Sechste Szene


[365] Altertümlicher Saal im Kreml.

Alexis sitzt an einem Tische, den Kopf gestützt, blaß, von Schmerz entstellt. Wachen im Hintergrunde. Peter tritt mit Gordon ein. Gordon entfernt sich gleich darauf mit den Wachen. Peter tritt, wenn die übrigen Personen den Schauplatz verlassen haben, vor.


PETER.

Ein Wort zu Euch, Alexis.

ALEXIS steht auf.

Ich erwart' es.

PETER.

Vernähmet Ihr den Ausgang der Genossen?[365]

ALEXIS.

Ich habe keine Genossen.

PETER.

Das kann sein. –

Wie denkt Ihr über Euer Los?

ALEXIS.

Ihr habt

Den Quell des Denkens in mir ausgetilgt.

Doch ich besinne mich: Ihr seid allmächtig,

Und eine Antwort wollt Ihr. – Laßt denn sehn!

Ich denk', Eur' Majestät erscheint als Bote

Des Henkers.

PETER.

Eu'r Gewissen ist ein Plaudrer.

Ich find' Euch – sehr gefaßt. Spart diesen Mut!

Wahr ist's, ich kam nach Moskau, finstrer Absicht

Auch gegen Euch, Alexis, voll. – Ihr solltet

Für jahrelangen Trotz, verstockten Stumpfsinn,

Für Undank gegen jegliche Bemühung,

Zum Erben meines Sinnes Euch zu bilden,

Für endlich ausgeführten offnen Aufruhr,

In Eurem kranken Blute büßen. Gleichwohl

Schämt' ich mich nie, die Meinung aufzugeben,

Die mit dem Stand der Sachen stritt.

Der Schwachkopf

Muß immer recht behalten. Ich – bedarf's nicht.

Ich glaub', ich irrte mich in Euch. Das heißt,

Was dieser Tage Schuld betrifft. Es ist

Die Stund', es ist an Euch, zu sagen, ob

Mein früh'res Meinen Unrecht Euch getan.

ALEXIS.

Ich werde Rede stehn.

PETER.

Ihr wünscht, ich sah es,[366]

Nicht Eures Vaters Tod. Ihr warft entschlossen

Den Mördern Euch in Weg.

ALEXIS bitter.

Ist dies die Tat,

Die mich erhöht in Euren Augen?

PETER.

Nein.

Von Lieb' und Achtung ist die Rede nicht,

Von Wahrheit nur und Recht.

ALEXIS.

Wahrheit und Recht!

Ihr armen Worte!

PETER.

Sprecht gesetzt und ruhig.

Kommt mir entgegen. Meines Dünkens hab' ich

An diesem Zuge Euch erkannt.

ALEXIS.

(Es ist

In seiner Red' etwas, das milde schimmert,

Wie'n einsam Blümchen in der schwarzen Wildnis.

Ein Schau'r der Menschlichkeit? Glaub's! Glaub' es, Seele!)

Laßt hören mich, mein Vater, was der Zug

Dem Zar berichtet hat?

PETER.

Hört es, Alexis.

Ihr seid ein Mensch, nicht abgeneigt dem Bösen,

Der wohl den Frevel will, wenn er gefahrlos.


Alexis wendet sich ab.


In Eurer Seele wart Ihr eng-vertraut

Mit schlimmen Wünschen. Wär' der Vater nur

Dahin gewesen! Euer schwörend Wort,

Das Euch den Thron versagt, war dann ein Wort,[367]

Nichts mehr. Ihr schwort mit Vorbehalt; nicht wahr?

Durch schlauen Trübsinn, Seufzer, list'gen Kummer

Habt Ihr die Schlechten Euch verkettet. – »Wenn

Es anders werden sollte ...« Und: »Alt-Rußland,

Das ist mein Wall ...« und so dergleichen mehr.

Doch nun erschien der Tag, an dem es galt,

Mit kühner Faust die böse Schrift des Herzens

In Rußlands Sand zu schreiben; mit dem Schwert

Die Bahn zu zeichnen, die der groll'nde Geist

Lang in der Still' entworfen. »Wage! Handle!«

Rief dieser Tag. Er suchte einen Helden,

Und fand – Alexis.

ALEXIS.

... Dahin zieltet Ihr!

Wie könnt' es denn auch anders sein?

PETER.

Was sagt Ihr?

ALEXIS.

Mir saß die Freude, einer Schwalbe gleich,

Die kurz verweilt, süß-zwitschernd in der Brust,

Und sang: Der Zar sinnt auf ein günst'ges Ende.

Sie regt die Schwingen, flattert fort. O Traum,

Den Leidende zu träumen nicht ermüden,

Daß Elend heilbar sei!

PETER.

Es endet günstig

In Eurem Sinn. Euch bleibt das Leben, hoff' ich.

Ich bin in Eurer Schuld von heute abend,

Ich will's nicht bleiben; ich bezahl' Euch. Selbst

Habt Eu'r Geschick in Händen Ihr. Wie steht's

Um Euren Teil an dieser Felonie?

