VIII.
Der Geist eines Grobschmidts mit den Erinnerungen eines Magisters

[393] Endlich nach unablässiger Bedräuung, vielem und oftmaligem Anschreien, Beschwören in dem Idiome der inneren oder Ursprache, schrecklichem Gebärden und Einwirken durch Augenrollen brachte es der magische Schneider dahin, daß der[393] Dämon in sich schlug und anfing der Wahrheit, wenn auch noch nicht Gotte die Ehre zu geben.

Eschenmichel hatte dazu durch fleißige Vorhaltungen in seiner logisch-scharfen Manier wacker mitgeholfen. So zum Beispiel sagte er eines Tages zum Dämon: »Wenn wir sehen, daß du ein Grobschmidt bist, so kannst du doch kein Magister sein, begreifst du das nicht, Verworfener?« – Dämon wurde dazumal ganz still und schämte sich vermutlich seiner Dummheit.

Am vierzehnten September abends sieben Uhr erfolgte die erste offene Beichte. Das Leibliche der Jungfer Schnotterbaum lag damals, von den unaufhörlichen Krämpfen und Anspannungen bestürmt, fast im Zustande der Auflösung. Der Dämon aber sprach aus ihr, zwar mit schwacher jedoch mit vernehmlicher Stimme, ja, er wolle es nur gestehen, er sei der Grobschmidt Bumpfinger aus der Teufelsschmiede und nicht der Magister Schnotterbaum, von Hall bürtig. Gestand hierauf auch alles ein, was wir bereits von ihm wußten.

Die folgenden Tage wurden nun verwendet, den Dämon in seiner wahren Gestalt recht fest werden zu lassen. »Denn«, sagte Dürr, »schlägt er wieder in den Magister zurück, so geht die Arbeit von vorn an.« Er mußte deshalb wohl zwanzigmal seine Grobschmidtsgeschichte vom ermordeten Knecht wiederholen, dergestalt, daß die Schnotterbaum von diesen Anstrengungen ungeduldig wurde und einstmals ausrief: »Liebe Herren, laßt es nun gut sein, er hat es ja schon so oft dargelegt, und im übrigen wird er doch nicht mehr sagen, als ihm mein Vater eingibt.«

Diese Rede klang dunkel, wir sollten aber bald die Aufklärung empfangen. Denn nächsten Tages wurde auf Eschenmichels Antreiben ein scharfes Verhör mit dem Dämon erhoben, dessen Zweck dahin ging, allerhand nähere Auskünfte über höllische Dinge und über Eigentümlichkeiten des Zwischenreichs zu erlangen. Ich will die Hauptfragen und die darauf gegebenen Antworten hieher verzeichnen.


ESCHENMICHEL: Wie bist du in das Zwischenreich gelangt?[394]

DÄMON: Wie man vom Fleck kommt. Guckt' erst ein wenig in die Höll', konnten mich aber da nicht brauchen, weil ich nicht an sie glaubt', die Höll' überhaupt dummes Zeug ist.

ESCHENMICHEL: Dummes Zeug?

DÄMON: Ja, dummes Zeug.

MAGISCHER SCHNEIDER: Wie sieht die Höll' aus?

DÄMON: Sie sieht gar nicht aus.

MAGISCHER SCHNEIDER: Gar nicht aus?

DÄMON: Nein, gar nicht aus.


Hier machte das Verhör eine Pause. Wir sahen einander voll Erstaunen an. Kernbeißer rief: »All mein Lebtage macht ihr diesen Dämon nicht zu einem regelmäßigen und aufrichtigen Grobschmidt! Kein Grobschmidt wird sagen, die Hölle sei dummes Zeug und sehe gar nicht aus. Für solche Zweifel hantiert er selbst zuviel im Feuer.« – »Nur still«, sagte Eschenmichel, »man muß nicht verzagen.« – Das Verhör nahm folgendermaßen seinen Fortgang.


MAGISCHER SCHNEIDER: Hastu was vom Teufel erfahren?

DÄMON: O ja, die ganze Wahrheit.[395]

ESCHENMICHEL: Wie sieht der Teufel aus?

DÄMON: Er hat auch kein Aussehen nit.

KERNBEISSER: Wie denn so?

DÄMON: Er ist auch nix. Er ist auch dummes Zeug.

MAGISCHER SCHNEIDER mit fürchterlicher Gebärde: Bistu denn kein Grobschmidt nit?

DÄMON zitternd: Ach wohl bin ich der, aber von Höll' und Teufel denk' ich just wie der Magister Schnotterbaum.


»'s ist klar! 's ist klar!« rief Kernbeißer, »der Grobschmidt kann sich von den Erinnerungen, Gedanken und Zweifeln des Magisters noch nicht losreißen!« – Dürr fluchte und wetterte, daß man die Nücken des Zwischenreiches nie auslerne. – »Das ist ja eben das Erhabene und Göttliche«, sprach Eschenmichel mit Salbung, »daß in diesem Gebiete sich immer tiefere Tiefen austiefen, und unter dem Abgrunde der Abgrund gründet. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind zu gleicher Zeit zwei Geister in die Schnotterbaum gefahren, der Grobschmidt und der Magister; diese haben sich nun in ihr unauflöslich miteinander verwickelt und verschlungen und verknotiget, so daß man nicht mehr weiß, wo der Schmidt anfängt und der Magister aufhört. Demnach tritt denn der großen und merkwürdigen Erfahrung, die wir an dem halben Kindsgeiste haben, diejenige nicht kleinere und unmerkwürdigere Tatsache symmetrisch entgegen, welche wir hier erleben, nämlich, daß im Zwischenreiche auch eine völlige Konfusion der Geister möglich ist.«

Nach dieser tiefsinnigen Bemerkung bat ich um die Erlaubnis, allein mit der Schnotterbaum reden zu dürfen, welche mir auch gegeben wurde, da niemand Lust bezeigte, das[396] Verhör jetzt fortzusetzen, und der Dämon daher, seines Zwanges entledigt, aus dem Halse wieder in die Magengegend hinabsank, wie unsere Kranke sagte. Als die andern das Zimmer verlassen hatten, befragte ich sie, ob sie mir nicht den wunderbaren Vorgang erklären könne. »Ach«, versetzte sie weinend, »ich lebe in großer Qual. Ich werde von Tag zu Tag schwächer, und sehne mich inbrünstig nach meiner Nähstub', und nach meinem sonnigen Platz unter den Rebstöcken, da meine ich, würde mir gleich wieder wohl werden bei Hohlsaum und Doppelnaht. Nun weiß ich freilich wohl, denn die Herren und der Dürr sagen es mir ja täglich, daß dieses schwache und sündliche Gedanken sind. Wer einmal ein Gefäß der Wunder ist, muß aushalten, und so will ich denn auch, ich armer, elendiger Mensch.

Ich denk' den ganzen Tag über an die Gottlosigkeiten (der Himmel verzeihe mir, daß ich so sprechen muß!) meines seligen Herren Vaters, und da ich ein sehr gutes Gedächtnis von jeher gehabt, und daher nichts vergessen habe, was mir von demselben zu Ohren gekommen ist an lästerlich-leichtfertigen Sachen über Bibel und Christentum, so drängt sich das alles nun jetzt zuhauf in mir empor, und die Sachen werden laut in mir, die ich so sehr verabscheue. Und da der Grobschmidt, den ich bei mir führen soll, von nichts weiter in mir hört, als von diesen Magistersünden, so mag es wohl daher kommen, daß in den schrecklichen Abendstunden, wo der Dürr und die beiden Herren ihr schweres Werk mit mir beginnen, wo ich zwischen Beten, Singen, Ausfragen, Faustdrohen, Anschnarchen und Anbrällen nicht weiß, wo mir der Kopf steht, wo es mir grün und gelb vor den Augen wird, meine Sinne sich verwirren und ich wie im hitzigen Fieber rede –«

»Wie? Jungfer Schnotterbaum?«

»Ach, ich bitte Sie, mir das unbedachte Wort nicht übelzunehmen und es ja nicht den andern Herren zu verraten. Nein, ich wollte vielmehr sagen, wo, während ich im hitzigen Fieber liege, das Ding in mir zu reden anfängt, daß dann, sage ich, der Grobschmidt auch nur Magistersachen zu sagen weiß, und der Affe des Magisters ist. Eine Erklärung kann ich Ihnen nicht geben.« –[397] Was war damit erklärt? Die Auslegung erschien doch gar zu dürftig. Und so blieb dieses große Rätsel der Geisterwelt ungelöst.

Wurde sogar mit jedem Tage dunkler. Befragten wir nämlich den Grobschmidtsdämon, ob er sich der Vorfälle aus seinem Erdenleben wohl noch erinnere, so antwortete er: O ja, er wisse die Stunde noch ganz genau, da er im Stift zum ersten Male lateinische Stunde gegeben. Erkundigte man sich, was ihm in gegenwärtiger Zurückgezogenheit am leidesten tue, versetzte er, daß er seinen Juvenal nicht bei sich habe.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 3, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 393-398.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Münchhausen
Münchhausen: Eine Geschichte in Arabesken
Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
Der Oberhof: Aus Immermanns Münchhausen
Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
Münchhausen: Eine Geschichte in Arabesken, Volumes 1-2 (German Edition)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon