Fünfter Auftritt.

[160] Vorige. Herr von Wallenfeld.


HERR VON WALLENFELD tritt heftig ein. Vergebung, lieber Onkel, daß ich hier mich eindränge. –

GEHEIMERATH applauirt. Bravissimo, die Stelle!

HERR VON WALLENFELD. Kennen Sie mich gar nicht mehr?

GEHEIMERATH. Nein!

HERR VON WALLENFELD tritt näher zu ihm. Gerührt. Einst war ich Ihr Liebling!

GEHEIMERATH. Stallmeister!

STALLMEISTER tritt vor.

HERR VON WALLENFELD tritt zurück.

GEHEIMERATH. Vormittag den Postzug von Grauschimmeln; fahre auf Sanspareil. Um vier Uhr der zweisitzige Staatswagen, Schecken, blau und silbernes Geschirr, Pferde eingeflochten. Bedeutet ihm zu gehen.

STALLMEISTER tritt zurück.

GEHEIMERATH. Unterschreiben! –

SEKRETÄR rückt ihm das Tischchen vor.

GEHEIMERATH zu Jean. Ist genug! Sekretär gibt ihm etliche Dukaten. – Ist vom Herrn von Fernau. Er geigt es heute Abend bei der Fete.

JEAN verbeugt sich, und tritt mit dem Notenpulte zurück.

HERR VON WALLENFELD. Herr Onkel!

GEHEIMERATH zum Sekretär. Wie geht es mit der neuen Eisenschmelze?

SEKRETÄR. Präsentire hier allerunterthänigst die geschlossene Rechnung.[161]

GEHEIMERATH sieht in die Papiere. Zwölf hundert Thaler Ueberschuß? Gut! Kann noch ein Ofen angelegt werden?

SEKRETÄR. Da ist der Bauanschlag zu Hochdero Approbation.

GEHEIMERATH unterschreibt. Ist für Ihn.

SEKRETÄR. Wie?

GEHEIMERATH. Für Seine Rechnung. – Treue Diener muß man lohnen.

SEKRETÄR. Diese Huld erkenne ich mit tiefster Verehrung.

GEHEIMERATH. Tisch weg! –

SEKRETÄR nimmt ihn weg.

KAMMERDIENER setzt ihn nach dem Bette zu.

GEHEIMERATH steht auf.

BEDIENTER trägt den Stuhl weg.

GEHEIMERATH. Man geht hinaus.

SEKRETÄR winkt.

KAMMERDIENER, JEAN, STALLMEISTER, HAUSHOFMEISTER gehen ab.

GEHEIMERATH zum Herrn von Wallenfeld. Was gibt's?

HERR VON WALLENFELD. Herr Onkel, ich habe sehr gefehlt gegen Sie, ich fühle es.

GEHEIMERATH. Gegen meinen Willen geheirathet.

HERR VON WALLENFELD. Noch mehr habe ich gegen Sie und mein Weib gefehlt –

GEHEIMERATH. Mein Weib! – Weib! – Welche pöbelhafte Art sich zu exprimiren!

HERR VON WALLENFELD. Gegen beide habe ich gefehlt. –

GEHEIMERATH. Bitte, mich nicht mit der Allervortrefflichsten in Eine Klasse zu rangiren.[162]

HERR VON WALLENFELD. Ich habe sehr gefehlt in meiner Lebensart nach der Heirath.

GEHEIMERATH. Weiter!

HERR VON WALLENFELD. Von Ihrer Großmuth auf dem glänzendsten Fuß erzogen, berechtigt zu den größten Erwartungen, habe ich mich vergangen, daß ich auf eine Art gelebt habe, die ich ehedem eher hätte entschuldigen können. Es ist unverantwortlich. Aber nun bin ich so elend –

GEHEIMERATH. Ich zahle nichts.

HERR VON WALLENFELD. Ich werde beschimpft.

GEHEIMERATH. Hat's meritirt.

HERR VON WALLENFELD. Ich bin bettelarm.

GEHEIMERATH. Hat ja zehn tausend Thaler von Seinem Vater.

HERR VON WALLENFELD beschämt. Ich hatte sie! Mein armes Kind – nur mein Kind dauert mich!

GEHEIMERATH. Geht mich nichts an, das Kind.

HERR VON WALLENFELD. Herr Onkel, ich bin in Verzweiflung, wenn Sie mich verstoßen. Nur von der unmittelbaren Schande, bitte ich, retten Sie mich! retten Sie in mir den Namen, den wir beide tragen! Dann gehe ich fort von hier, und nie wage ich es wieder, auf Ihre Güte Anspruch zu machen.

GEHEIMERATH. Ist schon über alles disponirt für Herrn von Fernau. Der heirathet die Comtesse, ist an Kindesstatt angenommen. Indeß, da Er sich von hier aus dem Staube machen will –

HERR VON WALLENFELD. Ich möchte von hier gehen können! Ich möchte es bald können.

GEHEIMERATH. Gabrecht!

SEKRETÄR. Excellenz![163]

GEHEIMERATH nachdem er eine Weile leise mit ihm gesprochen, zu Wallenfeld. Der da wird Ihm meine Meinung sagen. –

HERR VON WALLENFELD dringend. Herr Onkel – sein Sie –

GEHEIMERATH. Der da –

HERR VON WALLENFELD. Nicht ein Wort des Mitleidens gönnen Sie dem Unglücklichen, den Sie einst Ihren Fritz, Ihren Sohn genannt haben?

GEHEIMERATH. Fatigirt mich – das viele Reden. Adieu pour jamais! Geht ab.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 3, Wien 1843, S. 160-164.
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