Fünfte Szene


[315] Zar Peter. Oberst Gordon. Vorige.


PETER.

Was für ein Lärm?


Zu den Matrosen.


Auf Euren Posten, Mannschaft! –


Zu Gordon.


Dies Volk, zu Lande brav, ist blöd zu Wasser,

Und früher ging mir's selber so, mein Gordon.


Zu den Matrosen.


Ein Schiffer heult nicht um die Wette, merkt's Euch,

Mit Wind und Welle. – Eines Seemanns Antlitz

Ist, wie die Tiefe, stumm. Ich war, ihr Kinder,

Auf einem engeländschen Schiff im Sturm;

Doch wenn ich sagen wollt', es wär' dort anders,

Dort lauter zugegangen unterm Volk,

Als wie gewöhnlich, sagt' ich nur, was falsch.

Sie denken so: Zeigst du dem Meer die Furcht,

So macht es dich zu fürchten. 'S ist ein Prahler,

Der gern sich brüsten mag. Und was ein Brite

Imstand zu leisten ist, das, mein' ich, leisten

Wohl meine Russen doppelt. An die Arbeit!

Die See geht etwas hoch, das ist's, nichts weiter.


Die Matrosen gehn ab. Der Sturm ist stärker geworden.


Gordon Nebst einem Stückchen Schiffbruch allerhöchstens.


Über die Galerie blickend.


Das Meer, der Himmel sind ein kochender Brei,

Und bald im Munde haben wir die Probe.

Das kracht und schäumt! Am hohen Firmament

Zerreißen Blitze fahle Wolkenschichten,

Und durch die Spalten schießt ein gräßlich Licht

Auf diese Klippen, die wie Leichensteine,

Im weiten, nassen Kirchhof starr'n.[316]

PETER.

Wer sagt dir,

Daß hier ein Kirchhof sei?

GORDON.

's ist eine Phrase.

Vor einer Schlacht, und in dem Sturm nimmt man's

Mit Worten nicht genau. Man spricht was hin,

Die Zeit sich zu vertreiben. Großer Zar,

Die Bucht von Kronstadt wäre wünschenswert,

Denn, unter uns, hier ist's verdammt gefährlich.

PETER.

Wo wäre nicht Gefahr? Und die, mein Gordon,

Aus der man nicht entrinnen kann, scheint mir

Die mindere zu sein. 'S gibt nur ein Unglück,

Und das heißt: Fliehn.

DER STEUERMANN fällt an seinem Platze auf die Kniee.

O heil'ger Niklas, hilf!

GORDON ist zum Steuermann getreten.

Goddam! Wir sind verloren!

PETER besteigt den Platz am Steuerruder, und rückt an letzterem.

Schief gewandt!

So bricht man eine Strömung.


Zum Steuermann.


Sieh jetzo

Auf mich, und lerne, wie man steu'rt. Dein Zar

Wird dieses Schiffes Lenkung übernehmen.

Es ist, ich wiederhol's, kein rechter Sturm,

Sonst würden wir es lassen müssen. Doch

Dagegen kann man noch. Beruh'ge dich!


[317] Der Steuermann erhebt sich, und tritt zum Zaren.


Du fehltest nicht, die fehlten, die zu früh

In dieses Amt dich setzten.

GORDON.

Um und um

Gewirbel, Sandbank, Riff! Der Böse macht

Des Glebof Lüge wahr.

PETER nach den Masten hinrufend.

Den Bogspriet nieder!

Die Segel ein! Mannschaften an die Pumpen!

Wär' ich der röm'sche Narr, ich spräche: »Schiff,

Du trägst den Cäsar und des Cäsars Glück«. –

Ei nun, ein Zar ist auch noch nie ertrunken.


Donnerschläge.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 315-318.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Alexis
Alexis: Eine Trilogie Von Karl Immermann . (German Edition)

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Horribilicribrifax

Horribilicribrifax

Das 1663 erschienene Scherzspiel schildert verwickelte Liebeshändel und Verwechselungen voller Prahlerei und Feigheit um den Helden Don Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen. Schließlich finden sich die Paare doch und Diener Florian freut sich: »Hochzeiten über Hochzeiten! Was werde ich Marcepan bekommen!«

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon