Der Gral


[576] Britannien. Felsenschlucht.


PLACIDUS tritt ein.

Hier ist die Spur, der Ruf hallt in den Wind!

Der Sturzbach hemmt mit Rauschen meine Füße.

Wenn ihm ein Leid in dieser Schlucht zustieße ...

Merlin! Antwort' mir, Unglückskind.

MERLINS GESANG.

Daß, wer dies Denkmal findet, fromm und scheu

Sich wende talhinab!

Und du, o grüne, düftevolle Linde, streu

All deine Blüten auf das Grab!

PLACIDUS.

Sein tiefer Ton, sein Waldgesang!

Er lebt, nun ist mir nicht mehr bang.

Heimlich, wie all sein Wesen sich stellt,

Schafft er wohl, was er mir will verbergen,

Er kehrt zu mir, wann es ihm gefällt,

Ich erwart' ihn zwischen den Bergen.


Er setzt sich auf eine Klippe.


MERLINS GESANG.

Ans Leben trugst du mich im reinen Schoß,

Und alles gabst du mir,

Ich wölbe dir die Höhle schwarz und groß,

Nichts andres kann ich geben dir.

PLACIDUS.

Von seiner Mutter singt er.

MERLINS GESANG.

Letzt Lebewohl, ich hauch's dir durch die Kluft[576]

In stillen Tränen zu,

Der Stein verschließe nun der Mutter Gruft,

Bis zu der Auferstehung schlummre du!

PLACIDUS.

Wie wird dies Wirrsal sich entwirren?

Was ist die Wahrheit? Wo beginnt das Irren?

Ich glaubte, meines Lebens Knäul

Sei endlich friedlich abgesponnen,

Da reißt's mich an das Licht der Sonnen

Durch unverstand'ne Greu'l!

So duckt der Vogel, wenn der Tag vorbei,

Sich im Gemäu'r, dort still das Aug' zu schließen,

Doch grausam weht aus seinem Sorgenfrei

Der Sturm ihn in des Wetters Gießen.

War jenes Mägdlein nicht ein Bild

Der süßen Unschuld, Reinheit, Güte?

Hat dennoch ekle Lust gestillt

In dem verdorbenen Geblüte.

Warum erschufst du frei das Gesicht,

Ist es der Spiegel der Seele nicht?

Das Tier hegt seiner Triebe Scham,

Drum senkt's den Kopf vor Scheu und Gram;

Zum Himmel wirft die Lasterstirne

Der Bub' empor, die freche Dirne.

Seit solche Wangen mir das zuleide

Getan, hab' ich an keinem Freude,

In jedem biedern, freundlichen Ton,

Hör' ich des Diebes, des Mörders Hohn;

Der gradeste, treuste Blick

Strahlt mir den Kuppler und Fälscher zurück.

Gott selber dem Menschen ganz verschwindet,

Wenn einer sich im andern nicht findet;

Groß ist der Fluch über Adams Samen,

Wer kann ihn wenden? Christ helf' uns! Amen!

Die Arme trug im Wüstenhaus

Die Frucht der Sund' und Schmerzen aus,

Sie rang bei Tag die Hände wund,[577]

Irreden nächtens führt' ihr Mund.

Ich fragte sie, ich drang in sie:

Umsonst, den Schänder nannt' sie nie.

So kam die Zeit gemach heran,

Da hat sie sich zur Reu' betan,

Ihr Sinn ward sanft, sie betet' brünstig,

Fleht', daß die Gnad' ihr werde günstig,

Und hat im Brot auf frommes Verlangen

Den Leib, der für uns litt, empfangen.

Die Wehemutter zu rufen her,

Verbot sie mir, weil nach dem Geist,

Nicht nach dem Fleische sie gebär',

Hat laut in Qualen den Herrn gepreist.

Die Not der Kreißenden war groß,

Ich nahm's von dem zerrißnen Schoß.

Es schlug die Augen auf, da ließ

Ich's fast vor Schreck zu Boden sinken,

Wie aus des Abgrunds unterstem Verließ

Die hellen Grubenfackeln blinken,

So sahn aus bodenloser Tiefe diese Lichter,

»Ist er«, rief ich, »der letzte Richter?«

Ich könnt' bei ihrem Blitzen lesen,

Was vor Jahrtausenden gewesen,

Das Sonst, das Jetzt, der Zukunft Gabe,

Und weltenalt schien mir der Knabe.

Er brachte Zähne mit, und trank

Der Mutter Brust nicht; all sein Drang

War nach der Taufe. So tauft' ich ihn

Wie er mir selbst befahl: Merlin.

Drauf wollten Candidam sie stein'gen,

Das Kind erlöst' sie von den Pein'gern,

Sprach wunderbarer Weisheit Wort,

Der Richter ging verlegen fort,

Doch sannen heimlich sie auf Mord.

Er sei ein Wechselbalg, und gut

Sei's, zu ertränken solche Höllenbrut.

Die Drohung mich erschreckte so,

Daß ich mit ihm über Meer entfloh[578]

Ins Reich Britannien, wo im Wald

Wir wählten geheimen Aufenthalt.

Da frag' ich nun die grünen Baumeswipfel,

Den Rieselquell, der ernsten Felsen Gipfel,

Da frag' ich Erde, Wasser, Licht und Wind:

Wer ist das Kind?

MERLIN tritt ein.

Dein treuer Pflegesohn.

PLACIDUS.

Merlin! Wie hast du mich erschreckt!

Quer durch das Tal der Fluß sich streckt,

Trägt dich die Woge?

MERLIN zurückblickend.

Fließt sie hinter mir schon?

Da schäumt es – ja! Den Brückensteg

Wollt' ich suchen und schlich in Gedanken den Weg.

Ich habe nicht an die Flut gedacht,

Da hat die Flut mir Platz gemacht.

PLACIDUS.

Ich suchte dich in Angst und Pein.

MERLIN kniet.

Fehlt' ich, will ich gezüchtigt sein.

PLACIDUS.

Du auf den Knien vor mir? Verspott'st du mich?

Versuchst du mich, ob mich der Stolz berückte?

Steh auf! Das ist, als wenn der Himmel sich

Vor einem Erdenkloße bückte!

MERLIN.

Ich weiß nicht, was du meinst, und treff' es nie.

Mir ist das Haar auf deinem Haupte teuer,

Ich liebe dich, du wirst nur täglich scheuer,[579]

Ich kränke dich und fasse doch nicht: wie?

Jüngst, als der Bär in unsre Höhle tappte,

Du schlummernd lagst, er nach dir schnappte,

Ich ihn besprach, er brummend in die Pfoten schaut'

Du wachtest auf, und schlugest, weil dir graut' –

Ein Kreuz vor mir, nicht vor dem Bären.

So sprich doch, meine Pflichten mich zu lehren.

PLACIDUS.

Du trägst in deiner kleinen Brust mein Herz,

Ein süßer, schmeichlerischer Dieb, von dannen.

Ich möchte dich mit strengem Spruch verbannen,

Doch war's mein größter Schmerz.

Mit Not und Sorge hab' ich dich erworben,

Wollt', ich war' ohne dich zu sehn, gestorben.

MERLIN.

Vielleicht erblickst mich bald nicht mehr.

In dieser Nacht erglänzt der Mond gefüllet,

Der zweiten Dunkel schon verbirgt ihn schwer,

Und lange dau'rt's, bis er sich neu enthüllet!

Doch wollen wir mit Trau'r und Grämen

Der letzten Stund' ihr frohes Recht nicht nehmen.

Sieh Greis, mein Werk!

PLACIDUS.

Welch Werk?

MERLIN.

Steh auf!

Du kannst's erblicken durch die Schlucht!

PLACIDUS.

Welch ein gewalt'ger Felsenhauf!

Kam ein Komet zur Erd' herab?

MERLIN.

Er ist nur meiner Mutter Grab,

Der Riese hat die Steine gesucht.[580]

Ich ging zu ihm gen Schadlimort,

Und wandt' an ihn ein gutes Wort,

Da schleppt' er Block auf Block herbei.

Nun steht es groß und stolz und frei,

Und sagt den allerspätsten Jahren,

Wie dieser Zeiten Kräfte waren.

PLACIDUS.

Mir schwindelt, seh' ich da hinan!

Die ungeheure Steinelast,

Und Quader auf Quader abgepaßt!

Furchtbares Kind, was hast du getan?

Der Mutter Leib, er modert ferne,

Wer bracht' ihn her?

MERLIN.

Der Schiffer, gerne.

Mit Narden und Myrrhen balsamiert,

Hat er den Leichnam hergeführt.

Fand sie wohl in dem Boden Schlummer,

Der ihre Schmach und Verzweiflung getragen?

Immer trat zu mir voll Kummer

Der arme Geist, und hauchte seine Klagen.

Nun ward sie des heitern Britanniens Gast,

Unter Klee und Rosen ist liebliche Rast.

PLACIDUS.

Hinweg! Du übtest verbotne Kunst!

MERLIN.

Bei jenem reinem Blau, du tust mir weh!

Brauch' ich zu betteln denn von fremder Gunst?

Hätt' ich ersucht die Wolk' in luft'ger Höh',

Sie hätte sich von mir bewegen lassen

Und mit dem Mantel, mit dem regennassen,

Im heil'gen Land zur Erde sich gelassen,

In Arm genommen meiner Mutter Staub

Und über Meer gebracht den teuren Raub![581]

Und hätt' ich zu dem Fels gesprochen: »Fels,

Steh auf! Aus deinem moos'gen Bett dich wälz'!«

Der Felsen hätt' gehorcht des Kindes Stimme,

Sich losgewunden murr'nd mit stillem Grimme,

Gespalten sich in rund', viereckte Trümme,

Wund, wie unzeit'ge Frucht am Tagesstrahl,

Sich qualvoll selbst gefügt zu jenem Mal!

Allein die Wolken sind bestellt, zu wanken,

Gleichgültig hoch, wie ruhige Gedanken.

Und alles rege sich! Nur nicht der Stein,

Der lockern Erde haftendes Gebein!

Und ward das Wort, der Bitte Kraft verliehn,

Was Gott geordnet, ändert nicht Merlin.

PLACIDUS.

Wer ist Merlin? Verkünd' es!

MERLIN.

Sterbliche Hülle vaterlosen Kindes,

Die arme Waise Himmels und der Erden,

Unsel'ges Fertigsein und nimmerwerden,

Vom weichen öl der Schwäche nie gelindert,

Von Liebe nicht befeu'rt, vom Hasse nicht gehindert!

PLACIDUS.

Das sind nur Klänge ohne wahren Sinn.

MERLIN.

Der droben nimmt sie wohl als Beichte hin,

Und noch jemand faßt ihre Dunkelheiten,

Für Menschen kann ich es nicht zubereiten.

Trägst du den Griffel bei dir? Pergament?

PLACIDUS.

Stets, wo du bist.

MERLIN.

Ich habe dir gegönnt

Den Blick in den Zusammenhang der Dinge.[582]

Von außen tasten sie umher am Ringe,

Wer aber dir und deiner Kunde traut,

Der hat ins Zentrum klar hineingeschaut.

Vom Anbeginn der Zeit, der Kön'ge Tun,

Wie es gewesen, nicht wie es sich zeigte,

Was insgeheim zum Fall die Reiche neigte,

Die Keime, die in letzter Hütte ruhn,

Des Kleinen Tugend und des Großen Sünde,

Der unerhört'sten Taten stillste Gründe,

Das Mark der Weltgeschichte spendet' ich

Dir Frommen, Treuen! Wenn der Glaub' entwich

An Seel' und Leben, und die Schriftgelehrten

Staub über Staub von dürrer Rinde kehrten,

Mit Namen, Zahlen, hohem Schall sich brüsten,

Dann wird die Dürstenden nach frischem Trunk gelüsten,

Dann fließen Merlins Sagen, wie der Saft,

Den Lenzeswehen in der Birke schafft,

Wenn allen Schnee der Boden aufgeküßt,

Pfingstvogel ruft, Eichhorn mit spitzem Ohr

Vom Baume lauscht, was drunten gehe vor,

Wo mit Schalmei der Hirt sein Mädchen grüßt.

Wie weit hab' ich erzählt?

PLACIDUS.

Bis zu den Tagen,

In denen Christ sein Todeskreuz getragen

MERLIN.

Vernimm vom Grale das Mysterium.

PLACIDUS.

Was ist der Gral?

MERLIN.

Des Menschensohnes Blut.

»Sanguis realis« so verkehrt,

Wie es der Mund des Volks gewöhnlich tut.

Die Kunde ward schon lange stumm,[583]

Von mir wird sie euch wieder gelehrt.


Placidus zieht Pergament und Griffel hervor, setzt sich und schreibt. Merlin spricht.


In der Nacht des Schreckens, welche

Sah den Verrat des Bösen,

Griff er zum Wein im Kelche,

Sprach: »Dies mein Blut wird euch von Schuld erlösen.

Nehmt, trinket, darin wohnt ein neu Vermächtnis,

Was war, das ist gewesen,

Und alle Zukunft bleibt des Abendmahls Gedächtnis.

Es wallt in meinem Blute

Ein voller Doppelsegen, Denn zu gemeinem Gute

Dient's allen, und fließt auch um wen'ger wegen;

Euch send' ich in die Breit' und in die Weite,

Indes versteckt-gelegen

Den Tempel ich auf Montsalvatsch bereite.«

Als nun am bittern Holze

Der König hing der Tugend,

Fern war Petrus, der stolze,

Und nahe weinte nur Johannis Jugend:

Da stieß der Kriegsknecht, des Pilatus Bote

Ins Fleisch den Speer, versuchend,

Und aus der Seite floß der Quell, der rote.

Nun merke, wie verliehen

Ward neue Kraft dem Feigen!

Joseph von Arimathien,

Der nie sich sonst bei Christo wollen zeigen,

Trat mit dem Kelch herzu vom Abendmahle,

Und kummervoll, in Schweigen,

Fing er darin den Sprung vom Kreuzesstrahle.

Jetzt hatte schon die Liebe

Ihr zweifach Reich gegründet,

Mit lautem Pred'gertriebe

Ging zu den Heiden aus die Schar, entzündet,

Indessen Joseph, froh in seiner Seele,

Der Heimlichkeit verbündet,

Sich mit dem Kelche barg in tiefer Höhle.[584]

Die Zwölfe traf Bedrängnis

In aller Völker Landen,

Auf innerlich Empfängnis

Des Heiligen die Sinne Josephs standen;

Sie trotzten wider Spötter, Neider, Wüter

In Ketten und in Banden,

Er aber ward des Grales erster Hüter.

So lebt' er vierzig Jahre

In seiner Kluft, der dunkeln,

Nicht bleichten ihm die Haare,

Ihn speiset, tränket, wärmt des Kelches Funkeln,

Des bis zum Rande schwell'nde, wall'nde Welle,

Kraftglühend, gleich Karfunkeln,

Die finstern Wände machte lieblichhelle.

Auf ihren Martyrgrüften

Erklangen schon die Messen,

In seinen stillen Klüften

War er beerbt, verschollen und vergessen.

Als Titus dann Jerusalem gestürmet.

Und Feu'r die Burg gefressen,

Hat sich der Schutt berghoch ob ihm getürmet.

Und als des Todes Finger

Ihn rührte leicht und lose,

Wie in dem Blumenzwinger

Das Mägdelein berührt das Haupt der Rose,

Schwebte, beglänzet von dem eignen Scheine,

Das Heiligtum, das große,

Zum Himmel auf und kehrte in das Seine.

Allein es ist gesunken

Von neuem drauf zu Tale!

In dieser Rede Funken

Sprüht, fasse das, der erste Spruch vom Grale.

Doch nahe steht die schöne Zeit des andern,

Wann ihre Glorien prunken,

Werd' ich zu dir, erzählend wieder wandern.

Denn jetzt muß sein geschieden!

Mich ruft mein ernst Geschicke.

Der Mutter gab ich Frieden,[585]

Und nun besteh' ich meines Vaters Tücke.

Leb wohl! wir scheiden sonder Wort noch Tränen;

Nach solcher Kunde Glücke

Geziemt ein überweltlich-heitres Sehnen.


Placidus geht.


MERLIN allein.

Der Morgen schwand, herzu dringt Mittagsschein!

Mich treibt dein Arm in reichste Lebensfülle,

Drum streif ich ab des Kindes arme Hülle,

Ein männlich Wirken winkt! Mann will ich sein!


Er verwandelt sich zum Manne.


Du hast beschlossen, ewiges Geheimnis,

Zu winden dich durch jede Erdenschmach;

Im letzten, tiefsten Kote blieben nach

Die holden Spuren deiner süßen Säumnis.

So gabst du dich den Fischern, Zöllnern hin;

Dem Schacher, dem die Beine schon gebrochen,

Hast du die hohe Gastfreundschaft versprochen,

Dein Testament erging an dumpfen Sinn.

Und wieder bist du, sanfter Gott, gefangen

Auf Montsalvatsch durch deines Willens Kraft,

Dich hält der blöde Titurel in Haft,

Mit seiner Zunft, der eingeengten, bangen.

Geendet ist das Niedersteigen itzt!

Dich heimzuführen auf der Bahn des Geistes,

Wählst du Merlin. Er leitet dich, du weißt es,

Den Rückweg, der von deinem Feuer blitzt.

Ich bin, der wirbt die fürstlichen Gemüter,

Die Stirn, vom Ruhm- und Minnekranz umlaubt,

Die Ritter, Damen, König Artus' Haupt;

Dem hehren Gral schaff' ich die echten Hüter![586]


Ein andrer Teil der Schlucht.


KAY tritt auf mit einem Verzeichnisse.

Ihr Bäume, beugt euch, macht mir Reverenz!

Kay stellt sich vor, Hofmarschall, Exzellenz.


Er wischt sich den Schweiß ab.


Beschaffen soll das Kind ich ohne Vater,

Und an den Hof verpflanzen dies Gewächse!

Es fand sich einst im Maul des Hechts der Stater,

Saul fand den Samuel bei jener Hexe,

Die Ratten, Mäuse fangen Katz' und Kater,

Des Flusses Mündung treffen laichend Lachse

Wie aber soll ich, Kay, den Knaben finden,

Den seine Mutter aufnahm von den Winden?

O König Artus, dein Gebot ist schwierig!

Klingsor, dein Geist geriet in die Verschwimmung.

Die völl'ge Nacht am hellen Tag verspür' ich,

Es fehlt die nähere Begriffsbestimmung.

Dacht' ich des vaterlosen Kinds langwierig,

Fühlt, nichts zu denken, meines Kopfs Ergrimmung.

Wollt' alle Bankerte zu Schloß ich führen,

So war' kein Platz. Ich kann sie nicht logieren.

Kind ohne Vater! – Es entwarf mein Jammer

Der hies'gen Jungfraun richtiges Verzeichnis.

Ich klopft' an jede Hütte mit dem Hammer,

Wo in der Wiege weinte das Ereignis;

Ob dunkel mir vielleicht in einer Kammer

Die Ursach' bliebe bei der Wirkung Zeugnis?

Doch nicht allein die Blümchen lernt' ich kennen,

Sie wußten all' die Gärtner mir zu nennen.

Ist so ein Balg etwan aus Sommerhitze

Nicht aufgelaufen, wie Geschwür und Blatter,

Gebar ihn unter Würmern nicht die Pfütze,

Zog aus dem Hahnen-Ei ihn nicht die Natter,

Legt' ihn die Wespe nicht in eine Ritze,

Nicht eine Magd als Kehricht hinters Gatter;

So ist vergebens die Entdeckungsreise,[587]

Und Artus' Glück kommt auch aus seinem Gleise.

Denn Klingsor, unser großer Nekromante,

Las in den Sternen, daß der Tafelrunde

Das vaterlose Kind, wie er es nannte,

Verhelfe zu des Heiles stetem Bunde.

Es war, als spräche der Hof-Hierophante

Schlechtweg vom Menschen, Pferde, Ochsen, Hunde!

Jedennoch hat die Majestät befohlen,

Katexochen den Vogel einzuholen.

O welche schwere Last sind seltne Gaben!

Wie glücklich war' ich, war' ich etwas dümmer!

Wer fragt wohl nach gemeinen, schwarzen Raben?

Den weißen aber kündet gleich sein Schimmer.

Der Gaul darf schleichen, Renner läßt man traben,

Und in das Wasser schickt ihr nur den Schwimmer.

Es bechern Artus, Gawein, Erek, Gareis:

Ich bin vom Suchen eines Hurkinds gar heiß.


Er blickt in das Verzeichnis.


Da ihr Unschuld'gen Väter habet alle,

Zerreiß' ich der zerrißnen Tugend Liste!


Er zerreißt das Verzeichnis.


Und weil ich, wie ich glaube, bin im Falle,

Wo ich nicht weiß, was ich doch wissen müßte,

So leg' ich bei der Waldgewässer Schalle

Mich unter diesem Walnußbaum zu Rüste,

Und schlummre ruhig bis zu dem Erwachen,

Worauf sich weiter dann die Sachen machen.


Er legt sich unter den Baum.


Es ist durchaus ganz sonderbar und eigen,

Daß alles auf der Welt sich unterscheidet.

So wird behauptet, daß die Fische schweigen,

Und daß die Gans das Schnattern nicht vermeidet,

Auch schreit der Esel: »Yah!« und das Faultier: »Ay!«

Hofnarr ist Kyaw, und Hofmarschall, Kay.


Er entschläft.

[588] Merlin. Satan.


SATAN.

Höre mich!

MERLIN.

Noch nicht!

SATAN.

Wann willst du mich hören?

MERLIN.

Zu Nacht. Wann wir die Sonne nicht stören

Durch unser Gespräche in ihrem Gang.

SATAN.

Bei Stonehenge?

MERLIN.

Dort wart' ich.


Satan verschwindet.


Dank

Daß du mich verlassest.


Er sieht Kay.


Da liegt der Ritter,

Den der König sandte nach dem Wunder.

Sollst dir die Füße nicht laufen wunder.


Er zieht ein goldnes Täflein hervor, und schreibt darauf. Nachdem er geschrieben.


Klingsor, du hast, wie alle die Zwitter

Von deinem Schlage, das kranke Prickeln,

Ins Netz des Verderbens dich zu verwickeln.


Er legt dem Kay das Täflein in die Hand.


So, Schläfer, nimm die Botschaft, bestelle sie brav.


Geht.


KAY erwacht.

Ferner, wie verschieden sind Wolf und Schaf!


Er reibt sich die Augen.


Oha! – Mir träumte von dem Paradiese,[589]

Da waren alle Stauden lebhaftblau.

Der Grund bestand aus marmorierter Fliese,

Zinnoberrot erschien das Gras der Au.

Die Blumen ziemlich, wie im Walde diese,

Doch grüngelbstreifig jeder Tropfen Tau.

Und über der Couleuren Lustgewimmel

Stand taubenhälsig-schillertaftner Himmel.

O wär' doch nicht erschienen bloß im Traume

Die Paradieseswelt, die buntkarierte!

Es ward gewissermaßen nur die Pflaume

Von weitem vorgehalten der Begierde,

Die sich gesehnet, mit demantnen Knitteln

Von Silberstämmen goldne Frucht zu schütteln.


Er wird des Täfleins in seiner Hand gewahr.


Ei, Ei, Ei, Ei, die Ernte scheint gereifet,

Hier halt' ich ein'ges Güldne in den Fäusten!

Schrift steht darauf, krummschwänzig, ausgeschweifet,

Der Dialekt ist keiner von den neusten.

Wer nun beschlagen war' im Sprachgebiete!

Ich wittre Charaktere vom Sanskrite.

Klingsor, der viel getrieben, trieb auch Indisch.

Zu ihm, daß ich bei ihm den Sinn eintausche!

Doch halt! Schlaf ich wohl noch? Bin ich schon kindisch?

Dort renn' ich an ...


Er rennt mit der Stirn gegen einen Felsen.


Und hier sitzt eine Brausche.

Sie aber warnt vor Felsanrennung künftig;

Der Schluß ist echt. Ich wache, bin vernünftig.

Die Sache hellt sich auf jetzt allegorisch,

Und strahlet von abstraktester Verklärung.

»Kind ohne Vater« klang es metaphorisch,

Gemeint war:


Auf die Tafel deutend.


Ohne Geber die Bescherung!

Ich fand die Brausche, fand die große Warheit,

Und Klingsor gibt zu allem noch die Klarheit.


Er geht.[590]


Castel Merveil. Saal.

Die Bilder der Götter umher.

Instrumente, Bücher, Gewächse.


Eine Schlange liegt im Kreise um den ganzen Raum Klingsor tritt ein. Zwerg leuchtet.


KLINGSOR zur Schlange.

Ophiomorphos, öffne mir den Kreis!


Die Schlange rückt auseinander. Klingsor und der Zwerg treten in den Innen Raum. Die Schlange schließt den Kreis wieder. Klingsor wirft sich in einen Sessel.


ZWERG.

Meister, weshalb so stumm?

KLINGSOR.

Zwerg, mein Sommer ist um,

Klingsor ward ein müder Greis.

Lies aus dem Kohelet.

ZWERG liest.

Dies sind die Reden des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs zu Jerusalem.

Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger. Ein Geschlecht vergeht, das andre kommt, die Erde aber bleibt ewiglich.

Was ist es, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist es, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Ich, Prediger, war König über Israel zu Jerusalem.

Und begab mein Herz zu forschen und zu suchen weislich alles, was man unter dem Himmel tut. Solche unselige Mühe hat Gott den Menschenkindern gegeben, daß sie sich darinnen müssen quälen.

Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Jammer.[591]

KLINGSOR.

Ins mit dem Buch!

Eines Schacherjuden Machwerk, untergeschoben!

Keines Königes Spruch,

Den die Lippen der Weisen loben!


Der Zwerg wirft das Buch ins Feuer.


Es spricht: Alles ist eitel,

Nur schale Mittelmäßigkeit!

Von der Ferse bis zur Scheitel

Durchschauert uns der Hauch der Zeit.

Enger, gediegner schließen

Den Kreis Fels, Berg, Strom, Tier und Strauch,

Wir fürchten zu zerfließen,

Wir selber, wie ein eitler Rauch.

Weh, wenn in die Umgebung

Du dich versenktest glühendstark!

Sie empfängt furchtbare Belebung,

Und deinem Gebein entsaugt sie das Mark.

Unselig, Natur vergöttern!

Göttlich wird sie erscheinen dir,

Wie Zeus in Todeswettern

Sich zeigte sträflicher Neubegier.

Durch achtzig Jahr' erkor ich

Die Heil'ge, hab' ihr ins Aug' geschaut,

An ihres Rockes Saum verlor ich

Die Sehnsucht um die schöne Braut.

Nun bin ich auf ewigem Wandern,

Und hätte doch gern in mir die Rast;

Fühle mich nur noch im andern,

Und bei mir selber bin ich zu Gast.

ZWERG.

Hat dich der Schreck von außen überwunden,

Sollst du, o Meister, innerlich gesunden.

Du bist der Ruhm, die Kraft der Gegenwart,

Und schiltst auf dich, und schmähest dich so hart?

Hast du nicht wie ein Strom das Land befruchtet,

Mit deinen Schätzen all' uns überwuchtet?[592]

Aus Tausenden hervor dein Abglanz bricht,

Und an der Quell' erlöschte dieses Licht?

Wer hat an einem üpp'gern Mahl gesessen,

Wem ward der Reichtum reicher zugemessen?

KLINGSOR.

Ein hohes Glück, der Götz der Zwerge sein!

ZWERG.

Erquicke dich an deiner Jugend Schein.

Schon lange sann die Treue, dir zu danken,

Und fühlte sich in ihrer Armut Schranken.

In dieses trüben Abends Dämmerung

Steigt auf, ihr Geister, macht ihn wieder jung!

Du süßes Frühlied, das auf Wehmutsschwingen

Ihm aller Herzen Tränenopfer brachte,

Ihr Götter, die erweckt sein kräft'ges Singen,

Daß uns der schönen Hellas Himmel lachte,

Der Pflanzenseelen zart-empfunde Einheit,

Wascht sein Gemüte klar in eigner Reinheit!


Erscheinungen.


ANTINOUS blutend.

Hast du mich vergessen, Lieber? Bist du meiner nicht bewußt

In dem holdsten, tiefsten Plätzchen, dem verschwiegensten der Brust?

Ach, die Rosen blühten lieblich, und die Nachtigallen sangen,

Liebeselig, still und fröhlich bist du durch den Hain gegangen;

Alle Rosen nickten Küsse, Nachtigall die Flügel schlägt,

Und da hast du sanft und bieder mich in meine Gruft gelegt.

DIE GÖTTER steigen von den Gestellen und bewegen sich im gemeßnen Reigen.

Warum löstest du das Siegel von den marmorblinden Augen,

Soll des Blicks belebtes Leuchten nicht zu stetem Trost dir taugen?

Wir erscheinen nur dem Tapfern! Unsrer Locken Strahlenwehn[593]

Winkt ihm, wie der Stern des Morgens, über Berg und Meer zu gehn.

Sieh die goldnen Sohlen glänzen, wirf hinweg die Erdenfessel!

Setz dich zu uns! Lange wartet Hebe schon an deinem Sessel.

HAMADRYADEN aus den Blumen.

Schlank in Stengeln, scharf in Dornen, saftig schwellend, dürres Moos,

Rankten, wucherten, erblühten, schössen wir aus dunklem Schoß!

Garten-, Wasser-, Heidekinder, Wiesen-, Wald- und Moorgeschlechte,

Freudlos, einzeln, ungesellig, jedes nach dem eignen Rechte.

Du mit deinem Zauberstabe gingst durch unsre stummen Reihn,

Rührt'st uns an, in unsrer Abkunft Rätsel weihtest du uns ein.

Einer Mutter Sprosse wiegt sich jetzt der ganze grüne Chor,

Kleine Schwestergeister tragen liebe Botschaft durch den Flor.

Uns hast du verbunden innigst. Soll'n wir, Vater, dich beschämen?

Deine Kinder sind in Frieden. Kannst du deinen Zwist nicht zähmen?

KLINGSOR.

Zur Ruh'! zur Ruh'!


Die Erscheinungen verschwinden.


Ich ward es müd',

Mir selber immer zuzuhören.

Ihr Stimmen, könnt mich ja nichts lehren,

Und euer Glanz, für mich ist er verglüht.

Es füllt die ungeheure Lücke nicht,

Wenn das Geschöpf zu seinem Schöpfer spricht.

Ja, ich war jung, und meiner Kräfte Sendung

Versprach die neue Schöpfungswendung!

Hat wohl die Stimme Wort gehalten?

Ach, einsam bin ich, einer von den Alten!

ZWERG.

Das ist das Los des Hohen immer!

Von Schnee erglänzt der Alpenkoppe Schimmer.[594]

Stets wird der größte Sänger einsam sein;

Der Weiseste, er ist's für sich allein.

KLINGSOR.

Und uns bleibt nichts nach langer Pilgerschaft

Als herber Spott, geheimer Hohn!

Die Achtung ist aus unsrer Brust gerafft,

Die schöne Liebe ist entflohn.

Wie leben lehrend, scheint es, noch mit vielen,

Und ist doch nichts als grimm'ges tück'sches Spielen.

ZWERG.

Sie kommen zu dir aus allen Gauen,

Die Spitze deines Fingers zu schauen.

Bist ihnen ein unfehlbar Orakel,

Um deine Schnitzeln entsteht Spektakel.

Wenn du zuweilen, seltsam gelaunet,

Die Sachen sagst, von denen wir wissen,

Wie sie gemeint sind, und alles staunet,

Die Tiefe des Sinns in seinem Gewissen

Bedenklich erwägt, da muß ich kichern

In meiner Zwergen-Ecke, der sichern.

Aber dann seh' ich das schmerzliche Zucken

Um deine Lippen; trübtiefen Blick,

Und in Tränen mich niederzuducken

Zwingt mich dein unverstandnes Geschick.

Sprächst du vom Vogel federlos,

Vom Feuer, das näßt, vom Wasser, das brennt,

Der Glaube wäre so stark und groß,

Sie liefen danach, bis es einer fänd'.

Neulich kam so ein Affe her,

Sagte, hätte dich Gott gefragt

Vor der Schöpfung der Welt: »Wie machen wir,

Meister Klingsor, den großen Kolossen?«

Du hättest, wie Er, ihn zustande gebracht,

Trocknes und Nasses, Gras, Mensch und Tier,

Den schwätzenden Affen mit eingeschlossen;

Weiser Gebieter, was willst du mehr?[595]

Schiltst du den Prediger, daß er so eitel

Alles gefunden in seinem Alter,

Ei, so kränze mit Blumen die Scheitel,

Harfenschlagend mehre den Psalter!

Laß uns im Spannenden, Kitzelnden, Derben

Schwelgend wühlen bis zu dem Verderben!

Unsre Gärten strotzen von Früchten,

Unsre Keller von Flaschenschichten,

Unsre Truhen werden nicht leer!

Magst du am Fleische der Weiber dich laben,

Willst du die Königin, sollst du sie haben,

Weiser Gebieter, was willst du mehr?

KLINGSOR.

Wie in der Kerze wildflatterndem Leuchten

Der Klumpen sich widerlich spreizend quält;

Lüstern leckt er die Lippen, die feuchten,

Solchen Vertrauten hast du gewählt!

ZWERG umhertanzend.

Solchen Vertrauten hat er gewählt!

Er ist ihm bös, doch muß er ihn leiden;

Keine der Künste ward mir verhehlt,

Castel Merveil gehöret uns beiden!

Heitre die Stirne, dein Kleiner ist treulich!

Die Menschen sind dumm, wir aber sind klug;

Bis in das Herze so innig erfreulich:

Üben an Großsichdünkenden Trug!

Weißt? der König, die Tafelrunde

Suchen sehr emsig »ohne Vater das Kind«.

Höchsten Glückes versichernde Kunde

Wollte der König, du verkauftest ihm Wind.

Nanntest das Unding dem blöden Gesellen,

Und nun schwören sie alle dabei.

Es lebe die Lüge, die List, das Verstellen!

Es lebe die Narrheit, da schalten wir frei![596]

KLINGSOR.

Schweig! Wenn dir Vertierten reizend

Scheinen verrenkte Fratzen und Possen,

Ist mir der Unsinn ein Mistqualm, beizend,

Längst hat mein Übermut mich verdrossen.

Ich vermag mich dem Artus nicht hinzugeben,

Aber ich wollt', daß ich wäre, wie diese!

Morgenrötlich gaukelt ihr Leben

Hin unter Zelten auf blühender Wiese.

Sing mir ein Lied, rauh, schrecklich und kräftig!

Manches der Art hast du abgemerkt,

Daß ich in mir erzittre heftig,

Daß sich am Grauen mein Mut bestärkt.

ZWERG singt zur Harfe.

Hinterm alten Turme,

Wo sich bläht der Molch,

Wo im kalten Sturme

Schierling weht und Lolch;

Hinterm alten Turme

Liegt auf dem Krötenstein,

Angehaucht vom Sturme,

Fahles Totenbein.

Hinterm alten Turme

Um das Bein im Ring

Flatterten im Sturme

Weiße Schmetterling'.

KLINGSOR nimmt die Harfe.

Was weißt du vom Turme?

Was weißt du vom Bein?

Von dem Greu'l im Sturme

Weiß Klingsor allein.


Zwerg ab.


KLINGSOR allein.

So hab' ich es im Traume jüngst geschaut,

Das ist mein Totenbein, vom Taue nicht betaut![597]

Mein fahles Totenbein, um das die Larven schwirr'n,

Verschwunden hinterm Turm! Zerstäubt ist Fleisch und Hirn.


Er tritt zu der Schlange.


Ophiomorphos, aus dem Blick erzeugt,

Da in der Hyle Jaldaboth sich spiegelt'!

Noch niemals hab' ich deinen Mund entriegelt,

Genügend hat dein Anschaun mir gedeucht.

Heut frag' ich dich. Du weißt ja, was ich will,

Laß mich in Worten nicht den Drang entweihen,

Der mich zu dir treibt aus des Lebens Reihen;

Antwort' auch du durch Zeichen, groß und still.

Antworte, tiefe Selbstsucht der Natur!

Mein Heil'ges, das, den Schweif zum Haupt gewendet,

Den allumfassenden Kreis in sich vollendet,

Sprich mein Verderben aus! Antworte nur.


Er berührt die Schlange mit dem Stabe, sie zerfällt in Staub.


Staub! – Dieses Zeichen hab' ich nicht gefordert!


Es klopft.


Wer stört um Mitternacht?


Kay tritt ein mit dem goldnen Täflein.


KAY.

Kay, beordert

Vom König nach dem vaterlosen Jungen.

Der Schurk ist zwar nicht aus dem Ei gesprungen,

Doch fand der zierliche, der biedre Kay

Dafür 'ne Schrift vom Mustag oder Altai.

KLINGSOR.

Was bringt Ihr, Ritter?

KAY.

Meister, ein Problem.

Ich stell's. Lest Ihr's. Denn dieses ist an dem.


Er reicht ihm die Tafel.
[598]

KLINGSOR.

Erblindet meine Augen! Welche Schrift!

Wer gab dir diese Tafel?

KAY.

Wüßt' ich's, Bester!

KLINGSOR.

Sie bohrt ins Hirn sich wie ein glühnder Stift,

Umklammert meine Sinne, fest und fester,

Wie ein Polyp umzüngelt's mich beklommen:


Er liest.


»Das Kind, das ohne Vater ist, wird kommen.«

KAY.

Ei, Ei, das wäre! – Doch ich sah, mit Gunst

Nie solche Wirkung edler Schreibekunst.

KLINGSOR.

Das ist die Schrift, in der die Menschen schrieben,

Eh sie der Herr von Babels Turm getrieben.

Ihr Denkmal lag in Urweltskluft begraben.

Da sah ich's, keiner außer mir kennt sie ...

Sollt' Zerduscht? ... Nein!

Er schwor mir, daß sie nie gewesen sein.

Wenn dir's nicht Lüfte zugetragen haben,

So lebt ein Größerer, als Klingsor!


Er geht.


KAY allein.

Wie?
[599]


Am Grabe der Mutter. Steinblöcke. Mondschein.


MERLIN tritt ein.

Er naht, und meines Lebens Stund' ist da!

SATAN erscheint.

Erschrick nicht!

MERLIN.

Den laß erschrecken, der dich schrecklich sah!

Du kommst, auf deiner Schulter Nachtigallen,

Ein Frühlingsgott durch Frühlingshallen,

Du bringst des neuen Segens vollen Strauß;

Und in der Falte, die sich wehmutweich

Um deine Lippe windet, prangt zugleich

Des satten Herbstes überreicher Schmaus.

Anmut und Hoheit spielen da gesellt,

Ich grüße dich, du schöner Fürst der Welt!

SATAN.

So werd' ich stets den Adlichen mich zeigen.

Die Mißgestalt ist mir nur eigen

In der Plebejer Phantasie;

Und wer mich macht zu Gottes Eulenspiegel,

Der sott die eigne Kleinheit in dem Tiegel,

Mich sah er nie. –

MERLIN.

So ist's. Warum erschien verzerrt und häßlich

Der Vater meiner Mutter?

SATAN.

Unerläßlich

War jene zornige Verwandelung.

In ihrem Abscheu mußte sie empfangen,

Aus Haß und Glut ist stets hervorgegangen

Die höchste Kraft, das reichlichste Vermögen.[600]

MERLIN.

Es hat doch wohl an andrem noch gelegen.

SATAN.

Bist du so klug? – Nun ja, sein schleichend Gift,

In meines Baues Adern eingetropfet,

Wild durch mein Blut hin hat es auch geklopfet,

Und daß Erlösung fände Wirkens Trift,

So mußte wohl die Hölle sein vorhanden.

Zur Sache! Diese Zeit ist überstanden.

Du weißt, wozu ich dich gezeugt.

MERLIN.

Mit wem du mich gezeugt, ich weiß es.

SATAN.

Mein Werkzeug du in irdischen Banden,

Was an der neuen Seuche keucht,

Heb' aus dem Bad des entnervenden Schweißes!

Gib ihnen Gesundheit wieder! Würze

Kräftig das Abgestandene, stürze

Morschende Tempel, vernichte die Schätzung

Weibischer, dumpfer, verworrener Satzung!

MERLIN.

Kurz sprichst du, wie der Herrscher pflegt.

Willst du mich ehren, beweis' es die Tat

Wenn man den Sklaven zur Fronde schlägt,

Sitzet der Gleiche, gebeten, im Rat.

SATAN.

Du bist mein Sohn.

MERLIN.

Nach des Fleisches Sinn.

SATAN.

Wie?[601]

MERLIN.

Denke der Mutter, der Schläferin.

War sie dein?

SATAN.

Du bist mein.

MERLIN.

Ich bin deiner und ihrer.

Deiner im Wissen, vielleicht im Wähnen,

Ihrer im Gebet, in Demut und Tränen!

Du bist der Sterblichkeit mächt'ger Regierer,

Aber du redest zu dem Ebenbürt'gen,

Dämon, mußt du den Dämon würd'gen.

Wie im Aug' erst auflebt des Malers Tuch,

Wie der Schriftzug im tiefsinnigen Buch

Von dem Lesenden seine Seele gewinnt,

Hab' ich, unglückliches Doppelkind,

Mich erst gewonnen im Schoße der Armen,

Und Merlin ist des Satan Sohn

In der Gnade der Mutter durch Gottes Erbarmen.

Deine Beute, sie ist dir entflohn,

Und über dein verfehltes Wagen

Hast du dich nur bei dir zu beklagen.

SATAN.

Vielmehr deinen Stolz, ich muß ihn preisen,

Er bewegt sich denn doch in meinen Kreisen,

Dieser Worte kraftstrotzendes Wehen

Zeigt mir; wir werden uns wohl verstehen.

MERLIN.

Gerechtigkeit werde dir gerne gezollt.

SATAN.

Und hab' ich denn jemals schon mehr gewollt?

Dich lock' ich weder mit Macht noch mit Gold,

Dir öffn' ich nicht der ew'gen Jugend Bronnen,

Dir bring' aus Assurs Königsgräberwüstenei,[602]

Aus Babels Schutt ich nicht die alte Kron' herbei,

Dir biet' ich nicht gestürzter Götter Wonnen,

Dich führ' ich nicht, weil ich dich ganz versteh',

Wie Jenen auf des Berges Höh'.

MERLIN.

Es freut mich, daß du männlich mit mir sprichst,

Verschiedne Frucht von manchem Stamm nicht brichst.

Dergleichen Schüssel, sauer, süß und bunt,

Ist nur für eines Klingsor Mund.

Ein jeder hat, was er gebraucht,

Und ich besitze, was mir taugt.

SATAN.

Drum sollst du mir mein heil'ges Recht verschaffen,

An deine Tugend wend' ich mich!

MERLIN.

Wer stört in deinem Rechte dich?

Was kümmert dich der Wahn der Laffen?

Du bist der Demiurgos, Schöpfer; wir erkennen,

Wir Wissenden dich an, und deinen Namen nennen

Wir achtungsvoll.

SATAN.

Der Wen'gen Achtung mir genügen soll?

MERLIN.

Es steht ja alles, wie du es gebildet.

SATAN.

Nein, es verwittert, es verwildert.

Am Anfang, da er in sich aufgelebet,

Und an dem eignen Strahl die Kraft entbrannte,

An seinem Blick das Auge sich erkannte

Hat in des Abgrunds Tiefen er gebetet.

Und zitternd setzt' er ein des Chaos Schichtung,

Die tote, dumme, farbenlose Masse,

Das Öde, Trübe, Finstre, Nebelnasse,[603]

Als eine Schranke gegen die Vernichtung,

Daß leblos den Despoten sie umwalle!

Ich aber schwang mich auf des Sturms Gefieder

Voll brünst'gem Mitleid zur Verworfnen nieder;

Das ist die Wahrheit von der Engel Falle!

Und schied der Erde Feste von dem Himmel,

Schied Helle, Finsternis, und Land und Fluten,

Entzündete der obern Lichter Gluten,

Weckt' auf der Kreaturen Vollgewimmel.

Da stand's und regte sich, wie meine Liebe

Sein kleines Leben jeglichem gegönnet,

Es springt, rennt, jauchzt und seine Speis' erkennet

Jedwedes nach dem eingesenkten Triebe.

Vollendet war's am sechsten Tag, da ging ich,

Den Duft der Schöpfung schlürfend, durch den Garten,

Und von der jungen Herde tausend Arten

Den unschuldsvollen Säuglingsdank empfing ich.

Kennst du Vollkommneres, als mein Gebäude?

Ein stet'res Gleichmaß du von Blühn und Sterben?

Den reinem Tausch von Zeugen und Verderben?

Kennst du in zärt'rer Mischung Schmerz und Freude?

Kennst du notwendigere Notwendigkeit?

Kennst du den rundern Kreis geschlossner Pflichten?

Kennst du der Schuld gerechteres Zernichten?

Kennst du die treuere Beständigkeit?

Den Reichen straft, wornach ihn heiß gelüstet,

Es siegt der Held durch Überkraft und sinket,

Der König, gleich den andern, Lethe trinket,

Das Volk bleibt in dem Dunkel, unverwüstet.

Er aber grollte drei Jahrtausende,

Und zornig, daß mein Herz zum Sein entflammet,

Was kalt zu ew'gem Schlummer er verdammet,

Goß er die Gärung aus, die brausende.

Seit er auf Golgatha geächzt, gezittert,

Durchschleicht der Wurm des großen Baumes Früchte,

Löst auf die Pest das Innerlichstgefügte,

Ist mein unsterblich Wohlsein mir verbittert.

Denn meiner Menschen Augen sind die Becher,[604]

Zu denen alles, was da lebt und webet,

Sich zu erfrischen, durst'ge Lippen hebet,

Dahin verwies ich alle meine Zecher.

Er, der Entsetzlich-Unergründliche,

Umschleierte die holden, frohen Blicke,

Und trieb die Armen mit der feinsten Tücke

Ins Wesenlos', ins Unausfindliche.

Wozu der Gaumen, darf er sich nicht letzen?

Wozu ein Ohr in der Verstummung Fasten?

Was nützen Hand und Fuß bei trägem Rasten?

Was frommt ein Aug', das Farben nicht ergötzen?

Mit Sinnen, Nerven, Blut und Geist durchschüttet,

Bemühn sie sich, die Gaben zu verachten;

O greuelvoll selbstmörderisches Trachten!

O Wut, die ihres Ursprungs Quell zerrüttet!

Sind sie, von leerer Sehnsucht übermeistert,

Nur erst zerfallen an den eitlen Sorgen,

Zerfällt der Lenz, Herbst, Sommer, Abend, Morgen,

Von keines Menschen Lobe mehr begeistert;

Stumpft sich der Winkel meiner Signatur,

Und wie der Kalk sich an der Luft zerreibt,

Und vom Kristall nur Feuchtigkeit verbleibt,

Zergeht in Todesschmerzen die Natur.

Dann hat er, was er will, besitzt, was mein,

Und mit dem Chaos ist er dann allein.

MERLIN.

Aufrichtig sagtest du, was dir bekannt,

Und deinen Gram, ich kann ihn mitempfinden.

Indessen ist dies Leid bald abgewandt,

Und die Bekümmernis soll schwinden.

Wenn dir vor deiner Welt Vernichtung graut,

Weil er, als du damit zustand gekommen,

Sie zärtlich in den Arm genommen,

Und auf die Lippen der geschmückten Braut

Den Kuß gehauchet, welcher Christus heißt,

So wiss', allmächtiger und doch befangner Geist;

Nun lebt sie erst und welket nie![605]

Eröffnet euch, ihr Himmel! Sieh!


Er reckt den Arm aus. Die Wolken teilen sich. Es erscheint die Herrlichkeit des Himmels.


SATAN.

Was tust du? Wehe dir und mir!

Ich erblinde!

MERLIN.

Finde

Dich wieder! Denke des Tags, da, gefaltet

In seinen Strahlen, ein spielender Blitz du gewaltet!

Trage das Gesicht! Ich ertrag' es.

SATAN.

O Adonai!

MERLIN.

Was siehst du? Sag' es.

SATAN.

Martrer! Mich selbst ... Alles ... Ist's Wesen ...

Ist's ein Spiegel? ... Ich kann nicht lesen,

Ob's sein? Ob es mein? Laß ab, mich zu pein'gen!

MERLIN.

Du bist es selber mit allem Dein'gen. –

Sieh nun, ob du aus dir geboren,

Des du vor mir dich hoch vermessen,

Du kamst ja nur von ihm, und warst der Diener dessen,

Der dich zum Werke günstig auserkoren.

Denn weil in seiner überschwell'nden Güte

Er sich nicht einsam mochte nur genießen,

Drum ließ er aus dem göttlichen Gemüte

In dir den Funken seiner Allmacht sprießen,

Und was in seinem Reichtum ewig fertig,

Des wollt' er sein aus dürft'ger Hand gewärtig.

Es werde das Geheimnis nicht verletzet

Durch rohen Laut! Nur eines noch:

Er hat in dir sich als den Haß gesetzet,[606]

Weil überschwänglich ihn die Liebe zog;

Frei ließ er schalten dich in seiner Habe,

Damit, was außer ihm, das volle Leben habe.

Blick hin! Du hast der Tage sechs gebraucht,

Dann drei Jahrtausende, dir's zu bewahren;

Ihm hat die kürzere Frist getaugt,

Sieh die Dinge in ihm, wie sie sind und waren.

Sieh alles nacheinander und zugleich!

Vor und zurück, in Zwietracht, ausgeglichen,

Schwermut und Heiterkeit im Friedensreich,

Und die Vergangenheit, die nicht verstrichen!

Vollendet sieh's, sobald er's nur gedacht,

Die Ernte sieh verschwistert mit den Lenzen,

Sieh seinen Sonnentag, zugleich die große Nacht,

Drin des Orion Gürtelsterne glänzen!

Sieh dort die Gaben von der Erde Tische,

Auf goldnen Matten rein und klar gebreitet,

Den Winter sieh, der mit des Nordens Frisch

Der jüngsten Blüte keinen Tod bereitet!

Sieh, wie die Wogen sich im Sturme wälzen

Und als gelindes öl das Ufer streicheln,

Sieh aus dem grausten Stamm, dem starrsten Felsen

Hervor die Seele sanftverschämt sich schmeicheln!

Sieh hin! Denn ach, ich stammle nur,

Und meine Rede klingt wie Spott.

Sieh, mächt'ger Gott in der Natur,

Sieh droben die Natur in Gott!


Die Vision verschwindet.


SATAN.

Laß mich von hinnen!

MERLIN.

Mich zu gewinnen,

Wirst du nun wohl nicht ferner dich mühen,

Trunken von solcher Gesichte Glühen,

Des Ursprünglichen armer Knecht,

Miss' ich den Sinn für geliehenes Recht

Wie des Silbers vererzte Zacken[607]

In des Herdes zehrender Loh',

Wenn vom Geschicke sich scheiden die Schlacken,

Wunder strahlen in Farben froh;

So erfaßte die Welt ein Feuer,

Innigen Frühlinges Liebesglück!

Täler und Berge strahlen, neuer,

Wieder den herrlichen Silberblick!

Diesen zu fesseln, zu hegen, zu fest'gen,

Zeugtest du mich, nach seinem Beschluß;

Wolle mich drum nicht ferner beläst'gen,

Denn ich vollbringe nur, was ich muß.

SATAN.

Daß ich mich nicht mit Vergebnem betöre,

Darf ich nicht erst versichern dir.

MERLIN.

Nicht mich zu hemmen, gelobe.

SATAN.

Ich schwöre:

Sicher bist du, Merlin, vor mir!


Er verschwindet. Merlin wirft sich unter dem Sternenhimmel zum Gebete nieder.


Die Wiese von Kardweil.


KÖNIG ARTUS zu Kay, der vor ihm steht.

Und so vergib mir, Freund und Vetter,

Daß ich durch Wind und böses Wetter

Nach einem Unding dich gejagt.

Es war ein Scherz! Des Königs Scherzen

Vermag den Ruf nicht anzuschwärzen,

Da niemand nachzuscherzen wagt.

Vergiß das Kind nun ohne Namen,

Zu den bekannten Freuden setz' dich nieder,[608]

Und da des Festes Stunden kamen,

Sei du ein Gast der runden Tafel wieder!

KAY in tiefen Gedanken.

»Sollt' Zerduscht? ... Nein!

Er schwor mir, daß sie nie gewesen sein.«

Zerduscht? Ja freilich, wenn der es geschworen hat!

Nein, der lügt nicht. Zerduscht! Es ist um zu

verzweifeln. Warum nicht Zoroaster? Zerduscht! O! ...

ARTUS.

Wie? Mann! Mit offnem Aug' er träumt.

Sein armes Hirn ist ausgeräumt,

Alles, was er spricht, klingt wie verrückt,

Hätt' ich ihn doch nicht fortgeschickt!

Besinn' dich! Erkenne die Matte, die grüne,

Den Klee, die Rosen, den frischen Hain,

Erkenn' deine Freunde, die Paladine,

Sieh der Zelte, der Fahnen buntflimmernden Schein!

Ei, soll'n wir in Zukunft deiner Taten

Und hochverständigen Reden entraten?

KAY.

»Wenn dir's nicht Lüfte zugetragen haben,

So lebt ein Größerer, als Klingsor.«

Lüfte? – Je nun! ... Übrigens ganz vortrefflich gesagt.

In solchen Sachen da ist er immer Er! Lüfte! Pfui!


Er spuckt aus.


ARTUS.

Den hat ein toller Hund gebissen.

KAY.

Der größte Schatz ist ein gut Gewissen.

Urlaub zu gehen also hab' ich, Fürst?

ARTUS.

Ich gab ihn nicht. Sag, wo du hausen wirst?[609]

KAY.

Bei Kohl und Rüben, in des Landes Stille.

ARTUS.

Was treibst du dort?

KAY.

Feldbau und Weltweisheit.

ARTUS.

Geschehe, weil du es verlangst, dein Wille.

Doch kehre bald zurück, gescheit.

KAY. Es geht sonderbar zu unterm Mond. Die Jungfern hatten Kinder, aber die Kinder hatten Väter. Er hat sich schlafen gelegt unter dem Walnußbaum ohne Gold, und ist aufgewacht mit Gold. Man hat es für eine Allegorie gehalten, eine Brausche ist gerannt worden, und man ist bei Sinnen geblieben. Wir sind gegangen nach Castel Merveil, Klingsor hat sich entsetzt, und in der Schrift sind die Anschläge zum Babylonischen Turmbau geschrieben worden.

ARTUS. Schweig! Diese Narrheit macht mich ganz beklommen.

KAY.

»Das Kind, das ohne Vater ist, wird kommen.«


Er entfernt sich. Minstrel tritt zu Artus.


MINSTREL.

Warum, du Sohn des Uter, tatst du das?

Dem Knechte nur geziemt ein seichter Spaß.

ARTUS.

Ha, grauer Fiedler, redest du im Trunke?

Bei jener Feuernacht und ihrem Stern,

Als Uter schwelgt' im Schoß der Yguern',

Es glimmt von ihr in meinem Blut ein Funke![610]

MINSTREL.

Daß Artus einen Sänger ausgeschmält,

Sie glauben's nicht, wenn es die Sag' erzählt.

ARTUS.

Geh! Du hast recht, denn du bist ich.

Durch deinen Mund zürnt Artus auf sich,

Wozu ihn ruft der Saiten Klingen,

Das muß er alsobald vollbringen;

Was er getan, wie er's vollbracht,

Des treuen Harfners Harfe sagt.

MINSTREL singt.

»Auf jenem Pfingstfest zu Kardweil

Gab's ein Turnei der Tafelrunde.« ...

ARTUS.

Da saßen in den Bügeln steil

Die ersten Helden zu jeglicher Stunde.

Laß mich die Romanze zu Ende beichten

Und sprich mich los in Reimen, leichten.

Du hast's gesehn. Dein rein Gemüte

Trank stillen Entzückens sich daran voll,

Wie der Ritter, der Fraun unvergleichliche Blüte

Aus des Frühlings lieblicher Knospe quoll.

Der freudige, schmetternde Lanzentyost!

Und die silbernen Greise, sich verjüngend!

Die kreisenden, schäumenden Becher voll Most,

Und die Knaben, der Siegenden Wappen schwingend!

Doch in der Minne holdreizender Frone

Geschäftig die zärtlichen Busen, so weiß!

Kön'gin Ginevra auf samtenem Throne,

Kön'gin der Schönheit in solchem Kreis!

Und aus der Äste belaubtem Schrein,

Angezogen vom fröhlichen Schall,

Lauschend, flötend das Waldvögelein,

Die süße, selige Nachtigall![611]

MINSTREL.

»Der Ritter und die Dame lacht,

Im Aug' des Königs stand die Träne« ...

ARTUS.

Hat dir's die Ahnung kund gemacht?

Wischt' ich doch still vom Aug' die Träne! –

Von Lust und Pracht umfangen,

Fühlt' ich urplötzlich ein erschrecklich Bangen.

Mir war, als ob der Tod vom fahlen Rosse,

Der Hunger, um den Leib geschnürt den Strick,

Die Seuche mit dem giftigen Geschosse,

Verzweiflung mit dem stillen Nageblick,

Nach meinen Helden, Frauen, griffen, zielten,

Weil sie so hoch, so adelig sich hielten!

MINSTREL.

»Da ging der König zu Klingsor,

Der seitwärts saß und spöttisch greinte« ...

ARTUS.

Und trug ihm seine Nöte vor,

Und Klingsor sah, daß Artus weinte.

Er sprach: »Dies ist, Klingsor, die Not,

Ich furcht' der Massoney Verderben.

Schirmt diese Herrlichkeit mein Tod,

So will der König für sie sterben.«

Versetzt Klingsor aus Ungerland:

»Endlich sucht Ihr den alten Rater,

Das Mittel ist mir wohlbekannt,

Schickt nach dem Kinde ohne Vater!

Denn dieses vaterlose Kind,

Trefft anders Ihr das echt' und rechte,

Das bringt, ich schwör's bei Well' und Wind,

Den Segen Euch der Himmelsmächte.«

Da ward dem König glühend heiß;

Er schämt' sich seiner weichen Schwäche,

Und in den Mantel kichert leis[612]

Der alte Tückebold, der freche.

MINSTREL.

Der König, statt verachtend ihn

Zu lassen seinem finstern Wesen,

Beschloß, zur Strafe ihn zu ziehn,

Und hat den Narrn zur Rach' erlesen.

Er schickt den Narren über Feld

Mit Klingsors tollem, höhn'schen Worte,

»Der Unsinn wandre durch die Welt

Dem alten Zauberer zum Torte!«

Denn alle Gimpel werden bald

Castel Merveil besuchen gehen,

Um dumm und plump, und dreist und kalt

Des Spruches Lösung zu erflehen.

ARTUS.

Der arme Narr verlor den Sinn,

Das, Minstrel, hat Artus verbrochen!

MINSTREL.

Geschehn, geschehn! Und hin ist hin!

Nun bist in Reimen losgesprochen.


Tafelrunde.


DER SENESCHAL.

Im Glanz der Pavillone

Ihr Paladine, Stein' in Artus Krone,

Muß ich auf unsres Mahles Freudenpflichten

Berühmte Ritter, eure Geister richten?

Die Tafel, weises Wort und Scherz gebärend,

Schweigt heute trüb. Was naht' ihr, sie versehrend?

GAWEIN.

Ich denke nach, wie viele[613]

Verhängnis hinwarf niedrer Schmach zum Spiele!

Und weil ich meine, daß dem Mann die Ehre

So nötig tue, wie das Erz dem Speere,

Die Luft der Brust, und Speis' und Trank dem Leibe,

Als wie dem Priester Andacht, Scham dem Weibe,

So bin ich tief betrübet,

Weil es, die Ehre missen, leider gibet.

GAREIS.

Ich denke nach, wie viele

Vor uns gelangten zu der Ehre Ziele!

Und weil der ganze Schatz der hohen Ehre,

Der unberührte, nur genügend wäre,

Um eines Mannes heil'gen Durst zu stillen,

Den Abgrund, der in uns erlechzt, zu füllen,

So bin ich tief betrübet

Ob jener, die am Schatze Raub geübet!

EREK.

Ich denke nach, wie viele

Im Meer der Ehre fahren mit dem Kiele

Der scheußlichen, höchst mißgeschaffen Schande.

Denn was ist Ehr', als Widerschein vom Brande,

Den das Gewissen in uns angeschüret?

Wurmfräß'ge Frucht, nach außen rot gezieret?

Drum bin ich tief betrübet,

Weil der, so Ehre sucht, nur Schande übet.

GAWEIN.

Schande die Ehr'! Ein wunderbarer Satz.

GAREIS.

Er schwor jüngst auf dem Ringelrenneplatz,

Er wolle nicht zwei Worte sprechen,

Wie wir.

ARTUS.

Und sein Gelübd' er halt.[614]

EREK.

Mein Fürst, ich kam mit Runzeln auf die Welt.

ARTUS.

Und zogst der Mutter Busen ein Gesicht,

Du wachtst bei Nacht und schliefst am Tageslicht,

Wolltst auf dem Kopfe gehn; weil's nicht gelang,

So schriest du, wie man sagt, sechs Wochen lang.

Vor Zuckerdüten schaudernd, griffst du fröhlich

Nach Birkenreis und warst, geschlagen, selig.

Du fastest hier, und iß'st allein dich satt,

Und wenn wir tanzen, schleichst du traurig, matt.

Jüngst, als in dir sich Minnelust entsponnen,

Hast du mit Schelten deinen Dienst begonnen.

Den Mantel trägst du von verkehrtem Zeuch,

Du jagst im Weih'r und fischest im Gesträuch!

EREK.

Weißt du, was gleich die Trauer von mir nähme?

ARTUS.

Nun?

EREK.

Wenn der Samstag nach dem Sonntag käme!

Dann lebte man vom Winter in den Herbst hinein,

Den Sommer durch, und stürb' im Frühlingsschein.

GAWEIN.

Ein Platz ist ledig an des Artus Hofe,

Beruf ihn, König, auf des Kay Stelle.

EREK.

Und setz' ihm Gawein, als die muntre Schelle

Ans bunte Kleid. So kommt zum Schluß die Strophe

Des witz'gen Freundes.

ARTUS.

Erek, 's ist unmöglich.[615]

Denn Gawein und die andren sind verpflichtet

Zum Heereszuge wider die Siluren,

Die mir drei Banner mörderisch vernichtet.

EREK.

Gottlob! Dann tumml' ich bald auf Kampfesfluren!

ARTUS.

Erek, du bleibst.

EREK.

Wie Herr? Dies war' zu kläglich.

Du wolltest von der Massoney mich scheiden?

GAREIS.

Bleib du dem König, wenn wir andren fallen!

EREK.

Auch mich um Ehre, Gareis, zu beneiden!

Das schmerzt den armen Erek!

GAWEIN.

Ich schwör': Wir beiden

Hoch halten wir dich, gleich den andern allen.

Und, sei's gesagt: uns mindre Männer mag

Der Tod ereilen und der letzte Tag,

Wenn du, der erste, best' uns überlebst.

EREK.

Sofern du wieder deinen Spruch anhebst,

Gawein, von denen, so die Schande schilt,

Ich weiß dann, wem es gilt.

Hier ist mein Schwert, zieht mir ein Schleppkleid an,

Legt mir die Kunkel in die Hände,

Vergabt den Ehrensitz, den ich gewann,

Mir ging die schöne Brüderschaft zu Ende!

ARTUS.

Das reine Eisen ziemt der tapfern Hüfte,[616]

Behalte du's!

Du sollst, wenn von dem Buhurt schall'n die Lüfte,

Damit noch bieten manchen wackern Gruß.

Mich tat der Übermut verleiten,

Unschuld'gen Truges Schleier auszuspreiten.

Denn mit den Siluren hat's nicht not,

Sie sandten mir heute Zins und Bürgen,

Von innrem Zwist und wildem Würgen

Entkräftet, folgen sie meinem Gebot.

Zu scherzen liebt die mutige Freude,

In des Streites Verwirrung lächelt die Kraft;

Die Massoney ist das feste Gebäude,

Ich seh's, der liebenden Heldenschaft.

Sei du, mein Erek, nun bekehrt

Zu einem milderen Urteilsfällen;

Denn linkisch in allem und verkehrt,

Trägst du doch das Schwert an der rechten Stellen.

EREK.

Das heißt: Zur Linken, Herr! – Links ist hier recht,

Wie Leben Tod, wie Liebe zu Leid ausschlägt.

ARTUS.

Ei, unsre Tage sind ein holder Schwank!

EREK.

Den Satan plaudert, wird die Zeit ihm lang.

ARTUS.

Von dieser nicht'gen Schmerzen Wutgedränge

Ward auch mein Aug' sonst trüb, mein Busen enge.

Ich konnte nicht das Rot der Rose schaun,

Die roten Lippen nicht holdsel'ger Fraun,

Ich dacht' an Wund' und Blut, es macht' mir Graun.

Laß fahren hin! – Wie auch die Schreckniss' streiten,

Sie lagen friedlich unter goldnen Saiten.

Auf, Minstrel, bring im Bett des süßen Tons

Zur Ruh die Qual, die Angst des Erdensohns![617]

MINSTREL.

Einst hört' in salva terra Perillus süß Getön,

Es klang nicht von der Erde, klang aus des Himmels Höhn.

Es waren keine Worte, die man verstehen kunnt';

Perillus ward schwermütig seit dieser selben Stund.

Er ließ die Kund' im Sterben dem Erben Titurison,

Der schaukelt' auf den Knieen den lieben kleinen Sohn.

Von dem der Vater hatte geträumt in led'gen Tagen,

Er werd' im Paradiese dereinst die Krone tragen.

Und als der kleine Titurel den Vater sprechen hört'

Vom Klang in salva terra, da ward sein Sinn verstört.

Er sprang mit beiden Füßen von Vaters Knieen auf,

Und nahm durch alle Lande den sehnsuchtsvollen Lauf.

Er horchte, ob das Klingen nicht wieder schöll' etwan,

Und da es nimmer schallen wollt', hub er zu seufzen an.

Sein Knabenwämschen hatte verwachsen Titurel,

Suchend durchschweift die Erde der reis'ge Junggesell.

Gefurchet und gebräunet die Jünglingswangen hell,

Suchend durchschweift die Erde der alternde Titurel.

Mit Runzeln auf der Stirne, das dünne Haar schneeweiß,

In einer Wüste nieder verzweifelnd sank der Greis.

Da schwebeten vom Himmel vier Engel silberklar

Und trugen in den Händen den Kelch, den heil'gen dar.

Nun klang das süße Tönen, so einst der Ahn vernommen,

Nach welchem ausgegangen des Enkels Fuß', die frommen.

Und an dem Kelche flammte die Schrift, ein Feuermal,

Also gebot durch seine Glut der dreimal hehre Gral:

»Ich will in dir, o Titurel, den Pfleger mein erkennen,

Du sollst den Tempel bauen mir, und Montsalvatsch ihn nennen.«

Spricht Titurel, der zitternde: »Wie mag die Form ich wissen?«

Da liegt die Platt' zu Füßen ihm, worauf der Plan gerissen.

Nun ward erhöht der Wunderbau auf einem dunkeln Onyxstein,

Hoch in der Kuppel schwebete des Grales blut'ger Schein.

In Feuerschrift am Kelch erscheint der Ratschluß seiner Macht,[618]

Der Schein weist die Templeisen zurecht in düstrer Nacht.

Es ist ein hochgegründetes, geheimnisreiches Haus,

Und Manns- und Fraungestalten gehn sinnend ein und aus. –

Nun hör, du edler Artushof, noch manches schöne Wunder

Von Parzifal, der König ist auf Montsalvatsch jetzunder.

Held Parzifal, Herzelaudens Sohn ...


Der König steht auf.


ARTUS.

Fackeln! Leuchtet mir!


Er geht.

Die Tafelrunde erhebt sich.


DIE RITTER.

Was ist dem König?

GAWEIN zum Minstrel.

Ihr Sänger singt stets zu viel oder zu wenig!

Weißt du nicht, daß dies Lied vom Gral

Dem Artus zeugt Qual?

Geheimer Zauber ist dran geknüpft,

Der vergiftend ins ruhige Blut ihm schlüpft,

Es klingt ihm, wie das Gekreisch der Alrunen!

Wir schweigen drum von Titurel,

Von Parzifal, Herzelauden, Sigunen.

GAREIS.

Durch die Lüfte reiten die Geister schnell,

Und berühren der Menschen Stirne,

Dann schäumt es mondsüchtig im Hirne!

Ein solcher tückischer Kobold

Hat uns heute den Besuch gezollt,

Und kehrte des Mahles Lust in Verdruß.

GAWEIN.

Wo war' ohne Frauen und Minne Genuß?

Uns fehlte die schöne Königin,

Sie ging zu der Schwester, zur Niniane.[619]

Minne heißt die Dankausspenderin,

Minne heißt das Zeichen in des Ritters Fahne!

EREK.

Lasset das Grübeln!

GAWEIN.

Grübler, du schmählst?

GAREIS.

Weil er's nicht selber tut.

EREK.

Gareis, du fehlst.

Heute noch, heute den Wein geschlürft,

Solang ihr es könnt, solang ihr es dürft!

GAWEIN.

Komm nur! Er bleibt vom alten Schlag.

EREK.

Lacht immerhin! Lacht mich aus! 's ist der letzte Tag

Des Lachens heute!

GAWEIN.

Erek! wieso?

EREK.

Fragt nicht! Sinnt nicht! Brüder, seid froh!

GAREIS.

Du mahntest zur Freude mit 'nem Totengesicht.

Bist du krank?


Sie gehn zur Tafel.


MINSTREL.

Mein Gedicht,

Sie haben dein zartes Gewebe zerstört,

Da flattern im Winde die Fäden!

Versuchen wir zu reden[620]

Mit uns selber, da niemand zu hören begehrt!

Held Parzifal, Herzelaudens Sohn, kam früh zum hehren Gral,

Und die Zeichen standen dichtgedrängt, rings an der Wand im Saal.

Er sah sie an, und sah sie nicht, er hörte schluchzen und weinen,

Und die Männer und Frauen schauten bang nach ihm, und er fragte keinen.

Hätt' er nach des Leides Grund gefragt, sie hätten ihm gehuldiget trunken;

Stumm schied er von dannen, kronenlos, und sie blieben in Leid versunken.

Das Weltgeheimnis ist nirgendwo; es ist nicht hier und nicht dorten,

Es schaukelt sich wie ein unschuldiges Kind in des Sängers blühenden Worten.


Rosengarten der Königin.


Artus. Ginevra.


ARTUS.

Frau Königin, sei mir gegrüßt!

Die Abendsonne geht noch milde

Auf nach dem Tage, irr und wüst,

In deinem friedesel'gen Bilde.

Entferne dich, Ginevra, nie

Von unsrer Tafel, meinem Zelt,

Denn Frauenreiz und Courtoisie

Die sind das goldne Band der Welt,

Es hadern wildempört die Glieder,

Schwingt Schönheit nicht ihr sanft Gefieder.

GINEVRA.

Die Schönheit darf nicht feiern immer,[621]

Sie zieht erobernd durch das Land,

Ich habe deines Heldenkranzes Schimmer

Den neuen Stern, o Artus, zugewandt.

ARTUS.

Sprachst du die Schwester?

GINEVRA.

Nein, du kennst

Ja selber wohl ihr wunderlich Bezeigen.

Sie hält sich neckischfrei und seltsam eigen,

Und schweift dahin, daher, ein hold Gespenst.

Ich ging nach ihr, mich an ihr Herz zu schmiegen,

Der Mutter Aug' in ihrem zu erblicken;

Sie schüttelte das Haupt mit losen Tücken,

Den leichten Fuß sah ich von dannen fliegen.

Bald hätte mich die fromme Schwestertreu

In Schmach gestürzt.

ARTUS.

Dein Blick irrt froh und scheu.

Ist's Freud', ist's Bangnis, was den Busen hebt?

Was macht dich froh? Wovor bist du erbebt?

GINEVRA.

Ich hab', o Herr, ja Schrecken nur erlebt. –

Heim schritt ich durch den Wald von Dioflee,

Da stand vermummt vom Kopfe bis zur Zeh'

Auf finstrem Kreuzweg eine Ungestalt,

So klein sie war, ich ward vor Schauder kalt.

Sie murmelt vor sich hin den Zaubersegen;

Ich wollt' entfliehn, und konnte mich nicht regen!

Wie ich, sind die Begleiter festgebannt,

Der Böse naht, und reckt nach mir die Hand.

Da, glänzend wie Sankt Michael vom Himmel,

Sprengt durch den Forst auf leuchtendem Schimmel

Der junge hohe Held daher,

Er trifft den Feind mit seinem Degen schwer.

Er schlägt verächtlich nur mit flachen Streichen![622]

Der Arge muß dennoch entweichen.

Und als er flüchtend Kapp' und Kleid verlor,

Erkannt' ich ...

ARTUS.

Wen?

GINEVRA.

Den Zwergen des Klingsor.

ARTUS.

Das ist nicht möglich!

GINEVRA.

Hätt' ich mich geirrt!

ARTUS.

Du hast's, von Angst das Aug' umflirrt.

Castel Merveil birgt Dinge, schädlich,

Doch ist der Alt' in seiner Weise redlich.

Er mag mich höhnen, mich verfolgen, hassen,

Wird den gemeinen Knecht nicht schalten lassen.

Wo weilt dein Retter?

GINEVRA.

Er harrt in Züchten.

ARTUS.

Was ist's für ein Mann?

GINEVRA.

Du mußt ihn sehn.

ARTUS.

Weiß er, wem er erwiesen des Schwertes Pflichten?

GINEVRA.

Er schwieg, ich schwieg. So ist es geschehn.


Die Ritter der Tafelrunde treten ein.
[623]

ARTUS.

Hier kommen die unsern zur guten Nacht.

Führ' einer den fremden Helfer herein,

Ich hoffe, sein Wappen ist echt und rein.


Lanzelot vom See tritt ein.


LANZELOT beugt das Knie vor dem Könige.

Preis sei des Artus heiliger Macht!

ARTUS.

Wie heißest, wunderbarer Jüngling, du?

LANZELOT.

Ich nenne mich den Lanzelot vom See.

DIE RITTER in freudiger Bewegung.

Lanzelot! Lanzelot!

LANZELOT.

Stört dieser Name würd'ger Helden Ruh?

DIE RITTER.

Heil dir, Lanzelot!

ARTUS.

Faß ihre Regung! Ihren Ruf versteh!

Sie zittern vor Freude, umarme die Werten!

Umarme mich, ersehnter Paladin!

Nun ward meiner Krone der Demant verliehn,

Unsre Wünsche fanden den höchsten Gefährten.

Das Land des Ruhmes war gespaltet,

Und diente einem doppelten Gebot;

Die eine Hälfte haben wir verwaltet,

Die andre Lanzelot.

LANZELOT.

Mein König, du beschämst mich tief

Ich bin ein Rittersmann, gleich andern.

Der Zufall wollte, daß auf meinem Wandern

Manch Abenteuer mich berief,[624]

Und daß dabei, in Feld- und Waldesschranken

Lalagandries, Lymer und Iwerett sanken.

ARTUS.

Auf jede Brücke, jeden Steg

Sandt' ich die Boten, dich zu gewinnen.

LANZELOT.

Ich trug, zu kommen, längst in meinen Sinnen,

Doch immer gab's zu tun noch auf dem Weg.

Jetzt bin ich, wo ich weilen soll,

Sei es geschehn zur guten Stunde!

ARTUS.

Der Zwölf t' ist da! Mein Tisch ward voll,

Und nun beschließ' ich unsre Tafelrunde.

Den wir gesucht, das Schicksal führt ihn her.

LANZELOT.

Jawohl, ein göttlich Schicksal führt mich her!

ARTUS.

Wie dacht' ich drauf, dir zu vergelten

Den Dienst, den du uns unbekannt erwiesen!

Doch welche Gunst belohnet diesen,

Groß wie sein Nam', wie seine Tugend selten?

LANZELOT.

Artus, ich hab' ein ernstliches Begehr.

ARTUS.

Fordre mein Reich! Ich lobe dir Gewähr.

LANZELOT.

Es ist um Land und Schätze nicht gemeint,

Gefesselt steh' ich hier, leibeigen, Sklave.

So bitt' ich, daß ich auf die gleiche Strafe

Verklagen dürfe meinen holden Feind.[625]

Er traf mich, lahmte mich mit seinen Pfeilen,

Soll ihn nicht Buß' um solche Schuld ereilen?

Ich bitte König Uters hohen Erben,

Daß ich in adeliger Zucht und Sitte,

Mit keuschem Dienste, mit erlaubter Bitte

Um dieser Dame Minne dürfe werben.


Er verneigt sich vor Ginevren.


DIE RITTER.

Weh' dir, Lanzelot!

GINEVRA.

Wehe mir!

ARTUS.

Du wirbst um deines Königs Frau.

LANZELOT.

So mußt' es sein! Mein Los bleibt sich getreu!

Ein ausgestoßner Fündling, kenn' ich keinen

Der beiden Eltern, führ' ein irrend Leben;

Den Feinden hab' ich Schutz und Schirm gegeben

(Ich kannt' sie nicht), und Freunde macht' ich weinen!

Des ungeheuren Iw'rett Überwinder,

Bewältigt mich Mabüs', der blöde Sünder,

Und daß sich diese Trauermäre kröne,

Verirrt die Liebe sich, die reine, schöne,

Das einzigste, das herrlichste Begegnen,

Und Frevel zeugt ihr himmelmildes Segnen!

ARTUS zu den Rittern.

Ich ford'r euch auf, den seltnen Fall zu schlichten.


Die Ritter schweigen.


Ginevra, du?


Ginevra wendet sich ab.


Wie? Bleib' ich ohne Rat?

So magst du selber, Lanzelot, dich richten!

LANZELOT.

Vergiß, mein Herr, was ich erbat. –[626]

Ab nun scheidet Lanz'lot vom See

Aus der Menschen Mitte,

Und in dem Walde von Dioflee

Baut er die Hütte.

Dort verscharrt er Panzer und Schwert

In die Erde leise,

Singt, aus dem Psalmenbuche belehrt,

Klägliche Weise!

Nahrung gräbt sich die dunkle Gestalt,

Wo die Kräuter sprießen;

Ihr sollt, zieht ihr tyostend zu Wald,

Nimmer sie grüßen.

Raum in dem Walde begehr' ich von dir,

Fürst dieser Scharen,

Königin, Teure, schenke du mir

Mein Gewand von Haaren!

ARTUS.

Die Lösung mißbehagt mir, junger Held.

LANZELOT.

Vielleicht, daß dir 'ne kürzere gefällt.

Du hättst mein Haupt gesehen nie,

Tat früher ich mein Lieb erkennen.

Das Haupt, verwirkt um Felonie,

Nimm's hin, und laß vom Rumpf es trennen.

ARTUS.

Noch wen'ger will mir dieser Spruch behagen.

LANZELOT.

So weiß ich nichts, mein König, mehr zu sagen.

Tod ist mein Los, da Fluch im Keim erdrückt,

Was mich so sehr entzückt!

Und gleich gilt mir es, wie ich ende.

Soll ich verschmachten im Klausnerrock?

Soll ich verbluten auf dem Block?

Ich geb's in deine Hände.[627]

ARTUS knüpft Ginevren den Schleier ab.

In meinen Händen liegt der Kön'gin Schleier.

Und da du selber sagst, du seist kein Freier,

Muß man dich kennen an der Knechtschaft Mal.


Er knüpft dem Lanzelot den Schleier als Schärpe um.


Trag' diese Bind' im Dienste deiner Wahl! –

Nach Fug und Recht und Brauch der Paladine

Gebar' dich, wage, dulde, wirb und diene!

Denn Schönheit ist das Licht der hohen Seelen,

In ihr bricht auf das Leben zum Gewinne,

Und keinem Tapfern soll die Blume fehlen

An seines Helmes Spang': die hehre Minne!

Die Schönheit ängstlich neidisch zu bewachen,

Geziemt nur eines Marke blödem Sinne.

Es höhnt die sorgenvolle Kunst des Schwachen

Die schlaue, tiefe, wilde, tapfre Minne!

Was hat der Schmerz zu tun mit meinem Amte?

König von meiner Tage Anbeginne,

Blieb' ich, ob Pein des Feuers in mir flammte,

Der höchste Schirmvogt ritterlicher Minne!

Und daß sie sich nicht selber arg zerstöre,

Stell' ich sie hiemit in die Hut der Ehre.


Er geht. Die Ritter folgen.

Lanzelot. Ginevra. Sie stehn weit voneinander.


LANZELOT.

Mit sieben Siegeln

Hat Salomo die Geister gebunden,

An stärkern Zügeln

Lieg' ich gebändigt und überwunden!

Nun folgt' ich wohl den Spuren

Der oft von mir verlachten Troubadouren,

Und spräche schwärmend,

Und ab mich härmend,

Zu Sternen, Felsen, Hügeln, Blumen, Quellen,

Weil meiner Liebe Wellen[628]

Im Wort des Königs starken Damm gefunden!

GINEVRA.

Der Frauen Blüte

Gleicht einem edlen, köstlichen Weine;

Hohen Manns Gemüte

Ist wie der tiefe Kelch, der glänzend reine.

Von seinem Gold umfangen,

Entfaltet erst der Wein das höchste Prangen.

Ach, wie so fröhlich,

So überselig

Ist einer Frauen stillbegnügte Liebe!

Der nichts zu wünschen bliebe,

Als ewiglich zu glühn in fremdem Scheine!

LANZELOT zu einer Staude gewendet.

Ich will, du schöne schlanke Winde,

Zu meiner Trauten dich erwählen,

Und mich mit dir, dem Frühlingskinde,

Vor Sehnsucht lechzend, hier vermählen.

Ich rühre deine weichen Ranken,

Als wären's zärtlich-runde Arme;

Mir ist, wenn deine Blätter schwanken,

Als ob ein Herz an mir erwarme.

Du streckst in tau'ge Finsternisse

Die Glocken aus, die purpurschweren,

Das sind die roten, süßen Küsse,

Die deine Lippen mir bescheren.

Laß alle Anmutgaben sprießen,

Die Minne je um Minne bot!

Das darf den König nicht verdrießen

Vom unglücksel'gen Lanzelot!

GINEVRA zu einem Baume gewendet.

Ich will an dich, du stolze Eiche

Heut abend meine Gunst verschenken,

In deine Krone send' ich weiche

Gefühle, und mein zärtstes Denken![629]

Die wildgezackten Blätter zittern

Vor ungeduldiger Bewegung,

Es brauset wie ein dumpf Gewittern,

Durch deiner Äste Abendregung.

Doch meine Seele, sich zerteilend,

Sich lösend in ein innig Sehnen,

Umfließe deine Wipfel heilend,

Ein Traum der Wehmut und der Tränen!

LANZELOT.

Was ist die Liebe, wenn in nicht'gen Bildern

Sie krank sich schwelgen muß,

Und wenn auf stillem Wege zum Genuß,

Die Wünsch' in irrer Schattenqual verwildern?

Wenn Täuschung so die Täuschung hetzte, triebe,

Was war', o grausam Glück, die Liebe dann?

GINEVRA.

Die Liebe!


Feld.


KLINGSOR mit Mantel und Stab.

Mich trägt der Zorn, das schnaubende Roß,

Auf Unruhwegen aus dem Schloß!

Ophiomorphos' Staub ist stumm,

Und draußen schweift der Gaukler um.

Denn Gaukler ist er, oder Tor,

Es lebt kein Größrer, als Klingsor!

Die Jungens, die gleich Fliegen mich umspüren,

Sie haben jene Schrift mir weggenascht,

Und er hat sie von einem dann erhascht.

So hängt's. Ich schließ' in Zukunft ganz die Türen.

Sie können nichts, als aus mich plündern,

Auch er ist einer von den Sündern.

Der alte Schnack vom Gral dem fronen,[630]

Der erst im Orient tat wohnen,

Und den ich für den Westen dann erfrischet,

Der wird von ihm jetzt aufgetischet,

Was ich erfand, damit will er belehren.

Vom Pöbel wallt's um ihn, vom närr'schen,

Jetzt strebt er zu Hof, um dort zu herrschen.

Ich aber will das Steu'r ihm kehren,

Hier prüf ich ihn, will ihn verstören.

Zwar ist das Menschenpack mir langst zuwider,

Doch sollen meine Spruch' und Lieder

Beherrschen sie, so lang' ich bin,

Dann fahr' der Kram ins Chaos hin!

Durch diesen neuen Götzen soll

Nicht werden er auf andre Weise toll;

Noch einmal wird sich Klingsor zeigen,

Dann birgt er sich im ew'gen Schweigen.

MERLIN tritt auf. Volk folgt ihm.

Ich bitt' euch, geht, und bleibt in euren Hütten.

Ihr lernt von eurer Väter frommen Sitten,

Von jedem Tag, in Arbeit hingebracht,

Mehr, als Merlin zu künden hat die Macht.


Das Volk geht ab.


KLINGSOR tritt zu ihm.

Du scheinst mir gar nicht in der Irre.

So wie die Schöne, die zu reizen weiß,

Den Busen halb verbirgt, halb zeigt mit Fleiß,

So gibst du, nimmst du, machst sie brünstig, kirre.

Du sagst dem Pöbel: Sei dir selber Heiland,

Begeistre dich an deinen eignen Werken!

Doch dabei läßt du freilich ihnen merken,

Daß diese deine Lehr' ist nicht von weiland.

Der stärkste Stier läßt sich zum Joche schmeicheln,

Das Volk hört gern von seiner Majestät,

Nur wacker lügen, süßlich streicheln,

Und fertig wurde der Prophet.[631]

Du schilderst dich, nicht mich. – Die Menschen haben

Für Wahrheit ein tiefinnerstes Vermögen,

Und nur, wer ihnen bietet falsche Gaben,

Dem zahlen sie die falsche Münz' entgegen.

KLINGSOR.

Du glaubst sonach an dich? – Das ist ersprießlich.

Ein jeder lebt doch gerne aus dem Vollen.

Die Täuscherei macht uns zuletzt verdrießlich,

Man wünscht sich selbst zu weihn, was andre zollen.

Magst du wohl Rätsel raten?

MERLIN.

Wie ich meine,

Sind Rätsel, die zu raten, eben keine.

KLINGSOR.

Drei Knaben wollen in Eimern

Uns bringen die Speise her,

Sie schöpfen aus unendlichem Vorrat,

Sie füll'n aus unergründlichem Meer.

Sie laufen und sind geschäftig,

Sie halten die Eimer im Kreis,

Doch wollen wir essen und trinken,

Versiegt in den Eimern die Speis'.

Dann laufen sie wie zum Vorrat,

Dann rennen sie wieder zum Meer,

's bleibt aber beim Hungern und Dursten,

Denn die Eimer, die Eimer sind leer.

MERLIN.

Bis daß die glänzende Jungfrau

Vom Himmel zur Erde sich schwingt,

Mit den seligen leuchtenden Augen

In den Kreis der drei Knaben dringt!

Die Knaben fallen aufs Antlitz,

Die Eimer stürzen, zersprengt![632]

Die Jungfrau lächelt geruhig,

Und wir sind gespeist und getränkt.

KLINGSOR.

Das ist ja dunkler als das Rätsel.

MERLIN.

So?

Die Lösung zeigt dir nur so finstre Mienen,

Weil dir die Jungfrau niemals noch erschienen.

KLINGSOR.

Was für ein Mensch ist dieser? – Schadenfroh,

Du lachst zu früh. Ich fordre Weissagung.

Sag mir, woran wohl werd' ich enden?

MERLIN.

Du morscher Baum, der noch sich anstellt jung,

Du stirbst an herbem Herzeleid.

KLINGSOR.

Die Scheidemünze hast du gleich bereit! –

Das ließ sich greifen mit den Händen.


Ab.


MERLIN.

Ob ihn nun bald ermüdete dies Spiel?

Er ist ein Greis, drum trag' ich es geduldig,

Nachdem mir Satan blieb die Antwort schuldig,

Wählt mich ein Fasler zu des Hohnes Ziel.

Gesteh' dir nur, du übest Tücke,

Du läß'st dir diesen Aufenthalt gefallen,

Je weiter deine Füße vorwärts wallen,

Je heftiger reißt's dich zurücke!

In wilder Felsen stummsten Engen,

Da ist dein Haus, da weile!

Warum mich unter Menschen drängen,

Da ich das Menschliche nicht teile?[633]

Sie schwanken zwischen Zukunft, Gegenwart,

Im Lieblich-Ungewissen;

Vor meinem Geist steht alles klar und hart,

Ich schmachte nach den Finsternissen!

KLINGSOR als Jüngling zurückkehrend.

Hier find' ich, den ich suchen wollt!

Meister, seid meiner Jugend hold.

Man sagt, Ihr löst den Klingsor ab,

Der uns bis jetzt Orakel gab,

Weil ich nun auch von gestern stamme,

Wärm' ich mich an der jüngsten Flamme.

Eine Frage quält mich bitterlich,

Ihr wißt die Antwort sicherlich.

Das Tier hat Triebe, die es führen

Zur Paare, Brüte, Wanderzeit,

Der Mensch kann aber an nichts verspüren,

Was just zur Stunde, und gescheit.

Da sind vergeudet bald die Kräfte,

Das Haar ergraut, es stocken die Säfte.

Man hielt' wohl besser Haus, wüßt' man

Zu messen aus der Tage Spann'.

Die Meßkunst ich gern lernen möcht',

Einteilen ließe sich's dann recht.

Wann sterb' ich, Meister, und woran?

MERLIN.

Du stirbst vor großer Seligkeit.

KLINGSOR.

So sterb' ich denn an Herzeleid,

Und sterb' an großer Seligkeit.


Er nimmt seine natürliche Gestalt an.


Marktschreier du, dem's kalt und heiß

Aus dem schamlosen Munde fährt!

MERLIN.

Klingsor, ich habe dich geehrt[634]

Mit meinem Spruche, schwarz und weiß.

Ich glaub' an deinen edlen Kern,

Du dunstumhüllter Irrestern,

Drum sagt' ich dir zweifachen Tod,

Und dies wird wahr vor Morgenrot.

Sein eigenstes Gesetz hat jedes Wesen,

Es schwingt drin, wie die Unruh in der Uhr,

Aus der Gestalt der Signatur

Läßt sich sein ganzes Erdenschicksal lesen.

Dir war das Leben stets ein Doppeltes,

Vom Einfach-Einen sich dein Geist entfernte,

Und hier und da und dort Gestoppeltes

Bedeutete dir eine große Ernte.

Darum wird auch der Tod, einfach den andern,

Zu dir mit schrägem Doppelantlitz wandern.

KLINGSOR.

Ich bitt' dich, fall nicht in den Pred'gerton,

Der Priester Salböl könnt' ich nie verdauen.

MERLIN.

Der bleiche Mund spricht diesem Hohne Hohn,

Du möchtest kräftig scheinen, bebst vor Grauen.

Nicht ziemt es mir, dich zu belehren,

Denn du bist alt und ich bin jung.

Ich hab' mit andern zu verkehren,

Was soll des Weges Hinderung?

Ich walle still für mich; du, den ich nicht drum bat,

Trittst zu mir, und verlegst mir meinen Pfad.

Castel Merveil ist deine Stätte,

Sei, wie du bist, und laß mich los.

Ich wüßt' nicht, was ich dir zu sagen hätte,

Die Kluft ist zwischen uns zu groß.

Dir galt die Erde, See, das Firmament,

Für eine Leiter einzig, dich zu steigern;

Da heißt es, was man Demut nennt,

Vollkommen und entschieden zu verweigern.

Die Menschen halb und schwach zu finden,[635]

Erhielt dich selber stark und ganz,

Getrost zerpflücktest du nach allen Winden

Der Andacht, Lieb' und Ehre vollen Kranz;

Du tatst das wie ein Mann, du tatst das wie ein Held,

Und dir gehört ein großes Stück der Welt.

Nur freilich ist dies Stück so ziemlich wüste!

Und es gedeiht auf solchem Acker nichts

Als Wahn, Empfindsamkeit, Betrug, Gelüste,

Und kleine Klugheit eines Wichts.

KLINGSOR.

Du aber? ...

MERLIN.

Klingt in deiner Brust

Denn nur ein Laut von mir? Was also willst du hören?

Auch fehlte mir, Klingsor, bis jetzt die Lust,

Hochmütig grübelnd in mir umzustören,

Und stolz bei meinem Wert zu schwören. –

Denn alles, was da lebt und regt,

Und sich in eigner Formation bewegt,

Steht näher mir, als ich mir bin.

Des Königs hoher Fürstensinn,

Der Frauen sanfte Veilchen-Treue,

Des Ritters Wagen, und der Jungfraun Scheue,

Des kleinsten Bürgers armer Werkeltag,

Des letzten Bauern Fleiß und Ungemach,

Das alles ist mir wert und wichtig,

Viel wicht'ger als mein Ich, so schwach und nichtig.

Weil ich denn ganz mich an das All verschenkt',

Hat sich das All in mich zurückgelenkt,

Und in mir wachsen, welken, ruhn und schwanken,

Nicht meine, nein! die großen Weltgedanken.

Sie ziehen feierlich die ernste Bahn,

Ich flieg', 'ne Feder, mit zum Ozean,

In dessen Schoß gebadet, sie, die hehren,

Mit heil'ger Grausamkeit mein Ich verzehren.


Klingsor will gehn.


Bleib! Mir zum Leid war dies Gespräch,[636]

Warum mußt du in meine Kreise schweifen?

Ich gebe dich in dessen Pfleg',

Den du allein verstehest zu begreifen.

Demiurgos!


Satan erscheint. Klingsor fällt mit dem Antlitze auf den Boden.


Erfrische den welken Alten

Mit deinen ewigwechselnden Gestalten!


Merlin geht.


SATAN.

Mein starker Sohn hat sich geirrt.

Er meint, du habest mich zum Wirt,

Indes du meiner Kleinen Kleinsten

Verehrtest als den Ungemeinsten.

Doch bring' ich Trost von andrer Weise:

Der Ungeratne ist schon aus dem Gleise.

Des geb' ich Bürgschaft und Gewähr;

Du hast doch recht, unrecht hat er.

Gepackt vom grimmigsten Widerspruch

Ward er bereits, möchte gerne davon,

Kann's nicht, bald ächzet er grausesten Fluch,

Schlangenumschnürter Laokoon!


Satan verschwindet.

Klingsor rafft sich zitternd auf und geht.


Nacht. Zeltlager der Tafelrunde.


In den offnen Zelten schlummernd: Artus, Ginevra, die Ritter.


NINIANA tritt zwischen den Zelten auf.

Will einer mich fangen,

Schlüpf' ich verstohlen

Auf federnden Sohlen[637]

Gleitend hinweg.

Nach keinem verlangen,

O reines Empfinden!

Mit Wolken und Winden

Führet das Mädchen ihr freies Gespräch.


Sie tritt zu Ginevra.


Du wolltest mich gerne,

Schwesterlein, küssen,

Du mußtest doch wissen,

Daß ich's nicht leid'!

Nun komm' ich von ferne

Geschlichen bei Nachte,

Und rühre dir sachte

Wimpernverhangene Äugelein beid'.


Sie küßt die Augen der Schwester.


Ich tät einem jeden

Gleich den Gefallen,

Und gäbe wohl allen,

Was sie begehrt.

Doch weil sie von reden,

Und wenn sie drum bitten,

In fliehenden Schritten

Das Mädchen den glänzenden Nacken kehrt.

Mein Ringlein ich habe,

Rötlich umschienen

Von glühnden Rubinen,

Mit hergebracht;


Sie streift einen Rubinenring vom Finger.


Die herrlichste Gabe,

Die Wünsche, die süß'sten,

Das liebste Gelüsten

Schenke den Träumenden, Ringlein, zu Nacht!


Sie wirft den Ring empor, der als glänzende Lufterscheinung über den Zelten schweben bleibt.


ARTUS träumend.

Mit Ehrfurchtzittern tret' ich

In deine ew'gen Hallen![638]

Verhüllten Hauptes bet' ich:

Laß, Montsalvatsch, dies Opfer dir gefallen,

Nimm uns, o Gral, die du so lang berufen,

Mich, mit den Meinen allen!

Die Tafelrunde kniet auf deinen Stufen.

GAWEIN ebenso.

Wo bist denn du geblieben,

Mein Lorbeerkranz, so heiter,

Den einst die Hand der Lieben

Gewunden ihrem ehrenhaften Streiter?

Da kräuselt er umher, verwelkt zu Staube,

Die Lüfte wehn ihn weiter,

Ich lächle ob der schwachen Blätter Raube.

GAREIS ebenso.

Hier wird nicht angereget

Der Neid am vollen Mahle!

Die weiße Taube leget

Die Hostie, flügelschwingend auf die Schale,

Und gleich durchzuckt ein vollgenügend Speisen

Von oben her zu Tale

Den ernsten Kreis begnadigter Templeisen.

EREK ebenso.

Wer ist im gelben Lichte

Der Wunde dort, der ächzende?

Ich grüß' sein Angesichte,

Anfortas ist es, der Genesung lechzende.

Roi Pecheur! So lehrt auch hier zu klagen

Der Erdenschmerz, der krächzende!

Bei dir bleib' ich, will deiner Sorge tragen.

GINEVRA ebenso.

Sigune, Taube, weinend

In bunter Felsengrotte!

Auf deinem Schoße scheinend

Des Liebsten Leichnam, schön, dem Tod zum Spotte![639]

Wie herrlich glänzt der treusten Seele Jammer

Im Brautgemach bei Gotte!

Hast du noch Platz für mich in deiner Kammer?

LANZELOT ebenso.

Tschionachtolanders Lose

Neid volles Preisen spend' ich;

Wer ruht der Lieb' im Schoße,

Bleibt, ob zur Leich' er wurde, stets lebendig.

Zu solcher Leiche, o mein Leib, zu taugen!

Und über mir beständig

Sigune weinend aus Ginevrens Augen!

ARTUS bewegt sich unruhig im Schlafe.

Verlangst du Opfer, schwere,

In Lüften schwebender Schrecken?

Begehre nur, begehre,

Du heil'ges, düstres, wildes Flammenbecken!

Was haben deine Liebenden verbrochen,

Daß du den ältsten Schrecken

Aufrufst in krampfbewegter Adern Pochen?


Merlin tritt ein. Das Morgenrot bricht an.


MERLIN zu Ninianen, die entfliehen will.

Bleib!

NINIANA.

Fange mich!


Der Rubinenring läßt sich auf ihrem Haupte nieder, wo er, zum Strahlenkranze erweitert, ruhn bleibt.


MERLIN.

Dies ist der Stern des Morgens,

Der von dem Himmel zu der Erde sank

Aus holder Torheit! Fand

Die Stätte nicht, würdig zu ruhn, und fiel

Drum in des Merlin Brust!

Hat Merlin ausgetauscht, verfälscht, vergiftet,

Er ist nicht Merlin mehr ...


[640] Niniana entflieht lachend.


O Morgenstern,

Du spottst in angewiesner Bahn der Fabel!

Zu wandeln vor der Sonn' her ist dein Los.

Sie rennt ihm nach durch alle Himmelsräume,

Den reizenden Verkündiger zu küssen,

Und holt ihn nimmer ein. Dann weint sie schamrot,

Recht satt von Leid, zum Meer hinunter. Er

Lacht aus der alten Base dunklem Fenster

Als schelm'sche Venus ob des Witwer Jammers.

Oh! Ich verwechsle die Geschlechter schon

Als wie Tiresias! –

Nun sind wir zwei, wie Göttlichen geziemt,

Ins höchste Haus des Firmaments gerückt,

Du Venus, Helios Ich!

Und wie der Gott, und wie das Tagsgestirn,

In eignem Lichte ganz von Klarheit schwanger

Sich selber offenbaret, sprich dein Wort:

Du liebst! – Furchtbares Wort, das in den Abgrund

All deine Kräfte stürzt!

O Flötenwort, des Frühlingsbalsam-Atem

Den Staub der Mutter weckend rührt im Grabe!

Sie setzt in ihren Linnen sich zurecht

Und lispelt: »Nun bist du der Sohn der Erde!«

Ich bin's, und alle Schmerzen wurden mein!

Von linder Wehmut süßem weichem Hauch

Bis zu dem Schrei der heulenden Verzweiflung

's ward alles, alles mein! In Merlins Brust

Ruft eure Klagen, Jubel, Zweifel! Ruft,

Was nur die Lippe sagt, das Herz ersinnt,

Geschlechter ihr der Erde, die ihr lebet,

Und die ihr leben werdet! Denn ein Echo

Wird jedem Rufe tönen! Wie sich einst

Der Gott ins Ird'sche tief und tiefer duldete,

So hat sich jetzt in meine Göttlichkeit,

Entsagend seinem rohen derben Leibe,

Das Irdische geschwungen!

Dem Logos ward der Acker nun bestellt,[641]

Und die Erlösung hat den Kreis beschlossen.


Er naht sich den Schlafenden.


O meine Menschen! Meine hohen Menschen!

So sehn sie aus. Ersätt'ge dich, mein Aug',

An ihrem Anblick! Euer Bruder ward ich.

Jetzt bin ich ein Priester, und die Hand,

Weil sie von Leiden zuckt, darf Leiden tilgen.

Mit diesem Segensdruck der Zärtlichkeit

Bann' ich die Ewigkeit herab.


Er legt die Hand auf die Stirn des Königs.


Erwacht

Im Lichte der Erfüllung!


Sie erwachen.


Traum ist Wahrheit!

's gibt keinen Irrtum, und kein Täuschen gibt's.

Was in der Seele wohnt, das wohnt auch draußen,

Der Hort des Titurel ist kein Liederscherz,

Ihr sollt ihn schaun in wesenhafter Fülle!

ARTUS.

Auf eure Knien stürzt! Hier steht ein Gott!


Sie knien.


MERLIN.

Solang die Lumpen niedrer Sterblichkeit

Um meines Innern Glieder spärlich flattern,

Heiß' ich Merlin, das vaterlose Kind,

Nach dem du ausgesandt. – Der Spötter muß,

Der sich verstohlen schlich ins Sanktuar,

Von unverstandnem Ding gezwungen stammeln.

Dies war das Fatum Klingsors. Ein Gleichnis aber

Setz' ich hiemit; wer Ohren hat, der höre.

Drei sind es, welche zeugen. Zwei erschienen,

Der ein' im Leben, und im Tod der zweite,

Der dritte ward verheißen. Ob er da ist,

Fragt eurer Herzen Klopfen! – Des bedrückten,

Demüt'gen Jammers Zeiten sind vergangen;

Hinfüro will er sein mit frohen Wangen,[642]

Und sich entzücken unter den Entzückten.


Zu Artus.


Ich nehm' von dir die ird'sche Würd' ...


Er nimmt ihm die Krone ab.


Und zahle

Dafür den Preis:


Er setzt ihm die Krone wieder auf.


Sei König du im Grale! –

Die Hand! Folgt mir! Ihr wißt, wer mit euch geht:

Ich bin der Geist! Euch führt der Paraklet!


Er geht mit dem Könige voran.

Die Königin und die Ritter folgen.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 576-643.
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