Zwanzigster Auftritt.

[215] Vorige. Haushofmeister Stock.


STOCK die Serviette unter dem Arm, sieht eilig in die Thüre. Herr Figaro – die gnädige Herrschaft wartet schon lange auf Sie.

FIGARO erschrocken. Verzeihung! Er nimmt Willner's Arm.

WILLNER weigert sich. Nicht so – nicht so –

FIGARO will mit ihm fort. Sie werden –

STOCK springt dazwischen. Ach Gott! – Man jagt mich aus dem Dienste.

WILLNER. Ich esse –

STOCK. Am Kammertische.

WILLNER. Das nicht – bei einem meiner Freunde.

STOCK. Am Kammertische ist mir befohlen. Er zieht die Uhr heraus. Zwei Uhr? – Drei Uhr – drei Uhr, Herr Willner, dann wird angerichtet. Kommen Sie jetzt, Herr Figaro.[215]

FIGARO. Sie müssen mit mir gehen. Sagte sie nicht – »Willner, Sie bleiben bei uns?«

STOCK ängstlich. – Hm – ja – am Kammertische.

FIGARO. Kammertisch? – Was ist das? – Kammertisch?

WILLNER. Ist hier der Platz für Kammerjungfern – Gelehrte – den Friseur –

FIGARO. Herr Stock!

STOCK. Ihr Gnaden!

FIGARO. Wenn hieher Fremde kommen – Franzosen zum Exempel, die sich für Marquis ausgeben, für Virtuosen – wo speisen die?

STOCK. An Tafel.

FIGARO. An der herrschaftlichen Tafel?

STOCK. Allemal an Tafel.

FIGARO zu Willner. Und Sie fragen, wohin Sie gehören? Ehren Sie sich selbst, wenn andere es vergessen. Kommen Sie –

WILLNER. Nein, das ist zu gewagt! Wenn ich –

FIGARO. Wie? Ich sehe hier Kerls mit viel Impertinenz, mit dem Ton der unverschämtesten, der schreiendsten Entscheidung, an der Direktion von wichtigen Geschäften – Bursche – die durch Wege, vor denen ihre harte Stirn nie erröthet, in Deutschland sich einen Sold erzwingen, da man sie zu Paris am Tische für sechs Sous nicht mehr geduldet hat. Und ein Gelehrter, ein freier Mann will sich mit Sklavenangst unter die Knechte seiner Großen hin verkriechen.

STOCK vor Wuth bebend. Der Haushofmeister speist auch mit am Kammertische.

FIGARO. Kommen Sie, blicken Sie ihnen mit Seelenadel in's Gesicht.[216]

WILLNER. Was wird die gnädige Herrschaft –

FIGARO. Diese Komplimente sind Leibeigenschaft – Herr Stock!

STOCK. Befehlen –

FIGARO. Mein Platz wird aus Respekt Zu Willner. auch wegen der langen Weile – nicht nahe bei der Frau Baronesse sein. – Darum sag' Er ihr vorher in's Ohr – hör' Er wohl zu –

STOCK. Ich höre –

FIGARO. In Frankreich sei der neueste Ton, sich nicht von Leuten von Verdienst zu trennen.

STOCK. In Frankreich?

FIGARO. Deshalb käme ich mit Herrn Willner.

STOCK. Barmherzigkeit! – Ach – ach! Ich habe sieben Kinder.

FIGARO. Was gibt's?

STOCK. Der Herr Inspektor an die Tafel? – Das gibt dem Herrn von Greifhart ein tödtliches Fieber.

FIGARO. Wie so?

STOCK. Ich habe ihm eben schriftlich den Befehl gebracht, an Tafel, bis auf weitere Ordre, nicht zu erscheinen.

FIGARO. Warum?

STOCK. Als Edelmann ist er nicht von altem Wesen; als Rath war's eine Gnade – als Edelmann will's der Herr fordern – und das geht nicht.

FIGARO. In Frankreich – sage Er nur – in Frankreich

STOCK. Das bringt mich um den Dienst.

FIGARO. Nur wohl Acht gegeben. – In Frankreich sei[217] der neueste Ton, sich nicht von Leuten von Verdienst zu trennen.

STOCK jammernd. Ach du mein armes Blut! – Wie war's? – Erlauben Sie nur, daß ich's Ihnen einmal vorsage – wegen –

FIGARO. Sage Er es nur –

STOCK. In Leuten von Verdienst sei es der neueste Ton, sich nie von Frankreich weg – – Nein –

FIGARO. Umgekehrt! – In Frankreich sei der neueste Ton –

STOCK. Sich nicht von Leuten von Verdienst – So – so – Ach, ich dachte an die Donneraugen der Frau Baronesse. – Ja, Sie dürfen es uns nicht übel deuten, wenn wir über Frankreich hier zu Narren werden.

FIGARO. Gar nicht.

STOCK. Der Dienst bringt es so mit sich. – Ich war bei des Königs Stanislaus Majestät – da ging's nur menschlich her. – Hier ist es schon statiös. Im Gehen. »In Frankreich sei der neueste Ton, sich nicht von Leuten von Verdienst zu trennen.« Geht ab.

FIGARO. Deshalb kann ich Sie nicht verlassen, braver Mann.


Sie gehen Arm in Arm ab, man muß jedoch bemerken, daß Willner ungern mitgeht, daher Figaro freundschaftliche Gewalt braucht.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 4, Wien 1843, S. 215-218.
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