Fünftes Kapitel

[366] Medons Kreis verarbeitete währenddessen ein Thema von großer politischer Wichtigkeit; das Verhältnis der neu erworbnen Provinzen zu dem Haupt- und Stammlande. Man hatte nicht ungeschickt den Staat mit zwei auf dem festen Lande ausgesäten Inseln verglichen, und dieses Gleichnis war insofern von moralischer Bedeutung, als dessen beide durch weite Strecken auseinandergehaltne Teile nach ersiegter Ruhe sich gegenseitig schroff insularisch abzuschließen drohten. Diesen Krieg im Frieden zu schlichten, und eine Verschmelzung des Gemeinwesens herbeizuführen, war nicht bloß das Geschäft der mit Lösung der Aufgabe unmittelbar beauftragten Staatsmänner, sondern die Sorge jedes einsichtigen Patrioten, und Medon schien sich hier in seinem eigentlichen Felde zu bewegen, während er andern Gegenständen der menschlichen Betrachtung oft mehr nachgiebig und geschickt, als wahrhaft und aufmerksam folgte.[366]

Die Meinungen, wie das Neue zum Alten zu stellen sei, waren sehr mannigfaltig, doch konnte man drei Hauptrichtungen unterscheiden.

»Wir haben erobert«, so ließ sich ein Mann von entschloßner Gesinnung zu öfterem vernehmen, »warum zögern wir also, nach dem unter allen Völkern und zu allen Zeiten üblich gewesenen Eroberungsrechte zu verfahren? Der Sieger gibt seine Einrichtungen, seine Gesetze, ja, wo Verschiedenheit der Sprache obwaltet, nicht selten auch diese dem Besiegten. Der Sinn aller Kriege und Umwälzungen ist nur der, daß die den Völkern zugeteilten Fähigkeiten und Eigenschaften nach der Reihe im weiteren Kreise herrschend werden, und den Gang der Ereignisse bestimmen sollen. Auf solche Weise wird die in der einen Richtung müde gewordne Welt durch eine andre erfrischt, und das ist der Grund, warum das Reich von den Römern zu den Germanen kam, darauf die spanische Herrschaft folgte, und den Franzosen demnächst auch ihre Rolle gegeben wurde. Der Sieg soll den Zwang in seinem Gefolge haben, nur dadurch kann er sich als gerecht betätigen. Wieviel mehr als andre sind wir aber in diesem Falle, da es hier nur gilt, den nunmehrigen westlichen Brüdern ein ihnen von fremder Hand vor kurzem aufgedrücktes Gepräge wieder abzunehmen, und ihnen dagegen eine stammverwandte Gestalt zu geben? Jetzt erst sind sie in die rechte Stellung zu Deutschland gekommen, sie sind Deutsche geworden, und es wäre wahrlich eine verdammliche, ihnen selbst den größten Schaden bringende Schwäche, wenn man ihnen aus Furcht vor den Regungen einiger Egoisten die Segnungen der Nationalisierung vorenthielte.«

Indem er diese Ansichten weiter ausführte, vertrat er die Notwendigkeit einer schnellen und kräftigen Organisation. Gesetze, Finanzen, Verwaltungs- und Kulturanstalten des alten Landes sollten so rasch als möglich jenen neu herantretenden Staatsgenossen nutgeteilt werden.

Ganz im entgegengesetzten Sinne sprach sich ein andrer Staatsmann aus. »Diese Umbildung oder Organisation, wie man dergleichen Gewaltsamkeiten nennt, als wenn man in einer neuen Provinz nur eine tote Masse empfinge, welcher[367] durch den Erwerber erst die Lebensorgane gegeben werden müßten, scheint mir gänzlich außer der Zeit zu sein. Im Grunde rührt jenes System von den Römern her, welche freilich alle überwundne Völker mit der Geißel ihres Rechts und ihrer Verwaltung zu züchtigen pflegten. Jeder spätere Versuch der Art ist nur eine Nachahmung der Maxime des einst weltbeherrschenden Staats gewesen. Am reinsten wurde derselbe von den Spaniern in den Eroberungen der Neuen Welt durchgeführt, wie denn überhaupt die spanische Herrschaft die meiste Ähnlichkeit mit der römischen Tyrannie hatte.

