Zweites Kapitel

[575] Nicht lange nachher fuhr der Oheim mit dem Prediger nach dem Kirchhofe der verschollnen Sektierer. Der Weg ging bald von der Landstraße ab, und wurde für die Pferde beschwerlich, da er, ohne in das eigentliche Gebirge zu führen, sich über[575] lauter wellichtes, zerbröckeltes und zerfurchtes Erdreich schwang. Endlich verlief er sich zwischen hohen Lettenwänden, wo allenfalls mit einer schmalen Karre durchzukommen gewesen wäre, der breitspurige Wagen aber bald festsaß. Der Kutscher hielt, und erklärte, nicht weiterfahren zu können. Der Prediger, welcher bei seinen Fußwandrungen nach dem entlegnen Orte auf diesen Umstand nicht geachtet hatte, machte sich laute Vorwürfe über seine Unbedachtsamkeit, der Oheim tröstete ihn indessen, ließ aus Baumzweigen und Wagenkissen eine Tragbahre bereiten, und nahm die Kräfte zweier jungen Bauern, welche in einiger Entfernung vorübergingen, für dieses Transportmittel aus dem Stegreife' in Anspruch. So gelangte man denn doch, wenn auch später, als man gewollt, an das Ziel.

Der Ort, auf einer Höhe zwischen heidekrautbewachsenen Hügeln gelegen, war außerordentlich einsam und mußte durch sich selbst schon Gedanken der Melancholie erwecken. Eine niedrige Mauer, die aber an den meisten Stellen zu Trümmern zerfallen war, umschloß einen runden Platz von mäßigem Umfange. Was der Prediger für die Überbleibsel eines Heidentempels angesehen hatte, war die Substruktion eines kleinen achteckigen Gebäudes, von welcher nur hin und wieder noch einige Steinzacken über der Erdoberfläche emporragten. In der Mitte des inneren Raums nahmen sie eine tiefe Versenkung wahr, in welche ein Bächlein, welches von den Höhen herabkam, und sich unter der Mauer durch Bahn gemacht hatte, sein Wasser ergoß. Um diese Trümmer – der Hünenborn, wie der Prediger sagte, von den Landleuten geheißen – hatte die Sekte ihre Toten rings im Kreise bestattet. Aber die Gräber waren zum größten Teil schon wieder eingesunken, die Kreuze verfault, die Steine lagen umgefallen in aufgerißnen Erdrinnen, oder neigten sich gegeneinander. Über eine ganze Reihe tiefer Höhlungen, durch das Einstürzen mehrerer Gräber entstanden, hatten die Landleute, welche ihren Fußweg nach einem nahen Walddorfe über die Höhe nahmen, eine Notbrücke von Baumstämmen, Leichensteinen und Kreuzen gemacht, deren sie sich bedienten, wenn Regenwasser diese Senkungen ausfüllte. Alles war an dem verlaßnen Platze eigen, traurig; die Bilder der Vergänglichkeit[576] hatte schon wieder die Hand der Vergangenheit berührt. Der Boden schien nicht die Fruchtbarkeit andrer Orte, wo menschliche Leiber verwesen, zu haben; ein kümmerliches Gras bedeckte spärlich den weißgelblichen Grund, hohe fahle dürre Halmen stachen lang und spitzig aus demselben hervor, sonst zeigte sich weder Baum noch Staude; nur über den sogenannten Hünenborn neigte eine große Trauerweide, deren Stamm aber auch schon im Absterben war, ihre mattgrünlichen Zweige.

Nachdem der Oheim am Arme des Predigers einen Gang zwischen den Gräbern hindurch gemacht und sich an den noch erhaltnen Kreuzen, sowie an einigen Steinen rohe Schlangenzeichen hatte vorzeigen lassen, ruheten beide in dem alten Gemäuer unter der Trauerweide. Der Prediger sprach seine Meinung aus, und behauptete, daß jene Bildwerke genau mit denjenigen übereinstimmten, deren sich in den ältesten Zeiten die Ophiten bedient hätten. »Was mich Wunder nimmt«, sagte der Oheim, »sind die Steine. Sie haben mir erzählt, daß die Sekte nur aus armen Leuten bestanden habe; woher nahmen diese das Geld zu so kostbaren Denkzeichen?« – »Auch mir fiel dieser Umstand auf«, versetzte der Prediger, »bis ich entdeckte, daß in * noch vor hundert Jahren eine Steinmetzenzunft bestanden hat, ähnlich den mittelalterlichen Gilden dieser Art. Wahrscheinlich hat das Geheimnis, welches jene Zunft in ihre Verhandlungen wob, sich mit dem Geheimnisvollen der Sekte, als etwas Wahlverwandtem berührt, Mitglieder des Gewerks mögen zu ihr gehört, oder sich wenigstens zu ihnen hingeneigt, Steine und Arbeit ihren Bestattungen umsonst, oder für die billigsten Preise geliefert haben.«

Der Oheim warf aufmerksame Blicke umher, scharrte mit seinem Stabe in dem harten, steinigten Boden und sagte: »Ich müßte mich sehr trügen, oder das Erdreich hat hier eine eigentümliche alkalisch-ätzende Beschaffenheit. Die geringe Vegetation und jene gelben Halmen, welche sich immer an Orten derartiger Bodenmischung finden, bringen mich auf diese Vermutung. Ich hätte große Lust, etwas Erde von hier mitzunehmen, und sie zu Hause auszulaugen.«[577]

Einer der jungen Bauern, welcher achtsam zugehört hatte, und endlich begriff, wovon die Rede war, mischte sich in das Gespräch und sagte: »Der Herr hat ganz recht, unser Gerber braucht, um seine Felle gar zu machen, nichts, als diese Erde; sie tut dieselben Dienste, wie Lohe.«

»Es ist schade«, sagte der Oheim, »daß nicht in neuerer Zeit hier jemand bestattet worden ist. Bei der Aufgrabung würden sich gewiß nach dem, was ich höre, merkwürdige Resultate finden.«

»O«, rief der junge Bauer, »davon könnte man die Probe auch zu Gesichte bekommen! Es ist kaum etwas über ein Jahr her, daß hier ein neugebornes Kind verscharrt wurde, und ich weiß noch genau die Stelle, wo dies geschah.«

Ein Verbrechen befürchtend, fuhren beide Männer zusammen; jener aber lachte und sagte: »So schlimm, wie die Herrn glauben mögen, verhält sich die Sache nicht. Ich hatte nahebei im Felde etwas zu tun, da sah ich ein junges Weibsbild mit einer Alten, die im Gesichte ganz gelbbraun war, vorübergehn. Mich konnten sie nicht erblicken, weil ich hinter einem Busche stand, ich aber bemerkte durch die Spalten der Zweige alles sehr wohl. Die Junge, welche bleich, aber bildschön war, ächzte und stöhnte, man konnte ihr anmerken, in welchem Zustande sie war, und daß ihre Stunde sie überfallen hatte. Die Alte führte sie und sprach ihr zu, und beide gingen nach dem Hünenborne. Ich folgte ihnen, und versteckte mich draußen hinter einem Mauerstücke, das Gesicht abgekehrt, da es doch für mich nicht anständig war, in diesen Nöten den Weibern nahezukommen. Nun hörte ich da, wo Sie jetzt sitzen, kläglich stöhnen und wimmern, und nach einer Weile den lauten Schrei ausstoßen: ›Es ist tot!‹ Ich meinte, jetzt sei es an der Zeit, mich auf ziemliche Weise zu nähern, kroch eine Strecke zurück, richtete mich dann auf, und ging wie von ungefähr auf den Hünenborn zu. Sowie mich die Alte erblickte, winkte sie mir. Sie kniete unter der Trauerweide, und hielt die Junge in den Armen, die matt und kraftlos ausgestreckt lag. Zwischen ihnen lag das neugeborne Kind auf Zweigen des Baums. Die Mutter weinte bitterlich, und blickte zuweilen so nach dem Kinde, daß es mir durch Mark und Bein ging. Die Alte sagte, ich solle es[578] begraben, und wollte es in ihr buntes Kopftuch einwickeln, was aber die andre verbot. Sie sagte, so wie es sei, solle es in die Erde kommen; die sei gut und sanft, alles andre tauge nichts. Ich höhlte hierauf an der Mauer mit meinem Werkzeug eine Grube in der Erde aus, und baute darüber ein kleines Gewölbe von Steinen. Das Frauenzimmer nahm das Kind auf, herzte es, dann gab sie es mir. Sie wollte auch einen goldnen Ring dem Kinde mitgeben, besann sich aber, und sagte seufzend: ›Den will ich doch noch behalten.‹ Hierauf brachte ich das Neugeborne in die kleine Gruft, bedeckte dieselbe mit Schieferplatten und schaufelte Erde darumher, daß alles eine Festigkeit bekam, und die Tiere den Leichnam nicht herauszerren, oder die Regenwässer mein Gebäude nicht zerstören möchten.«

Nach dieser Erzählung, die der junge Mensch mit einfachem Wesen, in guten schicklichen Worten vorgetragen hatte, schwiegen der Oheim und der Prediger eine geraume Weile. Endlich sagte letzterer: »Ihr habt unrecht getan, Eurem Pfarrer die Sache nicht sogleich anzuzeigen. Wer weiß, welcher Frevel hier dennoch in die Erde versenkt worden ist!«

»Und wo blieben jene Personen?« fragte der Oheim.

»Ich mußte sie nach unsrem Dorfe bringen«, versetzte der junge Bauer. »Dort verweilten sie einige Tage, bis die Junge soweit gestärkt war, fahren zu können. Darauf besorgte ich ihnen eine Fuhre, und sie zogen von dannen, ohne zu sagen, wohin. Von ihren Gesprächen habe ich auch nicht viel verstanden. Sie redeten Deutsch, aber es waren lauter Sachen, die mir unbekannt waren.«

»Wüßtet Ihr wohl die Gruft des Kindes noch zu finden?« fragte der Oheim.

»Ei warum denn nicht!« rief der junge Mensch. »Dort in der Ecke ist sie.«

Wirklich sah man in einem Winkel der zertrümmerten Mauer eine rundlichte Erhöhung von Erde, welche frischer war, als der Boden umher, denn kein Grashalm hatte noch in ihr Wurzel geschlagen.

Da der Oheim seine verlangenden Blicke nach dem Erdhügel warf, und dem jungen Bauer etwas sagen zu wollen schien,[579] woran ihn die Gegenwart seines Freundes hinderte, so rief dieser: »Tun Sie, was Sie nicht lassen können, nur erlauben Sie mir, daß ich mich solange entferne, denn meine Priesterpflicht ist, die Ruhe der Gräber zu schützen, nicht, sie zu stören.«

Er ging. Sobald er den Rücken gewandt hatte, sagte der Oheim zu dem Bauer: »Tue mir den Gefallen und öffne die Gruft, denn ich bin äußerst neugierig, die Einwirkungen dieses Bodens auf den Leichnam zu er fahren.«

Jener hatte Bedenken, die der Oheim indessen zu überwinden wußte. Er trennte mit seinem Grabscheit vorsichtig die Erde von den Steinen, nahm, nachdem sie bloßgelegt worden waren, den obersten ab, und rief, in die Höhlung blickend, verwundert aus: »Wie das glänzt!«

Der Oheim ließ sich zu dem Platze geleiten. Die Abendsonne warf glühende Strahlen in die kleine Gruft, und bei diesem Scheine nahm er ein wunderbares Schauspiel wahr, in dessen Anblick er lange mit stummem Ergötzen versunken stand. Auf allen Punkten der Wände, welche das Grab umschlossen, war der vom nahen Wasser angegriffne Kalk des Bodens in Kugeln, Zacken, Büscheln und Spitzen hervorgequollen, und bildete mit seinen mannigfaltigen kristallinischen Gestalten, welche, tropfenbehangen, im Sonnenlichte farbenreich glänzten, eine funkelnde Zaubergrotte, in deren Mitte die Überbleibsel des Neugebornen lagen, zum reinlichsten, weißesten Skelette verzehrt, derart, wie man kleine Tierkörper verwandelt wiederfindet, welche die Hand des Naturforschers in einem wimmelnden Ameisenhaufen beisetzte. Alles Fleisch und alle Weichgebilde hatten die Einflüsse dieses Bodens in so kurzer Zeit völlig aufgesogen, nur die zarten Knöchlein waren bisher nicht zu überwinden gewesen. Auch sie besetzten und umzogen zarte Kristalle, ähnlich dem Flitter und Schmelz, womit die Andacht an heiligen Orten die Gebeine der Märtyrer zu zieren liebt, und so lag das Leuchtende zwischen den leuchtenden Wänden. Der Oheim wollte die Hand nach den von der Natur geweihten Resten ausstrecken, zog sie aber zurück und sagte: »Nein! dies ist zu schön, als daß man es nicht, so wie es ist, lassen müßte.«

Er befahl, den Deckstein wieder aufzulegen, und gebot dem Bauer, noch sorgfältiger, als zuvor geschehen, die Erde umherzuschütten,[580] damit das schöne Phänomen so lange als möglich bewahrt bleibe.

Den Prediger befremdete die Schweigsamkeit des alten Manns auf dem Heimwege. Er war ernst und schien eignen Gedanken nachzuhangen. Endlich sagte er: »Wenn uns die Kirchengeschichte lehrt, daß der Mensch auf dem Wege zum Göttlichen sich fast immer in das Gebiet des Absurden verirrt, so hält die Natur in ihrer regelrechten Tätigkeit zu jeder Zeit die frischesten Wunder in Bereitschaft. Sie haben mich an einen Ort geführt, wo eine aberwitzige Schlangenbrüderschaft ihre Toten begrub, und an demselben Orte entdeckte ich etwas, was meiner Sinnesart die ihr gemäße religiöse Erhebung gab.«

Er hatte in seiner Bewegung selbst verabsäumt, Erde von jenem Platze mitzunehmen, wie er doch behufs einer chemischen Behandlung zuvor willens gewesen war.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 575-581.
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