Erstes Kapitel

[165] Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise durch das Gebirge hatte Hermann sein Ziel erreicht. Als er die Stadt im dampfenden Tale vor sich liegen sah, überdachte er seinen Plan, beschloß im Hause des Pädagogen zuerst pseudonym aufzutreten, und wie im Auftrage eines andern seinen Wunsch vorzubringen. Auf diese Weise hoffte er die Sache in der für ihn leichtesten Art zum Ende zu führen.

Das Gymnasium war aus den Überbleibseln einer Stiftung entstanden. Alte Linden umgaben den Schulhof; durch einen Kreuzgang gelangte er zu der munter angestrichnen Wohnung des Rektors. Er erfuhr von der Magd, daß dieser verreist sei, und mußte sich daher bei der Frau anmelden lassen.

Die Rektorin empfing den Kandidaten Schmidt aus Leipzig – diesen Namen und Stand hatte er sich gegeben – mit lebhafter Freundlichkeit. Als sie ihn zum Sitzen nötigte, wollte er ihrem Sofaplatze gegenüber auf einem Stuhle sich niederlassen. Sie verhinderte es aber, zog ihn auf das Sofa und sagte: »Wir leben hier nicht steif und vornehm. Seine Feinde faßt man ins Antlitz, seine Freunde hat man gern neben sich.«

Er eröffnete ihr, daß er sich auf einer gelehrten Wandrung befinde, deren vorzüglichster Zweck sei, die ersten Männer des Fachs kennenzulernen. Schon lange habe er sich gesehnt, dem ausgezeichneten Erzieher, dessen Methode man weit und breit rühme, seine Verehrung zu bezeugen.

Das Mütterchen schien das Lob ihres Eheherrn mit Behagen einzuschlürfen. »Er benutzt jetzt die Ferien zu einem Abstecher nach S., wo wir leider einen verdrießlichen Handel abzumachen haben«, versetzte sie. »Indessen erwarte ich ihn morgen oder übermorgen zurück, und wenn Sie einige Tage hier verweilen können, so soll es mir lieb sein.«[165]

Sie gehörte zu den Personen, mit denen man in fünf Minuten bekannt ist. Die gutmütigsten Augen sahen unter dem weißen Spitzenhäubchen hervor; ihr Herz schwebte auf der Zunge. Sie schien nicht viel Ruhe zu haben, stand öfters auf, quirlte hin und her, setzte ihm ein Frühstück vor, und er mußte, ungeachtet aller Versichrungen, daß er schon im Gasthofe das Nötige genossen habe, wenigstens davon kosten. »Wer in unser Haus tritt, ißt von unsrem Brote und trinkt von unsrem Weine«, sagte sie. »Wir ahmen darin den Erzvätern nach, und dem edlen Alkinoos, wenn wir gleich keine phäakische Schmauserei anstellen können.« Diese und ähnliche Anspielungen, welche bald darauf zum Vorschein kamen, deuteten dem falschen Schulamtskandidaten den Ton an, in welchem er sich hier vernehmen lassen müsse. Das saubre Zimmerchen, dem aber jede Eleganz fehlte, war mit den Porträts berühmter Gelehrten verziert. Der besten Rähmchen erfreuten sich die Philologen. Heyne, Wolf, Ernesti, Gesner, Bentley, Ruhnkenius zeigten ihre ausdrucksvollen Gesichter, Voß war dreimal vorhanden, gezeichnet, im Kupferstich und in Gips. Er suchte daher in aller Eile sein Lateinisch und Griechisch zusammen, sprach von der hehren Göttin Kalypso, besann sich zum Glück auf ein paar Horazische Verse, die er ohne wesentliche Verstümmlungen herausbrachte, und bemerkte, daß die Rektorin nun erst das volle Zutraun zu ihm gewann. Mit Erstaunen hörte er im Verlaufe des Gesprächs völlig regelrechte Hexameter aus ihrem Munde tönen, die nur durch gehäufte Spondeen etwas Unbeholfnes erhielten. Nach einer Viertelstunde waren sie wie alte Freunde miteinander.

Indessen entstanden doch, wie es bei raschem Bekanntwerden zu geschehen pflegt, Pausen. Hermann erhob sich daher und wollte gehn. Sie faßte ihn bei der Hand und sagte, ihm treuherzig ins Gesicht sehend: »Ihr Herrn habt es im Kopfe, aber selten viel im Beutel, und obgleich Sie wohlhabender zu sein scheinen, als die Kandidaten, welche uns sonst besuchen, so dächte ich doch, daß frei Quartier bei guten Leuten besser wäre, als teure Gasthofszeche. Ich will Ihnen Ihr Zimmerchen zeigen, und Sie können nur gleich Ihre Sachen vom Wirtshause herüberbringen lassen.« Ohne seine Antwort zu erwarten,[166] nahm sie ihn mit in das obere Stockwerk, wies ihm unterwegs verschiedne wirtschaftliche Einrichtungen, namentlich den Ofen, der zwei Stuben zugleich heizte, und den neuen Wandschrank, und führte ihn dann in ein helles Erkerzimmerchen, von welchem man das ganze Flußtal übersah. Er fragte nach dem Namen eines Dorfs, dessen Turmspitze am Horizonte hervorragte, und erfuhr nicht nur diesen, sondern lernte auch auf der Stelle die Topographie des ganzen Umkreises mit allen Verwandten, Freunden und Gevattern, die da und dort wohnten, kennen.

»Sind Sie versprochen, Herr Schmidt?« fragte sie plötzlich. »Nein!« – »Rauchen Sie Tabak?« – »Auch nicht.« – »Dann sind Sie auch kein ordentlicher Kandidat!« rief sie lachend. »Ich habe wenigstens noch keinen kennengelernt, der nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt hätte. Sie müssen sich beides bald anschaffen.« Er erwiderte ihren Scherz, der halb wie Ernst klang, und wurde von ihr mit einem Armvoll Tischzeug beladen, welches er unten in das Eßzimmer tragen sollte. Sie schien es als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten, daß ein Kandidat der Frau eines Schulvorstehers nötigenfalls dienstbar sein müsse.

Unten sagte er, um seinem Zwecke etwas näher zu kommen: »Es ist so still in Ihrem Hause, und ich sehe keinen Ihrer Pensionäre oder Pensionärinnen.« – »Pensionäre? Pensionärinnen?« fragte sie erstaunt. »Wir haben bloß unsre Knaben in Pension. Man hat mit den eignen Kindern Last genug, wer wollte sich noch die Mühe mit fremdem liebem Gute machen?« Da sie nun merkte, daß diese Worte ihn befremdeten, fuhr sie nach einigem Besinnen fort: »Ach, gewiß ist da wieder eine Verwechselung vorgefallen, und Sie meinen, bei dem Edukationsrate zu sein. Wir werden noch an das Stadttor schreiben lassen müssen: ›Da wohnt der Philologe und da der Realschulmann.‹«

Bei näherer Erkundigung hörte er nun, daß sich noch ein Namensvetter des Rektors am Orte befinde, welcher aber nicht am Gymnasium angestellt sei, sondern eine Privaterziehungsanstalt habe. Er sei in allem der Gegner ihres Alten, sagte die Rektorin, halte nichts auf Römer und Griechen, wolle vielmehr[167] die ganze Bildung der Jugend auf das Praktische richten. »Dies hindert aber nicht«, fügte sie hinzu, »daß wir gute Freunde bleiben. Wir kommen zusammen, die beiden Alten zanken sich tüchtig ab, wenn der Konrektor dabei ist, so spricht auch das Mittelalter noch ein Wort darein, am Ende sind sie müde, der Edukationsrat ruft: ›Die Gegenwart gehört der Gegenwart!‹ das ist mein Stichwort; ich sage dann: ›Es ist angerichtet‹, wir setzen uns zu Tische und verzehren ganz verträglich und lustig ein Gericht Gerngesehen miteinander.«

Hermann überzeugte sich im stillen, daß der Arzt ihm jenen Edukationsrat habe empfehlen wollen und daß er verkehrterweise in ein andres Haus geraten sei. Indessen würde es unartig gewesen sein, das Mißverständnis zu bekennen, und er erwiderte daher auf den scherzhaften Zuruf der Rektorin, sich nunmehr zwischen dem linguistischen und dem Realsysteme zu entscheiden, daß seine Nachfrage nur eine zufällige gewesen sei, und daß er niemand hier habe kennenlernen wollen, als den in der gelehrten Welt hochgefeierten Herausgeber des Eutrop.

»Nun wohl«, sagte die Rektorin, »ich glaube Ihnen, aber nehmen Sie sich in acht; Sie werden auf den Zahn gefühlt werden. Und jetzo lassen Sie uns voneinander scheiden. Sie können den näheren Weg durch den Garten nach Ihrem Wirtshause nehmen; schicken Sie mir mein Cornelchen daher, wir wollen einen Topf mehr zum Feuer rücken, damit es heut mittag heißen kann:

Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle; worauf es dann ferner lauten soll:


Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,

Gingen sie alle gesamt zu dem göttlichen Hirten Eumäos,

Dort des Kaffees Gebräu zu schlürfen aus blumiger Tasse.«
[168]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 165-169.
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