Zweites Kapitel

[227] Im Ahnensaale, den Bildnisse, Schenktische und Hirschgeweihe herkömmlich schmückten, warteten gegen zwanzig junge Edelleute, sehr vergnügt über den bevorstehenden herrlichen[227] Zeitvertreib. »Gott strafe mich!« rief einer, »es war ein vernünftiger Gedanke, auf so etwas zu verfallen. Man hat gar nichts mehr voraus, aber das können sie uns nicht nachmachen.«

Nachdem die eintretende Herzogin mit großem Geräusch verehrt worden war, und jeder seine Empfehlungen von Müttern und Schwestern ausgerichtet hatte, warf man sich jubelnd über die herbeigebrachten Waffen her. Die Bedienten hatten eine ungeheure Last Eisenwerk im Saale umher aufgeschichtet, unter dem nun jeder nach dem, was ihm gemäß sei, spürte. Man setzte Helme auf, legte Schienen an, suchte mit den Harnischen fertig zu werden. Die Bedienten halfen, so gut sie konnten, da aber die Ungeduld zu groß, oder das Geräte zu alt war, so riß vieles und zerbrach mehreres. Ja einige der schönsten Rüstungen, die gleich den Leichen in manchen Gewölben nur noch zum Scheine zusammenhielten, fielen gänzlich auseinander, bei welchem unerwarteten Anblicke die Herzogin erschreckt und verstimmt den Saal verließ.

Etwa ein Dutzend Ritter kam indessen doch nach vielfältigen Versuchen mit der Wehrhaftmachung zustande, freilich nicht ohne dieses und jenes Mißverständnis. Denn so behauptete einer hartnäckig, die Beinschienen, welche bekanntlich zum Schutze des vordern Teils der Schenkel dienten, gehörten an die entgegengesetzte Stelle, um gewisse unangenehme Folgen heftigen Reitens zu verhüten, ließ sich auch von seinem Irrtume nicht überführen, sondern die Schienen verkehrterweise anschnallen; worauf ihn ein andrer mit derbem Scherze in einen Stuhl drückte und fragte: ob er denn nun so sitzen könne? was er freilich leugnen mußte.

Die Fertiggewordnen schwankten, von der ungewohnten Wucht bedrückt, vor die großen Wandspiegel, und brachen bei ihrem Anblicke in ein schallendes Gelächter aus. Und wirklich waren diese wankenden düstern, verrosteten Gestalten eher scheußlich als lieblich anzusehn.

Der Arzt, welcher zurückgeblieben war, um den Wirt zu machen, lud die Gesellschaft jetzt zu dem unterdessen aufgetragnen Gabelfrühstück ein. Man war so vergnügt über die Maskerade, man fühlte sich so groß in dieser Hülle der Altväter,[228] daß die meisten sich in Wehr und Waffen zu Tisch setzten. Die Speisen waren vortrefflich, die Eßlust der jungen Leute war es nicht minder. Man schmauste tapfer und zechte weidlich dazu. Die Hitze, welche unter den Rüstungen sich entwickelte, trug dazu bei, daß der Wein noch eher, als sonst wohl geschehen wäre, den Trinkenden zu Kopfe stieg; bald entstand ein Gespräch, in dem keiner mehr sein eignes Wort vernahm. Die Bedienten, welche nicht frische Flaschen genug herbeischaffen konnten, schüttelten, an das gemeßne Wesen der Herrschaft gewöhnt, über diesen erstaunlichen Lärmen die Köpfe, der alte Erich murrte ganz laut, und belferte seine biblischen Sprüche daher. Zufälligerweise hatte sich eine Musikbande im Hofe des Schlosses eingeschlichen, welche, angelockt von dem Geräusch, durch Gänge und Vorsäle drang, und von niemand bemerkt, mit stimmenden Instrumenten in den Saal trat. Sogleich verlangten die Trunknen etwas Lustiges aufgespielt, worauf die Musikanten, welche nichts Besseres hatten, die Marseillaise zum besten gaben. Niemand fand an dieser Wahl Anstoß, denn es war eine völlige Vergessenheit der Zeiten eingetreten; die ganze gerüstete Schar hüpfte, walzte, oder marschierte nach diesen neusten aufrührerischen Tönen munter im Saale umher, daß die Fenster erklirrten.

Der Herzog, welcher von einem Ritte über Land heimkam, hielt im Hofe still und fragte jemand, der ihm begegnete, mit strengem Tone nach der Ursache des Lärmens. Der Mensch glaubte, nichts verraten zu dürfen, und zuckte die Achseln, indem er nur einen Blick nach den Fenstern der Herzogin warf. Der Herzog besann sich und sagte: »Das ist ja aber, als ob Hasper a Spada, Brömser von Rüdesheim und Bomsen vereint dem Grabe entstiegen wären. Ich merke, das deutsche Rittertum ist von starkem Getöse nicht zu trennen.«

Der Arzt hatte sich, sobald er gekonnt, von der lauten Gesellschaft getrennt, und in der Eile einige halbversäumte Patienten besucht. Die Beratungen, zu denen er notgedrungen sich hergeben mußte, die Verrichtungen, welche ihm für das Fest aufgetragen wurden, raubten, ihm zu seinem Verdrusse Zeit, ein Gut, mit welchem er sehr haushälterisch umging. Vor allem aber hatten die Worte, zu denen er durch sein Alleinsein[229] mit der Herzogin hingerissen worden war, ihn in die übelste Stimmung versetzt. Er gefiel sich nur in der verschloßnen Kälte, welche er als das ihm geeignete Element sich zubereitet hatte, und war außer Fassung, wenn er befürchten mußte, das Gefühl, welches ihm als Menschen denn doch auch geblieben war, aus seinem Versteck entlassen zu haben. In solchem Unmute war er immer zu harter sarkastischer Laune, willkürlicher Behandlung anderer aufgelegt.

Er nahm nach vollbrachtem Geschäfte ein Buch zur Hand, aber das Lesen wollte nicht gelingen. Er ging durch den Park, und hatte schon vor, da niemand sich zeigte, an dem er den Zorn auslassen konnte, Wilhelmi in seinem Exile zu besuchen, als die Alte, zu welcher er Flämmchen gebracht, ihm in den Weg trat. Sie verbeugte sich, kreuzte die Arme über der Brust, und streckte schweigend die flache Hand aus.

Der Arzt verstand diese Gebärde, reichte ihr Geld, und sagte: »Ich meinte, Ihr hättet länger mit dem auskommen müssen, was ich Euch neulich gegeben hatte.«

»Es wäre auch geschehen, wenn das Flämmchen nicht so viele Schuhe durchtanzte«, versetzte die Alte.

»Wie soll ich das verstehn?« fragte der Arzt.

»Es läßt sich nicht erzählen, man muß es sehn«, antwortete die Alte. »Wir haben Mondlicht, da treibt sie es.«

Er fragte sie, wie sie sich vertrügen. Die Alte erwiderte: »Sehr gut. Es wäre mein Tod, wenn das Kind wieder von mir genommen würde. Sie legt mir die Kräuter aus, das fehlte mir noch, nun bin ich ganz zufrieden.«

Er tat noch allerhand Kreuz- und Querfragen, und brachte dadurch heraus, daß Flämmchen, nachdem sie zu der Alten gekommen, in einen Zustand von Exaltation verfallen war, welcher besonders in der Zeit des Mondlichts sich offenbaren sollte. Was er hierüber erfuhr, dünkte ihn merkwürdig, und er versprach der Alten einen baldigen Besuch.

Kaum hatte sie ihn verlassen, als der Domherr reisefertig zu ihm trat. »Wo stecken Sie, Doktor? Ich wollte Ihnen Lebewohl sagen«, rief er, und umarmte lebhaft den Arzt.

»Warum eilen Sie so, fortzukommen?« fragte dieser. »Sie könnten unsrer Herzogin manche Verlegenheit abnehmen,[230] wenn Sie blieben. Ich habe den Auftrag, Sie dringend darum zu bitten.«

»Es ist mir wahrhaftig nicht möglich«, versetzte der andre. »Ihr Kinder wißt nicht, was für Geschäfte auf mir lasten.«

»O ja, Kanarienvögel zu füttern, Kupferstiche durcheinander zu werfen, Hunde abzurichten, und dergleichen wichtige Dinge mehr.«

Auf der Landstraße, welche am Park vorbeiführte, kam in dem Augenblicke der Zug der heimreitenden jungen Edelleute durch. Sie sangen, saßen ziemlich unordentlich zu Pferde; einige hatten in der Abwesenheit ihrer Sinne die Helme auf dem Haupte behalten.

»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben«, sagte der Arzt. »Es wäre Ihre Pflicht, was Sie uns einbrockten, auch mit uns zu verzehren. Indessen reisen Sie nur, wenn Sie sich durchaus eine Krankheit in der Abendkühle holen wollen.«

Auf dieses Wort wurde der Domherr stutzig und fragte nach dessen Bedeutung. Der Arzt erzählte ihm hierauf eine Geschichte von den jetzt herrschenden bösartigen Wechselfiebern, welche so allgemein vorkämen, daß man sie fast eine Epidemie nennen könne, und welche durch die kleinste Erkältung herbeigeführt würden. Der Domherr ersuchte den Arzt ängstlich, ihm nach dem Pulse zu fühlen, welchen dieser in der Tat schon fieberhaft erregt fand. Hierauf ließ der Domherr eiligst abspannen, begab sich nach seinem Zimmer und erwartete dort unruhig den Arzt, der ihm noch einen Besuch zugesagt hatte.

Dieser verfehlte nicht, sich einzustellen, weil er einen absonderlichen Plan mit ihm durchsetzen wollte. Das Gespräch, welches er auf geschickte Weise einzuleiten wußte, und welches sich bis tief in die Nacht ausdehnte, führte zu dem allerwunderlichsten Ergebnisse. Um letzteres wahrscheinlich zu machen, müssen wir einiges über die Persönlichkeit des fremden Gastes beibringen.[231]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 227-232.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Epigonen
Die Epigonen; Familien-Memoiren in Neun Buchern (1)
Die Epigonen (2); Familienmemoiren in 9 Buchern
Die Epigonen: Familien-Memoiren in Neun Büchern (German Edition)
Die Epigonen: Familienmemoiren in Neun Büchern (German Edition)
Schriften: 7. Bd. Die Epigonen (German Edition)

Buchempfehlung

Knigge, Adolph Freiherr von

Die Reise nach Braunschweig

Die Reise nach Braunschweig

Eine Reisegruppe von vier sehr unterschiedlichen Charakteren auf dem Wege nach Braunschweig, wo der Luftschiffer Blanchard einen spektakulären Ballonflug vorführen wird. Dem schwatzhaften Pfarrer, dem trotteligen Förster, dem zahlenverliebten Amtmann und dessen langsamen Sohn widerfahren allerlei Missgeschicke, die dieser »comische Roman« facettenreich nachzeichnet.

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon