II.
Erste Ankündigungen einer höheren Welt

[367] Am andern Tage fuhr ich über Mergentheim, Künzelsau, Öhringen nach Heilbronn. Es war bereits etwas dunkel, als ich[367] ankam. »Wie weit ist Weinsberg von hier?« fragte ich einen Fuhrmann, der auf der Straße seine Karre trieb. »Zwei Stunden«, war die Antwort. »Oho«, dachte ich, »da wäre es wundersam, wenn mir nicht hier schon etwas begegnen sollte. Die letzten schwächsten Wirkungen des Weinsberger Pandämoniums müssen mindestens bis hieher sich erstrecken. Also paß auf, Münchhausen.« – Münchhausen war damals kein gebildetes Kind gebildeter Eltern mehr, er war Jüngling, schwärmerischer Jüngling voll Ahnung und Sehnsucht nach dem Jenseits.

Ich paßte auf und – erlebte etwas. Neben der Kilianskirche fließt in einer Vertiefung der Brunnen, von welchem Heilbronn den Namen erhalten hat, weil durch sein Wasser einst ein alter Schwabenherzog geheilt worden sein soll. Ich stieg zwischen der steinernen Umfassung die Stufen hinunter, und setzte mich den Röhren, aus welchen die Quelle sprudelt, gegenüber auf einen Stein. Bald fühlte ich in den unteren Teilen meines Körpers eine Kälte und auch oben wehte es mich kühl an. »Nun, da haben wir es!« sagte ich zu mir. »Seid ihr schon da, ihr anhauchenden Geister?« Ich blieb noch eine Weile sitzen und merkte, daß Kälte und Wehen immer stärker wurde. Sie machten zuletzt einen förmlichen Wind. Als ich den Stein befühlte, auf dem ich gesessen, fand ich ihn feucht, woraus zu entnehmen ist, daß die abgeschiedenen Seelen sich auch durch Nässe ankündigen. – Ich ging ins Wirtshaus, wo schon die Lichter angezündet waren. Unterweges hatte das Wehen und Blasen und das Nasse noch stets zugenommen, und ein in der Türe seines Ladens stehender, in den Schranken des Zerebralsystems befangener Heilbronner Speditionshändler sagte: »'s ist a wüst Wetter.« –

Du armer Blinder!

Im Wirtshause aß ich Feldhuhn und Krautsalat. Die Feldhühner tragen sie dort allerliebst auf mit dem unberupften Kopfe und um den Hals ein papiernes Krägelchen. Den Oberkellner, der mir ein sinniger Mensch zu sein schien, forschte ich nach Weinsberg aus, und erfuhr zu meiner Freude, daß es jetzt recht lebhaft dort sei, und das Zwischenreich sich im vollen Gange befinde.[368]

»Haben Sie nicht hier im Gasthofe ein Zimmer, worin etwas erscheint?« fragte ich ihn im Vertrauen. Der Oberkellner versetzte, er habe seinem Herrn schon längst geraten, sich für die immer stärker werdende Nachfrage von Liebhabern unter den Reisenden ein Geisterzimmer einzurichten, allein der wolle sich nicht darauf einlassen, weil er die Sache für eine vorübergehende Mode halte und sage, sein Haus könne durch eine Stube mit Zwischenreich in Verruf kommen.

»Ich halte mir aber für meine eigene Rechnung ein Gemach, worin es bei Nacht wenigstens etwas poltert oder schnurrt, und wenn Sie einen Gulden auf die Rechnung zulegen, steht es Ihnen zu Dienst«; flüsterte er mir zu. Mit Freuden schlug ich ein, mußte ihm aber das Geheimnis über die Sache versprechen, »denn«, sagte er, »wenn sie auskommt, so bin ich um meinen Posten, oder muß von der Geisterstube Abgaben entrichten, welche sie nicht einbringt. Sonst trieb ich einen kleinen Handel mit Seifenkugeln, Zahnbürsten, wohlriechenden Wassern und Patentrasiermessern, wie das in Wirtshäusern so gebräuchlich ist, aber die Steuern waren zu schwer, und deshalb ließ ich das Geschäft eingehen und etablierte als stillen Nebenverdienst die Stube mit Geistergepolter.«

Wir gingen vorsichtig zum Hinterhause hinaus und durch einen finstern Gang, worin allerhand Gerätschaften und Weintonnen standen, nach einem kleinen Seitengebäude, welches vermutlich das Waschgelaß in sich faßte, denn es roch nach Seife aus dessen offenstehenden Fenstern. Darin schloß mir der Oberkellner eine Kammer auf, in der eine herrlich verdorbene Luft brütete. Er wollte diese Atmosphäre entschuldigen, ich aber unterbrach ihn und fragte, ob er sich nicht besser auf das Metier verstehe? Gerade ein solcher müffiger Dunst und Schwaden sei der rechte Geisterbrodem.

Es war ganz darin, wie es da sein muß, wo das Kernbeißer-Eschenmichelsche Wunderwesen sein Quartier aufschlagen soll; die Wände sahen wie verwitterte Dämonen aus, und von der Decke hatten die Poltergeister den Kalk abgetrampelt. Ich ließ den Oberkellner gehen, hing meine Kleidungsstücke an den Nagel, merkte, daß nach der guten Abendmahlzeit, die ich eingenommen hatte, die heilige Tätigkeit meiner Unterleibsnerven[369] beginne, war sonach reif zum höheren Schauen, blies deshalb die Kerze aus und rannte im Dunkel auch gleich gegen einen recht groben Geist an, der sich wie eine Tischecke anfühlte. Darnach legte ich mich zu Bette, und es blieb eine Zeitlang still. Nur war mir's sonderbar, daß mein Kopf immer tiefer sank und meine Füße immer höher zu liegen kamen. »Aha«, dachte ich, »ihr zieht die Federn weg, wohin sie gehören, und stopft sie dorten hin, wo sie nicht am Platze sind, ihr unruhiges, sündhaftes Gesindel!« Ich konnte über diese Tätigkeit der Dämonen nicht lange nachdenken, denn mit einem Male verbreitete sich durch eine Ritze in der Türe ein Lichtschimmer im Gemache, es war, als ob jemand draußen gehe, die Stiege neben meiner Kammer emporwandle, und sich über mir zur Ruhe begebe. Ich rief mit lauter Stimme: »Wenn das da draußen kein Weinsberger Geist, sondern ein Hausknecht ist, so antworte es!« Es antwortete aber niemand, und bald darauf hörte ich den Geist fürchterlich schnarchen. Nun trat wieder ein Schweigen von wohl einer Stunde ein, während welcher Zeit ich die Augen und Ohren offenhielt, wie ein Hase. Da auf einmal hörte ich ein bröckelndes Geräusch an der Wand, wo ich meine Kleider aufgehängt hatte, und ein Fallen. Zugleich spürte ich das Aufsteigen von Staub. »Jetzt seid still, Dämonen!« rief ich, »ich habe nun genug neue Erfahrungen eingesammelt. Ihr könnt euch wie Regentropfen ankündigen, ihr zieht einem die Federn unterm Kopfe weg, ihr trampt wie ein Hausknecht und rührt Staub auf – ich bitte mir nun Ruhe aus, Kerls, denn ich will schlafen.«

Wirklich schlief ich, nachdem die Geister auf diese Anrede muckmausestill geworden waren, ein. Allein noch vor Tagwerden erwachte ich wieder von unendlichen Beklemmungen, welche der dämonische Brodem in der Kammer und dann auch meine unnatürliche Lage mit dem Kopfe unten, mit den Füßen oben, mir verursachte. Das Blut war mir so zu Kopfe gestiegen, daß ich zu ersticken meinte, ich hielt mich aber ganz still und dachte: »Stickst du, so stickst du als Opfer für die Ausbreitung höherer Erkenntnis.« – Endlich wurde es denn doch Tag, ohne daß ich erstickt wäre, und da sah ich ein noch viel größeres Wunder, als dasjenige gewesen wäre, wenn die Geister mir die[370] Federn unterm Kopfe weggezogen hätten. Ganz umgekehrt hatten sie mich; vermutlich während des Schlafes. Ich lag mit dem Kopfe drunten am Fußende, und die Beine ruhten droben auf dem Kopfkissen; ein in den Schranken des Zerebralsystems Befangener würde gesagt haben, daß ich am Abend zuvor mich verkehrt niedergelegt habe. Ich stand auf und sah, daß das fallende Geräusch von meinen Kleidungsstücken entstanden war, welche die Geister mit dem Nagel von der Wand herabgeworfen hatten. Dessen Ausziehen konnte ihnen freilich keine große Mühe verursacht haben von wegen der bröcklichten Umstände, worin sich, wie schon angeführt worden ist, die Wand befand.

Ich trank meinen Kaffee, dann zum zweiten Frühstück eine Flasche Affenthaler, fühlte meine Glaubenskraft hierauf in der gehörigen Verfassung, gab dem Oberkellner seinen Gulden, erklärte mich mit seiner Bedienung vollkommen zufrieden, versprach die Kammer neben dem Waschgelasse allen Höhererwelthereinragungsmännern meiner Bekanntschaft bestens zu empfehlen, und rollte dann den blauen Bergen zu, zwischen denen Weinsberg liegt.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 367-371.
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