Achte Szene


[283] Glebof. Kikin. Dolgoruki. Erzbischof von Rostow.


GLEBOF.

Ihr kamt hieher, als Euren Nebenmann

Mich anzuwerben. Das mißlang. Ich sollt'

Am Seile gehn, und mich mit einem Brocken

Dann kümmerlich begnügen. Nun, Ihr saht;

Ich hauche mit dem Atem meines Mundes

Die Seifenblas' hinweg.

KIKIN.

Das trag' ich nicht!

Mißreden solcher Art ...

GLEBOF.

Laß gut sein, Kikin;

Ich muß das Kind bei seinem Namen nennen.

Ihr liebt mich nicht. Ich weiß das. Tut auch nichts;

Ich macht's an Eurer Stelle grad' wie Ihr.

Doch glaubt einmal; ich red' als Freund zu Euch,

Tut's Euch zu lieb', nicht mir! Ich mein' es gut.

Ihr seid die Ersten, Vordersten – nach mir.

(Seht, ich bin offen.)

Nicht mächtig g'nug, der Dinge Lauf zu lenken,

Doch stark genug, mir Widerpart zu halten.

Ihr habt zwei Wege. Stört mich, irrt mich, kreuzt mich,

Verbündet Euch dem Hasser Lapuchin,

Laßt seine Tugend Eure Maske sein,

Regt auf Parteiung! Wirkt, daß unsre Kraft,

Statt nach dem Ziel zu dringen, wie ein Kernschuß,

Zwecklos auf halber Bahn ermatte, sich

Zerstreue, unnütz kämpfend in verschiedner

Feindsel'ger Richtung! 'S ist der eine Weg.

Wählt ihn, ich hindr' Euch nicht. Ihr sollt mich finden.

Nur das vernehmt, Ihr Herrn, und glaubt, es wird

Eintreffen sicher, wie Dezemberschnee;[284]

Den Kopf bringt Ihr aus diesem Kampf nicht heim!

Denn eh' wir dessen uns versehn, und wenn wir

Recht in der Höh' und Hitz' des innern Strudels

Uns abmühn, wird ein ungeheures Schicksal

In unsrer Mitte stehn, und Freund und Feind

Mit Riesenarmen stoßen in das Grab.


Sie sehen betroffen vor sich nieder.


Des andern Weges Anfang liegt in Glebofs

Hier ausgestreckter Rechte.


Er streckt seine Hand aus.


Wer schlägt ein?

KIKIN.

Ich, wenn Du ehrlich bist.

GLEBOF.

Was willst du?

KIKIN.

Herrschen.

GLEBOF zu Dolgoruki.

Und Ihr?

DOLGORUKI.

Nun – herrschen.

GLEBOF zum Erzbischof.

Ihr, Hochwürd'ger Herr?

Ich bitt' Euch, sprecht aufrichtig.

ERZBISCHOF.

Hm! Die Herrschaft

Zur Ehre Gottes.

GLEBOF.

Wohl. Und herrschen will auch ich.

Rußland ist groß, man kann sich drum vertragen.


Zum Erzbischof.


Ihr sollt den Patriarchenthron besteigen.


[285] Zu Dolgoruki.


Ihr sollt das Land vom Don zur Wolga haben.


Zu Kikin.


Verwaltet Ihr Smolensk und Nowgorod.

Ich bleib' in Moskau. Ist's Euch so genehm?

ALLE.

Mag es denn sein.

GLEBOF.

So werd' ich auf der Stelle

Verfertigen den König, der uns taugt.


Die Bojaren gehen durch die Haupttüre ab. Glebof durch die Seitentüre.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 283-286.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Alexis
Alexis: Eine Trilogie Von Karl Immermann . (German Edition)

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon