Erste Szene


[348] Nacht. Zimmer im Kreml.

Eudoxia in prächtiger weltlicher Kleidung, sitzend. Ihr gegenüber steht Alexis, Dolgoruki, Lapuchin, viele Bojaren reich gekleidet, zwischen beiden gruppiert.


DOLGORUKI zu Alexis.

Das Volk verlangt den Herrn.[348]

ALEXIS.

Es ist nicht wahr.

Das Volk sitzt ruhig an dem eignen Herd,

Bezahlt Gesindel lärmt um den Palast,

Doch Ihr verlangt den Schattenkönig.

DOLGORUKI.

Prinz,

Ihr sprecht zu einem Fürsten.

ALEXIS.

Fürst, du sprichst

Zu einem Prinzen.

LAPUCHIN nähert sich.

Laßt mich; ich beweg' ihn.

Er wird das Wort des Oheims achten. Neffe,

Eu'r Widerstand ist, wie der Regenbogen,

Schön anzusehn. Doch untersucht man den

Genauer, trifft man nur ein trübes Wasser.

So stammt Eu'r Zaudern aus verzagtem Sinn;

Ihr fühlt Euch jung, schwach, fähig nicht, unwürdig

Des Euch bestimmten Loses. Das klingt fein,

Ist aber nur das buntgefärbte Kleid

Der Herzensmattigkeit. Was die Bojaren

Euch zu vertrauen wagen, wagt getrost

Und kühnlich zu ergreifen.

ALEXIS.

Lieber Oheim,

Mir können die Bojaren nichts vertraun,

Das ich nicht ohne sie besitze. Greis,

Kehrt heim auf Eure Güter.

LAPUCHIN.

Höhnest du

Der Mutter Bruder?[349]

EUDOXIA steht auf.

Gehn wir!

ALEXIS.

Mutter, geh nicht!

EUDOXIA.

Nach Susdal, wo die Felsen, groß und stolz

Gen Himmel sehn.

ALEXIS.

Der Schmerz verwirrt dich, Mutter.

EUDOXIA.

's gibt freilich Seelen, die kein Unrecht kränkt.

ALEXIS.

Und Mächte gibt es, die dem Grolle groll'n.

EUDOXIA.

Bist du der Lehrer deiner Mutter? Wardst

Berufen du, ihr Weisheit vorzupred'gen?

Ist dieser Mensch mein Sohn?

ALEXIS.

Daß du so hart

Mit deinem Kinde sprichst!

EUDOXIA.

Nenn' dich nicht so,

Wenn ich in dir nicht meinen Mut gezeugt!

Seid Ihr ein Prinz?

ALEXIS.

Den seine Mutter schilt.

EUDOXIA.

Verachtet und verwünscht.[350]

ALEXIS.

O Gott! Wie rauh!

Verwünscht mich nicht! Ihr habt nur einen Sohn,

Wer liebt Euch, schwind' ich hin an Eurem Zorn?

Ich brauche Segen, meine teure Mutter.

EUDOXIA.

Wenn du mich liebst, wenn du mich ehrst und fürchtest,

Wie recht, und wie geboten steht von Gott,

Gehorche mir!

ALEXIS.

Gar gern.

EUDOXIA.

Sei Rußlands Zar!

ALEXIS.

Das kann ich, darf ich, will ich nicht, o Mutter!

DIE BOJAREN.

Er darf nicht?

DOLGORUKI.

... will nicht. Es ist Eigensinn.

ALEXIS.

Ich war einst strafbar und des Landes Feind.

Ich werd' es nimmer wieder; denn ich weiß,

Daß von der Sünde schwere Träume kommen.

Rußland ist mein! Und die Entsagung, die

Zum Lohn für heiße Reue, mir Bedrängten

Unmenschlichkeit entrungen hat, sie soll,

Ich schwör's, an dem gesetzten Tag, mich nicht

Von meinem angestammten Recht entfernen.

In seine Hütten jag' ich, meine Mutter,

Den eingedrungnen fremden Pöbel! Traun,

Ich bin nicht hochgeartet. Engen Sinns,

Seh' ich in meines Vaters Taten nur

Ein ungeheures, ödes Possenspiel!

Denn dich verstieß er ohne Grund, und mich

Hat er gepeinigt ohne Grund ...[351]

EUDOXIA.

O herrlich!

So sprichst du wahr. So fahre fort! Nun ende

Den würd'gen Spruch mit würdiger Entschließung!

Ich wußt' es ja, die edle Glut, nicht immer

Könnt' sie in tauber Asche ruhn ...

ALEXIS.

Du irrst.

Wollt' ich Verbrechen üben, übt' ich sie

Auf eigne Hand.

EUDOXIA.

Verbrechen?

ALEXIS.

Doch die Schleuder

In eines andern Faust zu sein, die nach

Des Schleudrers Ziel den frevelhaften Wurf tut;

Ball, Spieler nicht ... Pfui, über solche Schmach!

DIE BOJAREN.

Ihr redet dunkel.

EUDOXIA verwirrt zu Alexis.

Schweig!

ALEXIS.

Ich bin vom Markt

Der menschlichen Geschäfte fern, ein Kranker,

Zu diesen letzten Tagen auf gewelkt!

Und deshalb glauben sie, Alexis sei

Ein Tauber und ein Blinder. Ich bin's nicht.

Der Helfer wird dem Unglück mitgezeugt.

Er heißt der Zweifel. – Falschheit – lernt' ich sonst

Auch wenig nur, hab' ich erkennen lernen! –

Denn ich sah Menzikof an jedem Tag

Durch zehn verfluchte Jahre.[352]

LAPUCHIN.

Was soll das?

ALEXIS zu Eudoxien.

In meine Kluft dringt deine Stimme; Sonnhell

Winkt mir in deiner Hand das höchste Glück.

Da dacht' ich einen Augenblick: Es ist so.

Nur einen Augenblick! Im nächsten rief

Der herbe Helfer: Tor und wieder Tor!

Sieh deine Menzikofs verdoppelt, sieh

Sie dreifach, vierfach!


Gemurmel unter den Bojaren.


DOLGORUKI.

Rußlands Adel ist

An eines Knaben Schmähung nicht gewöhnt.

Wir haben's so beschlossen, wir! Du wirst

Zur höchsten Stelle sitzen. Du gehörst

Nicht dir, nicht deinen Grillen. Du gehörst

Uns, und dem Land. Dein Geist, dein Leib, dein Sinn,

Und was du hast und bist, ist alles unser.

Wenn du nicht willst, so sollst du woll'n, Alexis!

ALEXIS.

Du bist ein Mensch, der mit gefäll'ger Tünche

Die Rohheit des Gemütes überzog.

Fein, höflich, unterwürfig, dienstgewandt;

Frech, aufgeblasen, rauh, gemein und wild.

Um deinesgleichen ist der Russen Name

Verachtet in der Fremde. – Soll'n und Woll'n?

Das Sollen ist an Euch, das Wolln an mir.

Ich bin Eu'r Fürst, beliebt's mir, es zu sein;

Nicht eine Stunde früher. – Mutter, du

Bist rein; ich schwör' auf deine liebe Seele!

Euch andern sag' ich: »Geht!« – Ich will allein sein.

Zerrissen ist der Bund! Ich scheid' auf ewig

Mein Recht von Eurem Unrecht!


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 348-353.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Alexis
Alexis: Eine Trilogie Von Karl Immermann . (German Edition)

Buchempfehlung

Dulk, Albert

Die Wände. Eine politische Komödie in einem Akte

Die Wände. Eine politische Komödie in einem Akte

Diese »politische Komödie in einem Akt« spiegelt die Idee des souveränen Volkswillen aus der Märzrevolution wider.

30 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon