diese Ideen wekte sie Sara aus ihrer gedankenlosen Starrheit, sezte ihr alles was sie gedacht hatte stürmisch aus einander, und drang heftig in sie, ihrem gefährlichen Umherirren ein Ziel zu sezen, und mit ihr zur Armee zu gehen. Sara war auf den Punkt gekommen, wo bei Neulingen im Unglük tobende Verzweiflung anfängt, das von den Schlägen des Schiksals gestählte Haupt hingegen, mit kalter Geringschäzung der Gefahr, jedem Winke des Zufalls folgt. Hätte ihr Babet einen Dolch gereicht, und gesagt: hier endet deine Verpflichtung zu leben! – sie würde ihn eben so gleichgültig in ihr Herz gedrükt haben, als sie jezt diesen Vorschlag anhörte, und antwortete: auch das, wenn dieser Arm es vermag! –

Babet sorgte nun für alles was zu der Verwandlung erforderlich war, und nach zwei Tagen standen sie und Sara, unter dem Namen André und Verrier, bei derjenigen Abtheilung der Armee, mit welcher das Corps[246] der Mainzer Garnison, wo Mathieu diente, kombinirt war. Nach der ersten Feier, der ersten rührenden Freude des Wiedersehens, befragte Babet ihren Mann auf das genaueste wegen Rogers; aber Mathieu hatte nie etwas von ihm gehört, er konnte in Mainz gewesen seyn, aber schwerlich während der Belagerung; übrigens war er selbst bei dem geschlagenen Corps von einigen Tausenden gewesen, das sich erst kurz vor der Blokade in die Festung geworfen hatte, und dennoch konnte Roger schon längst vorher zu andern Unternehmungen gebraucht worden seyn. Sara hatte bei Babets froher Gewißheit, daß sie Rogern unter ihres Mannes Kameraden finden würden, den Wiederwillen empfunden, den jede Hofnung ihr einflößte. Mathieu's Antworten veränderten keinen ihrer Züge, nur wie sie Babets betrübte, und über die Fehlschlagung halb unwillige Mine sah, schlich ein trübes Lächeln über ihr kaltes Gesicht: laß die Todten ruhen, gute [247] Babet, sagte sie sanft; je mehrere mir schon voran sind, desto eher darf ich den langen Zug beschliessen! – Da ihr Entschluß von Babets heitern Erwartungen unabhängig gewesen war, so änderte diese Täuschung nichts daran. Von dem Geheimniß ihres Geschlechts war ausser Mathieu und Babet niemand unterrichtet; auch ward es ohnedem durch die Vorfälle des Kriegs gesichert, die sie auf lange Zeit von den zärtlichen Eheleuten trennten, und sie sah ihre treue Babet nur wieder, um auch an ihr den Willen ihres alten Schiksals zu erkennen.

Kaum hatte Sara Zeit gehabt, sich mit den unentbehrlichsten Handgriffen ihrer neuen Lebensart bekannt zu machen, als das unerhörte Waffenglük der Royalisten die republikanische Armee zwang, das ganze südliche Ufer der Loire zu räumen, und nach den blutigsten Niederlagen eine neue Anstrengung der Nation abzuwarten, um dem überall sich vervielfältigenden Feinde die Spize zu bieten. Sara[248] kämpfte nicht für ihr Leben, sie kannte also keine Furcht; die Namen Freiheit, Vaterland, schallten dumpf und bedeutungslos, wie aus Gräbern, aus ihrer verödeten Brust zurük – sie kannte also eben so wenig die Uebereilung der Schwärmerei. Sie gieng ruhig in den Streit, betrachtete den Tod in allen seinen Zügen, und wenn er sich ihr nahte, hatte sie ihm seine Schwäche so abgesehen, daß sie ihn wie einen verrathenen Ueberfall von sich schüttelte. Ihre Kameraden nannten sie anfangs den finstern Jungfernknecht, weil ihr schweigender Ernst bei ihrer unter Mannskleidern sehr jugendlich und zart scheinenden Gestalt, ihren Spott erregte. Aber nach dem ersten Gefecht sagten sie ihren Offizieren, dieser Knabe müsse schon in Mutterleibe gefochten haben; er sehe den Kugeln nach als spielte er Federball. Und nun hieß Sara bald der tapfre Verrier; die schwärmenden Jünglinge bei der Armee verhiessen ihm Unsterblichkeit in den Jahrbüchern der Republik, und wenn[249] er fiele, eine Stelle im Pantheon, und sie ward nach einem der blutigsten Tage, auf dem Schlachtfeld selbst, von ihren Kameraden zum Rang ihres Kapitains erhoben.

Ohne daß sie sich dessen bewußt war, da sie jeden hellen Gedanken in die innersten Tiefen ihres Herzens zurükdrängte, hatte sich Sara doch wohl bei ihrem unnatürlichen Entschluß die Waffen zu tragen, L*** als ihren Gegner gedacht; es war nicht so wohl der Wunsch, ihn Arm gegen Arm, Schwert gegen Schwert, vor sich zu haben, als ein düstres Verlangen, in seinem Anblik ihre Seele wieder aufleben zu fühlen, wenn es gleich zur Rache, oder zur Verzweiflung wäre – sie ahnete in diesem Augenblik einen Ausweg aus dem unbestimmten Stillstand ihrer Gefühle. Auch wußte sie diesen sonderbaren Menschen, dessen Karakter, ja dessen Daseyn selbst immer etwas fabelhaftes behalten hat, sehr oft in ihrer Nähe. Unzählige male hörte sie seinen Namen von den Unglüklichen, die unter[250] ihren Streichen fielen, inbrünstig anrufen; und wo die Haufen der Patrioten flohen, war er fast immer Anführer der Feinde. Oft drang sie, Verderben verbreitend, ungestümmer vorwärts, weil sie dort sein weisses Roß sich bäumen zu sehen meinte; aber immer war es, als entzöge ihn eine Wolke ihrem Blik, sobald sie sich ihm näherte; und dann mischte sich ein Tropfen Wildheit in ihr kaltes Blut, und nicht mehr wie ein Todesengel, der mit höheren Befehlen gerüstet, die Sterblichen vernichtet, sondern mit der schreklichen Feindseeligkeit, die Menschenleben gegen eignes Elend aufwiegt, tödtete sie L*** in jedem bewafneten Gegner, und indem sie so über Leichen schritt, wie der Fuß des gleichgültigen Wanderers in welken Blättern rauscht, hatte sie oft sich selbst gleichsam nur durch ein Wunder erhalten. Ihr war jedes Elend, jede Verirrung beschieden, die den Menschen nur treffen können; aber mit der schreklichen Genugthuung, die ihr trauriger Wahn verfolgte, wollte das[251] Schiksal sie doch verschonen, und L***'s bleiche, blutige Gestalt sollte nicht mit unter den Erscheinungen seyn, die ihre Fantasie marterten. In der Schlacht bei Laval, wo L*** den Sieg, den er erfocht, mit tödtlichen Wunden erkaufte, ward sie gleich bei'm ersten Angrif von dem Schlag eines mit Eisen beschlagenen Stoks niedergeworfen, und sie wäre den Feinden in die Hände gefallen, wenn ihre Leute nicht das äusserste gewagt hätten, um ihren tapfern Kapitain zu retten. Man schleppte sie vom Schlachtfeld hinweg, und wie sie wieder zu sich kam, fand sie sich unter den Händen des Wundarztes im Hospital zu Angers. Das eiserne Ende des Stoks hatte ihre linke Schulter gestreift, und den Hintertheil des Kopfs so heftig verlezt, daß der Wundarzt anfangs mit schreklichen Operationen drohte, welche aber, da ihr Blut so kalt und ruhig wie ihr erstorbner Geist dahinfloß, entbehrlich wurden. Wie ihr Bewußtseyn zurükkehrte, und sie zugleich den Schmerz[252] an ihrer Schulter empfand, erschrekte sie der Gedanke, daß diese Verlezung entdekt werden, und bei dem Verband den sie nothwendig machen würde, ihr Geschlecht an den Tag kommen möchte. Sie hatte den Muth, über vierzehn Tage lang eine Quetschung, die ihren linken Arm lähmte, und die Schulter bis zur Brust hinab mit gestoktem Blut schwärzte, für sich im Stillen zu ertragen. Das einzige Mittel, das Zufall und List ihr zu erhalten möglich machten, Salz und kaltes Wasser, durfte sie sogar nur verstohlen anwenden, und sie mußte sich das frische Wasser, wonach ihr Fieberdurst so heiß verlangte, entziehen, um ihr darein getauchtes Schnupftuch, mit etwas Salz, das sie unter allerlei Vorwänden sich verschafte, des Nachts auf ihre Quetschung zu legen, die durch den heftigsten Schmerz in Eiterung überzugehen drohte.

Jedes neue Leiden schien ihr ein Schritt zu dem Ziel ihrer Laufbahn. Still und lauschend auf die Annäherung des freundlichen [253] Genius, der endlich die Fakel ihres Lebens umstürzen würde, lag sie da in unsäglichen Schmerzen, und studierte die mannigfaltigen Wendungen des Todes in ihren Unglüksgefährten um sie her. Wenn ihre Gedanken in die Vergangenheit schweiften, so lächelte sie, wie alle ihre Hofnungen, alle ihre Entwürfe, sie mochten Gutes oder Böses zum Ziel haben, gescheitert waren. Sie gieng alle Erwartungen ihres Lebens durch, von den gutherzig frohen Aussichten, die ihr Antoinettens Kindheit gegeben hatte, bis zu dem Tag, da wilder Durst nach L***'s Blut sie in das Gefängniß vom Karmeliterkloster getrieben hatte, bis zu der lezten Schlacht, von deren Ausgang, so wie von L***'s kurz darauf in Fougeres erfolgten Tod, sie unterrichtet war; und sie fand überall nur Fehlschlagen, Blindheit, Leitung eines feindlichen Geschiks. L***'s Tod schien ihr der lezte Auftritt des Schauspiels, und sie sehnte sich nur noch nach der Gewißheit, daß auch Roger ihr vorausgegangen[254] wäre; den Mangel an Nachricht hinüber fühlte sie wie einen lästigen Aufenthalt im Augenblik der Abreise. Zur Bitterkeit war sie ihrem Ende zu nahe, und zu sehr Weib, um ohne Liebe zu sterben, versöhnte sie sich in ihrem Innern mit der Gottheit, um jenseits mit Liebe zu beginnen. Aber nicht der Tod sollte den Vorhang vor ihren Augen hinwegziehen, ihr Erdenleben selbst sollte den Nebel des Irrthums, der ihre Seele verdunkelte, noch zerstreuen – sie genas, und eilte, das neu erhaltene Daseyn, für welches sie keine bessere Bestimmung kannte, wiederum auf das Spiel zu sezen.

Ihre Compagnie war mit unter den Truppen, welche in der neuen Vendee zusammengezogen wurden, um die tapfre Gegenwehr von Granville, und den Abzug der Royalisten, nach ihrem vereitelten Angrif auf diesen wichtigen Plaz, zu benuzen. Auf dem Marsch dahin hörte Sara manche Umstände von L*** und seinem Tode erzählen; seitdem sie[255] aber selbst sich auf dem Krankenlager so friedlich mit dem Tod besprochen hatte, war keine Rache mehr in ihrem Herzen – sie gönnte auch ihm Ruhe im Grab, und es war ihr oft, als wäre ein Art Schleier über seinen Verbrechen gefallen, da ihn und sein Kind, und ihren hingeschiednen Engel, und alle, alle, dasselbe Element nun beherbergte. So zu einer Art von sanfter Melancholie gestimmt, und von den sehr beschwerlichen Märschen ermüdet, bezog sie ihr Quartier in der Gegend von Avranches, mit einer Sehnsucht nach Stärke und Heiterkeit des Geistes für den folgenden Tag, von welcher sie sich keinen Grund anzugeben wußte. Sie legte sich sogleich zur Ruhe, und blieb ungestört bis nach Sonnenuntergang, da ein Befehl vom General anlangte, um Mitternacht einen wichtigen Posten in der Nähe des Feindes zu besezen, und die Nacht dort zu kampiren. Gleich darauf stürmte eine Anzahl junger Leute von ihrer Compagnie, mit lärmendem Gelächter, und[256] dabei einer gewissen Indignation in ihren Zügen, zu ihr herein, und sie hatte Mühe, einen Augenblik Stillschweigen zu erhalten, während dessen sie ihnen den eben angekommenen Befehl mittheilen konnte. Kapitain, sagte ein junger Mensch, der im Hospital neben ihr verwundet gelegen hatte, und später wie sie wieder hergestellt, mit sanfter Güte von ihr gepflegt wurde, wofür er mit herzlicher Dankbarkeit an ihr hieng – Kapitain, weißt du, daß wir nicht mehr mit Menschen, nicht mehr mit Rebellen, mit Verräthern streiten? Weißt du, daß Protheus L***, mit dem wir, als er Held, Prophet, und sogar halber Pfaffe war, schon so viele Noth hatten, nun auch als Heiliger gegen uns steht? Da haben sie eben eine ganze Heerde solcher Unsinnigen in die Ewigkeit geschikt; die haben sich alle darauf todtschlagen lassen, in drei Tagen hätten sie die Ehre uns wiederzusehen, die Ueberreste ihres grossen Helden brauchten nur ihre Leichname zu berühren, so ströme[257] neues Leben in sie, wie bei'm Schall der Posaune. Und kurz und gut, L*** thut Wunder, und unsre Kameraden balgen sich nun wer weiß wie lange, um seinen Sarg zu erobern, den die Wahnsinnigen mit sich herum schleppen, und mit unerhörter Wuth vertheidigen. – Jezt sprachen alle auf einmal, und von der lächerlichen Seite des Gegenstands zu der wichtigeren übergehend, legten sie einander gegenseitig den Schwur ab, dieses Pfaffenblendwerk bis morgen zu zerstören, oder in dem Versuch zu sterben – Kapitain, rief der erste; du hörst den Schwur! du führst uns, und wir dringen vor; man sagt ohnehin, diesmal werde es Sieg gelten oder Tod – – Tod oder den schändlichen Heiligen! tobten sie alle, und Sara stand betäubt und starr, und empfieng fast ohne Bewußtseyn den Schwur in ihre kalte Hand. Nun ließ sie der tolle Haufen mit ihrem aufgeregten Herzen allein – also nicht einmal im Grabe sollte das feindselige Verhältniß enden? Dem sie lebend,[258] Schwert gegen Schwert, Arm gegen Arm zu begegnen gewünscht hatte, vor dessen Sarg schauderte sie jezt zurük. Umsonst rief sie ihre Vernunft auf, dies Gefühl zu bekämpfen; als die Zeit heranrükte, war die Sehnsucht, morgen nicht wieder zu kehren, die einzige klare Empfindung ihrer zerissenen Seele geblieben.

Die Nacht war trüb und regnigt, feuchte Wolken zogen vom Winde getrieben über die Flur, und nur selten loderten die Wachtfeuer matt aus dem Nebel auf. Verrier lagerte sich bei einer Grube, in welcher einige Bündel Rebstöke brannten, um ihn herum standen oder lagen mehrere seiner Kameraden, hinter ihm im Finstern waren deren zwei, die vertraulich zusammen zischelten. Nach einer Stunde trat der eine an das Feuer, das er schürte, und bat Verrier und die Umliegenden, ihm und seinem Kameraden ein Pläzchen zum Wärmen zu räumen. Indem er Verrier anredete, schien er zu stuzen, und sprach bei'm[259] Niedersizen leise und lebhaft mit dem andern; dieser wandte sich plözlich gegen Sara, die aber nicht Acht auf ihn gab, bis der junge Soldat vor sie trat, und ehrerbietig fragte: Bürger betraten wir nicht vor drei Monaten zusammen diese rühmliche, gefährliche Laufbahn? – Sara erkannte ihre treue Babet; mit der freudigsten Bewegung, die sie seit dem lezten Röcheln ihres Kindes gefühlt hatte, reichte sie ihr die Hand, und gieng mit ihr in die Verschanzung, wohin ihnen Mathieu, der neben Babet gesessen hatte, sogleich folgte. Sara hatte nichts zu sprechen; Babets herzliche Freude, ihres Mannes redlichen Glükwunsch über ihren ehrenvollen Dienst erwiederte sie blos mit der Frage: liebt Ihr euch noch? – Die beiden drükten sich die Hände – Wenn man so oft in Gefahr ist, mit einander zu sterben! rief Mathieu – Wenn er so oft sich vor mich stellt, den Tod statt meiner zu empfangen! sagte Babet – Sara seufzte tief; sie wurden[260] gestört – auf Morgen! sagte Sara, und gab Babet ihre Hand. – Morgen Abend sage ich dir noch einmal was du jezt hörtest, oder unser Tod hat es dir wiederholt! antwortete Babet, und umschlang ihren Geliebten. –

Kalt und stürmisch brach nun der Morgen an. Die Truppen versammelten sich, und erhielten das Zeichen zum Angrif des feindlichen Tages. Der gestrige Schwur schien von dem ganzen Heer abgelegt, mit einer so hartnäkigen Tapferkeit trozte man der unerhörten Gegenwehr des Feindes! Sara's kleiner Haufen stampfte den Boden, denn sie standen weit hinter dem ersten Angrif zurük; und nur der furchtlose Tod der vorderen Reihen tröstete sie mit der Hofnung, daß es auch für sie noch siegen oder sterben! gelten würde. Durch den Rauch unterschied Sara in einer kleinen Entfernung Mathieu und Babet, die ihrem Blik begegnete, und ihr freundlich zunikten. Jezt erhielten sie den Befehl vorzurüken, [261] Sara sah die Beiden, Aug an Auge hangend, den ersten Schrit thun, im nächsten Augenblik riß eine Kugel sie beide nieder – Babet wankte, Mathieu umschlang sie, sie stürzten, die Reihe schloß sich, und schritt über sie fort, dem gleichen Schiksal entgegen.

Auch noch diese! tönte es schmerzlich in Sara's Brust; und sie führte nun die Ihrigen vorwärts, und es war ihr, als habe nun ihre Stunde geschlagen: Tod drohte ihr von allen Seiten, Tod verbreitete sie nach allen Seiten. Bald waren die Vortheile der neueren Kriegskunst hier unnüz, Mann gegen Mann focht auf Leben und Tod den schreklichen Kampf aus. Plözlich erblikte Sara das grosse weisse Panier nahe vor sich, und durch den dünner werdenden Haufen der Feinde ein schwarzes Gerüst mit wallenden Flören – die Märtirerkrone zu den Füssen des Gekreuzigten auf dem hohen Sarg! Sie that einen lauten Schrei; eine Reihe von Leiden[262] verschwand aus ihrem Gedächtniß; Sieg oder Tod! rief begeistert das unglükliche Weib, und stürzte fort, den Leichnam des Geliebten zu erobern. Sieg oder Tod! übertäubte es das Geheul des Schmerzes und der Wuth – und den Sarg umwehten dreifarbige Fahnen, und Sara hielt betäubt das herabgerissene weisse Panier.

Die Rebellen, mit ihrem Heiligthum aller ihrer Kraft beraubt, flohen von allen Seiten, und mit unaussprechlichem Schmerz belastet, folgte Sara dem Triumphzug ihrer Siegsgefährten, finster lächelnd, daß sie noch hätte zweifeln können, ob ihr widersinniges Schiksal sie zwingen würde, seiner Leiche zu folgen. Den folgenden Tag wurde der Sarg, mit vielen erbeuteten Fahnen, Reliquien, Heiligenbildern, auf dem behaupteten Schlachtfeld verbrannt. Der tapfre Haufe, dem man den Sieg verdankte, schloß den nächsten Kreis um den Holzstoß, und Sara's zitternde Stimme erstarb in dem rauschenden Hymnus[263] der Menge, da sie die lezten Ueberreste dessen der ihr alles gewesen war, der sie dem Glük und der Menschheit entrissen hatte, in röthlichen Flammen emporlodern sah. –


Nun lernte sie sich nach und nach wie einen abgeschiednen Geist betrachten, den ein wunderbarer Götterspruch verurtheilte, auf dieser Erde die Schuld seiner Menschheit zu büssen. Hätte sie noch ein Glük zu verlieren gehabt, so würde sie es lächelnd hingegeben haben; denn sie fand den Schmerz ihres Herzens nun so kindisch! Es war ja zum Schmerz geschaffen! – Diesen Ideengang hätte sie schwerlich ohne einen Rükfall in ihren Wahnsinn ertragen, wenn nicht alle Umstände, die sie umgaben, sie so völlig aus ihrer ursprünglichen Bestimmung gerissen hätten. Nun gieng sie jeden Tag mit einer Art von Neugierde Scenen des Elends entgegen, und im Elend fand die Arme eine geheime Labung für ihr Herz. Sie hatte den Abscheulichkeiten, die[264] man verübte, wie dem Spiel höherer Wesen mit dem verirrten Geschlechte der Menschen zugesehen. Sie hatte geschlachtet, wie ihre blutbelasteten Gefährten, wo ein unumgänglicher Befehl sprach, ihr empörtes Herz bitter verhöhnend, und sich als willenloses, blindes Werkzeug betrachtend; sie hatte gerettet, so oft ihr gegen den unbewehrten flehenden Feind freie Hand gelassen war. Man gönnte jezt den Truppen, welche die meisten Mühseligkeiten bestanden hatten, so weit es die Umstände gestatteten, einige Ruhe, indem man sie vom Mittelpunkt des Kriegs hinweg, in jene abgelegnere Gegenden zog, wo die unglüklichen Feinde, von ihren Sammelpläzen abgeschnitten, von allen Hülfsmitteln entblößt, in den öden Wäldern und Morästen wie wilde Thiere gejagt wurden. Der tausendfache Jammer, den diese abscheulichen Maasregeln hervorbrachten, bot Sara tausend Veranlassungen, zu helfen und zu retten. Oft gieng sie, mit einigen Kriegsgefährten,[265] die zu menschlich fühlten, um unbarmherzigen Feindeshaß mit Tapferkeit zu verwechseln, in feuchten kalten Nächten auf die Menschenjagd; und sie brachten halb verhungerte Kinder, Jungfrauen und Weiber, als ehrenvolle Beute zurük, und übergaben sie in dieser oder jener kleinen Stadt den mitleidigen Bürgern, die sie mit reiner Menschlichkeit aufnahmen, pflegten, verbargen, keinen Verrath von Geschöpfen befürchtend, an welchen sie Bruderpflichten erfüllten. Wenn die Unglüklichen, mit Speise erquikt, ihre Retter segneten, wenn die zitternden Mädchen ihren Dank auf den Händen der gerührten Krieger weinten, wenn die hülflosen Kinder, in Sara's Mantel gehüllt, an ihrem, unter der Verkleidung, von mütterlichen Erinnerungen klopfenden Busen erwärmt, ihre kleinen Arme um ihren Hals schlugen, und bis ein schüzendes Dach erreicht war, oft an ihrer Schulter einschliefen – da konnte Sara wohl zu Augenbliken ihres Schiksals vergessen, oder[266] mit feierlicher Rührung in den Wegen selbst, die es sie zu diesem Genuß geführt hatte, einen wunderbaren und hohen Sinn ahnen. Der schöne Bund blieb unentdekt, der wohlthätige Ungehorsam ungestraft – Bosheit entgeht dem Verrath nicht, Mitschuldige selbst werden Verräther; aber selbst der Bösewicht verräth die Tugend selten, wenn sie nur seinen Vortheil nicht schmälert.

Sara's militairische Bestimmung führte sie auf einige Zeit nach Nantes. Im Mittelpunkt dieser grossen, jezt von den Feinden nicht mehr beunruhigten Stadt, giengen damals Greuel vor, die ihr, welche seit Monaten in den blutigsten Scenen des Bürgerkriegs lebte, bisher unbekannt gewesen waren. Sie sah mit ihren tapfern Gefährten einige von den unmenschlichen Gerichten, an denen ein grosser Theil von Europa vielleicht noch zweifeln würde, wenn nicht seitdem die Revolution selbst diese Unthaten vor ihr Tribunal gezogen hätte. Während ihres Aufenthalts in[267] Nantes erhielt man die Nachricht, daß in der Gegend von C** sich wieder einzelne Rotten von Rebellen sehen liessen, denen verschiedne zerstörte Schlösser, und unter andern auch dieses Stammschloß ihres berühmten Anführers, zum Schlupfwinkel dienten. Eine Anzahl Truppen, wozu auch Verriers Haufen gehörte, wurde beordnet über die Loire zu gehen, um die disseits befindlichen Kriegsvölker zu verstärken. Die armen Menschen, welche durch die unerbittliche Grausamkeit ihrer Gegner und ihr rettungsloses Elend jezt mehr wie durch die Anhänglichkeit an ihre Partei, bei dem Aufruhr erhalten wurden, waren in der unwirthbaren Jahrszeit bald bezwungen und aufgetrieben. Nur C** blieb übrig, das man in der ganzen Gegend noch immer für einen Sammelplaz der Rebellen hielt; unter Menschen, denen das Abentheuerlichste immer das Glaublichste war, trug man sich noch mit manchen Sagen, die mehr oder weniger mit den schauderhaften Mährchen zusammenstimmten,[268] welche Sara vor einigen Monaten in Saumür gehört hatte. Die Nähe dieser Ruinen hatte für Sara etwas ahnungsvolles, dem sie mit Wohlgefallen nachhieng – als ihr Glaube an Glük und Menschheit noch blühte, waren diese schwarzen Steinhaufen das unbekannte Eden, in welches ihre Träume sie zu versezen pflegten; dort als L***'s Gattin zu leben, dort sein Kind zu erziehen, diese Ueberbleibsel alter Tugenden und Vorurtheile mit den sanften Farben der Freiheit, der Gleichheit, und der allgemeinen Glükseligkeit zu verjüngen, war damals so oft die frohe Aussicht ihres liebevollen Herzens. Jezt keimten Moose aus den umgestürzten Trümmern, und Geister der Erschlagenen waren ihre einzigen Bewohner! Sara's Schiksal, das sie mit unbarmherzigem gleichem Schritt der Erfüllung zuführte, ließ den Auftrag, diese verdächtigen Ruinen zu untersuchen, auf sie fallen; ein kleiner Haufen wurde mit ihr beordnet und zog nach dem Schloß,[269] dessen weitläuftiger Bezirk auf jeder zugänglichen Stelle, jedoch ohne allen Erfolg, durchstrichen wurde. Man fand in keinem der noch vorhandnen Gemächer, in keinem der vielen Gewölbe, die mindeste Spur irgend eines lebendigen Wesens – nichts als ausgebrannte Mauern über der Erde, Moder und Verwesung und verschüttete Leichname unter derselben. Sara schritt bei dieser Nachforschung vor den andern her, selbst einer der nächtlichen Erscheinungen gleichend, von welchen die sie begleitenden Landleute ohne Unterlaß erzählten. In einem der Höfe, am Eingang eines verfallenen Thurms, der dicht am Abhang eines Felsen gebaut war, führten sie die Bauern vor einen grossen Stein, der vom Gesimse der Warte herabgefallen schien – hier, sagten sie, erschlug man seine Gattin und sein Kind; und nun erfolgte fast die nämliche Litanei von Zeichen und Wundern, mit welcher ihre frommen Wirthsleute in Saumür sie unterhalten hatten. Hier war[270] es, wo jede Mitternacht die feurige Kugel niedersank, und mit einem dumpfen Donner zerfloß; dieser Stein war es, wo die Quelle entspringen, wo jede Nacht der Eremit Messe lesen sollte. Unwillkührliches Entsezen ergrif Sara an dieser Stelle; aber halb aus Wohlgefallen an den schreklichen Bildern, die hier sie umgaben, halb weil es ihre Pflicht war, jede Vorsicht zu gebrauchen, beschloß sie, einige Nächte mit den Ihrigen in diesen Ruinen zu wachen. Ihre ungeduldigen Landsleute bequemten sich ziemlich ungern, die harten Winternächte in diesen unwirthbaren Trümmern zuzubringen; und wie die ersten vier und zwanzig Stunden verstrichen waren, ohne daß man das mindeste wahrnahm, lagen sie ihrem Kapitain an, sie nach dem nächsten Fleken zurükgehen zu lassen. Selbst von der Unnöthigkeit eines längern Aufenthalts überzeugt, gab Sara ihre Einwilligung. War es aber eine dunkle Ahnung, daß ihr Geschäft hier doch noch nicht vollbracht seyn möchte,[271] oder war es Liebe zum Wunderbaren, die in uns wächst, je mehr unser Weg von der gewöhnliche Bahn abweicht, oder hieng sie bloß jener bei unwiderruflich Unglüklichen so natürlichen Freude an Gräbern und Gegenständen des Jammers nach – genug sie that einigen von den jüngern Männern, die auf ihren menschlichen Zügen in die Wälder disseits der Loire ihre Begleiter gewesen waren, den Vorschlag, noch eine Nacht mit ihr auf dem Schlosse zu wachen; er wurde fröhlich genehmigt, und Sara brach mit einem sonderbaren heitern Muth, und zugleich mit einem unerklärlichen Schauder, dahin auf. Wenigstens wußte sie, daß mit ihren heutigen Gefährten Rache und Muthwillen gegen den wehrlosen Feind das Unternehmen nicht befleken würde. Sie lagerten sich ihrer zwanzig, einige Stunden nach Sonnenuntergang, in einem Gemäuer am Eingang des ersten Vorhofs, dessen Thorgewölbe so verschüttet war, daß man nicht anders als von der entgegengesezten[272] Seite, oder über eine der Breschen, in das Innere des Schlosses dringen konnte. Dieser Ort mochte ehemals die Wohnung des Thorwärters gewesen seyn, und er war von allen Gebäuden des Schlosses noch der unversehrteste. Hier hatten sie über die Schutthaufen hin die Aussicht auf den Thurm, wo der fabelhafte Stein lag, und näher vor sich auf den Eingang eines Gewölbes, in dessen Tiefe ein verfallner Brunnen war, der am Fuß des Felsen in das Thal floß. Verriers Begleiter – so wenig eine so grosse Anzahl Menschen durch feinere Gefühle ganz zusammenhängen konnten – hatten doch schon alle das Glük des Wohlthuns, und den Stolz der Tapferkeit geschmekt, sie hatten zusammen dem Tode getrozt und das Leben von Unschuldigen gerettet, in beiden Fällen ihren braven Kapitain an ihrer Spize: sie hatten also einen menschlicheren, aber auch strengeren Begrif von ihrer Pflicht als Krieger und Patrioten. Selten war ihnen eine so stille Nachtwache[273] geworden wie die heutige, und wohl niemals hatten die Umstände sie so feierlich gestimmt. Es war eine wunderbar milde Nacht für die Jahrszeit; mit Sternen übersäet, flimmerte der Himmel durch einen leichten Nebelflor; die Luft wehte stoßweise, als bemühte sie sich umsonst, den verhüllenden Schleier durchzureissen. Tiefes ödes Schweigen umgab die treuen Kriegsgefährten, sie hörten jedes Gewürm in dem Gemäuer neben ihnen, sie vernahmen das Rollen jedes Steines, der vom Regen losgeweicht bei den leichten Windstössen von den morschen Massen herabbrach. Sara stand am Eingang des Gebäudes, ihr Blik irrte unablässig auf dem öden Schauplaz umher, und ruhte nur von Zeit zu Zeit auf der Gegend des Thurms, bei'm Opferaltar ihrer ehemaligen Feinde. Immer weicher und sanfter ward ihr Herz, die lezten Spuren von Bitterkeit schienen sich an dieser Stätte zu verlieren; sie fühlte sich nur in dem allgemeinen Strudel der menschlichen[274] Schiksale mit fortgerissen, und hätte sie so bei dem blutigen Felsstük gestanden, sie hätte mit der Versöhnung Thränen ihn rein gewaschen! –

