Fünfzehntes Kapitel.

[243] Die nervöse Verdauungsschwäche zeigte sich von neuem. Das neue Mittel brachte eine solche Reizung in seinem Magen hervor, daß der Herzog so schnell wie möglich mit seinem Gebrauch aufhören mußte.

Die Krankheit nahm ihren gewöhnlichen Verlauf; unbekannte Erscheinungen begleiteten sie. Nach den Alpdrücken, den Geruchseinbildungen, Gesichtsstörungen, dem harten, hartnäckigen Husten, dem Klopfen der Pulsadern und des Herzens, dem kalten Schweiß traten Täuschungen des Gehörs ein, Verschlimmerungen, die sich nur in der letzten Periode des Übels zu zeigen pflegen.

Von einem hitzigen Fieber verzehrt, hörte der Herzog plötzlich ein Wasserrauschen, das Summen von Bienenschwärmen; dann verschmolzen diese Geräusche zu einem einzigen zusammen, das dem Schnarren einer Drehbank ähnelte. Dieses Schnarren wurde nach und[244] nach schwächer und löste sich in hellen Glockenklängen auf.

Bald fühlte er sein fieberndes Hirn wie emporgetragen in musikalischen Wellen, eingehüllt in den mystischen Taumel seiner Kindheit.

Die bei den Jesuiten erlernten Gesänge fielen ihm wieder ein, durch sie wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen.

Bei den Patern wurden die religiösen Feierlichkeiten mit großer Pracht ausgeführt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter Chorknabengesang machten diese religiösen Übungen zu einem künstlerischen Genuß, der dem Kultus zugute kam.

Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von Marcello, Oratorien von Händel, Motetten von Sebastian Bach und trug gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie auch die »Laudi spirituali« des sechzehnten Jahrhunderts, deren priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzückt hatte.

Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hören des einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte.[245]

Die jetzt für veraltet und altertümelnd geltende Liturgie war das Wort und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das ewig gesungne Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert, eine beständige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhöchsten hinaufgesandt wurde.

Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem mächtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonien den Quadersteinen der alten Basiliken anpaßte und die römischen Gewölbe ausfüllte.

Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrückt gewesen von dem unwiderstehlichen Hauch, als der »Christus factus est« des gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen; oder wenn die einförmige Melodie des »De profundis« klagend ertönte, traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rührende Barmherzigkeit ihres Erlösers anfleht!

Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein einzelner, sondern der Genius der[246] Kirche geschaffen hatte, unpersönlich, namenlos wie die Orgel selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religiöse Musik profan.

Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und Durantes, in den bewundernswürdigsten geistigen Schöpfungen von Händel und Bach keine Verzichtleistung auf einen öffentlichen Erfolg, keine Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes zu finden.

Höchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur bestätigte sich der religiöse Stil ernst und streng und näherte sich der erhabnen Majestät des alten Chorals.

Übrigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den Theorien, die er in bezug auf alle andern Künste bekannte. Was die religiöse Musik anbelangte, billigte er eigentlich nur die klösterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die instinktmäßig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu, daß er unfähig war, die Schliche zu verstehn, die die Meister der Gegenwart in der katholischen Kunst eingeführt hatten; auch hatte er die Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur Malerei und zu[247] den literarischen Wissenschaften hingezogen fühlte.

Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerm Studium imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen und mit Sachverständnis zu genießen.

Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen pflegt. Um sie zu genießen, hätte er sich unter dieses immer gleiche Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winterzirkus belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert, der in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerißne Episoden zur ungeheuern Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode hetzt.

Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen genommen hatten; und er sah auch ein, daß keine Szene, ja selbst[248] nicht einmal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge ungestraft losgelöst werden durfte.

Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, daß von diesem Haufen von Musikfreunden, die des Sonntags außer sich gerieten, kaum zwanzig die Partitur kannten, die man verhunzte.

Die bekanntre, leichtre Musik und die unabhängigen Stücke der alten Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piecen von Auber und Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und Bazin widerten ihn in gleichem Maße an, wie die veralteten Ziererein und die pöbelhaften Reize der Italiener.

Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser Kammermusiksoireen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës.

Gewisse Partien für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos gelassen; es waren[249] besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor Entzücken außer sich gebracht hatten.

Diese Musik drang in sein tiefstes Innre und machte sein Herz erbeben wie von vergeßnen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz betäubt, plötzlich soviel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu empfinden.

Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie, entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er »des Mädchens Klage« hören können, ohne daß ihm nicht nervöse Tränen in die Augen stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas Entrißnes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in einer düstern, öden Landschaft.

Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein, durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfaßt, deren geheimnisvolle[250] Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloß.

Gleich einem Totengeläute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet daniederlag, von toller Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er deren Ursache nicht erkannte.

Er überließ sich schließlich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes müde, ließ er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in klagenden Tönen durch seinen schmerzenden Kopf und seine stechende Schläfe ergoß.

Eines Morgens hörte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war wieder seiner mächtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu bringen. Vor Entsetzen glitt ihm der Spiegel fast aus der Hand; er erkannte sich kaum wieder.

Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzlig. Sein Haar und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhöhten noch das Entsetzliche seines eingefallnen Gesichtes mit den hohlen, verschwommnen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schädel brannten.[251]

Mehr als seine Schwäche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von Nahrung zurückwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte, erschreckte ihn diese Veränderung seines Äußern.

Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn niederdrückte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen plötzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, ihn auf der Stelle aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen.

Sein vollständiges Sichgehnlassen ging in plötzliche Hoffnung über; denn dieser Arzt war ein berühmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch seine Kuren nervöser Krankheiten.

»Er hat sicher schon eigensinnigere und gefährlichere Fälle als den meinen behandelt,« sagte sich der Herzog; »er wird mich zweifellos in einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.«

Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollständige Hoffnungslosigkeit.

»So gelehrt, so geschickt sie auch sein mögen, von Nervenleiden verstehn die Ärzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung. Wie alle andern wird auch dieser mir[252] das ewige Zinkoxyd, Chinarinde, Bromkali und Baldrian verschreiben.«

»Aber wer weiß,« fuhr er dann fort, und klammerte sich an eine letzte Hoffnung, »wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, kommt es vielleicht daher, daß ich sie nicht in richtiger Dosis gebraucht habe.«

Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon neuen Lebensmut.

Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände und sich hierher bemühen werde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht, daß der Diener ihn nicht antreffen könnte.

Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über, übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden, und der Augenblick kam, wo es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes verzweifelte und sich wütend sagte, daß er sicherlich gerettet würde, wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein Zorn gegen[253] den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu lassen, und schließlich raste er gegen sich selbst und warf sich vor, so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein, daß er jetzt geheilt wäre, wenn er nur einen Tag früher kräftige Arznein und vernünftige Pflege gehabt hätte.

Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von Ohnmacht, die von bewußtlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, daß er ganz apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt plötzlich ins Zimmer trat.

Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs unterrichtet und auch von den verschiednen Symptomen, die er selbst beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster, von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der Arzt stellte nur wenige Fragen an den[254] Kranken, dessen Verhältnisse er übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in dem ihm gewisse weiße Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens offenbarten.

Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort; seine baldige Rückkehr sagte er zu.

Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, daß der Arzt keinerlei Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so mißtrauisch auch Herzog Jean war, er fand kein Anzeichen, das eine Lüge auf dem ruhigen Gesicht des alten Mannes verriet.

Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte, gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arznein und Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine blassen Lippen, als der[255] Diener ein mit Pepton gemischtes Klistier brachte und ihm bedeutete, daß er es dreimal in vierundzwanzig Stunden wiederholen müsse.

Es müßte köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit, welch eine radikale Erlösung der Abneigung, die das Fleisch den Leuten ohne Appetit einflößt! Welch endgültige Befreiung des Überdrusses, der sich immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der Speisen ergibt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine Sünde der Gefräßigkeit!

Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klistier, dessen Farbe und Geruch anders war als das von Pepton.

»Aber das ist ja nicht dasselbe!« rief der Herzog aus, der sehr aufgeregt war über die in das Instrument gegoßne Flüssigkeit.

Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des Arztes entfaltend las er:


Lebertran 20 Gramm

Kraftbouillon 200 Gramm

Burgunderwein 200 Gramm

Eigelb 1 Gramm.
[256]

Aber er brauchte bald nicht mehr über die nährenden Flüssigkeiten nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu bezwingen und ihm auf gewöhnlichem Wege einen süßlichen Punsch mit Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao seinem Mund zusagte.

Wochen vergingen, und sein Magen entschloß sich endlich wieder zu arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die Übelkeit noch wieder, die indessen durch das Ingwerbier und durch eine Arznei von der Riviera eingeschränkt wurde.

Schließlich kräftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdaun.

Die Kräfte nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht stehn und versuchen zu gehn, indem er sich auf einen Stock stützte und an den Ecken der Möbel festhielt. Anstatt sich dieses Erfolges zu freun, vergaß er seine vergangnen Leiden, wurde gereizt über die Länge der Rekonvaleszenz und warf dem Arzt vor, daß er seine Genesung hinauszögre.

Endlich war er so weit wieder hergestellt, daß er während ganzer Nachmittage aufbleiben[257] konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer umherzugehn vermochte.

Jetzt ärgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die Länge der Zeit gewöhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach langer Zwischenzeit wieder dorthin kam.

Die Farben, die gewählt waren, um bei Licht gesehn zu werden, erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu ändern, und stellte stundenlang künstliche Farbenharmonien zusammen.

Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, da er die Rückkehr zu seinen frühern Beschäftigungen und alten Liebhaberein wahrnahm.

Eines Morgens, während er seine orange-gelben und blauen Wände betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen träumte, die aus griechischen Kirchenstolas, russischen Meßgewändern in Goldstoff, Chormänteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt ins Zimmer, beobachtete die Blicke seines Kranken und erkundigte sich nach seinem Befinden.

Der Herzog teilte ihm seine unausführbaren[258] Wünsche mit und fing an, neue Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflösungen der Nuancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dämpfer aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Art erklärte, daß er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Pläne zur Ausführung bringen werde.

Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm auseinander, daß er zuerst zum Wichtigsten geschritten sei, indem er die Verdauungsfunktionen wiederhergestellt habe, und daß er jetzt das Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen müsse, das keineswegs geheilt sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordre.

Er fügte hinzu, daß, bevor er irgendein Mittel versuchen oder eine Kaltwasserkur anfangen könne, was außerdem in Fontenay unmöglich sei, er diese Zurückgezogenheit aufgeben, nach Paris zurückkehren, in das allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen müsse, sich wie jeder andre Mensch zu zerstreun.

»Aber die Vergnügungen der andern zerstreun mich nicht!« rief der Herzog empört aus.[259]

Ohne sich in eine Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, daß die gänzliche Lebensveränderung in seinen Augen eine Lebensfrage wäre.

»Das heißt also der Tod oder die Galeerenstrafe!« rief der Herzog erbittert aus.

Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmanns durchdrungen, lächelte und schritt ohne zu antworten der Türe zu.

Quelle:
Huysmans, J[oris-] K[arl]: Gegen den Strich. Leipzig [o. J.], S. 243-260.
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