Dritter Auftritt.

[45] Dominique Vater. Marquis.


DOMINIQUE. Ey, mein lieber Reisegefährte, mein wackerer Herr Marquis! Kommen Sie denn endlich wieder zu mir her?

MARQUIS. Lieber Freund! Ich mache es, wie Sie; ehe ich mich zeige, forsche und frage ich, wie alles steht. Am Ende des Dörfchens habe ich unsre Equipage untergebracht.

DOMINIQUE. Unsre Equipage? – Die beiden kleinen Felleisen? Nun meinetwegen. Ihr Herren, möchte ich wohl faden, könnt es nicht verlernen, kleinen Dingen große Namen zu geben.[45]

MARQUIS herzlich. Mein launiger, wackerer Freund! streiten wir nicht mehr um Worte; wir sind nun an der Sache.

DOMINIQUE sieht sich um. Das sind wir. Seufzt. Ach ja!

MARQUIS. Wie? Ein banger Seufzer? Ist das die Freude des Wiedersehens, wovon mein lieber Reisegefährte mich auf dem Postwagen von Düsseldorf bis hierher so herzlich unterhalten hat?

DOMINIQUE. Ja nun – ich höre hier so wunderbarliche Dinge – von der Kinder hohem Adel, und des Herrn Delomers großem Wappen, von Schlössern, sechs Mohrenköpfen und gnädigen Herren, daß mein guter Muth darüber verloren gegangen ist.

MARQUIS zuckt leicht die Achseln. Je nun! man sagte auch mir von Herrn Delomers Hoheit Manches –

DOMINIQUE. Ja, und was soll das vorstellen? warum thut er so vornehm?

MARQUIS. Doch lobt ihn auch Jedermann als gutherzig und freygebig.

DOMINIQUE. Er wird mir mit seiner gnädigen Herrschaft die Kinder zu Grunde richten.

MARQUIS. Ueber Ihre Kinder ist nur eine Stimme des Lobes –

DOMINIQUE. Nun ja! aber sie sind doch auch gnädig. Was soll das nun? Haben sie das[46] Ihre gerettet, warum verwalten sie es nicht in der Stille? Dabey kann man ja so froh und lustig seyn, daß es den Nachbarn eine Herzensfreude ist, so was mit anzusehen.

MARQUIS. Daß Herr Delomer den Handel ausgegeben hat –

DOMINIQUE. Nun, da hat er recht. Es mag ihm wohl manches zu Glück geschlagen seyn. Er war immer im Handel ein unternehmender Mann, und ein sehr verständiger Mann; aber kühn, gewaltig kühn. Es ist gut, daß er aufgehört hat: so ist er nun sicher im Hafen.

MARQUIS. Und ich auch. Ich mit ihm.

DOMINIQUE. Sie mit ihm? Wie verstehe ich das?

MARQUIS. Wackerer Mann! Ehrwürdiger Weltbürger! Ich habe aus der Reife, wie ein armer Ausgewanderter, mich zu Ihnen gesellt. Ich habe nach meiner wenigen Baarschaft kümmerlich gelebt. Sie haben es nicht dulden wollen; ich mußte auf Ihre Kosten mit Ihnen reichlich zehren –

DOMINIQUE. Nun, warum denn nun davon Aufhebens machen? Sie geben sich mir als ein Busenfreund des Herrn Delomer zu erkennen; und das ist doch wohl für mich Anweisung genug, nicht zu leiden, daß Sie Salz und Brot essen?

MARQUIS. Aber die brüderliche Art, womit Sie das Ihrige mit mir getheilt haben –[47]

DOMINIQUE. Pah! Lassen wir das! – Es ist Unglücks genug, daß die Uebel, die im Großen geschehen, nur im Kleinen wieder gut gemacht werden.

MARQUIS. Jetzt, lieber Freund, bin ich nicht mehr arm.

DOMINIQUE. Nicht? Nun desto besser! Aber was stehen wir hier noch länger? Nun muß ich zu den Kindern.

MARQUIS. Sie wollten ja erst erforschen, ob –

DOMINIQUE. Nichts mehr – mags, daß ich morgen ein wenig schelten muß. – Heute will ich segnen, und ich kann aus der Stelle hier nicht mehr ausdauern. –

MARQUIS. Aber wie wollen Sie sich zeigen? –

DOMINIQUE. Wie? – Heda! Hier bin ich, Gott sey mit uns! – Das Großkind an mein Herz – Amen! Nun macht mit mir, was ihr wollt! So wirds werden – Vorwärts!

MARQUIS. Ein Wort nur vorher –

DOMINIQUE. Geschwind!

MARQUIS. Nun Delomer gut steht, bin ich sehr reich.

DOMINIQUE. Ja so! Nun das will ich noch hören. Wie denn?[48]

MARQUIS. In der Schreckenszeit sammelte ich mein Vermögen in Wechsel, und sandte es Herrn Delomer, des Willens, gleich nachzufolgen. Ich ward verhaftet, der Guillotine durch ein Wunder entrissen. Ein treuer Freund brachte mich, indem er mich bey Tage versteckte, und bey Nacht reifen ließ, aus ein Schiff nach Amerika.

DOMINIQUE steht in Gedanken.

MARQUIS. Das Unglück wollte, daß wir an die Kanarischen Inseln verschlagen wurden. Wir litten Schiffbruch. Ich und drey Andere retteten uns an das Ufer. Sie starbet bald darauf. Mir ward es nicht möglich, ein Zeichen des Lebens zu senden. Mein Glück führt ein Schiff dorthin; es bringt mich arm nach Holland. Wäre Herr Delomer oder Ihre Kinder arm, oder gar todt gewesen; so war es beschlossen, ich wollte einen andern Namen führen, und mein Brot! kümmerlich erwerben. Nun aber ist das Alles, Gottlob! anders. Erst will ich hier meinen Dank an diesem redlichen Herzen niederlegen, und nun – sehne ich mich darnach, die Tracht des Unglücks abzulegen, und meinem redlichen Freunde in die Arme zu fliegen. Kommen Sie –

DOMINIQUE aus dem Nachdenken erwerbend. Was? – Ja, ja. Ihre Geschichte, Herr Marquis! – Sie haben sie mir erzählt, und ich danke Ihnen dafür; aber ich habe nicht viel davon gehört, als daß es Ihnen jetzt gut geht, und das freuet mich.[49]

MARQUIS. Kommen Sie zu Ihren Kindern! Kommen Sie!

DOMINIQUE. Ja, ja. Bewegt die Atme, geht aber nicht. Wir wollen –

MARQUIS. Sie stehen an? Wie?

DOMINIQUE. Bey meiner Seele! Ja – ich stehe an. – So ist der Mensch! Bey hohen Jahren mache ich mich aus den weiten Weg, denke die ganze Reise über nichts, als den Augenblick des Wiedersehens, ärgere mich eben noch, daß Sie mich aufhalten, zittre für Wonne während Ihrer Erzählung. – Mit einem Male aber befällt mich eine Angst, eine Bangigkeit – und so wahr ich lebe, ich kann fast nicht von der Stelle.

MARQUIS. Was ängstet Sie?

DOMINIQUE. Das herrschaftliche Wesen des Herrn Delomer und meines Sohnes. Sehen Sie, wenn es möglich wäre, daß meine Erscheinung, wie ich da vor Ihnen stehe – und anders kann ich nun nicht seyn – wenn die meinen Sohn hier in Verlegenheit setzen könnte –

MARQUIS. Wo denken Sie hin?

DOMINIQUE. Ach, wenn ich das Unglück erleben müßte – ich würde für Thränen den Rückweg in mein Vaterland nicht finden.

MARQUIS. Nein, es ist nicht möglich, daß der Sohn eines so vollherzigen Vaters aus der Art schlagen könnte.[50]

DOMINIQUE. Was meinen Sie denn? Ey! gut ist er gewiß: das habe ich keinen Augenblick bezweifelt. Aber so – vornehm gut wird er seyn, und damit kann ich nichts anfangen. Ach, der Hoheitstrank – er giebt einen bösen Rausch.

MARQUIS. Da kommt Jemand! – Stellen wir uns als gleichgültige Zuschauer!

DOMINIQUE. Ich soll gleichgültig seyn? – Da legen Sie einmal Ihre Hand her! Ach! so schlug es hier nicht seit der Nacht, wo mein Sohn aus Paris flüchtete.

MARQUIS. Sehen Sie sich hier um! – Das allgemeine Getöse, was hier heute ist, kommt uns zu statten. Hernach gehen wir nach dem Schlosse. Werden wir vorher befragt, und er kommt, so ist es um die Ueberraschung gethan.

DOMINIQUE. Die Ueberraschung – nun ja! die gebe ich nicht auf.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Das Erbtheil des Vaters. Leipzig 1802, S. 45-51.
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