Vierter Auftritt.

[51] Vorige. Horfmann.


HORFMANN. Was wollt Ihr hier? Es ist ja doch genug bekannt gemacht, daß die gnädige Herrschaft nicht will, daß hier Jemand ist.

MARQUIS geht etliche Schritte.

DOMINIQUE. Erlaubt es denn die Herrschaft nicht, daß Fremde in den Garten gehen?

HORFMANN. Ach ja! Alles zu seiner Zeit; aber hier soll heute. Niemand seyn. Ueberhaupt sind der Herr Baron von Dominique hier gern allein. Sie kommen bald.

DOMINIQUE. Warum ist er denn hier gern allein?

HORFMANN. Den Tempel da hat er zum Gedächtniß seines alten gnädigen Herrn Vaters errichtet.

DOMINIQUE. So? Er fällt Horfmann um den Hals. Hat er das?

HORFMANN. Nun? was ist denn das?

MARQUIS zupft Dominique.

DOMINIQUE. Nun! das – das muß ja dem alten Herrn Vater – Er trocknet sich seitwärts die Augen. eine rechte Herzensfreude seyn.[52]

HORFMANN. Mag seyn, mag auch nicht seyn! – Wir hier, sind mit dem Tempelchen arg geschoren. Da muß alles so nett und sauber gehalten werden, wie im schönsten Saale.

DOMINIQUE zupft den Marquis. Hören Sie das?

HORFMANN. Ja, lacht nur! Es ist wahr. Um den übrigen Garten bekümmert er sich nicht halb so viel. Da, les't nur die Inschrift!

DOMINIQUE sieht umher.

MARQUIS liest für sich.

DOMINIQUE. Wo denn?

HORFMANN. Dort oben.

DOMINIQUE zwischen Lächeln und Thränen. Wo denn? Aha! – Was steht denn da geschrieben?

HORFMANN. Der Vatertreue.

DOMINIQUE. Ach, auf der Stätte – da will ich ein wenig ruhen. Er setzt sich an den Fuß des Tempels.

HORFMANN. Bey meiner Seele! es ist hier mehr Spektakel um den alten Papa, wie um die gnädigste Landesherrschaft; und es mag doch wohl ein rechter Bär seyn!

DOMINIQUE steht auf und lacht. Weil er nicht kommt?

HORFMANN. Hm! Er möchte meinetwegen bleiben, wo er ist. Aber er fragt nicht nach der Dienerschaft, schickt auch nichts von Präsenten,[53] und man arbeitet sich doch so ab, daß es eine Schande ist. – Nun jetzt macht euch fort. Sie kommen daher, und –

MARQUIS. Hierher?

DOMINIQUE. Sie werden kommen?

HORFMANN. Ja. Und es sind vornehme Herrschaften dabey, und da sehen der Herr von Delomer, nicht gern gemeine Leute um sich her. Uebrigens geht es heute hoch her, und wenn ihr arme Schlucker seyd – wie ich wohl merke, weil ihr gar nicht von der Stelle wollt, – so meldet euch hernach! Ihr kriegt gewiß eine Kollecte von der Herrschaft. Geht. Da steht auch noch das Geräthe – Hm! Das Volk denkt an nichts. Er nimmt zwey Gießkannen und sie fort. Was hilft da meine Ordnung?

DOMINIQUE. Der Vatertreue? Ja, Dominique! treu war ich dir und bleibe es, so lange noch ein Athem mir ist. Jeden Morgen warst du mein erster Gedanke, und jeden Abend betete ich für dich. Sey mir treu, bleib mir treu! Laß mir den alten Platz in deinem Herzen, so mag immer kein Tempel für mich gebauet werden, wenn du mir nur so offen und vertraulich ins Angesicht sehen kannst, wie sonst.

MARQUIS. Ach, wie gern wollte ich kein Vermögen wieder finden, hätte ich hier einen Sohn wieder zu finden! Meine Söhne sind gefallen,[54] Niemand lebt, der meinen Namen trägt. Ich bin allein in der Welt.

DOMINIQUE. Nun, nun – Sie finden doch Freunde! – Sie werden also kommen. Was machen wir nun? Wir wollen uns hier wo verbergen, und wenn sie denn recht mitten in der Herrlichkeit sind, so trete ich in Gottes Namen unter sie und vor sie hin.

MARQUIS. Ganz recht.

DOMINIQUE. Kein Wort werde ich sprechen, sie alle rund herum ansehen, meinen Sohn, die Tochter; und wenn der alle gnädige Herr von Delomer im Anfange auch ein wenig erschrickt, so freut er sich am Ende doch wohl den alten ehrlichen Schlag wieder zu finden. Nicht wahr?

MARQUIS. O gewiß! Aber so lange bis euer aller lautes Entzücken sich in ruhige Freude verwandelt hat, ziehe ich mich zurück –

DOMINIQUE. Was ist das?

MARQUIS. Lieber, alter Vater! Die ersten schönen großen Augenblicke muß ein Fremder nicht stören.

DOMINIQUE. Haben Sie ein fremdes Herz? Sie müssen mit mir hervor, da hilft nichts.

MARQUIS. Mein, Dominique! Die Rechts der Natur sind noch heiliger, als die Rechte der Freundschaft. Aber hernach lasse mich melden, als ein armer Emigrant, der Hülfe bedarf. –[55]

DOMINIQUE. Schön! Ja, das thun Sie! Denken Sie den Jubel der Leute, die, statt eines kleinen Geschenks, das Glück haben, sie auf einmal zum reichen Mann zu machen. Reich werden, das will nicht so viel heißen; aber einen andern reich machen – Herr! das geht über alles.

MARQUIS. O was das ist, das weiß ich, das kennen Sie.

DOMINIQUE. Wie ich dem Herrn Delomer damals mein Faß bringen konnte, mit 3778 Stück Louisd'or in Rollen, und sechs Säcken mit Münze, jeden mit 1200 Livres – wie er so kümmerlich da stand, und ihm nun auf einmal das Gold in die Augen leuchtete, und mein Sohn starr hinblickte, reden wollte – nicht konnte, die Hände ausbreitete, und meine Schwiegertochter – aber wir müssen fort. Wo verbergen wir uns denn? Er sieht umher. Ach – ach! Was ist das? Was sehe ich dort? Mein Seele! das ist gut, das muß so seyn –.

MARQUIS. Was denn?

DOMINIQUE. Das lasse ich mir nicht nehmen. Da – sehen Sie nur dorthin! – Nun will ich dem Herrn Delomer einen Streich spielen.

MARQUIS. Ich begreife nicht –

DOMINIQUE. Das thut nichts. Helfen Sie mir nur den Schubkarren da in den Tempel schieben; wir wollen dort das Fäßchen darauf setzen. Sie thun es, und setzen es in den Tempel vor dem Altar.[56] Das sieht so zufällig aus, und doch muß es ihnen auf das Herz fallen.

MARQUIS. Ja, ja! Ganz recht!

DOMINIQUE. Sie werden nicht wissen – sie werden sich die Köpfe zerbrechen, und Niemand denkt, daß ich so nahe bin.

MARQUIS. Still! Ich höre Jemand –


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Das Erbtheil des Vaters. Leipzig 1802, S. 51-57.
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