Drittes Kapitel

[232] Der Domherr, aus alter Familie als jüngerer Sohn entsprossen, war frühzeitig in eine einträgliche Pfründe eingekauft worden, und, durch verschiedne unerwartete Todesfälle begünstigt, zur Hebung gediehn, sobald er nur das kanonische Alter erreicht hatte. Ohne Beschäftigung, ja selbst ohne die Sorge für die Erhaltung eines Vermögens, genoß er reichlicher Einkünfte, welche ihm keine anderen Pflichten auferlegten, als seine Residenz an dem Orte des Kapitels zu halten, und die kirchlichen Stunden innezuhalten, welche in diesem Stifte, ohne bedeutenden Verlust an Gelde, nicht durch Vikarien abgestattet werden durften.

Sein lebhafter und neugieriger Geist trieb ihn, die Langeweile eines solchen Zustandes dadurch zu versüßen, daß er das Verschiedenartigste nacheinander las und vornahm. Da er indessen zu wenig Ruhe besaß, und ein äußrer Zwang, welcher vielleicht allein imstande ist, lockeren Naturen Halt zu geben, hier mangelte, so berührte er von allem nur die Oberfläche, erwarb zwar durch leichte Fassungsgabe und gutes Gedächtnis mannigfaltige Kenntnisse, denen es aber an einer Wurzel in der Seele völlig gebrach. So entstand denn in ihm ein wahres Chaos von unzusammenhangenden Meinungen, und einander aufhebenden Maximen. Ein Spötter hatte ihn einst den lebendig gewordnen Vordersatz ohne Nachsatz genannt. Dagegen galt er wieder bei vielen andern für einen reichen Geist, ja für ein Genie.

Am übelsten stand es mit seinem Verhältnisse zu den übersinnlichen Dingen. Der Katholizismus seiner Jugend war ihm nichts als das lästigste Formenwesen geworden; die dumpfen Choräle, welche er späterhin als Pfründner in seinem holzgeschnitzten Stuhle täglich geduldig mitsingen mußte, dienten auch nicht dazu, die Liebe zu dem angestammten Glaubensbekenntnisse zu steigern. Er hatte sich bei Voltaire und Holbach Rats erholt, und eine Zeitlang mit großer Dreistigkeit die Sätze versponnen, welche in dieser Schule zu gewinnen sind.

Als er aber über das vierzigste Jahr hinaus war, und, er wußte selbst nicht wie? immerfort auf den Gedanken kam, daß[232] er nicht mehr so lange leben werde, als er gelebt habe, ergriff ihn eine große Unruhe, die bald zur ausschweifendsten Todesfurcht wurde. Daß damit eine ängstliche Sorge für seine Gesundheit sich verband, ist natürlich, allein was half diese? Endlich müssen wir ja doch sterben. Er faßte daher mit leidenschaftlicher Begierde nach dem Dogma von der Unsterblichkeit der Seele, welches er aber nur physikalisch oder magisch sich anzueignen wußte. Er las Swedenborg, Paracelsus, vertiefte sich in kabbalistische Phantasien, und suchte sich dadurch die Himmelsleiter zu zimmern. Nach der nächsten und einfachsten Quelle empfand er keinen Durst; vielmehr äußerte er einst mit großer Naivetät gegen einen vertrauten Bekannten, daß ihm an dem Dasein Gottes im Grunde wenig liege, wenn er nur das ewige Leben bekomme.

Geistlicher Zuspruch war ihm von seiner Jugend her verhaßt geblieben. Als daher der bekehrte Priester, dessen wir uns erinnern, ihm bei seinem Eintreffen im Schlosse nahen wollte, weil er an dem Gaste so etwas Schadhaftes witterte, wies ihn dieser mit entschiedner Geringschätzung zurück. Dagegen wandte er sich lebhaft dem Arzte zu, den der Fremde belustigte. Jener nahm ein geheimnisvolles Wesen gegen den Domherrn an, und hatte sich bald in eine solche Achtung bei ihm gesetzt, daß selbst die tollen Scherze, zu welchen ihn der Anblick des närrischen Mannes bisweilen hinriß, von diesem für verhüllte hierophantische Weisheit erachtet wurden. Sein ganzer gegenwärtiger Zustand war eine Kette von Zerstreuungen. Die Umwälzungen der Zeit hatten ihn seiner geistlichen Pflichten entbunden, ohne ihm die Präbende zu nehmen. Eine Erbschaft war ihm zugefallen, so daß er für reich gelten konnte. In der Nähe der großen Stadt hatte er sich das Landhaus erbaut, von dessen widersinniger Einrichtung der Arzt der Herzogin erzählte.

An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvörderst den Domherrn über seine Gesundheitsumstände zu trösten, ließ jedoch ein entscheidendes Wort über die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen, wobei er ihn bedenklich ansah. Dieser Blick konnte den andern wenig vergnügen, und seine Stimmung wurde nicht gebessert, als der Arzt ein treffendes[233] Bild der Auflösung entwarf, worin deren einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten, so daß man froh sein mußte, wenn dieses widerliche Gären endlich in lauter grauem Staube sich beruhigte.

Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte: »Possen! Wer an Fortdauer glaubt, läßt sich durch dergleichen nicht schrecken.«

Der Arzt versetzte hierauf, daß der Glaube und die Wissenschaft allerdings zwei gesonderte Gebiete beherrschten, wovon nur das eine den Vorzug habe, daß man wisse, wo es liege, während dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten lasse. Er wollte hierauf das Gespräch abbrechen, und sich entfernen, womit aber dem Domherrn durchaus nicht gedient war. Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht verhüllter Ängstlichkeit zurück, und rief: »Ihr seid Materialist, Doktor, ich weiß das, aber ein innerstes Gefühl sagt dem Menschen, daß seine Seele etwas Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts. Sprecht Eure Zweifel nur aus; es ist mir nichts unerträglicher, als dieses Halten hinter dem Berge.«

»Man hat«, sagte der Arzt, »auch lange von den vier Elementen gesprochen, und nun wissen wir denn doch, daß diese für Grundstoffe gehaltnen Dinge aus verschiednen andern bestehn, welche erst zusammengefügt das bilden, was wir Erde, Wasser, Luft und Feuer nennen. Und wer weiß, wie weit die Chemie die Scheidung noch treiben kann! Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu machen, scheint mir leicht. Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer Einfachheit gesprochen worden. Dabei wurde nur vergessen, daß derselbe Mensch unter verschiednen Umständen oft als ein ganz andrer erscheint, daß Grundsätze, Meinungen und Überzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen, und daß daher in dem Dinge, welchem wir so gern eine vornehme Selbständigkeit beilegen möchten, manche gar nicht so notwendig zueinander gehörende Potenzen wirksam sind, die ja auch die empirische Psychologie längst aufgezählt und nachgewiesen hat.«

»Also sollte sich die Seele bei dem Tode gewissermaßen in Verstand, Vernunft und Urteilskraft zerlegen?« fragte der[234] Domherr, froh, seinen Gegner zum Absurden geführt zu haben.

Der Arzt versetzte: »Wie die Auflösung des Seelischen vonstatten gehe, weiß ich nicht, ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun. Sind Sie derselbe noch, der Sie als Kind und Jüngling waren? Entschwanden nicht ganze Regionen von Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem Geiste? Wechselten nicht Liebe und Neigung in Ihnen? Wollen Sie noch, was Sie wollten? Können Sie einen einzigen Moment in sich nachweisen, wo Ihre Seele anders als zeitlich, räumlich, hinfällig, leiblich dachte und fühlte? Welchen Teil, welche Stufe dieses Etwas wollen Sie also für jene Ewigkeit retten? Denn Sie werden immer etwas aufgeben müssen, entweder die Vernunft, wenn Sie das, was im Herzen klopfte, oder das Gemüt, wenn Sie das, was im Haupte leuchtete, erhalten wünschen.

Will das nun irgend jemand? Gewiß nicht. Vielmehr ist es ja grade das Verlangen, sich in seiner Totalität zu bewahren, was man die Sehnsucht nach dem Jenseits genannt hat, auf welche Sehnsucht denn wieder einer der sogenannten Beweise gebaut worden ist. Weil es einen Hunger gibt, so gibt es eine Speise, weil wir Durst fühlen, so muß Getränk vorhanden sein. Also, weil wir jene Sehnsucht fühlen, so wird der Gegenstand ihrer Befriedigung nicht ausbleiben. So weit bin ich einverstanden. Nur, was der Gegenstand sei, darüber herrscht eine Täuschung.

Man hat auch von Nektar und Ambrosia gesprochen, und gewiß hat mancher nach dieser Götterspeise, wie Tantalus, ein Gelüsten empfunden; gleichwohl, hat sie jemand gekostet? Mußte nicht jeder sich mit gemeiner menschlicher Kost begnügen? Und so ist es mit dem Unsterblichkeitsglauben. Ein lügenhaftes, schwärmendes Etwas in uns verlangt nach Nektar und Ambrosia, während die wahre, innige und viel tröstlichere Befriedigung überall uns nahegestellt worden ist, ohne daß unsre blöden Sinne sie wahrnehmen.«

»Und die wäre?« fragte der Domherr.

»Das gegenwärtige, irdische Leben selbst«, versetzte der Arzt. »Auch ich sage in meinem Sinne: Der Mensch ist ewiger Dauer. Aber ich setze hinzu: Der Himmel ist auf Erden, und[235] mit dem Tode ist es nicht aus, sondern es beginnt aufs neue. Wie Feuer von oben ergreift das Psychische den Ton, bildet und wirkt ihn aus, und wenn es ihn abgenutzt hat, sucht es sich frischen Stoff. Wir sind alle Revenants, und dieser Erscheinung der Geister oder des Geistes ist kein Ziel der Zeit gesetzt.«

»Das ist eine schlechte Fortdauer«, seufzte der Domherr. »Was hilft es mir, zu vermuten, ich habe schon irgendwo einmal gesteckt, wenn ich nicht weiß, wo und in welcher Haut ich steckte.«

»Und wenn nun jene Vermutung sich bis zur klarsten Anschauung steigern ließe? Im ahnenden Vortraume ist letztre schon gesetzt, er heißt Geschichte. Diese in allen so lebendig zu machen, daß jeder sich auf Jahrtausende zurück wiederfinden kann, ist eigentlich die geheimnisvoll-verhüllte Aufgabe der Gegenwart. Wir reifen einer Periode entgegen, worin die Menschen ebensosehr Bürger der Vergangenheit sein werden, als sie eine Zeitlang in der durch das Christentum angewiesenen Richtung Anwärter der Zukunft waren. Das ist der heilig zuckende Wille des Weltgeistes unter der Decke der politischen Bestrebungen unsrer Zeit, welche eben dieses, von ihrer bewußten Absicht ganz verschiedne Resultat hervorzubringen bestimmt sind. Hin und wieder ist dieser Unsterblichkeitsglaube, oder vielmehr dieses Wissen schon vorhanden; es gibt Vorboten der neuen Epoche. So glaube ich von mir sagen zu können, daß ich mit Bestimmtheit sehe, wo ich da und dort schon aufgetaucht bin.«

»Ist es möglich?« rief der Domherr. »Entdecken Sie mir ...«

»Diese Kunde gehört nur mir«, erwiderte der Arzt. »Allein ich glaube, daß jeder nicht ganz Verwahrlosete sie in sich erzeugen könnte.«

»Und wie?«

»Man kommt zu Mysterien bekanntlich erst nach vielen Vorbereitungen. Auch wird nur der eine höhere Seelenerfahrung recht besitzen, der sie selbsttätig sich hervorbringt. Um aber auf Ihre Angst und Not, die ich mit Bedauern wahrnehme, zurückzukommen; es gibt ein sehr einfaches Mittel, sie zu heben, Sie von aller Unruhe über die Dinge jenseits des[236] Grabes zu heilen, und Ihnen dieses so zu zeigen, wie es ist, nämlich als einen unschuldigen, harmlosen Hügel Erde.«

»Nun? dieses Mittel?«

»Heiraten Sie und zeugen Sie einen Sohn. Wenn wir uns einigermaßen an die Natur halten wollen – und das ist wohl in jedem Falle das Sicherste – so müssen wir erkennen, daß mit jener wunderbaren Funktion, worin der ganze Mensch zu einer belebenden Flamme auflodert, auch der ganze Mensch im natürlichen und im höheren Sinne fortgesetzt wird. Nur eine verdorbne Phantasie hat um sie ihr lüsternes Unkraut gewoben, sie ist für den wahren Priester des Universums etwas so Ernstes und Schweres wie die Bewegung der Himmelskörper, die Reise des Lichts, der Drang der Voltaischen Säule. Hier ist uns auf die liebreichste Weise das Mittel in die Hand gegeben, alle kranken Schrecken abzuschütteln, und ich habe immer die Weisheit der alten Indier bewundert, welche aus dem Geschäfte, zu welchem ich Sie aufmuntern möchte, einen Punkt ihrer Pflichtenlehre machten. Meine Beobachtungen lehrten mich auch fast immer, daß Personen, welche die Zeit nach ihnen verkörpert vor sich sahn, aufhörten, dieselbe zu fürchten, und die wenigen Ausnahmen befestigten mir eben die Regel. Es ist keine Redensart, es ist eine Wahrheit, daß die Eltern in den Kindern fortleben. So aber geht es; der Mensch sucht über den Sternen, was zu seinen Füßen liegt, wie die Spanier nach dem fernen Eldorado fuhren und in den Wildnissen verhungerten, während sie mit treuer Arbeit zu Hause sich hätten nähren und auch des so heiß ersehnten Goldes ein bescheidnes Teil gewinnen können.«

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 232-237.
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