Siebentes Kapitel

[378] Er hatte indessen immer tiefere Blicke in die badenschen Grund- und Erwerbspapiere geworfen, und da ihm um diese Zeit einige feurig aufmunternde Briefe ehemaliger Ordens- und Gesinnungsbrüder zukamen, des Inhalts, daß er aus der Untätigkeit hervortreten möchte, da Medon auch, ohne zuzureden, seinen Entschluß für gefaßt annahm, so war eines Morgens in einer leeren unmutigen Stunde die bindende Unterschrift unter dem ihm vorgelegten Dokumente geleistet und letzteres zur Post gefördert.

Er saß nachdenklich, die Feder noch in der Hand, und überlegte den wichtigen Schritt, welchen er soeben getan, als Medon eintrat. Dieser umarmte ihn, da er das Geschehene vernommen, und rief: »So sehe ich Sie doch endlich in der rechten Straße, und dem zwecklosen Umherstreifen enthoben!«

»Es ist sehr zu wünschen, daß dem so sei«, versetzte Hermann. »Denn mein väterliches Vermögen reicht kaum zu, den Kaufpreis des Guts zu decken, und ob ich bei der Bewirtschaftung desselben sonderliche Geschäfte machen werde, steht dahin, weil ich in diesen Dingen noch völlig unwissend bin.«

Wie groß war sein Schreck, als er die Verfassungsurkunde jenes Landes nachsah, was er bis jetzt unterlassen hatte, und bemerkte, daß er das wahlfähige Alter noch gar nicht erreicht habe! Er konnte sich nicht enthalten, Medon einige Vorwürfe darüber zu machen, daß er von ihm auf diesen Umstand nicht aufmerksam gemacht worden sei. Medon lehnte dieselben jedoch ganz sanft mit der Bemerkung ab, daß er ja nicht verordnet[378] gewesen sei, seine Jahre zu zählen, und daß er ihn nach der Reife seines Urteils und nach seinem äußeren Ansehen schließend, für älter gehalten habe. »Übrigens ist noch nichts verloren«, fügte er hinzu. »Sie sind nur als Bürgerlicher zu jung; wenn Sie geadelt werden, besitzen Sie die erforderliche Weisheit. Wir wollen also auch diese Metamorphose versuchen, und ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege angeben.«

Diese neue Aussicht, für deren Verwirklichung gleich allerhand geschah, vermehrte die Unruhe, welche das Wesen unsres Freundes aufregte, seitdem er in den Zauberkreis der großen Stadt getreten war. Nicht leicht ging ein Tag hin, an welchem nicht das, was ihm festzustehen schien, von andern bezweifelt, und häufig auch widerlegt worden wäre. Die Stadt war gewissermaßen eine Freistätte aller Gedanken und Meinungen, und wenn diese selbst friedlich nebeneinanderher gingen, so hatte der Anblick so vieler unvermittelter Gegensätze für den dritten Beschauer auf die Länge etwas Seelenzerstörendes.

Um nur ein Beispiel anzuführen: Er hatte geglaubt, durch die Gespräche in Medons Hause über die Lage des Staats, und über das, was dessen vorzüglichste Männer hauptsächlich beschäftige, ziemlich in das Klare gesetzt worden zu sein. Wie erstaunte er, da er an einem andern Orte zufälliger Zeuge einer Unterredung wurde, aus welcher er abnahm, daß die Frage über das Verhältnis der neuen Provinzen von den eigentlichen Lenkern nur als eine untergeordnete betrachtet wurde, daß man sich vielmehr im höchsten Rate mit Dingen beschäftige, welche, weitgreifender Art, über ganz Deutschland ihre Folgen zu verbreiten bestimmt waren!

Diese ganze Welt, in welcher er sich seit einigen Monaten bewegte, kam ihm so doppeldeutig und unsicher, und trotz alles scheinbaren Lebens so tot vor, daß ihm oft übel zumute ward. Was ihn vor allem unangenehm berührte, war der Mangel jeglicher Poesie, der ihm bald anschaulich wurde. Zwar arbeitete der junge Dichter rastlos an seinen Bildern aus der Kunstgeschichte fort, und hatte für den nach Weimar mitgeteilten florentinischen Zeitraum von dort ein aufmunterndes Schreiben empfangen, »in so löblichen Bestrebungen treufleißig[379] fortzufahren«, zwar bestanden einige literarische Gesellschaften; aber Hermann wollte durch alles, was er hier hörte und sah, wenig erbaut werden. Was einem Fremden, wie er war, bald kein Geheimnis blieb: Es hielt niemand etwas von dem andern, und wenn sie sich auch gegenseitig besangen, so lachten sie sich im stillen doch nur untereinander aus. Vom Theater zu reden, ward beinahe für unanständig gehalten, es stand in einer Art von Verruf, warum? ließ sich auch nicht wohl begreifen; es war um nichts schlimmer, als manches andre, was in hohen Ehren gehalten wurde.

So zwischen Staatskunst, Gelehrsamkeit und dem Enthusiasmus für Malerei eingeklemmt, fühlte Hermann recht deutlich, daß ihm nur wohl werden könne, wo der frische Glaube an die fortzeugende Kraft der Dichtung wehe. Hier aber ward alles Neue mehr oder minder höflich verneint, man hatte sich und sein ästhetisches Gewissen in der schwärmerischen Verehrung des alternden großen Autors abgefunden. Es ließ sich aber erkennen, daß mindestens ein Teil der Verehrer ihn auf gut Nicolaitisch wiederum gekreuzigt haben würde, wenn er unter ihnen neu mit dem »Werther« aufgetreten wäre.

Die Tage waren kurz geworden. An einem Abende, an dem es draußen recht unheimlich stürmte, besuchte er Johannen. Er hatte gewünscht, sie allein zu finden, und es ward ihm so wohl. Sie saß in einem kleinen Zimmerchen, und hatte Briefe, getrocknete Blumen, Schattenrisse vor sich auf dem Tische ausgebreitet. An den Wänden dieses Zimmerchens hingen viele kleine Bildnisse, Freunde und Freundinnen einer glücklicheren Zeit. Ihre Augen waren verweint, sie schien matt und abgespannt zu sein. »So kommen Sie doch noch«, rief sie ihm sanft und freundlich entgegen, »das ist schön! Der Abend ward mir unter meinen lieben Schatten hier gar zu schwer, ich kam mir selbst schon ganz vergangen vor, und meinte, zum zweiten Male zu leben. Wie es draußen stürmt, und hier die kleine friedliche Lampe! So wütet es überall feindlich um das stille liebliche Feuer, was hin und wieder die Mächte des Himmels entzünden!«

»Was hat Sie betrübt, Johanna?« fragte Hermann, und setzte sich teilnehmend zu ihr.[380]

»Nichts und alles!« versetzte sie. »Mein Herz ist eben zum Überlaufen voll, und da genügt ein Tröpfchen zum Ergusse. Wir hatten zu Mittag Gesellschaft und die trostlosen Gespräche begannen wieder, welche mir schon oft den Busen zerspaltet haben. Die armen, törichten Menschen! Auf den Knien sollten sie Gott danken, daß er doch hin und wieder einen warmen Frühlingsatem über die Erde streifen läßt, unter welchem das kleinste Gräschen sich aufrichtet, und selbst verdorrte Keime neu zu sprießen beginnen.«

»Ich weiß, was Sie meinen«, sagte Hermann. »Auch mich hat es schon oft verdrossen, daß man hier fast geflissentlich bemüht ist, der Erinnrungen an eine große Zeit sich zu entschlagen! Und doch, was steht ihr gleich, was kann das gegenwärtige Geschlecht ihr Ähnliches hoffen?«

»Sie war die hohe Brautwoche, der süße Honigmonat meines Lebens!« rief Johanna und ihre Augen glänzten. »Ich war zwanzig Jahre alt, auf meines Vaters Schlosse erwachsen, der, wie ihn die Leute auch beschelten mögen, mir ein guter Vater war, und mich aufstreben ließ, frei und ungezwängt, gleich den Tannen in unserm Park. An seiner Seite zu Pferde, oder im leichten Jagdwagen, wenn der Hirsch verfolgt wurde, war es mir oft, als müßten Flügel mir an beiden Schultern wachsen, so leicht und rein rollte in mir das mutige Leben! Daheim horchte ich den Erzählungen der Reisenden und klugen Männer, welche meinen Vater besuchten, und von fremden Ländern und Menschen sprachen, oder ich las Geschichte mit meiner alten, würdigen Erzieherin. Denn, Dank sei es denen, welche über mein Geschick geboten; nichts Gemeines und Eitles durfte mich berühren, und ich erinnre mich noch, daß in meinem Zimmer der Spiegel fehlte. Welt und Vorzeit umgaben mich wie ein schönes, sinnvolles Märchen, in dessen Mitte ich, allen Helden und Weisen vertraulich nahe, liebe Tage hinspann.

Nun erschien jener große Winter mit seinen Eis- und Leichenfeldern, mit seinem Stadt- und Herzensbrande! Meines Vaters Entschluß war sogleich gefaßt, als die ersten Zuckungen des wieder erwachenden Lebens sich verspüren ließen. Obgleich, nach der Sitte seiner Jugend, gern die fremde[381] Sprache redend, war er ein deutscher Mann und Edelmann geblieben; sein Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet. Wir zogen, damit er tätiger eingreifen könnte, auf eine Zeitlang nach der großen Stadt, welche der Herd des heiligen Feuers war. Was schwatze ich Ihnen vor? Sie waren ja selbst dabei, haben selbst die Waffen getragen. Welche Tage! Welche Gefühle! Nun waren Rom und Griechenland und die Ritterzeit kein Märchen mehr für mich, alles Größte strahlte wiedergeboren im grünen, frischen Lichte, mich an. Mein Mädchenherz wollte mir oft die Brust zersprengen, wenn ich bis Mitternacht, ja bis an den frühen Morgen die Binden zuschnitt, welche das Blut der Wunden hemmen sollten. Ich weinte, daß mein Vater reich war, daß ich nicht auch mich genötigt sah, mein Haupthaar auf dem Altare der allgemeinen Begeisterung zu opfern. Nie, nie kann ich das vergessen, und wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klügelei starr wird, so soll der Busen einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern!«

Sie war aufgestanden und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Ihre Züge hatten sich verklärt, sie glich einer Priesterin, einer Velleda. Nach einer Pause, während welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie durchsichtig zu werden schien, stand sie still und rief: »Ja, wenn es eine Liebe je auf Erden gegeben hat, so habe ich geliebt! Und o des Glücks! Die zärtlichste Empfindung war nur eins mit der heiligsten und größten! Im Waffenschmuck trat er mir entgegen, dem Kampfe sich entgegensehnend, in den er nach wenigen Wochen zog. Mild war er und edeln Zornes zugleich voll, nie hat ein reineres tugendhafteres Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft. Er war wie ein Verschlagner von einer fernen seligen Insel unter uns andern. Die Augen pflegte er zu senken, als erliege seine Seele unter ihrer eignen Größe. Stumm war unsre Liebe und ohne Erklärung. Nur, als ich ihm beim Abschiede die Feldbinde reichte, verstanden sich unsre Blicke. Er zog dahin, und ich sah ihn nicht wieder.

Er trug, wie alle jugendliche Frühlingsherzen, die Todesahnung im Busen. Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem Gedanken, fern unter den Fußtritten[382] des feindlichen Volkes vermodern zu müssen. Das Schicksal ist oft grausam, es kann uns nicht allein das Leben, wie wir es wünschen, sondern auch den Tod, wie wir ihn zu sterben würdig gewesen wären, versagen. Nicht in einer der großen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein Freund, nein, vereinzelt, seiner Schar nachgeblieben, wurde er von umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden erschlagen. Ich erfuhr seinen Tod, noch ehe die Nachricht davon zu mir gelangte. In der Nacht aus tiefem Schlummer ohne vorhergegangnen Traum emporschreckend, sah ich das blutige Haupt des Ermordeten am Fuße meines Lagers aufsteigen, und alsobald auch wieder verschwinden. Augenblicklich wußte ich um meinen ungeheuren Verlust, aber zugleich durchdrang mein Herz ein unvergänglicher Trost, der es so ganz erfüllte, daß ich mich kaum erinnere, damals geweint oder sonst getrauert zu haben. Nur jetzt, nach manchem Jahre fließen meine Tränen zuweilen. Als die Ruhe hergestellt war, beschäftigte uns alle, die wir ihn geliebt hatten, sein Wunsch. Ein treuer Gefährte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf, scheute nicht Mühe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich empörten Volke, fand die Grube, in welcher man den Körper verscharrt hatte, kaufte die teuren Reste los, und brachte sie in die Heimat.«

Sie näherte sich einer schmalen, länglichen Kiste, welche in der Ecke des Gemachs stand, öffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes über sie. Hermann trat hinzu und fuhr zurück; ein menschliches Gerippe starrte ihm aus der Kiste entgegen. »Warum erschrickst du? Was macht dich zu fürchten?« rief sie. »Dies ist mein lieber, mein einziger Freund, den ich nun wiederhabe, und nicht von mir lasse. Betrachte den holdseligen Mund, die guten, schönen Augen, die denkende Stirne! Nun ruht er, umweht vom Hauche der Liebe, nun ist ihm wohl!«

»Teure, warum gaben Sie der Erde nicht wieder, was der Erde gehört?« fragte Hermann, als er sich einigermaßen von seinem Erstaunen erholt hatte.

Sie versetzte nichts. Mit den zärtlichsten Namen rief sie den geschiednen Freund, schmeichelnd strich sie über den kahlen[383] Schädel, ihre Lippen küßten die leeren Augenhöhlen. Dazwischen führte sie Reden, deren Sinn und Bedeutung Hermann nicht verstand. Sie sprach von dem Vampir, der, auferstandne Leiche, umhergehe und den Lebenden das Blut aussauge, und beschwor die Gebeine des Toten, sie wie bisher, so auch ferner vor dem Schrecknis zu schützen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 378-384.
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