Fünfter Auftritt

[39] Friedrike. Anton.


ANTON. Gottlob, daß sie fort ist!

FRIEDRIKE. Du bist etwas rauh mit ihr gewesen.

ANTON. Ich hätte es keine Minute länger mit ihr ausgehalten.

FRIEDRIKE. Sie hat mir viel Sorgen um dich gemacht.[39]

ANTON. Riekchen! Bedeutend. Und mir ihr Bruder um dich. Er hat dir wieder geschrieben.

FRIEDRIKE. Woher weißt du das?

ANTON. Durch Matthes, der seit heute dort dient.

FRIEDRIKE. Dient er dort? Nun ist mir es begreiflich, warum mich der Mensch immer mit Briefen und Geschenken von dort her ängstete. Ich nahm keines – aber den letzten Brief hielt er mir offen vors Gesicht. Dich wollte ich schonen – ich kenne deinen Argwohn – also gab ich gar keine Antwort und reiste die Nacht durch, um ihm nicht zu begegnen.

ANTON. Das dachte ich gleich, wie ich dich so früh fand. Habe Dank. – Also Herr Matthes hat dir die Briefe gebracht?

FRIEDRIKE. Der Mensch hat mir manche böse Stunde gemacht mit Nachrichten von dir. Gott vergebe es ihm!

ANTON. Was hat er dir denn von mir gesagt?

FRIEDRIKE. Hm! – Es kann nicht wahr sein. Du liebst mich – alles ist vorbei, und ich bin herzlich zufrieden, da ich wieder bei dir bin.

ANTON. Wenn ich den Kerl treffe, so ist er unglücklich!

FRIEDRIKE. Nicht doch. Laß ihn laufen. Ach ich bin ohnehin so unruhig – er hat überall in der Stadt schreckliche Drohungen gegen dich ausgestoßen! Geh ihm aus dem Wege – geh nicht allein – ich bitte dich.

ANTON. Was könnte es denn geben?

FRIEDRIKE. Ich bin so angst – ich weiß, der Kerl ist zu jedem Bubenstück fähig. Der alte Fritz, den er vom Amte weggelogen hat, war vorhin bei mir und winselte schrecklich. – Ich gab ihm ein Almosen – Er sagte, ich sollte dich ja vor dem bösen Matthes warnen.

ANTON. Nun – laß Matthes Matthes sein, und laß uns von unsrer Liebe sprechen.

FRIEDRIKE. Nein, Anton – nicht eher, als bis du mir versprichst, daß du keine Händel mit ihm anfangen willst. Versprichst du mir's?

ANTON. Nun ja.

FRIEDRIKE. Nicht so. – Fest, gewiß – ernstlich und –

ANTON. Auf mein Wort! – Ich will ruhig sein. Ei Mädchen, mein Leben ist mir zwanzigmal lieber als sonst, da du es so lieb hast.[40]

FRIEDRIKE. Wirst du mich immer lieben?

ANTON. Wahrhaftig!

FRIEDRIKE. Ich weiß nicht, wie es zugeht, sonst war mir leichter zumute; aber jetzt bin ich mannichmal so traurig, daß ich's nicht genug sagen kann – Dann fallen mir Dinge ein! Dinge! O es wäre hart, wenn etwas davon wahr werden sollte!

ANTON. Was ist es? – Sag es mir. – Wenn du mir gut bist, so sagst du es.

FRIEDRIKE. Es ist nichts, wirst du sagen; aber mich quält es gewaltig. Ich habe dich nun so herzlich lieb – ich denke auf nichts, als wie ich dich so glücklich machen soll, als ich armes Mädchen kann. Ich habe deswegen manches in der Stadt gelernt, um dir nicht langweilig zu sein – Ich weiß – das ist es nicht, was ich sagen sollte – aber es gehört doch dazu – und dann –

ANTON. Du weinst? – Ist es denn so traurig, was noch nachkömmt? Weine nicht. Wenn du weinest, so tut mir es in der Seele weh! Nun sprich – –

FRIEDRIKE. Anton – deine Eltern sind dreißig Jahre verheiratet und leben heute noch so glücklich als am ersten Tage ihrer Heirat. Sooft ich sie ansehe, denke ich, ob wir wohl auch so glücklich – und so lange glücklich sein werden? Anton – mein ganzes Leben ist in dir. Wäre es möglich, daß du einmal mich weniger liebtest als heute? – Wenn ich Eltern hätte, sie würden dich an meiner Stelle fragen. Nun bin ich eine Waise, und mein Leben ist in deiner Hand. Wäre es möglich – so laß uns gleich abbrechen. Es wird mir das Leben kosten, das weiß ich; aber ich sterbe doch sanfter, als wenn – – – Sie bedeckt sich das Gesicht. Anton umfaßt sie mit einem Arm. Ach Anton!

ANTON. Riekchen – Riekchen, sieh mich an! Sie sieht ihn innig an, er legt ihre Hand auf sein Herz. Gott weiß, es ist kein Falsch in mir.

FRIEDRIKE. Hast du dich geprüft, ob es wirklich Liebe ist, was – – –

ANTON. Ich habe mich nicht geprüft. Das ist nicht nötig. Als du nicht hier warst, da war mir nichts lieb, immer war ich verdrießlich. Nun du wieder hier bist, gefällt mir wieder alles, ist mir's überall wohl. Das macht, weil ich dich liebe. Warum sollte sich das aber andern? Sieh – ich könnte[41] dir ja teure Eide schwören, aber ich glaube, dir wäre dabei nicht besser. Einem ehrlichen Mann ist sein Wort heilig. Ein Mann, der einem Weibe sein Wort bricht, ist doppelt schändlich!

FRIEDRIKE. Anton! – So – so höre ich dich gern.

ANTON. Dazu sind wir auf dem Lande und können eine gottlose Ehe nicht mit der Mode verbergen. Nein – ich habe wenig, vornehm bin ich nicht, es kann auch sein, daß ich das Pulver wohl nicht erfände – aber so viel gesunden Sinn, als man fürs Haus braucht, traue ich mir zu – und das hier – Auf das Herz zeigend. da gebe ich keinem Menschen auf der Welt etwas nach! – So steht's. Nun frage ich dich ordentlich – Riekchen, willst du mich heiraten?

FRIEDRIKE. Deine Eltern –

ANTON. Die wollen wir heute noch fragen. – Nun, und du?

FRIEDRIKE mit zärtlichem Blick auf ihn und mit dem Erröten eines guten unfassonierten Mädchens. Frag deine Eltern!

ANTON. Dank – Riekchen. Mein künftiges gutes Weib, der ich treu bin bis in den Tod! Dank, tausend Dank!

FRIEDRIKE. Aber lieber Anton, du mußt nun auch gut werden. Du bist so wild – – –

ANTON. Ich wild? – Bewahre Gott! Da haben sie dir was weisgemacht.

FRIEDRIKE. Wenn ich nur an deine Briefe denke! Stand doch fast in jedem: – wenn das nicht geschieht, so gehe ich fort und werde Soldat. Wenn du mir das nach zwei Jahren einmal sagtest!

ANTON. O ja – sobald du mir untreu wirst.

FRIEDRIKE. Und dann mußt du auch nicht so auffahren. Man lebt dabei in tausend Ängsten. Die Jäger sind ohnehin ein wildes, ungestümes Volk.

ANTON. Riekchen, halt die Jäger in Ehren, sonst kömmst du nicht gut weg.

FRIEDRIKE. Es ist wahr, es kann kein gutes Haar an euch sein. Alle Tage quält und mordet ihr das arme Vieh.

ANTON. Gelt, das hat dir ein Stadtpatron gesagt. So ein Kerl, der den ganzen Tag hinter dem Ofen hockt, mit[42] Hauts gouts und Liqueurs das Blut verbrennt und aus verschrumpftem Herzen mit dem Gänsekiel die Menschen quält? – Nein. Kein ehrlicher Kerl quält das Vieh. Alle Tage gehen wir hinaus, leben in frischer Luft. Das gibt frisches Blut und ein gesundes Herz! Wenn ich dann so abends nach Hause komme, fröhlich und guter Dinge, und bringe dir einen Braten in deine Küche und fordre einen Kuß – wirst du mir ihn verweigern?

FRIEDRIKE. Ich küsse keinen Mörder.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Die Jäger. Stuttgart 1976, S. 39-43.
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Die Jäger
Die Jäger. Ein ländliches Sittengemälde in fünf Aufzügen

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