Eilftes Kapitel

[123] »Der Orden, dem Sie und ich angehören, wird bestehn, solange die Welt besteht, denn seine Formen sind ewig und unsterblich. Aber der Stoff, der in das Gefäß getan wird, veraltet von Zeit zu Zeit, oder verbraucht sich ganz und gar, und auf diesem Punkte stehn wir jetzt. Was soll uns die Humanität, die einst in unsern geweihten Hallen zuerst ihr stilles Reich gründete? Leider sind wir draußen nur gar zu human geworden. Ein neues Licht tut uns not, dafür wollen wir Lehrlinge suchen, stufenweise sollen sie zu der Erkenntnis geführt werden, daß die Menschheit eine Masse ist, welche der Verwesung entgegengeht, wenn nicht rasch eingeschritten wird. Das sei fortan das Geheimnis unsrer Bruderschaft, und in diesem Sinne helfen Sie, mein Freund, den Orden ohne Feindschaft und ohne Kampf in seinem innersten Wesen verjüngen.«

Hermanns Busen schwoll von Entschlüssen. Er wünschte sich die schwersten Proben, um den neugewonnenen Sinn für Wahrheit kräftig zu betätigen.

»Wir werden keinen leichten Stand haben«, fuhr Wilhelmi fort. »Neben der Schminke und dem Firnis der andern wird sich unsre Art arm und einfältig ausnehmen. Jeder gibt sich für mehr, als er ist, wir, die wir uns nur zeigen wollen, wie wir sind, werden auch das Wenige nicht gelten, was wir sind. Schlicht und vernünftig sein, heißt heutzutage dumm sein, und[123] wer handelt, ohne Prätensionen zu machen, kann darauf rechnen, übersehn oder gar verachtet zu werden.«

»Ist es zu irgendeiner Zeit anders gewesen?« rief Hermann. »Wollen wir es besser haben, als die tausend Märtyrer vor uns, welche auch litten und bluteten, weil sie sich nicht entschließen konnten, die Gebrechen ihrer Mitwelt zu teilen?«

Jetzt raschelte es hinter dem Postamente der großen etrurischen Vase in der Ecke ganz vernehmlich. Wilhelmi und Hermann sahen nach und standen beide starr vor Erstaunen und Schreck. Flämmchen saß hinter dem Postamente. Sie warf sich zitternd auf die Knie, und rief: »Vergebt mir, ich konnte mich nicht halten; schon lange wußte ich, daß der Schwarze ein Hexenmeister sei, es zog mich hinter euch her, als ihr fortschlicht.«

»Nur erst das hier weg!« rief Wilhelmi. Beide packten die Heiligtümer stürmisch auf und warfen sie unordentlich in das Seitenkabinett. Unterdessen huschte Flämmchen durch die Stube nach der Türe, um zu entfliehn. Wilhelmi bemerkte es, eilte ihr nach, und hielt sie beim Arm zurück. »Du gehst nicht von der Stelle, bis du gebeichtet hast«, sagte er. »Ungezogner Knabe, wie hast du dich erkühnen dürfen, hier einzudringen? Was hast du gesehn? Was hast du gehört?« – »Alles!« stotterte Flämmchen. »Mach mich nur nicht tot! Du hast mit meinem Zukünftigen ein Verbündnis gestiftet, und ihn die Künste gelehrt, den Teufel zu zwingen, daß er allen Leuten den Mund aufbricht, damit sie die Wahrheit sagen!«

Hermann mußte ungeachtet des Ernstes der vorhergegangnen Szene lächeln. Wilhelmi schlug sich vor den Kopf, und sagte französisch: »Wenn der Junge ausplaudert, was er erlauscht hat, so werden wir vor dem Herzoge, dem alle höhere Dinge eine Torheit sind, zum Gespötte!«

»Benutzen Sie seinen Aberglauben, ihm die Lippen zu versiegeln«, versetzte Hermann ebenfalls französisch.

Flämmchen sah sie beide ungewiß und furchtsam an. Wilhelmi faßte sie am Kinn, hob ihr den Kopf in die Höhe und sagte in einem ruhigeren Tone: »Es ist wahr, daß ich manches verstehe, was kein Mensch sonst weiß. Wenn du aber von dem,[124] was du hier beobachtet hast, eine Silbe verrätst, so dreht dir der Teufel im nämlichen Augenblicke den Hals um!«

Flämmchen legte den Finger auf den Mund, reckte ihn dann wie zum Schwure in die Luft, und sagte: »Wenn ich etwas sage oder merken lasse, so will ich des Todes sein auf der Stelle. Was denkst du auch von mir? Werde ich mich gegen euch auflehnen? Weiß ich nicht, daß, wenn ihr durch das Bild stecht, den Menschen der Schlag rührt, daß ihr eure Feinde totbeten, oder bei lebendigem Leibe verwesen machen könnt?« – Sie lehnte sich an ihn, und flüsterte mit dem zärtlich-schmeichelnden Ausdruck, der ihr eigen war, wenn sie etwas erlangen wollte: »Lehre mich auch deine Künste! Oder«, fügte sie hinzu, »entdecke mir wenigstens, wer mir meine Zaubersachen weggenommen hat? Ach, der böse Mensch! Alles hat er mir gestohlen, und ich bin ganz arm!«

Ihre Stimme hatte bei diesen Worten etwas so Tiefklagendes, daß Hermann, der schon in den letzten Tagen ihr verzweiflungsvolles Suchen nach den verschwundnen Kleinodien nicht ohne Bewegung hatte mit ansehn können, gerührt wurde.

Er wandte sich ab, und sah durch das Fenster in die Nacht hinaus.

Wilhelmi dagegen lachte über die Einfalt des Kindes. »Kommt Zeit, kommt Rat«, scherzte er. »Wer weiß, was ich tue, wenn du folgsam und gelehrig bist. Aber jetzt leiste mir zuerst einen Dienst, spring hinab zum Haushofmeister und bestelle ein kaltes Abendbrot, mit dem nötigen Getränk aus meinem Keller, und sage dem Philipp, er solle zwei Couverts auflegen.«

»Woher haben Sie diesen Knaben?« fragte er Hermann nach Flämmchens Entfernung. »Er ist eine Waise aus guter Familie«, versetzte jener beklommen und suchte ein andres Gespräch auf die Bahn zu bringen. Aber Wilhelmi ließ sich nicht ablenken, und sagte: »Eine seltsame Erscheinung, der Fritz! dieser Aberglaube! man sollte kaum glauben, daß dergleichen sich in unsrer Zeit noch so ausbilden könnte! Überhaupt scheint die Natur es mit ihm auf eine Spielart angelegt zu haben. Seine Haut ist fein, wie aus dem Ei geschält, sein Haar das zarteste, was man nur finden kann, und er ist so eigen gebaut, daß, wenn[125] man ihn zum Scherz in Mädchenkleider steckte, jeder ihn für eine Dirne halten würde.«

»Wo denken Sie hin?« rief Hermann roten Antlitzes, gezwungen lachend.

Nachdem, wie vorgedacht, die Gesetze des neuen Ordens betätigt worden waren, kam Flämmchen, sich mit einem Korbe schleppend, woraus weißes Gedeck, die leckersten Sachen und einige verpichte Flaschenhälse sahen. »Es geht auf Mitternacht; dein Philipp ist schlaftrunken, er würfe alles entzwei, ich habe es ihm abgenommen, laß mich euch bedienen«, sagte sie. »Du bist zu ungeschickt«, rief Hermann, der für sein Leben gern das Mädchen entfernt hätte. – »Lassen Sie den Fritz gewähren«, sagte Wilhelmi, »mit meinem Philipp ist in diesem Zustande, den ich an ihm kenne, nichts anzufangen.«

Die Ritter der Wahrheit setzten sich hierauf zu Tische. Hermann bemerkte, daß, wenn auch sein Wirt die Welt im ganzen schalt, diese Verachtung sich nicht auf das einzelne gute Eß- und Trinkbare ausdehnte, was noch hin und wieder in derselben angetroffen wird. Man sprach den feinen Sachen, die aufgetragen waren, wacker zu, der köstliche Burgunder, mit dem man begann, wurde nicht geschont, und man ging über die erste Champagnerflasche ohne Zagen hinaus. Wilhelmi hatte sich durch seine Mitteilung einer langgetragnen Bürde entledigt und war unbeschreiblich vergnügt. Er konnte nicht viel vertragen, und mit Erstaunen sah sein Gast, wie er nach den ersten Gläsern aus dem Extreme der trübsten Gedanken, womit diese Zusammenkunft begonnen hatte, in das entgegengesetzte der ausschweifendsten Lustigkeit überging. Er nötigte ohne Unterlaß, erzählte Schnurren über Schnurren, schwatzte von den Abenteuern seiner Jugend, und nannte Hermann, welcher Grund hatte, sich zu schonen, und sich etwas gelinder verhielt, einen finstern Moralisten. Endlich begann er, Studentenlieder zu singen, in die, da sie alle Freiheit, Bruderschaft und Recht atmeten, Hermann, von dem neugewonnenen Orden entzündet, feurig einstimmte. Nichts exaltiert so, als Singen beim Glase; bald war unser Freund so laut, als sein Genosse.

Flämmchen war unterdessen auch nicht still geblieben. Man hatte ihr in ihrem Winkelchen des Guten, so viel sie begehrte,[126] zukommen lassen, und bald zeigten sich die Wirkungen. Ihr Grauen verschwand, die leichtfertige Natur kam zum Vorschein, sie hüpfte in drolligen Sprüngen durch das Zimmer, umarmte den singenden Wilhelmi und schwor unter Lachen, er sei der lustigste Teufel, den sie je gesehen habe; schlug Rad, zertrümmerte dabei eine Scheibe an einem Antiquitätenschranke, schlich sich zu den Büsten des Plato und Pythagoras unter dem Spiegel, malte ihnen mit Kohle Schnurrbärte, kurz, sie trieb alle Torheiten, die in einem Zimmer, welches noch vor kurzem ein Tempel der Weisheit gewesen war, nur verübt werden können.

So dauerte dieses Bacchanal unter Singen, Schwatzen und Possenreißen fort, bis des Nachtwächters Stimme Zwei abrief. Da nahm sich Hermann zusammen, stand auf, und wünschte seinem Wirte gute Nacht. Wilhelmi überschaute das Zimmer, welches freilich einen ungewöhnlichen Anblick darbot, lachte herzlich, wie ein vergnügtes Kind, und rief: »Hier sieht es munter aus!«

Flämmchen war an einem Stuhle in tiefen Schlaf gesunken. Hermann versuchte, sie auf ihre Füße zu stellen, vergebens! sie fiel immer wieder zusammen. Er wußte, daß sie von diesem Todesschlummer oft befallen wurde. Endlich lud er sie auf seine Arme und trug sie fort.

Ihr Westchen war aufgegangen, die Nadel war aus dem Hemdkragen gewichen, der schönste, jüngste, frischeste Busen sah ihn an, als er sie auf ihr Lager niederlegte. Sein Blut, von der Schwärmerei des Abends erhitzt, wallte siedend auf, er wollte, wie vor einem Gespenste seiner Gedanken sich flüchten, weit, weit weg, und blieb gefesselt stehn, das schöne Kind mit seinen Blicken verschlingend. Endlich drückte er ihr einen heißen Kuß auf die Lippen, Tränen entstürzten seinen Augen; er meinte, er sagte sich selber vor, daß er das arme verwahrlosete Geschöpf aus Mitleid geküßt habe.

Durch die Nacht erklang von draußen ein Lied zur Gitarre. Eine tiefe, sonore Baßstimme sang folgende Strophen:


Steh still mein Herz, und rühr' dich nicht,

Kannst ja ein zweites Herz nicht rühren![127]

Doch liebe, bis der Tod dich bricht,

Ins Land der Kälte dich zu führen.


Aus aller Blüten schönem Reich

Hab' ich die tauben nur erworben,

Mein Leben ist ein welker Zweig,

Ich bin allein, und schon gestorben!


Verwundert sah Hermann im nahen Hause des Arztes noch Licht. Er überzeugte sich, daß der Gesang aus dessen Zimmer kam. Was hatte der kalte, abgeschloßne Mann mit solchen Gefühlen zu schaffen?

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 123-128.
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