Ich glaube, was Ihr sagt.

ALEXIS.

Ihr habt bereits

Euch den Bescheid gegeben. Mir gebrach[368]

Der Mut, den Nacken aus dem Joch zu ziehn;

Zu feig war ich für Zepterraub.

PETER.

So war's. –

Verachtungswürd'ge Unschuld! Halbe Tugend!

Viel fremder mir, als ganzes Laster ist.

Ich habe arg gefehlt, als ich von Napel

Zurück Euch holen ließ. Ihr seid bei mir

So freigesprochen, daß kein Kläger je

Was wider Euch vermögen soll.


Nach der Tür deutend.


Jetzt geht.

ALEXIS.

Wohin?

PETER.

Wohin Ihr wollt; mir gilt es gleich.

Ich kann Euch hier nicht dulden, Ihr begreift das.

Flieht! Ungeschädigt lebt, wo's Euch gefällt.

Den Feind vertilgt' ich, der gefährlich mir,

Euch mag ich atmen lassen. Geht doch! Geht!

Der Oberst Gordon wartet vor der Tür,

Zu schützen Eure Flucht.

ALEXIS.

Der Mann ist müd'. –

Laßt diesen Oberst schlafen gehn; ich brauche

Die Hülfe seines Degens nicht.

PETER.

Du brauchst sie,

Unruhig ist die Straße.

ALEXIS.

Ist sie's? Wohl,

So bleiben wir zu Haus.[369]

PETER.

Du willst nicht fliehn?

ALEXIS.

Bei Eurer Größe: Nein!

PETER.

Du willst nicht fliehn?

ALEXIS.

In tiefster Ehrfurcht eines Knechtes: Nein!

Nein, nein, und aber nein!

PETER.

Was willst du denn?

ALEXIS.

Nichts Unbescheidenes; ich will Gericht!

PETER.

Gericht!? – Du selber ...

ALEXIS.

Ich will Reichsgericht

Um – Rebellion und Hochverrat.

PETER.

Du rasest!

ALEXIS.

Vergebt, ich bin bei Sinnen! – Diese Nacht

Hat mich erzogen! In der Mutter Antlitz

Sah ich der Furie Blick! Der Vater steht

Bis an den Hals in Blut, und höhnt den Sohn!

Ich faß' mich schaudernd an! Ward ich zum Hauch?

Nein, unsre Sehnen sind ein zäh Geweb'!

Es kommt der Tag, wo auch der Schwächste sich

Gerüstet fühlt. Die Menschen haben mich

Nicht sanft geführt;[370]

Drum hat der Himmel meiner sich erbarmt,

Und mündig mich gesprochen! –

Zusammen bricht mein sterblich Teil! Der Gott

Schwebt siegreich über des Alexis Leiche!

Nicht sehn' ich mich nach meines Mädchens Brust,

Nicht dürst' ich nach der Luft, dem Licht der Welt,

Nicht schmacht' ich nach dem Sakrament des Herrn!

Ich sehne mich, ich dürste, schmachte, lechze

Nach Fesseln, Schranken, Ladung, Frage, Spruch!

PETER.

Ihr sollt entfliehn!

ALEXIS.

Du kannst mich niederstoßen,

Du kannst den Richtern heißen, schmählich urteln,

In alle Zukunft hin verfälsch' mein Bild!

Das kannst du, doch was andres kannst du nicht!

PETER.

Alexis!

ALEXIS.

Großer Zar?

PETER.

Besinne dich.

ALEXIS.

Auf meine Ehre hab' ich mich besonnen.

Peter Nur meine Diener richten, deine Feinde.

ALEXIS.

Mit tausend Feinden kämpf' ich um den Preis.

PETER.

Weshalb der Kampf, wenn du so schuldlos bist?

ALEXIS.

Das soll verkündet werden aller Welt.[371]

PETER.

Unsinniger! Ihr Wort wird lauten: »Tod!«

ALEXIS.

Die Schmach auf sie, die Ehre bleibt für mich!

PETER.

Bei meiner Macht! Trotz'st du auf Spruch und Recht,

Ist mir's, ich schwör's, nur ein gemeiner Fall!

Ich bin zu Großmutsstreichen nicht gestimmt.

ALEXIS.

Vor Eurer Großmut wolle Gott mich schützen!

PETER.

Ihr seid Eudoxiens Sohn! –


Er steht in Gedanken. Nach einer Pause.


Nun, nun, was gibt's

Denn hier so viel zu sinnen? Jeder Russe

Darf fordern, daß vor seine Obrigkeit

Man ihn gestelle. Die Befugnis ward

Ja für den Sohn des Zaren auch geschrieben.


Zu Alexis.


Ihr werdet Moskau morgen früh verlassen.


Er wendet sich zum Abgehn.


Gericht von Petersburg, nimm deinen Gang!


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 365-372.
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