Dreyzehnter Auftritt.

[109] Delomer. Dominique Sohn.


DELOMER. Ah! – Etwas betroffen. Sie sind hier allein?

DOMINIQUE. Ich war im Begriff, zu Ihnen zu gehen.

DELOMER. Nun – hier bin ich, lieber Dominique!

DOMINIQUE. Aber ich sehe, daß ich Sie aufhalte.

DELOMER. Ganz und gar nicht.

DOMINIQUE. Sie wollen zum Marquis gehen –

DELOMER verlegen. – Ja.

DOMINIQUE. Wie glücklich sind Sie?

DELOMER. Ach, Dominique!

DOMINIQUE. Sie sind erschöpft. Sie werden zu rechnen haben. Soll ich statt Ihrer arbeiten?

DELOMER. Bedauren Sie mich!

DOMINIQUE. Sehen Sie diese Schwäche nicht für Abnahme der Kräfte an! Dieses Uebermaß des Gefühls, dem Ihr Körper erliegt, ist der Triumph schöner Seelen.[110]

DELOMER. Grausamer Sohn!

DOMINIQUE. Ich will Ihnen alles erleichtern. Deshalb habe ich den Marquis um den Betrag der Summe fragen lassen, die er Ihnen anvertraut hat.

DELOMER hastig. Warum haben Sie das gethan?

DOMINIQUE. Damit Sie recht bald alles mit ihm berichtigen können.

DELOMER. Das kann ich nicht –

DOMINIQUE. Ich ehre so sehr Ihre Pünktlichkeit. Nichts soll Sie hindern, auch hier Ihren alten Grundsätzen zu folgen.

DELOMER. Der Marquis galt überall, all überall für todt. Er ist ohne nahe und weitläuftige Verwandte.

DOMINIQUE. Nicht ohne treue Freunde. Sie sind Einer seiner ältesten Freunde.

DELOMER. Sie reißen mein Geheimniß mir aus der Seele. – Nun – so mögen Sie es denn wissen! Weil ich ihn nach den genauesten Nachrichten für todt halten mußte, habe ich sein Geld verwendet.

DOMINIQUE. So geben Sie ihm die Verwendung!

DELOMER. Das geht nicht an.

DOMINIQUE. Geben Sie ihm all unsern Besitz.[111]

DELOMER. Er wird Wechsel wollen.

DOMINIQUE. Verkaufen wir, was wir haben.

DELOMER. Nein! Ich werde ihm sein Kapital verzinnsen.

DOMINIQUE. Er ist Herr seines Vermögens.

DELOMER. Nicht in diesem Augenblick.

DOMINIQUE. Ihre Ehre fordert augenblickliche Rechenschaft.

DELOMER. Das kann ich nicht.

DOMINIQUE. Nichts kann Sie davon entbinden.

DELOMER. Das Warbingsche Gut ist dafür gekauft –

DOMINIQUE. Ihr Privat, Vermögen –

DELOMER. Ist viel geringer, wie Sie glauben.

DOMINIQUE. Nehmen Sie alles, was wir haben!

DELOMER. Ich gebe die Plane für meine Kinder nicht auf.

DOMINIQUE. Nie sollen unsre Nachkommen über unsre Liebe für sie erröthen dürfen.

DELOMER. Dominique!

DOMINIQUE. Vater![112]

DELOMER. Das Gut ist gekauft, bezahlt, und auf Bedingungen gewonnen, die nur Sie erfüllen können.

DOMINIQUE. Nicht einen Augenblick kann ich Sie im falschen Lichte erscheinen sehen, und das ist der Fall, wenn Sie nicht heute noch mit dem Marquis sich berechnen, und bald ihn auszahlen.

DELOMER. Ich werde das Seine hoch verzinnsen. –

DOMINIQUE. Sie müssen ihn bezahlen.

DELOMER. Ich muß – ich muß – welch ein Ton!

DOMINIQUE. Die Angst der Sohnestreue entschuldige meine Worte!

DELOMER. Sie bleibe bescheiden!

DOMINIQUE. Ich kann es nicht ertragen, Sie meinem Vater gegenüber beschämt zu sehen.

DELOMER. Ich bin ihm alles schuldig; aber durch die Pedanterie eines Vorurtheils soll er mir nicht alles wieder nehmen.

DOMINIQUE. Ich verkaufe alles –

DELOMER. Was ist das?

DOMINIQUE. Zahle Ihre Schuld.

DELOMER. Das verbiete ich.

DOMINIQUE. Die Liebe für Ihren Namen und Ihre Ruhe befiehlt es. Ich ziehe fort.[113]

DELOMER. Wohin?

DOMINIQUE. Mit meinem Vater.

DELOMER. Und wer bin ich?

DOMINIQUE. Ihr eigner Feind.

DELOMER. Herr über meine Handlungen.

DOMINIQUE. Nicht über mein Gefühl. Gern und willig verlasse ich diese erzwungene Herrlichkeit, die mich drückt, ziehe mit Weib und Vater in meine Heimath. Dort führe ich den Schubkarren meines Vaters für unsere Erhaltung, und so erwarte ich den Augenblick, wo Sie sich selbst wieder finden, und den Sohn segnen wollen, der rasch den Namen des gnädigen Herrn weggiebt, um den Ehrentitel des guten Sohnes zu erhalten. Geht.

DELOMER. Halt!

DOMINIQUE. Fort!

DELOMER. Wohin?

DOMINIQUE. Zur Sache!

DELOMER. Nicht von der Stelle.

DOMINIQUE. Alles geschieht schon.

DELOMER. Ohne mich?

DOMINIQUE. Aber in Ihrem Namen.

DELOMER. Das ist gewiß?

DOMINIQUE. Aus Ehre!

DELOMER. Was haben Sie der Gattin und dem Sohne zu verschenken?[114]

DOMINIQUE. Einen untadelhaften Namen des Vaters zu erhalten.

DELOMER. Fort! Mir aus den Augen! Nimmermehr vergebe ich Ihnen das. Wenn ich zu weit gehe, für wen thue ich es? – Für dich, Undankbarer! der du meine Schwäche aus Zärtlichkeit so hartherzig behandelst. Geht.

DOMINIQUE hält ihn auf. War ich hart? Vergebung für jede Silbe! – ach – nicht Eine sollte weh thun! Die Ruhe eines guten Mannes will die Liebe. Spricht denn die treue Liebe nicht mehr aus dem Herzen, daran Sie so oft Ihr Haupt lehnten, wenn Stürme Sie quälten?

DELOMER. Lieber Dominique! gehen Sie zurück!

DOMINIQUE. Ich kann nicht.

DELOMER. Ich auch nicht. Ich kann nicht, und ich will nicht.

DOMINIQUE zuckt die Achseln.

DELOMER. Was soll nun werden?

DOMINIQUE die Hand aufs Herz. Das steht hier niedergeschrieben. Geht ab.

Quelle:
August Wilhelm Iffland: Das Erbtheil des Vaters. Leipzig 1802, S. 109-115.
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