Mitternacht mochte sich jezt nahen. Zwar verkündete sie keine Gloke aus den verwüsteten Dörfern rings umher, diese verstummten längst; statt dem Landmann ihr stündliches: Gedenke an den Tod zuzurufen, schleuderten sie jezt, in Kanonen und Mörser umgestaltet, Vernichtung in seine friedliche Hütte – aber einzelner Hahnenruf tönte durch die Stille, und heller flimmerten die Sterne in ihrer nächtlichen Höhe. Jezt hörte Sara zu ihrer Linken ein dumpfes Geräusch, wie aus der Tiefe des Brunnenkellers. Sie zog leise einen ihrer Gefährten zu sich, um mit ihm zu lauschen. Bald sahen sie aus dem Bergschlund eine Gestalt in Eremitenkleidung hervorschleichen, eine schwere Last auf dem Haupte, die sie tief keuchend zu tragen schien. Ein Schauder überlief alle, ihr Anführer nahm die Stellung[275] eines Menschen, der einen Angrif erwartet; mechanisch wollte ihre physische Kraft ihr aushelfen, da ihr Geist erstarrte. Die Erscheinung wandelte über den Hof, schien über dem Schutt zu schweben, und schon glaubten sie die Zuschauer verschwunden, als sie im andern innern Hof wieder hervortrat, und gegen den Stein wankte. Hier hob sie ihre Last vom Haupte, und verbarg sich einen Augenblik im Innern des Thurms. Bald kam sie wieder heraus, und bükte sich neben dem Felsstük, wo in dem Augenblik ein blutig feuriger Schein aufstieg, der, in einen schwarzen Rauch aufgelöst, die Gegenstände mit Nebel umzog. Dorthin! flüsterten die Krieger sich jezt leise zu, und schlugen Feuer, um Fakeln, die sie mitgebracht hatten, anzuzünden. Sara wies ihnen ihre Posten an, und rief ihnen feierlich zu: Tod den Verräthern, und Schuz den Hülflosen! – Schuz den Hülflosen, antworteten alle, und unerbittliche Strenge den Rebellen! – Sie folgten ihrem Kapitain,[276] der einige von ihnen am Eingang des Brunnenlochs stellte, und die andern um eine enge Höle, die sie jezt, nachdem der rothe Schein vor dem Fakellicht erloschen war, an der Stelle des Steins entdekten. Sara stieg durch die Oefnung hinab, die sich bald erweiterte, und sie fand sich in einem Gewölbe, das von einer Lampe erhellt war, und worinn eine Menge Waffen aufgehäuft lagen. Hier sammelten sich sechs von ihren Begleitern; allein indem sie sich nach einem weiteren Ausgang umsahen, hörten sie zuerst ein Gemurmel, dann ein durchdringendes Geschrei, worauf plözlich hinter den Waffenhaufen einige Menschen hervordrangen, die mit verzweifelter Wuth auf sie stürzten. Sie fochten wie Geister; ohne einen Laut von sich zu geben, hieben sie vor sich zu: (Schießgewehr schienen sie nicht zu haben, und in dem Handgemenge, zu welchem der enge Raum zwang, ward es auch Verriers Haufen unnüz) – eben so stumm empfiengen sie ihre Wunden,[277] und stürzten zu Boden. Doch aus dem Innern des Gewölbes tönte Jammergeheul, Gewinsel, und wenn ein Augenblik von Stille dazwischenkam, konnte man die klagende Stimme eines Kindes unterscheiden, die aber jedesmal von lauterem Geheul bedekt wurde, so oft neue Gespenster aus dem Dunkel hervortraten, die Gefallnen zu ersezen. Sara und ihre Gefährten hatten bei dem sonst so unverhältnißmäßigen Kampf diesen Vortheil, daß sie mit dem Gesicht gegen die Seite standen, von welcher der Angrif sich beständig erneuerte, und so wegen des Mangels am Plaz, der ihren Feinden in dem Hinterhalt übrig war, aus welchem sie hervortraten, deren nie mehr als eine höchstens ihnen gleiche Anzahl abzuwehren hatten. Vier Republikaner waren indeß gefallen, allein andre, die auf ihres Anführers Ruf hinunterstiegen, hatten die Reihe ergänzt. Das Geschrei in der Höle ward jezt schwächer, und obwohl noch einige Feinde fielen, drangen deren keine mehr[278] an ihre Stelle. Sara wollte nun das traurige Gefecht enden, sie wich im Mittelpunkt zurük gegen den Eingang; einer von den Feinden, der am heftigsten, und immer an der Spize gefochten hatte, den die andern mit ihren Leibern zu deken schienen, drang ihr nach; die Feinde gewannen Raum, aber Sara's List gelang, ihre Leute umzingelten die Unvorsichtigen am Eingang ihrer Höle, und bald waren sie niedergeworfen und entwafnet. Ihr Anführer allein stand noch unbezwungen, allein kaum sah er, daß seine Gefährten keinen Widerstand mehr thun konnten, so senkte er sein Schwert, und näherte sich Sara mit einem Anstand, der keinen der Sieger über seine Absichten in Zweifel ließ. – Mein Leben ist verwürkt, sagte er mit einer männlichen Ruhe; ich könnte es zwar noch theuer verkaufen, aber auf euren Blutgerüsten kann es jenen Unglüklichen – er deutete auf das Innere der Höle, die Verriers Leute besezt hielten – mehr nüzen, als wenn ich es[279] hier opfre. – Er griff nach Verriers Hand: Kommen Sie; wenn Sie kein Ungeheuer sind, so wird es mir gelingen. Und meine Abgeordneten nannten mir ja den tapfern Verrier, den mit seinem Haufen die Unglüklichen an der Loire und Mayenne segnen – –

Sara's innerstes Herz war aufgeregt, seitdem der Fremde seine Stimme erhoben hatte; unfähig die Worte zu vernehmen, hörte sie nur diesen Ton, den ein tausendfaches Echo in ihrer bebenden Brust wiederholte, und der ihr doch unbekannt war. Sie folgte ihm mechanisch in die innere Höle. Diese war schwach erleuchtet, aber bald erhellten sie die Fakeln von Verriers Leuten so gut, daß man alle Gegenstände unterscheiden konnte. Ein junges schönes Weib lag, wie es schien, todt auf einem Lager hingestrekt. Ein blühender Knabe, dessen himmelblaues Auge in Thränen schwamm, hob den Kopf von dem Schooß der Todten auf, und lief, wie er den[280] Fremden erblikte, mit offnen Armen auf ihn zu, und lallte klagend: Theodor, die Mutter! die Mutter! – Sara fuhr zusammen, wie von einem Blizstrahl getroffen, faßte den Fremden in's Auge, der sich gebükt hatte, um das Kind aufzunehmen, und dessen Gesicht jezt von der niedrig hängenden Lampe erleuchtet ward – Theodor! rief sie, wankte, und fiel ihren herbei eilenden Begleitern in die Arme.

Der Fremde sezte verwundert das Kind nieder, und sah den Soldaten zu, die einander zuriefen, es sey die Luft im Gewölbe, von der er erstike, und ihren Kapitain gegen die Oefnung führen wollten – Nein, sagte einer aus dem Haufen, er kann verwundet seyn – Und sogleich riß man Sara's Kleid auf, und entblöste ihre Brust, und alle, die sie umgaben, riefen mit dem Ausdruk des unbeschreiblichsten Erstaunens: Es ist ein Weib! – Verrier ein Weib! wiederholten die ferner Stehenden, und der Fremde trat mit ihnen[281] herbei. Sara lag, auf die Knie eines ihrer Soldaten gestüzt, am Boden; ihr Arm war durch das Herabziehen ihrer Kleidung ganz unbedekt, ihr Busen offen und weiß wie Schnee, ihr Gesicht zwar von der Sonne und der Luft geschwärzt, aber noch so schön, von so feinem schwarzen Haare beschattet, das bei der zurükgebognen Stellung ihres Kopfes ihre edle Stirne bliken ließ – Der Fremde starrte sie an, rief mit dem Ausdruk des Entsezens: Sara, meine Schwester! – und stürzte zu ihren Füssen.

Verriers Gefährten standen betäubt; – das ohnmächtige Weib, das sich jezt langsam aus dem Todesschlaf erhob, war ihr tapfrer Kapitain, und war dieses Rebellen Schwester! Aber in ihren rauhen Sitten vergaßen sie Spott und Verwunderung, und stießen nur mit Abscheu den Verräther von ihrem Kameraden zurük. Sara war jezt erwacht, sie raffte sich langsam auf, machte sich von ihnen los, und schloß schweigend, doch nicht[282] mit dem Verstummen der Freude, sondern mit jenem fürchterlichen Schweigen, da der erschöpfte Geist seine lezten Kräfte aufbietet, den wiedergefundenen Bruder in ihre Arme. Der Knabe hatte den kurzen Augenblik ängstlich zugesehen, jezt klammerte er seine beiden Arme um die unglüklichen Geschwister: sein kleines gepreßtes Herz hofte Trost und Hülfe, wo er den Ausdruk der Liebe erblikte. Unter Sara's Gefährten entstand ein unruhiges Murren; der älteste, ein redliches, rauhes Gesicht, zog sie von ihrem Bruder hinweg: Kapitain, sagte er trozig, bis du deine Autorität bei unserm Chef niedergelegt hast, sind wir Dir Gehorsam schuldig, so wenig dein Geschlecht sich mit dieser Autorität reimt; vergissest Du aber Deine Waffenbrüder über diesen Rebellen, so bin ich der nächste, meine Kameraden von Verlezung des Gesezes zurükzuhalten – Sara entfernte sich einige Schritte von Theodor, und übersah mit einem Blik, der nach Fassung rang, den ganzen[283] Schauplaz – sie hielt eine Minute schaudernd die Hand über die Augen, versuchte zu sprechen, und wandte sich endlich mit einer Stimme, deren hohler, gewaltsam angestrengter Ton in den Winkeln des schwarzen Gewölbes wie die lezten Worte eines Sterbenden verhallte, gegen die Umstehenden: Nein, Brüder und Freunde, wenn ich so glüklich war, euch oft zum Sieg, immer zur Befolgung der Geseze und zur Ausübung der Menschlichkeit anzuführen, so ward ich selbst von Grundsäzen geleitet, die auch in diesem Augenblik, da mich der grausamste Schlag des Schiksals trift, mich noch würdig machen, zum leztenmal Gehorsam von euch zu fordern – – Sie hielt inne; über sich selbst erhaben, in reiner Begeisterung stand sie da; ihr Auge blizte, wie sie wieder anhob, war ihre Stimme fest; ihr schöner, noch halb entblößter Busen klopfte hoch, und indem er bewies, daß sie ein Weib war, löste sich der Schauder, den ihr Wesen erregte, in stiller[284] Bewunderung auf – ihre Kriegsgefährten fühlten diesen Zauber, und traten ehrerbietig zurük. Dieser Mann ist mein Bruder, sagte sie; seit drei Jahren trennte ihn sein trauriger Irrthum von mir, vom väterlichen Haus. Ich glaubte ihn nach dem zehnten August für jeden Irrthum bestraft – er lebt, und meine und eure Pflicht übergibt ihn jezt dem Gesez, mit allen, die unserm Schwert entgiengen. Dieses Kind – Hier unterbrach sie sich, und ergriff die Hand des Knaben: Bruder, sage dort deiner Gattin, ich werde ihm Mutter seyn; sage ihr, dieses Kind allein mache mich diese Stunde überstehen – Theodor schien von ihr zu gleicher Begeisterung emporgehoben; er hörte ihr ruhig zu, und wie sie geendet hatte, sagte er gerührt: Ja ich erkenne den Gang unsers Schiksals! Nur auf diesen blutigen Wegen sollten wir uns wieder treffen, aber unsre Seelen sind ewig vereint – Ja empfange diesen holden Knaben von meiner Hand; doch nicht, wie du glaubst,[285] hängt er mit dem Fluche zusammen, der schon bei unsrer Geburt, der vor uns schon über unsern Vater ausgesprochen ward. Jene Erblaßte, die der Schreken über euern Sieg tödtete, war nicht mein Weib; mein Weib hat nie Unglük und Gefahr mit mir getheilt – Er nahm den Knaben in die Höhe, und legte ihn in Sara's Arme: Weihe L***'s Sohn dem Vaterland, gegen das wir Rasende stritten! Diese Rache sparte dir das Schiksal auf, zum Ersaz für grausame Leiden, zur Büssung deines fürchterlichen Unglüks! –

Sara hielt den Knaben, der sie und alles umher ängstlich anstaunte, und jezt vom Arme des Unbekannten sich zur todten Mutter hinbog – Sara hielt ihn fester, ja heftiger, sie zitterte unter dem Sturm, der ihre Seele zerriß. Endlich hatte sie den Sturm überstanden; sie kniete, den Knaben im Arm, im Kreis der erstaunten Gefährten: Ja, ich folge deinem Ruf, unbegreifliches Schiksal![286] Hier vor dieser Entselten, vor dem Bruder, vor diesen allen, die mit ihm dem Tode geweiht sind, hier in eure Hände, meine Mitbürger, lege ich den Schwur ab: Des Knaben Tugenden sollen einst seines Vaters Verbrechen versöhnen! – Sie stand auf, eine schöne Verwandlung schien in ihrem ganzen Wesen vorzugehen: ehemals hatte ihr finsterer Blik, der ausdrukslos dumpfe Ton ihrer Stimme, ihre trozig feste Stellung, jeden Verdacht, den ihre zarte Haut, ihre sanft herabfallenden Schultern, ihre schnell erschöpfte Brust erregen konnten, abgeleitet; jezt stand sie unverkennbar ein weiches, unglükliches Weib, wehmüthig zukte der Mund, der so lange das Gefühl wegtrozte, unverhalten drängten sich grosse Thränen aus dem nun milderen Auge – mit einer schmerzvollen Stimme, die tief in den Herzen der Anwesenden erklang, mit einem Arm das Kind fest an ihren Busen drükend, mit der andern Hand den Hut herabnehmend, und den Säbel von der Seite[287] losgürtend, wandte sie sich zu dem Mann, der sie vorher so störrisch angeredet hatte, und indem sie ihm beides übergab: Braver Mann, sagte sie, du brauchtest dich deines Kapitains nie zu schämen! Nun führe mich zu unserm Chef, daß ich ihm Rechenschaft von dieser Nacht ablege, – erst aber verordne, was unterdessen mit deinen Gefangenen geschehen soll. Und ihr, Kameraden – noch einmal laßt mich euch so nennen – Ihr werdet alle für mich zeugen, damit man mir dieses Kind nicht entreisse. Lebt wohl – dienet dem Vaterland – sichert unsre Freiheit – Sie hob ihre schönen Augen gen Himmel, hielt das Kind in ihren Armen empor: Freiheit! Für die mein Blut floß, für die ich so vieles fliessen sah – zum erstenmal mir wahrhaft heilig und theuer, um dieses verwaißten Geschöpfs willen! – – Theodor schien sein Schiksal, seine Zukunft vergessen zu haben, er stand, sein Auge entzükt auf Sara geheftet – er sah in ihr dasselbe Wesen wieder,[288] in welchem er seit seiner ersten Jugend das Ideal des Weibes angebetet hatte. Die Krieger drängten sich, die meisten mit nassem Blik, zu Sara, jeder schwor ihr Achtung und Liebe, jeder schwor, das Kind zu vertheidigen und zu erhalten; jeder bat sie wehmüthig, ihm zu verzeihen, wenn seine Pflicht ihm gegen ihren Bruder nicht ein Gleiches erlaubte.

Die Gefangenen wurden versammelt und abgeführt, die Todten wurden verscharrt; und auf Sara's Bitte begrub man L***'s unglükliche Wittwe in dem nämlichen Gewölbe, wo sie ihr angstvolles Ende gefunden hatte. Sara stand neben der Leiche, bedekte das blasse Gesicht der Entseelten, und gedachte ihrer eignen ahnungsvollen Worte: Als seine Wittwe sehen Sie mich wieder!

Auf dem Weg von den Ruinen zu dem Hauptquartier wetteiferten Sara's ehemalige Gefährten, den kleinen Hyppolit seiner Pflegmutter abzunehmen; keinem fiel ein ungeziemender[289] Scherz ein, sie schienen ihre ganze Achtung für Verrier, den braven Soldaten, auf Sara, das unglükliche Weib, übergetragen zu haben. Diese gieng matt, als wäre mit der Entdekung ihres Geschlechts dessen ganze Schwäche zurükgekehrt, neben ihrem Bruder; und mit Bliken und Minen, die wohl bezeugten, daß er sich vom Leben hienieden schon losgerissen hatte, winkte ihr Theodor Muth und Liebe zu. Wenn von Zeit zu Zeit der Zug anhielt, nahte sie sich ihm, und küßte das Ende der Strike, die ihn mit seinen Unglüksgefährten zusammenfesselten. Als sie gegen Mittag ankamen, war ihnen ihr nächtliches Abentheuer, auf hunderderterlei Art erzählt, schon vorausgeflogen; Sara verlor keine Zeit, um sich einen weiblichen Anzug zu verschaffen, und in diesem, ihren Pflegsohn auf dem Arm, begab sie sich sogleich zu ihrem General. Sie gab ihm mit bescheidnem Wesen, und einem Erröthen, das auf ihren durch den Kriegsdienst verhärteten[290] Zügen den vollen Ausdruk der Weiblichkeit wiederherstellte, Rechenschaft von den Gründen, die sie bewogen hatten, die neueren Dekrete zu umgehen, durch welche ihr Geschlecht von der unnatürlichen Laufbahn des Kriegs ausgeschlossen war; sie gab ihm Rechenschaft von ihrer hülflosen Lage, von ihrer Verzweiflung über Berthiers Tod, als sie diesen Entschluß ergriff; sie nannte ihm die Gefechte, an denen sie, seit ihrer Aufnahme unter den Truppen, theilgenommen hatte, und forderte dann mit edelm Stolz das Zeugniß ihrer Waffenbrüder auf, ob sie nicht stets als ihr Kamerad, ohne einen Schatten von Verdacht auf ihr Geschlecht, von ihnen geliebt und geehrt worden wäre? Einstimmig lautete dieses Zeugniß, und das reinste herzlichste Lob aus dem Munde aller. Der junge Mensch, der neben ihr im Hospital gelegen, den sie gepflegt und nie verlassen hatte, sezte unter hervorstürzenden Thränen hinzu: nur der kleinste Theil von uns ist übrig geblieben, seitdem[291] sie uns anführt, die meisten liegen im Felde verscharrt; aber ich war immer an ihrer Seite, ich sah sie mit dem Tode kämpfen, und weder Muth noch Ehrbarkeit verliessen sie je – der General gab ihr einen rühmlichen Abschied; doch ehe sie gieng, sagte sie noch mit erstikter Stimme, und die Hand auf ihr bebendes Herz gelegt: Ich höre, daß mein Bruder morgen früh zum Tode geführt wird – ob ich einen Versuch machte, den Rebellen zu retten, werden diese redlichen Bürger mir bezeugen! Vergönne mir, den sterbenden Bruder zu trösten! – Es ward ihr bewilligt.

Theodor und Sara brachten die ganze Nacht mit einander zu. Der Inhalt ihres Gesprächs ist leicht zu errathen. Wenn ein verunglükter Reisender mit seinem Weibe, seinen Kindern, mit allem, was ihm theuer ist, an eine wüste, unwirthbare Küste geworfen würde, wenn er, die ersten Tage noch von Hofnung belebt, die Geliebten in das wilde Land hineinführte, dann sie mit Bedürfnissen[292] umringt sähe, und umsonst nach Hülfe umher irrte, so würde bei dem ersten Gegenstand seiner Sorge, der dem Verhängniß unterläge, sein ganzes Wesen sich empören – doch bei dem zweiten wafnet er sich mit fürchterlichem Muthe, und jezt verliert er sie nach und nach alle, durch den grausamen Hunger, oder zerrissen von wilden Thieren, oder verglühend von der Schlangen giftigem Biß – da blikt er auf die übrigen, schaudert nur vor der Dauer des Kampfes zwischen ihrem Leben und dem unvermeidlichen Tod – endlich sizt er neben dem lezten Sterbenden, müde harrend, wie eine Mutter auf den Schlaf ihres Säuglings, um selbst zur Ruhe zu gehen! So vergiengen erst seine Hofnungen, dann seine Wünsche, dann auch sein Groll gegen das Unglük – Er lauscht auf den nahen Tod, wie er den lezten Geliebten aus seinen Armen windet – jezt ist auch dieser dahin, und auf seinem Grabhügel schlummert er den ersten Schlaf. Einem solchen Schlaf entgegen sehend, erzählte [293] Sara ihrem Bruder, oder hörte abgebrochen die Hauptzüge seiner Geschichte, von seiner Flucht bis zu diesem schröklichen Wiedersehen. Es war ein Gewebe von Irrthum und Schwärmerei, die, von Bosheit und Eigennuz gemisbraucht, den edeln Jüngling zu einem Pfade hinrissen, wo er, von seinem reinen Selbstgefühl verlassen, den Muth verlor, seiner Eitelkeit zum Troz, zur Wahrheit zurükzukehren. Sein Vater hatte ihn um eines Weibes willen verstossen, die seinem Herzen wie seinem Geiste ewig fremd blieb; und kaum hatte er ihr seine Freiheit geopfert, so suchte sie in einer fernen Hauptstadt des Auslandes ungestörte Befriedigungen ihres Leichtsinns und ihres Stolzes. Ohngefähr zu eben der Zeit, wie Sara nach Paris kam, kehrte er in sein beleidigtes Vaterland zurük. Hier arbeitete er, durch Verrath und Intrigue an seine Partei gefesselt, gleich einem nächtlichen Räuber, auf dunkeln und verborgnen Wegen für Menschen, die er endlich verachten[294] gelernt hatte, für eine Sache, deren Güte ihm täglich zweifelhafter wurde. Seine Liebe für Sara war indessen nicht mit seinen übrigen Tugenden ein Raub des Partheigeists geworden, und er hörte auf seine Erkundigungen mit unaussprechlichem Schmerz den Ruin seines Vaters, seinen Tod, und Sara's Schiksal, das er nach verfälschten Gerüchten als ganz schimpflich kennen lernte, indem sie aus dem Haus ihres Beschüzers, des ehrwürdigen Berthier, entwichen seyn sollte, um Rogern zu folgen. Von L***'s Einfluß auf das Unglük seiner Familie hatte er keine Ahnung; und als die Geschäfte ihrer Parthei sie zusammenbrachten, erlag auch Theodor dem Zauber dieses Mannes, dessen unbegreiflicher Geist in seinen Planen mit dem Bruder vielleicht einen Ersaz für seinen Verrath an der Schwester bezwekte. So lebten Theodor und Sara mehrere Wochen einander nahe, und oft reichte der grausame L*** dieser eine Hand, die jener in der Stunde[295] vorher gedrükt hätte, und verhinderte sie, eines durch des andern Hülfe und Schuz, vielleicht wieder in den Schooß der Tugend zu kehren. Am zehnten August hatte Theodor an L***'s Seite gefochten, und er war es gewesen, der ohne Sara zu erkennen, blos aus mechanischer Menschlichkeit, ihm zugerufen hatte: es ist ein Weib! – Bei dem Tode von Sara's Liebling hatten in diesem Augenblik von allgemeinem Aufruhr, wo nichts als Selbstvertheidigung handeln konnte, beide nicht mehr Schuld gehabt, und beide hatten eben so wenig darum gewußt, als die Kugel selbst, die in des Kindes Schulter gefahren war. Sie wollten sich nachher durch einen ihnen bekannten Schlupfwinkel im Schlosse retten, aber sie verliessen ihn zu früh, und wurden ergriffen. Selbst unter den Mördern am 2. September war ihre Parthei nicht unwürksam, und es waren Mittel verabredet, um sie während des Getümmels entkommen zu lassen. Doch hätten sie im geltenden Augenblik[296] diese Mittel beinahe versäumt, so erschüttert waren sie von Sara's fürchterlicher Erscheinung gewesen. L*** hatte sich zuerst gefaßt, und ihm verdankte Theodor sein Leben. Lange in den vergessenen Kreuzgängen eines Klosters verstekt, trachtete Theodor nur darnach, von seiner verlornen Schwester etwas zu erfahren, und L*** bahnte sich den Weg nach dem neuen Schauplaz, auf welchem er bald darauf eine so glänzende und abentheuerliche Rolle spielte. Sie hatten Verbindungen nach aussen, und ein Grabgewölbe im nächsten Kirchhof diente zu ihren geheimen Zusammenkünften mit ihren Vertrauten, die sich des Abends in den Kirchhof verschliessen liessen, während daß sie durch einen unterirdischen Weg, dessen Ausgang, in einer von den Nischen der Gruft, mit einem Sarg bedekt war, an den verabredeten Plaz gelangten. Am Abend des 21. Januars hinterbrachte einer von jenen Unterhändlern Theodorn die Umstände dieses wichtigen Tags; eben[297] derselbe hatte auch Sara's Aufenthalt, ihre damaligen Verbindungen entdekt, und war Augenzeuge ihrer unnatürlichen Wuth bei dem Blutgerüste des Königs gewesen. Bei diesem schmerzlichen Bericht vergaß Theodor alle Vorsicht, er brach in laute Klagen aus – und es war würklich wieder seine Stimme gewesen, welche Sara's gepeinigtes Gehirn vollends zerrissen hatte. In der ersten Bestürzung über ihren Schrei und ihr Herbeistürzen schoß er blindlings eine Pistole gegen den vermeinten Feind ab; sein kühlerer Gesellschafter riß ihn fort, und ihr Schlupfwinkel war schon längst wieder unter dem nachgezognen Sarge verborgen, ehe man in dem Gewölbe nachsuchte. Bald darauf entwich er glüklich mit L*** an die Ufer der Loire. Die beiden Geschwister waren bestimmt, ihren Pfad bis zum Ausgang im grausesten Dunkel zu suchen; wenn indessen alles, was Sara erfuhr, unmittelbarer ihr Herz bestürmte, so blieb sie doch, selbst in Verirrung und Raserei,[298] sich und ihrem Gefühle treuer – Theodor hingegen hatte seinen Antrieb und seinen Lohn immer ausser sich gesucht, und war so das Spiel der Listigeren, die ihn umgaben, geworden, bis er, mit sich selbst unzufrieden, mistrauisch gegen seine Sache, seinen Unmuth mit einem trügerischen System von Grundsäzen dämpfte, nach welchem der moralische Mensch, von dem handelnden getrennt, bei der Kenntniß der Wahrheit im Irrthum beharren durfte, wenn die Umstände es erforderten. Mit diesem Widerspruch in seinem Inneren, der seine Selbstachtung tödtete und seinen Muth lähmte, war er L*** in die Vendee gefolgt; doch mußte er sogleich mit geheimen Aufträgen seiner Partei nach England, und kam erst kurz, nachdem die katholische Armee über die Loire gegangen war, wieder in diese Gegenden. Hier ward er bald, wie die meisten Menschen von solchen Anlagen und in solchen Verhältnissen, vom Betrognen zum Betrüger. Nachdem er lange für König und Gesez geschwärmt,[299] sein Gewissen, sein Glük dafür geopfert hatte, warb er um andre für den Glauben, den er selbst verloren hatte, und kein Mittel war ihm zu empörend oder zu verächtlich. Sein stolzer Geist, sein aufgeklärter Verstand fügte sich in jede Mummerei der Priester; sein weiches Herz panzerte sich gegen alle Unmenschlichkeiten, die um ihn her vorgiengen, die er selbst vollstrekte, und die den schröklichen Wetteifer von Grausamkeit unter Mitbürgern und Brüdern einführten. In den seltenen Augenbliken, wo der Sturm einer solchen Würksamkeit ihm Freiheit ließ, sich mit sich selbst zu beschäftigen, versank er entweder in die finsterste Verzweiflung, oder spannte sich zu einer unnatürlichen Höhe, auf welcher er sich dünkte die Wage des Schiksals selbst zu halten, und dem Menschengeschlechte Elend, das zum Heil führe, zuzuwägen. Er focht bei Laval an L***'s Seite, und rettete ihn mit Gefahr seines Lebens, als er nach seinen empfangnen Wunden im Begrif[300] war, den Feinden in die Hände zu fallen. L*** zog siegend, aber auch sterbend in Fougeres ein. Wie er seinen Tod fühlte, der ihn mitten in seinen Planen, auf dem Gipfel seines Glüks überraschte, machte er seine Verordnungen mit der Kälte, mit der Ruhe eines Hausvaters, der sich zu einer kleinen Abwesenheit rüstet. Nachdem er für die Angelegenheiten seines Heeres, für die Sicherheit seiner Vertrauten, so weit es in seiner Macht stand, gesorgt hatte, schloß er sich mit Theodorn ein, der seinem nahen Tod, halb mit Schreken, halb mit der Art von Spannung entgegen sah, welche der Ehrgeizige bei dem erlöschenden Ruhm eines andern immer fühlt, auch wenn er nie sein Nebenbuhler gewesen ist. Der Sterbende schien sich jezt seinen Gefühlen zu überlassen; er drükte lange seines Freundes Hände, und schien ihn mehr in seine weiche Stimmung ziehen, als Stärke bei ihm finden zu wollen. Nach einer feierlichen Vorbereitung, mit einem Wesen, in welchem[301] ein mehr geübter Menschenkenner als Theodor vielleicht Zwang und innern Kampf erkannt haben würde, entdekte er ihm, daß seine Gattin und sein Kind noch lebten; daß er das Gerücht ihres Todes selbst genährt hätte, um sie sichrer zu verbergen; daß sie ihren Aufenthalt im Gewölbe des alten Schlosses von C** seit den Niederlagen der Seinigen jenseits der Loire, nicht verlassen hätten; daß eine langsame Krankheit, die dem Leben seiner Gattin drohte, ihr Entweichen nach England, selbst wenn es bei der Wachsamkeit des Feindes rathsam gewesen wäre, unmöglich gemacht haben würde – Sie verdiente ein besseres Loos! sezte er, in tieferen Ernst versinkend, hinzu. Ich verband mich im Ausland mit ihr, weil ich ihre Familie brauchte. Ihre verächtlichen Verwandten hatten sie mit sich in das Ausland geschleppt; das junge furchtsame Mädchen gab ihre Hand mit Vergnügen einem Manne, bei welchem sie ihre ganze ehemalige Existenz wieder zu erhalten hofte. Ich habe[302] ihr Zutrauen mit Betrug gelohnt; denn mein Ziel – – Er legte seine Hand auf die tiefe Wunde unter seiner Brust, und schwieg einen Augenblik. Er fuhr fort: die sanfte Seele ward flüchtig, verfolgt – sie tröstete sich mit dem Sohn, den sie mir gebahr. Sie klagte nie, und schmachtet nun, in einem ehemaligen Kerker verborgen, seit sieben Monaten dem Tode entgegen. Einige bewährte Diener meines Hauses pflegen sie, bringen ihr die nöthigsten Bedürfnisse, und sie entgeht der Mordlust des Feindes nur, weil man ihr lebendiges Grab von Geistern bewohnt glaubt. Wie wird aber die Unglükliche widerstehen, wenn das Gerücht meines Todes zu ihr dringt? Und wird es nicht den Muth der Getreuen, die stündlich ihr Leben für sie aussezen vollends niederschlagen? Wird dann mein Sohn, werden sie nicht vielleicht beide in die Gewalt der Feinde fallen? – Theodor! Ich begehre Ihren Schuz für die Meinigen – Indem Sie diese Verbindlichkeit übernehmen,[303] müssen Sie freilich für jezt Ihren Ehrgeiz der Menschlichkeit aufopfern – aber nicht Mitleid allein, nicht Freundschaft, wie Sie Betrogner wähnen, fordert Sie auf – eine höhere Tugend, die den Menschen zum Helden, die ihn über sich selbst erhebt! Theodor! – Ihr ärgster Feind, der Zerstörer Ihrer Familie – der Verführer, der Verderber Ihrer Sara, bittet Sie, sein Weib und sein Kind zu retten – – Theodor riß seine Hände los, die der Verwundete hielt, und stand mit rollendem Auge, Entsezen in jedem Zug, erstarrt vor dem Bett. L*** lehnte sich erschüttert zurük, und sagte mit bebenden Lippen: Sterbend mußte freilich Ihr Feind seyn, um Ihrem rächenden Arm zu entgehen! – Theodor ballte seine Hände krampfhaft zusammen, und wie er sein Seitengewehr, an das er heftig stieß, klirren hörte, stürzte er beide Arme verschlingend an das andere Ende des Zimmers, als fürchte er sich, es wider Willen zu entblößen. – Mit einer Stimme,[304] an deren Erschöpfung und Anstrengung fast nur sein körperlicher Zustand Schuld zu seyn schien, mit beinahe trokner Kürze, ohne Erklärung, ohne Beschönigung wie ohne Uebertreibung, erzählte nun L*** die Geschichte seiner Verbindung mit der unglüklichen Sara. Oefter von den Ausbrüchen des unbeschreiblichen wütenden Jammers bei seinem Zuhörer unterbrochen, als von seiner eignen Schwäche oder Bewegung, hielt er jedesmal inne, bis jene vorüber waren, und Theodor wieder bereit stand, den Giftbecher vollends auszuschlürfen. Sara's Schiksal war ihm bis zu der schröklichen Krankheit bekannt, in welche sie nach dem 21. Januar verfallen war. Von dieser hatte Theodor nichts gewußt; das Bild seiner wahnsinnigen Schwester ergriff ihn mit einer solchen Gewalt, daß er den Kopf auf beide Hände gestüzt, selbst der Wuth vergessend, laut weinte – da fuhr ein leichtes Zuken über L***'s Gesicht: hätte ich nun versäumt, die Täuschung über mein Leben hinaus[305] zu verlängern, und ich stürbe in diesem Augenblik, so könnte die Welt denken, ich wäre nicht selig gestorben! Gut daß die Priester schon da waren – und um des Besten unsrer Angelegenheiten willen wirst Du mich nicht verrathen, Theodor – Bitter lachend murmelte er noch: Heiliger L***! Bitt für uns – – Theodor widerstand kaum dem wieder erwachten Zorn; er knirschte: Heuchlerischer – kalter Bösewicht! – Eine flüchtige Röthe ergoß sich auf einen Augenblik über die Wangen des Kranken; dann hob er sein bleiches Haupt: Nein, Theodor! Ich liebte sie! – – Gewaltsam schien er sich nun zu spannen: Höre, Theodor! Vielleicht sind die Geheimnisse dieser Brust noch ein Vermächtniß, mit welchem ich an Deinem vergifteten Leben etwas wieder gut machen kann – Er wollte sich sammeln, um fortzufahren; es ist zu vermuthen, daß in diesem Augenblik Wahrheit aus seinem Herzen und über seine Lippen gekommen wäre; aber[306] das Schiksal wollte das Räthsel dieses Geistes unaufgelöst lassen. Die heftige Bewegung brachte innerlich eine Krisis hervor, die seine Sprache hemmte. Er griff matt nach Theodors Hand, die ihm dieser schaudernd entzog. Ein unmerkliches Lächeln, das Resignation seyn konnte, schwebte um seinen blassen Mund; er faltete die ausgestrekte Hand wieder in die andre. – Eine kurze Pause erfolgte; Verklärung und Verdammniß schienen jezt auf dem Gesicht des Sterbenden in einander verschmolzen. Zu schwach, um sich zu erheben, wandte er langsam den Kopf gegen einen Tisch an der andern Seite seines Betts. Fast ohne seine Lage zu verändern, und als belebte die entfliehende Seele zum leztenmale noch leise die äussersten Spizen seiner Glieder, nahm er eine Feder, schrieb ein Paar Worte auf einem Blatt Papier, winkte Theodorn, es zu holen – Theodor stand mechanisch auf – er las die bebende Schrift: Mein Weib und mein Kind! Durchdrungen[307] suchte er L***'s Blik – Sein Kopf war wieder gegen die vorige Seite gekehrt; Theodor bog sich über ihn – L*** hatte sein leztes Wunder gethan, und war verschieden.

Theodor verließ die Armee, und stahl sich durch tausend Gefahren bis zu den Trümmern von C**, wo die ihm von L*** anvertrauten Zeichen ihm den Eingang in das Gewölbe öfneten. Hier fand er ein Paar Geschöpfe, die den innern Grimm, mit welchem er an diese menschenfreundliche Handlung gieng, bald in sanftes Mitleid umschmolzen. Auf dem Krankenlager lechzte L***'s schöne, junge Gemahlin nach Trost und Erquikung. Im ersten Schreken über die Nachricht von der tödtlichen Verwundung ihres Herrn waren die Hausbedienten, unter deren Schuz er sie gelassen hatte, aus einander geflohen, bis auf drei, welche nur mit den abwechselndsten Kunstgriffen einen kümmerlichen Unterhalt herbeischaften. An Geld fehlte es ihnen zwar[308] nicht, L*** hatte einen Theil seiner Schäze und Kostbarkeiten in diesen Gewölben vergraben; aber der geringste Umstand, ein Becher, ein silbernes Geschirr, ein Geldstük selbst, konnte sie verrathen, und ausserdem war die umliegende Gegend so verwüstet, daß man mit Tonnen Goldes keine Erquikung für die arme zarte Kranke auftreiben konnte. Die gröbsten Gemüse, oft rohe Kastanien, wozu nur selten ein Stük Brod kam, erhielten jezt diese Frau, die, zu solcher Weichlichkeit gewöhnt, so wenig mit Schmerz und Noth bekannt gewesen war, daß sie bei der sanftesten Anlage kaum jemals etwas dem Mitleiden ähnliches gefühlt hatte. Ihr Knabe allein hielt sie aufrecht, und war zugleich der Gegenstand ihres peinlichsten Kummers; neben ihm durchweinte sie die langen Winterabende, indeß er unbesorgt schlummerte, denn er wußte diesen Kerker, in welchem die erste Entwikelung seiner kindischen Seele vor sich gegangen war, mit nichts besserem zu vergleichen, und seine[309] früheren Erinnerungen hatten sich hier so verwischt, daß er, als man ihn an jenem schröklichen Tag heraustrug, von der Sonne geblendet, fragte, was das für ein grosses Licht wäre? Wenn aber seine arme Mutter ihre elenden Gefährten herbeischleichen hörte, erstarrt, ermüdet, und oft von der ängstlichen Wanderschaft, wo jeder Schritt ihnen mit Entdekung und Tod drohte, nichts zurükbringend als Schrekensposten, da troknete sie ihre müden Augen, und sammelte sich zu neuem Schmerz und neuer Geduld. Ein Zufall verbesserte indessen ihre Lage. Ein ehemaliger Pachter ihres Gemahls, ein Mann der seine Habe für die Sache der Freiheit zugesezt hatte, und für einen der festesten Patrioten galt, erkannte eines Abends einen von den drei Getreuen, der, um Lebensmittel zu suchen, in seine halb abgebrannte Hütte gekommen war. Der Unglükliche glaubte sich verloren, machte aber dem Mann eine so rührende Beschreibung von dem Elend der Gräfin, von dem Liebreiz des Knaben, daß dieser,[310] von Mitleid hingerissen, der Retter dieser bedrängten Familie ward. Er war die nächtliche Erscheinung im Eremitenkleid, welche den Wahn des Landvolks veranlaßte; so oft er Lebensmittel zusammenbringen konnte, stieg er durch einen fast verschütteten heimlichen Fußpfad, neben der am Fuß des Berges fliessenden Quelle, den Brunnenkeller herauf, und gelangte auf dem mühseligsten Weg mitten in den Schloßhof; ein Stein, den er in dem Innern des Thurms durch das Luftloch des Verließes herunter warf, war das Zeichen seiner Ankunft, worauf man ihm die verrammelte Höle öfnete. Noch mehr Hülfe aber schafte nun Theodors sinnreicher Muth in einer Gegend, die ihm von Jugend auf bekannt war, und seitdem das arme Weib in dieser Einöde schmachtete, war er das erste menschliche Geschöpf, das, anstatt sie mit Klagen zu quälen, die ihrigen vernehmen konnte. Indem er aber ihr Elend milderte, sezte er auch ihre Sicherheit aus: er zog mehrere herumirrende[311] Flüchtlinge von seiner Partei an sich, und sein unruhiger Kopf machte nach und nach diese Zuflucht der Unschuld zu einem neuen Tummelplaz politischer Plane, die ihn und die Unglükliche, die er beschüzen wollte, verdarben, indem sie Unvorsichtigkeiten veranlaßten, welche die Aufmerksamkeit der Gegenpartei erwekten. Schon mehrere Tage vor dem Ueberfall befand sich die Gräfin sehr schlecht, sie sprach oft mit Theodor von ihrem nahen Ende, von dem Traum ihres jungen Lebens, von dem schröklichen Wechsel, der sie nun hinraffte. Sie erwähnte mit tiefem Gefühl, aber ohne Bitterkeit, wie wenig ihr Gemahl für sie gewesen wäre – Und jung, wie ich war, sezte sie hinzu, hätte ich ihn doch zu meinem Abgott gemacht, und die Herrschaft über mein reines Herz hätte ihn sicher mehr beglükt, als der blutige Zepter, mit welchem er stumpfsinnige Elende lenkte! Sie hatte ein Paarmal geäussert, daß sie wohl nicht die Einzige gewesen seyn möchte, welche[312] das Loos des Unglüks aus ihres Gatten Hand empfangen hätte. Am lezten Abend erklärte sie sich hierüber noch deutlicher: Ich habe, sagte sie wehmüthig lächelnd, einmal eine Erscheinung gehabt – die aber einen solchen Eindruk auf mich gemacht hat, daß ich nachher, wie ich so viel Unglük erfuhr, daß ich es in die kurzen Jahre meines Lebens gar nicht hineindrängen konnte, immer von dieser Erscheinung an rechnete. Sie erzählte nun den kurzen Besuch, den sie von einer Unbekannten gehabt hätte; wie erschüttert sie gewesen wäre; wie sie geforscht hätte, etwas von der Unglüklichen zu erfahren; wie einer von den Bedienten endlich herausgebracht hätte, es sey ein junges Mädchen, die sein Herr unterhalte, sie sey Mutter gewesen, aber ihr Kind sey todt, und was aus ihr selbst geworden sey, wisse man nicht; wie sie dies gerührt hätte, indem sie damals eben ihren Sohn geboren hätte; und wie sie, seitdem sie einsam und verlassen in diesem Gewölbe lebte,[313] oft an das Mädchen gedacht, und gemeint hätte, wenn sie damals aufzufinden gewesen wäre, sie hätten zusammen weinen und leiden wollen – Im Glük, sagte sie, wäre ich vielleicht ihre Feindin gewesen, aber wir waren ja beide verlassen, beide so unglüklich, und ich hatte ja doch meinen Sohn, und war Gattin – Das Mädchen sah so rührend aus! Seit Sie da sind, fuhr sie gegen Theodor fort, denke ich noch öfter daran – sie sah Ihnen, glaube ich, ähnlich, besonders wenn Sie wild reden – das arme Mädchen! Als seine Wittwe wollte sie mich wiedersehen – da wäre es nun Zeit! – So schwazte die arme, liebende Seele ihre wenig entwikelten Gefühle her, und sah nicht, welchen Eindruk sie auf Theodor machte, der seine unglükliche Schwester in diesem Bilde erkannte, aber zu viel Schonung gegen die Kranke hatte, um ihr sein nahes Verhältniß mit dieser Erscheinung zu entdeken. – Als das Gewölbe bestürmt wurde, suchte sie eine Zeitlang ihren[314] Sohn zu trösten und zu beruhigen; bald aber lösten Schrecken und Angst die abgenuzten Fäden auf, die sie noch an das Leben hielten; und sie war verschieden, ehe noch die Sieger in das Behältniß gedrungen waren, das ihr so lange schon zum Grabe gedient hatte. Sie war eben achtzehn Jahre da sie starb: still und unschädlich hatte ihre schöne Jugend geblüht; man hatte sie keinen Gebrauch ihrer angebornen Güte gelehrt, die Menschen um sie her wußten diesen Funken der Gottheit nicht zu schäzen – so konnte sie, um wohlzuthun, nichts als lieben, um zu geniessen, nichts als lachen und scherzen. Ihre Liebe ward von den kalten abgestorbnen Seelen, mit denen ihr Stand sie verband, zurükgewiesen, von ihrem Gemahl nie angenommen; und Scherz und Lachen wandelte sich früh in Elend, Noth und Angst. Ihr Leben glich einer kleinen Lampe, die in einem menschenleeren Raume brennt und erlöscht; sie leuchtete niemand, und ihr Erlöschen wird von niemand bemerkt.[315] Mögen so manche, deren Schiksal wie das ihrige anfieng, nie ein so trauriges Ende erfahren! – –

Der Morgen brach an, welcher Theodor und seine Gefährten zum Tode rief. Seine Fassung war wehmüthig. Er mußte sich selbst sagen, daß er seit dem erstenmal, da sein treuer Roger ihn warnte, bis zu diesem Augenblik, immer die Wahl zwischen dem Besseren und Schlimmeren gehabt hatte; sein Geist war erstorben, sein Herz ausgeglüht, nur seine Liebe für Sara erleuchtete, gleich dem Abendroth an einem stürmischen Tag, dessen Morgen doch heiter anbrach, noch einmal sein finsteres Daseyn; er heftete auf sie seine schweren Augen, und schloß sie gern auf ewig. In Sara waltete eine über das Schiksal erhabene Ruhe; sie hielt des Bruders kalte Hände, drükte sie an ihr Herz, an ihre Lippen, und in dem sinnenden Blik ihres ernsten Auges schienen Ahnungen eines freieren, reineren Daseyns zu liegen. Wie die Wachen den[316] Unglüklichen abholten, schauderte sie auf; er stand sprachlos, zeigte auf den sanft schlummernden Hyppolit – dann rief er mühsam: ohne ihn riße ich Dich mit mir fort! – Ohne ihn folgte ich Dir! sprach sie zitternd, umarmte den Bruder, wandte sich gegen die Soldaten, und sagte mit gebrochnem Ton und gefalteten Händen: Faßt ihn scharf in's Auge – es ist meine lezte Bitte! – Jezt erstikten die Thränen ihre Stimme, und Theodor ward fortgeführt.


Sara's Betragen im Kriegsdienst, gegen ihren Bruder, gegen den verwaisten Knaben hatte ihre Obern, und alle, die in der Gegend von ihr hörten, so gewonnen, daß es ihr an Unterstüzung nicht fehlte, die sie, an ihren Pflegsohn denkend, ohne Widerwillen annahm. Sie sann indessen darauf, sich in eine Einsamkeit zurükzuziehen, wo sie, fern von Menschen, fern von dem Geräusch der Waffen – denn beides preßte ihr Herz zusammen[317] – sich nach und nach wieder an das Leben gewöhnen könnte, dessen Last zu tragen sie nun so feierlich verpflichtet war. Der herannahende Frühling bestärkte sie in einem Plane, den sie in ihrem Innern seit jenem Augenblik entworfen hatte, da sie neben Hyppolits erblaßter Mutter ihren Bruder dem Tode überantworten, und sich selbst zum Leben verurtheilen mußte. Das kleine Gebäude in den Ruinen von C**, wo sie mit ihren Kriegsgefährten eine Nacht im Hinterhalt gelegen hatte, ließ sich mit einer kleinen Ausbesserung bewohnbar machen; unter diesen grausenvollen Trümmern vermuthete man keines lebendigen Geschöpfes Aufenthalt, und sie fand da Nahrung für ihren Schmerz, reine Luft für ihren Zögling, und den ungestörten Anblik der sich aus der Verwüstung hervorarbeitenden Natur, von den hohen Felsen in die Thäler herab. Ein Bauer, bei welchem sie in der damaligen Zeit im Quartier gelegen hatte, war durch ihr sanftes Betragen,[318] durch die menschliche, regelmäßige Aufführung ihrer Untergebnen, für sie eingenommen worden, und hatte den Auftritt im Schloß, und was darauf erfolgt war, mit herzlicher Theilnehmung gehört. Sara hatte auch zu ihm Zutrauen gefaßt, und sie theilte ihm ihren Wunsch mit, sich in den Ruinen einzurichten. Ein Geheimniß wollte sie daraus nicht machen; aber um künftig ungestörter zu seyn, bat sie ihn, nur seinen Sohn zum Gehülfen bei der Arbeit zu nehmen, und so ward die kleine Wohnung bald zu Stande gebracht, ohne daß die Nachbarschaft es ahnete. Eine kleine Küche, welche das Vorhaus zugleich vorstellte, und eine einzige Kammer, woraus das ganze Gebäude bestand, war in wenigen Tagen vom Schutt gereinigt, mit Fenstern versehen, und so viel Geräthe hineingebracht, wie Sara und ihr Pflegsohn brauchten. Eine wunderbar stille Empfindung war es für Sara, als sie zum erstenmal neben ihrem brennenden Heerd die[319] Nacht erwartete. Es war eine Nacht wie jene schrökliche, da sie Theodorn fand, um ihn auf ewig zu verlieren; eben so flimmerten die Sterne im Nebel – Sie stellte sich einen Augenblik vor die Thüre, blikte nach jenem Thurm; sie hatte nun den Kelch des Leidens geleert, keine Erwartung mehr – wie war sie so ruhig! Indessen erwachte der Knabe in der anstossenden Kammer, und lallte schmeichelnd: Sara, willt Du nicht schlafen gehen? – Sara's Herz zerschmolz in Wehmuth; es war ihr, als riefen mit dieser Stimme alle Geister, die sie jezt eben umschwebten: Sara, Sara! komm in das Grab – und doch lokte sie diese Stimme in das Leben, knüpfte sie an das Leben durch alle Bande des Mitleids und der Großmuth.

Neben der Hütte war eine kleine Pforte, die in einen Zwinger gieng, wo ehemals Jagdhunde und Kaninchen gehalten wurden. Diesen reinigte Sara von Steinen und Schutt, und mit den ersten Frühlingsregen keimten da[320] Gemüse heraus, und wilde Blumen, die sie für ihren Kleinen sorgfältig pflegte. Von Zeit zu Zeit besuchte sie ihr Vertrauter, der alte Bauer, und freute sich über ihren Fleiß, über das frohe Wesen des Knaben; und wenn er ihr bleiches ernstes Gesicht ansah, auf welchem das freundliche Lächeln so wehmüthig zukte, sprach er ihr zu: Junge Frau, wem Gott solch Gedeihen giebt in dem, was er unternimmt, wie der Knabe wächst und der Sallat draussen aus dem steinigen Boden keimt – wahrlich, der muß nicht so trostlos drein sehen! Gott, der Keime aus den Trümmern ruft, kann auch wehe Herzen heilen – Sara drükte ihm die Hand – Ergebung und Ausharren sind sich also immer gleich! Diesen Sinn hatten Berthiers weise Lehren, und die treue Einfalt dieses Mannes athmete eben diesen Sinn – Der Alte half ihr von dem Theil des Schloßhofs, der an ihre Hütte stieß, die Mauersteine wegräumen, und bald bekleidete er sich mit jungem Gras, auf welchem [321] Hyppolit, dessen Schritt nun fester wurde, in der warmen Sonne spielte.

Es kamen jezt Stunden, wo Sara's Herz mit der Natur um sie her einstimmte – Keime, die den grausen Trümmern entsproßten! Sie unterdrükte nicht, wie ehemals, jeden Wunsch nach Heiterkeit, sie verdrängte nicht mehr jedes Bild der glüklichen Jugend mit dem Andenken ihres schwarzen Schiksals. Ihre wohlthätigsten Stunden waren die, wo sie berechnete, wie viel zerstörender das Elend gewesen seyn würde, dem sie entgangen war, als das, welches sie würklich erfahren hatte. Wenn der Knabe auf ihrem Schooße scherzte, wenn er an ihrem Busen einschlief, wenn er schmeichelnd sie Mutter, gute Mutter! nannte; so hob sich ihr Auge gen Himmel, und suchte dort ein Wesen, dem sie danken möchte, daß nicht, so wie sie einst darauf ausgegangen war, seines Vaters Blut an ihren Händen klebte. Jede ihrer Sorgen für ihn besänftigte jezt ihr Herz; hätte damals der[322] Zufall ihre Rache begünstigt, so war jede seiner Liebkosungen nunmehr ein Dolch in ihr Gewissen!

Wenn sie indessen nach ihrem Tagewerk ausruhte, der Mond am Himmel aufstieg, oder die zahllosen Sterne hinter den verfallnen Thürmen hervorfunkelten, und ihr Herz die stille Feier ihrer Verstorbnen begann, da schwebte, seitdem die Ahnung des Friedens bei ihr wieder eingezogen war, manchmal der leise Gedanke vor ihr, daß in der Reihe der geliebten Todten noch ein Name fehlte – Roger war nicht zurükgekehrt, und ob er todt sey, hatte niemand ihr zu sagen gewußt! Je ruhiger ihr Herz, je weiblicher ihr Thun wurde, desto schmerzlicher dachte sie, daß er, allein von allen übrig, vielleicht noch in den Schreken des Krieges lebte, und nie erfahren würde, wie sie gelitten, und wie sie gebüßt hätte. Dabei schauderte sie vor der Möglichkeit, ihn je wiederzusehen; es war eine Kluft zwischen ihnen entstanden, die ihr von allen[323] menschlichen Wesen nun losgerissenes Herz nicht mehr auszufüllen wußte. Wie sie ihn gekannt hatte, in einfacher Tugend und weichem, reinem Kindersinn fortwandelnd, übte er seine männliche Kraft nur in Augenbliken, wo er eine Leidenschaft zu bekämpfen hatte; sein Herz glich der milden Sonnenwärme – und das ihrige, war es nicht ein ausbrennender Vulkan? Sie fühlte, welches Misverhältniß dieser Unterschied zwischen dem Weib und dem Mann stiften müßte. Alle Harmonie war gestört, alle Gleichheit; Roger konnte in ihr nur ihr Unglük ehren – und sie wollte und konnte nun keinem menschlichen Wesen mehr nahen, das sie ehemals gekannt hatte, das denken mußte: wie glüklich war sie einst! Sie konnte nur Hippolits Liebe ertragen, denn sein Lallen sagte ihr blos: wie gut bist du jezt!

Eines Abends arbeitete sie in dem kleinen Garten im Zwinger, und da ihr der Bube überall im Wege war, geschäftig die Pflanzen[324] ausrupfte, die sie eben sorgsam gesezt hatte, schikte sie ihn in den Schloßhof, um da seinen Unfug zu treiben. Nach einer kleinen Weile hörte sie ihn zusammenhängend reden, und mit mütterlicher Freude über den kleinen Schwäzer, wollte sie sehen, welchen Stein oder welche Pflanze seine kindische Fantasie belebt, und zum Spielkameraden umgeschaffen hätte. Sie gieng an die Pforte, und erblikte das Kind zwischen den Knieen eines Soldaten, der auf der Bank vor der Thüre ihrer Hütte saß. Sara konnte des Mannes Gesicht nicht sehen, weil die Abendsonne sie blendete, und er ihr halb den Rüken zukehrte; doch unterschied sie, daß der Knabe mit ihm spielte, und der Fremde das Kind freundlich liebkoste, indem er mit der Hand auf einen Haufen Steine zeigte, die es zusammengetragen hatte. Hyppolit holte jezt mühsam einen grossen Stein, den er dem Soldaten zu halten gab; dieser faßte den Stein mit einer Hand an – nein, rief der Kleine,[325] und zog an seiner andern Hand; mit beiden Händen! dann will ich klopfen – Ich kann nicht, mein Kind, sagte der Fremde, die andre ist todt – Todt? fragte Hyppolit, und machte grosse Augen; die Hand todt, und Du nicht todt? – Sie ist im Kriege abgeschossen – Armer Mann! sprach der Knabe klagend, und streichelte leise den ausgestopften Aermel – soll heilen, die Mutter soll ein Pflaster geben; ich war auch recht krank am Kopfe von einem grossen Stein, da hat mich die Mutter geheilt – Und wird die Mutter denn mir Pflaster geben? fragte der Fremde. – Wenn Du weh hast? rief der Kleine, und zog ihn am Aermel gegen die Pforte des Zwingers, wo er jezt die Mutter erblikte. Bei der Annäherung eines Fremden, des ersten in dieser wilden Einsamkeit, war ihre erste Bewegung Schreken; doch konnte sie ihren Hyppolit nicht allein lassen, da er sie suchte; sie trat also aus der Thüre, und sah den Mann aufstehen, und seinen Stok und das[326] Kind in einer Hand haltend, auf sie zukommen. Der Fremde stuzte bei dem ersten Anblik, kam aber sogleich näher, ließ den Knaben stehen, und zog mit der einzigen Hand seinen Hut ab – Gute Bürgerin, sagte er mit einem heitern Ton, Ihr Kleiner versprach mir ein Pflaster für meinen abgeschossenen Arm; wollen Sie mir einen Trunk Wasser geben für meine herzliche Müdigkeit? – Die Art, die Stimme des Mannes hatten etwas, das Sara auffiel; selbst sein Rok, dieser Rok, den sie so lange getragen hatte, rührte sie – Gern, antwortete sie freundlich, möchte ich doch auch für meinen Knaben Wort halten können! – Wie sie sprach, fuhr der Fremde erschroken zusammen; sie bemerkte es nicht, und gieng neben ihm weiter auf die Hütte zu – Das sind ehrwürdige Andenken, Bürger Soldat! sagte sie; und wo Ihr hinkommt, findet Ihr gewiß tausend Arme, die sich beeifern, Euch den Verlust des Eurigen zu ersezen – Sie traten jezt in den Schatten der[327] Hütte; der Fremde schwieg, und faßte Sara schärfer in's Auge, sein Gesicht schien zu glühen, er warf bald auf sie bald auf den Knaben unruhige Blike – sie ließ das alles gut seyn, und gieng hinein. Als sie zurükkam mit Wein und Brod, und es ihm auf die Bank sezte, und zugleich fragte, wie er auf eine so abgelegne Höhe gerathen wäre? näherte er sich äusserst bewegt – Vielleicht von meinem guten Engel geleitet, sagte er; ich kann nicht begreifen – und doch! – die Stimme, der Gang! – Sara Seldorf! Roger kann doch keine andre für Sie ansehen – – Ein Schleier fiel von Sara's Augen, und ohngeachtet der tiefen Narbe über seiner Stirne, der Nath über die linke Wange, die seinen ehemals schönen Mund entstellte, erkannte sie jezt alle seine Züge, und wankte, zwischen der Freude und dem Schreken einer solchen Ueberraschung getheilt, zurük – Meine Schwester! rief Roger, und faßte sie in seine Arme, führte sie auf die[328] Bank, lehnte ihren Kopf an seine Brust, und weinte und jauchzte vor Entzüken – Aber Sara wand sich aus seinen Armen, sie stand auf, sah ihn mit einem Blik voll unaussprechlicher Wehmuth an – Schwester! wiederholte sie schaudernd – o, eine arme verirrte, durch Unglük bis an den Rand des Verbrechens geführte Schwester – – Nein, meine theure, ewig geliebte Schwester – o ich Kind! ich Kind! da wandle ich zum Grabe meines Grosvaters, und bitte Gott um Muth, es zu erbliken, und die abgebrannte Hütte wieder zu bauen, und statt der niedergeworfnen Bäume wieder andre zu pflanzen; und Gott schikt Dich mir entgegen, die ich so lange schon unter den Todten glaubte – Unter den Todten, fiel Sara ein, die Hand feierlich auf die Brust gelegt – ja, todt für das Glük, für die Menschheit – Sara, antwortete der redliche Mann lächelnd, und zog das Kind zu sich; Sara, Mutter! – und todt für die Menschheit, die hier so schön aufblüht? –[329] Eine schwache Röthe über seinen Irrthum ward bald von bittern Thränen über die Erinnerung an ihr Kind, das ihn veranlaßte, hinweggewaschen – Dies ist L***'s, nicht mein Sohn, sagte sie; mein Kind, und alles was mein war, alles, was ich liebte und was mich liebte, liegt im Grabe – die Sara, die Ihre Schwester war, ist unter den Todten – der Schmerz erstikte ihre Worte – die Sara, sprach Roger, die noch so fühlt, so weint, ist meine Schwester – nie, so lange dieses Auge Thränen, so lange dieser Körper Leben hat, kannst Du aufhören, es zu seyn! Und selbst dann – wie ich Sie todt glaubte, Sara, seit drei Monaten, daß ich diese schrökliche Gewißheit hatte, war meine Liebe im Grabe, so wie sie nun wieder auf Erden ist – Er schwieg, Sara's Hand haltend; dann das Kind ungewiß betrachtend, dann mit glänzendem Auge, mit einem Ausdruk von verklärter Freude, vor welchem seine gräßlichen Narben zu schwinden schienen,[330] in das ferne Thal hinblikend – armes Land! rief er aus; arme Menschen! So viel Seligkeit wohnte in diesen Trümmern, – so viel Heldenmuth! – Er drükte das Kind an sich, sah es nachdenkend an, spielte mit seinem blonden Haar, das es dem Vater so ähnlich machte, und blikte nach Sara's dunkeln Loken, die sich unter dem grossen Tuch, das ihren Kopf verhüllte, hervordrängten. Der frohe Fantast schien etwas angenehmes in dieser Vergleichung zu finden; er nahm den Knaben in die Höhe, und herzte ihn – man sah es ihm an, daß er einen Arm zu wenig hatte, um alles, was er fühlte, in seine Gebehrden zu legen. – L***'s Sohn! wiederholte er leise, – und nicht meiner Sara Kind – und doch in ihrem Schuze! – – In sprachlosem Schmerz, von ihren Erinnerungen überwältigt, hatte Sara den wunderbar kindlichen Menschen betrachtet; jeder Ausdruk seines unzerstörbar heitern Sinnes machte sie schaudern – sie konnte es nun nicht[331] länger ertragen. O diese fürchterliche Freude! rief sie aus; Mann mit dem Kinderherzen, weißt Du, was seit dem Abend Deines Abschieds mit mir ward? – Alles, alles, meine Schwester, bis zu Ihrer Krankheit bei der alten Bauersfrau – dort, sagte man, wären Sie gestorben – Ihr ganzes Unglük weiß ich, die ganze Güte des Schiksals, das meine Sara vor einer Reue schüzte, die meine treue Liebe selbst nicht zu heilen gewußt hätte – O Sara, wie der brave Kriegskamerad, der Marthen die Kundschaft von ihres Mannes Tod gebracht hatte, mit den Worten schloß: und in der Bauerhütte starb sie – wie ich nun meine Liebe ewig vergraben wußte mit Dir, da war es mein erster heitrer Gedanke: sie kann dort ohne Schreken erwachen – sie blieb rein von Mord!

Würklich wußte er durch jenen Soldaten, der seiner Pension wegen nach Paris zurükgekommen war, und dort alles, was Marthen und ihr Haus betraf, so weit es den[332] Nachbarn bekannt war, erfragt hatte, ziemlich die Hauptzüge von Sara's Geschichte, bis zu ihrer Abreise nach dem Dorf, und das übrige war in den dienstfertigen Berichten, die der ehrliche Mann eingezogen hatte, wahrscheinlich genug ergänzt worden. Rogers Rührung war jezt unbeschreiblich, als ihm Sara nach und nach, in mehreren Tagen, ihr Schiksal, von ihrer Abreise in die Provinz bis zu diesem Augenblik, erzählte. Oft mußte sie inne halten, weil er ausser sich vor Schmerz bei der Schilderung ihrer Leiden, die sie ihm so kalt, mit so abgestorbnem Tone machte, sie nicht mehr hörte, sondern auf dem Rasenplaz so heftig auf- und abgieng, daß der kleine Hyppolit sein Spiel verließ, und sich bittend an ihn klammerte, und wenn er ihn ungestümm von sich wies, weinend zur Mutter lief. Mit stillen Thränen, mit verhaltenen Seufzern lehnte sie dann ihr Gesicht an ihn, bis er sich wieder gefaßt hatte, und sie leise, mit ruhiger Stimme, weiter erzählte.[333] Zuweilen mußte er sie unterbrechen, weil der Zwang, in dem sie ihre Gefühle hielt, sie bis zu Verzukungen angriff. So war es, wie sie an dem Augenblik war, wo sie bei L***'s Todtenbahre gestanden hatte – Roger war diesen Tag spät gekommen, es war schon Abend, als sie zu sprechen anfieng – starr hiengen die schweren Tropfen in ihrem Auge, aber die Natur durchbrach den gewaltsamen Zwang, und ein heftiges Erstiken hemmte ihre Stimme. Roger legte ihr seine Hand auf den Mund, holte ihr schweigend einen Trunk Wasser, sah sie ruhiger werden, küßte den Knaben, und indem er noch einmal wehmüthig auf Sara blikte, gieng er stumm hinweg. Wie sie zu dem Gefecht im Gewölbe, zu der Erkennung ihres Bruders kam, war es ganz anders – er kniete vor Sara, weinte, verbarg sein Gesicht, küßte ihre Hände, rief, als wollte er das taube Grab erbitten: o Theodor, mein Bruder! Gespiele meiner Jugend – Und wie Sara's Geschichte[334] sich ihrem Ende nahte, und ihre Stimme leiser aus ihrer schweren Brust athmete, und ihre Thränen unverhaltner floßen, da lag er still vor ihr, blikte sie schweigend an; sie sprach fort, ohne Stoken, aber langsam und abgesezt, ruhte mit dem nassen Auge auf Rogers Stirne, fuhr sanft mit ihrer Hand über sein redendes Gesicht – und nun verstummte die bange Geschichte, nur leises Schluchzen vernahm man noch, ihr Kopf sank matt auf seine Schulter; der Kleine sah sie an, kam herbei, lehnte sich klagend an Sara's Schooß, und Roger, der Sara nicht berührt hatte, zog ihn an sich, und schloß jezt sie und ihn zugleich in seinen Arm.

Seine Schiksale waren so einfach wie sein Herz und sein Sinn, und doch erzählte er länger daran, als wenn sie mit tausend Abentheuern angefüllt gewesen wären; denn er verflocht damit jeden schönen Zug seiner Kameraden, jede Scene des Elends und der Verwüstung, die sein Gefühl zerrissen hatte, die[335] Geschichte jedes Unglüklichen, dem er zu helfen Gelegenheit gehabt hatte. Sprach er von den Siegen der Feinde, so blizte in seinen Augen ein Feuer, das ihnen noch jezt Rache zu drohen schien; war es ein Triumph seiner Landsleute, dann dehnte sich seine Brust, und er schien es dem Weltall zuzujauchzen: so kämpft man für Freiheit und Vaterland! Er hatte auf seiner kriegerischen Laufbahn zu allen diesen wechselnden Gefühlen Veranlassung genug gehabt; denn seit er an die Gränzen gegangen war, hatte er, ausser einigen Wochen, die er zweimal im Hospital zubrachte, um von den schröklichen Wunden über seiner Stirne und an seinem Munde geheilt zu werden, immer im Angesicht des Feindes gestanden, und sein gut Geschik ließ ihn dem Vaterland dienen, bis bei dem Entsaz von Landau die Grenzen befreit waren. Dort zerschmetterte eine Kugel seinen rechten Arm, er rief noch einmal seinen stürmenden Gefährten zu: Landau oder Tod! und sank heulend von Schmerz unter[336] die stampfenden Rosse. Zerquetscht, unkenntlich raffte ihn ein mitleidiger Landmann auf – und mit einem Arm weniger, mit einem von dem Hufschlag der Pferde steif gebliebenem Knie, das Lied der Freiheit laut singend, verließ er erst nach mehrern Wochen das Strasburger Hospital. In Paris erhielt er von den Repräsentanten des Volks die Belohnung der Tapferkeit, aber weder dort noch in seinem verwüsteten Geburtsland fand er mehr seine Geliebten, um mit ihnen sich der erworbnen Ehre zu freuen; und so irrte er eine Weile ziemlich ohne Zwek umher, bis ihn der Zufall, und das sehr gemischte Interesse, das die Trümmer von L***'s Schloß für ihn haben mußten, auf einer einsamen Wanderung, vor Sara's Hütte führten.

Gleich vom ersten Tag an, da er hier sein ganzes Glük, seine Jugend, seine Freude am Leben wiedergefunden hatte, gab er für jezt jedes andre Vorhaben auf, und miethete sich in einem benachbarten Dorfe ein, wo er den[337] Tag über, so weit es bei dem Verlust seines Arms angieng, sich mit dem Feldbau beschäftigte, und hauptsächlich durch seinen Rath, seine Aufmunterung, und seine wesentliche Hülfe, den muthlosen Landmann anfeuerte, den Schutt wegzuräumen, die Hütten wieder aufzubauen, die Felder von neuem zu besäen; und Abends stieg er dann auf die Ruinen, und so oft er zurükkehrte, hatte seine treue Liebe die Lüke zwischen dem Abschied und dem Wiedersehen mehr ausgefüllt, und bald fehlte ihm nur der segnende Blik seines Ahnherrn, um den ganzen Schauplaz seiner frohen Jugend unter C**'s schwarzen Trümmern hinzuzaubern. Das scheue, ernste, vom Unglük gebeugte Weib erschien ihm noch als seine Sara, nur ihr Kind war erwachsener – er sah es nicht mehr an ihrer schönen Brust, er konnte schon ihre mütterlichen Sorgen theilen. Daß er nur für Sara leben würde, daß sie sein gehörte, wo sie lebte, wie sie ihn nennte, wohin sie sich verbärge – das wußte er[338] vom ersten Wiedersehen an, daran zweifelte er nie; aber daß er sie noch immer am liebsten als sein Weib, in seiner Hütte, an seinem Heerde sich denken mußte, das erfuhr er erst nach und nach, wie er im verwüsteten Dorfe die Hütten wieder aufsteigen, die Felder wieder sich beleben sah, wie er, von allem, was sie that und litt, unterrichtet, nicht ein einzigesmal sich mehr fragte: wird sie mir alles, alles noch ersezen können? Nun fieng er an, sich nach dem Boden zu sehnen, wo sein Vater gelebt hatte, wo sein Schatten durch Wohlthun versöhnt, der Schauplaz seines schröklichen Todes neu erschaffen werden mußte, um den Zeugen – vielleicht den Mitschuldigen seiner Ermordung die Sonne wieder lieb zu machen. Sollte er aber ohne Sara dort leben und würken? Unglük und Leidenschaft hatten freilich ihre Jugend gewelkt, und gaben ihr Jahre voraus; aber er war der Weisere durch die ungetrübt gebliebne Einfachheit seines Geistes – nicht mehr ängstlich und[339] mit der Ungewißheit der Liebe, sondern mit dem ruhigen Zutrauen einer unbefangnen Seele, betrat er einst den Weg zu Sara's Wohnung, in der Absicht, der treuen Freundin sein ganzes Herz aufzuschliessen.

Es war ein schwüler Sommerabend; schwarze Wolken hiengen über den alten Thürmen; scheu und von der schweren Luft gedrükt, flogen die Vögel unter die Mauersteine und Vorsprünge; nur die Schwalbe durchschnitt noch in niedrigen Zirkeln am Boden die brennende Luft. Sara war heute schwermüthiger wie sonst, es war der Jahrestag ihres Abschieds von Berthiers Haus. So schwer, wie die Luft auf der stillen Landschaft, lag damals die Ahnung ihres Schiksals auf ihr! Sie sah in das Thal hinab, sah die Felder grünen, die Aeste an den Bäumen von ihren Früchten sich beugen; und die finstern Wolken änstigten sie, als würden sie allgemeine Vernichtung bringen. Immer tiefer in traurige Erinnerungen versinkend, wollte sie[340] sich losreissen, und gieng, den Knaben an der Hand, gegen die Seite des Schlosses, von welcher Roger kommen mußte. In kurzem erhob sich ein heftiger Sturm, und sie stieg, um sich vor den grossen Regentropfen zu schüzen, und von ihrer Stimmung hingerissen, in das Gewölbe hinab, welches L***'s Gemahlin zur Grabstätte diente. Indeß sie am Eingang des innern Gewölbes saß, die zunehmende Finsterniß beobachtete, und die kindischen Fragen des Knaben, den die neuen Gegenstände beschäftigten, langsam beantwortete, gerieth dieser auch auf die Erhöhung über dem Grabe seiner Mutter, und fragte neugierig, wer den kleinen Berg dahin gebracht hätte? Sara hatte ihm von dem Schiksal seiner unglüklichen Eltern schon oft so viel erzählt, als sein kindischer Verstand begreifen konnte; aber dieses Grab hatte sie ihm, aus milder Schonung, noch nie gezeigt. Die unbesorgte Frage des Knaben, der, unter Ruinen und in der Einsamkeit erzogen, so furchtlos[341] in diesen dunkeln Hölen spielte, ergriff ihr Herz – Unter diesem Hügel schläft Deine gute Mutter, antwortete sie sanft weinend. – Und der Vater? fragte er weiter, und blikte forschend in der Höle umher. – Der Vater – der Schmerz erstikte ihre Stimme; sie sah im Geist den traurigen Holzstoß, hörte das Knistern der Flamme und den Gesang der Kriegsgefährten – der Vater ruht weit von hier, Du wirst sein leztes Bett nie finden – Willst Du denn auch hier schlafen? fragte nun Hyppolit, und lehnte sich, mit frohen Augen sie ansehend, an ihren Schooß – Ich auch; Du sollst mir hier mein Bett machen – Der Kleine klopfte hüpfend in die Hände, und meinte, dann wolle er ihr auch Blumen auf ihr Bett werfen, wie gestern Abends, und bei ihr singen wie heute früh – In dem Augenblik trat Roger an den Eingang der Höle, und rief Sara's Namen. Er war heraufgestiegen, hatte sie überall gesucht, hatte ein Gefühl von Schreken in den[342] einsamen Mauern gefunden, die überall nur seine Stimme und den fernen Donner wiederhallten, und er hatte von neuem erfahren, wie verödet ohne Sara die Schöpfung für ihn war. Endlich wollte er noch in dem Gewölbe nachsehen, das er allein schon öfters besucht, von welchem er aber Sara immer entfernt gehalten hatte. Sein heitrer Muth war schon bei dem ängstlichen Suchen gefallen; und wie er ihre sanfte Stimme: hier bin ich, mein Freund! aus der Gruft herauftönen hörte, schien es ihm, seiner Vernunft zum Troz, eine Vorbedeutung fehlgeschlagner Wünsche. – Sara, sprach er, indem er sich näherte: welch ein Aufenthalt! bei dem drohenden Wetter, mit dem frohen Kinde – lassen Sie uns eh der Regen zunimmt – Aber sie bat ihn, zu bleiben, um hier die Würkung des Gewitters zu sehen, und sie machte ihm neben sich auf den Steinen Plaz. Mit einer Ergiessung ihrer düstern Fantasie zeigte sie ihm, wie alles um sie her Tod und Vernichtung predige,[343] sprach von dem Andenken, das mit dem heutigen Tag verknüpft wäre, von der Reihe Leiden, die sie seit jener Reise zählte. So verschieden die Gefühle, mit welchen Roger gekommen war, von dem Auftritt waren, der ihn hier empfieng, so fühlte sich doch der starke Mann unwillkührlich in ihren Schmerz gezogen, und es hätte ihm eine unstatthafte Härte geschienen, jezt Sara's tiefen, so natürlich veranlaßten Kummer, mit seinen Wünschen, seinen Vorschlägen zu unterbrechen. Von diesem schaudervollen Ort hätte er sie gern hinweggeführt, aber schon heulte der Sturm, und der Regen schlug gegen die Mauern, so daß er sie und ihr Kind auszusezen fürchtete. Sie hatte geschwiegen, und betrachtete den Wiederschein der Blize auf der schwarzen Mauer – Wie sie nun alle, alle ruhen wie diese! fieng sie langsam wieder an, und deutete auf das Grab – in zwei Jahren alle! Alle fühllos dem Schmerz, unzugänglich dem Elend – – Meine Schwester![344] Vielleicht nicht unzugänglich dem Trost, uns neben einander, uns eines dem andern zur Stüze dienen zu sehen – – Erst mein Kind – das süsse Leben! Schon damals glaubte ich kaum, daß meine Mutterliebe hinreichte, meine Schuld zu versöhnen – – Und Sara, versöhnst Du hier nicht überschwänglich? – Er zeigte auf den Knaben, der bei dem Schein der Blize spielte – – Was ich kannte, zog ich in den Strudel meines Schiksals! Weder Unschuld noch Unwürdigkeit schüzten – sie mußten alle fallen, damit ich allein stehen bliebe, ein warnendes Denkmal meines Elends – – Der Donner rollte langsam über sie hin, ihre Stimme klang hohl und kalt; Roger ergriff ihre Hand, um zu reden, aber sie sprach fort, die Hand des Freundes bei jeder Pause an die bebenden Lippen führend, und er, der ihre einzelnen schweren Thränen fühlte, verstummte vor Mitleid. – – So mußten die redlichen Männer dahin – Thirion, der keine[345] Freude an meiner Raserei hatte – und Raimond, mein lezter guter Engel, der Rogers Namen sprach – und der fürchterliche Joseph – Ein geheimer Schauder. schien sie bei diesem Namen zu ergreifen – Die arme Nanni, die treue redliche Martha! – O wie sinnreich hat doch das Schiksal mir jede Art von Wunden versezt! Meine theilnehmende Babet, ihr Gatte – und dann der Mann, dem die Erde nicht einmal ein Grab gegönnt hat! – Ein heftiger Donnerschlag, mit einem rothen Blize begleitet, trieb jezt den erschroknen Hyppolit auf Rogers Schooß, der, ihn streichelnd, auf sein leises Geschwäz nicht Acht gab; die Unterbrechung, welche dadurch einen Augenblik entstand, gab ihm aber Zeit, sich zu ermannen. Er reichte Sara seine Hand wieder, die er zurükgezogen hatte, um das Kind aufzunehmen, und sprach innig gerührt: sie ruhen nun alle, meine Sara; auch unser Theodor – auch der sanfte Weise, der so[346] früh, so oft uns zum Glük einsegnete – – O Dein Vater! Und heller flossen Sara's Thränen – – Sieh, meine Schwester, und was er wünschte – was auch Dein sterbender Vater wünschte – es kann noch geschehen! – Er drükte ihre beiden Hände an seinen Mund. Sie schien zu ahnen, sie wollte ihre Hände losmachen. Er hielt sie, und fuhr mit sanft bittendem Tone fort: Sara, wir wollen seine Hütte wieder aufbauen! Wir wollen seine Bäume wieder pflanzen – um seine Ruhestätte ein Paradies schaffen! – – Sie riß ihre Hände aus den seinigen, und bedekte ihr Angesicht: O nie, nie! rief sie schaudernd – Dein reines Kinderherz neben mir, der von Geistern umringten? –

Roger verstummte. So weit vom Frieden entfernt, hatte er sich sie nicht gedacht! Hyppolit legte ihm jezt seinen Arm um den Hals, damit er auf sein Geschwäz hören sollte – Dort, dort wo meine Mutter schläft, sagte er schmeichelnd – Was dort? fragte [347] Roger erschroken, und blikte hin. – Dort mache ich Sara ihr leztes Bett – – Roger schauderte; der Sturm heulte in den Mauern, ein heller Bliz erleuchtete das Gewölbe, und laut schluchzend sank Roger zu Sara's Füssen.

Quelle:
Therese Huber: Die Familie Seldorf. Theil 1–2, Theil 2, Tübingen 1795–1796, S. 1-348.
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