Viertes Kapitel

[586] Das Familiengrabgewölbe war vollendet. Säulen von grauem Marmor stützten ein ernstes Portal, von dessen Stirnfläche ein freundliches: Willkommen! in großen goldnen Buchstaben leuchtete. Am innern Eingange lehnten zwei Genien sich als träumerische Hüter auf die umgestürzte Fackel, das Gewölbe selbst war einfach aber würdig mit großen Werkstücken ausgesetzt, und empfing durch eine Kuppelöffnung, deren Seitenlucken das stärkste Kristallglas verschloß, ein dämmerndes Licht.

Diese Begräbnisstätte hatte der Oheim mit großen Kosten und vieler Mühe in dem Berge, den seine verstorbne Gattin geliebt, austiefen und schmücken lassen. Je näher er sich selbst so dem Ziele seiner Tage fühlte, desto eifriger wurde sein Bestreben, das Werk noch vollendet, die Asche der ihm so teuren Frau dorthin gebracht zu sehen. Nach seinem Willen sollte der Ort und dessen Umgebung zwar etwas Feierliches, aber nichts Düstres haben. Er ließ den Platz vor dem Gewölbe mit klarem[586] Kies belegen; Zypressen, Taxus und andres dunkelfarbiges Gesträuch mußte die Umsäumung desselben bilden, Mauerwerk, welches in die Runde geführt ward, war bestimmt, den Vorplatz vor dem Verwaschen und Abschießen durch Regenfluten zu schützen, an dasselbe lehnten sich schönblühende Rankengewächse, damit das Auge nirgends durch tote Massen ermüdet werden möchte. In der Tat bekam die Anlage durch den Kontrast der gediegnen Architektur mit der umgebenden Baum-Pflanzen- und Blumenwelt einen eignen Reiz, so daß jeder sich gern auf den zu beiden Seiten des Portals zum Verweilen einladenden Steinsitzen niederließ.

Noch ganz zuletzt hatte sich ein bedeutendes Hindernis aufgetan. Der Architekt sah nämlich, als das Gewölbe schon völlig ausgemauert war, daß eine reichliche Flüssigkeit durch den Kalk und Mörtel der Fugen hindurchsinterte und den Raum mit verderblicher Nässe zu erfüllen drohte. Bald hatte er auch die Ursache dieses unwillkommnen Einflusses entdeckt. Oberhalb dem Grabesberge lag nämlich ein beträchtlicher Weiher, der vermutlich durch geheime, erst durch die Arbeit im Berge eröffnete Kanäle jene Wässer der Gruft zusendete. Wurde diese Gefahr nicht abgewendet, so stand, davon mußte man sich überzeugen, dem Mausoleum eine rasche Zerstörung bevor.

Er machte sogleich dem Oheim die Anzeige, welcher sich auf den Berggipfel tragen ließ, die Gefahr, aber auch die Schwierigkeit, entgegenzuwirken, begriff. Die Wände jenes Weihers bestanden nämlich aus Felsen; zwischen denselben blinkte und rauschte das Wasser, wie in einer großen natürlichen Schale. Ein Durchbruch der Felsen, und eine dadurch zu bildende Abzugsrinne würden so viel Zeit hinweggenommen haben, daß inzwischen wahrscheinlich schon geschehen wäre, was man verhindern wollte.

Davon mußte man also abstehn; auf andre Weise war die Trockenlegung des Weihers zu versuchen. Rasch hatte der Oheim, der in dieser ganzen Angelegenheit mit der schnellen Kühnheit seiner Jugend verfuhr, das entsprechende Mittel gefunden, und zur Ausführung gebracht. Große Züge von Pferden schleppten auf notdürftig gebahnten Wegen eine[587] gewaltige Dampfmaschine den Berg hinan, rüstige Maurer arbeiteten Tag und Nacht, den Ofen zu errichten, dessen Gluten die ungeheuren Kräfte der Dämpfe entwickeln sollten; sobald er stand, stand auch binnen kurzem die Maschine, ein kräftig wirkendes Pumpen-Saug- und Schöpfwerk, welches in jeder Sekunde mehrere Tonnen Wassers zu entheben vermochte, wurde an den Spiegel des Weihers geführt und mit den Armen der Dampfmaschine in Verbindung gesetzt. Nun glühten die Kohlen des Ofens, nun hoben sich die langen eisernen Arme der Maschine, griffen in die Öhre der Pumpenstengel, trieben die Schöpfräder um. Die abgezognen Fluten bildeten den Berg hinunter einen Gießbach, und über den wirkenden Kräften ruhte die dichte, schwarze Wolke, welche dergleichen Stätten zyklopischer Feuertätigkeit bezeichnet.

Sobald der Grund sichtbar werden würde, sollten Sachverständige prüfen, ob die Quellen zu verstopfen sein möchten. Jedenfalls war vorauszusehn, daß man nach der Seite des Mausoleums zu durch Letten- und Sandsäcke jede Verbindung mit dessen Wölbung werde aufzuheben vermögen.

Dies wurde für so gewiß gehalten, daß der Oheim, der überhaupt mit krankhafter Ungeduld nach der Beendigung des Werks verlangte, das Austrocknen des Weihers nicht abwarten wollte, um die Beisetzung des Leichnams zu veranstalten. Was ihn in seiner Zuversicht bestärkte, war der Umstand, daß, wie die Wassermasse sich verringerte, auch das Durchsintern bedeutend abnahm, so daß man mit Hülfe einer bleiernen Rinne schon jetzt das Gewölbe entnässen konnte.

Er entwarf daher den Plan zu der Feierlichkeit, die übrigens höchst einfach und schmucklos sein sollte. Seine Geschäftsfreunde und Vorstände hatten sich erboten, den Sarg auf ihren Schultern aus dem Erbbegräbnis der Grafen herabzutragen. Der Prediger sollte mit der Schuljugend folgen, jedoch wegen Länge des Weges auf diesem kein Lied anstimmen. Oben, bei dem Mausoleum wollte der Oheim mit Cornelien und einigen andern jungen Mädchen, deren sich die Verstorbne angenommen hatte, den Zug erwarten. Die Mädchen hatten einen schönen Psalm eingeübt, mit welchem sie die sterblichen Überreste ihrer Wohltäterin begrüßen wollten; unter diesen ernsten[588] Tönen sollte der Sarg in der Gruft niedergesetzt werden, und ein kurzes Gebet des Predigers den Schluß der Bestattung machen.

Am Vorabende unterhielt sich der Oheim mit dem Prediger lange über Dinge, auf welche die Umstände wohl führen mußten. »Ich kann ganz genau meine Lebenskraft berechnen«, sagte er, »und sehe voraus, daß ich noch den Winter hindurch vorhalten, und erst im Frühjahre, wo alles Mürbgewordne sich sacht von dannen begibt, abscheiden werde. Es ist mir lieb, daß die Natur sich gegen die Eigentümlichkeit meines Wesens gefällig bezeugt, mich nicht unvermutet aus der Mitte ungeordneter Geschäfte hinwegreißt, sondern mir Zeit läßt, mein Haus als ein ordentlicher Wirt zu bestellen. Dieser Winter ist zur Anfertigung meines Testaments bestimmt, und ich darf Ihnen von dessen Inhalte so viel voraussagen, daß ich damit umgehe, eine Art von Fideikommiß zu errichten, um meinem Sohne die Zerstörung des Werks, welches ich mit meinen Freunden gegründet habe, für immer unmöglich zu machen. Es ist sonderbar, daß man noch in seinen letzten Tagen zu Schritten kommen kann, die man bei andern früher nie billigte. Ich war von jeher der entschiedenste Gegner solcher Tötungen des freien Eigentums, und sehe nun doch ein, daß es Fälle und Verhältnisse gibt, welche dazu gebieterisch nötigen.«

Der Prediger wollte ihm die Todesgedanken ausreden; jener versetzte aber: »Lassen Sie mir doch meinen Kalkül, in dem für mich etwas Angenehmes liegt. Wenn ich sterbe, so wird es sein, wie ein kaufmännischer Jahresabschluß, wie eine gewöhnlich Comptoirhandlung. Alles wird darnach im hergebrachten Geleise bleiben, kein Stuhl braucht deshalb verrückt zu werden.

