Viertes Kapitel

[361] Die Errichtung und Ausstattung des großen, den Kunstsammlungen des Staats gewidmeten Baues beschäftigte damals in hohem Grade die Gemüter. Schon überdeckte die Wände das Dach, Maler und Vergolder waren im Inneren tätig, man mußte nun daran denken, wie der aufgespeicherte Vorrat einzuordnen sei. Von allen Orten und Seiten her hatten diese Schätze sich zusammengefunden; es war die Absicht der Herrschenden,[361] daß die durch glorreiche Kriegstaten wiedererrungne Macht sich im mannigfaltigsten Besitze abspiegeln sollte.

Nur über das Wie? herrschte einige Verlegenheit. Nach der Weise früherer Zeiten auf das Geratewohl die vorhandnen Bilder aufhängen zu lassen, und nur dafür zu sorgen, daß jedes wertvolle Werk ein ziemliches Licht erhalte, war der Klarheit des Bewußtseins, womit in dieser großen Stadt alles betrieben wurde, durchaus zuwider. Es sollte, wie man sich hier auszudrucken pflegte, eine Idee im neuen Nationalmuseum herrschen, die Geschichte der Kunst sollte aus der Sammlung hervorleuchten, und zwar nicht eine Kunstgeschichte, wie sie herkömmlich falsch bisher überliefert worden, sondern die gereinigte, welche die neusten archäologischen Forschungen geschaffen haben.

Hier zeigte sich nun aber, daß die Bestrebungen scharfsinniger Geister denn doch nur erst bis zum Zweifel geführt hatten. Die Zeitfolge, das Verhältnis der Schulen war angefochten worden. Ungewiß erschienen die Zeichen der Meister. Warnend hatten die Kenner auf die ausgebildete Technik so mancher geschickten Kopisten aufmerksam gemacht. Kurz diejenigen, welchen die Sorge des Geschäfts anvertraut worden war, trieben in einem Meere von Bedenken und Einwürfen um. Man wollte sicher zu Werke gehn, und sein Gewissen vor der Schande bewahren, einen Cinquecentisten übersehen oder irrtümlich angenommen zu haben, und über diesem kritischen Bestreben gelangten die Werkleute nicht zum Einschlagen der Nägel. Das Schlimmste war, daß, da Laien und Frauen eifrig mit einzureden begannen, und eine siegreich durchgeführte Meinung die Aussicht auf eine wohlausgestattete Pfründe bei der neuen Anstalt gab, die Leidenschaften sich mit in das Spiel mischten. Bald stritten die Kenner persönlich und feindselig gegeneinander, und man beobachtete in dieser Angelegenheit nicht immer die Urbanität, wozu die schönen Künste führen sollen.

Eine andre Schwierigkeit entsprang aus der Beschaffenheit der vorhandnen Sachen. Man hatte vieles, aber unter diesem Vielen, was zum größeren Teile ganz gut war, gab es keine[362] eigentlichen Haupt- und Glanzbilder; es fehlten die Fürsten der Säle, um welche sich das übrige gruppieren ließ, solche Werke, welche einer Sammlung erst die rechte Haltung geben.

Nimmt man nun dazu, daß eine bedeutende Partei, welche die Kunst vom ideellen Gesichtspunkte betrachtete, gegen die Aufnahme des Genres und der Landschaft sich erklärte, während andre, realistisch gesinnt, sich ebenso entschieden dafür aussprachen, so wird man einen Begriff von dem Chaos haben, in welches die beste und hochherzigste Gesinnung der Waltenden eine Menge verständiger Männer und Frauen gestürzt hatte.

Was Madame Meyer betraf, so versetzte sie dieser Streit, so oft er bei ihr anzuklingen begann, in die übelste Lage. Sie hatte sich über die früheste Periode der Kunst so ziemlich unterrichtet, und da ihr hier und in Beziehung auf ihre Sammlungen keine unhöfliche Gegenrede der künstlerischen Freunde beschwerlich fiel, so wußte sie, wenn die Betrachtung sich in jenen Regionen verhielt, ein auslangendes Gespräch zu führen. Aber sobald man die erwähnten Streitpunkte aufregte, fühlte sie sich ganz verlassen, und indem sie als Sachverständige doch mitzureden die Pflicht empfand, gleichwohl eigentlich nichts beizubringen imstande war, kam nichts ihrer Verlegenheit gleich. Diese wurde ihr um so häufiger bereitet, als grade die gelehrtesten und hartnäckigsten Kämpfe sich nicht selten auf den Teppichen ihrer Zimmer entspannen.

Welchen Stoff dieser Bilderstreit den lustigen Köpfen der Stadt, die allem ihre Einfälle anzuheften pflegen, gegeben, läßt sich denken. Ein Spottvogel äußerte, die Gemälde würden nicht eher hangen, als bis die Gelehrten hingen; und ein andrer versetzte auf die Frage, wann die große Galerie zustande kommen werde: »Nach dem Dreißigjährigen Kriege.«

Plötzlich erschien inmitten dieser Bewegungen ein fremder Handelsmann, welcher durch Gunst des Geschicks in Italien, Flandern und Deutschland die seltensten Stücke zusammengebracht hatte. Er kramte seine Sachen aus, und stellte sie in dem hellen Saale eines großen Gasthofs den Schaulustigen zur Betrachtung auf. Nicht leicht hatte man einen bestimmten Abschnitt der Kunstgeschichte in so stetiger Folge überschaut,[363] als hier. Die Sammlung umfaßte den Zeitraum vom dunkelsten Altertume vor Cimabue bis auf Raphaels Jugend; allem Späteren hatte der Besitzer Neigung und Geldbeutel versagt. Hier taten einem unter allem dem Gold, Lack, und bunten Farbengetümmel im eigentlichen Sinne des Worts die Augen weh.

Niemand konnte einem so zusammenstimmenden Ganzen seine Achtung versagen, ohne daß gleichwohl der Gedanke entstand, diese Anhäufung von Inkunabeln werde einer in umfassenderem Sinne zu behandelnden Sammlung von erheblichem Nutzen sein.

Madame Meyer geriet bei dem Anblicke der glänzenden Tafeln fast außer sich und der junge Dichter teilte ihr Entzücken. In seinen Produkten erschienen seitdem noch mehr Bronnen und Wonnen, Lichtstrahlen und Waldesnächte, Engelsköpfe und Tauben des Heiligen Geistes. Sie aber vernachlässigte über diesen Genuß fast eine Zeitlang ihre Freunde und den musikalischen Gottesdienst in der künstlichen Kapelle.

Es war wunderbar anzuhören, auf welche Weise der Handelsmann in die enthusiastischen Reden dieser beiden Begeisterten einstimmte. Er hatte, von klugen, mit dem Geiste der Zeit vertrauten Männern unterstützt, das ganze Sammelgeschäft aus Spekulation getrieben, und wußte, bei seinen Sachen stehend, anfangs durchaus nicht, wie er sich bei jenen Hymnen zu verhalten habe. Endlich merkte er deren äußeren Schall sich zu eignem Gebrauche ab, und gab, wenn darin eine Pause entstand, den hohen Ankaufspreis der Bilder, in dem nämlichen schwärmerisch-verzückten Tone fortfahrend, an.

Auf einmal, ohne daß man sich dessen versehen, wurde bekannt, daß die Sammlung für die Nationalgalerie angekauft sei. Das Erstaunen über diesen Entschluß war sehr groß. Die unterrichtendsten Prachtstücke jenes Besitztums hätte jeder gern in den neuen Hallen gesehen, das Ganze aber schien außer allem Verhältnisse zu dem Zwecke der Anstalt zu sein. Die Köpfe mühten sich ab, den Grund jener befremdenden Entscheidung aufzufinden, und in Ermanglung der Wahrheit behalf man sich mit ziemlich unglaublich klingenden Gerüchten. So hörte Hermann erzählen, Medon habe einen starken Einfluß auf die Sache ausgeübt. Auf geschickte Weise sei von[364] ihm Madame Meyers Enthusiasmus in das Spiel gezogen, und sie selbst bestimmt worden, einem angesehnen, ihr leidenschaftlich zugetanen Manne, der in dieser Angelegenheit das Votum besaß, sich gefälliger und geneigter zu erweisen, als früherhin. Der Staatsmann, ganz beglückt über die ihm aufgehende Liebessonne, habe in einer schwachen zärtlichen Stunde dem Andringen seiner Freundin auf Erwerbung der alten Kunstschätze nicht widerstehen können, und so sei durch das Herz hier ein Ankauf vermittelt worden, gegen welchen der Verstand des Staatsmanns sich eigentlich gesträubt habe.

Hermann maß diesen und ähnlichen Einflüsterungen keinen Glauben bei. Zwar hatte er wirklich in der letzten Zeit lange vertrauliche Gespräche zwischen Medon und Madame Meyer bemerkt, und eine Annäherung ihrerseits an den sonst ziemlich kühl von ihr behandelten Staatsmann wahrgenommen, aber jenes intrigierende Benehmen widerstritt zu grell seiner Meinung von Medon, welche von Tage zu Tage günstiger ward. Auch hatte sich Medon einmal sehr kräftig gegen die Spielerei mit längst verschollnen Empfindungs- und Auffassungsweisen ausgesprochen, und die Liebhaberei der Madame Meyer geradezu eine Buhlschaft mit geputzten Leichen genannt. Wie sollte er also darauf gekommen sein, jetzt wider seine eigne Überzeugung zu wirken?

Etwas Gutes hatte der Ankauf der alten Bilder; der Zank der Gelehrten war sofort geschlichtet. Die Sammlung, als Ganzes erworben, sollte als ein solches zusammenbleiben. Verfuhr man nun aber, wie man mußte, nach dieser Bestimmung, so nahm sie den bedeutendsten Teil des zugemeßnen Raumes hinweg, und das andre war, ohne daß mehr sonderlich auf die kritisch-archäologischen Streitigkeiten Rücksicht genommen werden konnte, unterzubringen, wie es sich eben schicken und fügen wollte.

Hermann, der von allem dem, was sich um ihn, und in ihm bewegte, schon nichts mehr gern unbesprochen mit Johannen ließ, hatte auch sie einstmals um ihre Meinung von diesen Dingen befragt. Sie versetzte: »Wenn ich das Museum zu ordnen hätte, würde ich bald fertig werden. Ich hinge die liebsten Bilder, die mir Tränen der Rührung oder des Lachens in die[365] Augen treiben, in das hellste Licht, und es würde mir nicht darauf ankommen, ob eine Himmelskönigin sich neben einer Schenke voll Bauern befände.«

»Aber die Geschichte! die Kunstgeschichte!« rief Hermann.

Johanna lächelte und sagte: »Es muß wohl etwas daran sein, weil ich so viele kluge Männer davon reden höre. Nur sehe ich sie auf ihrem Wege mitunter dahin geraten, daß sie über die Wiege und den Taufschein das Kind vergessen. Wenn ich meine gute Meyer betrachte, und wahrnehme, wie sie ihr schönes Vermögen in lauter Dingen vergeudet, von denen das wenigste einem gesunden Sinne eigentlich Vergnügen machen kann, so möchte ich glauben, daß mindestens für uns Frauen die Kunst nur die Geschichte hat, welche sie in der Gegenwart erlebt, wenn auf ihre Wunder der Blick einer reinen Seele fällt. Indessen lassen Sie uns von diesem Gegenstande abbrechen. Das Schöne will nicht beredet, es soll gefühlt werden. Ich kenne nur ein Gespräch, welches noch unnützer ist, als das über Bilder, und das ist das über Musik.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 361-366.
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