Siebente Szene


[279] Die Bojaren ohne Eudoxia. Sie stehen gruppenweise zusammen.


EINER.

Ihr Schmerz zermalmt das Herz.

EIN ZWEITER.

Das Recht' erwogen

Sind wir Ersatz ihr schuldig.[279]

EIN DRITTER.

Sagt mir doch,

Wie war's? ...


Ein Teil der Versammlung redet heimlich untereinander.

Glebof tritt wieder ein, und stellt sich seitwärts allein.


KIKIN zu Dolgoruki und dem Erzbischof.

Gebt acht, sie rufen sie noch aus.

ERZBISCHOF.

Verhüte Gott die Spaltung.

KIKIN.

Und das alles

Ist abgemachtes Spiel von diesem Glebof.

Hättst du uns nicht hieher geführt, Basil!

DOLGORUKI.

Ich kann's nicht glauben. Seht, er steht beiseit,

Nagt an den Lippen, birgt mit Müh' den Zorn.

Nein, das Konzept des Falschen ward verrückt

Durch jene Stürmerin. – Zagt nicht! Ein Vorteil

Ward uns bereits; das Heft der Leitung ist,

Das er so schlau uns aus der Hand gewunden,

Nun wieder ihm entschlüpft. Bleibt nur gelassen.

EINIGE aus der Versammlung.

Ja, so soll's sein.

ANDRE.

Vivat Eudoxia!

DIE ERSTEN.

Tragt auf dem Stuhle sie durch Moskaus Gassen!

DIE ZWEITEN.

Dem Volk die neue Herrscherin gezeigt!


Sie bewegen sich gegen die Seitentüre.
[280]

LAPUCHIN tritt ihnen entgegen.

Nein, Nieswurz für Eu'r krankes Hirn gekauft!

EINER.

Was? Du? Ihr Bruder?

LAPUCHIN.

Nieswurz sag' ich, Nieswurz!

Ich bin Eudoxias Bruder, Rußlands Sohn;

Im ersten Grad mit Rußland, nur im zweiten

Verwandt mit der Eudoxia. So steht

Mir Rußland näher. – Dank für Euer Mitleid!

Höchst grausam hat der Zar an ihr gehandelt,

Und eine Säule will ich richten lassen

Hoch, daß der Wanderer von fern sie schaut,

Woran geschrieben stehn soll, daß unschuldig

Eudoxia litt. – Rach' jenen Ohrenbläsern,

Die ihren Sturz erschlichen! Doch, wer wird

Drum herrschenswert, weil er beklagenswert?

Sie soll gerochen werden, nicht gekrönt.

EINER.

Was hast du nur? Fraunherrschaft, gute Herrschaft.

LAPUCHIN.

Für Schleicher, Klätscher, Ränkeschmiede –


Mit einem Blick auf Glebof.


Buhler! –

EINER.

Gehorchten wir nicht der Sophia?

LAPUCHIN.

Soll'n

Die Zeiten der Chawanskys wiederkehren?

Die Tage der Strelitzen-Greul? Und dann

War sie 'ne Romanow. Sind Eide nichts?

Kaum hundert Jahr, und dieser Boden hörte[281]

Die biedern Väter dem Mikaila schwören.

Der Tartar Boris hatt' in Blut getaucht,

In unsrer Väter Blut das Wappen Rußlands,

Der Busen Rußlands war zerrissen worden

Von dem verlaufnen Mönch Otrepiew,

Der zum Demetrius sich log. Wo suchte

Das Volk die Heilung? Bei dem Romanow.

So lang ein Sproß von diesem Baume grünt,

Ist's Frevel, anderswo nach Schatten spähn.

Kurz, wer ein Freund des Rechts, der folgt mir jetzt,

Und meidet diese irrende Versammlung.

Beim ew'gen Gott! Für Weiberregiment,

Das schlechtste, schimpflichste von allen, hebt

Abraham Lapuchin nicht Faust noch Schwert.

Ruft mich, wenn Glocken hall'n von Iwans Turm,

Wenn sich das Volk zur Kirche drängt, die Fürsten

Zur Huldigung bereit, am Altar stehn;

– Glebof nach seinem Rang in diesem Reigen,

Nicht eine Stelle höher oder tiefer –

Und Ihr, Herr Erzbischof, das Chrisma holt,

Den Romanow zu salben.


Er geht.


EIN BOJAR.

Recht hat er.

ANDRE.

Man muß zu ihm sich halten. Er meint's treu.

EIN ANDERER BOJAR.

Kehrt Euch nicht an den alten Murrkopf! Laßt

Uns unsern Schluß vollziehn.

KIKIN zu Dolgoruki.

Du siehst, wie's geht.

Sprich du zu ihnen.

DOLGORUKI.

Hört mich, meine Brüder![282]

MEHRERE.

Was soll das viele Plaudern? Hört ihn nicht.

ANDRE.

Wir woll'n zum Schluß.

ERZBISCHOF zu Glebof.

Glebof! stillt diese Menge!

Der Himmel wird's vergelten.

GLEBOF.

Würd'ger Bischof,

Wozu den Himmel stets bemühn?


Er tritt vor.


Bojaren!

ALLE.

Still! Hört den Glebof! Glebof redet wieder.

GLEBOF.

Bojaren! Eure Meinung hat entschieden

Für die Zariza. Nun, so wartet ruhig

Jetzt ab, wie die Zariza sich entscheidet.

Ihr saht den Zustand dieser armen Frau;

All ihre Lebensgeister kämpfen wild

Mit schmerzlicher Erinnrung; wahrlich, Brüder,

Es ist die Stunde der Entschlüsse nicht;

Doch hat das Land vor Abend noch den Herrn. –

Stärkt Euren Anhang! Ist der Zar auch tot,

So leben noch Kath'rina, Menzikof,

Und viele leben, deren Glück im Boden

Der neuen Dinge Wurzeln trieb. Sie alle

Sind unsre Feinde, heiße nun das Wort:

Sohn oder Mutter. Wacht, und rüstet Euch!


Die Bojaren gehn. Kikin, Dolgoruki und Erzbischof von Rostow wollen folgen. Diesen winkt Glebof, worauf sie zurückbleiben.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 279-283.
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