Betrachtung der Welt/ von der Erschaffung biß nach der Sündfluth

[85] Gott schuf zu allererst den Himmel und die Erde.

Bewundre Geist und Hertz diß Werck ist Heiligkeit!

Damit die Finsterniß in Licht verhandelt werde!

Sprach Gott: es werde Licht! gleich war das Licht bereit.[85]

O welche Majestat/ die in den Worten stecken!

Da alles auf der Welt nunmehr hervor gebracht/

Hat Gott die Wunder Hand zum Menschen ausgestrecket/

Und aus der Erden ihn zu Gottes Büd gemacht

Wie herrlich bist du Gott/ wie huldreich/ und wie milde!

Hier ist ein Liebes Meer in einer Vater Brust

Hier ist der Güte Thron. Gott schuf uns sich zum Bilde/

Zum Bilde: Zweymahl steht/ was unsre höchste Lust.


Da nun das Paradieß/ der Garten unsrer Wonne/

Vor uns erbauet war/ fiel unser Heil und Glück

Im Ungehorsam hin. O unerschaffne Sonne!

Weicht denn dein Gnaden-Strahl/ dein Licht in uns zurück?

Du hast/ Armseliger/ dein höchftes Gut verlohren.

Dein Auge gehet auf/ dein Elend anzusehn

Die Sünde wird durch dich der gantzen Welt gebohren.

Vor Scham und Schande kan der Mensch vor Gott nicht stehn

Verbirge dich! Allein/ wo wird ein Baum dich decken.

Vor Gottes Angesicht? doch deine Furcht ist groß;

Des Höchsten Stimme rufft/ und Adam bebt vor Schrecken/

Nun Gottes Bildniß fort/ so steht er nackt und bloß.

Der Arme zieht sich aus/ giebt weg/ was er getragen/

O die Vollkommenheit/ die dich verlassen hat!

Das allerschlimste Kleid und Centner schwer von Plagen

War da/ so leicht es schien/ ein dünnes Feigen-Blat.

Diß war die erste Noth/ die unsern Leib umgeben.

Der Seelen Unschuld starb durch Gifft und Schlangen List/

Ist kein Erbarmen da/ vor Todte/ welche leben?

Wir lesen gleich darauf/ wie gnädig Herr du bist.

Gott sprach: Zum neuen Heil bereit ich dir den Saamen.

O Liebe/ welche nicht vollkommener kan seyn?

Gott tröstet nach dem Fall: Ihr Sünder sprechet Amen.

Die Liebe nimt das Hertz mit Freuden Thränen ein.

Wer diesen Worten traut/ dem kan der Fluch nicht schaden;

Der stirbt nicht/ wenn er stirbt/ arbeitet in der Ruh/

Und legt im Glauben sich/ o tiesses Meer der Gnaden/

Durch Christum wiederum/ des Höchsten Bildnis zu.[86]

Doch diese Liebe hat Undanckbarkeit belohnet.

Die Kinder Gottes sah'n den Menschen Töchtern nach/

Den Kindern Cains-Art/ in welchen Schönheit wohnet/

Die Schönheit/ die der Welt das Hertz und Leben brach.

Die Schönheit/ die der Geist des Himmels nicht regieret;

Die Schönheit/ da der Herr den Erden-Kreiß beschaut/

Und nichts/ als Boßheit sieht/ und nichts als Frevel spüret/

Macht/ daß dem Schöpffer selbst vor den Geschöpfen graut.

Daß es dem Gütigsten/ den wir die Liebe nennen/

Gereuet/ daß er uns aus Staub und Koth gemacht.

Daß aus Gerechtigkeit sein Eyser muß entbrennen/

Der Menschen/ wie das Vieh/ das gleich war/ umgebracht.

O Schönheit/ Pfuy dich an! Verflucht ist dein Gerichte!

Trinck Wasser/ Häßliche! die Sündfluth kömt durch dich.

Hier schwimmt der Menschen Heer. Welch jämmerlich Gesichte!

Man säufet seinen Tod/ wie vor die Sünd in sich.

Die Welt verderbe nur/ die schon durchaus verdorben.

Doch Noah/ spricht der Herr/ geh in die Sicherheit:

Ich habe dich gerecht/ den Lüsten abgestorben/

Gerecht vor mir ersehn/ zu dieser bösen Zeit.

Die Erde ward vertilgt/ und alles Fleisch gieng unter;

Nur Noah blieb gesund und was im Kasten war.

Auf Seele/ lobe Gott/ sey danckbar/ freudig/ munter/

Es liegt/ was Leben hat auf seiner Todten-Bahr.

Die Wasser übergehn der höchsten Berge Spitzen.

Vieh/ Menschen/ Vögel/ Wild/ Gewürm ersäuft/ ertrinckt.

Nur ein Gerechter kan in Ruh und Frieden sitzen;

Sein Felß der Zuversicht/ ist Gott/ der nicht versinckt.

Sein Schloß der Sicherheit baut er in wilden Wellen.

Das Wasser/ andrer Todt/ trägt ihn gesund davon.

Es mag der Grim der Fluth biß an den Himmel schwellen/

Er spricht in Gottes Krafft dem Wüten Trotz und Hohn.


Gott hielte sein Gericht/ und da er sich gerochen/

Bracht um die Vesper Zeit der holden Tauben Mund

Ein Oelblat/ welches sie zum Zeichen abgebrochen/

Das Gottes Frieden nun auf Erden wieder stund.[87]

Mit Noah ist zugleich der Seegen ausgegangen

Bald ward ein Lob-Altar dem Höchsten aufgebaut

So pflegt es nach der Noth ein Frommer anzufangen;

Und dieses Opfer hat Gott gnädig angeschaut.

Es hatte sich dadurch die Danckbarkeit entzündet.

Die Andacht trug das Holtz/ die Liebe legt sich drauf.

So daß das Vater Hertz daran Gefallen findet/

Ein lieblicher Geruch stieg zu dem Höchsten auf.


Wie gütig ist der Herr vor diese/ die Ihn suchen?

O Liebe! die hierauf in ihrem Hertzen spricht:

Ich will hinfort nicht mehr den Erden Kreiß verfluchen/

Denn was ist doch der Mensch vor meinem Angesicht?

Zum Bösen ist sein Hertz von Jugend auf geneiget/

Darum soll/ was da lebt/ nicht weiter untergehn.

So lange sich die Welt in ihren Angeln zeiget/

Soll Saamen/ Erndte/ Frost und Hitze nicht entstehn.

Ich will so Tag als Nacht/ und alle Zeit erwecken.

Zu Noah sprach der Herr: seyd fruchtbar mehret euch;

Erfüllet diese Welt; und euer Furcht und Schrecken

Sey über Fische/ Thier' und Vögel auch zugleich.

Ich richte meinen Bund mit Noah samt den Erben

In dieser Meinung auf: daß hinfort keine Fluth/

Kein Wasser alles Fleisch auf Erden soll verderben.

Und dieses ist mein Bund/ der ewiglich beruht.

Ich habe/ sagte Gott/ zum Zeichen meinen Bogen

Ins Wolcken Heer gesetzt/ auf daß ihr darnach seht/

Wenn ich die schlimme Welt mit Wolcken überzogen/

Daß alles Fleisch dadurch nicht mehr zu Grunde geht.


Quelle:
Christian Friedrich Hunold: Menantes Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte, Halle/ Leipzig 1713, S. 85-88.
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