Siebentes Kapitel

[191] Die beiden Ehepaare gewährten einen eignen Anblick. Der lange und hagre Rektor saß neben der großen Edukationsrätin, deren kleiner Ehegatte bei der kurzen Rektorin seinen Platz gefunden hatte. Wenn man die verschiednen Längen dieser Personen sich mit Linien umzogen dachte, so kam fast die Figur eines lateinischen Z heraus. Das Gespräch war ziemlich einsilbig; der junge Konrektor sah sich nach Wilhelminen um, die abwesend war und das Mahl bereiten half, Cornelie, welche Tee einschenkte, wartete ängstlich auf Hermann, der sich noch nicht hatte blicken lassen; dem Rektor lag, wie man ihm deutlich ansah, etwas auf dem Herzen.

Nach einigen nichtsbedeutenden Reden und Gegenreden befreite er seine Brust. »Ehe wir eins in das andre reden«, sagte er zum Edukationsrat, »erfordert es die Pflicht, Ihnen, werter Freund, eine Entdeckung zu machen. Sie haben oft für gut gefunden, meine Warnungen zu verachten, die heutige darf deshalb doch nicht unterbleiben. Ihre Söhne haben in der hiesigen Offizin die gefährlichsten Substanzen angekauft, Dinge, womit sie die Gesundheit, ja das Leben selbst in Schaden setzen können.«

»Ist mir schon bekannt«, versetzte der Edukationsrat sehr ruhig. »Vitriolsäure, Eisenfeilspäne, Schwefel, Salpeter, nicht wahr? der Naturforscher und der Baumeister wollen gemeinschaftlich damit einen künstlichen feuerspeienden Berg verfertigen, wozu sie die Anleitung in Wieglebs ›Natürlicher Magie‹[191] gefunden haben. Man wirft einen Erdhügel auf, setzt den Topf mit dem Gemische hinein, verbindet diesen Herd durch eine Kraterröhre mit der äußren Luft, verstopft die Mündung; nach einigen Stunden ist die Gärung der Stoffe, die Entwickelung der Gasarten vollendet, der Propfen wird vom Krater hinweggezogen, und es gibt eine feurige Entladung, welche im kleinen die gewaltige Naturerscheinung recht artig darstellen soll. Ich freue mich selbst auf das Gelingen dieses interessanten Experiments.«

»Quid?« rief der Rektor. »Ist es möglich? Freund, Sie stehn an einem Abgrunde, und werden, wenn Ihnen das Haus über dem Kopfe angezündet worden, oder einer Ihrer Knaben exanimis auf der Bahre liegt, vergebens beklagen, nicht gehört zu haben.«

»Die Natur«, sagte der andre, »verletzt nur den, der sich scheu vor ihr zurückzieht. Dreiste Vertraulichkeit mit ihren Kräften zähmt sie. Sitzen über den Büchern bildet Feiglinge, und es ist einer der gröbsten Irrtümer, die Alten, welche sich grade durch ihr inniges Gefühl für die sie umgebende Welt auszeichneten, zu Werkzeugen einer solchen Verzärtelung zu machen.«

Hierauf setzte der Rektor die Pfeife in den Winkel und nahm eine starke Prise. Die Abwechselung dieser Genüsse war für die Kundigen immer ein Vorzeichen des herannahenden Sturms. Die Frauen legten die Strickzeuge weg, wie sie bei solcher Gelegenheit zu tun pflegten, um als aufmerksame Richterinnen dem Kampfe vorzusitzen. Noch aber sollte durch die Erscheinung eines Dritten der Ausbruch verschoben werden.

Der Fremde, den wir von seiner Hauptbeschäftigung den Hindu nennen wollen, trat zur Gesellschaft. Dieser Mann hatte so oft die Schwerfälligkeit deutscher Gelehrten verspotten hören, daß er sich vorsetzte, in seiner Person eine Ausnahme darzustellen. Er trug sich ungeachtet seiner hohen Jahre noch wie der jüngste Modeherr, und hatte seine Manieren durchaus nach Pariser Mustern einzurichten sich bestrebt.

Als der Hindu den mitten in anständiger Gesellschaft in Schlafrock und Pantoffeln dasitzenden Rektor wahrnahm, geriet er außer Fassung, und starrte den Verstoß gegen die[192] Sitte einige Sekunden lang an, bevor er die herkömmlichen Begrüßungen finden konnte. Doch erholte er sich, streichelte mit leichter zärtlicher Handbewegung die Ordenszeichen, welche seine Knopflöcher zierten, und kam durch diese Berührung wieder zum Gefühle seiner selbst.

Es gelang ihm sofort, einige französische Epigramme vorzubringen, die niemand in diesem Kreise verstand, und darauf in den leichten Weltton zu fallen, den er so sehr innezuhaben glaubte.

Bald hatte er sich des Gesprächs bemeistert, und da er gehört, daß vornehme Personen nie von wichtigen Dingen, welche sie zunächst berühren, zu reden pflegen, so hielt er die Abschweifung zu gelehrten Diskussionen mit einiger Gewalt fern. Er erzählte dafür lieber ausführlich das Abenteuer vom Verluste seiner goldnen Brille, welches, da diese Brille, wie er sagte, unersetzlich sei, und er weder eine silberne noch eine von Horn im Gesichte zu dulden vermöge, ihn zwinge, vorderhand unbewaffneten Auges umherzuwandeln, wodurch seiner Kurzsichtigkeit manches Mißverständnis bereitet werde. Von dieser Kurzsichtigkeit, wenn es nicht Zerstreuung gewesen, legte er gleich einen auffallenden Beweis ab, der selbst dem Rektor, welcher sich sonst ziemlich mürrisch verhielt, ein Lächeln entlockte. Der Fremde saß nämlich zwischen der Rektorin und Cornelien, und war der Pflichten seines Platzes, wie man merkte, vollkommen eingedenk. Nur begegnete es ihm dabei, daß er die Rektorin für die Tochter und Cornelien für die Mutter ansah, denn er verwandte an jene galante Scherze, und behandelte diese mit achtungsvoller Kälte.

Man wurde ganz fröhlich; die Männer suchten durch allerhand übertriebne Behauptungen die Stimmung des Fremden zu steigern, die Frauen teilten einander ihre Bemerkungen über seine Perücke und über die berühmte Spiegeldose mit, welche er von Zeit zu Zeit hervorzog, um sich verstohlen in Augenschein zu nehmen. Cornelie war gegangen. Hermann kam und brachte Weltneuigkeiten mit, die er auf dem Kaffeehause in den Zeitungen gefunden hatte, kurz der Abend schien sich zu einem allgemeinen Frieden anzulassen.[193]

Unglücklicherweise erwähnte Hermann der Untersuchungen gegen demagogisches Unwesen, die mit besondrem Eifer grade damals wieder aufgenommen worden waren. Söhne angesehener Familien waren plötzlich verhaftet worden; der Argwohn hatte seine Schatten in schon gegründete bürgerliche Verhältnisse geworfen. Man beklagte den unglückseligen Schwindel der Jugend, welcher sie selbstmörderisch treibe, ihre ganze Heiterkeit und Frische sich so jämmerlich zu verderben. Der Rektor nahm hievon die Veranlassung zu bemerken, daß das ganze Unheil davon herrühre, daß in den neuesten Zeiten die eigentlich gelehrte Bildung vernachlässigt zu werden beginne.

»Die Beschäftigung mit den Alten«, sagte er, »drückt in die junge Seele das Bild eines vollkommnen in sich zusammenhangenden Lebens. Ein einziger Vers des Horaz, eine Sentenz des Tacitus wirft über ganze Strecken ein mächtiges Licht. Nennen Sie mir etwas, was gleich mit solcher Gewalt die Seele ausweitete, als die bloßen Namen: Rom, Athen. Nicht unpassend hat ein großer Dichter und Weiser gesagt, man fühle sich wie in einer Montgolfiere schwebend, sobald man Homer zur Hand nehme.«

»Die Gleichnisse hinken«, versetzte der Edukationsrat, »man könnte aber auch sagen: sie sind Fackeln, die den Pfad dessen, der auf unrechten Wegen geht, erhellen. Ja leider, leider, haben wir in der Luft geschwebt, seit Jahrhunderten in der Luft geschwebt, und es dürfte nicht schwer sein, nachzuweisen, daß auch die Fehltritte jener unglücklichen Jünglinge nur das Stolpern derer sind, die aus der Wolkenhöhe endlich wieder auf festem Grund und Boden sich niederlassen. Dieses ganze politische Traumgebäude ist denn doch weiter nichts, als der Nachklang gewisser Schulbegriffe, die lange Zeit in den Auditorien eingesperrt, durch die unruhige Gegenwart an die Oberfläche des wirbelnden Tages geschleudert worden sind.«

»Die Schulbegriffe, wie Sie sie nennen gaben dem Leben der ersten Staatsmänner seinen Halt«, sagte der Rektor. »An solchen Schulbegriffen haben der große Chatham und sein großer Sohn sich auferbaut; Cannings Reden sind voll von klassischen Zitaten.«

»Weshalb man auch sagt, daß sie nach dem Schimmel riechen«, fiel der Edukationsrat ein.[194]

»Überhaupt meine ich, daß ein ganz andrer Einfluß, als den Sie beide im Auge haben, bevorsteht«, hob der Hindu mit einer gewissen graziösen Feierlichkeit an. »Ich darf wohl sagen, daß ich das klassische Altertum kenne, ich war der erste, der die Mangelhaftigkeit des Vossischen Hexameters aufdeckte; ich habe es vorausgesagt, daß die reinen Trochäen in diesem Metro auch ganz verworfen werden würden, und ich denke, daß der Vers:

Wieder zur Ebene rollte der frech sich empörende Steinblock ein wenig besser klingt als das:


Donnergepolter des tückischen Marmors


über welches wir, sobald es durch Germanien zu poltern begann, gleich unsre herzliche Freude hatten. Nachmals, als ich das Glück hatte, jener Frau anzugehören, die, man kann wohl sagen, eines europäischen Rufes genoß, machte ich sie oft zu lachen, wenn ich ihr den fraglichen Vers zum Beweise für den Wohllaut unsrer Sprache vorsagte, sie versuchte ihn dann nachzusprechen, kam aber nie damit zustande, besonders machte ihr jenes so kraftvoll gebildete Wort, worin sozusagen, der große Philologe, Dichter und Kämpe für Wahrheit und Recht sich völlig inkarniert zeigt, viele Schwierigkeit; sie sprach es immer à la française aus, etwa so: tonnère guepoltère, und vergebens war meine ganze Didaskalie. Ich weiß nicht, ob Sie aus jener Zeit mein Epigramm auf Napoleon kennen, welches ich machte, als Canova seine Statue verfertigte. Dieses Witzwort hatte einer meiner amerikanischen Freunde gehört, und ließ es in der ›Baltimorer Zeitung‹ abdrucken, von wo es denn wieder dem Tyrannen zu Ohren kam; daher sein Haß auf mich, der mich etwas in den Bemühungen störte, die ich dazumal noch immer dem ›Tristan‹ zugewendet hatte. Ich habe zuerst auf dieses Gedicht hingewiesen, worin süße Frische, Lüsternheit und Unschuld den Becher mit bezauberndem Getränk füllen, unerwartet fand ich vor einigen Monaten eine dritte, weder von Ulrich noch von Heinrich herrührende Fortsetzung, deren Verfasser ich noch nicht habe entziffern können; es ist sehr leicht, bei diesem Gedichte an Ariost zu denken, aber welch ein Abstand!«[195]

Er war hierauf im Begriff, das erste Buch des Ariost auswendig herzusagen, als man ihn erinnerte, daß er von einem Einflusse haben reden wollen, der die Alten verdrängen werde. Er besann sich, und führte nicht ohne Beredsamkeit aus, daß in dem mit so regem Eifer erwachten Studium des Orientalischen sich die gemeinte Wirkung anzudeuten scheine.

»Die Modernen sind einmal Aneigner und Verarbeiter«, sagte er. »Seitdem Petrarca sein Gedicht ›Africa‹ schrieb und es über die süßen Reime stellte, die ihn unsterblich gemacht haben, ist nun ein halbes Jahrtausend verflossen. Mich dünkt, es wird Zeit, sich nach einem andern Kompendium umzusehen, und welches Füllhorn neuer Begriffe, wunderbarer Anschauungen öffnet uns der Orient! Ich arbeite an einem Werke über die Elefanten und über die Bedeutung dieses Tiers in den Epen vom Ganges. Der ›Mahabharata‹, der ›Ramayana‹, der ›Brahma-Purana‹ ...«

»Quousque tandem ...« murrte der Rektor. »Ich kann über diese Dinge nicht gelehrt mitsprechen, weil ich sie nur aus Exzerpten und Rezensionen kenne. Aber was darin steht, macht mich nach dem übrigen nicht lüstern. Monstrum informe, ingens, cui lumen ademtum! Ich glaube, daß der Inhalt jener Gedichte, alle die Tiger, Affen, Gänse, Gazellen, die ungeheuerlichen Büßungen, welche eintreten, wenn einer ausspuckt, oder sonst etwas Natürliches verrichtet, wo er es nicht soll, weil irgendein Ölgötz mit Schweinsrüssel im Tulpenkelch sitzend, dies nicht leiden kann, daß, sage ich, alle diese riesenhaften Puerilien der Welt nicht so viel Licht geben, als der letzte der Klassiker in einer schlechten Waisenhauser Ausgabe ihr geschenkt hat. Übrigens wird das alles auch nur dicis causa traktiert, ich weiß es wohl, und im Grunde ist's verkappter Katholizismus, der mit uraltem Bonzen- und Pfafftume eingeschwärzt werden soll. Aber:


Tumm machen lassen wir uns nicht,

Wir wissen, daß wir's werden sollen!«


Diese sonderbare Grille des Rektors gab nun Veranlassung zu noch heftigeren Debatten, in welchen der Hindu zuletzt den begeisterten Anhänger der evangelischen Lehre spielte,[196] obgleich er, wenn wir die Wahrheit gestehn sollen, gleich Falstaff vergessen hatte, wie das Inwendige einer Kirche aussieht. Die ausschweifendsten Dinge wurden infolge dieses Streites behauptet, der sich denn doch bald wieder auf die Jugend und ihre Führung zurückwandte. Der Konrektor war inzwischen eingetreten, und brachte die vierte Stimme zu diesem Hausund Gesellschaftskonzerte. Die beiden Alten, der Rektor und der Edukationsrat, wiederholten fast mit denselben Worten ihr Thema; dazwischen wogten Persien und Indien, Nibelungen und Parzival. Es blieb sonach unentschieden, ob das heranwachsende Geschlecht gen Latium oder Delhi geführt werden, ob es an Minne und Ritterkampf sich auferbauen, oder in früher bürgerlicher Hantierung erstarken solle, denn jede Meinung hatte einen kräftigen Verfechter, dem es nicht an triftigen Gründen fehlte.

Plötzlich rief die Edukationsrätin mit ihrer Stentorstimme: »Was ist das? Es riecht nach Schwefel!« Alles schwieg. Der Gestank war nicht zu verkennen, zugleich hörte man ein sonderbares, aus Zischen, Wimmern und Heulen zusammengesetztes Geräusch ganz in der Nähe des Gartenhäuschens. Indem man noch verwundert und erschreckt über dieses Abenteuer sprach, stürzte eine Magd mit dem Rufe herein: »Kommen Sie um Gottes willen! Die Jungen sind alle verbrannt!«

Bestürzt folgten ihr die Streitenden, Hermann, die beiden Frauen. Nur der Hindu blieb zurück. Er nahm sich vor, diesen Augenblick zu seinem Abzuge zu benutzen; denn es mißfiel ihm höchlich hier. Er tappte also durch die Dunkelheit nach seinem Wirtshause. Unterwegs fielen ihm einige Epigramme auf die Rustizität der deutschen Gelehrten ein, die nachmals auch der Welt bekannt geworden sind.[197]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 191-198.
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