Aber um sich zu einer so harten Zwangslehrmeisterstelle berufen zu fühlen, muß man sich für das erste Volk der Erde halten können. Römer und Spanier taten dieses, erstere vom politischen, letztere vom religiösen Stolze getragen. Ohne solchen Wahn, ohne diesen festen und unerschrocknen Fanatismus wird man in jener Bahn immer nur die Rolle des an sich selber zweifelnden Despoten spielen, die schlechteste, welche es gibt.

Nun wird doch wohl niemand im Ernste sagen, daß unser achtbarer, aber etwas schmächtiger Mittelstaat jene unermeßliche Befangenheit teile. Wir freun uns des eingetretnen Umschwungs der Dinge, wir wissen, daß wir redlich und nach Kräften an dem Rade der Zeit haben schieben helfen, aber alle Vernünftigen sind von dem Rausche jener begeisterten Jahre ernüchtert, in denen wir freilich glaubten, daß Körners Lieder und die Freiwilligen den Usurpator verjagt hätten. Eine kühlere, aber richtigere Betrachtungsweise ist an die Stelle jener Überspannung getreten. Friedrichs Ehre glänzt bei den Sternen, dort leuchte sie uns fort und fort als heiliges Erinnrungszeichen, aber gefährlich wäre es, sie etwa als Kokarde an unsern Hüten zu tragen; wir sind bescheidner geworden. Noch weniger glauben wir im Ernste, daß unsre Einrichtungen wirklich die besten seien, im stillen weiß ja jeder Kundige, daß wir so manches nur noch des Herkommens und der Gewohnheit halber mitmachen. Wie sollte es uns also einfallen dürfen, andern mit Gewalt aufzudringen, was uns selbst zum Teil überlästig geworden ist?«

Der erste Redner stellte hierauf mit Lebendigkeit alle die Nachteile dar, welche aus einer so verschiedenartigen Gestalt[368] der öffentlichen Lebensform entspringen müßten. »Wahrlich!« rief er aus, »wie Öl und Wasser sich nicht mischen, so werden wir, wenn man jenen gelinden und zaudernden Weg verfolgt, das entfernte Besitztum mit uns niemals verbunden sehn, es wird nur unser Scheineigentum sein, welches der erste beste Sturm uns wieder zu entführen droht. Und warum die großen Besorgnisse? möchte ich doch fragen. Sind wir nicht eines Stammes, muß daher nicht bei ihnen selbst eine Art von Verlangen nach unsern germanischen Einrichtungen bestehn?«

»Das möchte ich doch leugnen«, nahm ein Dritter das Wort. »Wie man über Westdeutschland denken möge, so viel ist gewiß, daß man einen merklichen Unterschied wahrnimmt, sobald man sich dem Stromgebiete der Weser nähert. Bei uns ist alles häuslich, bürgerlich, familienhaft. Arbeit und Erwerb um der Frau und Kinder willen zu unternehmen, nach des Tages Last und Hitze im Kreise der Seinigen auszuruhn, dem Sohne zu einer Stelle, der Tochter zu einer Heirat zu verhelfen, darauf bezieht sich alles Streben der Stände, welche hier, wie überall vorzugsweise das Volk ausmachen. Blickt der Bürger aus seinen vier Pfählen in das Gemeinwesen, so sieht er dasselbe eigentlich nur in der aufsteigenden Beamtenhierarchie, die jedes selbsttätige Eingreifen seinerseits verbietet, und in dem Herrscher, der ihm fast nur wie der oberste Familienvater vorkommt. Kein Adel, oder ein solcher, welcher verschuldet und machtlos, nur zu dienen weiß. Über ein weites plattes Land derselbe Zustand, dieselbe Stimmung verbreitet, höchst achtbar, aber sehr einförmig und ein wenig tonlos.

Wie anders wird es, wenn wir durch die Westfälische Pforte gegangen sind! Erinnrungen der verschiedensten Art beherrschen die Geister der Menschen. Hier lag eine freie Reichsstadt, dicht daneben waltete der Krummstab des Bischofs, unfern gebot ein kleiner Dynast. Nun dauert aber das Gedächtnis einer politischen Vergangenheit länger, als unsre Staatskünstler sich träumen lassen. Weiterhin, in den rheinischen Kreisen, war bekanntlich die Landkarte noch bunter zu den Zeiten des Reichs, welches doch noch kein Menschenalter tot ist. Betrachte man denn eine eigentümliche Folge, welche die Verhältnisse[369] kleiner Staaten in den Menschen erzeugen! Wenn in einem großen Reiche etwa ein Dutzend Personen zu dem Bewußtsein politischer Würde und Wichtigkeit gelangen, so entsteht auf einem viermal geringeren Raume, welcher von kleinen Staaten besetzt ist, wenigstens das Vierfache jenes Bewußtseins und des daraus entspringenden Sinns für das Öffentliche. Auf Flächeninhalt und Einwohnerzahl kommt es hiebei nicht an. Der Geheime Kammerrat des Beherrschers von wenigen Dörfern und Weilern trägt ein Selbstgefühl mit sich umher, welches dem des Ministers in dem Staate von dreizehn Millionen Einwohnern nichts nachgibt, vielleicht dasselbe noch übertrifft, weil jenen die großen Welthindernisse nicht so bedrängen, wie diesen.

Die kleinen Staaten sind untergegangen, aber die Menschen sind geblieben. Die Söhne oder Enkel jener Geheimen Kammerräte, Bürgermeister, Schöffen und Patrizier leben, und wollen an ihrem Teile die Stelle der Väter und Ahnen einnehmen. Im Dienste des großen Reichs, welcher ihnen nun offensteht, gelangen aber nur sehr wenige, ich wiederhole es, zu dem Gefühle eigner Wichtigkeit im ganzen Staatsbetriebe, der unendlich größeren Mehrheit bleibt die Last des passiven Gehorsams ohne Ruhm und Auszeichnung. Was folgt also hieraus? In einer großen Zahl von Menschen entspringt dort die Neigung, sich neben dem Staate, allenfalls auch wider denselben stehend, geltend zu machen.

Nimmt man nun noch dazu einen hohen und reichen Adel, der jene Gegenden mit bevölkern hilft, und der keinesweges willens ist, sich so ganz leidend in die uniforme Staatseinheit verschlingen zu lassen, vielmehr eher den Wunsch hegen möchte, sich zu einer neuen Art feudalistischer Zwischenmacht zu erheben, bedenkt man, daß bis zu den jüngsten Zeiten in den dortigen Gegenden auch unter Bauern und Kleinbürgern so manche Reste unabhängiger Selbstregierung fortdauerten, und bringt man schließlich in Anschlag, daß wir zum Teil von Slawen, Sarmaten, Wenden und Longobarden, jene aber von Sachsen und Franken abstammen, so wird man wohl fühlen, daß so bedeutende Gegensätze nicht wohl mit einem Federzuge ausgestrichen werden können.«[370]

Mehrere, welche jene Gegenden kannten, stimmten dem Redner bei, und sagten, daß auch ihnen dort ein größerer Sinn für das Öffentliche, dagegen ein völliger Mangel eigentlichen Familienlebens bemerklich gewesen sei.

»Gewiß«, versetzte jener, »und wenn uns dieser Mangel namentlich am Rheine, unangenehm berührt, so können wir dagegen dem höheren Gemeingefühle der dortigen Menschen Achtung nicht versagen. Die Angelegenheiten der Stadt, des Kreises, der Provinz sind dort wirklich mehr zugleich auch Sache der Einzelnen, als bei uns. Man kollektiert, petitioniert, stiftet Vereine aller Art, ein jeder sucht, wo irgend möglich, in das Ganze mit einzugreifen. Darum hat auch das französische Wesen, wo es dort noch besteht, tiefere Wurzeln geschlagen, als mancher hier sich denkt. Denn, man sage über dasselbe, was man will, es schmeichelt der Eitelkeit, der persönlichen Selbstschätzung, kurz jenen Eigenschaften, welche so nahe mit dem politischen Streben verwandt sind. Unsre Einrichtungen sind dagegen alle auf eine gewisse Selbstentäußerung berechnet, sie sind patriarchalischer Natur und müssen uns ehrwürdig sein. Für die Anwohner des großen Stroms sind sie aber keinesweges gemacht, sie würden ihnen schwach und lax, und dann doch auch wieder hart und quälend erscheinen. Daß ich übrigens keinesweges jene Landgebiete auf Kosten unsrer Provinzen loben will, muß ich ausdrücklich hinzufügen. Mich verblendet kein Advokaten- und Rednergeschwätz, und mir ist, während ich mich dort aufhielt, das seichte, oberflächliche, unruhige Wesen, der Hang zum Verleumden und Verkleinern, die Geistesdürre und die Gemütskälte nicht entgangen, wodurch man sich dort, wie überall, wo eine politische Regung herrscht, angewidert fühlt. Nur sage ich nochmals: Sie sind nicht, wie wir, warum sollen sie so scheinen? Saladins Wort, es sei nicht nötig:


Daß allen Bäumen eine Rinde wachse!


paßt auf die Völker noch in einem weit höheren Grade, als auf die einzelnen Menschen.«

Man versagte dieser ganzen Auseinandersetzung den Beifall nicht, doch vereinigten sich auch die bedeutendsten Stimmen in der Überzeugung, daß, wenn dem auch so sei, die Dinge[371] nicht so bleiben könnten, da die neueren Regierungsgrundsätze durchaus eine gewisse innere Einheit der verschiednen Bestandteile des Staats verlangten.

Ein Mann von gemäßigter Denkungsart schlug einen Mittelweg vor. »Die Revolution«, sagte er, »hat eigentlich die jetzige Gestalt der dortigen Distrikte bestimmt, was uns entgegenzustehn scheint, sind doch nur ihre Erzeugnisse. Ich sage scheint, denn in der Wirklichkeit möchten die Kontraste nicht so unvereinbar sein. Wir haben während der schlimmen Jahre, wo es galt, jedermann auf seine Füße zu stellen, damit er, wenn der Tag der Entscheidung käme, Lust hätte, sich totschießen zu lassen, auch unsererseits revolutioniert, wenngleich auf eine stille gesetzliche Weise. Wie nun bei jenen vielleicht ein Schritt zu weit getan ist, so könnten wir noch einige vorwärts tun. Wir könnten den Besitz der neuen Provinzen zu einer Art von Tauschhandel benutzen, ihnen von uns, und uns von ihnen anzueignen, was jeder des Guten hat, auf diese Weise aber eine fortschreitende Reform des ganzen Reichs bewirken.«

Der Vorschlag hatte eine gefällige Außenseite, als man aber zu der Anwendbarkeit desselben im einzelnen überging, zeigten sich grade die meisten Schwierigkeiten, wie dies bei allen Mittelwegen einzutreffen pflegt.

Diese und ähnliche Gespräche wurden an vielen Abenden im Hause Medons geführt. Er selbst verhielt sich dabei kritisch oder referierend, vermehrte durch geschickte Einwürfe die Menge der Streitpunkte, oder faßte die Darstellungen der Redenden in lichtvollen, oft glänzenden Übersichten zusammen, wodurch denn freilich die Untersuchung nicht weiter gedieh. Seine eigne Meinung, was zu tun sei? verbarg er, denn er hatte eine solche, und eine sehr bestimmte, wie er nicht selten merken ließ. Da man nun von seiner Einsicht groß dachte, und deshalb oft eifrig in ihn drang, sich auszusprechen, er aber immer den Fragenden gewandt zu entweichen wußte, so hatte ihm der heimliche Spott, der als Landesfrucht auch an dieser Tafel nicht fehlen durfte, den Spitznamen des Abbé Sieyès beigelegt.

Johanna nahm in der Regel ein Buch zur Hand, wenn die Herrn sich in ihre administrativ-politischen Gespräche vertieften.[372] Nur wenn Medon zu reden begann, schien sie ein Zwang zu ergreifen, welcher sie nach fruchtlosen Versuchen, fortzulesen, trieb, ihm zuzuhören. Mit einer Mischung von Wohlgefallen und Schmerz tat sie dies, sie konnte lächeln, während ihr Mund vor Pein zuckte. Hermann betrachtete sie mit inniger Teilnahme, obgleich er durchaus nicht wußte, wo er ihr Unglück finden solle. Denn die Verhältnisse des Hauses waren glänzend, die angesehensten Personen suchten die schöne, merkwürdige Frau eifrigst auf, der Gatte behandelte sie mit einer Achtung, die an Ehrfurcht grenzte. Daß sie gewissermaßen dem herzoglichen Hause entführt worden war, schadete ihrem Rufe in einer Welt nicht, welcher alles Gewürz zu den Lebensumständen lieb und angenehm war. Der Verdacht der Herzogin endlich hatte keinen Grund; Hermann überzeugte sich aus dem Kirchenbuche, daß beide wirklich ehelich verbunden und vom Priester eingesegnet worden waren.

Die Staats- und Regierungsfragen, welche er hier aufwerfen, wenn auch nicht beantworten hörte, beschäftigten ihn selbst angelegentlich. Wurden auch keine Resultate erzielt, die Tatsache drängte sich ihm unwiderstehlich auf, daß er inmitten eines großen Verbandes sei, welcher sich von Rußland nach Frankreich erstreckte. Es konnte nicht fehlen, daß das Gefühl solcher Umgebung auch in ihm lebendige Wirkungen hervorbringen und den Tätigkeitstrieb anfachen mußte, welcher allen jungen Männern eingeboren ist.

Eines Abends, als die Gesellschaft das Zimmer verlassen hatte, war er mit Medon und Johanna allein zurückgeblieben. »Sie haben«, sagte er zu Medon, »auch heute uns Ihres Zutrauens in betreff jener allgemeinen Angelegenheit nicht gewürdigt. Sein Sie wenigstens offner, wenn ich für meine Person von Ihnen einen Rat begehre. Ich sehe um mich her alles betriebsam, wirkend; ich selbst aber verzehre mein Geld, verzettle doch im Grunde nur meine Tage und kann nicht leugnen, daß ich mich unbehaglich zu fühlen beginne. Ich habe schon wieder an den von mir so rasch verlaßnen Staatsdienst gedacht.«

Medon schwieg einige Zeit, dann hob er an: »Und doch würden Sie in einen zweiten, härteren Irrtum verfallen, wenn Sie[373] diesem Gedanken die Ausführung gäben. Wie ich Sie kenne, sind Sie nicht geschaffen, zu dienen, am wenigsten hier, wo, man mag sagen, was man will, doch meistens nur der Zufall, der Schlendrian, und die geschmeidige Charakterlosigkeit zu den Stellen emporführen, in welchen ein Mann von Geist und Talent ausdauern kann. Indessen wüßte ich einen andern Weg, Ihr Feuer, Ihre Kenntnisse und Rednergaben der Welt nützlich zu machen, Sie mit der Welt in eine werktätige Verbindung zu setzen.«

»Und der wäre?« fragte Hermann gespannt. Johanna rückte unruhig näher.

»Es ist mir ein schönes Gut im Badenschen zum Kauf angeboten, dessen Besitz die Landtagsfähigkeit gibt. Ich kann von diesem Eigentume obgleich die Bedingungen äußerst billig sind, keinen Gebrauch machen. Wollen Sie es erwerben? Ein Teil des Preises darf stehnbleiben. Meine Verbindungen in dortiger Gegend sind ziemlich ausgebreitet. Ich will Ihnen allenfalls dafür haften, daß Sie in die Kammer gewählt werden sollen. Die nächsten Sitzungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach wichtig und erfolgreich sein, kurz die glänzendste Bahn liegt, wenn Sie auf diesen Vorschlag eingehn, Ihren Fähigkeiten offen.«

Johanna erhob sich. »Laß das!« rief sie Medon mit einem Tone zu, welchen Hermann noch nicht von ihr vernommen hatte. »Er gehört hieher und in einen ordentlichen ehrlichen Beruf«, fuhr sie ruhiger fort.

Medon schien anfangs etwas bestürzt zu sein. Bald aber faßte er sich, und sagte, als Johanna das Zimmer verlassen hatte: »Meine Frau hat oft die seltsamsten Launen, und ist dann nicht imstande, sich zu gebieten. Gleichwohl würde sie ohne dieselben nicht die schöne Empfindungsfähigkeit haben, um welche ich sie so unaussprechlich liebe und verehre.«[374]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 366-375.
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