Fünftes Kapitel

[181] Gestärkt durch einen freundlichen Gruß Corneliens, welche ihm frisch wie der Morgen begegnet war, ging er andern Tages, sobald es ihn schicklich dünkte, zum Edukationsrat. Sie schien ihm freier zu sein, als gestern.

Bei dem Edukationsrate hatte er bald sein Geschäft in Richtigkeit gebracht. Nun lernte er auch die Frau des Erziehers kennen. Er fand sie allerdings geeignet, dem Systeme, wonach hier eingewurzelte Fehler ausgetrieben werden sollten, Nachdruck zu verschaffen. Sie war von ungewöhnlicher Größe, starken Gesichtszügen; auf ihrer Oberlippe ließ sich ein leichtes Bärtchen nicht verkennen. »Nach Ihrer Erzählung ist das Kind, dessen Sie sich annehmen, mittellos, folglich zum Dienen bestimmt«, sagte sie zu Hermann. »Ich werde sie daher mit besondrer Strenge zum Kochen, Backen und Spinnen anführen, und wenn sie soweit ist, sich selbst zu helfen, ihr eine Kondition verschaffen.«

Hermann mußte hierauf mit den beiden Ehegatten einen Gang durch das Gebäude machen, um alle Einrichtungen zu beaugenscheinigen. Das Haus war früher ein städtisches Mehlmagazin gewesen, und konnte noch nicht ganz seine vorige Bestimmung verleugnen. Denn abgesehen davon, daß darin, nach der Klage seiner Führer, eine unermeßliche Anzahl Grillen zurückgeblieben war, wozu sich, wie sie sagten, nunmehr leider auch beträchtliche Wanzenscharen zu gesellen schienen, so waren auch noch nicht sämtliche Räume zu dem Erziehungszwecke ausgebaut. Der Edukationsrat hatte mit mäßigen[181] Geldkräften anfangen müssen, zu wirtschaften, und so grenzten denn noch weite, wüste Speicher mit Lukenöffnungen an Wohnzellen und Lehrzimmer.

Über mehreren Türen stand mit großen Buchstaben der Spruch:


Nach Freiheit strebe der Mann,

Das Weib nach Sitte!


»Ist Ihnen diese Maxime so wichtig?« fragte Hermann.

»Ganz gewiß«, versetzte der Edukationsrat, »denn in diesen zwei Zeilen ist die Bestimmung der Geschlechter vollständig ausgedruckt, und alles, was noch sonst darüber gesagt werden mag, ist nur ein Kommentar jener Verse. Leider bekomme ich nur meine Zöglinge nicht so unverbildet, wie ich meine eignen Knaben erhalten habe. In der Regel ist ihnen durch Zwang schon allerhand eingeimpft, was denn erst wieder heraus muß, damit nur die Natur zum Vorschein kommt und ich sehe, wozu eines jeden Sinn und Neigung ihn führt. Habe ich das erkannt, so ist eigentlich das Hauptgeschäft getan, und die junge Raupe frißt sich, wenn ich ihr nur die Blätter gebe, worauf ihr Instinkt sie angewiesen hat, von selbst zum Schmetterling.«

Hermann mußte über dieses seltsame Gleichnis lächeln und wandte ein, daß wenn man sich nach eines jeden Neigung richten wolle, man so viele Erzieher haben müsse, als Kinder in die Welt gesetzt würden.

»Ein System ist nur unter Beschränkungen auszuführen, das versteht sich von selbst«, versetzte nicht ohne Empfindlichkeit der Realschulmann. »Annähernd aber kann man allerdings verfahren, und um ein Beispiel zu geben: Ich quäle diejenigen, welche einen entschiednen Sinn für Mathematik und Zeichnen verraten, nicht mit der Technologie, und so umgekehrt. Das glücklichste wäre, wenn meine Methode nach und nach zur Aufhebung der Universitäten führte, die in ihrer jetzigen Gestalt wahre Invalidenanstalten des Geistes sind. Wenigstens müßte die philosophische Fakultät, in welcher man alles Wichtigste: Geschichte, Geographie, Naturkunde und was sonst noch, zusammengerührt hat, in Spezialschulen auseinandergelegt werden. Geschichte kann man nur lernen in einer Gegend,[182] wo die verschiednen Perioden der Vergangenheit ihre Niederschläge in Denkmalen, Sprache und Sitten abgesetzt haben; ebenso Erdkunde und Physik nur an wirklich bedeutenden Naturpunkten. Was Jurisprudenz und Theologie betrifft, so möchten diese immerhin bleiben, wo sie sind, und die Philosophie kann freilich auch überall und nirgends gelehrt werden.«

»Mit deinem Systeme hat es noch weite Wege«, sagte die Edukationsrätin, welcher Hermann die Ungeduld angesehen hatte, auch zum Wort zu gelangen. »Desto kürzer ist das meinige auszuführen. Ja, mein Herr, das Weib strebe nach Sitte! das ist die ganze Weisheit weiblicher Erziehungskunst. Und was heißt Sitte? Gehorsam, Fleiß. Daher: um fünf Uhr morgens aufstehen, gehorchen, bis neun Uhr abends die Hände nicht in den Schoß legen, und dann wieder zu Bett! Alles andre ist ganz unnütz, wir lernen nichts aus Büchern, sondern nur durch Umgang und Menschen. Wenn sie heiraten und Kinder bekommen, wird Klavierspielen und Französisch an den Nagel gehängt. Stille, Liebe, Verträglichkeit, bescheidnes Fügen, das sind die Eigenschaften, welche uns ziemen und zieren.«

Sie bekam gleich Gelegenheit, diese Tugenden einzuschärfen, und zugleich den Besuchenden von ihrem Ansehn zu überzeugen. Denn in einer an den Gang, über den sie wanderten, stoßenden Stube, worin Hermann kurz zuvor eine Menge junger Mädchen bei häuslicher Arbeit eingepfercht gesehen hatte, erhob sich ein ungemeiner Lärmen und heftiger Streit. Sofort rief die Edukationsrätin mit donnernder Stimme: »Still!« und stampfte mit dem Stocke, den sie beständig in der Hand führte, heftig auf den Fußboden; worauf augenblicklich die tiefste Ruhe eintrat.

Beim Abschiede legte der Edukationsrat Hermann die Hand auf die Schulter, und sagte mit Feierlichkeit: »Ich freue mich, einen Mann gefunden zu haben, der mit Aufmerksamkeit Grundsätze anhört, von welchen, wenn sie durchdringen, die Erneuung des Menschengeschlechts beginnen muß. Mehr könnte ich wirken, wenn mir der Rektor mit seinem Gymnasio nicht auf dem Halse säße. Dieser Mann, sonst ein achtungswerter Gelehrter und gewissermaßen mein Freund, schadet mir durch sein falsches Beispiel über alle Begriffe. So muß ich notgedrungen[183] Ferien halten, weshalb Sie auch jetzt alle Knabenzimmer leer sehn. Denn obgleich sie das ganze Jahr hindurch nur spielend lernen, und also einer besondern Erholungszeit nicht bedürfen, so regt sich in ihnen jedesmal eine unbezwingliche Unruhe, wenn sie die Gymnasiasten abziehen sehn, und ich muß sie dann wider Willen entlassen. Deshalb habe ich auch vor, wenn es sich irgend tun läßt, fortzuziehn, und meine Anstalt in eine abgelegne Gegend des Gebirgs, wo sie vor schädlichen Einflüssen gesichert ist, zu verpflanzen.«

Obgleich Hermann in dem, was er von beiden Personen gehört hatte, den guten Willen und auch zum Teil das Richtige nicht verkennen mochte, so war die Lokalität doch wenig geeignet, in ihm die Behaglichkeit hervorzubringen, welche das Haus des Rektors gleich entschieden in ihm erweckt hatte. Denn außer dem Wüsten und wenig Erfreulichen der nicht ausgebauten Räume hatte sein Auge der Anblick mancher Unordnung verletzt, welche in Zimmern und Vorplätzen trotz den Worten der Edukationsrätin sich dort bemerken ließ. Um die Stunden hinzubringen, ging er in die Bibliothek des Rektors, wozu ihm dieser gleich nach den ersten Begrüßungen die Erlaubnis gegeben hatte. Sie war wegen ihrer Größe nicht im Studierzimmer aufgestellt, sondern hing nur mit diesem durch ein kleines Gemach zusammen. Ausgestattet mit allem, was zur klassisch-philologischen Rüstkammer gehört, war sie besonders reich an Apparaten zum Eutropius. Der Rektor hatte auf eine Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers große Mühe und viele Zeit verwendet, und denn auch ein Werk geliefert, welches in der gelehrten Welt nur rühmlichst genannt wurde.

Es fehlte indessen dieser Büchersammlung ebenfalls nicht an Engländern und Deutschen. Er nahm ein englisches Buch, in welchem Menschen- und Weltverhältnisse aphoristisch betrachtet wurden, zur Hand, um darin zu lesen, und fand einen Satz, der ihn stutzig machte, er wußte nicht, warum? »In flachen Gegenden oder auf dem Meere« sagte jener Autor, »gibt es ein Phänomen, welches man das Heliakallicht nennt. Die Kugel der Sonne bildet sich frühmorgens in den Dünsten ab, welche den Luftkreis durchziehn, das[184] Tagesgestirn scheint schon aufgegangen zu sein, während es in der Tat noch unter dem Horizonte verweilt. Etwas Ähnliches begegnet oft im Leben. Das Schöne, Reizende, Wünschenswerte zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde, wir meinen es dann schon zu besitzen, und doch ist es vorderhand nur ein Schein, der erst einige Zeit später zum leuchtenden und wärmenden Gestirne unsrer Tage werden kann, wenn das Schicksal es uns überhaupt so gönnen will.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 181-185.
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