Pädagogische Anekdoten

[90] Ich für meine Person bin in der allerstrengsten Weise auferzogen worden, und da das, was ich erfahren, wie eine Spitze des alten Systems sich ausnimmt, so will ich einige Erinnerungen mitteilen. Die eine gehört noch fast dem Kinder- die andere dem Knabenalter an. Die dritte fällt in meine akademische Zeit.

Seit meinem zehnten Jahre entbrannte in mir ein Lesehunger, der sich lange fortsetzte und den ich jetzt mir hin und wieder wünschen möchte. Diese Krankheit erscheint fast in allen Kindern, welche mit einigem Talent ausgestattet wurden. Der bloße Anblick eines Buches versetzt das damit behaftete Kind in eine Art von zitternder Begierde, die weniger die Stillung einer eigentlichen Neugier sucht, sondern aus der ersten Ahnung von dem unermeßlichen Reiche des Wissens entspringt. Nur im Gedruckten, was es auch sei, lebt und webt das junge Geschöpf, die entlegensten Winkel werden aufgesucht, um die geliebte Speise in Muße verzehren zu dürfen, frühe Morgen- oder späte Abendstunden bringen keinen Schlaf in das nach den Lettern verlangende Auge.

Ich las, wessen ich nur habhaft werden konnte und genoß die seligsten Stunden bei dem, was ich verstand und – nicht verstand. Reisebeschreibungen, Biographien, Romane, Schauspiele wurden verschlungen. Aber auch das, was für meine Jahre von keinem Interesse sein konnte, war mir eine genehme Kost; ich arbeitete mich durch den ganzen weitschichtigen Abbé de la Pluche hindurch und sogar durch drei Bände von schlesischer Landwirtschaft, die ich mir aus des Vaters Bibliothek zu verschaffen gewußt hatte. Ich war unglaublich fertig im Schnellesen und ein nicht gar zu dicker Band kostete mich selten mehr als einen Tag.

Mein Vater aber, dem diese Wut gefährlich für die Sinne und Phantasie seines Sohnes vorkommen mochte, erließ[91] plötzlich das geschärfteste Edikt, daß ich nichts mehr lesen solle, als was er mir in die Hand gebe, worauf mir denn von ihm schmale Portionen zugingen, wöchentlich etwa ein Buch, meistenteils Reisen.

Daß eine solche Untersagung, die in den vollen Wachstum des Naturtriebes einschnitt, nichts verfing, war natürlich. Ich befriedigte meine Gelüste nun heimlich, wie es nur immer angehen wollte, nur noch glücklicher im verbotenen Genuß. Eines Tages saß ich denn auch im stillen Hinterstübchen, hingenommen von einer alten Schwarte und meines Wähnens völlig sicher. Die Lektüre war eine völlig unschuldige; ich las in einer Wiener Übersetzung vom Jahre 1720 oder da so herum »des christlichen Märtyrers Polyeukt aus dem Französischen des Herrn Peter Corneille«. – Polyeukt will sich taufen lassen, dann will er doch wieder nicht, weil seine Gemahlin schlechte Träume gehabt hat, und dann geht er doch mit Nearch ab, sich taufen zu lassen. Paulina, die Gemahlin, erzählt Stratonicen, daß sie Severen geliebt habe; aber:


Bei aller großen Brunst, die er und ich auch hatten,

Von meinem Vater nur erwartet ich den Gatten,

Wen er mir geben möcht, zu freien stets bereit ...


Auch sie sagt, wie schlecht sie die Nacht geschlafen habe. Felix, der Landpfleger, kommt und meldet seiner Tochter, Sever, der alte, totgeglaubte Galan, lebe und sei vor den Toren von Melitene; sie müsse ihn durchaus mit Höflichkeit empfangen, da er ein großes Tier bei Hofe geworden sei. Paulina will nicht. Da sie aber eine Komposition von Tugend und Gehorsam ist, so wirkt der Vater mit seinem Ansehen auf die letzteren Spezies; und Paulina ruft:


Ja denn! Ich muß von neu'm bezähmen mein Gefühl,

Bin Eures Machtgebots ergebnes Opferspiel!


Bei diesen verhängnisvollen Worten ergriff mich die Nemesis. Ich hörte meinen Namen mit dem bekannten erschütternden Tone hinter mir rufen, erschrak, der christliche Märtyrer flog, wie sein Kopf im späteren Verlauf der Tragödie,[92] blitzschnell unter den Tisch; ich wandte mich, mein Vater stand in der Kammer. Er sagte nichts, deutete nur mit dem Finger nach dem Buche, ich erhob es, reichte es ihm dar, ungefähr mit der Empfindung im Herzen, die ich nachmals, da ich den Polyeukt ohne Furcht lesen durfte, an Nearchen kennenlernte, als er nicht so rasch, wie der Held, in jene Ewigkeit einzugehen wünscht. Mein Vater sah das Titelblatt an, steckte das Buch zu sich, unbeweglich blieb sein Antlitz, kein Vorwurf überschritt die Lippen, schweigend verließ er die Kammer. Ich wußte aber, was es an der Zeit sei, noch ehe ein Dritter kam, der mir ankündigte, der Vater habe als Strafe festgesetzt, daß ich heute und morgen und übermorgen für mich bleiben solle und nicht am Tische der Eltern essen dürfe. Diese Ehrenbuße war mir die empfindlichste; aber weder meine Tränenklage noch die fürbittende Vorstellung des wohlwollenden Dritten, daß jener armenische Blutzeuge unter Kaiser Decius wohl unmöglich meine Einbildungskraft habe vergiften können, vermochte sie zu wenden. Es blieb bei der Sentenz und sie kam ohne Milderung zur Vollstreckung, denn mein Vater dachte, wie der große Kurfürst:


Ich will, daß dem Gesetz Gehorsam sei.


Mehrere Jahre waren vergangen, aber eine zweite heftige Neigung, die mich von früh an peinigte, hatte sich nicht besänftigt. Alles Dunkle, Geheimnisvolle, Umhüllte reizte mich über die Maßen. Schon als Kind zerlegte ich Spielzeug, um die Maschinerie zu erkunden, welche da draußen hüpfende Lämmer, hackende Bauern, tanzende Schäfer hervorbrachte. Pflanzen, die mir auffielen, wurden mit dem anhangenden Erdreich aus dem Boden gehoben, um das Wurzelgeflecht und die dazwischen wimmelnde Würmerwelt anzuschauen. Versiegelte Pakete alter Skripturen, die ich irgendwo gesehen, kamen mir nicht aus dem Sinn und galten mir für die Bewahrer merkwürdigster Geschicke, hinter jeder zugeschlossen gehaltenen Türe witterte ich in Gelassen, die mein Fuß noch nicht betreten hatte, die größten Entdeckungen. Genährt wurde dieser Drang durch das düstre winklichte[93] Haus, in dem wir wohnten, und durch das Alter des Vaters, hinter dem eine so lange Vergangenheit sich ausbreitete.

Besonders war der finstere Oberboden des Hauses der Schauplatz meiner Spürwanderungen. Es stand allerhand Gerät und Gerüll dort umher, das Sparrenwerk sah so sonderbar aus, mein Vergnügen war, die verblichenen Schirme und Tapeten, die sich dort befanden, zu mustern, ich durchkroch ihn häufig in allen Richtungen und ließ keinen Winkel unbesucht, wobei ich mich an manchen Balken stieß.

Nun brachte mich aber eine Bodenkammer, welche nie aufgetan wurde, fast zur Verzweiflung. Es hieß, daß der Vater darin allerhand Sachen aus der Zeit vor seiner Verheiratung aufbewahre. Was hätte ich darum gegeben, in die Kammer einzudringen! Ich suchte die Öffnung mit klugen Redeweisen zu veranlassen; es war aber umsonst. Oft lag ich mit dem Auge am Schlüsselloche, konnte aber nichts erspähen, als eine unmäßig große Vache, welche von der Decke herabhing und die Aussicht versperrte.

Wir wollten ins Mansfeldsche zum Oheim reisen. Im Hause wurde gepackt; ich trieb mich im ersten Stock in der Nähe der Bodentreppe umher. Eine Magd stieg diese empor, ich hörte oben aufschließen, nicht wieder zuschließen, die Magd kam herunter, einen Koffer mühselig hinter sich herzerrend, dem vermutlich ein anderes Reiseerfordernis aus der Kammer nachgeholt werden sollte. Nun war der lang ersehnte Augenblick gekommen, der denn auch atemlos benutzt wurde. Ich war im Nu oben und in der Kammer. Die Zeit war kostbar, ich hielt mich daher bei der Vache nicht auf, die wie der Schlauch des Aeolus geschwollen da schwebte, noch bei den Billiardqueuen, der eingelegten Armbrust, der Windbüchse, den Jagdtaschen und einer purpurroten Wildschur, sondern schoß auf ein Repositorium zu, welches in der dunkelsten Ecke des spinnenvollen Raums stand. Da lagen in den Gefachen umschnürte Pakete über Paketen, buntes Gequäst und Getroddel, Glaskästen und Wachsfiguren drinnen, ausrangierte Dosen und schadhaft gewordene[94] Perlemutterfutterale. Aber von einem unteren Brette strahlte mir in mattem Glanze etwas entgegen; danach streckte sich meine Hand aus, denn ich war überzeugt, daß das der eigentliche Hort dieser Zauberhöhle sei. Ich hielt einen zinnernen Becher von mäßigem Umfange mit Fuß und bauchiger Wölbung zwischen den Fingern und entfernte mich eiligst mit meiner Beute. Auch im Hause hielt ich mich noch nicht für sicher, suchte mir vielmehr vor dem Tore einen abgelegenen Platz zwischen den Elbweiden, um die Art des Talismans zu erprüfen.

In der Tat war derselbe von einer Beschaffenheit, die auch wohl die Aufmerksamkeit eines anderen als eines Knaben rege machen konnte. Ringsherum nämlich und von oben bis unten sah ich in gleichmäßig abgeteilten Quadraten über fünfzig Schildereien eingegraben, und dem Auge kaum lesbar französische, lateinische, deutsche Verse darunter. Die Gegenstände derselben waren zwar äußerst verschiedenartig; ein Mann mit der Krone auf dem Haupte in Fesseln, ein Schiff, von den Wellen umhergeworfen, ein in die Höhe gewachsener Kürbis, ein Baum, an dessen Wurzel der Fäller hockte, Prometheus mit dem Geier, Tantalus, Ixyon, die Furien, Hunde, die den Hirsch verfolgten, und noch vielerlei mehr aus der Natur, der Geschichte, dem Fabelkreise. Aber nachdem ich einige Unterschriften entziffert, und die Darstellungen untereinander verglichen hatte, erkannte ich, daß ihr Zweck nur einer und derselbe sei, nämlich in wechselnden Bildern das traurigste Geschick zu versinnlichen.

Diese Konjektur fand in einigen vergilbten Blättern, die in dem Becher lagen, Bestätigung. Sie waren ganz mürbe. Mit ausgeblaßter Tinte bekannte darin jemand, der sich aber nicht nannte, daß er die Arbeit zur Erheiterung seiner jammervollen Stunden vorgenommen habe. Jede Schilderei wurde nummerweis beschrieben, die Unterschriften hatte der Unglückliche auf dem Papiere wiederholt. Da war er gekrümmt in schweren eisernen Banden und hatte keine Ruhe, wie Manasse, der König von Juda, als er gefangen saß zu Babel; seines Lebens Schiff war hin und her gestürmt worden und endlich untergegangen. Stolz und verwegene Wünsche[95] hatten in ihm getrieben, wie die Ranken am Kürbis des Propheten Jonas, auch an seine Wurzel war die Axt gelegt, auch an seiner Leber nagte der Geier, die Qualen der Unterwelt, welche der Verfertiger abgebildet hatte, die Furien, waren ihm nicht fremd, tausend Sorgen verfolgten ihn wie Hunde den Hirsch.

Die Arbeit war äußerst fein aber nur sehr flach eingegraben, sie ließ auf ein Instrument wie eine Radiernadel schließen. Auch darüber belehrte das alte mürbe Papier. Mit einem spitz abgeschliffenen Nagel war, so sagte der Unbekannte, das Leidenswerk vollbracht worden.

Da saß ich nun mit meinem Zauberbecher zwischen den grauen Weiden und zerbrach mir den Kopf. Daß er eine Kerkerarbeit sein mochte, konnte ich aus dem Könige in Ketten, sowie aus manchen andern Anspielungen schließen, auch daß der Gefangene eine Person von Stand und Bildung gewesen war, verrieten die Bilder und ihre Unterschriften. Aber wer in aller Welt war er gewesen? Welches entsetzliche Schicksal hatte ihn in den Abgrund solches Elends hinuntergestoßen? Und wie kam mein Vater zum Besitze dieses Schmerzensdenkmals? – Ich rieb an ihm, wie Aladdin an der Lampe; es erschien aber kein Geist, das Geheimnis zu offenbaren; endlich ergriff mich, als die Sonne sank, unter den einsamen, traurig flüsternden Stämmen, den Wellen der Elbe gegenüber, die auf dem nassen Sande zu meinen Füßen andringlich ihre Schaumkreise absetzten, ein Grauen; ich schüttelte mich und eilte mit dem gefährlichen Kleinode unter dem Tuche nach Hause.

Die Reise in das Mansfeldische, sonst eine Jubelfahrt für die Kinder, konnte nun meine grübelnden Gedanken nicht zerstreuen; ich schlich mich, sooft es unbemerkt geschehen konnte, beiseite, und dachte über meinen Becher nach, der mir allmählich der Kern einer romanhaften Geschichte zu werden begann. Wir kehrten zurück und meine geheimen Aufregungen dauerten fort. Niemandem sagte ich etwas von der Sache, weder meinen Geschwistern, noch meinen vertrautesten Schulkameraden. Sie blieb mein teuerstes aber auch mein quälendstes Eigentum. Ich war etwa vierzehn[96] Jahre alt, also schon fähig, zu kombinieren. Eine Erzählung von der Eisernen Maske fiel mir in die Hand, hier fand meine Entdeckung Grund und Boden in einem rätselhaften Geschicke anderer Zeiten; ich meinte, der Becher möge wohl von einem ähnlichen Staatsgefangenen herrühren, und hatte nicht übel Lust, meinem Vater in einer uns verborgenen Periode seines Lebens die Rolle des Gouverneurs von der Insel St. Margareta zuzuteilen.

Es wäre nun wohl das kürzeste gewesen, ihm meinen unschuldigen Raub zu gestehen und ihn um den Zusammenhang zu befragen. Denn unschuldig war der Frevel im höchsten Grade gewesen; ich hatte den Becher bei der ersten günstigen Gelegenheit wieder an seinen Ort zu bringen mich beeifert, da mir nichts im Sinne gelegen, als die Stillung meiner Wißbegier. Aber keine menschliche Macht hätte mich zu einem solchen Wagnis bewogen. Ich wußte, daß mein Vater mir nichts tun würde, da er nur mit Blicken und kurzen Worten zu wirken pflegte. Die Gewalt dieser Blicke und Worte war aber für uns so mächtig, daß wir uns mehr davor fürchteten, als andere Kinder vor den härtesten Strafen. Ich blieb also lieber gepeinigt und unaufgeklärt. Erst weit später, in fremdem Lande, durch einen launischen Zufall, erfuhr ich, was ich damals so vergeblich forschend betrachtet hatte.

Im April 1813 bezog ich die Universität Halle. Mein Vater hatte, in dem sehr richtigen Gefühle, daß Lebensabschnitte die besten Früchte tragen, wenn der neue Boden unvermischt gelassen wird, festgesetzt, daß ich ein ganzes Jahr lang nicht nach Hause kommen und die ersten Ferien zu einer Reise nach Thüringen und Franken benutzen solle.

Die Honigmonate meiner jungen Freiheit, welche mit den blutigen Rosenmonaten der deutschen Freiheit zusammentrafen, waren süß. Nach Giebichenstein und Crellwitz wurde allabendlich gepilgert, die Saale in Kähnen, die nicht viel breiter und sicherer waren als die Canots der Wilden, bis zur Höltybank befahren: zwischen den grünen Büschen des Giebichensteiner Gartens oder unter den Felsen von Crellwitz lagerte sich die junge Horde, seelenvergnügt bei der[97] schmalsten Kost, und dort ging uns Tiecks Gestirn auf, welches wir eben kennengelernt hatten und das uns mit unsäglicher Freude erfüllte. Wirklich stieg da die wundervolle Märchenwelt uns auf in der alten Pracht und wie oft stürmten wir jauchzend über den Jäger im »Runenberg«, über den Kater, die Studenten Löwe und Tiger, das Rotkäppchen und den König Gottlieb in mondbeglänzter Zaubernacht, die den Sinn gefangenhielt, heim! Über diese Anregungen hinaus ragte noch eine andere Erscheinung der edelsten Schönheit. Die weimarische Gesellschaft, damals in der höchsten Blüte, spielte in Halle und so erlebte ich etwas, was unschätzbar in eines Menschen Geschick ist; nämlich, der völlig offene und unentweihte Sinn wurde gleich von einem Höchsten in seiner Art entzündet.

Ich fühlte mich seit meinen ersten Kinderjahren leidenschaftlich zum Dramatischen hingezogen, man kann aber nach dem bisher Erzählten sich wohl vorstellen, daß mir der Besuch des Schauspiels eben nicht reichlich verstattet wurde. Ich war bis zu meinem siebzehnten Jahre vielleicht drei- oder viermal im Theater gewesen, und nun wurde mir, der ich durch etwas Falsches noch nicht geirrt worden war, diese Offenbarung des Feinen, Würdigen, diese Musik des Vortrags, dieser Reigentanz des Gangs und der Gebärden, dieser Äther der Poesie, wodurch der große Dichter seine Anstalt zum Abdruck der eigenen harmonischen Brust gemacht hatte. Von Vergnügen war da nicht die Rede, sondern entzückt war ich und verzückt, die alte Kirche, worin man die Bühne eingerichtet hatte, war mir eine geweihte Halle und die Andacht zum Gottesdienste des Wortes, welcher darin seine Stätte fand, flammte vermutlich brünstiger, als die frühere des Orts. Formgebend für meine ganze spätere Zeit sind diese Eindrücke gewesen, was ich an einem anderen Orte näher darlegen werde.

Für jetzt muß ich sagen, daß der Student denn doch auch studierenshalber sich auf der Universität befindet. Und so waren Logik, Metaphysik, Institutionen, Naturrecht sehr gewissenhaft angenommen und bezahlt worden, wurden auch nach Gelegenheit besucht. Regelmäßig hörte ich dagegen[98] Schütz über Horazens »Episteln« und die »Frösche« des Aristophanes. In diesem Collegio stellte sich gleichfalls zu jeder Stunde ein feiner, blasser Mann im erbsengelben Oberrock, das Buch, wie wir anderen Schüler unter dem Arme, ein, der uns am Abend als Posa, Don Manuel, Wiburg, Klingsberg hinriß oder zu lachen machte. Es war Wolff. – Zu Hause las ich daneben fleißig im Tacitus, der mir immer der Nächste unter den römischen Schriftstellern war und geblieben ist.

Aber zwischen alle diese Freuden und Lustigkeiten, zwischen den Ernst und Jubel einer sich zum ersten Male fühlenden Kraft trat plötzlich der Mann, welcher damals den Königen wie dem letzten Bauer zu schaffen machte. Der Aufstand der Jugend in den Landstrichen links der Elbe fand zwar in Masse erst nach der Schlacht bei Leipzig statt; aber dennoch war von Halle schon vor dem Schlusse der Kollegien im März 1813, angefeuert durch geheime Sendboten aus Berlin, eine beträchtliche Schar zu den preußischen Fahnen aufgebrochen; meistenteils zu dem Lützowschen Freikorps. Nach dem Sturme durch Kleist im April waren die siegenden Preußen von den Einwohnern mit Jubel empfangen worden. Man wußte, daß Napoleon das eine, wie das andere wisse, und es schwebte daher in den ersten Sommermonaten eine Gewitterluft über der Universität, die freilich uns junge Leute wenig angriff. Auch hofften die Vorstände und Behörden noch durch Mittelspersonen von Einfluß den Schlag abwenden zu können.

Auf einmal verkündeten während des Waffenstillstandes und, wenn ich nicht irre, noch im Juli die Zeitungen, der Kaiser werde in den nächsten Tagen von Dresden abreisen und Niedersachsen, besonders Magdeburg in Augenschein nehmen. Wir Studenten achteten dessen wenig, denen aber, die etwas zu verantworten hatten, mag übel zumute geworden sein, denn Halle mußte von dem Strahle dieser Reise berührt werden.

Ich wollte eines Vormittags mir aus den Institutionen das[99] Nötige über die Falcidische Quart holen, fand aber statt eines gesammelten Auditoriums nur einen Haufen unruhiger Kommilitonen, denen der Fiskal eben angekündigt hatte, daß nicht gelesen werde. Auf ferneres Befragen eröffnete er uns, daß der Kaiser soeben der Universität eine andere und zwar eine tödliche Quart versetzt habe. Die Universität war nämlich aufgehoben, oder hatte, wie der damalige Kurialstil lautete, aufgehört zu sein. Napoleon war in der Nacht an Halle durchpassiert, hatte draußen vor dem Tore umspannen lassen, die akademischen Behörden, die ihm ihre Aufwartung machen wollen, heftig angelassen und ihnen unter schweren Drohworten für ihre Personen kurzweg erklärt, er brauche keine Studenten, sondern nur Soldaten und Bauern. Er war darauf, wie der Dämon, in das Dunkel entschwunden, in der Frühe aber hatte ein offizieller Aufhebungsbefehl aller Ungewißheit ein Ende gemacht.

Die Professoren hingen die Köpfe, die Logik kam nicht bis zu den Schlüssen, die Metaphysik blieb in der Ontologie stehen, Professor Hoffbauer konnte sich, ungestört vom Naturrechte, der alleinigen Beobachtung seiner Hunde widmen, die Scherze des alten Schütz gerieten unter Schloß und Riegel. Die Studenten bezahlten ihre Wirte, oder bezahlten sie auch nicht, und reisten ab, die Weimaraner gingen nach Weimar zurück, die Fridericiana wurde wüst und leer. Ich glaubte, für so außerordentliche Umstände sei der Befehl meines Vaters nicht gegeben worden, und da ich überdies nicht wußte, was ich an einem Orte ferner solle, wo es keine Vorträge mehr gebe, so machte ich mich auf den Weg, und wanderte zu Fuß im stärksten Sonnenbrande die staubige Chaussee nach der Heimat hinunter. Sobald ich aber unser Haus betreten hatte, überfiel mich die Ahnung, daß ich auf gefährlichem Boden stehe. Beklommen erwartete ich die Rückkunft meines Vaters, der sich in seinen Geschäften auf der Präfektur befand. Als er kam, trat ich ihm begrüßend entgegen. Er maß mich mit seinen Augen, lehnte die Annäherung ab und sagte mit festem Akzent: »Ich habe dir verboten, während des ersten Jahres nach Hause zu kommen. Du wirst dich hier ausruhen; wenn das geschehen, aber[100] zurückkehren, wohin du gehörst und für dich studieren, bis ich über dich anderweitig bestimmt habe.«

Dabei blieb es denn auch. Ich verweilte zwei Tage in Magdeburg, bestand vor meinem Vater ein juristisches Tentamen und kehrte dann in die Lücke zurück, welche eine Hochschule früher ausgefüllt hatte. Die Einsamkeit, in welcher ich nun gegen zwei Monate leben mußte, ohne Verwandte, Freunde, Ratgeber an einem fremden Orte in so jungen Jahren, hatte etwas von manchem Callotschen Bilde, auf welchem sich Hexen, Teufel und Fratzen umherjagen. Fouqués »Zauberring« hatte ich zu lesen bekommen, Arnims »Gräfin Dolores« und »Ahasver«, Brentanos »Ponce de Leon« und noch anderes, was dieser hyperromantischen Richtung angehörte. Ich fing an, mich bei hellem Tageslicht vor Gespenstern zu fürchten. Die wimmelnden, spukhaften Gestalten huschten durch mein weites ödes Zimmer in dem stillen Klügelschen Hause, dazu goß der Regen im August in Strömen herab und bannte mich vollends in jene phantasmagorische Stubenatmosphäre. Ich weiß nicht, wohin diese Eremitenlage mich noch gebracht haben würde, wenn nicht die Tage vor der Leipziger Schlacht dem ganzen Wesen ein Ende gemacht hätten. Die allgemeine Bewegung, welche nun unsere Gegenden ergriff, riß mich auch fort und trieb mich in die Wege, welche so viele andere gingen. Ich machte eine größere Reise, als mein Vater sie für mich im Sinne gehabt hatte. Und auch nach dem von ihm gesetzten Probejahre sollte ich ihn nicht wieder erblicken. Er starb in der durch Tauentzien belagerten Festung, während ich im Felde war.

Jene Strenge, nur noch um einiges gesteigert, würde an Titus Manlius im Latinerkriege erinnern können. Dennoch habe ich mich nicht gescheut, von ihr zu erzählen, denn meine Worte sollten dem ehrwürdigen Schatten, den ich in meinem Gedächtnisse heraufbeschworen, ein frommes Opfer darbringen.

Es ist ein Gemeinplatz, womit man eine straffe Behandlung junger Personen rechtfertigen will, daß man sagt, wer dereinst das Befehlen verstehen solle, müsse erst haben gehorchen lernen. Man reicht damit nicht weit. Denn nicht[101] jeden bestimmte sein Schicksal zum Befehl, auch machen sich die meisten und die wichtigsten Dinge in der Welt ohne Heischen und Gehorchen.

Aber leben soll ein jeder lernen, und am Leben sich orientieren. – Wie nun nichts schwerer ist, als durch die platte, gegenstandslose Ebene den Weg zu finden, dagegen im Gebirg, Fels, Kuppe und Waldwasser dem geübten Auge bald Richtung und Richtsteg zeigen, so geht es auch im Geistigen und Sittlichen zu. Der Mensch lernt nur von Gegensatz und Schranke, die ihm entgegentreten. Je schroffer und kantiger diese sind, desto früher bildet er sich, nachgebend oder sich widersetzend, ein festes Knochengerüst des Lebens aus, welches dann doch kein dürres Skelett bleibt, sondern die Umkleidung mit weichem Fleische, die Verhüllung unter schönen Formen wohl verträgt. Die unbestimmte Denkungsweise, welche vermitteln will, wo es nichts zu vermitteln gibt, die uneinbarsten Gegensätze in ein und dasselbe Netz der Begriffe einzufangen trachtet, alles halb anfaßt, weil sie alles nur halb sieht, diese Denkungsweise, aus der wir im öffentlichen, wie im Privatleben so unzählige Mißgriffe haben entspringen sehen, bequem der natürlichen Trägheit des Menschen, wird von dem ferngehalten, dessen Bewußtsein sich entwickelte am Gewahrwerden einer unbesieglichen Duplizität, der früh lernte, daß es ein Widerhaltiges und Übermächtiges gebe, welches keinem Begriffe sich fügt, und der beizeiten scharf um sich sehen mußte, um einer fremden Willensgewalt gegenüber an den Dingen eine Stütze zu finden.

Strenge Erziehung ist daher ein Segen und eine Ausstattung für alle Tage. Der, dem sie wurde, erlebt in sich die Erziehung des Menschengeschlechts, in welcher das Geheiß, Isaak zu opfern, und der Gesetzesdonner vom Sinai auch frühere Stufen waren, als das sanfte Joch des Menschensohnes. Sie richtet ihm sein Lebensgebiet zu einem Gebirge mit festen Umrissen zu und macht ihn selbst zum Gebirgsmanne, während ein weiches und breiartiges Element leicht in die Ebene verlaufen macht, darin die stumpferen und langsameren Stämme wohnen.[102]

Freilich muß die Strenge, wenn sie wie etwas Heiliges auf die Jugend wirken soll, durchdrungen sein von der Reinheit, die an sich selbst auch keinen Flecken duldet, von der Liebe, die wie ein milder Quell aus den schroffen Felsen des Charakters bricht, und von der Kraft, sein Dasein für die der Zucht Unterworfenen opfern zu können. Alles das hatte ich neben und über allem Zwange anzuschauen, und deshalb darf ich sagen, daß durch jene altrömische Art mir vorbereitet worden ist, später von manchen Irrstegen mich wieder in die Straße zu finden. Sie mag der Gegenwart allerdings fremd und schauerlich genug vorkommen.

Quelle:
Immermann, Karl: Memorabilien. München 1966, S. 90-103.
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