Vierter Auftritt.


[63] Graf Paraguay tritt ein.


PARAGUAY.

Vergebung meiner Kühnheit! doch vielleicht

Dient diese Nachricht zu der Audienz.

Der Herzog Danzigs hat, gemäß der Ordre,

Die ihm befiehlt, nichts Fremdes nach Tirol

Hineinzulassen, Österreichs Kurier,

Der einen Brief vom Hause Habsburg an

Die Insurgenten brachte, sich zur Ruh

Zu geben und die Waffen abzulegen,

Nebst seinem Schreiben, angehalten, fragt:[63]

Ob den Erlaß ins Hauptquartier er senden,

Ob er ihn den Empörern schicken soll?

VIZEKÖNIG.

Ich werde mich entschließen. – Nun, mein Hofer,

Willst du, so lass' ich diesen Brief mir bringen,

Du kannst ihn dann mit Kunstverständ'gen prüfen,

Ob er verfälscht sei. Bis dahin verschieben

Wir unsre Sach', und reden dann wohl weiter.

HOFER.

O Herr! nicht spotte des Geschlagenen! Alles

Ist ja zu End', ich seh's, und um den Hauch

Des nackten Daseins müssen wir nun flehn.

Ich beuge mich, denn uns hat Gott gebeugt.

So ziehet denn auf allen Straßen ein,

Und nehmet hin, was wir nicht geben wollten!

Die Welt ist euer, sei Tirol auch euer!

Wenn du mich willst entlassen, ordn' ich gleich

Zu allen Scharen meine Boten ab!

Zerschlagen sollen sie die blanken Büchsen,

Zerschmettern ihre Degen, und vergessen,

Was sie gewesen, und nach Hause gehn,

Und stumm und still sich halten, wie das Vieh!

VIZEKÖNIG.

Faß dich! Fügt euch, wie Männer in die Schickung!

Ich nehm' die Unterwerfung an, und Nacht

Bedecke das Geschehne! Ungekränkt

Sollt ihr im Schutze leben! des sei sicher.

Ich hoff', ihr werdet Frieden halten, Leute,

Den Friedensbrecher trifft, das wisse, Tod.

Nun Sandwirt geh' nach Haus und halt' dich ruhig!

HOFER.

Vergönne, Herr, mir einen Augenblick

In deiner Nähe noch! Ich war bestürzt,

Mich überraschte diese Post zu sehr!

Allein Besinnung kehrt mir bald zurück.

Nun muß ich mit den Lippen fechten! Herr,

Weiß Gott, ich stände lieber dir entgegen,[64]

Vernichtung dir ersinnend, hoch am Isel!

O daß es mir gelänge, meinen Brüdern

In deinem Herzen Achtung zu verschaffen!

Wohl niemals tret' ich wiederum vor dich,

Und welche Bürgschaft des Vertrages haben

Wir, wenn du, Herr, uns nur verachten kannst?

VIZEKÖNIG.

Es ist gelobt, und also wird's gehalten.

HOFER.

Der Sklave hat kein Recht, wie sollt ihr ehren

Den Ehrlosen? Was kümmern Tiere euch?

Du aber, Herr! mußt würd'ger von uns denken.

Auf deine edle Seele, die gelassen

Aus klaren Augen schauet, leg' ich dir's:

Bedaure das unglückliche Tirol!

Laß unsern Sinn von deinen Spöttern nicht

Zur Fratze dir verspotten! Lobt man doch

Den Hund am meisten, der von seinem Herrn

Und keinem andern seine Speise nimmt.

Ihr habt zum Grabe Österreich gemacht!

Ich sage dir: der arme treue Hund

Wird auf dem Grabe sich zu Tode heulen!

Nun Herr, nun hab' ich gründlich angezeigt,

Wie uns zu Mute ist, und darnach, fleh' ich,

Behandle uns! Ich hab' nichts mehr zu sagen.


Er will gehen.


VIZEKÖNIG.

Bleib noch! – Nicht ohne Rührung hör' ich dich!

Ich sollte diese Dinge nicht vernehmen,

Doch weiß ich nicht, welch eine Regung mich

Antreibt, daß ich fast wünsche, meine Rede

Möchte den Eigensinn aus eurer Brust

Wegschneiden und ein neu Vertrauen pflanzen.

Noch einmal, alles sei vergessen, was

Die Leidenschaft und böse Menschen euch

Zu tun befahlen. Jetzo ziemt Besinnung,

Sich einzeln, unberufen, frevelhaft

In zweier Kaiser Zwist und Kampf zu mischen![65]

Allein es sei vergessen, weil ich's will.

Nun aber sag' mir doch, Andreas Hofer,

Der du so wacker und verständig sprichst –

Und alle seid ihr, wie ich hör', begabt

Mit Sinn und mit Verstand – verständ'ge Männer

Irr'n auch, doch fassen sie den Irrtum bald,

Zu künft'ger Meinung – Warum liebt ihr Österreich?

Denke darüber nach, und sag' die Gründe,

Die euch so heiß nach Wien und Schönnbrunn wenden?

Wir woll'n dann miteinander prüfen, ob

Der neue Landesherr nicht alles tat,

Nicht alles tun kann, um den Preis zu zahlen

Für diese Liebe. Warum liebt ihr Österreich?

HOFER.

Mein Herr, die Frage legt' ich selber mir

Und keiner, glaub' ich, in Tirol sich vor.

Ich kann dir keine Antwort darauf geben.

VIZEKÖNIG.

Besinn' dich nur, ich laß dir Zeit, du sollst,

Es ist mein Wille, dich ganz frei erklären.

HOFER.

So helf' mir Gott! Ich weiß dir nicht zu sagen,

Warum den Kaiser wir zu Wien verehren.

Ich schüttle mein Gedächtnis suchend durch:

Wir ziehen nur in Krieg, wenn wir gefährdet,

Wir zahlen Steuern nur, die wir bewilligt,

Wir haben gleiche Rechte mit den Rittern,

Wir stimmen auf dem Landtag, so wie sie,

Und freundlich immer war der Kaiser uns;

Von jeglichem der Punkte aber tat

Allhier das Gegenteil der wilde Bayer.

Und doch erspäh' ich in dem Allen nicht

Den Winkel, der den Grund der Liebe birgt.

Das alles ist es nicht, was uns macht hüpfen,

Und jauchzen und das Herz vor Freuden zittern,

Wenn wir die schwarz und gelben Fahnen sehn.

Der neue Herr könnt' alles das gewähren,

Und dennoch glaub' ich – frei soll ich ja reden –[66]

Die alte Liebe bliebe, wie ein Kind,

Dem man die Hand gebunden, uns im Herzen.

VIZEKÖNIG.

Es scheint mithin, daß grundlos diese Liebe.

HOFER.

Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund.

VIZEKÖNIG.

Nun, Hofer! bist du, wo ich dich gewollt.

So werft denn dies Gespinst weit von euch weg,

Das euern Sinn verdunkelt. Was ihr hattet,

Sollt ihr behalten, und noch mehr bekommen.

Aus engen dumpfen Schranken rafft euch auf!

Schenkt eure Neigung uns, wir schenken euch

Dagegen Ruhm und Aussicht, mit uns werdet

Ihr höher steigen, als ihr nur geträumt.

Das sag' dem Volke, wie ich's dir gesagt.

HOFER.

Soll ich denn ganz beschämt von hinnen gehn,

Und bleibt mir nichts, worauf ich fußen kann? –

Du bist so mild und gnadenreich, o Herr!

Darf ich nun wohl in Untertänigkeit,

Ich dir auch eine Frage stellen?

VIZEKÖNIG. Nun?

HOFER.

Ich hab' dir keine Antwort geben können,

Warum wir lieben unsern alten Herrscher,

So habe du die Gnade mir zu sagen,

Warum du liebst den Kaiser, deinen Vater?

VIZEKÖNIG lächelnd.

Mein Hofer! leicht machst du die Antwort mir,

Weil er den Feind besiegt, wo er sich zeigt,

Weil er ein großes Reich sich hat gegründet,

Weil er mir gab ein schönes Fürstentum,

Und weil an seinem Glanz und seiner Macht

Er mich als Sohn und Erben Teil läßt nehmen.

HOFER.

Wohl! Aber setz': es käm' ein Größerer,

Denn möglich ist dies doch – es käm' ein Held,

Der dreimal so viel Schlachten schlug, als Er,

Ein dreimal weitres Reich begründete,

– Denn Raum für so ein Reich hat noch die Erde –[67]

Ein dreifach bessres Fürstentum dir gäbe,

Und dich mit seiner dreimal höhern Ehre

Und Macht wollt' teilen lassen; würdest du

Den Kaiser, deinen Vater, nun verlassen,

Absagen deiner Lieb', und neuen Herzens

Dem neuen Gotte folgen, lieber Herr?

VIZEKÖNIG. Ob ich dem neuen Gotte –

HOFER.

Herr, du schweigst?

Ich bin so kühn für dich zu sprechen: Nein!

So scheint es denn, daß deines Herzens Neigung

Nicht größern Grund hat, als die unsrige.

Vielleicht soll es so sein. Ich bin ein Bauer,

Und kann nicht, was ich meine, deutlich sagen.

Allein es dünkt mich fast, wenn ich's bedenke,

Als käm' die Liebe von der Erde nicht,

Vielmehr, sie sei ein Strahl, den Gott der Herr

Vom Himmel in das Herz der Menschen sendet,

Daß sie drin scheinen solle, gleich dem Lichtlein,

So aus der Hütte Fenstern freundlich blinkt.

Die Liebe liebt, weil sie die Liebe ist.

VIZEKÖNIG.

Hör auf! Ich will, daß das Gespräch hier ende.

HOFER.

Ich bin zu End! – Doch auf den Brief zu kommen:

Wo liegt er wohl?

VIZEKÖNIG. Wie? Welcher Brief?

HOFER.

Von dem

Dein General die Meldung tat.

VIZEKÖNIG verlegen.

Ah so.

Ja, den – Graf Paraguay, wohin – wohin –

Schickt wohl der Herzog diesem Mann den Brief?

PARAGUAY.

Wohin Eur' Hoheit es gebieten wird.

VIZEKÖNIG.

Nach Steinach dächt ich – oder nein – nach Inspruck –

Recht – ja zu Inspruck sollst du ihn empfangen.[68]

HOFER.

Ich geh' nach Inspruck. Send' o Herr ihn bald!


Er geht.


VIZEKÖNIG nach einigem Schweigen. Graf Paraguay!

PARAGUAY. Prinz?

VIZEKÖNIG.

Sie erschienen nicht

Zu rechter Zeit. Ich war mit ihm schon fertig,

Da kamen Sie und haben mich in große,

In eigene Verlegenheit gesetzt.

PARAGUAY.

Ich bin zu solchen Dingen ungeschickt.

VIZEKÖNIG.

Wenn er in Inspruck nichts – Seltsame Menschen!

Doch was zu tun? Dies war ja Überfluß.

Es ist einmal geschehn. – Sofort nun brechen

Sie in das Herz der Grafschaft auf! Beziehn

Quartiere Sie, und dämpfen, wo's noch stürmt,

Mit Ernst und Kraft das Land. Genehm'gen werd' ich,

Was Sie in diesem Sinne vorgenommen.


Er geht ab.


PARAGUAY.

Es geht mithin denn doch nach meinem Rat.

Das Fürstenwesen will nicht glücken, und

Wir halten ein'ge Kriegsgerichte mehr. –

Ihr seid noch nicht so weit, als wie ihr meint,

Ihr geltet, was ihr tut, nicht was ihr scheint.

Wenn man euch Neue nennt von Gottes Gnaden,

Ists, weil im Blut für euch die Degen baden.


Nach der andern Seite ab.


Quelle:
Karl Immermann: Andreas Hofer der Sandwirt von Passeier. Bielefeld und Leipzig 1912, S. 63-69.
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