Zweites Kapitel

[169] Indem Hermann über den Hof und durch den Garten ging, war es ihm nicht unlieb, daß er sich in der Person des Schulmanns geirrt hatte. Nach dem Wesen der Frau, nach dem Begriffe, den er durch ihre Reden von dem Manne erhalten, bei dem Anblicke der philologischen Bildnisse, der engen Häuslichkeit, der schmalen Gartenstiegelchen und sauber gehaltnen Beetchen hätte er nicht erwarten können, daß ein Sinn, der diese Umgebung sich geschaffen, geneigt gewesen wäre, sich mit einem wilden Geschöpfe, wie Flämmchen, zu befassen. Nun aber durfte er von dem Edukationsrate noch alles hoffen.

Im Pavillon, der am Ende des in eine Spitze auslaufenden Gärtchens stand, sah er ein junges Mädchen mit Blumen beschäftigt. Sie kniete vor den Töpfen, in welche sie Samen und Sprossen senkte. »Mademoiselle ...« sagte er, und wollte den Auftrag der Rektorin ausrichten. Welche Überraschung für ihn, als sie sich wandte, erhob, und er das Hausmütterchen aus der Försterei erblickte!

Sie war es, Cornelie. Aber welche Verwandlung! Aus dem Kinde war die Jungfrau geworden. Er stand, durch die unerwartete Begegnung aus der Fassung gebracht, verloren in den Anblick dieser reizenden Jugendblüte, und konnte kein Wort vorbringen. Sie dagegen schien von seiner Erscheinung nur erfreut zu sein, und begrüßte ihn mit holder Unbefangenheit. Er wollte sich erkundigen, wie sie hieher komme, als vom Hofe der Ruf der Rektorin nach ihr ertönte. Mit fliegenden Worten konnte er ihr nunmehr nur sagen, daß er unter fremdem Namen hier sei, daß auch sie ihn bei diesem nennen müsse, und die Wahrheit nicht verraten dürfe. Sie erschrak und flüsterte bestürzt: »Ach Gott, das wird mir schwer werden!« Er faßte sie bei der Hand, und beschwor sie, ihm dennoch den Gefallen zu tun, es sei etwas ganz Unschuldiges. Die Rektorin trat in den Garten, Cornelie zog ihre Hand aus der seinigen, und eilte jener ängstlich entgegen.

Hermann hatte sich vorgenommen gehabt, sogleich zum Edukationsrate zu gehn, fühlte sich aber nach diesem Vorfalle zu beunruhigt, und suchte das Freie, um sich zu sammeln. Die[169] Gegend war die anmutigste, die man sich denken kann; Hügel, mit dem frischesten Laubholze bestanden, liefen in sanften Linien bis beinahe an die Tore des Orts, der mit Ringmauer, Türmen und Graben, altertümlichen Ansehens, dazwischenlag. Hermann setzte sich auf eine Wiese, die von roten, gelben und weißen Blumen ganz bunt war, und genoß den Überblick.

Ein Hirt, der in der Nähe stand, und dessen Ziegen und Schafe zwischen den Büschen umher grasten, trat zu ihm und sagte: »Wenn der Herr meinem Rate folgen will, so steht Er auf, die Stelle ist ungesund, Er kann den Schwindel dort bekommen.« Wirklich hatte Hermann ein leichtes Übelbefinden verspürt, als er sich niedergesetzt hatte. Es verlor sich, sobald er aufstand. »Woher wißt Ihr das, Landsmann«, fragte er den Hirten. Dieser versetzte: »Das Vieh frißt dort nichts, es geht in einem Bogen um die Stelle, wie Sie an den Kräutern sehn können. Ein Gift muß da in der Erde verborgen sein.«

Hermann bemerkte, daß die Gräser an der Stelle unberührt üppig emporgeschossen waren, während ringsumher der Zahn der Tiere die Halmen abgenagt hatte. Er fühlte sich versucht, mit dem Hirten, der aus klugen Augen schaute, das Gespräch fortzusetzen, und erfuhr eine Menge von Ernten- und Wetterprophezeiungen. Als er seine Zweifel kundgab, und fragte, wie der Hirt das alles erfahren habe, versetzte dieser: »Es trifft doch zu. Die Leute in der Stadt sehn von ihren Fenstern immer nur auf die Straßen und gewahren höchstens ein kleines Stückchen Himmel, und da meinen sie, kein Tag sei dem andern gleich, und wenn sie das grüne Gemüse bekommen, verwundern sie sich, weil sie es nicht wachsen gesehen haben. Wir aber, die wir immer im Freien sind, merken, wie es mit Wolken und Wind, Wärme und Kälte und Wachstum steht, und ich versichre Sie, es geht jahraus jahr ein immer in einem fort. Ich habe oft meine Gedanken, wenn die Herrn über die Erziehung, wie sie es nennen, sich streiten, und meine: ›Fragtet ihr den Hirten um Rat, der würde es euch sagen.‹«

»Welche Herrn?«

»Der Herr Rektor, und der andre. Sie trinken ihren Kaffee zuweilen in meinem Baumgarten, weil sie von dort die schöne[170] Aussicht, wie sie es nennen, haben, und ich muß ihnen das Feuer dazu besorgen. Sie haben immer ihr Gespräch, wie man die Kinder am besten in die Höhe bringen soll, und sie treffen es beide nicht.«

»Wie würdet Ihr denn die Kinder erziehn, Freund?« fragte Hermann.

»Mehr wie das Vieh«, antwortete der Hirt. »Die Hauptsache bleibt das Waschen und Kämmen, das Füttern, und daß keins sich überfrißt. Für alles übrige sorgt der liebe Gott. Aus einem Schaflamme wird mein Tage keine Ziege, und aus einem Zickchen niemals ein Schwein. Aber soviel ich von den Worten der gelehrten Herrn verstehe, wollen sie immer auf dergleichen mit den Kindern hinaus. Da kommt der eine Herr eben mit seinen Söhnen.«

Ein kleiner rascher Mann trat aus einem Hohlwege, gefolgt von vier bis fünf Knaben. Er stand auf der Wiese still, stützte sich auf seinem Stock, schaute umher und fragte dann den Hirten: »Was meint Ihr, Schäfer? gibt es eine gute Ernte heuer?«

»Die Eichhörner haben noch nicht fertig gebaut, Herr Rat«, versetzte der Hirt; »es läßt sich noch nicht sagen.«

»Wie kann sich die Ernte nach dem Bauen des Eichhorns richten?«

»Wenn das Eichhorn sein Nest sehr dick baut, so gibt es Regen und kühle Witterung bis Fronleichnam, und danach kommt eine gute Ernte. Bauen sie dünn, so folgt Dürre und Trocknis und die Saat verbrennt in der Erde.«

Hermann trat mit einer höflichen Verbeugung zum Edukationsrat, sagte ihm ungefähr das nämliche, womit er sich bei der Rektorin eingeführt hatte, und bat um die Erlaubnis, ihn besuchen zu dürfen. Der andre verhielt sich zwar darauf freundlich, aber doch ganz trocken und kurz, und Hermann konnte bemerken, daß die Schmeichelei auf diesen Mann keinen Eindruck machte. Desto gesprächiger ward er, als ihn jener auf sein System brachte, welches ein Gemisch von Basedowischen, Pestalozzischen und Jacototschen Reminiszenzen war.

Während dieser Unterredung hatten die Knaben umher ihr Wesen getrieben. Zu seiner Verwundrung hörte Hermann, daß[171] sie einander nicht bei den Namen, sondern nach Ständen riefen. Hinter dem Gebüsche fiel ein Schuß; einer der Knaben kam mit der Vogelflinte und dem Erlegten heraus, und wurde von einem zweiten als Förster angesprochen mit der Frage, was er geschossen habe? Der Förster versetzte: »Ich weiß es nicht, besieh du ihn, Naturforscher.« Der Naturforscher nahm den Vogel, betrachtete Brust, Rücken und Flügel, und sagte: »Es ist die gemeine Amsel; turdus merula. Linné.« Ein kleiner muntrer Junge verließ sein Spielwerk von Sand und Steinen an der Erde, sprang neugierig zu den Brüdern und wurde der Baumeister genannt. Außerdem war noch ein Pastor zur Stelle, ein stiller Knabe, der blöde vor sich hinsah.

»Wie soll ich die Benennungen verstehen, welche sich Ihre Söhne untereinander geben?« fragte Hermann.

»Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ist es mein Grundsatz, die mir anvertrauten Zöglinge auf dem kürzesten Wege zu Menschen, welche dem wirklichen Leben angehören, auszubilden«, erwiderte der Edukationsrat. »Ich wünsche sie ohne Umschweife zu dem zu machen, wozu man nach der alten Manier nur infolge der schmerzlichsten Pilgerschaft wurde, nämlich zu Bürgern. Deshalb ist in meinen Lehrplan nur das aufgenommen, was sie in ihrem künftigen Berufe unmittelbar brauchen: Länder- und Völkerkunde, Gewerbe, Naturwissenschaft, Geschichte der neuesten Zeit. Von Sprachen, namentlich von den toten, nur das Notdürftigste. Ich leugne die Würde des Gelehrten nicht, aber die Menschen so erziehen, als ob sie alle Gelehrte werden sollen, heißt das Bette des Prokrustes von neuem in Anwendung bringen.

Am günstigsten steht die Aufgabe des Jugendbildners, wenn früh sich entschiedne Neigungen zeigen, die den künftigen Stand vorbedeuten. Denn der Stand ist eigentlich der Mensch. Dieses Glück hatte ich bei meinen Söhnen. Sobald die beiden ältesten nur auf ihren Füßen stehn konnten, schleppten sie an Steinen, Pflanzen, toten Tieren herbei, dessen sie habhaft wurden. Ich bemerkte indessen, daß der eine sich mehr mit dem Erbeuten, der andre mehr mit dem Trocknen und Aufbewahren abgab. Auch verließ den ersten bald die Lust am Mineralreiche; er wandte sich ganz zum Vegetabilischen und Animalischen.[172] Steckte nun also nicht in jenem der geborne Jäger, und in diesem der Naturforscher? Der Kleine dort, der Baumeister, schnitt, seitdem er die Hände zu regen vermochte, Figuren in Papier und Pappe aus, und der Pastor, über den ich am längsten unklar gewesen bin, hat mich endlich dadurch von seiner Anlage überzeugt, daß er stundenlang still sitzen, und dann plötzlich aus dem Stegreife anfangen kann, Verse zu deklamieren. Anfangs gaben wir die Namen, welche Ihre Aufmerksamkeit erregt haben, den Knaben zum Scherz, nach und nach ist bei uns und ihnen, ja in der ganzen Anstalt daraus Ernst geworden, und sie werden nun in jeder Hinsicht so behandelt, als seien sie das schon, was sie werden sollen.«

Hermann fühlte, daß man mit diesem Manne in der Kürze handelseins werden könne. Er fragte ihn, ob in seinem Hause auch Mädchen erzogen würden?

»Allerdings«, versetzte jener. »Mit ihnen hat aber lediglich meine Frau zu tun, ich bekümmre mich nicht um sie. Wir nehmen auch nur solche auf, welche durch irgendeine üble Gewohnheit oder einen eingewurzelten Fehler, meiner Frau, welche einen außerordentlichen Tätigkeitstrieb hat, ein Interesse gewähren. Gute, reinsittliche Kinder gehören nirgends anders hin, als unter die Flügel der Mutter, und das neuere Pensionswesen führt nur zur Koketterie oder zur Bleichsucht. An den Verwahrloseten aber verrichtet meine Frau wahre Wunder der Besserung.«

Diese Erklärungen waren, wie sie Hermann nur wünschen konnte. Er trug dem Pädagogen sein Anliegen vor und verschwieg nicht, daß Flämmchen diesem vielleicht nur zu unbändig erscheinen werde.

»Das hat nichts zu sagen«, versetzte der Edukationsrat. »Wenn Sie meine Frau kennenlernen, werden Ihre Zweifel schwinden. Die Sache ist abgemacht; wir haben grade einen Platz offen, da wir gestern eine Gebesserte ihren Eltern zurückschickten. Sie legen die Jahrespension bei mir nieder, und können dann Ihr Komödiantenkind bringen, wann Sie wollen.«

Beide gingen miteinander den Abhang hinunter, dem Tore zu; der Hirt aber, welcher ihrem Gespräche kopfschüttelnd[173] zugehört hatte, sagte: »Wenn ein Stück krank wird, so nehme ich mich der Kreatur an; aber das sollte mir fehlen, eine räudige Herde mir zusammenzubetteln.« Er wollte sich hierauf in der Mitte der Ziegen und Schafe niedersetzen, um sein Brot mit Käse zu verzehren, als sich ihm vom Walde her eine sonderbar aussehende Figur näherte, welche wir später kennenlernen werden.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 169-174.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Epigonen
Die Epigonen; Familien-Memoiren in Neun Buchern (1)
Die Epigonen (2); Familienmemoiren in 9 Buchern
Die Epigonen: Familien-Memoiren in Neun Büchern (German Edition)
Die Epigonen: Familienmemoiren in Neun Büchern (German Edition)
Schriften: 7. Bd. Die Epigonen (German Edition)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Feldblumen

Feldblumen

Der junge Wiener Maler Albrecht schreibt im Sommer 1834 neunzehn Briefe an seinen Freund Titus, die er mit den Namen von Feldblumen überschreibt und darin überschwänglich von seiner Liebe zu Angela schwärmt. Bis er diese in den Armen eines anderen findet.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon