Neunter Auftritt.

[143] Baronesse. Rath Greif.


GREIF. Meine gnädige Frau! das schwere Werk ist gelungen.[143] Der Herr Graf Hyazinth cediren das Recht sich zu vermählen dem mittlern Herrn Bruder, Grafen Christoph.

BARONESSE. Bravissimo!

GREIF. Aber – zu dessen Etat von seinen Einkünften etwas abgeben – wollen der Herr Graf Hyazinth nicht.

BARONESSE kalt. Er muß.

GREIF. Darauf bestehen mochte ich nicht. Denn, da Sie selbst, gnädige Frau, so viel Vermögen besitzen –

BARONESSE. Ich? – gebe keinen Heller.

GREIF. Allein –

BARONESSE. Nein! ich will gewinnen und nicht geben.

GREIF. Richtig! Nur –

BARONESSE. Greif, ich gebe nichts, und wenn das Schloß vor mir in Asche zerfiele.

GREIF. Allein, da die Fortdauer des Bogaischen Hauses Ihnen so am Herzen liegt; da –

BARONESSE. Und wenn die Grafen Hungers stürben – nichts! – Keinen Heller!

GREIF. Ich bitte –

BARONESSE. Hierüber habe ich meine Sentiments.

GREIF. So sollten – unmaßgeblich – die gnädige Frau dem Grafen Bardenrode lieber einst die Grafschaft zukommen lassen. –

BARONESSE. Die Grafschaft? – Mag er sie haben, oder nicht. Er ist reich und stolz, das wird ihn nicht grämen; aber der Verlust meiner Tochter – das – bricht ihm das Herz.

GREIF. Einst waren Sie ihm so geneigt – das Fräulein war ihm zugesagt: – darf ich – ohne Frevel zu begehen – nach der Ursache dieses Hasses –

BARONESSE. Hm – ja! Sie mögen sie wissen. Es war[144] am Hofe die Rede von Deutschen, und von unsern Nachbarn, den Franzosen. Ich sprach mit Feuer für die letzten, und hörte, daß er seinem Nachbar sagte: »Es sei eine Ligue gegen den gesunden Verstand, des Vaterlandes sich zu schämen; und ich sei an der Spitze!«

GREIF. Unerhört! –

BARONESSE. Dann sagte der Fürst: »Seit der Preßfreiheit läge mein Orden in den letzten Zügen!« Die ganze Tafel lachte! Es dauert nicht sechs Wochen, so finde ich die saubere Geschichte in einem Journale.

GREIF. In einem Jour –

BARONESSE. – nale! Ja. Erst nannte man mich – eine Dame von großem Range. Sechs Wochen darauf schreit diesem Bettler es ein anderer nach, der nennt den ersten Buchstaben, Baronesse von B. dann finde ich's bei der Altenhain in einem andern Journale, dort heißt's, Baronesse von Br–th, und endlich – o – endlich –

GREIF. Endlich? –

BARONESSE. Wickelt mir Brouillard das Haar, die Brochure fällt ihm aus der Schürze, und ich finde – o – finde den ganzen Vorgang, mit dem vollen ausgeschriebenen Namen – Baronesse von Brandenroth – Das – das kann ich ihm nie vergeben. Das letzte Zusammenraffen, Herr Vetter, es bringt ihn um Weib und Grafschaft. –

GREIF. Schön! Herrlich! – Nur da Ihro Gnaden den drei Grafen so große Summen geliehen haben, welche damals in Hoffnung hoher Succession, ohne agnatischen Konsens –

BARONESSE. Das ist's eben; den muß auf alle Fälle Bardenrode mir noch geben –

GREIF. Allein, wenn Sie ihm nicht die Tochter –[145]

BARONESSE. Alles nach und nach. – Daß diese Garantie vergessen wurde, als ich meinen Vettern die Kapitale lieh, war wohl das Werk gewisser Leute, die beiden Theilen sich angenehm und nöthig zu machen dachten.

GREIF. Damals hofften wir –

BARONESSE. Gleichviel! Die Garantie wird Figaro mir schaffen. Auch den Triumph hab' ich erlebt, daß er den Feenpalast der Gräfin Altenhain vorüber fährt, und gerade hieher kommt.

GREIF. Gerade hieher?

BARONESSE. Ja, mein Herr Rath! gerade hieher! die weise Sibille von Altenhain vorüber, gerade hieher. – Man hat ihm zu Paris ein Wort von mir gesagt. Er kommt – und mit ihm – will ich den Schwindelköpfen Sitte lehren.

GREIF. So ganz – gesteh' ich frei – begreife ich den Nutzen seiner Sendung nicht.

BARONESSE. Nicht? Er ist es, den ich Bardenrode gegenüber stelle. In Lachen, Scherzen, Witzeleien, achtet man nicht auf den ernsten Forscher. Mit Einem Worte – die Neuheit wird frappiren, die Grafen sind dadurch unthätig, und Bardenrode ist desorientirt.

GREIF. Da man aber Bardenrode das Schloß verbietet –

BARONESSE. Der Pöbel liebt ihn mit Abgötterei; er wird ihn gewaltsam hier einführen. Diese Kränkung rechtfertigt das Benehmen; indessen hat er die Schmach der Abweisung erduldet.

GREIF. Wenn alles auch gelingt, da Ihro Gnaden gar nichts geben – wovon soll denn das hohe Brautpaar leben?

BARONESSE. Wir führen die neue Steuer standhaft ein.

GREIF. Bei der Rebellion?[146]

BARONESSE. Führen wir die neue Steuer ein. Greif, ich versichere Ihnen, es sind noch Bauern genug, die Sonntags ihren Braten essen.

GREIF. Sie klagen bitterlich. Sie wollen zum Herrn Grafen Hyazinth – Ueberfällt Dieselben wieder Ihre Angst – so –

BARONESSE. Was für Angst?

GREIF. So – die Skrupel – wegen der letzten Stunde – wie Dieselben es nennen – so werden Sie nicht einwilligen.

BARONESSE. Pah! Wir bauen ihm ein neues Laboratorium. Und ha ha ha ha ha! – der Geist – ha ha ha! – der Geist muß ihm wieder etwas sagen.

GREIF. Gnädige Frau, ich habe mich zu dieser Geistervorstellung verstanden, blos zum Besten –

BARONESSE. Ihres Beutels.

GREIF. Ihrer Plane. – Allein, alles nähert sich hier einer Krise –

BARONESSE. Die ich lenke.

GREIF. Zudem ist der Graf Nachts selten allein. Diese Nacht traf ich ihn glücklich im langen Gange noch allein, da ich ihn vorher mit meiner Lampe geängstiget hatte. Mit den Geistern ist es nicht viel mehr.

BARONESSE. Pah! Nur in den Erbauungsstunden recht vorbereitet.

GREIF. Das thu' ich. Und wirklich haben Ihro Excellenz an den Geist Ariel jetzt starken Glauben. Allein – sicherer für unsern Plan wäre es – Hm! wüßte ich nur – – Aber das ist unmöglich.

BARONESSE. Was? – Nichts ist unmöglich.

GREIF. Wüßte ich nur, welcher Knopf heute bei Ihrer Excellenz »ja oder nein« ist![147]

BARONESSE befremdet. Was heißt das?

GREIF verwundert. Ihro Gnaden wissen es nicht?

BARONESSE gespannt. Nein!

GREIF. So wie der Herr Graf Hyazinth überhaupt alles auf den Zufall ankommen lassen, so haben Sie seit kurzem den Satz angenommen, daß in all' Dero Vorhaben – die Knopfzahl entscheide.

BARONESSE erstaunt. Wie ist das?

GREIF. Sie fangen zum Exempel an: – »Soll ich? soll ich nicht? – soll ich? – soll ich nicht?« – Er zählt dabei seine Knöpfe. Und wie es nun oben oder unten ausfällt – so geschieht es.

BARONESSE. Ha ha ha ha ha! Das ist einzig!

GREIF. Sie waren neulich sehr geneigt, dem armen Inquisiten Gnade widerfahren zu lassen: allein der oberste Knopf fiel gegen den armen Teufel aus – und zufolge Dero Sistem wurde er hingethan.

BARONESSE lachend. Mais sçavez-vous, que c'est affreux?

GREIF. Sie sind nun einmal so.

BARONESSE. Uebrigens – welcher Knopf – das will ich schon erfahren.

GREIF. Dann steh' ich für die Unterschrift! Dürft' ich nun hoffen, daß Sie den längst verheißnen Lohn für meine treuen Dienste mir gnädigst sichern wollten?

BARONESSE. Den Adelstand?

GREIF. Die Erhebung in den Adel – dieser Sporn allein treibt mich zu ehrenvollen Thaten. – Die Herren Grafen können es vermöge der größern Comitive –

BARONESSE. Ich will bei den Herren Grafen mein möglichstes[148] anwenden. Neun Uhr! Wo doch Figaro nur bleibt? Er schrieb mir –


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 4, Wien 1843, S. 143-149.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Figaro in Deutschland
Revolutionsdramen: Figaro in Deutschland. Die Kokarden. Das Erbtheil des Vaters.

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Napoleon oder Die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen

Napoleon oder Die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen

In die Zeit zwischen dem ersten März 1815, als Napoleon aus Elba zurückkehrt, und der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni desselben Jahres konzentriert Grabbe das komplexe Wechselspiel zwischen Umbruch und Wiederherstellung, zwischen historischen Bedingungen und Konsequenzen. »Mit Napoleons Ende ward es mit der Welt, als wäre sie ein ausgelesenes Buch.« C.D.G.

138 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon