Dritter Auftritt.

[70] Vorige. Oberkommissär Ahlden. Sekretär Ahlden von Louisen herein geführt.


OBERKOMMISSÄR noch inwendig. Ich habe zu bitten – wird nicht geschehen.

RUHBERG VATER. Ah da sind sie!

OBERKOMMISSÄR. Ei, ei! Tritt ein. Sie sind gar zu artig, Mamsell, gar zu artig.

RUHBERG VATER. Sein Sie mir herzlich willkommen –

OBERKOMMISSÄR. Ihr Diener, Herr Kollega – gehorsamer Diener, Madame –

MADAME RUHBERG. Mein Herr –

SEKRETÄR. Wir kommen früher als Sie uns erwarteten. Das werden Sie mir vergeben.

RUHBERG VATER. Wollen Sie nicht Platz nehmen?

OBERKOMMISSÄR. Wenn Sie erlauben – ich liebe die Beweung im Gehen und Stehen – die Uebrigen werden sich[70] ihrer Bequemlichkeit bedienen – Ein recht allerliebstes Kind – Ihre Mamsell Tochter, so artig und manierlich – so sedat –

LOUISE zum Sekretär Ahlden. O wie mich das freuet, daß ich ihm gefalle.

OBERKOMMISSÄR. Wie alt ist das liebe Kind?

MADAME RUHBERG. Neunzehn Jahr.

OBERKOMMISSÄR. Neunzehn? – so alt, wie mein Justinchen, wenn sie noch lebte. Auf Johannis werden es sieben Jahre, daß sie starb. – Warum setzen Sie sich nicht? Richten Sie sich nicht nach mir! Viel Sitzen wäre mein Tod – Sitzen, Wein, Kaffee und Traurigkeit, dafür muß ich mich gewaltig in Acht nehmen.

RUHBERG VATER. Da thun Sie wohl.

OBERKOMMISSÄR. Wenn ich nur ein wenig über Schilds Rand gehe, gleich kommt mein Accident – Das Blut steigt mir zum Kopfe, ich sehe alles doppelt und dreifach.

MADAME RUHBERG. Sie scheinen doch recht wohl zu sein, auch –

OBERKOMMISSÄR. So, so, – ein Paar allerliebste Schwanen haben Sie in Ihrem Garten, Madame! – Apropos – ist denn der Herr Sohn nicht da –

MADAME RUHBERG. Er wird nachher die Ehre haben, Ihnen –

OBERKOMMISSÄR. Nach Zeit und Gelegenheit – pressirt nicht –

MADAME RUHBERG. Erlauben Sie, er –

OBERKOMMISSÄR. Wenn Sie erlauben, werde ich die lieben Thierchen dann und wann besuchen, ich fütt're sie so gern.

MADAME RUHBERG verbeugt sich. Mein Sohn würde längst hier gewesen sein, wenn –[71]

OBERKOMMISSÄR sagt zu Ruhberg V. Wissen Sie denn, wer die reiche Amtsvogtei bekommt? Er nimmt ihn mit sich in den Hintergrund.

MADAME RUHBERG sieht ihm etwas empfindlich nach.

SEKRETÄR UND LOUISE sind in Verlegenheit.

MADAME RUHBERG. Ihr Herr Vater hat vielleicht vor der Hand Geschäfte mit meinem Manne, wenn das ist, so wollen wir –

SEKRETÄR. Noch nicht, glaube ich – Näher zu ihr. Es ist Liebe und Gütigkeit, wenn Sie die Außenseite entschuldigen, o wenn er Ihnen näher bekannt sein wird –

RUHBERG VATER. Ich hätte doch nicht gedacht –

OBERKOMMISSÄR. Cui favet, Wieder herunterkommend. lieber Herr Kollega – cui favet! – Nun, was ich sagen wollte – die jungen Leute wollen uns in Verwandtschaft bringen.

RUHBERG VATER. Ja, lieber Ahlden, das hat sich so auf einmal gefunden.

OBERKOMMISSÄR. Ich will Ihnen sagen – wenn es Ihr Wille ist – je nun – in Gottes Namen! – ich will nichts dagegen haben.

MADAME RUHBERG. Ich danke Ihnen dafür. Für uns und meine Tochter, daß Sie nichts dagegen haben wollen.

OBERKOMMISSÄR. Ja sehen Sie – Sie müssen mir's nicht übel deuten – Im Anfange hatt' ich dagegen.

RUHBERG VATER nur wenig befremdet. So?

MADAME RUHBERG fast heftig. Das hör' ich zum ersten Male in der That.

OBERKOMMISSÄR. Ja, ja, im Anfange war ich gar nicht davon erbauet.

SEKRETÄR. Ja, mein Vater meinte –[72]

OBERKOMMISSÄR. Daß sein Sohn ihn reden lassen sollte! – also – wie gesagt, denn ich bin nun einmal so, – hinterm Berge halten und dissimuliren, ist all mein Lebtage meine Sache nicht gewesen – Im Anfange – hätt' ich lieber – lieber gewollt, daß mir – Gott verzeih' mir meine schwere Sünde, die hohen Herren meine Rechnung nicht hätten passiren lassen, als daß der Mensch sich hier vergafft hätte.

MADAME RUHBERG. Ich weiß nicht wie –

OBERKOMMISSÄR. Sie erlauben, – es gehört zur Sache – ich will Sie nicht beleidigen.

MADAME RUHBERG. Ich gestehe, daß es mich einigermaßen befremdet –

OBERKOMMISSÄR. Nur Geduld, ich weiß, Sie nehmen Raison an. Sehen Sie – jeder Vater hat Aussichten für seine Kinder, und Entwürfe, wie sie zu Brot und Ehre gelangen sollen – so mochte ich denn nun für meinen Sohn auch ein Projektchen gehegt und gepflegt haben – dem diese Heirath schnurstracks entgegen lief. Ja – und da werden Sie pardonniren, daß ich Anfangs diese Heirath nicht gern sah. He – was sagen Sie?

MADAME RUHBERG. O ja – der Fall ist mir wohl begreiflich. Mit Beziehung auf sich.

OBERKOMMISSÄR. So sehr ich mich denn nun Anfangs alterirt hatte – denn sehen Sie, der Junge hat mir noch in seinem Leben nicht so die Spitze geboten – – so dachte ich doch bald darauf: »Das Mädchen ist brav – ist ein honnetes Haus – den einzigen Sohn hast du ja nur – sie ist ihm nun einmal an die Seele gewachsen, zudem hat er sein Wort gegeben – Wort muß man halten – ich habe in meinem Leben noch kein Wort gebrochen, und sollte Schuld sein – Nein«[73] – Genug ich gab mich drein. So steht die Sache nun. Wenn Sie beide Eltern nun Ihre Einwilligung geben wollen, so ist die Sache richtig.

RUHBERG VATER. Sie sind ein biederer rechtschaffener Mann. Ich gebe meine Einwilligung.

MADAME RUHBERG. Ich die meinige.

OBERKOMMISSÄR. Nun, das wäre also richtig – aber – je nun es wird sich auch wohl geben.

RUHBERG VATER. Was hätten Sie noch?

SEKRETÄR. Mein Vater –

OBERKOMMISSÄR. Ja, wenn ich wüßte – ich kann nicht eher froh sein, bis ich es gesagt habe.

MADAME RUHBERG gütig. O zögern Sie nicht –

OBERKOMMISSÄR. Wahrhaftig? – Ich soll sprechen? – ja es betrifft aber gerade Sie –

MADAME RUHBERG. Um so mehr bitte ich – haben Sie Vertrauen auf mich –

OBERKOMMISSÄR äußerst gütig. Sehen Sie nur nicht auf die Worte, die weiß ich nicht zu setzen, aber ich meine es wahrlich gut.

RUHBERG VATER. Guter Mann!

MADAME RUHBERG. Wahrheit – zum Glück meiner Kinder, thut nicht weh.

OBERKOMMISSÄR. Brav! wahrhaftig brav! So billig hätte ich mir Sie nicht vermuthet. Nun sehen Sie – Ihr Haus? Ist ein Haus, dessen Verwandtschaft Ehre macht. Aber – nehmen Sie mir es nicht übel – Ihre Lebensart ist mir zu groß. Darum bitte ich Sie nun herzlich – lassen Sie die Kinder fein bürgerlich zusammen haushalten. Nicht groß. Höre ich von Ab- und Zufliegen der jungen Herren, von[74] Spieltischen, Lästerkompagnien, niedlichen Soupees und lustigen Partien, so weiß ich, daß es mit meinem Sohn zu Ende ist, dann gräme ich mich und gehe d'rauf.

MADAME RUHBERG. Ich wünsche meine Tochter glücklich – ich werde ihr mütterlich rathen, alle diese Dinge zu vermeiden. Auch –

OBERKOMMISSÄR. Liebe, scharmante Frau – Mein Gott, wie verkennt man die Frau – Nun freu ich mich der Heirat erst, da Sie so brav – so herzensbrav sind. Gott weiß, ich habe mich vor Ihnen gefürchtet. Ei, ei, ich habe Ihnen Unrecht gethan – so wahr ich lebe – großes Unrecht.

RUHBERG VATER. Sie kannten sich beide nicht.

OBERKOMMISSÄR. Ei wir wollen manchen langen Abend zusammen verplaudern – sieh! sieh! – verschafft mir mein Karl noch so ein Paar herzgute Freunde, ehe ich aus der Welt gehe. Er drückt beiden die Hände. Und nicht wahr, ich darf kommen in meinem Alltagsrock?

MADAME RUHBERG. Darf ich das Ihnen noch beantworten!

OBERKOMMISSÄR. Ja, den Rock habe ich nicht getragen, seit den neun Jahren, da unser Durchlauchtigster Prinz heirathete – und weil ich Sie noch nicht kannte, habe ich ihn heut angezogen. Geschieht nicht wieder!

MADAME RUHBERG weint, und umarmt Louisen.

RUHBERG VATER. Was haben Sie?

MADAME RUHBERG. Soll ich nicht weinen? Zum Oberkommissär. Ach mein Herr, meine Tochter – meine gehorsame Tochter kommt zu Ihnen, wie – wie –

OBERKOMMISSÄR. – Was –

MADAME RUHBERG. Eine Bettlerin –

RUHBERG VATER. Ja, mein Herr – mit nichts, mit gar[75] nichts – kommt sie zu Ihnen. – Mein ist die Schuld – dies peinliche Bekenntniß ist die geringste Buße für meinen Eigensinn in einer schwächlichen thörichten Maxime. Ich ließ sie zur Bettlerin werden.

OBERKOMMISSÄR. Bettlerin – mit einem Herzen für die Noth von Tausenden? – Meine Kinder, ich trete euch meinen Dienst ab, und das wenige, was ich habe! – Mädchen – füttere mich zu Tode, hörst du?

LOUISE. Mein Vater –

MADAME RUHBERG. Ach, ich arme Mutter!

OBERKOMMISSÄR. Ich bin alt – schlecht und recht – brauche nicht viel, und kann auch noch weniger brauchen lernen. Gebt mir ein Kämmerlein unter dem Dache – aber meine Kinder müssen gut wohnen.

MADAME RUHBERG. Sie pressen mir Thränen aus –

OBERKOMMISSÄR. Großen Ton hasse ich. Aber wenn den Leuten eine Bequemlichkeit des bürgerlichen Lebens abginge, wenn sie Mangel an stiller Hausfreude hätten, wenn ihnen nicht so viel übrig blieb, mit einem guten redlichen Freund des Lebens sich zu freuen, hie und da einen Elenden zu erquicken, einen Jammernden aufzurichten, so wollte ich auf Stroh schlafen, mir es am Munde abdarben, wollte Kinder unterrichten und abschreiben – bis sie hätten, daß sie so leben könnten.

MADAME RUHBERG. Gott sei Dank – für Ihr Herz und Ihre Verwandtschaft.

OBERKOMMISSÄR. Ob's ihnen gleich nicht übel gehen soll.

RUHBERG VATER. Nun meine Liebe, werden Sie nun fröhlich sein an meinem Familienfeste?

MADAME RUHBERG. Ach – wäre Eduard nur auch so glücklich![76]

RUHBERG VATER. Wird auch werden! – Nun meine Kinder! Sie nähern sich. Wir sind einig. Junger Mann – ich gebe Ihnen hier meine Tochter. – Machen Sie sie glücklich – sie ist ein gutes Kind.

MADAME RUHBERG. Mein Herr – sein Sie doch immer dieses Hauses eingedenk. Louise – vergiß deine Mutter nicht, und wenn es euch gut geht – vergeßt eures Bruders nicht. Seid ihm Rathgeber und Stütze, wenn wir auch nicht mehr sind – so wird euch Gott segnen.

RUHBERG VATER. Ja darum bitte ich Sie, und auch Sie, würdiger Mann!

OBERKOMMISSÄR. Von Herzen – zwar hätte ich bei der Gelegenheit – indeß ein andermal.

SEKRETÄR. Gott sei mein Zeuge, Sie sollen sich in keiner Erwartung getäuscht finden, mein Vater – Liebe Mutter – Sie werden Ihre Tochter glücklich sehen. Eduard, dem Freunde meiner jüngern Jahre – nun meinem Bruder – verspreche ich Brudertreue bis in den Tod.

LOUISE zum Oberkommissär. Werden Sie Ihre Tochter lieben? an ihren kindlichen Diensten Freude haben, lieber Vater?

OBERKOMMISSÄR. Ja, meine Tochter!

LOUISE. Ihre Freude, Ihr Zeitvertreib wird mein einziger Gedanke sein.

OBERKOMMISSÄR. Ja! liebes Kind, wollen Sie sich meiner annehmen? – Gott thut mir viel Gutes! Verlor mein liebes Weib, und hatte niemand, der mein Alter pflegte und mir zusprach, wenn die Last zu schwer wurde – und habe nun so eine herrliche Schwiegertochter – und was mir die größte Freude macht, sie hat gerade die Art deiner seligen Mutter[77] wenig Worte – aber das Herz im Auge – so ein Herz, von dem man Trost nehmen kann in dieser unruhigen Welt – Meine gute Charlotte, wenn du noch da wärest! – wenn du wüßtest, daß mir's noch so gut geht, nehmt mir's nicht übel – ich muß weinen – wenn ich an die gute Frau denke – sie war gar zu gut –

RUHBERG VATER. Weinen Sie. Es ist ein tröstender Gedanke – daß der Platz, wo ein guter Mensch heraus trat – nach langen Jahren noch offen steht – und daß dem Weisen diese Lücke noch spät eine Thräne kostet.

LOUISE. Erzählen Sie mir oft von ihr; nach Ihrem Beispiel, und dem Ihrigen, liebe Mutter – will ich lernen, meinen Karl glücklich zu machen.

RUHBERG VATER pause. Ist's doch Schade, daß wir so alt sind – die Kinder werden glücklich sein und wir sehen es nicht lange mehr. Kleine Pause, niemand bewegt sich.

MADAME RUHBERG. Wer weiß, wie lange wir noch so beisammen sind? – Eine größere Pause.

OBERKOMMISSÄR. Lieben Leute, das wird meinem Herzen zu viel. Gott segne euch, seid glücklich. Nun Herr Kollega, kommen Sie an unser Geschäft. Das sag' ich euch: wenn wir wieder kommen – und es spricht mir einer noch von Tod und Sterben – den schicke ich fort! – Nun kommen Sie. Nach der Arbeit ist gut ruhen. Diesen Abend wollen wir lustig sein. Er will immer gehen, seine Fröhlichkeit steigt aber und macht ihn wiederkommen. Madame – unter uns, ich habe von Musikanten gehört; von einem alten Manne, der, wenn's darauf ankäme, keinen Spaß verdürbe, und von einer braven lieben Frau, die ihm den Ehrentanz nicht abschlüge.


Oberkommissär und Ruhberg V. gehen ab.


Quelle:
August Wilhelm Iffland: Theater. Band 2, Wien 1843, S. 70-78.
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