Zweites Kapitel

[12] Zufällig hatten sie einander in dem Dorfe, wo beide tags zuvor eingetroffen waren, gefunden. Manche Erinnerungen verknüpften sie, der Abend und ein Teil der Nacht war unter Gesprächen hingegangen. Als Hermann die Gestalt des Freundes hinter den Stämmen verschwinden sah, schlich eine unangenehme Empfindung über sein Herz. Ihm war, als gehe seine Vergangenheit von ihm, er kam sich wie ein ausgesetzter Findling vor. Beinahe wäre er aufgesprungen, jenen zurückzurufen, und sich Fränzchens Liebespfänder wiederzuerbitten, hätte[12] ihn nicht die Scheu vor dem Ausbruche einer solchen Weichlichkeit an seinen Sitz gefesselt.

»Ihr grünen Kräuter, ihr schlanken Stauden, ihr kräftigen Bäume, wie beneide ich euch!« rief er aus. »Ihr steht so gesund da, so selbstvergnügt, daß euch die kränklichen Menschen, die ihr unter euch umherschleichen seht, recht zum Hohn und Spott dienen mögen. Der Frühling ruft eure Knospen hervor, der Sommer schenkt euch Laub und Blüten, der Herbst bringt euch, wie Wiegenkinder, zur Ruhe. Die Knospenzeit denkt nicht an die Blütenmonde, und wenn eure vollen Kronen in den warmen Lüften schaukeln, sie erschrecken nicht vor der Ahnung winterkahler Zweige! Wir armen Menschen! Wir Frühgereiften! Wir haben keine Knospen mehr, keine Blüten;

mit dem Schnee auf dem Haupte werden wir schon geboren. Wahrlich, unser Los ist ein recht lächerlicher Jammer! Daß man heutzutage so früh gescheit wird, gescheit werden muß, daß es gar nicht möglich ist, die törichten Streiche bis in die Dreißig mit hinüberzunehmen! O gäbe mir ein Gott die glückliche Dunkelheit, die hoffnungsreiche Nacht, statt des kalten Lichtes, welches Verstand und Erfahrung uns Spätlingen unwiderstehlich anzünden.«

Zwei Arme strickten sich um seinen Nacken, zwei weiche, warme Händchen hielten ihm die Augen zu. Erschrocken wollte er sich losmachen, das Ding hinter ihm vereitelte durch aalartiges Drehen und Wenden seine Bestrebungen. »Nun hast du ja, was du wolltest, die Finsternis vor den Augen!« rief eine zarte Mädchenstimme. Endlich bekam er das Gesicht frei. Er sah sich um. Ein wunderhübscher Kopf stak, wie das Haupt der Dryas, zwischen den Aststumpfen des Baums, unter welchem er gesessen hatte. Er zog das Wesen hinter dem Stamme hervor. Es war ein schönes Geschöpf zwischen Kind und Jungfrau.

»Wer bist du? Woher kommst du? Was willst du von mir?« fragte Hermann, der sich von seinem Erstaunen kaum erholen konnte.

»Ich bin Fiametta oder Flämmchen, ich komme aus meiner Grotte hier nebenan, wo ich hörte, was ihr miteinander spracht, du und dein dummer Freund. Was ich von dir will,[13] weißt du, denn die Alte hat es gesagt, und es steht in den Sternen geschrieben.«

Sie schmiegte sich bei diesen Worten an Hermann, und sah ihm zärtlich in die Augen. Dieser wußte nicht, ob er mit etwas Menschlichem oder ob er mit einem neckischen Waldgeiste zu tun habe. Er strich dem Kinde die braunen Haare, die, ungefesselt von Kamm und Nadel, in üppiger Fülle bis zu den Hüften niederwogten. Er wollte fragen, und doch unterließ er es, aus Furcht, einen anmutigen Zauber zu zerstören. Das Kind setzte sich auf seinen Schoß, streifte ihm die Weste auf, legte die Hand auf sein Herz, lehnte den Kopf an, horchte, und sagte dann: »Das klingt, wenn man nur so obenhin zuhört, wie:

›Vorbei! Vorbei! Vorbei!‹ wenn man aber genauer acht gibt, so klopft es: ›Aufs neu! Aufs neu! Aufs neu!‹ – Komm, du schöner Prinz, nach meinem Palaste, du sollst sehen, wo Flämmchen dieser Tage gesteckt hat.«

Sie zog ihn tänzelnd und singend vom Stamm auf, und den Erdwall hinunter, an dessen Kante jener lag. Rasch schlug sie ein wucherndes Gesträuch auseinander, und der Eingang zu einer Art von Grotte wurde sichtbar. Man schien dort früher Ton gegraben zu haben, dadurch mochte die Aushöhlung entstanden sein. Hermann sah bei dem Scheine des gedämpft einfallenden Lichts ein Mooslager, und einen Sitz, aus Steinen zusammengefügt. – Er versuchte, das Mädchen auszuforschen, erfuhr aber nichts weiter, als daß ihr wahrer Vater, wie sie sich ausdruckte, längst gestorben sei, daß sie darauf viele Jahre bei dem falschen Vater zugebracht habe, der in dem Städtchen nahebei hause. Dieser habe sie an einen häßlichen alten Ritter verkaufen wollen, da sei sie ihm entsprungen.

»Und wo hast du dich denn seitdem befunden?« fragte Hermann.

»Hier, im Walde, in der Höhle, du siehst es ja. Da ist mein Lager, und hier mein Sitz. Heute morgen hungerte mich, da fiel mir der Mut, ich weinte und rief meinen toten Vater. Der muß mich gehört haben, denn er schickte mir die Alte, die versprach mir Hülfe, und nun ist die Hülfe da.«

Hermann redete ihr jetzt mit guten und bösen Worten zu, ihm zu folgen, er wolle sie zu dem Vater zurückbringen, und[14] dafür sorgen, daß sie freundlich empfangen werde. Alles Bitten war jedoch vergebens. Endlich beschloß er, Gewalt zu brauchen, da er die Verirrte sich nicht selbst überlassen zu dürfen meinte. Er nahm sie auf den Arm und wollte sie forttragen. Aber heftig riß sich das Abenteuer von ihm los, stieß ein Geschrei aus, welches ihm durch Mark und Bein drang, warf sich gewaltsam zu Boden, und rief, die Hände vorgestreckt, in einem wunderbar schneidenden Tone: »Du willst mich verraten? Du?« Darauf sprang sie empor, der junge knospende Busen flog, ein blutiges Rot überlief ihre Augäpfel, sie schien außer sich zu sein, und nicht zu wissen, was sie begann. Wie eine Wütende zerriß sie das seidne Fähnchen, welches sie trug. Es glitt von ihren Schultern, das Hemd glitt ihm nach, oder warf sie es ab? er konnte es nicht unterscheiden, so rasch waren ihre Bewegungen. Nun stand sie, nur von ihren langen Haaren umflogen, Hermann gegenüber, und unaufhörlich ertönte aus ihren zitternden, dunkelgeröteten Lippen jener Ruf: »Du willst mich verraten? Du?«

Endlich gelang es ihm, sie durch Liebkosungen und Schmeicheleien zu beruhigen. Sie legte die Hand an die Stirne, sah betroffen an sich herab, huschte, schnell wie ein Wiesel, in die dunkelste Ecke der Höhle, und hockte dort in der Stellung nieder, welche die Alten, die jedes Ding am besten verstanden, dem weiblichen Gefühl in einer solchen Lage für alle Zeiten geliehen haben.

Hermann war in der größten Verlegenheit. Was sollte der Unsinn nun anziehn? Das rote seidne Kleidchen war von oben bis unten zerrissen. »Es ist kein andres Mittel«, rief er dem Mädchen zu, »du mußt dich als Knabe kleiden, bis man für dich anderweit gesorgt hat.«

Er klomm aus der Grotte den Erdwall hinauf, zu dem Stamme, auf welchem seine Reisetasche lag. Vorsorglich hatte er Collet und Pantalons für den Fall der Not auf dieser Fußwanderung eingepackt; beides warf er von der Erhöhung dem nackten Kinde hinunter. –

Oben rieb er seine Augen, und fragte sich, ob er wache oder träume? Dann ging er mit großen Schritten unter den Bäumen auf und nieder, denn er fühlte, daß ihm hier ein kräftiges Eingreifen[15] obliege. Er ahnete ein Bubenstück, und beschloß, das Seinige zu tun, die gekränkte Unschuld zu schützen. Als er mit solchen Gedanken einige Male unter den Bäumen auf und nieder gegangen war, sprang ein allerliebster Junge durch das Gesträuch, dem das veilchenblaue Jäckchen und die gestreiften Hosen sehr hübsch standen.

Der Grundtrieb des Geschlechts hatte sich tätig erwiesen. Aller Überfluß an den Kleidungsstücken war so weggebunden, weggesteckt und weggenestelt, daß sie knapp, wie angegossen, saßen.

Flämmchen nahm seinen Arm, und sagte: »Ich will dich nun auf den Weg bringen.« Sie führte ihn durch den Wald, und zwar entgegengesetzt der Richtung, welche er, seinem Reisezwecke gemäß, einschlagen mußte. Jede Spur der Leidenschaft, in welcher Hermann sie gesehen hatte, war verschwunden. »Du hast nichts weiter zu tun«, sagte sie gleichmütig, »als in der Stadt dich nach meinem falschen Vater zu erkundigen, und ihm zu sagen, daß du mich heiraten wollest, dann hat er keine Gewalt mehr über mich, und der alte häßliche Ritter muß von mir ablassen.«

Hermann sah sie mitleidig an. »Die Mißhandlungen, die sie erdulden mußte, haben ihr den Verstand genommen«, dachte er bei sich. Er legte die Hand auf ihr Haupt und sprach: »Ich schwöre dir, du armes Kind, dich nicht zu verlassen.«

Sie standen am Ausgange des Waldes. In einiger Entfernung ragte eine Turmspitze empor. »Das ist das Nest!« rief Flämmchen. Sie faßte ihren Beschützer schmeichelnd bei der Hand, strich hätschelnd mit dem kleinen Finger über den Ballen und die innere Fläche, und sagte: »Höre, wenn wir erst in deinem Fürstentume sind, und du mein Herr Gemahl bist, dann lassen wir auch die Alte kommen, damit wir immer wissen, was uns begegnet, nicht?«

»Hältst du mich für einen Fürsten?« fragte Hermann verwundert.

Das Mädchen wollte sich vor Lachen ausschütten. »Nun tut er, als wisse er nichts davon!« rief sie. »Aber alle deine Verstellungen werden ein Ende nehmen. Gib mir deinen Hut! Die Sonne und die Kälte in meinem Walde machen mir Kopfweh.«[16] Ohne eine Antwort zu erwarten, hatte sie ihm den Strohhut vom Kopfe gestreift, und sich aufgesetzt. Sie gaukelte in den Wald zurück. Hermann sah ihr eine Weile stutzig nach, dann ging er der Stadt zu.

Alles dieses begab sich in der ehrbarsten Provinz unsres Vaterlandes, nämlich in Westfalen, auf einer bekannten Heide. Woraus zu entnehmen, daß auch der trockenste Boden mitunter seine Früchte trägt.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 12-17.
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