Wir können uns in Beziehung auf den sonderbaren Akt, der mit nichts, was wir sonst erfahren, Ähnlichkeit hat, von einmal gangbar gewordnen Vorstellungsweisen nicht losreißen, so wenig sie auch auf die Sache passen«, fuhr er fort. »Was heißt das: An der Seite seiner Gattin im Grabe ruhn? Ist es nur denkbar, ja wäre es nicht die größte Ungereimtheit, anzunehmen, daß mit der Gemeinschaft der Gruft irgendeine Empfindung[589] für die Individuen verbunden sein sollte? Und dennoch muß ich Ihnen gestehen, daß ich voll wahren Entzückens an diese Vereinigung mit meiner Frau denke, und daß ich dann das Bild des süßesten, seligsten Schlummers nicht aus dem Sinne verbannen kann, so sehr mir sonst jede Schwärmerei auch widersteht.«

»Lassen wir, was wir nicht begreifen, auf sich beruhn, es hat wohl immer seinen Wert«, erwiderte der Prediger. »Gewiß ist es menschlicher und natürlicher, fügt sich in den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen leichter ein, den Tod nicht so für sich, sondern gewissermaßen als Fortsetzung gewöhnlicher menschlicher Zustände zu betrachten. Und auf diesen Zusammenhang der Vorstellungen kommt doch alles an. Es gibt kein Volk, welches nicht die letzte Rast in Verbindung mit dem menschlichen Geselligkeitstriebe, oder mit den Zuneigungen des Verstorbnen für bestimmte Plätze, da er noch lebte, brächte, und jenem Triebe und diesen Neigungen eine Schattendauer über das Grab hinaus beilegte. Nur die abgeschwächte Grübelei, das erkältete Gemüt wird gleichgültig gegen die letzte Wohnung; in den Zeiten der Stärke beherrscht jener freundliche Wahn, wenn man ihn so nennen will, das Volk und jeden einzelnen. Ich halte nun sehr viel von dem Spruche: ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen‹, und meine, daß das, was die Menschen im Zustande der physischen und moralischen Gesundheit denken oder auch nur träumen, das uns eigentlich Gemäße sei, womit wir uns zu begnügen haben.«

Ein Geräusch im Nebenzimmer unterbrach diese friedlichtraurigen Gespräche. Die Vorstände der Fabriken traten herein, und an ihren Mienen ließ sich abnehmen, daß etwas Bedeutendes vorgefallen sein mußte. Der Oheim, verwundert über den späten Besuch, fragte nach der Ursache, worauf ihm einer ein großes Schreiben, ohne zu reden, mit bedeutenden Blicken hinreichte. Der Prediger sollte es lesen; er besah Siegel und Aufschrift und sagte: »Nach dem Postzeichen kommt es aus der Standesherrschaft.«

»Ich will nicht hoffen«, rief der Oheim ahnend aus, »daß dort sich etwas begeben hat!«[590]

»Allerdings«, versetzte einer, »wir haben, was wir haben wollten.«

Der Prediger hatte das Schreiben eröffnet und sagte: »Man meldet Ihnen das Ableben des Herzogs, und jene großen Besitzungen sind nun ebenfalls die Ihrigen.«

Die Geschäftsleute konnten ihre freudige Bewegung nicht unterdrücken; der Oheim entließ sie mit einem stummen Winke, und saß, die Hände im Schoße gefaltet, das Haupt gesenkt, lange Zeit schweigend da. Der Prediger hatte einen zweiten Brief erbrochen, der von jemand herrührte, welcher sich im Interesse des Oheims auf die erhaltne Todesnachricht sogleich nach dem Schlosse begeben hatte, um etwanige Veruntreuungen der Offizianten und Diener zu hindern. Er berichtete die näheren Umstände über das Ende des Standesherrn. Mit Weglassung des Unwesentlichen schalten wir folgende Stelle seines Briefs unsrer Geschichte ein:

»So versank der Herzog von Tage zu Tage in eine immer tiefere Schwermut. Er hatte seine Geschäfte dergestalt vereinfacht, daß er sie fast allein besorgen konnte. Nur die notwendigste Bedienung litt er um sich, seine Mittags- und Abendmahlzeiten waren einsam, aller Gesellschaft hatte er entsagt. Wenn ihm jemand leise Vorstellungen über diese Absonderung zu machen wagte, so versetzte er, daß ihn seine wankende Gesundheit zu einer so regelmäßigen Lebensweise nötige; jeden Gedanken an einen Schmerz der Seele suchte er durch seine Erklärungen bei andern sorgfältig zu entfernen. Über die Abtretung der Herrschaft an Sie auf den Todesfall sprach er sich mit völliger Ruhe und Fassung aus.

Wer ihn aufmerksamer betrachtete, mußte die Angabe über seine körperlichen Umstände bezweifeln, denn das äußere Ansehen deutete durchaus nicht auf etwas Krankhaftes. Aber oft kam er nach Hause, am Arme eines Landmanns, hinfällig, wie es schien, und sagte dann, daß ihn ein Schwindel unterwegs betroffen habe, und daß er zu Boden gestürzt sein würde, wenn ihn der Führer nicht aufgefangen hätte.

Gestern hat man ihn denn tot, auf dem Fußboden seines Zimmers ausgestreckt, gefunden. Noch zwei Tage vorher war an ihm eine merkliche Erheiterung sichtbar geworden. Er[591] hatte sich geäußert, daß er ein größeres Wohlsein verspüre, von Besuchen, die er wieder abstatten, ja von einer Reise, die er unternehmen wolle, gesprochen. Der Landphysikus ist sogleich berufen worden, hat den Körper untersucht und den Ausspruch gefällt, daß ein Schlagfluß den Tagen des Herzogs ein Ende gemacht habe. Diesem ärztlichen Gutachten spricht nun jedermann nach; ich aber habe meine besondern Vermutungen.

Ich brachte in Erfahrung, daß er seine Angelegenheiten in einer Ordnung hinterlassen habe, die beispiellos sei. Selbst die gewöhnlichen Rechnungen, welche sonst in jedem großen Hauswesen das Jahr hindurch unbezahlt stehnbleiben, sind bis auf die kleinsten Posten quittiert vorgefunden worden. Nun meine ich, daß der natürliche Tod niemand so in Bereitschaft antreffen kann.

Ist mein Argwohn richtig, so hat er verstanden, die Repräsentation, welche seine Schritte von jeher bestimmte, bis an das Ende zu führen. Es ist ihm möglich geworden, dem Überdrusse am Dasein die beabsichtigte Folge zu geben, dennoch alle zu täuschen, und anständig, wie er gelebt, zu sterben. Ich selbst, der ich mich unter einem Vorwande in sein Zimmer geschlichen und mich überall umgesehen habe, konnte nichts Verdächtiges entdecken.

Die Herzogin, welche sich unfern im Bade * befand, eilte auf die erste Nachricht mit Kurierpferden herbei. Ihr Schmerz ist grenzenlos und exzentrisch; vielleicht schärft ihn das geheime Bewußtsein begangner Vernachlässigungen, zu denen eine überfeinerte Seelenstimmung sie verleitet hat. Man ließ ein Wort vom Begräbnisse fallen, worauf sie, wie außer sich, ausgerufen hat, daß davon keine Rede sein dürfe, daß der Leichnam über der Erde bleiben solle, von ihr gepflegt und behütet. Wie man diese Laune des Kummers überwinden werde, steht dahin.

Was die übrigen hiesigen Verhältnisse betrifft, so werden Sie selbst das Richtige erraten, da Sie die Menschen genugsam kennen. Sie sind nun allhier der Herr und Meister, und Ihnen wendet sich ein jeglicher bereits in seinen Gedanken zu. Man hat mich verschiedentlich um günstiges Vorwort bei[592] Ihnen angesprochen; ich denke, Sie werden in eigner Person prüfen, und die Spreu vom Weizen zu sondern wissen.«

Da der Oheim in seinem Schweigen beharrte, und durch die Nachricht ungewöhnlich erschüttert zu sein schien, sagte der Prediger: »Ich kann es wohl fassen, wie ein großes Glück unsre Natur zu ängstigen vermag. Wir sind doch alle eigentlich nur auf die Gewohnheit eingerichtet, und wollen, wenn sich etwas Außerordentliches ereignen soll, dieses uns lieber durch Dulden und Schmerz, als durch Genuß und Freude aneignen.«

»Sie erraten den Grund meiner Stimmung nicht«, versetzte der Oheim. »Jene Todespost verrückt mir mein Konzept, darum setzt sie mich so in Unruhe. Nie habe ich geglaubt, den Herzog überleben zu müssen. Ich war eingerichtet auf Abreise, ich zählte die Stunden bis dahin, nun kommt ein Ereignis, welches auf längeres Verweilensollen deutet. Denn wenn eine vernünftige Macht unsre Schicksale beherrscht, so wird sie mir nicht eine Vermehrung meiner Besitztümer um das Doppelte zuwerfen, in dem Augenblicke, wo sie mich zum Scheiden reif erklärt. Ich werde also fortvegetieren, vielleicht noch lange, bis ich dieses neuen Geschäftes Herr geworden bin.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 586-593.
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