Achter Auftritt

[47] Vorige. Oberförsterin.


OBERFÖRSTERIN. Was gibt's? Doch kein Schaden, kein Unglück? Dienerin von Ihnen. – Eben habe ich hingeschickt, habe mir die Ehre ausbitten lassen, auf dies – – –

OBERFÖRSTER. Bestellt und angenommen.

OBERFÖRSTERIN. Danke vielmals. Nun, was soll ich – warum bin ich gerufen?[47]

OBERFÖRSTER. Du kannst dir was zugute tun: du bist gerufen, um Rat zu geben – das ist dir denn doch lange nicht begegnet.

OBERFÖRSTERIN schlägt die Hände faltend zusammen. Nun wahrlich, dann muß guter Rat teuer sein!

OBERFÖRSTER. Richtig. Darum suchen wir ihn wohlfeiler.

OBERFÖRSTERIN. Nur geschwind, denn ich muß in meine Küche – was soll's geben?

OBERFÖRSTER. Sieh, du bist eine kluge Frau, aber mit Antonen – hast du dich gewaltig verrechnet.

OBERFÖRSTERIN. Verrechnet? – Mit Antonen? Wieso? Worin? Wenn ich mich in dem irre, so sind alle Menschen falsch.

PASTOR. Der Irrtum entsteht oft durch unser Verschulden.

OBERFÖRSTERIN. Nein – für meinen Anton stehe ich; der denkt nichts, was ich nicht wüßte. Für den stehe ich.

PASTOR. Man kann für niemand stehen, und – Er lächelt. in gewissen Fällen gar nicht.

OBERFÖRSTER. Lassen Sie mich. Ich habe es so in der Art, ihr Fragartikel aufzusetzen. Die beantwortet sie scharmant. Am Ende sind wir immer beide einig. – »Nicht wahr – wenn Anton ein Mädchen liebte, so müßtest du es gemerkt haben?«

OBERFÖRSTERIN. Richtig. Das behaupte ich.

OBERFÖRSTER. Nun – das behaupte ich auch. »Wenn er heiraten wollte, so müßte er es dir am ersten sagen« –

OBERFÖRSTERIN. Dabei bleibe ich noch.

OBERFÖRSTER. Gut. »Er wird dir es auch am ersten sagen?«

OBERFÖRSTERIN. O das – das behaupte ich.

OBERFÖRSTER. Das behaupte ich nicht! Der Junge soll heiraten; das will er auch. So weit ist die Sache richtig. Er soll Mamsell Kordelchen heiraten? Die will er nicht – er will eine andre heiraten. Sieh, da hast du dich verrechnet, darum zerreiß dein Exempel – es ist falsch. Hahaha!

OBERFÖRSTERIN. – Was? –

OBERFÖRSTER. Ja, ja.

OBERFÖRSTERIN. Anton heiraten! Nun wahrhaftig, das muß er klug gemacht haben –[48]

OBERFÖRSTER. Weil du es nicht gemerkt hast? Ja, der Klügste kann sich irren.

OBERFÖRSTERIN. Nun, nun – erlebt man nicht Dinge! Je – wen denn?

PASTOR. Ihre Friedrike.

OBERFÖRSTERIN. Was? Ernst. Nein! Mit einem Übergange. Aber nun geht mir erst ein Licht auf! Vorhin wie – und da –! Aber wo habe ich denn die Augen gehabt? Nein, das ist zu toll! So was ist mir all mein Tage nicht begegnet!

OBERFÖRSTER. Was denn?

OBERFÖRSTERIN. Denken Sie nur – – – nein, es ist wirklich zu arg.

PASTOR. Was war es denn?

OBERFÖRSTERIN. Es ist noch nicht lange her – Mamsell Kordelchen war da – Kömmt der Junge von der Jagd – da stand ich; hier, wo du stehst, Mamsell Kordelchen; und dort, wo der Herr Pastor steht, stand Riekchen.

OBERFÖRSTER. Und – wo standest du?

OBERFÖRSTERIN. Hier – –

OBERFÖRSTER. Nun nur weiter.

OBERFÖRSTERIN. Kömmt er von der Jagd – rennt auf das Mädchen zu, grade zu, grade zu. Ich alteriere mich, daß der Junge so grob ist, sage, er soll doch hübsch sein Kompliment machen und manierlich sein – nun, so steht er doch leibhaftig da wie ein Stock! Ja – nun, auf die Art – –

OBERFÖRSTER. Bist du also nun dahintergekommen? Nun sag uns deine Meinung von der Sache.

OBERFÖRSTERIN bedenklich. Meine Meinung? Mit leichtem Achselzucken. Ja – Riekchen ist ein gutes Kind, ein braves Mädchen, das ich wie meine Tochter liebe, die uns keine Schande machen würde, die –

OBERFÖRSTER. »Aber« – Spann den Hahn nicht so lange, schieß ab!

OBERFÖRSTERIN. Aber sie hat denn doch auch gar nichts. – Erstlich: Man muß bedenken –

OBERFÖRSTER. Weib! Zähle doch die Glückseligkeit nicht immer nach harten Talern.[49]

OBERFÖRSTERIN. Aber ohne Geld lebt es sich doch einmal nicht.

OBERFÖRSTER. Tausend Sapperment! Er geht umher.

PASTOR. Liebe Frau, in Heiratssachen ist schwer zu raten. Ich vermeide es sogar, darum befragt zu werden. Aber wenn der Fall so klar ist wie hier – kann man es ohne Anstand. Wenn Sie daher sonst kein Hindernis wissen – –

OBERFÖRSTER. Als wir uns heirateten, waren wir arm – nun, wir sind noch nicht reich – aber wenn uns nun jemand der harten Taler wegen hätte voneinander jagen wollen? He?

OBERFÖRSTERIN. Das mag alles gut sein. Aber – ich muß mich über dich wundern, daß du an nichts denkst. – Verstehst du mich?

OBERFÖRSTER. Nein.

OBERFÖRSTERIN. Wir können diese Heirat vor unserm Gewissen nicht verantworten.

OBERFÖRSTER. Weswegen nicht?

OBERFÖRSTERIN. Da Riekchen andrer Religion ist als Anton; so dürfen die beiden nimmermehr –

OBERFÖRSTER. O Weib, du – das hätte ich – Weib! – Herr – jetzt ist die Reihe an Ihnen. Ab.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Die Jäger. Stuttgart 1976, S. 47-50.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Jäger
Die Jäger. Ein ländliches Sittengemälde in fünf Aufzügen

Buchempfehlung

Stramm, August

Gedichte

Gedichte

Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

50 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon