Castel Merveil

[643] Vorplatz.

Klingsor. Zwerg.


ZWERG.

Darf ich nicht bei dir sein?

KLINGSOR.

Geh du hinein!

Zünde von Sandelholz

Duftendes Feuer,

Wirf in die Flammen, stolz,

Balsame, teuer.

Stecke die Kerzen an,

Fege die Stiegen,

Laß um die Pfeiler dann

Kränze sich schmiegen,

Alles mit Köstlichkeit

Sollst du beschicken!

ZWERG.

Herr, und die Festlichkeit?[643]

KLINGSOR.

Wirst sie erblicken!


Zwerg ins Schloß.


KLINGSOR auf der Rasenbank.

Dem alten Herrn Rother stürzet das Roß

Von der Wucht auf der Flucht aus dem Kampfe!

Vorüber die Ritter, vorüber der Troß,

Da liegt er im wirbelnden Dampfe!

Sein Haupt hängt herunter, sein Auge das bricht,

Bei dem sterbenden Alten ist niemand nicht,

Der ihm helf' in dem ringenden Krampfe.

ZWERG im Innern des Schlosses.

Von deiner Töne Drang

Bersten die Mauern,

Splittern die Säulen schlank!

Mäß'ge den Harfenklang!

Laß sie dich dauern!

KLINGSOR.

Und ist bei dem Alten niemand nicht,

So ist er bei sich doch geblieben.

Er dreht sein erblindetes Angesicht

Dem Licht entgegen, dem lieben.

Der Sieger, der junge, der reitet im Trab,

Er kommt, steigt runter, will schleichen seitab:

»Nicht mag ich dein Scheiden dir trüben!«

ZWERG.

Höre die Fenster klirr'n,

Vom Lied durchwittert,

Pfosten und Balken knirr'n,

Durch dich erschüttert!

Tosender Geister Heer

Heult, haucht und schnaubt umher,

Alles erzittert![644]

KLINGSOR.

Denkst, Junge, ich sterbe vor Herzeleid,

Weil's die Götter mit mir so gefüget? –

O Liebster, ich sterbe vor Seligkeit,

Daß du mich, mein Jüngling, besieget ...

Herzjunge! Mein Junge! das war ja der Gram,

Daß den Größern ich nimmer zu sehen bekam;

Nun haben's die Götter gefüget!


Er stirbt. Castel Merveil stürzt ein.


Montsalvatsch.


Treppenstufen unter den Vorhallen.

Parzifal. Lohengrin.


PARZIFAL.

Die fürchterliche Wüste, uns umgürtend,

Liegt hinter deiner Füße mut'gen Ballen,

Und dieses Tempels, freundlich und bewirtend,

Die Heimlichkeiten dieser Jaspishallen

Entdeckte dir, o Wandrer, der geläutet

An unsrer Pforte, meiner Lippen Lallen.

Nun, wie die Schlang' im neuen Strahl sich häutet,

Streif du den Zweifel ab in unsrem Lenze,

Ergreif das Heil, das du so früh erbeutet,

Getrost geh ein zu Salvaterras Grenze!

LOHENGRIN.

Noch laß, gekrönter Sohn der Herzelaude,

Mich harren an den äußern Propyläen,

Und furchtsam beben wie die Mistelstaude.

Noch laß mich fragen: Bin ich ausersehen?

Ich, der ich schritt, ein leichtgeschürzter Knabe,

Wohin die Sohlen sorglos mochten gehen.

Was ich besitz', ist ja gemeine Gabe.[645]

PARZIFAL.

So scheide! – Teilst du nur die Gaben aller,

Bringt dich der Zufall wohl an diese Plätze.

Nun, warum gehst du nicht, mein junger Waller?

LOHENGRIN.

O Frevler ich am göttlichen Gesetze,

Das mich in seinen Riesenkreis gerissen!

Vergib dem Reuevollen, Schatz der Schätze!

PARZIFAL.

Wahrscheinlich wirst du jetzt das Rechte wissen.

LOHENGRIN.

Was war' das Heil'ge, stand' es zu erringen?

Unendliches, was war' es, wenn das Endliche

Zu ihm gelangte mit der Sehnsucht Schwingen?

Nein, mich umfängt das Unabwendliche!

Es fassen mich die Ketten, die gestählten!

Des Menschen Tat, die einzig kenntliche

Ist: Fühlen sich im Stande der Erwählten.

PARZIFAL.

So ist es, Lohengrin. Die Schelmenlist,

Das höchste Kleinod für den Pfennig: Tugend,

Sich zu erhandeln, hier verrufen ist.

Auf Montsalvatsch gibt's wilde, freche Jugend,

Auf Montsalvatsch geraten kühne Sünder:

Sigun', Anfortas, eitle Lüste suchend!

Das aber gilt uns Schelmenlist nicht minder,

So einer meint, wenn er entsag' und leide,

Da werd' er gleich des hehren Grales Finder.

Denn sieh! Ich prang' in Purpur, Samt und Seide,

Und bin nicht besser, als in Unbeglückung

Die Armen, die bei uns im groben Kleide.

Der Gral ist ein Geheimnis, eine Schickung.[646]

LOHENGRIN.

Doch wenn die Schrift erglüht am fronen Kelche ...

PARZIFAL.

Dann sind wir all' in froner Lust verglichen!

LOHENGRIN.

Und keiner weiß, wer wonniglicher schwelge!

PARZIFAL.

Und keiner weiß, ob in den Flammenstrichen ...

LOHENGRIN.

Er das Gebot, ob es der Gral gegeben!

PARZIFAL.

Und so, der Pflichten traur'ger Haft entwichen ...

LOHENGRIN.

Scherzt in der Seligkeit das freie Leben!

Es füllet sich der Chor mit Visionen,

Die von der Decke Gurt herunterstreben!

Erzengel, Kräfte, Fürstentümer, Thronen

Fahren an Strahlen längs den Pfeilern nieder,

Das Haupt der Mutter zierend mit der Kronen.

Sie ruht auf goldnem Stuhl die keuschen Glieder,

Versenkt ins Kind, das einst in sie versenket,

Mit seinem Händchen quetscht des Todes Hyder.

Rings treten zu die Heiligen, verschränket,

Und zeigen freudiglich auf ihre Wunden,

Womit der Menschen Marter sie beschenket.

Im höchsten Schmerz ein lechzendes Gesunden,

Stirbt ewig süßen Tod Sebastian,

Der hat der Wollust tiefsten Grund gefunden.

Die kleinen Englein machen sich daran,

Und spielen mit dem Kreuz, dem Kelch, dem Dorne,

Der Säule, Geißel, die das Blut gewann.

Und wie der Westwind wühlt im reifen Korne,[647]

So wühlet, stürmet, tost im Meer der Liebe

Die Orgel mit der Töne brünst'gem Zorne!

PARZIFAL.

Wo ist die Trau'r?

LOHENGRIN.

Sie starb am Glück der Liebe.

PARZIFAL.

Die Falte?

LOHENGRIN.

Glättete die Hand der Liebe.

PARZIFAL.

Der Schatten?

LOHENGRIN.

Weggezehrt vom Licht der Liebe!

In Heitre, Jugend, Farben jauchzt die Liebe!

PARZIFAL.

Die Inschrift lies nunmehr an unsrer Pforte.

LOHENGRIN.

»Ich habe mich nach eignem Recht gegründet,

Vergebens sucht ihr mich.

Der Wandrer, welcher meinen Tempel findet,

Den suchte Ich.«

PARZIFAL.

Es sterben denn die dürftigrohen Worte,

Die sich aus unsrem Munde konnten schleichen,

Weil Erdenlüft' hier noch vergröbernd streichen,

Dem Frohsinn, dem gesuchten, aufgenommnen,

Im Angesicht des korporell Vollkommnen!


Lohengrin schreitet die Stufen hinauf.


TITUREL kommt aus dem Innern.

Zurück! – Vernehmt des Gottes jüngsten Schluß!

Ich kehr', erschüttert bis zum tiefsten Marke,[648]

Vom Heiligtume, des ich warten muß.

Wie auf der Sturmflut bebt die scheue Barke,

So zittert, springt, gekocht von Angst und Grimme,

In seinem Kelch das Blut, das weltenstarke.

Also befiehlt der Feuerzeichen Stimme:

»Auf! Gürtet eure Lenden, ihr Templeisen!

Den Unbezwungnen zwingt das völlig Schlimme.

Ich muß, muß mich vom Abendland verweisen,

Ich löse mein Gebäu von diesem Felde,

Nach Indien will ich luftgetragen reisen!

Dort aber wird geschehn, was ich vermelde:

Des neuen, reinen Priesterreiches Stiften

Im tiefsten, schauervollsten Urgewälde.

Denn mich vertreibt aus den erwählten Triften

Der Antichrist! – Er suchet das Geschlecht

In ungeheu'rster Sünde zu vergiften.

Des letzten Ankömmlinges Dienst und Recht

Sei dies: zu bleiben in dem Abendrote

Dem Leid zum Trost, dem Bösen zum Gefecht.

Titurel bleibt Pfleger bei des Lebens Brote,

König ist Parzifal, der große, freie,

Und in die Welt geht Lohengrin, der Bote.

Die ird'sche Trias aber sind die dreie.«


Titurel beugt sich anbetend gegen das Innre des Tempels. Parzifal steht auf den Stufen, in sich gekehrt, die Hand am Schwert. Lohengrin schreitet mit wehenden Locken die Stufen hinunter.


Einöde.


Die Tafelrunde auf dem Zuge.


GINEVRA.

Habt ihr die Richtung noch?[649]

ARTUS.

Ja doch, ja doch.

LANZELOT.

Wo blieb Merlin?

ARTUS.

Zurück am Walde.

Weiterziehn

Soll'n wir, nach kommt er balde.

GAWEIN.

Was tust, Gareis?

GAREIS.

Meine Schritte zähl' ich.

GAWEIN.

Warum?

GAREIS.

's ist heiß.

So vergeht allmählich

Der Weg, der lange.

LANZELOT.

Du, Erek!

EREK.

Ja.

LANZELOT.

Auf dem ganzen Gange

Warst du stumm.

EREK.

O es schleicht in mir herum.

Doch will's nicht ...


Auf seinen Mund zeigend.


aus der Spalte da.

EIN RITTER setzt sich nieder.

Fürder zieht!

ANDRE gehn vorüber.

Noch ein paar Schritt'. Auch wir sind müd.[650]

LANZELOT zu Erek.

Was denkst du von dem Propheten?

EREK.

Ich denke: Not lehrt beten.

LANZELOT.

Wie? Meinst du, daß er falsch und hohl?

EREK.

Wie? Meinst du, daß von Minneseufzern wohl

Sich leben läßt?

Dann halte ja den Glauben fest.

Macht die Bissen kleiner!

Lest Beeren von den Sträuchern!

Und es trinke keiner,

Da besteht das Wasser in den Schläuchen.


Er sinkt um und stirbt.


LANZELOT.

O Herr, ein edler Bruder sank!

ARTUS.

Mein Erek, rede, bist du krank?

Tot! – Wie mich diese Leiche schmerzt;

So finster, gut, traurig, beherzt!

Der Wurm hat lang an ihm genagt,

Jung war er noch, sah aus betagt,

Nun fällt er an der Schwelle.

Schneid't Zweige! Eine Bahre schafft,

Tragt ihn ans End' der Pilgerschaft,

Mit uns komm' er zur Stelle.

GINEVRA.

Die Raben schwirrn um unsre Köpfe!

Scheucht die abscheulichen Geschöpfe.[651]

DIE RITTER um Ereks Leichnam.

Wie liegt er da so heiter!


Sie erheben den Leichnam.


GINEVRA.

Sucht Merlin.

ARTUS.

Weiter! Weiter!


Sie ziehn weiter.


Im Walde von Briogne.


NINIANA am Weiher, angelnd.

Als ich meine alte Muhme

Tüchtig in den Finger biß,

Weil sie mir die weiche Krume

Aus gefräß'gem Mündchen riß;

Sagte sie: »Du schlimme Hexe,

Du wirst glücklich, kleine Brut,

Denn von sieben kriegen's sechse

Schlecht, die böse Sieben gut.«


Sie zieht einen Fisch an der Angel aus dem Wasser.


Da hab' ich dich leichtes

Weißfischchen am Schnürchen,

Und doch warnt' ich, o seichtes,

Verblendetes Tierchen:

Laß dich ja nicht betören

Vom Köder, mein Liebchen!

Doch du wolltest nicht hören,

Nun so fühle, mein Bübchen!


Sie tötet den Fisch.


Als der Muhme altem Leibe

Stöße ich und Schläge gab,

Weil sie mir des Mondes Scheibe

Nicht vom Himmel langt' herab;

Wollte mich die Muhme trösten,[652]

Tuschte meinen Zorn geschwind,

Rief: »Du kriegst einmal den größten,

Weisesten der Männer, Kind!«

MERLIN tritt ein.

Ich fürcht', die alte Muhme hat gelogen.

NINIANA.

Da ist der wilde Gast von gestern früh.

MERLIN.

Denn vor dir steht der Toren Übertor.

NINIANA für sich.

Dies muß ein Riese sein aus Mondenland.

Nicht doch, er wuchs nur höh'r als Hinz und Kunz.

MERLIN.

Wer aber überwand' ihn, wenn nicht du?

NINIANA für sich.

Die Stirn ward wohl von Marmor ausgehaun?

Nicht doch, sie ist nur weißer als bei andern.

MERLIN.

Führ auf dein Opfer, Priesterin, den Streich!

NINIANA für sich.

Thront denn ein Nachtgewölk auf seinem Haupt?

Nicht doch, er hat nur schöne, schwarze Locken.

MERLIN.

Doch ach! Ich bin gewiß zu schlechte Beute.

NINIANA für sich.

Ja, solche Lippen müssen Feuer sprühn!

Nicht doch, der Mund steht ihm nur wunderhübsch.[653]

MERLIN.

Und dennoch solltest du großmütig sein.

NINIANA.

Und dennoch lieb' ich diesen Menschen nicht.

MERLIN tritt zu ihr.

Wenn du, holdsel'ge Blum' im grünen Forst,

Im Stolz der eignen Reize nicht beschlössest,

Von allem, was des Menschen Bildung trägt,

Verachtend, wie du darfst, dich abzuwenden,

Weil es doch nur das Zerrbild deiner Schöne

Dir zeigen kann; und wenn du nicht beschworst,

Die Wonne deines reizenden Gesprächs

An diesen Wald allein, an jene Flut,

An den einsamen Himmel zu verschenken,

So gönne, süße Wilde, mir ein Wort!

NINIANA.

Du ernsthaft Törichter, warum versuchst

Du Ninianen?

MERLIN.

Du beglückend Leid,

Warum verwirrst du mich?

NINIANA.

Geh an dein Amt.

MERLIN.

Das sag' ich dir.

NINIANA.

Was wäre meins?

MERLIN.

Mich lieben.

NINIANA.

Die Deinen wandern ohne Führer. Geh![654]

MERLIN.

Sie ziehn auf der von mir gewiesnen Straße.

Sobald sie meiner brauchen, bin ich rasch

Wie Schall, der längs des Flusses Ufern reist,

Wie Donnerkeile, die vom Himmel schlagen,

Rasch wie Gedanke, der zur Liebsten fliegt,

Bei der vertrauten Schar. Wenn ich will dort sein,

So bin ich da.

NINIANA.

Bist du ein mächt'ger Zaubrer?

MERLIN.

Wenn dir's gefällt, so mach' ich aus der Tiefe

Die blanken Könige des Erzes steigen!

Wenn dir's gefällt, so soll'n des Weihers Fluten

Ihr Bett verlassen, und ein silbern Tor,

Von Muscheln und Gesteinen bunt durchkreuzt,

Ob dir, du Fürstin aller Anmut, wölben!

Wenn dir's gefällt, so treiben diese Stämme

Kristallne, goldne Frucht, so singt die Luft,

So funkelt aus dem Gras verjüngtes Abbild

Des Mondes und der Sterne!

NINIANA.

Bist du so mächtig?

Sprich, was bedarfst du dann?

MERLIN.

Ach, das Bedürfen.

NINIANA.

Ich kann nicht glauben an dein Unglück.

MERLIN.

Glaub' es.

Der kleine Fisch, der dort am Boden zappelt,

Von deiner losen Hand getötet, war

Viel glücklicher, als Merlin.[655]

NINIANA.

Merlin heißt du?

Ich heiße Niniana.

MERLIN.

Denn er hatte

Sein frohes Stündchen doch! Freud' überall

Bis in des großen Hauses letzten Winkel!

Unglücklich einer, keiner sonst!

NINIANA.

O Lieber!

Gleich zaubre du die schöne Herrlichkeit,

Von der du sprachst.

MERLIN.

Recht, recht, mein zartes Äffchen!

Es macht mich glücklich, daß du albern bist.

Nicht wahr, die Welt stand lang genug gerade?

Wir kehren sie wie einen Handschuh um,

Und lachen kindischjubelnd der Zerstörung.

Soll auch der Frühling rot blühn? Ei, befiehl nur!

NINIANA.

Wenn du so zornig sprichst, so furcht' ich mich.

MERLIN.

O gönne mir den Traum des Stündchens, wie

Das Fischlein es in seinem Wasser hatte!

Hilf ausziehn mir das glühnde Qualenkleid

Des unerbetnen Daseins, daß ich's darf

Zusammenrolln und mir zu Füßen legen!

Der Sohn Alkmenens trug das gift'ge Hemd

Doch auf dem Öta erst, ich aber trag'

Das meinige seit der Geburt.

NINIANA.

Dein Mund

Stöhnt nur von Tod. Und dennoch liebtest du?

Die Liebe, sagen sie, soll Leben sein.[656]

MERLIN.

So gib mir Liebe, daß ich leben kann!

Komm zu der Weißdornhecke, die sich schneeig

An der verschwiegnen Grotte Saum dort schmiegt!

Auf Farrenkräutern blinkt der Tropfenfall,

Es haucht wie schwicht'gende Vergangenheit

Aus ihrem Schlund. Die Zukunft aber sagt

Ein leiser Geisterlaut dort einst dem Kön'ge,

So wie dem Hirten. – Doch wir leben noch,

Und dieses Mädchen bangt, hört sie vom Tod.

Laß unterm Weißdorn still uns niedersitzen,

Und denken will ich mir, ich sei ein Schäfer,

Der von dem Tanze kam' mit seiner Dirne.

Zu Pfingsten ist die Hochzeit! flüstern sie

Einander in das Ohr. Er raubt ihr wild,

Am Hute krämpelnd, die geschenkte Schleife.

Ich aber, Niniana, tu' das nicht!

Nein, deine Wange streichl' ich leise nur,

Wie'n fallend Blütenblatt sie streifte. Doch

Wenn es dich böse macht, so tu' ich's nicht.

Auf deine Finger leg' ich sacht die Hand,

Gewiß, ich drück' sie nicht, ich rühr' sie nur;

Doch wenn's dich böse macht, so tu' ichs nicht!


Sie gehn zur Weißdornhecke.


Die Einöde.


Artus. Ginevra. Tafelrunde.


GINEVRA.

Wären die Raben noch da!

ARTUS.

O wären sie da!

GINEVRA.

Dort! Dort![657]

ARTUS.

Was siehst du?

GINEVRA.

Den Abendschein

Der Sonne auf des Tempels Zinnen.

ARTUS.

Sie spiegelt in den Regenrinnen,

Es sind die hohen Klippenreih'n.

GINEVRA.

Nein, ich höre der Psalmen Klang.

ARTUS.

Ja, die Luft summt die Tannen entlang!

Was hilft das Täuschen, das Schonen?

Wir sind in der Wildnis.

Keine Spur, kein Bildnis

Von menschlichem Wohnen!

GINEVRA.

Artus! Wie kamen wir zu der Stell'?

ARTUS.

Liebe, der Wahnsinn ist ein mächt'ger Gesell!


Er setzt die Krone auf einen Stein.


Hier die Krone im Grale! Sie ist feil.

Dem Boten gehört sie, der uns bringt nach Kardweil!

Es beginnt in mir zu gären.

O meiner Seele Warnelaut!

Verruchte, gespenstische Mären!

Nicht umsonst hat mich gegraut.

GINEVRA.

Hilf mir vom Zelter, Lanzelot.[658]

LANZELOT.

Speisemeister, haben wir noch Brot

Und noch Wein?

SPEISEMEISTER.

Das Brot ist aufgegessen,

Der letzte Wein euch zugemessen.

GINEVRA.

Mein Diener Lanzelot, hörst du nicht?

LANZELOT zum Speisemeister.

So geht's an deinen Leib, du Wicht,

Da woll'n wir uns erholen,

Dann füttern wir die Dohlen!

ARTUS.

Wenn nur 'ne Dohle, nur ein Geier

Kreist' über diesen Grüften!

Sie sind der fett'ren Orte Freier,

Was gibt's in solchen Schlüften?

GINEVRA.

Mich dürstet!

LANZELOT.

Ich will dir Geschichten erzählen

Von Tristan und Isolde,

Vielleicht erquickt's dich, Holde.

ARTUS.

Tretet all' um mich! Verhüllt das Haupt!

Ich habe uns die Ehr' geraubt,

Da galt's nicht lange zu wählen.

Gawein, Gareis, die schickt' ich spähn,

Den Heimweg suchen sie; wir gehn

Nach Haus schamrot, erbärmlich,

Und leben ferner ärmlich.


Gawein kommt.


Wo ist der andre?[659]

GAWEIN.

Ausgeglitten!

Er liegt in der Tiefe,

Daß ich bei ihm schliefe!

Der Lattich hat schlechte Sitten,

Breitet sich von dem Grate vornüber frech,

Man tritt drauf, und ist weg.

GINEVRA.

Guter, lieber Gawein! Du fandest den Weg?

GAWEIN.

Ja, schöne Königin, das ist geglückt,

Aber wir müssen verstehen zu springen.

Der Abgrund liegt in neblichten Ringen

Rund um die Platte, wie ein Band gestrickt.

Wir sind droben, also nur munter

Immer hinunter!

ARTUS.

Rettung! Rettung aus des Verderbers Hand!

Felswand! Kiefern! Kiefern und Felsenwand!

Die fahlen Sandsteinhörner recken

Sich rund und glatt

Empor, wie Haufen von Wecken!

Ein gelber moos'ger Anflug hat

Gefärbt die Krusten und Fugen!

O entsetzliches Necken!

Der Safran gehört zum Kuchen.

EIN RITTER.

Laß uns würfeln und schlachten

Wem das Mindeste fiel!

ARTUS.

Eh' die Lippen verschmachten,

Eh' der Schwindel uns küret zum greulichen Spiel,

Eh' der Laut verbrennt

Im Pergament[660]

Der trockenen Kehle,

Ruft, arme Freunde sonder Schuld und Fehle

Nach unsrem Führer! Du, der uns erschien,

Von Himmelsglut umwallter Leu der Leuen,

In Drangsal ohne Maß sind deine Treuen!

Hör uns! Errette uns, Merlin!


Sie zerstreuen sich rufend.


Im Walde von Briogne.


Merlin, Niniana sitzen unter der Weißdornhecke.


NINIANA.

Glaub nur nicht etwa, daß du mir gefällst!

MERLIN.

O liebliche Verrätrin deiner selbst!

NINIANA.

Ich sollte mich in einen Mann vergaffen?

Des freien Waldes freistes Vögelein,

Sollt' ich, ein Hündchen, deiner Stimme horchen?

Untröstlich werden, wenn du sauer sähst?

In deinem Lächeln meinen Festtag halten?

Eh' ich das glaube, glaub' ich, daß die Sonne

Am hellen Tage dunkel wird.

MERLIN.

Wie wär's,

Wenn es geschähe?


Er winkt. Eine Sonnenfinsternis.


NINIANA.

O du Schelm! Du nahmst

Mich schlau beim Wort.[661]

MERLIN.

An diesem Leichtsinn lahmt

Die Kraft des Demiurgos! – Ich bezwinge

Den Himmelskörper, ihr ist's eine Posse.

Wär' dies gleichgültig Unzerstörliche,

Das aus dem leeren, frechen Lächeln strahlt,

Wär' dies etwa das Leben?

NINIANA.

Narr, die Lampe

Ging aus da oben. Steck sie wieder an!


Auf einen Wink von Merlin wird es hell.


Und bist du, den die Muhme mir verkündet,

Sag mir, was Liebe sei?

MERLIN.

'ne Stumme, Herz!

'ne blöde Stumme, die durch Zeichen spricht!


Er küßt sie.


Und nun leb' wohl, mein allzu kurzes Glück.

NINIANA.

Weh! Du willst gehn?

MERLIN.

Ich muß.

NINIANA.

Du? Müssen?

RUF DER TAFELRUNDE aus weiter Ferne.

Merlin!

MERLIN.

Sie rufen mich!

NINIANA.

Wer ruft? Betrüger! Unhold!

Es ist des Wildes heisrer Abendschrei,

Der von den gras'gen Wechselplätzen tönt![662]

MERLIN.

Die Ritter sind's, der König, deine Schwester.

NINIANA.

Schwester! Hab' ich 'ne Schwester? Wer ist sie?

Du bist mir Schwester, Vater, Mutter.

MERLIN.

Liebe!

NINIANA.

Gut! Gut! Du nützest es als Vorwand. Ei,

Du bliebst auch lang genug mir eigen. Fünf

Minuten wenigstens.

MERLIN.

O sei barmherzig!

NINIANA.

Ich wollt' ihm dienen, wie die treuste Magd,

Den Trunk ihm schöpfen aus dem Kieselquell;

Zwar braucht er's nicht! – Ihm würz'ge Beeren lesen

Im Morgenreife; zwar er braucht es nicht!

Zur Nachtruh hätt' ich weiches Laub gestreut,

In meinen Schoß sein liebes Haupt genommen,

Und schlaflos war' geblieben ich, daß er

Nur sanfter schlafe. Zwar er braucht das all nicht!

Hat Wein und Speis' und Dunen, wann er will.

Doch, dacht' ich, wird es ihn erfreuen, gibt's

Sein Mädchen ihm!

MERLIN.

Du trautste Schwätzerin! ...

NINIANA.

O süßer Merlin, lehr' mich, dich vergessen!

Und kannst du das nicht – (und ich glaub', es geht

Wohl über deine Götterkraft,) so sei

Mitleidig, und vertilge mich! O Mann,

Du kannst es ja nicht wissen, wie mir's weh tut![663]

Ich hab' nicht Erd', nicht Himmel mehr! Sie sind

Für mich versenkt in deines Auges Apfel!

MERLIN.

Bei jener heil'gen Kuppel über uns ...

NINIANA.

Was gilt denn dir die heil'ge Kuppel droben?

Du sprichst: sie stürzt zusammen mit dem Schwur.

Doch schwöre nur, zu kehren! Täusch mich nur!

MERLIN.

Bei mir, bei Merlin schwör' ich ...

NINIANA.

Und bei allem,

Was er der armen Niniana vorlog.

MERLIN.

Vorlog?

NINIANA.

Bei jenem Wort, das, wie er sagt,

Ihn bindet, ihn unlösbar fesselt, ihn

Der Stärke ganz beraubt ...

MERLIN.

Wär' ich der Lügner!

Ich bin es nicht.

NINIANA.

Ach, warum foppst du mich?

MERLIN.

Es gibt ein Wort, unheimlich, tief, verfänglich,

Das, ausgesprochen, mich an diese Stätte

Für ew'ge Zeiten bannte ...


Er hält inne.
[664]

NINIANA.

Ha! Es gäb' ...

Du schauderst!

MERLIN.

Hm! Ein Fieberfrost, mein Liebchen!

Hu, das wird ekelhaft! – Wer säh' in dieses,

Und bebte nicht, war' er auch Merlin?

NINIANA.

Aber

So sag doch, wie das möglich?

MERLIN.

Nicht so weit,

Als wie der Käfer an des Knaben Faden,

Dürft' ich mich dann entfernen! Hier versäß' ich

Den Frühling unter Krokus und Maßlieben,

Des Schlehdorns Früchte zählt' ich um Johannis,

Hier sang' die Drossel mir das Herbstlied! Hier

Erfrören meine Fuß' im Winterschnee!

So nah grenzt Ohnmacht an die Allmacht ...

NINIANA.

Bitte!

Entdeck es mir.

MERLIN.

Niemals!

NINIANA.

Wenn nicht das Ganze,

Die Hälfte doch! Ein Viertel! Nur den ersten

Buchstaben! Darf ich raten? Ist's ein P?

Ein C? Ein K?

MERLIN.

Weißt du, Unseligste,

Was du von mir verlangst?[665]

NINIANA.

'ne große Sache!

Um einen Hauch die Anstalt! Wärst du wahr,

Du hättst es lang gesagt

Von freien Stücken! Will ich's denn mißbrauchen?

Still trag' ich es bei mir ... und sterb' ich dann,

Wie Atem der Maiblümchen leicht verwehnd,

Ich schwaches, schlimmbetörtes Nymphenkind,

So hauch' ich's lächelnd hin und lisple: »Da!

Da hast du, Luft, was er mir anvertraut,

Ich ließ ihm seine Freiheit«.

MERLIN.

Du willst's nicht

An mir versuchen?

RUF DER TAFELRUND.

Merlin!

MERLIN.

Hattst doch recht!

Das Wild schreit nur von seinen Wechselplätzen.


Schaudernd.


Das wird nun meine einzige Gesellschaft!

Am Wege sitzen müssen, hülflos, willenlos

Bei Gräsern, Bestien! Widerklang der Welle,

Echo dem Wind, der kalten Sterne Spiegel!

Das fünfte Element, lebendigtot,

Wie die vier ersten!

NINIANA.

Macht es dich so fürchten,

Behalt es immerhin.

MERLIN.

Das will ich auch.

NINIANA.

Ich werde nicht unglücklich um das Wort.[666]

MERLIN.

Bleibst glücklicher.

NINIANA.

Vielleicht klingt's gar noch übel.

MERLIN.

Das tut es.

NINIANA.

Nein! Nein, übel kann's nicht klingen!

MERLIN.

Steh von dem Grübeln ab.

NINIANA.

Vielleicht klingt's ganz gewöhnlich.

MERLIN.

Vergessen wir's! Scheuch diese Wolken, plaudre

Was Muntres.

NINIANA.

Plaudern! – Ich soll immer plaudern!

Nur immer ich! Und er geizt mit 'ner Silbe.

Nein auf den Mund den Finger! Ich bin still,

Du liebst das Schweigen, wohl, du kannst es haben.

Verwünscht der Laut, den ich noch spreche! Geh.

Ich mag dich nicht, ich hasse dich, ich könnte

Dir jetzt das Ärgste tun!

MERLIN.

Tu' es! Wie ist mir?

Ich fürcht', um mich steht's übel.

NINIANA an seinem Halse.

Einziger!

Die ganze Sprache trauter Herzlichkeit,

Des Kosens Wörterbuch wend' ich daran,

Lies von den roten Lippen deines Äffchens

Jeglichen Schmeichelnamen! Teurer Merlin,[667]

Eintauschen laß mich nur das eine Wort!

MERLIN.

Wirst du's gewiß auch gegen mich nicht wenden?

NINIANA.

Wahrhaftig nicht.

MERLIN.

Besuch mich nur zuweilen, tust du's dennoch!

Ich sprech' es nicht, es spricht aus mir! Die Qual

Drängt sich hervor!


Er spricht das Wort aus.


NINIANA.

Das hab' ich nicht verstanden; klang es so?


Sie spricht es aus.


Weh mir! Sein Antlitz wandelt sich!

MERLIN entstellt.

Warum legst du mich an Ketten,

Sperrst in den stählernen Turm mich ein?

Konntest mich doch betten

Auf Rosen und Jasminen fein!

NINIANA.

Merlin! Das ist die blühende Hecke!

Ich hab' es nicht böse gemeint.

MERLIN.

Verderberin, fürchte den grimmigsten Feind!

NINIANA naht ihm.

Zufall war es, unglücklicher Mann.

MERLIN.

Hinweg! Sonst ist es um dich getan!

Ich schleudre dich gegen des Turmes Ecke.

Gesellin der Schlange,[668]

Ich wußt' es lange!

Aber hüte dich, schillernde Drachenbrut,

Vor des Jungfraunsohnes wütendem Rachemut.

Da draußen zu lauern

Kann ich dir nicht wehren hinter Riegel und Schloß,

Aber in diesen vier Mauern

Bin ich der Alte! Der Titanen Genoß!

Machet die Opfer fetter!

Eine neue Sündflut sonst für Mensch und Tier!

Ihr sollt nicht haben andre Götter

Neben mir!

NINIANA.

Er ist von Sinnen!


Sie entweicht.


RUF DER TAFELRUNDE.

Merlin! Merlin!

MERLIN.

Hier! Hier drinnen!

Seid doch vernünftig,

Haltet euch nur grade!

Wir wollen künftig

Mehr achten der Pfade.

Meine Eisen schüttl' ich,

Das mag sie nicht schwächen;

An den Pfeilern rüttl' ich,

Doch sie wollen nicht brechen.

Gern spräng' ich aus dem Fenster,

Wär' in eurer Näh'!

Doch von unten Gespenster

Kauen, schmatzen aus blutigem See!

Rufet nicht so kläglich!

Ihr stört mich im Schlummer.

Leid' ich nicht unsäglich?

Brauch' ich noch mehr Kummer?
[669]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 4, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 643-670.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Merlin
Merlin: Eine Mythe
Schriften: Bd. Merlin. Andreas Hofer (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon