Siebzehnter Auftritt.

[281] Die drei Grafen. Graf Bardenrode.


BARDENRODE. Lieber Onkel – verließ ich Sie vorhin in übler Laune, so war's, weil ich nicht recht von allem unterrichtet war.

HYAZINTH. Herr Vetter!

BARDENRODE. Was ich hier suche, und was ich besitzen muß – das ist Leopoldine – sonst nichts. – Was auch Wahrscheinlichkeit und meiner Freunde übereilter Eifer anscheinen lassen – sonst nichts. Ich gebe darauf mein Ehrenwort. Ist Ihnen das vollgiltig?

BAPTIST. Sie sind ein unbescholtener, perfekter Kavalier.

BARDENRODE. Leopoldine war bisher der Ball, womit hier die Intrigue nach ihrem Willen spielte. – So drang man Ihnen eine Gattin auf – die Sie nicht liebten. – Dem Bande widerspreche ich hiermit feierlich durch älteres Recht. Gibt aber eine andere Ehe Ihnen, dem Lande und dem Hause den Trost, deß Sie bedürfen, so zählen Sie auf mich.

HYAZINTH. Welch' eine noble Sinnesart!

BARDENRODE. Mein Freund, Figaro, rieth mir, das Klomplot, das gegen mich und die Menschheit in diesem Schlosse wüthet, in Scherzen zu ergründen und in Laune aufzureiben. – Gefühl des Wohlanständigen regte sich hie und da immer dagegen. – Uebermacht, Nothwendigkeit und Liebe bestimmten mich, den Faden in seiner Hand zu lassen. – Es ist geschehen; und so lernte ich ein Gewebe von Tücken, den Jammer der Unterthanen, den Mißbrauch Ihrer Schwächen kennen – die mir oft Thränen kosteten.

HYAZINTH will reden.[282]

BARDENRODE. Lassen Sie mich vollenden. – Durch Figaro's gutmüthigen Leichtsinn kam ein Papier in meine Hände, darin Sie mir die Regierung bei Ihrem Leben übertragen; es ist von Ihnen unterschrieben.

CHRISTOPH. Und hat völlig in allem seine Richtigkeit.

BARDENRODE. Dies Papier – ist Ihnen abgedrungen – abgelistet – und ich erwähne dessen nur, um Ihnen zu beweisen, wie gefährlich Ihre Lage ist; es steht bei Ihnen, ob ich es zernichten –

CHRISTOPH rasch. Bei Leibe nicht!

BARDENRODE. Oder Ihnen überlassen soll.

HYAZINTH. Herr Vetter – unsere Lage – ist wahrlich traurig.

BARDENRODE. Das fühle ich mächtig.

HYAZINTH. Und um so trauriger, da wir gegen die nächsten Anverwandten uns allerdings nicht so ganz des Guten versehen dürfen. – Die Baronesse –

BARDENRODE. Ich bitte – den Schleier über alles, was daher rührt.

HYAZINTH. Man ist denn wahrlich übel daran. – In der schönen Jugend galoppirt ein jeder mit uns – und sagt, daß alles nur um unsertwillen gleichsam erschaffen sei, so daß man's am Ende wirklich glaubt – bis daß das graue Alter uns hinüber reißt. – Sieht man es nun auch anders – dann läßt die Etikette nicht zu, daß man es ändert. – Vielfältig trompirt von Bürgern – die um Geld die Seligkeit changiren, traut man gar keinem, und sakrificirt so alles. Keine Ressource – so zu sagen in sich – von außen keine Hand, die Hilfe bietet – so spielt man durch's Leben, wie[283] durch jede andere Partie – gut oder schlecht – gleichviel – bis daß man uns die Lichter auslöscht!

BARDENRODE. Und Menschen – Menschenfreuden – und Menschenleiden werden in diesen Regentenspielen so schrecklich hingewürgt! In einer Stunde – wo wir mitten aus schöner Saat und mancher reichen Ernte zur Vollendung übergehen konnten – haftet der letzte Blick auf Trümmern – Wüsteneien – wo Waisen, deren Rechte und Freuden man niederschwelgte, auf unsern letzten Seufzer harren!

HYAZINTH. Herr Vetter! – Er faßt ihn an. Ist's denn so bei uns? – Nein, nein, so arg ist es denn doch nicht. – Zwar war ich lange nicht im Lande. – Ich kenne es so nicht recht –

CHRISTOPH. Und wir – wir haben denn alles auf Ihro Excellenz beruhen lassen.

HYAZINTH. Wenn's so wäre! – Ich habe oft so Bänglichkeiten, eben wegen der allerletzten Stunde. Ecoutez! – Was wir auch mögen unterschrieben haben, es bleibt dabei.

CHRISTOPH. Gewiß! – Ich will von der Regierung nichts mehr wissen.

BAPTIST. Ich habe mir schon lange nichts mehr daraus gemacht.

BARDENRODE. Wegen der Verschreibung – Er zerreißt sie. – sein Sie unbesorgt. – Aber – nehmen Sie mich an als Ihren Referendar. Die Unterthanen sind von Ihrer Herzensgüte – so wie von meinem guten Willen überzeugt. Das Vertrauen wird wieder kommen – die Prozesse nehmen ab – des Landes innerer Wohlstand wird sich mehren; so sind Sie in den Stand gesetzt, sehr vieles von dem zu thun, was Ihnen[284] Ihr Herz eingibt. Wenn Sie das wollen, will ich gleich die Baronesse bezahlen.

HYAZINTH umarmt ihn, und weint fast. Mit mehr Tendresse kann ein Kind nicht handeln.

BARDENRODE. Alles geschieht unter Ihrer Unterschrift und Ihrem Namen. Dies Schloß, nach dem bisher der Landmann aus der Ferne mit Zittern herüber sah, soll den Leidenden mit Muth erfüllen. In diesem Schlosse, weiß er, sind die Kräfte, die er dem Vater des Landes anvertraut hat; dieser Vater gibt sie mit weisem Haushalt – doch er vorenthält sie nie. – Dabei ist alles Ihr Verdienst; – ich habe nur das, treu zu berichten.

HYAZINTH. Ja, hätte Greif das gethan!

BARDENRODE. Greif ist ein Spitzbube. – Die Orakelsprüche der Geister, die er verkleidet, untergruben Ihre Ruhe, Ihr Vermögen, und das Glück der Unterthanen. Das Recht entscheide über ihn.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 4, Wien 1843, S. 281-285.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Figaro in Deutschland
Revolutionsdramen: Figaro in Deutschland. Die Kokarden. Das Erbtheil des Vaters.

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon