Erstes Kapitel
Gegenseitige Offenheiten

[243] »Diese Ziegen am Helikon –«

»Öta wollt Ihr sagen –«

»Nein, Helikon will ich sagen, ich habe mich früher versprochen. – Diese Ziegen am Helikon, unter welche ich als Knäblein geriet, hatten ehedem einen Bund zur Verfeinerung ihrer Wolle gestiftet«; äußerte Münchhausen.

»Es freut mich«, rief der alte Baron, »daß wir jetzt unter das Vieh kommen! Auf diesen Punkt in Euren Historien war ich immer noch einigermaßen gespannt, denn das andere, was Ihr seither vortrugt, wollte mir nicht mehr recht unterhaltend scheinen – nehmt mir's nicht übel, Mann, aber Offenheit muß unter Freunden sein.«

»Versteht sich am Rande«, sprach Münchhausen feierlich. »Die Ziegen also ...«

»Guter Meister, kannst du mir zusichern, daß in der Geschichte nichts vorkommt, was mein Zartgefühl beleidiget?« fiel das Fräulein ein. Sie nannte Münchhausen seit einer erhebenden Szene, die sich zwischen ihnen vor einigen Tagen zugetragen hatte, du.

»Nicht das geringste, Diotima-Emerentia«, antwortete der Freiherr. »Zu jener Viehart gehören zwar der Ordnung der Natur gemäß Böcke, auch kommen diese in meiner Geschichte vor, ich werde aber delikat sein und sie die Gatten der Ziegen nennen. Ferner tritt ein Mistkäfer auf, der soll das Roß des Trygäos heißen; eine Schmeißfliege flicht sich ein – du wirst mich fassen, wenn ich von der blauen Schwärmerin spreche.«

»Ich werde dich ganz fassen, mein Meister«, antwortete das Fräulein mit einem ihrer unbeschreiblichen Blicke. – »Ja«, sagte Münchhausen, »darin bist du du, und deinen Schwestern gleich. Wenn nur der Bock der Gatte der Ziegen heißt, so können sie alles anhören.«

»Hört, Kinder«, rief der alte Baron halb scherzend, halb ärgerlich, »dieses du und du, und du du klingt ein wenig, als[243] wenn der Kuhhirt dutet. Ich dächte, ihr bliebet beim Sie, es ist ein feinerer, spitzerer Laut. Ich liebe dich, Renzel, und ich schätze Euch, Münchhausen, deshalb will ich für euch beide klug sein. Eine Mariage wäre nichts mehr in euren Jahren.«

»Mariage!« rief das Fräulein und errötete. »O, wie verstehen Sie, mein Vater, mich einmal wieder recht gründlich miß!« Sie ging aus dem Zimmer.

»Mariage!« rief der Freiherr und ergrünte. »Nein, mein würdiger Altvater, befürchten Sie keine Mariage. Ich könnte Ihre unschätzbare Tochter tausend Jahre lang du nennen und dächte nicht an Mariage. Zur Mariage gehört Amour; ich spüre keinerlei Amour für meine Diotima-Emerentia. Es ist der Ort und ist die Stunde, Ihnen eine wichtige Entdeckung zu machen. Ich fühle eine Achtung für jenes reine weibliche Wesen, die in das Unermeßliche geht, sie läßt sich nur mit der Begeisterung Kühnes für Theodor Mundt vergleichen. Wenn Emerentia nieset, so ist das für mich ein Gedicht; aber meine Empfindungen stehen zu derselben Zeit abgesondert, gleichsam geronnen, für sich, sie haben keinen Verkehr mit der Achtung, sie führen ihren eigenen Haushalt; kurz, denn Offenheit muß ja, wie Sie selbst herzlich und bieder aussprachen, unter Freunden sein – Ihre göttliche Tochter ist mir trotz aller Wertschätzung, die ich für sie empfinde, durchaus zuwider.«

»Eigentlich sollte ich das übelnehmen, ich als Vater«, sagte der alte Baron. »Aber mir liegt hauptsächlich nur daran, daß zwischen euch keine Mariage zustande kommt, und deshalb ist es mir lieb, daß Ihr Renzeln nicht leiden könnt. Nennt sie denn also in Gottes Namen du. Unter uns, heißt das, nicht vor dem Schulmeister. Anfangs wärt Ihr mir als Schwiegersohn wie eine erwünschte Stütze meines Alters vorgekommen, aber seit Ihr so manches Naturspiel an Euch entfaltet, hat sich die Sache geändert. Zwar erschrecke ich vor nichts mehr an Euch. Wenn Ihr nach Euren geheimen Experimenten oft verteufelt mineralisch riecht, wie Nenndorf, Pouhon und Aachen durcheinander, pflege ich zu sprechen: ›Tut nichts, große Männer haben ihre Eigenheiten‹, und nehme eine stärkere Prise Doppelmops. Ich halte Euch wirklich für einen großen Mann, aber – zum[244] dritten Male sei es gesagt: Unter Freunden muß Offenheit sein – obschon ich Eure Qualitäten wahrhaft anerkenne – Ihr seid nachgerade für mich ein Kerl geworden, vor dem ich eine stille Aversion verspüre.«

Münchhausens Wangen nahmen die Farbe des Smaragds an, die doppelfarbigen Augen zwinkerten zum Teil, zum Teil leuchteten sie von Tränen. Er griff in hoher Bewegung nach der Hand seines Wirtes, führte sie an sein Herz und rief: »Wie danke ich Ihnen für dieses rückhaltslose Geständnis! Ist das nicht eine andere und männlichere Gesinnung, frei heraus zu sagen, was einer auf dem Herzen hat, als jene altbackene Empfindsamkeit und höfliche Scheu, die Schlangen im Busen nährt und auf die Lippen Nachtigallen schickt?«

»Kann denn nicht der deutsche Mann zum deutschen Manne sagen: ›Du bist ein Schafskopf‹ – und dennoch mit ihm in Ruhe und Frieden leben?« rief der alte Baron eifrig.

»Kann ich Sie denn nicht für einen alten Einfaltspinsel halten, und nichtsdestoweniger Sie herzlich lieben?« schrie Münchhausen.

»Bruder!« schluchzte der alte Baron und fiel seinem Gaste um den Hals, »Gott soll mich verdammen, wenn deine Gesellschaft mir nicht von Herzen abschmeckend zu werden anfängt. Ich meinte, du würdest mir die Journale ersetzen, aber du kommst mir nach und nach alberner vor als irgendein Journal.«

»Glaubst du denn, Bruder«, versetzte der Freiherr und gab seinem Wirte einen Kuß, »daß ich eine Stunde länger bei dir und bei deiner schrumpflichten Tochter vergähnen würde, wenn ich nur irgendwo anders Obdach und etwas zu beißen und zu brechen hätte?«

Die bewegten beiden Männer lagen einander lange sprachlos in den Armen. Zuerst erhielt der Wirt notdürftig seine Fassung wieder und stammelte: »Mein Bruder also?«

»Dein Bruder!« flüsterte der Gast -

»Und in des Worts verwegenster Bedeutung!«

Der Schulmeister trat ein. Die neuen Freunde wischten ihre Augen, der Schulmeister aber sagte: »Das gnädige Fräulein läßt anfragen, ob, wenn sie wiederkomme, keine Anspielungen,[245] die ihr unangenehm wären, weiter vorfallen würden?« Ihr Vater sandte den Boten mit der beruhigendsten Erklärung hinaus, welcher die Nachricht hinzugefügt wurde, daß nichts als die größte gegenseitige Offenheit im Zimmer herrsche.

Als das Fräulein, noch eine leichte Röte auf den Wangen, erschien, ging ihr Münchhausen entgegen, küßte, wie er pflegte, ihr die Hand und sagte ernst: »Keine Mariage, meine Diotima-Emerentia!«

»Keine Mariage, mein Meister«, erwiderte das Fräulein in würdiger Haltung.

So standen die beiden jungen Leute ohne Liebes- und Heiratsgedanken einander gegenüber; ihre Hände blieben verbunden. Der Vater trat zwischen sie, legte seine Rechte, wie segnend auf die verbundenen Hände, blickte gen Himmel und rief: »Nie in diesem Leben eine Mariage!«

Die Rührung des Abends war groß. Der Ziegen am Helikon wurde nicht weiter gedacht. Keine der drei Personen, welche auf dem Wege der Offenheit einander so nahegerückt waren, mochte einen Bissen in den Mund nehmen. Der Schulmeister, welcher nichts von dem ganzen Hergange begriff, aß alles auf.

Von den tiefsinnigen Bemerkungen, welche Münchhausen an diesem Abende mitteilte, hat die Geschichte folgende bewahrt.

»Die Zeit verlangt Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Es muß noch dahin kommen, daß keiner dem andern eine Ohrfeige übelnehmen darf, wofern letztere nur aus einer teuren Überzeugung entsprang. Kein Briefgeheimnis, kein Hausgeheimnis! Alle diese obsoleten Begriffe müssen fallen! Alles muß öffentlich sein! Die Spalten der Zeitungen dürfen sich selbst den Beobachtungen über die Vorgänge des Orts, wohin niemand schicken zu können Kaiser Karl der Fünfte bedauerte, nicht verschließen.«

»Was für ein Ort ist dieser, mein Meister?« fragte das Fräulein.

»Er heißet auf Ebräisch Gehenna«, versetzte der Freiherr. »Ah so«, sagte das Fräulein und tat, als ob sie Münchhausen verstehe.[246]

Dieser fuhr fort: »Alles muß öffentlich sein für das neue priesterliche Geschlecht der Wahrheit! Gott der Herr hat zwar Herz und Hirn unter Hüllen von Knochen, Häuten und Fleisch gesetzt, und deshalb meinte die Menschheit lange Zeit, sie dürfe manches, was Herz und Hirn ihr beschäftige, unter Hüllen verwahren, aber sie hat im Irrtum gestanden, es ist ein Versehen bei der Schöpfung vorgefallen. Brust und Kopf sollten eigentlich mit Glasschiebern erschaffen werden, was nur damals im Drange der Geschäfte übersehen worden ist. Ich weiß dieses von Nostradamus, den ich kürzlich sprach, und der es von Gott unmittelbar hat.«

»Wer ist Nostradamus?« fragte der alte Baron.

»Ein emeritierter Professor der Naturgeschichte zur Leiden«, antwortete der Freiherr, nahm ein Licht und empfahl sich.

Nach Münchhausens Abgange sagte das Fräulein zu ihrem Vater: »Damit nie wieder eine Anspielung der Art, wodurch ich heute aus dem Zimmer gescheucht ward, verlaute, bin ich im Begriff, Ihnen, mein Vater, sobald der Herr Schulmeister sich entfernt haben wird, eine große Eröffnung zu tun.« Der Schulmeister ging und murmelte: »Ich werde heute meinen Entschluß fassen.« Der alte Baron, welcher eigenen Gedanken nachhing, hörte auf seine Tochter nicht hin, sondern verließ mit den Worten: »Es ist eine Scheidewand gefallen und ich werde mir nun Licht schaffen«; das Zimmer.

Emerentia hatte sich – wie sie sagte, aus weiblicher Schamhaftigkeit, und um den Blick des Vaters zu meiden – mit dem Antlitze der Wand zugekehrt, als sie sich anschickte, die große Eröffnung zu tun. Sie bemerkte daher den Abgang ihres Vaters nicht und sprach eine geraume Zeit die tiefsten Herzensangelegenheiten der tauben Wand gegenüber aus, bis sie, hingerissen von ihrem Feuer, sich plötzlich umwendete und sah, daß es ihr an einem Hörer fehle und, wie sie nun vermuten mußte, immer gefehlt habe. Da blieb ihr das Wort zwischen den Lippen haften und der Rest ihrer Eröffnung im Herzen stocken; stumm und verdrießlich suchte sie ihr Lager auf.[247]

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 243-248.
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