Zwölftes Kapitel.

[200] Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, daß er sich lange Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche Befriedigung, wie er sie genossen hatte, wenn er sie nach einer ernstlichen Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er vergessen, seitdem er sie erworben hatte.

Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in London eingenommen hatte; der diskrete, schweigsame Dienst des alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte.

Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit.[201]

Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie, ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hätte.

Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte er die Werke von Archelaus, Albert dem Großen, Lullus, Arnold de Villanova, die die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und stellte mit Vergnügen fest, daß alle trocken und unversehrt geblieben waren.

Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich die von ihm bevorzugten Verfasser in besondern Luxusausgaben angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte Bücher herstellen lassen. Er ließ von England und Amerika neue Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen; oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz gotischer Typen besaß.

Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages der silbernen[202] Chinas, der perlmutternen und goldnen Japans überdrüssig geworden, wie auch der weißen Wathmans, der dunkelbraunen holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier. Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher anwendete, um Hanf zu verarbeiten.

Um ein wenig Abwechslung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete ihm ein Lübecker Fabrikant ein Preßbalkenpapier, bläulich, kräftig, etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldblättchen, wie sie in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren.

Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren in ungebräuchlichem Format, die er von Künstlern in antiker Seide, geprägtem Ochsen- und Coyleder artistisch einbinden ließ. Auch besaß er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet, und einige sogar mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt.[203]

So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von Baudelaire in großem Format wie Meßbücher mit großen steilen Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen.

Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder durch, die ihm in diesem einfachen, aber unschätzbaren Rahmen ergreifender als gewöhnlich erschienen.

Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Literatur darauf beschränkt, das Äußre der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen, hatte sich weit in die verlaßnen und unbekannten Gänge hineingewagt, war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche Vegetation der Gedanken verzweigt.

Zu einer Zeit, wo die Literatur fast ausschließlich den Lebensschmerz dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten überwunden und die[204] unheilbareren, tiefern Schäden untersucht, die durch Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen.

Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit, wo Verse nur dazu dienten, die äußern Erscheinungen von Wesen und Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede andre diese wunderbare Macht besaß, mit einer seltnen Gesundheit von Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art, der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen.

Außer Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten.

»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières« brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen ging sogar so weit, daß er sich[205] nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand zu vergleichen.

Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut in Wallung brachten.

Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig, noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen Bestrebungen angefüllt schienen; aus Haß gegen all diesen Plunder vertiefte er sich fast ausschließlich in die Lektüre der christlichen Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich an den ernsten und markigen Sätzen, die Nicole und besonders Pascal aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung ihm zu Herzen gingen.

Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Literatur in seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an.

Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand[206] aus der gewöhnlichen, profanen, die andre aus der Kirchenliteratur.

Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenliteratur auf ihrem Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht hatte.

Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve, lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in klangvoller Rednersprache verfaßt und Lobreden gehalten, in denen aber ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte.

In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die flammende Begeisterung eines Lacordaire.

Der im allgemeinen abgedroschne bischöfliche, von den Prälaten gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Das zeigte sich besonders bei dem Grafen de Falloux.

Unter dem Schein der Mäßigung schwitzte dieser Akademiker geradezu Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltnen Reden waren dagegen weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent« veröffentlichten und seitdem[207] in Sammlungen vereinigten Artikel waren beißend und scharf und von einer übertriebnen Höflichkeit in ihrer Form.

Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer Logiker, der seitwärts ging und unvermutet traf.

Etwas geschraubter, gezwungner, ernster war Ozanam, der geliebte Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache.

Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können.

Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte, war: »Der Mensch« von Ernest Hello.

Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte, hatte Ernest Hello schließlich den großen Verbindungsweg, der von der Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der langweiligen Einförmigkeit der Straße und von dem Gewühl dieser Schriftpilger, die im[208] Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander dieselbe Chaussee gingen, indem einer in des andern Fußstapfen trat und an denselben Orten anhielt, um dieselben Gemeinplätze über die Religion, die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete.

Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war, erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger Psychologen des vergangnen und dieses Jahrhunderts.

In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber fast immer blendend waren. –

Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten[209] den Herzog ganz besonders: »Le Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mystizismus und Sadismus.

In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schießen lassen und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu ihrem äußersten Ende verfolgte.

Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«: die Magie vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine Verstoßne, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet hatte, wie er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben wollte, hatte zeichnen lassen.

Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall eingetreten.[210]

In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey d'Aurévilly gesungen; in »den Teuflischen« hatte sich der Verfasser dem Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit Exorzismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat.

Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur weltlichen Literatur als zu jener andern, bei der er einen Platz beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden Romantismus, voll gewundner Wendungen und übertriebner Vergleiche, und eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen.

Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen, abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwicklung der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat.[211]

Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, daß das Frühstück aufgetragen sei.

Er ließ seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem Eßzimmer, indem er sich sagte, daß von all den Büchern, die er soeben geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgout der decadenten lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch waren, erinnerten.

Quelle:
Huysmans, J[oris-] K[arl]: Gegen den Strich. Leipzig [o. J.], S. 200-212.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Gegen den Strich
Gegen Den Strich (a Rebours.)
Gegen den Strich
Gegen den Strich
Gegen den Strich: Roman
Gegen den Strich (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Anders als in seinen früheren, naturalistischen Stücken, widmet sich Schnitzler in seinem einsamen Weg dem sozialpsychologischen Problem menschlicher Kommunikation. Die Schicksale der Familie des Kunstprofessors Wegrat, des alten Malers Julian Fichtner und des sterbenskranken Dichters Stephan von Sala sind in Wien um 1900 tragisch miteinander verwoben und enden schließlich alle in der Einsamkeit.

70 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon