Zehnter Auftritt.

[149] Vorige. Friedrich. Hernach Willner. Zuletzt Jakob. In der Folge der Haushofmeister.


FRIEDRICH. Herr Willner bittet um Erlaubniß –

GREIF halb für sich. Fataler Kerl!

BARONESSE zu Friedrich. Kann kommen. Zu Greif. Ein deutscher Gelehrter! – Bravissimo! – Wir geben Figaro eine Hetze mit dem Pedanten.

FRIEDRICH öffnet Willner die Thür. Herr Willner. Geht ab.

WILLNER. Gnädige Frau, meine Geschäfte bei der Herrschaft geben mir das Glück, Ihnen meinen Respekt –

BARONESSE. Guten Morgen, ehrlicher Willner!

WILLNER. Da meine liebe Schülerin die glückliche Heirath mit dem Herrn Grafen Bardenrode nun vollziehen soll –

BARONESSE. Sagt man das?

WILLNER. Und aller treuen Unterthanen Hoffnung –

BARONESSE. Was sagt man noch?

WILLNER. Man segnet diese Ehe laut.

BARONESSE. Setzen wir uns, Greif! Sie nimmt das Kanapee.

GREIF nimmt den Stuhl daneben.

BARONESSE zu Greif. Sehen Sie! – dieser Figaro – seine Art zu leben – diese – ach! diese niedliche Art, alle Dinge zu nehmen – jedem Dinge die gefälligste Gestalt zu leihen – wird Sie entzücken.

GREIF. Wir dürfen stolz sein, daß er mit diesem leichten,[149] heitern Sinne sich in die finstern Kreise des deutschen Reichs wagt.

BARONESSE. Nicht wahr? – Ja, das muß man nur frei gestehen. – Zu Willner. Was mich betrifft, ich liebe mein Vaterland. – Zu Greif. Denn so unrecht sind sie nicht, die Deutschen – Sie sind geduldig und dauerhaft. Zu Willner. Nur Esprit und Grace! – Nun dafür können sie nicht. Zu Greif. Wenn sie nur nicht schreiben wollten! Ja – das heißt – Kompendien wohl! aber – Zu Willner. Er hat doch die Erbauungsschriften erhalten die ich Ihm für das Landvolk zugeschickt?

WILLNER. Erhalten und vertheilt. – Allein, der schlechte Unterricht! – Es kann ja niemand lesen.

BARONESSE zu Greif. Kompendien möchten sie wohl schreiben – Nur – setze Er sich, ehrlicher Willner! – Nur um Gottes willen nichts Schönes!

GREIF. Ja wohl wäre das zu wünschen! Seufzt. Besonders bei dem Frevel der heutigen –

BARONESSE. Ja – Wo sie so alles sagen wollen was man denkt – was sie natürlich schreiben heißen. Mitleidig. Ach du Gott! – Zu Willner. Er hat auch ein Buch geschrieben?

WILLNER. Ja, gnädige Frau!

BARONESSE zu Greif. Es wird doch jetzt viel geschrieben! Zu Willner. Setz' Er sich doch.

WILLNER nimmt einen Stuhl ihr gegenüber.

BARONESSE. Lieber Greif, ziehen Sie doch die Klingel! Zu Willner. Worüber hat Er geschrieben?

WILLNER. Ueber Entstehung, Aufnahme, Geist und Hoffnung deutscher Literatur.[150]

BARONESSE zu Greif. Wie war's? – »Entstehung? – Entstehung ohne Geist?«

WILLNER kalt. Ueber Entstehung, Aufnahme, Geist und Hoffnung deutscher Literatur.

BARONESSE höflich. So?

JAKOB kommt.

BARONESSE. Ein Glas Wein für den ehrlichen Willner.

WILLNER mit Selbstgefühl. Gnädige Frau!

BARONESSE. Nu – nu? – Verbindlich. Er ist ja ein Deutscher? Sie trinken gern, die echten Deutschen.

WILLNER halb laut. Mit echten Deutschen etwa –

BARONESSE. Sein Buch hat Ihm wohl sehr viel eingetragen?

WILLNER. So lange die Gewinnsucht öffentlich – sogar mit Pracht – sich bei dem Diebstahl fremden Eigenthums blähen darf; so lange ist auch für Fleiß – nicht einmal Erwerb; – so lange können wir uns der Wärme unserer Großen für Literatur des Vaterlandes nicht hoch rühmen.

BARONESSE gähnt anständig. Wie heißt sein Buch?

WILLNER verbeugt sich. Es ist wirklich ein langer Titel.

STOCK eilig. Ihro Gnaden! –

BARONESSE kalt. Was gibt's?

STOCK. Das Bauernvolk – erschrecken Sie nicht – sie sind draußen!

GREIF. O weh! o weh! –

STOCK. Sie sind toll – sie sagen, unser Herr Greif hätte sie um die besten Ländereien in seinen Beutel schon gestraft. Er wollte ein Rittergut anlegen, und sich Baron von Greifhart nennen. Ich wollte einem den Text lesen; Gott steh' mir bei! mir fehlt seitdem der Augenzahn.[151]

GREIF. Wenn die Leute einmal so viel wagen, sind sie nicht mehr zu bändigen! – Was machen wir?

BARONESSE. Willner – jetzt hat Er für Sein Talent ein offenes Feld. Geh er hinunter zu den Leuten – hör' Er sie an.

WILLNER. Allein, sie klagen über Mangel – den Druck von allzu harten Steuern – über Tirannei! – Was soll ich darauf sagen?

BARONESSE. Nichts.

WIENER. Wie? – Nichts?

BARONESSE. Nicht eine Silbe! – Suche Er sie nur zu rühren – so hat Er auch gewonnen.

WILLNER. Zu rühren? – Ja – recht gut! – allein wodurch? – Daß es –

BARONESSE. Sag' Er: – »Wir wären sehr attendrirt – wir dächten – was Er auch weiß – nur an ihr Wohl! – Bringe Er sie auf die alten Grafen Boga – und – auf Graf Bernhard's milde Stiftung; – daß aus Liebe für dieses Hauses Unterthanen mein Kind sich mit dem Grafen Boga gern verbinden wolle.«

WILLNER. Wie?

BARONESSE. Nun – geh' Er! – verlier' Er keine Zeit! –

WILLNER. Doch, wenn nun auf mein Wort die guten Leute bauen – und dann –

BARONESSE. Von Ihm wird nichts gefordert – als daß Er sie zu weinen mache. – Das übrige geht dann von selbst schon seinen Weg.

WILLNER. Ich will versuchen, sie zu besänftigen. Geht ab.

STOCK im Gehen. Wird wohl vergeblich sein. Geht ebenfalls ab.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 4, Wien 1843, S. 149-152.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Figaro in Deutschland
Revolutionsdramen: Figaro in Deutschland. Die Kokarden. Das Erbtheil des Vaters.

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon