Drittes Kapitel

[328] Dieses Wandern und Suchen dauerte bis gegen Abend. Nun ließ er davon ab, noch immer bemüht, sich eine unbestreitbare Wahrheit zu verbergen. Er lenkte in die Heerstraße ein, um nach einem bewohnten Orte zu gelangen. Unmutig ging er auf derselben einher. Nicht lange, so hörte er Menschentritt hinter sich. Er wandte sich um und erblickte den Polizeidiener wieder.[328] Nachdem er dem Manne vorsichtig das Ereignis vertraut hatte, schlug dieser ein helles Gelächter auf, und rief: »Also sind Sie doch von dem Strolche angeführt worden? Nun, trösten Sie sich, es begegnet Ihnen nicht allein. Der Vogel ist uns und der ganzen Welt zu schlau. Wenn wir denken, wir haben ihn im Netz, so sitzt er ganz vergnügt auf dem Baume und lacht uns aus. Was für Mühe hat sich der Herr Polizeikommissarius um ihn gegeben!«

»Wer ist er denn eigentlich?« fragte Hermann.

»Ein Jude aus Hameln«, sagte der Polizeidiener. »Wir heißen ihn nur den Rattenfänger, weil er zuerst mit Mäusebutter handeln ging, was er aber nun aufgegeben hat.«

»Wie kann er ein Jude sein, da er lange blonde Haare hat?« fragte Hermann.

»Falsch, falsch!« rief der Polizeidiener. »Der Kerl führt alle möglichen Perücken im Sack: Struppkopf, Bonvivant, Pastor, Zopf, Strohdach. Aus dem Rocke macht er auch, was er will, Frack, Mantel, Uniform, es ist unglaublich, was für Streiche er ausführt.«

Sie setzten ihren Weg zusammen fort und der Polizeidiener erzählte Hermann von den Listen, womit der Rattenfänger die Leute betrogen habe. Unser Freund mußte sich zu seiner Beschämung gestehn, daß jener bei den meisten andern mehr Klugheit nötig gehabt hatte, um zum Ziele zu gelangen, als bei ihm.

Mißgestimmt trat er in das Wirtshaus ein, welches vor den Toren der nächsten Stadt angenehm zwischen Gärten lag. Sie hatten es mit dem letzten Strahle des Tages erreicht. Es bekümmerte ihn in seiner jetzigen Gemütsverfassung wenig, daß der Wirt ihn fast ebenso zweifelnd betrachtete, wie jener, welcher im Eingange dieser Denkwürdigkeiten auftrat. In der Tat pflegt ein Fußgänger mit Sporen an den Stiefeln immer ein Gegenstand scherzhafter Verwundrung zu sein. Mürrisch forderte er eine Stube, und ließ sich den Abgang der nächsten Schnellpost nach Osten anzeigen. Denn er hatte beschlossen, nunmehr auf die gewöhnlichste Weise seine weitere Reise zu veranstalten. Kaum hörte er auf den Polizeidiener hin, welcher sich hoch und teuer vermaß, ihm das gestohlne Pferd wieder zu verschaffen, es koste, was es wolle.[329]

Indessen trieb ihn der Ärger, der in der Einsamkeit immer nagender wurde, bald wieder in das abendliche Wirtszimmer. Dasselbe war von einem Dampfe erfüllt, welcher beinahe die Lichter auslöschte. Um den Tisch saßen sechzehn junge Leute, Bier trinkend und Tabak rauchend.

Hermann erkannte bald an den polnischen Röcken, bloßen Hälsen, an den Sammetbaretten und bunten Pfeifentroddeln die Studenten. Er verwunderte sich über den tiefen Ernst, womit diese Jünglinge ihr stummes Geschäft verrichteten. Niemand von ihnen sprach ein Wort, nur jezuweilen schlug einer oder der andre den Wirt zutraulich-derb auf die Schulter und sagte: »Bier!« Ihr Präses, der am obern Ende des Tisches saß, ein starker, vierschrötiger Mensch, rief aber bei solchen Gelegenheiten: »Mehr Cerevis, eherner Roche!« Der wohlbeleibte glänzende Wirt bediente sie mit gelenkiger Schnelligkeit, warf ihnen allerhand Scherzreden ins Gesicht, ohne jedoch irgendeinen aus seiner Haltung zu bringen. In der Ecke des Zimmers strickte ein Frauenzimmer, sah den Präses mit wehmütigen Blicken an, und stieß schwere Seufzer aus.

Hermann erwartete von Minute zu Minute den Beginn eines Kommersliedes, aber die ganze Studentengesellschaft blieb so stumm und ernst, wie sie bei seinem Eintritte gewesen war. Er wandte sich endlich mit der höflichen Frage an den Präses, ob die Herrn auf einer Ferienwandrung begriffen seien?

Der Präses erhob sich, warf ihm einen wilden Blick zu, und versetzte dann in rauhem Tone: »Der deutsche Mann hat keine Ferien. Es ist jetzt nicht an der Zeit, zu lottern, sondern zu wirken. Ich bin aus Mecklenburg und heiße Brüggemann.«

»Diese Antwort finde ich etwas sonderbar«, sagte Hermann.

»Sonderbar? Tusch!« riefen alle einhellig, und der Mecklenburger raunte seinem Nachbar etwas ins Ohr. Das Frauenzimmer stand auf, nahm ein Licht, gab Hermann mit ängstlicher Miene einen Wink und ging hinaus. Er folgte ihr.

In einem abgelegnen Zimmer erwartete sie ihn. Zu seinem höchsten Erstaunen warf sie sich ihm hier zu Füßen, und rief: »Sie sind ein edler Mann, ich lese Menschlichkeit in Ihren Blicken. Retten Sie die Armen, ich beschwöre Sie darum. Ich liebe den Mecklenburger und kann sein Verderben nicht sehn.«[330]

»Lassen Sie mich zuvörderst wissen, wovon hier die Rede ist«, sagte Hermann.

»Es sind Demagogen«, versetzte das Frauenzimmer. »Der Herr weiß, worin die Anziehungskraft unsres Gasthofes für diese Jünglinge liegt. Das ist nun schon der vierte Bundestag, welcher bei uns abgehalten wird, und immer sind bald darauf die Unglücklichen hier oder in der Nähe festgenommen worden, und werden doch nicht scheu, sich in den Rachen der Klapperschlange zu stürzen. Endlich habe ich das furchtbare Geheimnis entdeckt. Mein Vater, der Entsetzliche, schenkt ihnen das Bier ein, und verrät sie der Polizei.«

»Wenn die Sachen so stehn, so sollten Sie Ihren Geliebten warnen«, antwortete Hermann.

»Wer sind Sie, daß Sie mir dieses raten?« rief das Frauenzimmer pathetisch. »Kennen Sie Ziegenhainer, mein Herr? Die Wütenden würden den Greis mit Schlägen bedecken. Nein, eine Tochter, welche den eignen Vater seinen Feinden zu überantworten imstande ist, verdient diesen Namen nicht, den heiligsten in der ganzen weiten Natur. Ich heiße Thusnelde, und bin ein deutsches Mädchen.«

»Eine Närrin bist du, und heißest Sophie Christine«, sagte der Wirt, der lachend in die Stube trat. »Marsch fort! Was steckst du hier mit dem fremden Herrn zusammen?«

»Die Bücher haben ihr den Kopf verdreht«, sagte er zu Hermann. Dieser versetzte: »Sie sprach von Ihnen und von den jungen Leuten, und ich wollte wünschen, es wäre nicht wahr, was sie mir entdeckt hat.«

»Der liebe Gott segnet mein Haus mit Demagogen, wie er andre Häuser mit Kindern oder Schätzen segnet«, sagte der Gastwirt behaglich. »Es gibt gar kein dümmeres Vieh, als Studenten. Sie wissen, daß ihre Kamaraden immer hier aufgehoben worden sind, und doch rennt es noch beständig hieher. Es geht mit des Himmels Segen zu. Ich bekomme gute Extrapräsente, und das Allgemeine Ehrenzeichen kann mir in ein vier, fünf Jahren durchaus nicht entgehn.«

»Wie mögen Sie ein so hinterlistiges Verfahren nur entschuldigen?« rief Hermann zornig.[331]

»Hinterlistig?« sagte der Wirt, ohne sich aus seiner Laune bringen zu lassen. »Es ist noch keinem der Kopf abgerissen worden. Sie werden in bequeme Postchaisen gepackt, kommen auf ein Jährchen in Prison, haben dort Zeit zu studieren, schlagen in sich, dann erfolgt eine schwere Sentenz, dann die Begnadigung, dann die Befördrung, weit schneller, als bei andern Landeskindern, denn im Himmel und in * ist mehr Freude über einen Sünder, der bereut, als über hundert Gerechte, die nie fielen.«

»Das Unglück von Menschen zu bespotten, verrät ein gefühlloses Herz!« rief Hermann.

»Ein jeder denkt auf seinen Profit«, erwiderte der Wirt. »Die Schnellposten haben den armen Wirten fast alles Brot entzogen. Wenn ich keine Demagogen anzugeben hätte, müßte ich wohl betteln gehn. Morgen ist also hier der vierte Bundestag und übermorgen früh, denk' ich, hangen sechzehn Drosseln in den Dohnen. Wollen aber Sie das verhindern, mein Herr, so nehmen Sie sich vor dem Polizeikommissarius in acht, denn ich denunziere Sie dann als den Mitschuldigen des Hochverrats, und da Sie kein Student mehr sind, so möchte man vielleicht mit Ihnen schärfer verfahren.«

Hermann war nicht einen Augenblick unschlüssig, was er tun sollte. Das Schicksal, welches diesen armen jungen Leuten bevorstand, erschien ihm fast noch gelinder, als die rasende Verblendung, wodurch sie sich dasselbe zuzogen. Er, selbst eingeweiht in diese Verirrungen, konnte jetzt kaum begreifen, wie es möglich gewesen sei, so frevelhaften Unsinn zu treiben. Er beschloß, die jungen Toren ihrem Geschicke zu entziehn, indem er sie von ihrer Verblendung heilte. Da man aber, um sich den Wölfen überhaupt zu nähern, mit ihnen heulen muß, so schien ihm ein besonders geschicktes Benehmen hier durchaus notwendig zu sein.

Er fand den Mecklenburger auf einem Vorplatze des Hauses, seine Pfeife ausklopfend. Hermann legte die drei ersten Finger der rechten Hand an den Pfeiler und fragte: »Wohin gehst du?«

Betroffen sah ihn der Mecklenburger an, legte aber die letzten Finger seiner Rechten an den Pfeiler und versetzte: »Nach Leipzig. Sage mir die neun Grundartikel.«[332]

Hermann trug hierauf, ohne zu stocken, die begehrten Sätze vor. Der Mecklenburger drückte nach diesen unzweifelhaften Zeichen ihm kräftig die Hand, und rief: »Die Begegnung hätte ich nicht vermutet. Ich wollte dich fordern lassen, denn sonderbar ist unter allen Umständen Tusch; nun aber wird natürlich daran nicht mehr gedacht, auch hätte ich gleich erwägen sollen, daß du Philister bist, mithin von dir nichts zieht. Bringst du uns Nachricht vom Männerbunde?«

»Allerdings«, versetzte Hermann doppelsinnig. »Es gibt einen Bund der Männer, dem Unrecht zu wehren, Schaden zu verhüten, den Frieden zu schützen.«

»Recht so«, versetzte der Mecklenburger, »so meinen wir es auch. Die Zeit ist groß, wir müssen Großes leisten, um vor ihr groß zu bestehn. Eingreifen müssen wir in ihre Räder, mit dem Strome schwimmen, und die Dämme und Klippen zerbrechen, welche die Hölle ihnen in den Weg türmt. Jetzt sind wir daran, das Volk aufzuklären. Frisch, frei, fromm, fröhlich, das ist immer die Hauptsache. Auf einen Kopf oder ein paar krummgeschloßne Knochen kommt es dabei nicht an; mehr als totmachen können sie uns nicht.«

»Wie weit seid ihr denn gediehen?« fragte Hermann.

»Das Reich ist eingeteilt, es geht wieder in die zehn Kreise nach Homanns Karte«, erwiderte der Demagoge. »Das war das sicherste. Die Festungen sind unser, der Ölmüller hat einen geheimen Gang neben seinem Teiche, und der Major wird Großfeldherr. Ich nehme Mecklenburg hin, ausgenommen Güstrow, was Schneppe aus Greifswald nicht fahren lassen wollte. Berlin wird niedergerissen und Jahn baut die neue Hauptstadt an der Elbe. Er wird auch Obermeister der Zucht, aber das Turnen bleibt vorderhand abgestellt, denn wir wollen nichts übertreiben. In der Bundeskasse haben wir an dreiundsechzig Taler; es kann alle Tage losgehn.«

»Was führt euch aber eigentlich hier zusammen?« fragte Hermann.

»Die letzte Frage, welche noch zu entscheiden ist«, erwiderte der Demagoge. »Morgen wird bestimmt, was aus den Fürsten werden soll, ob wir sie alle erstechen müssen, oder ob man wenigstens in betreff einiger Gnade vor Recht ergehn lassen[333] kann. In der Buschmühle tagen wir, fehle ja nicht in der Versammlung.«

Dieses sinnreiche Gespräch würde noch länger fortgedauert haben, wenn nicht im Hofe ein plötzlicher Lärmen entstanden wäre. Eine Menge Menschen mit Laternen und Windlichtern drang herein, in deren Mitte Hermann bei dem Näherkommen des Zuges den Polizeidiener, den Rattenfänger und sein Pferd wahrnahm. Der Rattenfänger führte das Pferd, der Polizeidiener den Rattenfänger. Er hielt ihn am Ohrläppchen gefaßt, und rief unaufhörlich: »Haben wir dich endlich, du saubrer Kavallerist? Haben wir dich?« Wunderbar war es anzusehn, wie der Mensch nun als schwarzlockiger Pudelkopf erschien, und den abgelegten blonden Schopf wehmütig in der Hand hielt.

Hermann würdigte diesen politischen Flüchtling keines Blickes und empfing sein Pferd, welches von Schweiß triefte. Der Polizeidiener erzählte ihm, wie er des Vagabunden habhaft geworden sei, und gab ihm den Rat, sobald als möglich fortzureiten, und sich den Schaden zur Lehre dienen zu lassen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 328-334.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Epigonen
Die Epigonen; Familien-Memoiren in Neun Buchern (1)
Die Epigonen (2); Familienmemoiren in 9 Buchern
Die Epigonen: Familien-Memoiren in Neun Büchern (German Edition)
Die Epigonen: Familienmemoiren in Neun Büchern (German Edition)
Schriften: 7. Bd. Die Epigonen (German Edition)

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis ist eine freigelassene Sklavin, die von den Attentatsplänen auf Kaiser Nero wusste. Sie wird gefasst und soll unter der Folter die Namen der Täter nennen. Sie widersteht und tötet sich selbst. Nach Agrippina das zweite Nero-Drama des Autors.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon